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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 39
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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St. Johannis des Täufers Tag. Sonnenwende. – Als der Tag anbrach hörte ich in der Ferne ein liebliches Singen. Ich trat vor das Zelt und hörte, daß es die drei Fräulein waren, welche vor Tag in den Wald gegangen waren, mancherlei Kräuter und Wurzeln unter Gebet zu sammeln, wie es in Hennegau an diesem Tag der fromme Gebrauch ist. Sie schmückten die Kapelle des Täufers vor dem Walde damit, auf daß sie bei dem Gottesdienste möchten gesegnet werden, und sangen ein Danklied wegen der Genesung Klaretas. Da nun meine Mägde kamen, nach mir zu schauen, ließ ich diese auf der Bleiche harren und ging auch zu der Kapelle. Die Schwestern vergessen Thränenströme, sie sprachen wenige Worte, sie küßten alle drei mit Ehrfurcht den Edelstein auf meiner rechten Schulter und steckten drei große Wachskerzen in Gestalt dreier Lilien vor dem Bilde des Täufers auf. Sie mahnten mich dadurch an das Kloster Lilienthal, aber ich ließ mich nichts merken, denn ehe ich durch das Johannisfeuer gesprungen war und den Johannisengel geküßt, und mein Geräthe wieder in den Schränken hatte, konnte ich das Kloster nicht ruhig bedenken. – Jakob von Guise hielt uns den Gottesdienst, meine Gespielinnen kamen auch mit den Kinderschaaren herangezogen. Jeder Schaar wurde ein schöner Johannistopf voll Blumen vorgetragen und am Fuße des Altars niedergesetzt. Es war eine gar liebliche Andacht. Die Mägdlein führten einen gesunden freudigen Knaben, den sie den Johannisengel nannten auf einem geschmückten Kinderwägelein in Prozession zur Kapelle. Er war sechs Jahre alt und hieß Immel, weil er wie eine Imme gern über die Blumen hin schwebte und allen lieb war. Er hatte wie ein klein Täuferlein ein Lammfell über der Schulter und ein Kreuzfähnlein in der Hand und war mit Blumen geschmückt. Ein Lämmchen lief seinem Wagen nach. Die Kinder halfen ihm aus dem Wagen und ließen ihn in ihrer Mitte in einem schönen dichten Blumenkranz niederknieen. Das Lamm lag neben ihm, da saß er drinnen wie der Sommer, der in einem Blumennest aus dem Ei geschlüpft ist. Meine Gespielinnen knieten rings um die Kinder, und hinter diesen mehrere der Eltern. Es trat aber plötzlich eine schlanke Frau zu der Kapelle heran und griff in den Weihbrunn und segnete sich und gieng auf den Johannisengel zu und besprengte ihn tüchtig und schien ihn küssen zu wollen in plötzlicher Freude, aber sie besann sich, erröthete über und über und trat wieder zu den anderen Frauen. Es war die Mutter des Johannisengels, den sie schier allzu lieb hat. Sie gehörte wohl hier zum Feste, denn in ihr glühet ein wahres Johannisengelfeuer offen unter freiem Himmel hin und herwehend, und alle Engel springen durch ihr Herz, daß die lichte Lohe herausschlägt, und auch der liebe Immel scheint nur ein Engel, der durch ihr Herz gesprungen, nur ein Flämmchen, das aus diesem Feuer hervorgezuckt. – Wie könnte ich sie nicht lieben, ich muß ja, denn wer sie anschaut, der muß singen:

»Feuerrothes Röselein,
Aus dem Blute springt der Schein,
Aus der Erde dringt der Wein,
Roth schwingst du dein Fähnelein.«

Während der Andacht sangen die drei Lilienfräulein gar schöne Lieder und nachher segnete Jakob von Guise mich unter Gebet, wobei er sprach: »in Rebecka erscheint die Gewalt holdseliger Freundlichkeit über die Herzen anderer, ihre Schultern, die den Krug zum Brunnen trugen, den Boten Abrahams und seine Kameele zu tränken, sind die Werke ihrer Menschenliebe, durch welche sie die Brautgeschmeide Jakobs verdiente, dessen Weib sie ward. Aus den Fluthen schöpft die Liebe Gluthen.« – Dann segnete er die Spange auf meiner rechten Schulter mit den Worten Isacks zu Jakob: »Gott gebe dir vom Thaue des Himmels und dem Fette der Erde die Fülle an Korn und Wein und Oel« und hierauf die linke Spange mit den Worten zu Esau: »dein Segen wird seyn vom Fette der Erde und vom Thaue des Himmels von oben her.« – Auch sprach er Worte von den Schulterspangen Aarons und sodann: »gieb deine Füße in die Fesseln der Weisheit und nimm ihr Halsband an deinen Hals, neige deine Schultern und trage sie und habe keinen Verdruß an ihren Banden, zuletzt werden dir ihre Fesseln ein starker Schirm, und ihr Halsband ein Ehrenkleid seyn; denn in ihr ist die Zierde des Lebens, und ihre Bänder sind Bänder des Heils, du wirst sie wie ein Ehrenkleid anlegen und wie einen Freudenkranz aufsetzen.« Hierauf sprach er den neunzigsten Psalm und segnete bei den Worten: »er wird dich mit seinen Schultern überschatten und deine Zuversicht wird unter seinen Flügeln seyn.« – Sodann sprach er noch: »da du geboren wurdest, sang man: uns ist geboren ein Kindelein, sein Reich ist auf den Schultern seyn.« – Da machte er mir ein Kreuz auf die beiden Schultern, wobei er sprach: »trage dein Kreuz und folge nach, trage deinen Nächsten, wie Gott dich trägt, trage Niemand etwas nach, trage nicht auf beiden Schultern, nimm fremde Bürde nicht auf die leichte Achsel, zucke die Achsel nicht gegen den Hülfesuchenden, wandle in goldner Mitte und wähle das Rechte am Scheideweg, deine Linke wisse nie, was deine Rechte giebt, dein Reich sey Gnade auf deinen Schultern u. s. w.« – Dann segnete er auch die drei Schwestern und alle meine Gespielinnen und die Kinder; da er mit dem Weihbrunn gegen den Johannisengel trat, drang dessen Mutter durch die Menge heran, kniete hinter dem Knaben nieder, schloß ihn mit beiden Armen an ihre Brust, streckte ihr Haupt über seinem Blumenkranz hervor und so empfingen sie den Segen zusammen wie Thau des Himmels in Kranz und Locken. Es sah dieses gar rührend aus. Jetzt erhoben wir uns alle von den Knieen, alle meine Freundinnen küßten das Kleinod auf meiner rechten Schulter und ich umarmte sie. Als ich nun auch die Mutter Immels umarmt hatte, legte sie mir ungestüm den Johannisengel ans Herz, aber ich gedachte Wolfbrands, der im linken Arme seiner Mutter durch Liebkosung verunstaltet worden und nahm den Immel in den rechten Arm, und er küßte das Kleinod zur Rechten. Ich setzte ihn nun wieder in sein Wägelein, das die Kinder herbeigeführt hatten, und Jakob von Guise sprach nun zu den versammelten Müttern: »Ihr lieben Mütter bedenket bei diesem Feste; schon unter dem Herzen Elisabeths hüpfte Johannes dem Herrn entgegen, da dieses Herz die Mutter des Herrn begrüßte; so sollen alle Mutterherzen thun, um ihre Kinder dem Herrn entgegen zu bringen. – Frühe schon trennte Elisabeth den kleinen Johannes von ihrem Herzen und führte ihn nach Gottes Willen in die Wüste, damit er unberührt von Weichlichkeit, stark werde, damit er kein Sklave werde durch zärtliche Liebkosung und kein Tyrann durch Schmeichelei und befriedigten Eigenwillen; – so sollen alle Mutterherzen thun, sobald ihre Kindlein wandeln können, sollen sie sie führen auf die ernsten Wege der Zucht und Gottesfurcht; wir haben das Paradies der Lust verloren und müssen lernen, in die Wüste der Buße zu wandeln. Wenn die Mutter sich auch nicht wirklich von ihrem Kinde trennt, wird sie ihm doch eine heilsame Wüste bereiten, indem sie gerecht und streng ihm auch die Dornen und nicht allein die Rosen darbietet. – Johannes sollte werden die Stimme des Rufenden, der den Weg und die Wahrheit verkünde, darum ward er von Elisabeth in die Wüste gebracht, auf daß seine Zunge von aller Sünde rein bleibe; – so trennt jede fromme Mutter ihr Kind von allen weichlichen, verführenden Eindrücken und wacht über seine Sinne, daß sie rein und würdig bleiben, der Wahrheit allein zu dienen. – O bedenket ihr Mütter, nicht in den Armen der Mutter, nicht unter ihren Liebkosungen, nicht in der .Befriedigung seiner Gelüsten – nein in der Wüste der Zucht und des Gehorsams kam die Stimme des Herrn zu Johannes. – O bedenket ihr Mütter, in der Wüste ward Johannes vor dem Morde der unschuldigen Kindlein bewahrt; so bewahret denn auch ihr in der Wüste der ernsten Zucht eure unschuldigen Kinder vor dem Morde der Welt und ihres Fürsten. – Das Herz eurer Kinder ist in eure Hand gegeben, wie das biegsame Wachs in die Hand des Künstlers, er kann gute Engel, er kann böse Engel daraus bilden. – Wie oft ihr Mütter, nennt ihr eure Kinder Engel, o bedenket, daß es Engel gibt, die nicht in der Wahrheit geblieben, Engel, die durch den Schmuck auf ihrem Herzen stolz geworden, die bei ihrer Schönheit die Weisheit verloren haben und gestürzt worden sind. Gott gebe euch die Gnade, eure Kinder, wie auch heute diesen kleinen Johannisengel in die Wüste der Zucht zu begleiten!« – Hierauf wendete Jakob von Guise seine Rede zu den Kindern und sprach: »zum Gedächtniß, daß der Knabe Johannes von seinen Eltern früh in den Wald verborgen ward, wo er mit Kräutern und Blumen, mit Fischlein und Vöglein und allem Gethier ein unschuldiges heiliges Leben führte, von Gottes Engel gehütet, von Gottes Gnade bethaut, ziehet ihr jetzt mit dem kleinen Johannisengel spielend in den wilden Wald und segnet und pflücket mit unschuldigen Händen allerlei Heilkräuter, welche nun in der Sonnenwende in ihrer höchsten Kraft stehen. Alle Jahre kommen diese Kräuter wieder, kömmt dieses Fest wieder, so sey dann eure Andacht und Freude auch heute und alle Jahre in höchster Kraft, und wenn ihr die Johanniskräutlein oder Blümlein findet, so zeigt sie dem kleinen Immel, dem Johannisengel, daß er sie breche und in den Korb lege, dabei soll er sprechen:

»O lieber Gott im Himmel
Segne den kleinen Immel,
Segne um das Täuferlein
Das arme Johannisengelein;
Dein Segen komm' auf seine Hand
Und auf das Kräutlein, das er fand,
Und führe den kleinen Immel
Unschuldig einst in den Himmel!«

Wenn ihr nun das Kraut Artemisia, Johannisgürtel genannt findet und kleine Gürtel daraus flechtet, sollt ihr sprechen:

»Um Sankt Johannes das Täuferlein,
Sein wohlgegürtet Vorläuferlein,
Segne mir Gott dies Gürtelein,
Daß, wen es gürtet, auf allen Wegen
Dir unermüdet laufe entgegen!«

Wenn ihr nun die heilsame Farrenkrautwurzel aus der Erde grabt und kleine Händchen daraus schnitzelt, die man Johannishändlein nennet, und diese anhängt in der frommen Hoffnung, Gott möge auf die Fürbitte Johannis, dessen Hand auf das Lamm Gottes gezeiget und den Herrn getauft, uns an Leib und Seele vor Unglück bewahren, so sprechet dabei:

»Der Täufer zeigt mit seiner Hand
Auf Gottes Lamm am Jordansstrand,
Wir schnitzen Johannishändelein
Und tragens an einem Bändelein,
Gott schütz uns auf Wegen und Stegen
Und führ uns dem Lamme entgegen!«

Ihr werdet auch das Heilkraut Johannisblut sammeln; sein rother Saft erinnert uns, wie der Täufer sein Blut für das Lob der Wahrheit vergoß, auf daß wir Gott bitten, daß er uns vor der Verletzung des Leibes und der Seele durch falsches Lob, neidischen Blick, Schmeichelei u. s. w. behüte; dabei sprecht:

»Johannes, wie ist dein Blut so roth,
Du starbst für Wahrheit den Martertod;
Und wo dein Blut geflossen ist,
Das Blutkräutlein entsproßen ist.
Um dich, der wahres Lob erhob,
Behüt uns Gott vor falschem Lob,
Vor bösem Blick, vor heimlichem Neid,
Wobei nicht Leib, noch Seel gedeiht.«

Und wenn ihr gegen Abend die leuchtenden Johanniswürmlein fliegen sehet, so gedenket an die Worte: »und das Licht leuchtet in der Finsterniß, und ein Mensch von Gott gesandt, Johannes gab Zeugniß von dem Licht!« – desgleichen denket, wenn ihr dann am Abend um die Johannisfeuer tanzet und springet. So thut, liebe Kinder und auch ihr Erwachsene in Allem, dann werdet ihr auch im Wald und Feld in aller unschuldigen Freude Gottes Lob und Ehre verkünden.« – Nach dieser Ermahnung segnete der liebe fromme Greis nochmals alle Anwesende und kehrte in sein Kloster. – Hierauf zogen die Kinder mit dem Johannisengel in den Wald, die rosige Mutter Immels zog mit hinein, und die Kinder nannten sie heute die rosige Mutter Elisabeth und schmückten sie dicht mit Rosen; denn ein Pilger hatte erzählt, nirgends gäbe es im heiligen Lande so viele Rosen, als im Thale St. Johann, wo der Täufer geboren ist. Wir alle gaben dem Zuge das Geleit, und meine Ordensgespielen gingen ganz mit, um die Aufsicht über die Kinder zu haben. Sie hatten einen Kessel und Hirse bei sich, um den Kindern einen Brei zu kochen. Als diese dem Wald nahten, sangen sie mit dem Johannisengel folgendes Lied in Fragen und Antworten. Zuerst zupften sie ihn an seinem Lammsfell und fragten, was für ein Rock dies sey und sangen dann von Zeit zu Zeit neue Fragen:

Kinder. – Sag Engel Johannes, welch Röcklein ist dies?
Immel. – Dem himmlischen Kaiser sein goldnes Vlies.
K. – Sag Engel Johannes, wo steht dann dein Haus?
I. – Es steht in dem wilden Walde da draus.
K. – Sag Engel Johannes, wovon ist's gebaut?
I. – Von Eichen, von Buchen, von Gras und von Kraut.
K. – Ist gut auch gedecket dein lustiges Haus?
I. – All Frühling blüht neu drauf des Zimmermanns Straus.
K. – Wo hast du, o Engel, dein Schlafkämmerlein?
I. – Nicht weit von Frau Echo im Felsengestein.
K. – Und wo ist dein Tischlein, dein Stuhl, deine Bank?
I. – Das Alles das ist mir der Erdboden blank.
K. – Sag, was für Gerichte bereitet dein Koch?
I. – Wilden Honig, Heuschrecken die ganze liebe Woch'.
K. – Johannes, o lad' uns zu Gaste heut ein!
I. – Von Herzen, wenn ihr in der Faste wollt sein.
K. – Und was wird besonders uns heut aufgetischt?
I. – Was man so an Hecken und Sträuchern erwischt.
K. – Sag, Engel Johannes, ist klar auch dein Wein?
I. – Mond, Sonne und Sternlein die spiegeln sich drein.
K. – Wer sind, o Johannes, deine Nachbarsleutlein?
I. – Die Hirschlein, die Häslein, die Waldvögelein.
K. – Johannes, was soll unser Gastgeschenk sein?
I. – Wer mit ißt, empfängt ein Johannisgürtlein.
K. – Geschürzt und gegürtet, da läuft man viel Stund;
I. – Und wird nimmer müde und läuft sich nicht wund.
K. – Sag Engel, was soll unser Abschied dann seyn?
I. – Daß jedem ich reich das Johannishändlein.
K. – Wohin zeigt dem Händlein sein Fingerlein fein?
I. – Hin auf das Lamm Gottes, dem folget allein.
K. – Sag Engel, zum Schlusse, giebt's auch einen Tanz?
I. – Ums Feuer, ums Feuer mit Kranz und mit Glanz.
K. – Beim Heimgang, wer wird ein Laternchen uns leihn?
I. – Die Sternchen und tausend Johanniswürmlein.

Als sie so weit gesungen hatten, kamen sie zwischen viele Rosenhecken und Johannisbeerstauden und begannen lustig durcheinander zu schreien:

»Feuerrothe Röselein,
Aus der Erde springt der Wein,
Aus dem Blute dringt der Schein,
Schwingt das rothe Fähnelein!«
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