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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 38
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Der Weißenfahn aber mußte wie der Knecht des Bruders sein und auch meist die Strafe für ihn aushalten. So erzog sie ein rechtes Unkraut an dem Wolfbrand, und er hatte eine harte Stirne wie ein Widder, sein Sinn war zäh und sein Haar war kraus, und weil Hego alles mußte, was er wollte und er Alles wollte, das diesem weh that, so hatte er sich ein Spiel erdacht, das nannte er Hammelstutz. Es bestand aber darin, daß er »Hammel, Hammel stutz!« sagte und mit seiner harten Stirne gegen die Stirne seines armen Bruders rannte, daß dieser wie ein Lamm von einem Widder niedergestoßen, oft blutend zur Erde stürzte; und wenn der Bruder fiel, rief der böse Bube: »Vadutz!« und die Mutter und er gaben dem Hego den Spottnamen Vadutz. Dieser aber war gütig und weise, liebte Mutter und Bruder und nahm in Allem zu. – Als nun die Mutter zum Sterben kam und einem der Söhne die beiden Edelsteine auf die Schulter heften und das Land übergeben sollte, wählte sie ihren Liebling Wolfbrand dazu. Dieser aber sprach trotzig: »ich mag den Stein da drüben nicht, da hat der Vadutz daran geruht, er mag ihn behalten, so ich einmal Lust dazu habe, mache ich Hammelstutz, da plumpst er nieder Vadutz! und ich nehme ihm den Stein, das macht mir mehr Spaß.« – Die Mutter konnte ihm nichts abschlagen; da heftete sich Wolfbrand den linken Edelstein selbst auf die linke Schulter und die Mutter übergab ihm zugleich das ganze Land. Hego aber kniete mit gefaltenen Händen betend am Sterbebett der Mutter und bat sie um den Segen, da heftete sie ihm den Edelstein auf die rechte Schulter und sprach: »dein Bruder hat alles Land, aber da drüben liegt ein steiler, oder hoher Berg, da gehen meine Schafe, ich schenke dir die Schafe und den Berg, da bau dir ein Haus.« Der Jüngling benetzte die Hand der sterbenden Mutter mit Thränen des Dankes; – in demselben Augenblick aber ergrimmte Rothenfahn und rief: »Hammel, Hammel stutz« und stieß den Bruder mit der Stirne nieder, daß er blutete. – Da entsetzte sich die Mutter, die Augen giengen ihr auf, sie erkannte den Unterschied zwischen links und rechts, sie gedachte des Gebots des sterbenden Grafen Anselm, die Edelsteine nicht zu trennen, sie sah den bösen Sohn zitternd an und sagte: »Gott verzeihe mir, ich habe himmelschreiendes Unrecht gethan, Wolfbrand, du bist ein Ungeheuer, die ganze Macht des Steines werde an dir lebendig!« – Da zog sie den Hego an ihr Herz, und da sie das rothe Blut von seiner weißen Stirne niederrinnen sah, riß sie die Farbe in tiefer Liebe zu ihm hin, und sie küßte seine Stirne und segnete ihn nochmals und sprach: »alle deine Nachkommen sollen Zeugniß davon geben, daß dein rothes Blut zu mir geschrieen und mein Herz in meinem Tod mit Lieb und Reue erfüllet hat! aller Segen komme über dich! – Hüte dich vor deinem Bruder, aber räche dich nicht an ihm, – nein! heile mit deiner Rechten, was meine Linke verdarb, – ich werde keine Ruhe finden, bis die beiden Edelsteine vereint auf deinen Schultern ruhn!« da starb sie. – Wolfbrand nahm die Schlösser und Burgen des Landes in Besitz und pflanzte seine rothe Fahne überall auf. Er übte große Gewaltthat an Land und Leuten, Alles floh vor ihm. – Hego zog auf seinen Berg, baute sich ein Haus und hütete die Heerden, welche ihm die Mutter geschenkt. Segen und Friede war mit ihm, Unsegen und Unfriede mit jenem. Die verfolgten Unterthanen trieben ihre Heerden zu ihm und flehten ihn um Schutz. Darüber ergrimmte Wolfbrand immer mehr und sein Haß gegen den Bruder stieg bis zum Wahnsinn. Er hetzte ihm hungrige Wölfe an seine Heerde, und wenn der Bruder sanft und liebvoll ihn ermahnte, rief er ihn an: »Hammel stutz – und Vadutz!« – da nun unter dem Volk die Rede entstand, er sey nicht ihr vollkommener Herr, er trage nicht die beiden Edelsteine, das Land sey ihm nur zur linken Hand angetraut, zogen sich die Unterthanen immer mehr zu der weißen Fahne. – Indessen bauten die Unterthanen dem guten Hego ein festes Schloß auf seinen Berg, um ihn und das Seine vor dem wüthenden Wolfbrand zu schützen und nannten das Schloß Vadutz. Wolfbrand verlangte nun den andern Edelstein von seinem Bruder und war so von Sinnen gekommen, daß er ihn herausforderte, wer von beiden den Andern mit der Stirne niederstoße, solle beide Edelsteine haben. Hego schloß sich in seine Burg Vadutz ein und ließ ihm sagen: »so du willst, stoße diese Veste nieder!« da belagerte der unsinnige Wolfbrand Vadutz, alles Volk aber verließ ihn, und als er sich allein sah, rannte er mit seiner harten Stirne so wüthend gegen das Thor, daß er wie todt niedersank. Hego ließ ihn hereintragen und pflegte ihn, aber es war keine Hoffnung, sein Kopf war gespalten. Da nun Hego überall umfragte, ob Niemand Hülfe für den lieben Bruder wüßte, kam ein weiser, frommer Meister, der sagte ihm: »lasse sein Haupt an St. Johannis Vorabend auf dem Edelstein deiner rechten Schulter ruhen und sieh, was erfolgt.« Das that Hego, und Wolfbrand ward ruhig und mild und gewann seinen Verstand wieder, und bat seinen Bruder um Vergebung und alle die er betrübet und starb in Hegos Arm einen schönen Tod. Dieser aber trug nun beide Edelsteine und hatte das ganze Ländchen, das nannte er Vadutz, wie sein Schloß, und baute dem weisen Meister ein Kloster, wo der Leib seiner Mutter ruhte und legte den Leib Wolfbrands mit seiner rothen Fahne an ihre linke Seite. Er hieß aber das Kloster Bänderen, weil die Mutter den Raum dazu auf einer grünen Wiese mit tief rothen Bändern abgesteckt hatte. – Dann regierte Graf Hego das Land Vadutz gar milde, hatte viele Söhne und Töchter, und jährlich am St. Johannisabend warden unweise, arme Menschen zu ihm geführt, die lehnten ihr Haupt auf seine rechte Schulter, da wurden sie wieder heiler Sinne. – Solches erzählte mir der alte Mönch aus dem Kloster Bänderen und fügte hinzu: »Sieh also, arme Klareta, wäre das Kleinod von Vadutz noch hier auf dem Schlosse, St. Johannistag ist nahend, so dürfte Jürgo, der euch Kindern so große Treue geübet, nur sein Haupt auf das rechte Schulterband unsers Grafen von Vadutz lehnen und Gott würde ihn wie den Wolfbrand von seiner Unweisheit heilen; aber du weist, daß unser Herr jetzt im Hennegau wohnet, und daß die heiligen Kleinodien nicht mehr hier im Lande sind.« – »Das ist,« fuhr Klareta fort, »was mir der Mönch von dem Geheimniße der Kleinode gesagt, die jetzt auf deinen Schultern ruhen. Du kannst dir denken, o armes Kind von Hennegau, daß mir das Herz brannte, dem treuen Jürgo zu helfen; da es aber nicht möglich, ihn in seinem Elend ins Hennegau zu führen, erneuerte ich mit den Schwestern das Gelübd, ein Kloster Lilienthal zu gründen, so Gott den armen Menschen heilen wollte, wenn ich aus dankbarer Menschenliebe statt seiner barfuß ins Hennegau zöge und mein Haupt statt seiner auf das Schulterband Rebeckas lehnte. Die Schwestern wollten mich treulich geleiten, der Mönch aber sagte: »es sey eine ungewiße Sache, denn er wisse nicht, ob die Kraft der Edelsteine in diesen Zeiten in der Fremde noch geübet werde, oder in Vergessenheit gekommen sey.« – Ich aber konnte nicht mehr ruhen, ich opferte mich ganz auf für Jürgo und zog mit den Schwestern barfuß gen Hennegau. Ich hatte künstlich gewebtes Bildwerk mitgenommen und ein Brieflein vom Abt des Klosters Bänderen an Jakob von Guise, damit ich Eingang fände bei der Gräfinn deiner Mutter. Jakob von Guise, dem ich Alles mittheilte, belobte zwar meine Christenliebe, aber er sagte mir, wie der Gebrauch der Kleinodien zur Heilung blöder Sinne hier zu Lande schon lange abgekommen, weil mehrmalen ein übler Erfolg davon verspürt worden sey, außer dem großen Ueberlauf, den der Graf dadurch gehabt; was hauptsächlich eine Ursache gewesen, daß er aus Vadutz ins Hennegau gezogen. Auch sey die Gräfinn deine Mutter krank und ihr jene Kraft der Kleinode ganz unbekannt. Da ich ihn aber fußfällig bat, mir zu deiner Mutter zu helfen, gieng er in seine Kammer ins Gebet und da er heraus kam, segnete er mich und sprach: »folge mir in Gottes Namen!« da führte er mich und die Schwestern in das Schloß. Wir wurden auch gut aufgenommen bei deiner seligen Mutter, du gedenkest dessen noch; ja du selbst trugst bei, daß sie mich unter ihr Frauenzimmer nahm, dich das Bildwerk weben zu lehren, und ich brachte es so weit, daß es mir erlaubt ward, in ihrer Krankheit an St. Johannis Vorabend bei ihrem Lager zu wachen. Da man mir hier gar nichts von der Kraft der Edelsteine sagte, sprach ich auch nicht davon, und harrte mit großer Angst, bis deine Mutter entschlief, um mein Haupt auf ihre rechte Schulter zu lehnen. Sie lag aber auf der rechten Seite, und statt zu beten, daß sie sich umwenden möge, ließ ich mich von meiner Begierde, dem armen Jürgo zu helfen, hinreißen. Ich sah den lichten Stein auf ihrem linken Schulterbande blitzen und senkte meine Stirne mit dem heißen Verlangen auf diesen Stein nieder, es möge seine Kraft an mir wahr werden, – und sie ward an mir wahr, ich ward unweise und führte unsinnige Reden, und sang laut die thörichten Lieder des Jürgo. Deine Mutter erwachte, man brachte mich hinweg, und du weißt, wie ich mit meinen Schwestern nach Vadutz zurück gesendet ward. Eine Gnade hatte ich, ich wußte von meinem Leide, ich wußte von Allem, was um mich her geschah, aber ich mußte thun und denken, was ich that, und wohl auch manchmal fühlen, daß es im Grunde oft weiser war, als vorher. Ich wußte auch, daß Gott mir einst helfen werde, und so trug ich allen Hohn ohne Murren, und opferte alles Leid Gott auf für den treuen Jürgo und die Seelen meiner frommen Eltern. – Jetzt ist mir wie ein Schleier, wie ein Traum von meiner Stirne genommen, und ich weiß Alles von mir aus diesen zwei Jahren, wie von einer Andern und sage es dir, du magst morgen die Schwestern darum fragen, ich zweifle nicht, daß es so gewesen. Als wir nach Vadutz heim gekommen, fanden wir Jürgo nicht mehr. Er war am Vorabend von des Täufers Tag in der Kirche des Klosters Bänderen betend von seinem Wahne geheilet worden zur Stunde, da meine Stirne das Kleinod in Hennegau berührte, und er hatte das Kloster nicht mehr verlassen. Sie hatten ihn aufgenommen in ihren Orden. – Ich aber bin gleich bei meiner Ankunft in Jürgos Hütte nächst unserm Haus gegangen und habe mich an seinen Webstuhl gesetzt und an dem rothen Tuch fortgewebt, das er begonnen hatte, und habe seine irren Weberlieder gesungen von dem Seelchen auf der Heide, fort und fort bis dort drüben am Zaun, wo ich dir das Tuch gegeben. Als nun der Klostervogt von Bänderen zu mir kam und mir einen Schenkungsbrief Jürgos brachte, worin dieser mir und den Schwestern Hütte, Webstuhl, Garten und Alles, was er zurückgelassen, schenkte, und mir sagen ließ, ich möchte doch das rothe Tuch fertig weben, er wolle uns dafür geistlicher Weise eine Aussteuer bereiten für eine andere Welt, wunderte mich das Alles nicht, denn ich saß schon am Webstuhl und sang die Weberlieder, als sey das immer gewesen. – So gieng ein Jahr vorüber, Sonnenwende nahte heran, die Schwestern hörten, daß nach deiner Mutter Tod nun die Kleinode auf deinen Schultern ruhten, sie wollten mich nochmals um Hülfe hieher führen. Ich aber folgte nicht, denn das rothe Tuch war nicht fertig; auch fürchtete ich heimlich, Jürgo möge wieder krank werden, so ich genese. Erst um diese Zeit kam mein Zustand zu den Ohren Jürgos in Bänderen, der ward sehr traurig darum und starb in kurzer Zeit eines erbaulichen Todes. Als das Sterbglöcklein um ihn läutete, schoß ich sein Weberschifflein zum letztenmal durch die Fäden, das rothe Tuch war fertig, und ich selbst mahnte nun die Schwestern zur Wallfahrt ins Hennegau; – und Gott sey ewig gepriesen, heut an des Täufers Vorabend sind meine Sinne genesen an dem Kleinod des rechten Schulterbandes! – O armes Kind von Hennegau, nun erfülle das Maaß deiner Gnade, stifte uns das Kloster Lilienthal, das wir gelobet, wir wollen treulich dort beten, auf daß der Hahn die Löwen von dir verscheuche.« – Nach diesen Worten kniete Klareta vor mir nieder und umarmte flehend meine Füße. Ich aber, tiefbewegt von allem Gehörten, bedurfte Ruhe, um mich zu sammeln und vermochte nur zu sagen: »Klareta gehe, danke Gott mit den Schwestern und ruhe, auch das arme Kind von Hennegau ist müde und muß schlafen.« Da verließ sie das Zelt. – Ich dankte Gott auf den Knieen, ich wußte, daß er durch mich geheilt hatte. O wie arm erschien ich mir neben Klareta! Sie, die so vieles erlitten, die Treue eines Dieners zu belohnen, ließ ich schmachten, um der Fackeln und Schallmeien willen. – Manches Eigenthümliche in meinem Wesen, das ich mir selbst zugeschrieben, erschien mir nun mit der geheimen Kraft der Kleinode zusammenhängend. – Jetzt erst verstand ich, warum nach alter Sitte den Lehnshuldinnen von Vadutz von frühester Jugend so dringend eingeschärft wurde, den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern gerade empor zu tragen. Jetzt verstand ich, warum die Zeremonienmeisterinn bis zur Ungeduld wiederholte: »halten sie sich gerade Gräfinn.« – Jetzt erst verstand ich die Worte, da mir die Lehnskleinode auf die Schulter gelegt wurden: »wandle in der goldnen Mitte und wähle das Rechte.« – Jetzt erst danke ich meiner Mutter und Verena, daß sie mich mit solchem Eifer anhielten, auf der rechten Seite ruhend zu schlafen; so daß sie oft in der Nacht nach mir sahen und mich weckend im Bette umwendeten, was mich nicht wenig verdroß. – Jetzt schämte ich mich des Eigensinns und der heimlichen Schadenfreude, mit welcher ich aus Widerspruch mich zur linken Seite wendete, sobald sie den Rücken kehrten, vor Allem aber der Heuchelei, mit welcher ich mich schnell rechts kehrte, so ich sie nahen hörte. – Aus diesem Widerspruch entstand eine geheime Lust, links zu schlafen, und aus dem Kampfe mit dem Gewissen entstand eine Unentschiedenheit, ob rechts, ob links zu ruhen, die mich noch jetzt störet, wenn ich mich zu Ruhe lege, und welche gewöhnlich die Hinfälligkeit des Schlafes entscheidet. – Aber ich muß auch gestehen, daß ich mich oft, wenn ich herzlich gebetet habe, mit Ueberwindung zur rechten lege, und leider mit Beschämung links aufwache. – O wie viele gute Einflüsse des rechten Kleinodes mag ich verschlafen haben. Von nun an will ich es besser machen! – Ich dachte weiter über Alles, was Klareta erzählt, und entdeckte darin mit Verwunderung eine Spur meiner und der Mutter Neigung zu tief rother Farbe bis in den rothen Kirschenmund meines Ahnherrn Wolfbrand Rothenfahn und die blutende Stirne des frommen Hego Weisenfahn hinein. – Gott habe sie selig! – Nach allen diesen Gedanken saß ich aufrecht auf meinem Lager und kreuzte voll Ehrfurcht und guten Willens die Hände und legte sie auf die Achselbänder Rebeckas und betete und sagte: »gewiß, gewiß, ich will den guten Schwestern das Kloster Lilienthal gründen – aber, ich muß doch erst – da übernahm mich der Schlaf – die große Wäsche zu Hause und wieder in den Schränken haben – feuerrothe Röselein – ich nickte und sank zur linken und schlummerte ein.

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