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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 36
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Nun kehrten meine Gespielinnen nach der Stadt. Ich saß mit den Schwestern um ein Feuerchen, wir redeten gute Dinge. Mein Herz aber war schwer und sehnte sich, wenn ich in die Flamme sah, mußte ich immer leise singen:

Feuerrothe Blümelein,
Aus der Erde springt der Wein,

und selbst der klare Sternhimmel von dem der kühle Thau auf mich sank, gab mir keinen rechten Frieden. Es war aber Klareta in dem Wahn, nur ich könne sie heilen, und war sie den weiten Weg hieher gereiset und hatte Alles verlassen und vergessen, um in meiner Nähe zu seyn. Ich wußte das Alles, weil ich aber gehört hatte, sie habe den Wahnsinn durch Mitleid von einem andern Menschen übernommen, hatte ich eine Scheu vor ihrer Annäherung, fürchtend, ihr Wahnsinn möge auf mich kommen. Es war aber ein Weber, ein Diener ihres seligen Vaters, um den sie litt. Er hatte für die drei Schwestern, die verarmt waren, so mühselig gearbeitet, daß er den Verstand darüber verloren, und da er gewohnt war, Klareta das Seelchen zu nennen, und für sie zu weben, so sang er immer Weberlieder von dem Seelchen, und sprach andere unweise Reden. Alle solche Reden sprach nun auch Klareta, und war mir immer bang bei ihr, da meine Natur gar geneigt ist, solche Dinge aufzunehmen. – Ich wußte dieses aus den Reden der Schwestern; wie ich aber Klareta heilen sollte, sagten mir diese nicht, schienen es auch nicht recht zu wissen. Klareta sehnte sich nur, allein mit mir zu seyn, und die Schwestern suchten das zu veranlassen. Sie warfen sich in ihrer Bleichhütte auf die Kniee und beteten. Ich aber suchte der unweisen Klareta auszuweichen, wo es angieng, bis sie endlich doch geheilt mir große Geheimnisse in dieser Nacht offenbarte, die mich reichlich belohnten. – Den Hergang schreibe ich nun hier nieder.

Ich saß mit der unweisen Klareta an dem Feuerchen, wir assen Brod und Früchte. Sie schüttete mir aber eine Anzahl Haselnüsse in den Schoos, Jürgo, der kranke Weber aus Vadutz hatte ihr sie mitgegeben, und sie nahm schüchtern eine der Nüsse und fragte demüthig, darf ich dem Seelchen die Nüsse aufreißen? Mir grauste aber vor den Nüssen; ich gab sie ihr zurück mit den Worten: »Klareta, ich esse keine Nüsse;« da war sie gar traurig, brach das Brod mit mir und drückte es ans Herz und aß nicht viel. – Wie wir so stille ins Feuer schauten, hörten wir fernen Schallmeienklang sich nahen. Es waren die Hirten. Sie hatten nach Landes Sitte, weil der Täufer gesagt: »Siehe das Lamm Gottes!« am Vorabend seines Festes ihre Schafe gewaschen, und nachdem sie sie eingetrieben, zogen sie mit brennenden Kienfackeln, Pfeifen und Schallmeien um den Zaun der Bleiche zu des Täufers Kapelle oben vor dem Wald, wo der Bach entspringet. – Die rothen Fackellichter lockten mich, die Schallmeiklänge bewegten in der Nacht mein Herz gar gewaltig. Bald eilte ich an den Zaun, bald kehrte ich zu Klareta zurück, die mir immer traurig nachschlich; und als ich sprach: »warum üben nur Fackeln und Schallmeien in der Nacht so schmerzliche Gewalt über mein Herz?« blickte mich Klareta mit tiefen Augen an und sagte wunderliche Reime, die sie auch nachher noch wußte, und als sie geheilt war, mir aufschrieb:

»Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Daß das Herz des Wiederhalls zerspringe,
Träumt das blinde Huhn, es zähl' die Kerne,
Und der drei je zählte kaum, die Sterne,
Träumt das starre Erz, gar linde thau es,
Und das Eisenherz, ein Kind vertrau es,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie der Traube Schüchternheit berausche;
Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,
Führt der hellen Töne Glanzgefunkel
Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,
Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen,
Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schallmeien
Der erwachten Nacht ins Herz all schreien;
Weh, ohn Opfer gehn die süßen Wunder,
Geh'n die armen Herzen einsam unter!«

Ich nickte bejahend, wie man einem Kinde nickt, dem man zu zuhören scheint, aber ich hörte auf die Schallmeien. Ich bot ihr schöne Früchte, sie aß nicht. Ich fragte: »warum ißt du nicht? sie sind süß.« – Da erwiederte sie mit tiefem Schmerz: »Ohne Opfer gehn die süßen Wunder, gehn die armen Herzen einsam unter.« – Ich wollte ihrer Empfindung ausweichen, blickte hin und wieder, aber plötzlich fühlte ich mein Herz. Ich blickte die arme Kranke liebevoll an, reichte ihr die Hand über die Früchte und sprach: »iß mir zum Opfer, armes Herz!« und sie aß. Als ich auch genug gegessen, eilte ich wieder an den Zaun zu den Fackeln und Schallmeien und dachte keines Hungernden, selbst meiner kaum. – Da rasselte es am Zaun neben mir. Klareta war mir nachgeschlichen, und riß sich die Hände blutig in den Dornen, um mir Rosen zu reichen. Ich sprach: »was soll ich mit den Rosen?« – Klareta erwiederte: »Meine Hände bluten, mein Herz blutet; ohne Opfer gehn die süßen Wunder, gehn die armen Herzen alle unter.« – Ich kehrte mit ihr zu der Bleichhütte, saß am Feuer nieder und ließ mir die Zöpfe von ihr um den Kopf unter ein Netz binden, denn ich wollte mich bald schlafen legen. Als sie mir so nahe war, stockte sie plötzlich in ihrer Arbeit, schloß die Augen und näherte wie träumend ihre Stirne meiner rechten Schulter. Ich stand auf mit den Worten: »was willst du, wer bist du, wer ich?« Da sprach sie gar demüthig: »O meine Herrinn! deine Magd hat ein Anliegen, höre mich an, Morgen ist es zu spät.« – Ich erwiederte: »schweige, daß ich die Schallmeien höre, ja Morgen ists zu spät, das scheinen sie zu klagen und reißen drum mich hin.« – Da eilte ich wieder an den Zaun und lauschte hinüber. – Klareta schlich mir nach und sprach: »O wär es doch vorüber, es thut mir großes Leid!« – »Welch Leid?« fragte ich und sie antwortete nicht, sondern sang das Lied des Webers Jürgo mit irrer Weise in die Nacht hinein:

»Das Seelchen auf der Heide
Hat nicht genug zum Kleide
Und friert durch Mark und Bein;
Ich hab in heißer Sonnen
Mein Leben aufgesponnen
Zu einem Faden fein,
Den hab ich treu gewebet,
Mein Schifflein ist geschwebet
In stäter Noth und Pein.
Mit Thränen ich's erweichte,
Mit Thränen ich es bleichte
In Mond- und Sternenschein.
Todtwund lag ich zum Sterben,
Der Seele Kleid zu färben
Mit rother Farbe Schein.
Ich trug es ohn Verweilen
Hin viele, viele Meilen,
Da war mein Tuch zu klein,
Das Seelchen zu bedecken,
Da zuckt an allen Ecken
Heraus das Flämmelein,
Und irret auf der Heide,
Mein Zeug reicht nicht zum Kleide
Dem Feuer-Lämmelein.
Dadrüben die Gesellen,
Die schleudern tausend Ellen
Roth Zeug zur Nacht hinein;
Die Fackeln und Schallmeien,
Sie brennen, reißen, schreien
Mir tief durch Mark und Bein.
Weh, Weh thut das Verschwenden,
Mit Roth mußt ich vollenden
Mein Tuch – nun ists zu klein.
Das Seelchen springet trunken
Von Tönen, Farben Funken,
Zur rothen Lust hinein.
Wenn Tön' und Farben starben,
Kömmt Nacht und bittres Darben,
Arm, blos, allein; allein!«

Ich fragte: »was für Reden sind dies?« und sie erwiederte:

»Es sind Lichter, Melodeien
In der Nacht gar manichfalt,
Doch die Fackeln und Schallmeien
Ueben größere Gewalt.
Feuerrothe Röselein
Aus der Erde dringt der Schein,
Aus der Erde springt der Wein.«

Ich blieb an dem Zaun stehen, bis die Hirten mit ihren Kienfackeln heim in das Thor zogen, ich wartete bis auch der letzte Schimmer verschwunden war, dann kehrte ich zum Feuer. Die Unweise war sehr betrübt, ich reichte ihr die Hand und sagte: »ich kann nicht anders, was hast du aber von Tuch gesungen, das zu kurz sey?« – Da legte sie mir ein tiefroth schimmerndes Tuch über die Schulter und sprach: »es ist von mir, mehr hab ich nicht, es reicht nicht zu!« ich erwiederte: »die Farbe zieht mich an, groß genug wäre es auch – aber das Muster des Gewebes ist mir zuwider.« – Sie schwieg und war sehr traurig, sie weinte still, ich fragte: »was fehlt dir? sage es geschwind, ich muß dort in das Zelt gehen, um zu schlafen;« da erhob ich mich, ordnete meine Arbeit und zündete die Leuchte an. – Die Unweise entsetzte mich, sie zitterte, sank auf die Kniee und sprach: »du mußt uns eine Gnade erweisen, und bis du sie mir bewilligest, soll diese Kohle auf meiner Hand glühen;« da nahm sie eine glühende Kohle aus dem Feuer in die Rechte und hielt sie mir entgegen und flehte: »stifte mir und den Schwestern ein Kloster Lilienthal, daß ich mich verberge und dir vor Gott danke!« – Ihre That empörte mich, doch schlug ich ihr die Kohle nicht aus der Hand, ich that, als gehe mich das nicht an; ich rief die Schwestern, die warfen die Kohle weg und fanden ihre Hand heil und ohne Brandmal und knieten nieder und baten wie die Unweise um ein Kloster Lilienthal. – Es lag mir aber etwas Gewaltthätiges in der Art des Begehrens, ich sprach: »gut Nacht, ich werde mich besinnen,« und gieng zitternd und bebend zu meinem Zelt. – Mein Lager war von Heu und ein Teppich darüber; ach! wie war ich so müde, und schwer und bang, es war schon spät und tiefe Stille umher. Nur Eulen schrieen im nahen Walde. Vor meiner Seele flimmerten noch die Fackeln, tönten noch die Schallmeien, dazwischen die wunderlichen Reden der Unweisen und die glühende Kohle und Alles. Mir war so schwer und traurig, als sollte ich bald von Allem scheiden, woran mein Herz noch hieng. – Ich entschlief und hatte einen schweren Traum. – Ich war auf einer Wiese und pflückte feuerrothe Röselein, da überfielen mich grausame wilde Löwen und trugen mich weit, weit hinweg in einen dichten Wald. Unter einer breiten Linde war meine Angst am größten, die Löwen wollten mir die Achselbänder von den Schultern reißen, da fiel mirs bang aufs Herz – »das ist die Strafe deiner Härte, bau den armen Schwestern ein Kloster Lilienthal, so Gott dir helfe;« da gelobte ich es im Traume und es krähte ein Hahn und die Löwen flohen, und Verena mit dem Hühnlein Gallina kam zu mir, und der rettende Hahn steckte mir einen Ring an den Finger. – Bei dem Hahnenschrei erwachte ich und hörte den Hahn, den die Bleicherinnen als Stundenzeiger bei sich hatten, wirklich krähen. Auch hörte ich Klareta vor meinem Zelte singen:

»Was hab ich dir gethan,
Was hast du mir gethan?
Schon mahnt der Hahn.
O senk die rothe Fahn',
O heb die weiße Fahn
Jetzt Himmel an!
O hör mein Leiden an,
Dann wird mein kranker Wahn
Dir unterthan.
Arm Kind von Hennegau!
Das Lilienkloster bau,
Schon sinkt der Thau.«
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