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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 31
Quellenangabe
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booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau.

Einleitung.

Die wohlaprobirte Gouvernante hatte die verkindete Hochzeitsgesellschaft von Gockelsruh nach der Eierburg bei Gelnhausen geführt und dort aus ihnen eine Kleinkinderbewahranstalt gebildet. Da sich aber weder der Staat, noch die einzeln Familien in die Unmündigkeit der Landes- und Hausväter finden konnten, suchten sie Hülfe bei dem Pupillen- oder unmündigen Kinder-Collegium, welches erklärte, es sey zwar zur Bevormundung bereit, aber die kleinen Leute zu vergrößern gehöre in die Kunst der Lebensverlängerung und also ins Medizinalfach. Man wendete sich daher an den Stadtphysikus, der aber entschied dahin, dieser Handel gehe über seinen Horizont, er gehöre ins Nachtgebiet der Natur, und beweise das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsre. – Weil nun die Rolle einer Königin der Nacht damals vor der Erfindung der Zauberflöte in Gelnhausen unmöglich besetzt seyn konnte, wußte man keine Autorität für das Nachtreich und nahm seine Zuflucht zu der hochlöblichen Nachtwächterzunft in der Voraussetzung, von Nachtgebiets- und Geisterragerei-Sachen müßten sie wohl Bescheid wissen. Sie erklärten aber, in ihr Nachtgebiet gehörten allein die Diebe, die betrunkenen Schwärmer, die Nachtmusikanten, die Nachtwandler, die Muhkälber, die Wehrwölfe, die dreibeinigen Hasen, und dergleichen kurze Waaren; dieser Handel aber sey am hellen Tage geschehen und daher von ihnen nach Recht und Gerechtigkeit verschlafen worden. – In dieser Verlegenheit wendete man sich, da die Schäfer von je im Rufe vieler geheimen Künste stehen, an die königlich Gelnhausensche, veredelte, spanische Hammelknechtschaft. Der Präsident dieses Collegiums, geheimer Oberhof-Haushammel Lälaps, ein sehr gelehrter Mann und besonderer Freund des verkindeten Herrn Oberhof-Osterhaas bat sich Bedenkzeit bis nach der Schafschur aus. Als er nun sein Schäfchen geschoren und ins Trockene gebracht hatte, erklärte er, er habe zwar unter dem berühmten Johannes Prätorius in Leipzig die Rocken-Philosophie studiert, er besitze dessen Werke, Glückstopf, Wünschelruthe, Blocksberg, wunderbare Menschen, Rübezahl, Weihnachtsfratzen, Schwalben und Storchs Winterquartier, Sieblaufen, Alektryomantie oder Hahnenzauber u. s. w.; aber in allen diesen sei kein Mittel gegen diese unerhörte Curiosität zu finden; da ihm jedoch von allen Wundern des Herrn Magisters Prätorius immer als das größte erschienen, daß derselbe zum kaiserlich gekrönten Poeten habe gemacht werden können und zwar durch einen Hof- und Pfalzgrafen, so mache er darauf aufmerksam, daß seit der Erbauung der Pfalz Barbarossas hier in Gelnhausen immer ein Pfalzgraf seinen Sitz habe, und also bei dem derweiligen Herrn Pfalzgrafen Hanns Diemringer von Staufenberg Hülfe zu suchen sey. Da dieser nach seinem Amte nicht nur Doktoren, Lizentiaten, Baccalaureen, Edelleute und gekrönte Poeten, sondern auch Illegitime legitim, Unehrliche ehrlich, Unmündige mündig machen, ja sogar mit rothem Wachs siegeln könne, so zweifle er nicht, der liebe Menschenfreund werde die edle Stadt seiner Pfalzkraft genießen lassen und ihre verkindeten Tagsgebieter aus dem Nachtgebiete der Natur heraus, volljährig an das Tagslicht bringend, ihr Mährchen zur Sage, und ihre Sage zur Geschichte sowohl um ein billiges Honorar erheben, als auch dieses Alles mit rothem Wachse besiegeln. – Ganz Gelnhausen jubelte über diesen Vorschlag, man hielt eine Gemeindeversammlung, worin alle Leidtragende den ersten Platz hatten. – Jedoch die Deputation, welche in Barbarossas Pallast gesendet worden war, den Herrn Pfalzgrafen in den Rath einzuladen, kam ohne ihn mit dessen Haushälterin zurück, welche eidlich zu Protokoll gab, der Herr Pfalzgraf bedaure sehr, nicht vor dem Rath erscheinen zu können, indem er vor einigen Tagen in wichtigen Geschäften verreist sey; die Akademie der old druidical superstitions in London sey entschlossen, der eingerissenen seichten Aufklärung kräftig entgegen zu treten, und die in der letzten Zeit ins Reich der Fabel verwiesenen Erd, Wasser, Luft und Feuer- Wundergeschöpfe, die Zwerge, Gnomen, Kobolde, Faunen, Satyrn, Nymphen, Dryaden, Hamadryaden, Sirenen, Melusinen, Undinen, Sylphiden, Elfen, Salamandrinen u. s. w., wie überhaupt Alles, was keine Menschensatzung, salvo errore et ommissione, als wirklich bestehend wieder anzuerkennen und ferner nur mit überlieferter Protestation gegen das zu protestiren, was durch lange Ueberlieferung bereits anerkannt und also anerkannt nicht anzuerkennen sey. – Zur Begründung dieser Aberglaubens-Anwandlung habe nun die Akademie dem Herrn Pfalzgrafen für jedes Stück dieser so schändlich unterdrückten Wundergeschöpfe, das er unter der Bank hervorziehe und durch ein mit rothem Wachs versiegeltes Dokument legitimire, vier Pfund Sterling durch das Handlungshaus Gebrüder Vatermörder anweisen lassen. Der Herr Pfalzgraf habe hierauf sogleich eine Rundreise zu diesem Geschäft angetreten und sey zuerst auf das Schloß Staufenberg bei Offenburg in der Ortenau gezogen, um die dortige Meerfey oder Melusine, welche mit seinem Ahnherrn Peter Diemringer von Staufenberg in Verbindung gestanden, zu legitimiren, und ihr wirkliches Hereinragen aus der Geisterwelt in die Leiberwelt auf dem Zwölfstein zwischen Staufenberg, Nußbach und Weilershofen mit seinem rothen Pfalzgrafenwachs zu besiegeln; indem diese Meerfey das vollkommenste Exemplar sey, welches je ein Exempel des Hereinragens statuirt habe, was bei seines Anherrn Hochzeit mit einer Muhme des Kaisers aus Kärnthen offenkundig geworden sey, da das elfenbeinerne Geisterbein der Meerfey bis ans Knie über dem leiblichen Hochzeitsmahl in Gegenwart aller Gäste durch eine Oeffnung der Stubendecke hereingeragt habe, welche den Fremden noch vorgezeigt werde. Dort also sey der Herr Pfalzgraf Diemringer zu finden und alle frankirten Briefe an ihn nach Offenburg poste restante adressirt empfange er richtig. – Nach dieser eidlichen Aussage der Haushälterin erklärte der Präsident im Namen der Gemeinde, es stehe dem Volke nicht zu, seine ins Nachtgebiet der Natur gerathenen Landesgebieter aus demselben ohne allerhöchste Einwilligung zu verweisen und müsse Erlaubniß hiezu vorerst allerunterthänigst nachgesucht werden, allen andern Betheiligten aber sey es freigestellt, bei dem Herrn Pfalzgrafen Hülfe zu suchen. – Nach dieser Erklärung erhob sich die Frau Oberosterhäsin und sprach: »Hochherzige Gelnhauserinnen, mein ehemaliger Ehegemahl, das nunmahlige Oberhofosterhäschen hatte auf die merianische Bilderchronik subskribirt, die so eben in Frankfurt herausgekommen; gestern erhielt er sein Exemplar und ich habe es mit ihm in seiner nunmehrigen Kindlichkeit durchbildern müssen, weiter aber als bis zu Seite 75 des dritten Theils sind wir nicht gekommen; denn von dem Bilde der Weiber von Weinsberg, welche ihre Eheherrn auf dem Rücken aus dem von Kaiser Konrad III. belagerten Weinsberg frei heraustragen, wollte er sich nie trennen; immer buchstabirte er wieder die Unterschrift: »Exempel ehelicher Lieb und Treu deutscher Frauen gegen ihre Männer« und sah mich dabei gar freundlich an, ja ich mußte ihn länger, als mir lieb war, auf dem Rücken herumtragen, habe aber dennoch während dem das Gelübde gethan, wüßte ich, daß der Kaiser meinem Mann durch mich so aus dem Nachtgebiet der Natur könnte heraushelfen lassen, wie er jenen Weibern zugestanden, ihren Männern aus Weinsberg zu helfen, so wollte ich meinen Eheherrn bis nach Wien auf dem Rücken tragen. – Jetzt aber habe ich diese Hülfe im Herrn Pfalzgrafen Diemringer viel näher und es wäre eine Schande, wenn ich wartete, bis er erst das Hereinragen aller Wald und Wassergeister in die Natur urkundlich dokumentirt hat und hierher zurückgekehrt ist. Nein das Emporragen ist meinem Herrn viel nöthiger, er hat schon bitterlich geweint, daß er die Wanduhr und den Bratenwender nicht aufziehen, den Vogelkäfig nicht herablassen, den Barometer nicht nachsehen, die Lichter auf dem Kronleuchter nicht ausblasen könne und alle Augenblicke muß ich ihn in die Höhe heben. – So will ich dann den Weinsbergerinnen nicht nachstehen; Morgen trage ich meinen lieben Herrn und Gebieter auf dem Rücken nach Staufenberg, um ihn durch den Herrn Pfalzgrafen aus dem Nachtgebiet heraus bringen zu lassen. – Indem ich nun alle meine anwesenden Freundinnen auffordere, in meine Fußstapfen zu treten, frage ich schließlich: »sollten die Gelnhauser Bubenschenkel, deren Ursprung niemand kennt, und die wir so oft in schwerer Ladung auf dem Rücken in der Gegend umher zu Markte tragen müssen, nicht ein prophetisches Backwerk seyn, welches Morgen in Erfüllung geht, wenn wir unsre verkindeten Angehörigen nach Staufenberg tragen?« – Allgemeiner Beifall krönte den Entschluß und Vorschlag der hochherzigen Frau. – Am folgenden Morgen sah man sie und einige zwanzig andere Gelnhauser Frauen und Männer mit ihren verkindeten Ehehälften auf dem Rücken oder Arm gen Staufenberg in die Ortenau zu Herrn Pfalzgraf Diemringer wallfahrten; dem Erfolg wird mit gespannter Erwartung entgegengesehen.

Die Schottländische breite Countesse, welche am Schlusse obiger Wunderbegebenheit als Kind von St. Eduards Stuhl mit den Engeln emporgestiegen, soll nach den neuesten Beobachtungen des jungen Herschels auf dem Vorgebirg der guten Hoffnung wirklich im Monde gesehen worden seyn und dort unter den Fledermausmenschen großes Aufsehen durch ihre Studien über den Stein Jakobs gemacht haben. Wir sehen dem Erfolg entgegen.

Der Verfasser, welcher bei dem Hochzeitsschmaus auch der Kindheit anheimgefallen und in der Nacht auf dem Kinderstühlchen mit dem Tagebuch der Ahnfrau allein sitzen geblieben ist, schlief endlich ein und als er Morgens erwachte, fand er sich des Tagebuchs beraubt. Was sollte er thun? Er mußte im Nachtgebiete der Natur sitzen bleiben. Er hatte Niemanden auf der weiten Welt, der ihn zum Herrn Pfalzgrafen Diemringer nach Staufenberg hätte tragen mögen oder können. – Da er sich nun erinnerte, kurz vor seiner Verkindung von seinem literarischen Vormund Urkundius Regestus vernommen zu haben, daß derselbe alle Augenblicke eine verlorne alte Chronik wieder auffinde, so bat er diesen um Ausspannung aller Entdeckungssegel nach dem verlornen Tagebuch. – Urkundius war, um sich zu besinnen, kaum über drei Registraturen und nicht ganz über fünf Büchergestelle gesprungen, als ihm einfiel, daß, wie sonst, Entdeckungsreisen aus Portugal, jetzt solche nach Portugal ausgerüstet würden und zwar um des Sanchuniatons verlorne Bücher seiner phönizischen Geschichte zu entdecken, und so entschloß er sich, der Expedition das verlorne Tagebuch zur Nebenentdeckung zu empfehlen, was er für ganz angemessen hielt, da er von dem Verfasser gehört, daß Etwas von der Geschichte des Steins Jakobs darin stehe, der bekanntlich von Phönizien nach Brigantium in Galizien in den Besitz der schottischen Könige gekommen. Seine Absicht wurde mit Erfolg gekrönt; denn kaum hatte der Verfasser auf dem Kinderstühlchen das vorhergehende Mährchen ausgeschrieben, so ward er auch durch die portugisischen Correspondenten Regesti Urkundii in den Stand gesetzt, aus dem wiederentdeckten Tagebuch der Ahnfrau folgenden Auszug, der sich auf Gockel, Hinkel und Gackeleia bezieht, einstweilen mitzutheilen.

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