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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 22
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Nach einer Weile träumte mir, die Prinzeß Mandelbiß komme wieder mit der schönen Kunstfigur zu mir und sage mir ins Ohr: »Gackeleia, mache mich los und lege die Kunstfigur neben dich in ihr Bettchen, sie wird wohl so müde seyn wie ich, ich will mich in deine Locken an dein Oehrchen legen und dir alles erklären, was du bei der schönen Prozession gesehen hast und wie unser Hofredner Muskulus so herrlich gesprochen hat.«

Ich that halb träumend, wie sie verlangte, dann legte sie sich in meine Locken und plauderte mir wie ein Schlafkamerädchen ins Ohr; da habe ich dann Alles folgende gehört:

Die große, seltsame Person, die mir unter den Hoffräulein der Prinzeß Sissi so sehr gefallen, war eine vornehme Bergmaus, die Marquise Marmotte, welche, aus der Gefangenschaft eines Savoyardenbuben entflohen, hier bei Hof eine anständige Gelegenheit abwartete, wieder in ihr Vaterland zurückzureisen. Sissi war nicht gut auf sie zu sprechen, denn Prinz Speckelfleck hatte sich zu oft nach ihr umgeschaut und sie allzusehr gelobt, was sie bei keinem Menschen recht leiden konnte. Er bewunderte ihren Tanz, ihre schönen Träume und vor Allem ihre artigen Vorderpfötchen. – Sissi, blind für alle diese Vorzüge, sagte: »Vorderpfötchen! es ist mir schier lächerlich! in allen Naturgeschichten steht von den Murmelthieren: ihre Vorderfüße haben vier Zehen und einen sehr kurzen Daumen, die Hinterfüße fünf; aber, daß dieses schön sey, das steht nirgends! – Wie mag sie sich nur eine Maus nennen? ihrer Größe nach könnte sie eben so gut Bergbär als Bergmaus heißen; diese Marquise Marmotte hat einen großen, runden Kopf, Nase und Lippen wie ein Hase, Haare und Klauen wie ein Dachs, unbedeckte Zähne wie ein Biber, einen Schnurrbart wie eine Katze, Augen wie ein Siebenschläfer, Pfoten wie ein Bär, einen kurzen Schweif und gestutzte Ohren. Wenn man ihr schön thut, so knurrt sie wie ein Hündchen. Was ist Schönes hieran? ihr Tanzen und Purzeln ist ihr von dem Savoyarden mit Hunger und Schlägen eingequält, und schläft man, wie sie, vom Oktober bis in den April, so hat man allerdings Zeit, sich etwas Schönes träumen zu lassen.«

Jene, welche ich in der Prozession so viel umherschauen und untereinander plaudern gesehen, waren die Abgesandten von mancherlei fremden und ausländischen Mäusegeschlechtern und Arten, welche sich hier am Hofe befinden, Bündnisse abzuschließen, Gratulationen abzustatten und sich Erfahrungen mitzutheilen, wie den Katzen, Eulen, Geiern und andern Mäusefeinden zu entgehen sey, auch theilten sie sich Warnungen vor gelegtem Gift und Gegenmittel und Nachrichten von neu erfundenen Mausfallen mit. Eine unter diesen Standespersonen hatte der Prinzeß Sissi ganz besonders gefallen, er war mit einem Schiffe über See sehr weit her, von den Antillen gekommen, um zu hohen und allerhöchsten wohlthätigen Zwecken eine Collekte zu machen, er hatte die Gestalt einer großen Ratte, trug einen schwarzen Frack und weiße Unterkleider. Er hieß Herr Piloris, und Sissi behauptete, er habe durch seinen Moschusgeruch die ganze Prozession erbaut und sehr wohlthätig auf ihre schwachen Nerven gewirkt. Die übrigen Abgesandten waren von den Spitzmäusen, Bergmäusen, Waldmäusen, Wurzelmäusen u. dgl. Sie plauderten in der Kirche und bei der Prozession von der Rettung der Prinzeß Sissi und besonders von der Hinrichtung der Katze Schurrimurri und ihrer Jungen, äußerten sich alle aber sehr bedenklich über ein umlaufendes Gerücht, daß die fünf verwegenen Söhne der Schurrimurri der Hinrichtung durch Einverständniß mit den Söhnen des Scharfrichters entgangen seyn und unter dem Nahmen des jungen Katzenellenbogens eine höchst gefährliche Verschwörung, angeblich zur Rache ihrer Mutter, eingegangen haben sollten; ihre Absicht aber sey eigentlich gegen das edle Mausgeschlecht, gegen Hühner und Vögel; die Eulen seyen bereits für sie gewonnen, ebenso die Füchse, mit den Wieseln unterhandelten sie, man müsse sehr auf seiner Hut seyn u. s. w. – Sissi erzählte mir dieses Gerede der ausgezeichneten Staatsmäuse mit großer Bangigkeit; – o wie froh war ich, ihr versichern zu können, obgleich jenes Gerücht gegründet, sey dennoch gar nichts von diesen Verschwörern zu befürchten.

Sissi erzählte mir auch noch den Inhalt der Rede, welche der edle Hofredner Muskulus im Dome gehalten. Er sprach über Mann und Maus, Menschheit und Mausheit, Menschlichkeit und Mäuslichkeit, Menschenmöglichkeit und Mäusemöglichkeit. Er erwähnte den Verstand der Mäuse, welche stäts von jeder Speise das beste Theil erwählen; ihre Großmuth, weil sie trotz ihrer Blödigkeit vor allen Thieren ein sehr großes Herz haben; ihre Dankbarkeit, wie sie den Löwen aus dem Netze befreit; ihren Heldenmuth, weil sich der Elephant fürchtet, sie möchten ihm in den Rüssel schlüpfen; ihren prophetischen Geist, weil sie ein Haus verlassen, ehe es zusammenstürzt. Er sprach von der Ehrfurcht der Ratzen gegen ihre Eltern, welche, wenn sie alt sind, von den Jungen gefüttert werden. Er erwähnte die große Nächstenliebe der Mäuse, welche, wenn eine in eine Grube gefallen ist, sich einander in die Schwänze beißend, eine Kette bilden, um ihre verunglückte Nebenmaus aus der Grube zu ziehen. Er sagte, wie thöricht bei all diesen großen Eigenschaften die Fabel sey: ein Berg habe gebären wollen, und eine lächerliche Maus sey hervorgekommen; er führte die Mäuse als Werkzeuge Gottes in den Aegyptischen Plagen, und bei dem geitzigen Hatto von Mainz an, den sie gefressen, obschon er sich auf den Mausthurm mitten in den Rhein geflüchtet. Er sprach auch von der Holdseligkeit der Mäuse, daß sogar die Menschen ihre artigsten Kinder: »kleine Maus, liebes Mäuschen,« nennen. Er erwähnte, daß die Mäuse das feinste Gehör außer den Eseln haben. Aber auch vom Uebermuth der Mäuse sprach der edle Muskulus, er sprach: wenn die Maus satt ist, schmeckt ihr das Mehl bitter. Er sprach von gefährlichen Zeiten, und daß die Mäuse, welche auf dem Tische herumtanzten, wenn die Katze nicht zu Hause sey, sich nicht so mausig machen, sondern bedenken sollten, daß die Katze das Mausen nicht lasse. Dann flehte er noch den Segen des Himmels auf das edle Vorhaben der Prinzessin Mandelbiß und des Prinzen Speckelfleck herab und forderte sie auf, das Sprichwort wohl zu überlegen:

»Zu bedauern ist die Maus,
Kennt sie nur ein Loch im Haus;
Aber ins Verderben rennt
Jene, die gar keines kennt,«

und nun setzte der gelehrte Muskulus hinzu, wie er bei seinen Studien eine halbe Bibliothek durchfressen und wie trefflich ihm endlich die schöne Stelle des heidnischen Komödienschreibers Plautus geschmeckt habe:

»Bedenk' die Weisheit der kleinen Maus,
Sie hat viel Thüren in ihrem Haus,
Sperrst du ihr einen Schlupfwinkel zu
Flieht sie zum andern und sitzt in Ruh'.«

Als der Klingelbeutel in dem Dom herumgieng, hielt der edle Muskulus noch eine rührende Auslegung des tiefsinnigen Wortes: »er ist so arm wie eine Kirchenmaus,« welche den ganzen Klingelbeutel mit Waitzenkörnern so reichlich füllte, daß die Marquise Marmotte genug zu thun hatte, ihn herum zu schleppen, wenn gleich der duftende Herr Piloris ihr dabei den Arm gab.

So erzählte mir Prinzeß Sissi Alles, daß ich es eben so gut wußte, als wenn ich in der Rede des edlen Muskulus geschlafen hätte. – Ich dankte ihr herzlich dafür und sagte ihr: »Liebste Sissi, ich bin glücklich, daß sich unsre Herzen gefunden haben und daß wir uns du nennen – ach so kann ich auch alle meine Leiden in deinen schwesterlichen Busen ausschütten; ach ich muß dir zu meiner großen Beschämung gestehen, es ist mir so sehnsüchtig um's Herz, ich sehne mich nach einem Gegenstand, den ich freßlieb haben könnte, es ist mir so leer, so leer, ich möchte Alles verschlingen; ich müßte mich sehr irren, oder ich habe einen ganz abscheulichen Hunger, denn seit ich das Birkenreis geschmeckt, habe ich nichts mehr über mein Herz gebracht, als einige Wald-Erdbeeren; Sissi, schaffe mir etwas zum schnabelieren, oder ich sterbe aus Sehnsucht.« – Da erwiederte Sissi: »Herz Gackeleia! du hast ja noch eine halbe Bretzel und einen halben Bubenschenkel in deinem Körbchen;« aber ich entgegnete: »das sind Dokumente, und ich wollte eher verhungern, als Dokumente essen.« »Wohlan,« sagte Sissi, »ich will sehen, was ich dir auftreiben kann,« da pfiff sie einige Mal, worauf eine Fledermaus zu ihr heranflog, welcher sie den Auftrag gab: die reinsten Schulmauskinder sollten augenblicklich Beeren pflücken und auf grünen Blättern mir zu Füßen legen – eben so solle sie den anwesenden Geschäftsträger der Haselmäuse, den wohlriechenden Chevalier Muscardin in ihrem Namen um eine Portion Haselnüße bitten und diese hieher besorgen, Überhaupt möge sie Alles, was sie von menschlichen Eßwaaren auftreiben könne, ohne großes Aufsehen zu machen, so schnell als möglich herbeischaffen. – Die Fledermaus machte ihr unterthäniges Kompliment und flog von dannen. – Schon nach einigen Minuten bemerkte ich eine große Thätigkeit: die Mäuse schleiften ein altes, rund genagtes Trommelfell auf den Rasen in meine Nähe und deckten mehrere große Pilze, die wie kleine Tische umherstanden, mit Blättern und trugen allerlei Eßwaaren darauf zusammen.

Nun sprach ich zu Sissi: »Höre mich an, du bist besonnen und klug, was ich dir sage ist wahr, was ich verlange, mußt du thun, sonst seyd ihr Alle verloren, Aufsehen muß vermieden werden, damit kein unnöthiger Schrecken das schüchterne Volk verwirrt. Sieh dort die kleine Pulvertonne aufgerichtet und mit Steinen belegt: Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog, die fünf Rädelsführer des jungen Katzenellenbogens, welche darin in einer Alonge-Perücke ihre Krallen auf einem Todtenkopf zu eurem Untergange gewetzt haben, wurden von mir darunter gefangen, ich habe ihre Loge gedeckt und die Pulververschwörung, das Spundloch der Hölle, verstopft. Gehe gleich mit deinem Gatten, Prinz Speckelfleck, zu deinem königlichen Vater Mausolus VIII., zeige es ihm an, und sage ihm, er solle eilend befehlen, daß alle Mäuse und den Mäusen Befreundete ohne Ausnahme Lehm, Erde und Rasen zu dem Fasse hintragen und es rund damit umgeben, bis es ganz ummauert eine Pyramide wird. So eingeschlossen werden sie einander selbst zerreißen und ihr werdet euch durch euer frommes Gebet gerettet finden. – Dem Volke soll gesagt werden, das Ganze sey ein Monument zum Andenken meiner Anwesenheit und deiner Rettung und heiße Gackeleioeum, ein Gegenstück zu dem Mausoleum. Er soll nur sein Volk, aber keine Maurer daran arbeiten lassen, denn die da drinnen dürften nur einmal rufen: »Mack,« und die draußen antworten: »Benack,« so wäre Alles verrathen. – Eile, es ist keine Zeit zu verlieren, der Bau muß fertig seyn, wenn ich deinem Vater die versprochenen patriotischen Backwerke schicke, welche bei der Einweihung das Fest verherrlichen können. Mache deinen Bericht kurz und kehre schnell mit Prinz Speckelfleck zurück, damit wir inkognito fortreisen.«

Ich bewunderte die Gemüthsfassung der hochherzigen Prinzessin Sissi: ein Blick des Entsetzens gegen die Pulvertonne, ein Blick des Dankes gegen mich, ein Blick der Hoffnung gegen den Himmel war alles, was sie erwiederte, und sogleich lief sie in der größten Eile zu dem königlichen Käsepallast hinauf. Der Hunger weckte mich nun, ich näherte mich der von den Mäusen zusammengetragenen Mahlzeit, da fand ich auf dem Trommelfell eine kleine Melone, welche die Marquise Marmotte selbst herangewälzt hatte; der Chevalier Muskardin hatte nicht nur ein halb Hundert der schönsten Haselnüße eigenmaulig heraufgetragen, sondern auch aufgeknackt; die Schuljugend hatte einen Haufen Erdbeeren und Heidelbeeren herbeigetragen und in Nußschaalen sehr artig angerichtet, eine Speckmaus hatte einen gewaltigen Flug gethan und mir einen ganzen frischen Bubenschenkel aus einem Bäckerladen und ein Würstchen aus einem Fleischerrauchfang von Gelnhausen gebracht, Dank dem edlen, biedern, deutschen Herzen! an ihm wird die alle edlen Anstrengungen so sehr beachtende Familie der Mausoleer das Sprichwort wahr machen: »dem Verdienste seine Kronen.« Ach! wie rührend war es, als nun noch ein gemüthvoller, junger Igel von der schönsten Haltung zu mir heran rasselte, wie ein ganzer Rüstwagen; er hatte sich in einem benachbarten Ort unter den Borstorfer Aepfelbäumen gewälzt und alle herabgefallenen Aepfel auf seinen Stacheln aufgespießt, die ich ihm dankbar herabnahm, worauf er sich schweigend empfahl. Er war etwas melancholisch, denn er war verkannt, sein Geschlecht gehört zu den Feinden der Mäuse, aber er hatte seine Natur besiegt und lebte in einsamer Betrachtung als philosophischer Wohlthäter und Mäusefreund unter ihnen von dem schönen Herzen der geistvollen Prinzessin Sissi geschätzt.

Ich aß nun im Zwielicht (denn der Mond war untergegangen und es dämmerte im Osten) ohne große Wahl, was mir unter die Finger kam, lustig hinein, Alles, Alles schmeckte köstlich – o da kam erst das Beste! – ach es raschelte etwas neben mir und es rollte etwas in mein Schürzchen, ich fühlte, es war ein Ei, ich hielt es neugierig dem ersten Strahle des Tages entgegen – es war schwarz mit einem schönen Vergißmeinnicht bemahlt, ringsum standen die Worte: »Vivat Gackeleia,« ich schüttelte es, ach es rasselte Geld darin; wie ein Blitzstrahl durchfuhr es meine Seele: es ist das Ei meines lieben Kronovus, das er für mich alle Wochen mit seinem Taschengeld hinten an den Entenpfuhl verstecken wollte! meine Freude war unaussprechlich – aber wer ist der wohlthätige Sterbliche, der mir diese höchste Freude gemacht? dachte ich und sprang auf und rief aus: »o mein heimlicher Wohlthäter entziehe dich meinem Danke nicht!« aber ich hörte es fern weg eilen, und ein wundersüßer Moschusgeruch drang mir entgegen. Da wurde es mir klar, und ich rief ihm nach: »du bist es edler Piloris, fernher pilgernden Menschenwohlbezwecker im schwarzen Frack und weißen Unterkleidern, der Wohlgeruch deiner schönen Handlungen verräth dich!«

»Ja, liebe Eltern,« unterbrach sich hier Gackeleia, »ich hatte mich nicht geirrt, diese edle Moschusratte Piloris war es gewesen. Sissi, der ich von dem Ei des Kronovus erzählte, hatte ihm schon in der Kirche zugeflüstert, welche große Freude es ihr machen würde, wenn sie meine Wohlthaten gegen sie mit diesem Eie belohnen könnte. Piloris, so hohes Interesse er auch an der Rede des edlen Muskulus hatte, verließ sogleich den Dom und eilte, ohne sich umzusehen, nach der Eierburg an den Entenpfuhl und brachte dies Ei, welches Kronovus seinen Worte getreu mit 1 Gulden 30 Kreuzer beschwert dort hin versteckt hatte.«

Gockel und Hinkel sahen das Ei mit großer Rührung an, die beiden Mäuschen kamen herbeigelaufen und tanzten lustig umher, als gäben sie ihren Beifall. Frau Hinkel aber sagte: »erzähle weiter Gackeleia, damit du einmal von all dem Ungeziefer wegkömmst« und Gackeleia fuhr fort:

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