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Gockel, Hinkel und Gackeleia

Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
booktitleGockel, Hinkel und Gackeleia
authorClemens Brentano
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-026431-3
titleGockel, Hinkel und Gackeleia
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1838
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Herzliche Zueignung

Keiner Puppe, sondern nur
Einer schönen Kunstfigur

weihe ich

dieses Paradieschen, diese Rarität, diese Kunst,
diese verspäteten Schmetterlinge,
dieses Adonisgärtchen,
dieses Mährchen;

Sie halte ihnen den Daumen, friste ihnen das Leben,
laße sie welken und sterben auf kindlichen Händen.

Liebstes Großmütterchen! Nimm nur Gockel, Hinkel und Gackeleia freundlich bei dir auf. Demüthig all dein Lebtage verläugnetest du immer nur dich, nimmer aber mich, und so mag der Alektryo munter zwischen uns krähen, ohne uns zu erschrecken. Auch jetzt brauchst du dich meiner nicht zu schämen, denn erst am Schluße dieser höchst wahrhaften Geschichte, als sie selbst zu einem Mährchen und alle darin verwickelten hohen und niedern Standespersonen zu Kindern geworden, lege ich dir die ganze Bescherung mährchenhaft zu Füßen, und kannst du mich mit gutem Gewissen für dein Enkelchen halten. – Wie oft hast du uns Kindern den Christbaum geschmückt und mit Lichtern erleuchtet, und mit der Schelle klingelnd, die Thore des verlornen Paradiesgärtchens eröffnet, daß wir unschuldige Früchte vom Baume des Lebens pflückten. Nicht aus mir, sondern nur aus Achtung vor den ehrwürdigen Leuten, die aus ihren Ursachen die Welt verkehrt nennen, habe ich den Nürnberger Bilderbogen von der verkehrten Welt genauer studirt, und, um eine höchst wichtige Lücke in ihm zu ergänzen, das feierliche Amt eines Enkels übernommen, der seiner Großmutter ein Mährchen beschert. – Vor Allem aber zürne mir nicht, wenn du das Meiste in diesem Mährchen als das Deine wieder erkennest; ach Großmütterchen! wo sollte ich dann alle die artigen Verkleidungen und sieben Sächelchen, die ganze Garderobe der Puppe – nein der nur allerschönsten Kunstfigur her haben, als aus dem reizenden Glasschränkchen in deiner Stube, in dem alle die Alter- und Neuerthümer der Orden des Ostereis, der Tändelei, der Kinderei und der freudigen frommen Kinder aus Gelnhausen, Gockelsruh und Hennegau und die heiligen Reichskleinodien des Ländchens Vadutz, wenn ich mich nicht irre, aufbewahrt sind? – woher sollte ich alle die kuriosen Kräuter und Blumen, alle die Hahnen- und Hünerpflanzen und das ganze Marienklostergärtchen denn haben, als aus deinen botanischen Vorrathskammern und Trockenanstalten zur Bekränzung des menschlichen Lebens? – ja du Kränzewinderin, Kronenbinderin, Sträußerkräuslerin, aus deinen vielen getrockneten Blumensammlungen habe ich gestohlen, und von dir habe ich gelernt, mit jener Anhänglichkeit, die aus dem Herzen des Lebensbaumes quillt, diese Blumen dir zur Erheiterung um ein Mährchen herum zu befestigen, wie du sie deinen Freunden mit jenem Gummi, das aus der Rinde der arabischen Acacia vera quillt, um artige Bilder und Reime in schöner Anordnung auf Papier zu heften pflegst. Aus deiner großen Gallerie ausgeschnittener Bildchen habe ich den größten Theil der artigen Figürchen, welche ich hier, gleich dir, in scherz- und ernsthafter Combination zu einem Bilderbuche zusammengeklebt habe, und zwar von dir für dich. Ach! wenn ich so recht in der Arbeit war, sah ich oft nach der Gegend von Gockelsruh hin und dachte, dort herum sitzt jetzt vielleicht auch schon das Großmütterchen und klebt mir und den andern Kindern mit großer Geduld ein Bilderbuch zur Beschauung zusammen. – Wenn du alles das Deine nicht gleich wieder erkennst, so mußt du bedenken, daß große Leute nicht mit den Fingern auf die kleinen Großmütter deuten dürfen, und daß ich erst am Schluße des Mährchens ein Kind geworden bin, um in dieser Zueignung mit der Wahrheit herausplatzen zu dürfen. In vielen Zügen jedoch wirst du dich gewiß gern wiederfinden, z. B. in allen den Fahnen bei dem Leichenzuge des armen Kindes von Hennegau; denn ich selbst habe ja schon solche Fahnen aus deinen Händen den Armen gegeben. Auch der Name und Orden des armen Kindes von Hennegau muß deinem Herzen nahe liegen, denn liebes Großmütterchen, wir sind wohl beide arme Kinder, wenn gleich nicht von Hennegau. Die Ortsnamen wirst du überhaupt nicht zu strenge nehmen, denn du weißt, daß alle höchst wichtigen, oder gar nothwendigen Begebenheiten, Gott sey Dank, überall geschehen sind. Du fragst mich, was mich meine leibliche Großmutter oft gefragt: »woher hast du nur alle das wunderliche Zeug?« – ich antwortete: »ach, es ist nicht weit her!« – die Grundlage von dem Hahn und dem Ring hörte ich als Knabe von einem wälschen Chocolatemacher krähend erzählen. – Gelnhausen prägte sich mir in der Jugend durch den Zettel an einer Bude mit Wachsfiguren ein, welcher lautete: »wahrhafte Abbildung der beiden Gebrüder Vatermörder von Gelnhausen« – als sey dies eine Handlungsfirma. Später ein Mal durch diese Stadt fahrend, glaubte ich besonders viele Bäcker- und Fleischerladen dort zu sehen; wäre aber dieses nur ein Spiel der Phantasie gewesen, so mahnt mich doch heut eine Fügung, allen Lohn, den mir Gockel je zu Tage scharren wird, nach Gelnhausen zu wenden. – In das Land Hennegau bin ich durch Gockel und Hinkel gerathen; das Ländchen Vadutz aber habe ich von Jugend auf seines kuriosen Namens wegen gar lieb gehabt, ohne doch je zu wissen, wo es eigentlich liegt; ich habe auch nie darnach gefragt, um nicht aus einem jener Träume zu kommen, welche die Pillen der sogenannten Wirklichkeit vergolden. Vadutz ist mir noch jetzt das Land aller Schätze, Geheimnisse und Kleinodien und dort ist mir das Thule, wo der König den liebsten Becher, ehe er starb, in die Fluth hinab geworfen. Da ich als ein Knabe in dem Comtoir den gelehrten Rabbi Gedalia Schnapper mit dem unvergleichlichen Abarbanel Meyer auf Tod und Leben, so daß man mehrmals Wasser auf sie gießen mußte, um sie auseinander zu bringen, über die Lage eines wunderbaren Landes disputiren hörte, welches der Fluß Sabbathion umfließt, der die ganze Woche ein unzugängliches Steinmeer ist und nur am Sabbath seine Wogen bewegt, floh ich auf den Speicher in die Einsiedelei eines leeren Zuckerfasses und beweinte die Blindheit der Menschen, welche nicht fühlten, daß jenes Land nothwendig das Ländchen Vadutz seyn müsse. Alle Wundergebirge der Geschichte, Fabel- und Mährchenwelt, Himmelaya, Meru, Albordi, Kaf, Ida, Olymp und der gläserne Berg lagen mir im Ländchen Vadutz. Alle seltsamen, merkwürdigen und artigen Dinge von den Reichskleinodien bis zum Nürnberger Guckgläschen à 4 kr., in dem Erbsen, Goldblättchen und blauer Streusand unter einem Vergrößerungsglas geschüttelt, alle Schätze der Welt darstellen, schienen mir aus Vadutz zu seyn. In der sogenannten Schachtelkammer des Hauses voll abentheuerlichen Gerümpels war mir das Archiv von Vadutz, ja das goldne Zeichen über unserem Hausthor selbst schien mir aus diesem gelobten Ländchen, als es in wirrer Zeit den Kopf verloren, zu uns emigrirt. Auf der Gallerie aber, einem schon vornehmeren Bewahrungsraum, war mir die Schatz- und Kunstkammer. Hier war das Arsenal verflossener Christfeste, hier wurden die Dekorationen und Maschinerien der Weihnachtskrippen bewahrt; hier stand eine Prozession allerliebster kleiner Wachspüppchen, alle geistlichen Stände, alle Mönche und Nonnen vom Pabste bis zum Eremiten, nach der Wirklichkeit gekleidet, und gleich neben ihnen das Modell eines Kriegsschiffes. O Schatzkammer von Vadutz, was botst du Alles dar? Vor allem aber entzückte mich ein kunstreicher Besatz von den Braut- und Festkleidern meiner Großmutter. Nie kann ich die Bauschen und Puffen von Seide und Spitzen vergessen, gleich Berg und Thal eines Feenlandes, gleich den Zaubergärten der Armida von den Gewinden feiner, allerliebster, bunter Seidenblümchen labirinthisch durchirrt. – Ich will dir es nur gestehen, liebes Großmütterchen, oft, wenn ich so glücklich war, den Gallerieschlüssel zu erwischen, stellte ich mich krank, um Sonntags nicht mit den Eltern nach Gockelsruh oder auf die stille Mühle fahren zu müssen, und sperrte mich dann, wenn alle andern weg waren, zwischen diesen Herrlichkeiten ein. Das Kriegsschiff war mir zu hölzern, klapperig und wirr mit den vielen Stricken, Flaschenzügen und Segeln, und man konnte auch nicht zu dem Kapitän in die Kajüte hinein, man sah ihn nur durch ein Fensterchen am Tisch vor einer Landkarte und dem Kompaß unbeweglich sitzen. Ich konnte nichts mit dem Schiffe anfangen, es war kein Wasser da; – die Prozession der geistlichen Wachspüppchen war so delikat und zerbrechlich, daß ich sie kaum anzuschauen wagte; wäre sie von buntem Zuckerwerke gewesen, so wäre sie vielleicht Gefahr gelaufen, durch meinen Geschmack zu erbleichen, aber in ihrer jetzigen Beschaffenheit stand sie unter den Kanonen des Kriegsschiffes sicher vor mir. – Jene biegsamen, unzerbrechlichen Zaubergärten von Seidendrathblümchen aber, welche ich höchstens ein wenig zerbog, legte ich um mich her, und saß dazwischen, die drei Pomeranzen, das grüne Vögelchen, das tanzende Wasser von Gozzi lesend, und glaubte mich selbst einen verschäferten Prinzen, der voll Sehnsucht seine Lämmer in den Thälern dieses Paradieses weidete und nach Erlösung seufzte. Ich glaubte mich dann mit diesen Zaubergärten mitten in Vadutz, wo mir das Paradies, wie Lindaraxas Gärtchen mitten in dem Alhambra eingeschlossen lag. – Da lebte ich eine Mährchenwelt, die über der Wirklichkeit, wie ein Sternhimmel über einer Froschpfütze lag. Man nannte diese ungemein artigen Blumenverzierungen mit vollem Recht agréments, Anmuthigkeiten, Lieblichkeiten. Als man diese Anmuthigkeiten nicht mehr trug, benützte man ihre Ueberbleibsel, kleine Heiligen-Bilder oder Wachskindchen damit zu umgeben, und nannte diese unter einem Glase bewahrt, Paradieschen, welche die Kinder mit großer Lust betrachteten, sich fest einbildend, Adam und Eva seyen einst mit allen Geschöpfen in solcher Herrlichkeit herumspaziert. Weil nun jeder Mensch wohl fühlt, daß er das Paradies verloren hat, und sich daher irgend ein Surrogat erschaffen, sich mit irgend einem Schmuck, einer Krone u. dgl. verkleiden, verschönern möchte, machten sich von je die Töchter der Menschen, naiv genug, solche kleine Gärten aus vergänglichen Dingen, wozu aller Putz der Frauen und die kleinen Adonisgärtchen gehören, die bei dem Adonisfeste um Sonnenwende prunkend umher getragen und dann in den Strom geworfen wurden; so auch machen sich gern die Kinder aus dergleichen Ueberresten von Flittern irgend eine glitzernde Zusammenstellung unter einem Stückchen Glas, hinter einem Thürchen von Papier, und zeigen einander für eine Stecknadel diese Herrlichkeit. – Als ich später in Geschäften der Akademie der Menschenkenner eine große Reise mit dem gelehrten Wunderkind Monsieur Heinicke machte, theils um dem verlornen Paradies, theils um allen Raritäten und der Kunst auf die Spur zu kommen, war das Resultat unsers Reiseberichts: »Einige bunte Seideflöckchen mit Goldfädchen, Flittern und andern Agrements mehr oder weniger fantastisch verwirrt und hinter einem Quadratzoll weißen Glases auf Papier platt gedrückt, und das Alles mit einem Thürchen bedeckt, ließen uns an vielen Orten die Kinder um den Preis einer Stecknadel sehen, weswegen wir der Akademie 12 kr. für einen Brief Stecknadeln berechnen. Ueberall war es eigentlich dasselbe; nur schien uns merkwürdig, daß in Köln ein Heiligenbildchen darin war und man es ein Paradies nannte, daß in Nürnberg ein Spielpfennig darin war und man es eine Rarität nannte, daß in Berlin ein Bischen Rauchpulver dann war und man es eine Kunst nannte. Ueberall aber kostete es nur eine Stecknadel.«

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