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Glück auf!

Elisabeth Werner: Glück auf! - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorElisabeth Werner
titleGlück auf!
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger
illustratorW. Claudius
seriesE. Werners gesammelte Romane und Novellen.
volumeErster Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091124
projectid81ab096d
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Die Hauptkirche war trotz der späten Nachmittagsstunde noch dicht gefüllt. Die Menge der Anwesenden und der reiche Blumenschmuck des Altars drinnen, sowie die lange Reihe wartender eleganter Equipagen draußen ließen darauf schließen, daß die Trauung, welche hier vollzogen werden sollte, auch in weiteren Kreisen Interesse und Teilnahme erregte. Die Haltung der Zuhörer war die gewöhnliche bei solchem Anlaß, wo die Heiligkeit des Ortes jede lautere Aeußerung der Neugierde oder Teilnahme verbietet, eine erwartungsvolle Unruhe, ein Flüstern und Zusammenstecken der Köpfe in einzelnen Gruppen, und eine gespannte Aufmerksamkeit für alles, was in der Nähe der Sakristei vorging, endlich ein allgemeines Ah! der Befriedigung, als die Thüren derselben geöffnet wurden und mit den ersten Tönen der Orgel, die jetzt einfielen, der Brautzug erschien.

Es war eine zahlreiche und glänzende Versammlung, die sich hier um den Altar und das Brautpaar gruppierte. Reiche Uniformen, schwere Sammet- und Atlasroben, duftiges Spitzengewebe, Blumen und Diamanten, das alles schimmerte, wogte und rauschte durcheinander in einer wahrhaft blendenden Pracht. Die Geburts- und Geldaristokratie schienen in ihren hauptsächlichsten Vertretern anwesend zu sein, um der Zeremonie einen erhöhten Glanz zu verleihen.

Zur Rechten der Braut, als der Erste unter den Gästen, stand ein hoher stattlicher Offizier, dessen Uniform und dessen zahlreiche Orden auf eine längere militärische Laufbahn deuteten. Seine Haltung war einfach und würdevoll, der bevorstehenden Feierlichkeit angemessen, und doch schien es, als berge sich hinter dem Ernste dieser Züge etwas, das nicht zu dem frohen Anlaß passen wollte. Es war ein eigentümlich düsterer Blick, der auf dem Brautpaar ruhte, und als er, sich von diesem abwendend, die dicht gefüllte Kirche streifte, da zuckte es wie unterdrückter Schmerz oder Zorn durch die stolzen Züge, und die festgeschlossenen Lippen zitterten leise. Ihm gegenüber, in unmittelbarer Nahe des Bräutigams, stand ein andrer Herr in Ziviltracht, gleichfalls schon in vorgerücktem Alter, gleichfalls, wie es schien, zum nächsten Verwandtenkreise zugehörig, aber weder die Brillantenverschwendung, die er in Uhr, Ringen und Tuchnadeln zur Schau trug, noch die ungeheuer selbstbewußte Haltung vermochten ihm auch nur einen Schimmer jener Vornehmheit zu geben, die sein Gegenüber in so hohem Maße besaß. Die ganze Erscheinung war entschieden gewöhnlich, um nicht zu sagen gemein, und selbst der Ausdruck unverhohlenen Triumphes, der jetzt darauf lag, war nicht imstande, ihr ein andres Gepräge zu geben. Es war in der That ein unendlicher Triumph, mit dem er das Brautpaar betrachtete und dann auf die glänzende Versammlung, auf die dicht besetzten Reihen der Kirchstühle schaute, eine Genugthuung, mit der man die Erreichung eines langerstrebten Zieles begrüßt und empfindet; ihm trübte sicher kein Schatten die Freude an der bevorstehenden Festlichkeit.

Diese beiden Männer schienen aber auch die einzigen zu sein, die ihr ein tieferes Interesse widmeten, das Brautpaar zum mindesten that es nicht. Der fremdeste, unbeteiligtste der Gäste hätte keine vollendetere Gleichgültigkeit bei dem feierlichen Akt zur Schau tragen können, als diese beiden Menschen, die in wenigen Minuten einander für immer angehören sollten. Die etwa neunzehnjährige Braut war unleugbar ein schönes Mädchen, aber es wehte etwas wie ein eisiger Hauch um sie her, der wenig zu dem Ort und der Stunde paßte. Das Licht der Altarkerzen spielte in den schweren Falten des weißen Atlasgewandes, es blitzte in den Diamanten des kostbaren Schmuckes, aber es fiel auf ein Antlitz, das mit der Kälte des Marmors auch dessen ganze Kälte und Starrheit empfangen zu haben schien, wenigstens für diese Stunde, die doch sonst selbst die kälteste Ruhe zu beleben pflegt. Das Aschblond der Haare, in denen der Myrtenkranz lag, kontrastierte seltsam mit den dunklen Augenbrauen und den dunklen, fast schwarzen Augen, die sie kaum ein- oder zweimal während der ganzen Zeremonie zu dem Geistlichen emporhob. Das regelmäßige, etwas bleiche Gesicht, an dessen Seiten der Brautschleier niederfloß, trug den Ausdruck jener Vornehmheit, die wohl angeboren, aber nicht anerzogen werden kann. Vornehmheit war überhaupt das vorherrschende Element in dieser Erscheinung, sie verriet sich nicht bloß in den zart und edel gezeichneten Linien der Züge, auch in der Haltung, in dem ganzen Wesen prägte sie sich so deutlich aus, daß jede andre, vielleicht charakteristischere Eigenschaft davor in den Hintergrund trat. Die junge Dame schien nur geschaffen, um auf den Höhen des Lebens einherzuschweben und nie mit dem in Berührung zu kommen, was sich etwa noch von Menschen und Verhältnissen da unten regte. Und trotz alledem lag in den dunklen Augen etwas, das mehr Energie und Charakter verriet, als man bei einer Salondame zu finden pflegt, und vielleicht forderte gerade die jetzige Stunde diese Energie und diesen Charakter in die Schranken, denn die Blicke des Herrn in Uniform zu ihrer Rechten und der drei jüngern Offiziere, die hinter ihm standen, hafteten, je weiter die Zeremonie vorschritt, desto forschender, ängstlicher auf ihrem Gesichte, das indessen so kalt und ruhig blieb, wie es vom ersten Momente an gewesen. Der Bräutigam an ihrer Seite war ein junger Mann von etwa achtundzwanzig Jahren, eine jener nicht eben seltenen Gestalten, die wie eigens geschaffen scheinen für den glänzenden Rahmen des Salons, die nur auf diesem Boden ihre Bedeutung finden, ihre Triumphe feiern und ihr Leben hinbringen. Von tadelloser Eleganz in Haltung und Toilette, verriet sein ganzes Wesen gleichwohl den Höhepunkt der Blasiertheit. Die an sich feinen und anziehenden Züge trugen den Ausdruck einer so grenzenlosen Apathie, einer so tödlichen Gleichgültigkeit gegen alles und jedes, daß sie jeden Reiz für den Beobachter verloren. Da war alles so matt, so farblos, auch nicht ein Hauch von Röte auf den Wangen, auch nicht ein Schein von Leben in dem Gesichte, das da aussah, als könne es sich weder in Freude noch in Schmerz zu der mindesten Erregung mehr aufschwingen. Er hatte seine Braut zum Altare geführt, wie man in der Gesellschaft die Damen an ihren Platz geleitet und jetzt stand er neben ihr und hielt ihre Hand in der seinen genau in derselben apathischen Weise. Weder die Wichtigkeit des Schrittes, den er zu thun im Begriff stand, noch die Schönheit der Frau, die ihm angetraut werden sollte, schienen auch nur den geringsten Eindruck auf ihn zu machen.

Die Rede des Geistlichen war zu Ende, und er schritt zur eigentlichen Zeremonie der Trauung. Laut und klar hallte seine Stimme durch die Kirche, als er Herrn Arthur Berkow und die Baroneß Eugenie Maria Anna von Windeg-Rabenau fragte, ob sie einander als Gatten angehören wollten.

Wieder zuckte es durch das Antlitz des Offiziers drüben, und ein Blick fast des Hasses sprühte nach der andern Seite hinüber – in der nächsten Minute schon war das zweifache Ja gesprochen, mit dem einer der ältesten, stolzesten Namen der Aristokratie gegen das einfach bürgerliche Berkow umgetauscht wurde.

Kaum war die Trauung zu Ende und das letzte Wort des Segens gesprochen, als der brillantengeschmückte Herr sich eilig vordrängte, augenscheinlich in der Absicht, die Neuvermählte mit großer Ostentation zu umarmen; doch noch ehe er diesen Entschluß ausführen konnte, stand bereits der Offizier da. Ruhig, aber mit einer Miene, als nehme er ein unabweisbares Recht in Anspruch, trat er zwischen beide und schloß, als der erste, die junge Frau in seine Arme; doch die Lippen, welche ihre Stirn berührten, waren kalt, und sein Antlitz, das, zu ihr niedergebeugt, einige Sekunden lang allen übrigen entzogen blieb, trug einen ganz andern Ausdruck als vorhin in seiner ruhigen stolzen Würde.

»Mut, mein Vater, es mußte sein!«

Die Worte, ihm nur allein verständlich, streiften leise, fast unhörbar an seinem Ohre hin; aber sie gaben ihm die Fassung wieder. Noch einmal preßte er die Tochter an sich, es lag fast etwas wie Abbitte in der Zärtlichkeit dieser Bewegung; dann ließ er sie frei und gab sie der unvermeidlichen Umarmung des andern Herrn preis, der bisher mit sichtlicher Ungeduld gewartet hatte und es sich nun nicht nehmen ließ, seine »teure Schwiegertochter« zu begrüßen. Diese machte allerdings keinen Versuch, sich ihm zu entziehen, denn die Augen der ganzen Kirche waren auf sie gerichtet. Sie stand unbeweglich, kein Zug des schönen Gesichtes veränderte sich, nur das Auge hatte sie emporgehoben, aber es lag in diesem Blicke ein so unnahbarer Stolz, eine so eisige Zurückweisung dessen, was sie nicht verweigern durfte, daß sie selbst hier verstanden wurde. Etwas aus der Fassung gebracht, änderte der Schwiegervater seine stürmische Zärtlichkeit sofort in respektvolle Artigkeit um, und als in der nächsten Minute die Umarmung nun wirklich erfolgte, da war sie in der That nicht viel mehr als eine Form, bei der seine Arme eben nur die duftigen Wogen des Brautschleiers streiften. Das ganze wahrlich nicht geringe Selbstbewußtsein des neuen Verwandten hatte doch vor diesem Blicke nicht standgehalten.

Der junge Berkow machte seinem Schwiegervater die Sache nicht so schwer. Etwas, das wie ein Händedruck aussah und bei dem in Wirklichkeit kaum seine weißen Handschuhe mit denen des Barons in Berührung kamen, wurde zwischen ihnen gewechselt; er schien beiden vollkommen zu genügen; dann reichte er seiner jungen Gattin den Arm, um sie hinauszuführen. Die Atlasschleppe der Braut rauschte über die Marmorstufen, hinter den Voranschreitenden schloß sich die schimmernde Woge der Gäste, die dem Paare folgten, und bald darauf hörte man auch die Equipagen draußen eine nach der andern fortrollen.

Auch die Kirche entleerte sich rasch; teils drängte man nach den Thüren, um die Einsteigenden noch einmal zu sehen; teils eilte man, draußen all den unendlich wichtigen Bemerkungen und Beobachtungen über Toilette, Haltung und Aussehen des Brautpaares und der zunächst Beteiligten Luft zu machen. In weniger als zehn Minuten war der weite Raum vollkommen leer und öde; nur das Abendrot blickte durch die hohen Fenster und überflutete den Altar und das Altargemälde mit seinem roten Lichte, so daß die Gestalten auf dem Goldgrunde zu leben schienen. Von einem Luftzuge bewegt, wehten die Flammen der Kerzen hin und her, und am Boden dufteten die Blumen, die man in verschwenderischer Fülle dorthin gestreut hatte. Die Schleppen der Damen waren darüber hingerauscht, der Fuß der Herren hatte sie zertreten. Zu was sollten die armen Blumen auch weiter dienen inmitten all der so reich entfalteten Diamantenpracht bei jenem Feste, mit dem die Verbindung zwischen der Tochter eines alten reichsfreiherrlichen Adelsgeschlechtes und dem Sohne eines der Millionäre der Residenz gefeiert wurde! Vor dem Windegschen Hause fuhren bereits die Wagen an, und drinnen in den festlich erleuchteten Räumen begann es lebendig zu werden. Im Empfangsaale, vom hellsten Kerzenglanze umflossen, stand die junge Frau am Arme ihres Gatten, so schön, so stolz und so eisig, wie sie eine Stunde zuvor am Altar gestanden hatte, und nahm die Glückwünsche der sie umdrängenden Gesellschaft entgegen. Ob es wirklich ein Glück war, was sie soeben mit ihrem Ja besiegelt – der düstere Schatten, der noch immer auf der stolzen Stirn ihres Vaters ruhte, gab vielleicht die Antwort darauf. Nun, Gott sei Dank, jetzt endlich wären wir in Ordnung! Es war aber auch die höchste Zeit, in einer Viertelstunde können sie hier sein. Ich habe die Leute oben auf dem Hügel genau instruiert; sobald der Wagen auf der Höhe sichtbar wird, kracht der erste Böllerschuß.«

»Aber, Herr Direktor, Sie sind ja heute ganz Eifer und Aufgeregtheit!«

»Sparen Sie doch Ihre Kräfte für den wichtigen Moment des Empfanges!«

»In Ihrer heutigen Stellung freilich, als Zeremonienmeister und Hofmarschall – – –!«

»Sparen Sie Ihre Witzeleien, meine Herren!« unterbrach der Direktor ärgerlich die Spöttelnden. »Ich wollte, man hätte einen von Ihnen mit diesem verwünschten Posten beehrt. Ich habe genug daran!«

Das ganze sehr zahlreiche Beamtenpersonal der großen Berkowschen Gruben und Bergwerke war in vollster Gala am Fuße der Terrasse des Wohngebäudes versammelt. Das schloßartige, im modernsten und elegantesten Villenstile erbaute Landhaus mit seiner reichen Fassade, seinen hohen Spiegelfenstern und dem prachtvollen Eingangsportale machte schon an sich einen großartigen Eindruck, der durch die weiten geschmackvollen Gartenanlagen, welche es von allen Seiten umgaben, noch mehr gehoben wurde, zumal heute, wo alles im Festgewande erschien. Man hatte augenscheinlich die sämtlichen Treibhäuser entleert, um Treppenflure, Balkons und Terrassen mit dem reichsten Blumenschmucke zu, zieren. Die kostbarsten und seltensten Gewächse, die sonst schwerlich mit der freien Luft in Berührung kamen, entfalteten hier ihre Farbenpracht und ihren Blütenduft. Auf den weiten Rasenplätzen warfen die Fontänen ihren schimmernden Strahl hoch in die Lüfte, umgeben von dem ganzen sorgfältig gepflegten Schmucke des heimischen Frühlings in seinem ersten Erwachen, und vorn am Eingänge öffnete eine riesige Ehrenpforte, mit Guirlanden und Fahnen verschwenderisch dekoriert, ihr blumengeschmücktes Thor.

»Ich habe genug daran!« wiederholte der Direktor, indem er in den Kreis der übrigen Herren trat. »Da verlangt Herr Berkow einen möglichst glänzenden Empfang und glaubt alles gethan zu haben, wenn er uns einen unbeschränkten Kredit auf die Kasse anweist, mit dem guten Willen der Leute rechnet er nie. Ja, wenn wir noch die Arbeiter von vor zwanzig Jahren hätten! Wenn es da einmal einen freien Tag gab, eine Festlichkeit und abends Tanz, da brauchte man wegen des Vivatrufens nicht in Sorge zu sein, aber jetzt – passive Gleichgültigkeit auf der einen, offene Widersetzlichkeit auf der andern Seite; es fehlte nicht viel, so hätte man der jungen Herrschaft jeden Empfang überhaupt verweigert. Wenn Sie morgen nach der Residenz zurückkehren, Herr Schäffer, so könnte es nicht schaden, wenn Sie bei dem Bericht über unsre Festlichkeit gelegentlich einen Wink fallen ließen über das, was man dort nicht weiß oder nicht wissen will.«

»Ich werde mich hüten!« entgegnete der Angeredete trocken.

»Haben Sie etwa Lust, die Höflichkeit unsres verehrten Chefs auszuhalten, wenn er etwas ihm Mißliebiges erfährt? Ich ziehe in solchem Falle eine möglichst weite Entfernung von seiner Person vor.«

Die übrigen Herren lachten; es schien gerade nicht, als erfreute sich der abwesende Chef einer besonderen Ehrerbietung in ihrem Kreise.

»Also hat er die vornehme Heirat doch wirklich durchgesetzt!« nahm der Oberingenieur das Wort. »Mühe genug hat er sich darum gegeben, und es ist doch wenigstens ein Ersatz für das Adelsdiplom, das man ihm bisher immer noch hartnäckig verweigerte, und worauf doch sein ganzes Dichten und Trachten gerichtet ist. Zum mindesten hat er den Triumph, zu sehen, daß der alte Adel keinen Anstoß mehr an seinem Bürgertum nimmt; die Windegs verschwägern sich ja mit ihm.«

Herr Schäffer zuckte die Achseln. »Denen blieb wohl überhaupt keine Wahl mehr! Die derangierten Verhältnisse der Familie sind kein Geheimnis in der Residenz. Ob es dem stolzen Baron gerade leicht geworden ist, seine Tochter zu einer solchen Spekulation herzugeben, bezweifle ich; die Windegs gehörten von jeher nicht bloß zur ältesten, sondern auch zur hochmütigsten Aristokratie. Nun, schließlich beugt sich auch das einmal der bitteren Notwendigkeit.«

»So viel steht fest, uns wird diese vornehme Verwandtschaft viel Geld kosten!« sagte der Direktor kopfschüttelnd. »Der Baron hat wahrscheinlich seine Bedingungen gestellt. Uebrigens kann ich durchaus nicht den Zweck all dieser Opfer einsehen. Ja, wenn es noch eine Tochter wäre, der man Rang und Namen damit erkaufte; Herr Arthur aber bleibt nach wie vor bürgerlich, trotz des uralten Stammbaumes seiner Gemahlin.«

»Glauben Sie? Ich möchte für das Gegenteil bürgen. Solche Verwandtschaft thut früher oder später immer ihre Wirkung. Dem Gemahl der Baroneß Windeg-Rabenau, dem Schwiegersohn des Barons wird man schließlich den Adel doch nicht versagen, den der Vater bisher vergebens erstrebte, und was diesen betrifft, so wird man es auch nicht hindern können, daß er im Salon seiner Schwiegertochter mit den Kreisen in Berührung kommt, die bis jetzt noch immer entschieden Front gegen ihn gemacht haben. Lehren Sie mich unsern Chef kennen! Er weiß sehr genau, was diese Heirat ihm einbringt, und deshalb kann er es sich auch etwas kosten lassen.«

Einer von den Verwaltungsbeamten, ein junger, sehr blonder Mann, mit etwas engem Frack und tadellos sitzenden Glacéhandschuhen, hielt es für passend, jetzt gleichfalls eine Bemerkung laut werden zu lassen.

»Ich begreife nur nicht, warum die Neuvermählten ihre Hochzeitsreise hierher in unsre Einsamkeit richten, und nicht nach dem Lande der Poesie, nach Italien –«

Der Oberingenieur lachte laut auf. »Ich bitte Sie, Wilberg! Poesie bei dieser Heirat zwischen Geld und Namen! Uebrigens sind die Hochzeitsreisen nach Italien jetzt so Mode geworden, daß sie Herrn Berkow wahrscheinlich auch schon zu bürgerlich erscheinen. Die Aristokratie geht in solchem Falle, auf ihre Güter, und man will doch nun vor allen Dingen aristokratisch und nur aristokratisch sein.«

»Ich fürchte, die Sache hat einen ernsteren Grund,« sagte der Direktor. »Man argwöhnt, der junge Herr könnte es in Rom oder Neapel ebenso treiben, wie er es während der letzten Jahre in der Residenz getrieben hat, und der Wirtschaft ein Ende zu machen, war doch wohl die höchste Zeit. Die Verschwendung ging ja zuletzt in die Hunderttausende! Man kann einen Brunnen ausschöpfen und Herr Arthur war auf dem besten Wege, seinem Vater dies Experiment vorzumachen.«

Die schmalen Lippen Schäffers verzogen sich sarkastisch. »Der Vater hat ihn ja von jeher dazu angehalten, er erntet nur, was er selbst gesäet! Uebrigens können Sie recht haben, hier in der Einsamkeit lernt man vielleicht eher dem Zügel einer jungen Frau gehorchen. Ich fürchte nur, sie faßt ihre allerdings wenig beneidenswerte Aufgabe mit sehr geringem Enthusiasmus auf.«

»Sie glauben, daß man sie gezwungen hat?« fragte Wilberg eifrig.

»Warum nicht gar, gezwungen! So tragisch geht die Sache in unsern Tagen nicht mehr zu. Sie wird einfach vernünftigem Zureden und einem klaren Einblick in die Verhältnisse nachgegeben haben, und ich bin überzeugt, diese Konvenienzehe wird eine ganz erträgliche werden, wie in den meisten derartigen Fällen.«

Der blonde Herr Wilberg, der augenscheinlich eine Leidenschaft für das Tragische hatte, schüttelte melancholisch den Kopf.

»Vielleicht auch nicht! Wenn nun später in dem Herzen der jungen Frau die wahre Liebe erwacht, wenn ein andrer – mein Gott, Hartmann, können Sie Ihren Zug denn nicht drüben entlang führen? Sie hüllen uns ja in eine förmliche Staubwolke mit Ihrer Kolonne!«

Der junge Bergmann, an den diese Worte gerichtet waren und der soeben an der Spitze von etwa fünfzig seiner Kameraden vorüberkam, warf einen verächtlichen Blick auf den feinen Gesellschaftsanzug des Sprechenden, und dann einen zweiten auf den sandigen Fahrweg, wo die plumpen Schuhe der Bergleute allerdings einigen Staub aufwirbelten.

»Nach rechts hinüber!« kommandierte er, und mit einer fast militärischen Pünktlichkeit schwenkte die Schar ab und schlug die angegebene Richtung ein.

»Ein Bär, dieser Hartmann!« sagte Wilberg, sich mit dem Taschentuch den Staub vom Frack fächelnd. »Hat er wohl ein Wort der Entschuldigung für seine Ungeschicklichkeit? ›Nach rechts hinüber!‹ Mit einem Kommandotone, als wenn ein General seinen Truppen befiehlt. Und was er sich überhaupt alles herausnimmt! Hätte sich sein Vater nicht ins Mittel gelegt, er hätte der Martha Ewers verboten, mein Gedicht zum Empfang der jungen gnädigen Frau herzusagen, mein Gedicht, das ich –«

»Nun bereits aller Welt vorgelesen habe!« ergänzte der Oberingenieur halblaut zum Direktor gewandt. »Wenn es nur etwas kürzer wäre! Uebrigens hat er recht, es war eine Unverschämtheit von Hartmann, das verbieten zu wollen. Sie hätten ihn mit seinen Leuten auch nicht gerade hier postieren sollen; von denen ist kein Empfang zu erwarten, es sind die widerspenstigsten Bursche der ganzen Werke.«

Der Direktor zuckte die Achseln. »Aber auch die stattlichsten! All die übrigen habe ich im Dorfe und auf dem Wege hieher aufgestellt, die Elite unsrer Knappschaft gehört an die Ehrenpforte. Man will bei solcher Gelegenheit doch wenigstens Staat machen mit seinen Leuten.«

Der junge Bergmann, von dem soeben die Rede war, hatte inzwischen seine Kameraden rings um die Ehrenpforte postiert und sich an ihre Spitze gestellt. Der Direktor hatte recht, es waren stattliche Bursche, aber sie blieben doch sämtlich zurück hinter der Erscheinung ihres Führers, der sie alle fast um Kopfeslänge überragte. Es war eine mächtige, kraftvolle Gestalt, dieser Hartmann, der sich in der dunkeln Bergmannstracht äußerst vorteilhaft ausnahm. Das Gesicht war nicht eigentlich schön zu nennen, wenn man die strengen Regeln der Schönheit darauf in Anwendung brachte, die Stirn erschien vielleicht etwas zu niedrig, die Lippen waren zu voll, die Linien nicht edel genug, aber sicher waren diese scharf und fest gezeichneten Züge nicht gewöhnlich. Das blonde Kraushaar legte sich dicht um die breite, wuchtige Stirn, während ein blonder, gekräuselter Bart den unteren Teil des Gesichts umgab, dessen kräftige, männlich braune Farbe nicht verriet, daß es die Luft und den Sonnenschein so oft entbehren mußte. Die Lippen waren trotzig aufgeworfen und in den blauen, finster blickenden Augen lag jenes Etwas, das sich nicht beschreiben läßt, das aber von gewöhnlichen Naturen sofort als Ueberlegenheit herausgefühlt und respektiert wird. Die ganze Erscheinung des Mannes war die verkörperte Energie, und so wenig Sympathie sie in ihrer starren Haltung auch erwecken mochte, so entschieden erzwang sie sich Bedeutung gleich beim ersten Anblick.

Ein älterer Mann, der, obgleich er auch die Bergmannskleidung trug, doch nicht zu den Arbeitern zu gehören schien, näherte sich jetzt in Begleitung eines jungen Mädchens und blieb dicht vor der Gruppe stehen.

»Glück auf! Da wären wir jetzt auch! Wie steht's, Ulrich, seid ihr in Ordnung?«

Ulrich bejahte kurz, während die übrigen den Gruß des Alten mit einem kräftigen »Glück auf, Herr Schichtmeister!« beantworteten und die Blicke der meisten sich auf dessen junge Begleiterin wandten.

Das etwa zwanzigjährige Mädchen konnte nun allerdings für sehr hübsch gelten und die hier übliche festliche Landestracht stand ihr ganz reizend. Eher klein als groß, reichte ihr Scheitel kaum bis zur Schulter des riesigen Hartmann, dichte dunkle Flechten umgaben ein frisches jugendliches Gesicht, leicht gebräunt von der Sonne, mit blühenden Wangen, klaren blauen Augen und kräftigen, aber dennoch anmutigen Formen. Sie hatte eine Bewegung gemacht, wie um dem jungen Bergmann die Hand zu reichen, als dieser aber mit verschränkten Armen stehen blieb, sank auch der ihrige schnell wieder herab; der Schichtmeister bemerkte es und heftete einen scharfen Blick auf beide.

»Wir sind wohl übler Laune, weil wir unsern Willen diesmal nicht durchgesetzt haben?« fragte er, »Tröste dich, Ulrich, es kommt selten genug vor, aber wenn du es zu arg treibst, muß der Vater auch einmal ein Machtwort sprechen.«

»Wenn ich etwas über die Martha zu sagen hätte, dann hätte ich's gesprochen!« erklärte Ulrich entschieden und ein finstrer Blick glitt über den prachtvollen, jedenfalls dem Treibhause entstammenden Blumenstrauß, den das Mädchen in der Hand hielt.

»Glaube ich dir!« sagte der Alte gleichmütig, »sieht dir ganz und gar ähnlich! Vorläufig ist sie mein Schwesterkind und hat sich nach mir zu richten. Aber was ist denn das mit eurer Ehrenpforte da oben? Die große Flaggenstange hat sich ja gesenkt! Bindet sie wieder fest oder die ganze Kranzgeschichte fällt herunter.« Ulrich, an den diese Mahnung hauptsächlich gerichtet war, warf einen gleichgültigen Blick hinauf zu den bedrohten Kränzen, machte aber keine Anstalt, ihnen zu Hilfe zu kommen.

»Hörst du nicht?« wiederholte der Vater ungeduldig.

»Ich dächte, ich stände bei den Gruben in Arbeit, nicht hier bei der Ehrenpforte. Ist's nicht genug, daß wir hier oben Wache halten müssen? Wer das Ding gebaut hat, mag es auch in Ordnung bringen.«

»Kannst du denn das alte Lied nicht einmal heute lassen?« fuhr der Schichtmeister ärgerlich auf. »Nun, so steige einer von euch andern hinauf!«

Die Bergleute blickten auf Ulrich, als erwarteten sie von diesem ein Zeichen der Zustimmung, da dies aber nicht erfolgte, so rührte sich keiner, nur einer machte Miene, der Aufforderung Folge zu leisten; der junge Führer wandte sich schweigend um und sah ihn an. Es war nur ein einziger Blick der herrischen blauen Augen, aber er hatte die Wirkung eines Befehls, jener trat sofort zurück, keine Hand regte sich mehr.

»Ich wollte, sie fiele euch auf die harten Köpfe!« rief der Schichtmeister heftig, indem er mit jugendlicher Rüstigkeit selbst hinaufstieg und die Flaggenstange festband. »Vielleicht lerntet ihr dann, wie man sich bei einem Feste zu benehmen hat. Den Lorenz habt ihr auch schon verdorben, der war bisher noch der beste unter euch, aber der freilich thut ja nur, was sein Herr Meister, der Ulrich, ihm befiehlt!«

»Sollen wir uns vielleicht freuen, daß nun noch ein neues vornehmes Regiment hier angeht?« fragte Ulrich halblaut. »Ich dächte, wir hätten an dem alten genug!«

Der Schichtmeister, mit der Fahne beschäftigt, hörte zum Glück diese Aeußerung nicht, das junge Mädchen aber, das bisher stumm seitwärts gestanden hatte, wandte sich hastig um und warf einen besorgten Blick nach oben.

»Ulrich, ich bitte dich!«

Der trotzige junge Bergmann schwieg nun zwar auf diese Mahnung, aber seine Züge wurden um keinen Schein milder und nachgiebiger dabei. Das Mädchen war vor ihm stehen geblieben, es schien ihr schwer zu werden, etwas auszusprechen, das halb wie eine Frage und doch auch halb wie eine Bitte klang, endlich sagte sie leise:

»Und du willst heute abend wirklich nicht zum Feste kommen?« »Nein.«

»Ulrich –«

»Laß mich in Ruhe, Martha, du weißt, ich mag eure Tanzgeschichten nicht.«

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