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Glossen bis 1924

Karl Kraus: Glossen bis 1924 - Kapitel 1
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typesatire
authorKarl Kraus
titleGlossen bis 1924
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Ein Tag aus der großen Zeit

Seite 9:

Der eiserne Kriegsbecher
Aufruf des Ehrenausschusses

Wien, 2. August.

Wir haben bereits das neueste Kriegsandenken, den eisernen Kriegsbecher, eingehend besprochen. Der Gedanke, dem Publikum zum Dank für die durch den Ankauf eines Bechers geleistete Kriegshilfe die Erwerbung eines wirklich schönen und nicht alltäglichen Erinnerungszeichens zu ermöglichen, stammt vom Statthalter der Steiermark, Grafen Manfred Clary und Aldringen. Die außerordentlich geschmackvolle Form und Ziselierung des Festbechers (denn als solcher ist das durch die große Zeit geweihte Trinkgefäß gedacht) hat Professor Marschall geschaffen. Der Aufruf, in welchem sich der Ehrenausschuß an die Öffentlichkeit wendet, hat folgenden Wortlaut: Denkmale, welche die Völker dem Ruhme der Vergangenheit errichten, reden zu allen und sind Gemeingut. Aber auch in der Einsamkeit oder im engen Kreis der Familie schwingt sich das Gemüt des einzelne zu den höchsten Höhen allgemeiner Begeisterung empor, so oft ihn die im eigenen Heim als teures Kleinod aufbewahrten Erinnerungszeichen und Symbole an große Zeiten gemahnen. Und welch große Zeit durchleben wir heute! Ja, wann waren die Waffen geheiligter als jetzt, da sich die Völker der Monarchie in flammender Empörung erhoben und in hingebender Begeisterung um ihren heißverehrten Kaiser scharten, den tückischen Einbruch des Feindes abzuwehren – wann pochten mächtigere Feinde, größere Gefahren an die Tore des altehrwürdigen Reiches seit den Zeiten, da in Ost und West auflodernde Flammen im welthistorischen Ringen seinen Bestandbedrohten und zum erstenmal des großen Prinzen Eugenius sieghaftes Lied erklang. Es war die weihevolle Stunde, als es nun wiederum erscholl und Antwort fand im mächtigen deutschen Kriegsgesang. Und als unser heißgeliebter Monarch zu seinem erhabenen Bundesgenossen die herrlichen Worte sprach:«In Treue drücke ich deine starke Hand«, da schlugen hoch auf die Herzen, und von der Nordsee bis zur Adria, vom Rhein bis zur Donau rauschte in heiliger Welle das Gelöbnis des Treubundes. Der Glanz antiker Größe durchleuchtet unsere Zeit – er umstrahlt unsere Helden im Felde und schimmert in Palast und Hütte. Einen Abglanz davon noch lebendig zu erhalten und noch Kindern und Enkeln zu vermitteln in einem Symbol, einem Erinnerungszeichen von dauerndem Werte, ist unser Gedanke.

Es war von vornherein klar, daß dieses Ziel nur durch Schaffung eines Erinnerungsgegenstandes erreichbar ist, der in jedem Hause Verwendung finden kann, daß er aber, um Dauerwert zu gewinnen, auch würdig sein muß, die Größe der Zeit und die Heiligkeit unseres Bündnisses in wahrhaft künstlerischer Weise zu versinnlichen und trotzdem auch dem Minderbemittelten erschwinglich sein soll.

Nichts eignet sich hiezu besser als der Becher; findet er doch meist bei feierlichen Anlässen Verwendung. Wie kein anderer Gegenstand eignet er sich, die Erinnerung an die große Zeit der Verbrüderung in uns zu erwecken, zugleich aber auch eine sinnige Zier jedes Heims zu bilden.

Der Kriegsbecher 1914/15, das Symbol der Erinnerung an heroische Zeit und der Verbrüderung in gemeinsamer Gefahr muß den hellsten Widerhall in den verbündeten Völkern finden.

Mit der Verkörperung dieses Gedankens betraut, schuf Kammermedailleur Professor Marschall in Wien, eine Berühmtheit auf diesem Gebiete und zugleich der einzige Künstler, dem es in letzter Zeit gegönnt war, Billdnisse der beiden erhabenen Majestäten in voller Lebenswahrheit zu modellieren, nach Überwindung vielfacher Schwierigkeiten ein auserlesen schönes Bechermodell, das auf einem EdelmetalIreifen das herrliche Doppelmedaillon der hohen verbündeten Majestäten trägt nebst dem von Ottokar Kernstock, dem berühmten Sänger des »St. Jörg«, verfaßten Becherspruche:

Klar, wie dies Glas ist unser Recht! Weh' dem, der es zerbrechen möcht'! Unsere harte, eherne Zeit wies noch einen ganz besonderen Weg. Was sollte sinnfälliger und packender die späteren Generationen an diese Zeit und unserTreuegelöbnis erinnern,als der ihnen von den Vätern aus der Heldenzeit ererbte eiserne Kriegsbecher. Kernstock gab den Spruch: Den eisernen Becher, den vollen weiht, Den eisernen Helden der eisernen Zeit!

Seite 10:

Das Inkrafttreten des Schlagobersverbotes in Wien
Der erste Tag des »obersfreien« Wiener Kriegsjause.

Wien, 2. August.

Mit dem gestrigen Tage war in Wien die Statthaltereiverordnung, die die Verwendung von Schlagobers, und zwar sowohl die Erzeugung als den Verkauf und die gewerbsmäßige Verwendung verbietet, in Kraft getreten. Auch zur gewerbsmäßigen Erzeugung non Gefrornem war von heute ob die Milchverwendung untersagt, was das Ende alter Arten von »Obersgefrornem« bedeutete. Die Durchführung der Verordnung ging, wie hervorzuheben ist, ganz glatt von statten. Das Publikum der Kaffeehäuser fügte sich widerspruchslos in die neue Ordnung, die mit der notwendigen Einschränkung des Milchverbrauches begründet ist. Wie die Abschaffung des Weißgebäcks, so wurde auch die Abschaffung des Schlagobers verständnisvoll als eine jener zweckmäßigen Maßregeln hingenommen, die uns das Durchhalten erleichtern sollen. Bemerkenswert waren die Veränderungen in der »Wiener Jause«, die der gestrige Tag bereits beobachten ließ. In den Küchen der Stadtkaffeehäuser gab es plötzlich ganz überflüssige Geräte ; die außer Dienst gestellten »Schlagobersmaschinen«. Als die Jausenzeit in den zahllosen »Jausenstationen« des Wiener Rayons herannahte, trat das neue Verbot erst eigentlich in Erscheinung. Überall wurde Kaffee ohne die so charakteristischen weißen »Borten« von Obers serviert. Die zahlreichen Damenjausenbesucherinnen auf den Kaffeeterrassen nahmen die vom Markör kurz erläuterte Abschaffung des gewohnten Doppelschlag mit Verständnis entgegen und bestellten einfach – »Melange mit Haut«. In den Kaffeehäusern sind im Kellnerjargon die Stammgäste längst in »Schlag«- und in »Hautesser« eingeteilt. Letztere, zumeist Herren, mußten jedoch die gewohnte Zutat heute vielfach entbehren, da von einem Liter Milch beim besten Willen nicht mehr als höchstens fünf Portionen damit versehen werden konnten. Eine weitere Folge der Reform war, daß die Markörkunststücke, sieben bis acht Kaffeegläser auf einmal zu befördern, nicht mehr durchführbar waren. Ein Markör erklärte dies damit, daß der »Gupf« von Schlagobers bisher eine feste Bindung des Kaffees nach oben gebildet habe, so daß nichts verschüttet werden konnte. Nun aber gerate die leere Flüssigkeit allzu leicht ins »Schwabbern«, so daß nur mehr drei bis vier Tassen auf einmal getragen werden könnten. Die zweite Neuerung des gestrige Tages in den Kaffeehäusern war die Abschaffung des Obersgefrornen. Die Kaffeesieder halfen sich damit, daß sie das Gefrorne – kalt gestelltes Kaffee-Eis – statt mit Beimengung von Obers mit – Wasser versetzten. Die breite Lage von Obers auf den Gläsern wurde, um der Darbietung ein »Gesicht« zu geben, durch gehäuftes Vanilleeis halbwegs ersetzt, auch wurden hie und da größere Portionen geboten. Auch die übrigen Gefrornensorten wurden noch geboten, jedoch mit Wasser hergestellt und ohne Obersschaum. Das Publikum hielt sich mehr an die Fruchteissorten, »Erdbeer«. »Himbeer« usw. Bei den Zuckerbäckern versuchte man gleichfalls, das entfallende Schlagobers so gut als möglich zu ersetzen. Die Schlagoberskrapfen waren sämtlich verschwunden. Wie schon angekündigt, half man sich mit »Schnee« aus Eiweiß. Die »Erdbeeren mit Rahm«, bisher eine im Sommer beliebte Erfrischung, waren natürlich nicht zu ersetzen. Aber auch das Publikum der Zuckerbäcker erwies sich als verständig genug, um sich mit der unvermeidlichen Maßregel, die die Schonung der Milchvorräte bezweckt, rasch abzufinden. In Kreisen der Gewerbe. die sich mit den durch das Schlagobersverbot berührten Artikeln befassen, konnte man vielfach Zweifel bezüglich der Gültigkeit des Verbotes hinsichtlich eventueller Verwendung von Trockenmilchtabletten zur Eisbereitung vernehmen. Tatsächlich ist die Trockenmilch, die auch vom Auslande eingeführt wird, in der Verordnung nicht erwähnt, und es bedürfte entsprechender Unterweisung, ob auch die Trockenmilch in das Milchberbot bei der Eiserzeugung einbezogen ist.

Die wackre Schalek forcht sich nit

ging ihres Weges Schritt vor Schritt, ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken und tät nur spöttisch um sich blicken. Die Schalek oder wie ihr Untertitel lautet, »die erste und bisher einzige vom Kriegspressequartier als Berichterstatterin zugelassene Dame« – denn willst du wissen, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an –, die Schalek also ist jetzt »in der Glut des Erlebens«, hat nur Spott und Hohn für das tatenlose Hinterland, verachtet die »Daheimhockenden, die aus der Zeitung den Krieg erleben«, aus der Zeitung, für welche die Schalek berichtet, bedauert jeden, »dem es nicht vergönnt ist, Tirol im Kriege zu sehen«, und läßt sich von keiner Gefahr anfechten. Was auf den ersten Blick wie ein selbst in dieser großen Zeit auffallender Mangel an Schamgefühl berührt, ist nur jener frische Offensivgeist, mit dem die Schalek bis an die vorderste Front vordringt und worin sie es kecklich mit einem Roda Roda aufnimmt oder mit einem Klein, der auch schon in Schützengräben gefrühstückt hat. Sie fühlt sich zwischen Batterien zuhause, wie nur eine andere zwischen Dunstobst, stellt ihren Mann, macht sich nichts daraus, einem eben beschäftigten Offizier »die Einzelheiten förmlich aus dem herb verschlossenen Mund zu ziehen« und hat auch schon tirolerisch gelernt, denn sie will gehört haben, wie ein Landesschütze gesagt hat: »Schaugts, jetzt trauen sie siach.« Es ist aber immerhin möglich, daß der diesbezügliche Landesschütze kein Tiroler, sondern ein Ischler war, den die Schalek noch aus einem Wiener Wohltätigkeitskomitee, also aus dem verächtlichsten Hinterland persönlich kennt. Aber wenn man von solchen Zufälligkeiten ab- und näher hinsieht, ist natürlich jeder Landesschütze eine Überraschung und gar jeder Standschütze ein echter Defregger oder wenn man will ein Egger-Lienz. Wie gemalt sitzen sie da, noch mehr für die Kunstkritik als für die Kriegsberichterstattung geschaffen. »Erst wenn sie ausspucken und 'Grüaß Gott!' sagen und plötzlich ein schlau verstohlenes Zwinkern ins Auge hängen«, dann fühlt man, daß sie lebendig sind. Mindestens dürfte ein Beweis für ihre Lebendigkeit sein, daß sie schlau verstohlen zwinkern, wenn sie unter den Rezensenten ihrer Tätigkeit jetzt auch ein weibliches Mitglied des Pressequartiers zu Gesicht bekommen müssen. Denn das Ausspucken und Grüaß-Gott!-sagen hätte im Verkehr mit den männlichen Angehörigen dieser Institution auch ein Ölgemälde lernen müssen. Es versteht sich aber schon von selbst, daß die Gewehrsmänner im Verkehr mit den Gewährsmännern überaus zuvorkommend sind, nun gar gegenüber einer Frau, die diesen schönen Beruf ergriffen hat, und wenn diese Gäste »auf einer Höhe von mehr als dritthalbtausend Meter« einen Stützpunkt zu inspizieren wünschen, so wird ihnen dort nicht nur etwas vorgeschossen, sondern sie finden auch einen gedeckten Tisch. »Man hat feierliche Vorbereitungen zu unserem Empfange getroffen«, und der Tisch ist mit Blumen, sogar mit Trophäen geschmückt, wobei wohl erstere eine zarte Aufmerksamkeit für die männlichen Schapseln, letztere einen Willkommgruß für die Schalek, bedeuten. Wie kühn die Schalek vergeht, erfahren wir ins ihrer eigenen Schilderung:

Einen Stützpunkt darf ich ersteigen, nachdem der Kommandant des Talabschnittes eigens in unser Quartier herübergekommen ist, um unsere Wünsche zu erfahren. Männer auf solchen Posten verfügen niemals über leere Viertelstunden –

Aber um der Presse entgegenzukommen, bringen sie's immer noch zuwege und dann werden sogar leere Stunden daraus.

Meinen großen Wunsch, einen exponierten Punkt besuchen zu dürfen, kann er freilich nicht erfüllen, weil jede unnötige Regung, die den Feind veranlassen könnte, einen Punkt, auf den er eingeschossen ist, unter Feuer zu nehmen, unsere Soldaten in Gefahr bringen kann.

Wohlgemerkt, die Soldaten – die Mitglieder des Pressequartiers und zumal die Schalek würde es nicht tuschieren.

Hingegen bekommen wir die Erlaubnis, bis zu einem Stützpunkt vorzustoßen, und da dies einen starken Fußmarsch bedingt, teilt sich das Kriegspressequartier in zwei Gruppen ...

Ein Standschütze, der der Gruppe, welcher sich die Schalek anschloß, ansichtig wurde, hatte noch die Geistesgegenwart, ein schlau verstohlenes Zwinkern ins Auge zu hängen und den Ausruf zu tun:«Schaugts, jetzt traut sie siach!« Ein anderer Standschütze, der der anderen Gruppe ansichtig wurde, spuckte nur aus und sagte Grüaß Gott! Ich schließe mich der Meinung dieses zweiten Standschützen im ersten Punkt an. Ich bitte aber Gott ausdrücklich und inständig, nicht zu grüßen, sondern Blitz und Hagel bereit zu halten und die Tiroler Landes- und Standschützendavor zu bewahren, daß ihre Leistung zum Schauspiel für Individuen werde, die statt über Operettenpremieren und Blumenkorsos zu referieren, jetzt auf einer Höhe von dritthalbtausend Meter ihr niedriges Metier ausüben. Und in irdischen Gewalten, die jetzt mehr als Gott selbst vermögen, bitte ich, auch in diesem Punkte Ernst zu machen. Den dort nicht Beschäftigten den Eintritt nach Südtirol zu verbieten. Wenn sie vorstoßen wollen, sie zurückzustoßen. Und von der vorgeschriebenen »Marschroute«, mit der sich unsere braven Feuilletonisten brüsten, höchstens mit Hintansetzung des Anfangsbuchstaben Gebrauch zu machen!

Der seelische Aufschwung

auf einer Fahrt der Elektrischen Baden-Wien. Personen: Ein Schwerbetrunkener, der im zivilen Leben ein Möbelpacker sein dürfte, Riesenfigur, buschiger Schnurrbart, Pepitahosen, welche die Spuren von übermäßigem Weingenuß und einer eben überstandenen gewaltsamen Entfernung vom Tatort zeigen. Er hat einen Sack neben sich, aus dem er hin und wieder eine Flasche hervorzieht. Er gerät mit einem Paar in Streit, weil er an das Mädchen angestoßen ist, bedroht den Begleiter, und brüllt die ganze Fahrt hindurch: »A so a Binkel – wüll sich da aufbrausnen – wos hom denn Sö fürs Votterland geleistet? Legitimiern S' Ihna! Vur mir! Schaun S' mi an – solchene Söhne wie Sö hob i im Föld – die wos mehr Bart ham als wie Sö – die leisten wos – fürs Votterland – wissen S' von wo i kumm – von Boden kumm i – vom Spitol – durt is mein Sohn – Sö Binkel – legitimiern solln S' Ihna – was glauben denn Sö – so aner – wüll sich da aufbrausnen – vielleicht weils Ihner Muckerl bei Ihna hobn – was ham denn Sö fürs Votterland geleistet? – Schaun S' mi an – i leist was – fürs Votterland – a jeder soll aufbrausnen als wia der – Sö Binkel – i leist wos – legitimiern S' Ihna – do schaun S' her – wissen S' wos dös is – a Földpostkarten von mein Neffen – fürs Votterland – Sö Binkel – legitimiern soll er sich – der Binkel – vur mir soll er sich legitimiern – hot nix geleistet – fürs Votterland –« Nachdem er sich über Zureden des schwächlich aussehenden Kondukteurs ein wenig beruhigt hat, bietet er den Umsitzenden, auf die er abwechselnd fällt, die Flasche: »G'fällig, Herr Nachbar – weil mer Österreicher san!« Ein so angesprochenes galizisches Flüchtlingsehepaar lehnt dankend ab und flieht auf andere Plätze, läßt aber an der alten Stelle den Schirm zurück. Der Kondukteur sucht den Gast, der wieder laut wird, zu beruhigen. Man hört nur noch die Worte: Binkel, Votterland und legitimieren, und hat die Empfindung, daß namentlich die beiden letzteren im Gehirn des Mannes bereits eine unauflösliche Verbindung eingegangen sind. Der Verzehrungssteuerbeamte erscheint, sichtlich erfreut, und wünscht zu wissen, was der Mann im Binkel habe. »Der Binkel – fürs Votterland – legitimiern –« grollt dieser dumpf. Er wird nach langem Zureden dazu gebracht, zu öffnen und eine Steuer von 20 Heller zu erlegen. Während dessen hält der Zug. Ein Wiener, der inzwischen den Platz eingenommen hat, wo das galizische Paar gesessen war, beginnt unzufrieden zu werden: »Da müssen mir halt alle warten, wegen so einer Lappalie! Immer gibts auf dera Strecken solche Unannehmlichkeiten!« Der unzufriedene Wiener verläßt den Zug. In der nächsten Station verläßt auch der Besoffene den Zug und ruft von außen noch, wieder lebhafter werdend: »Fürs Votterland – soll er si legitimiern – der Binkel – hat nix geleistet – fürs Votterland –« Das galizische Paar bezieht, nachdem die Gefahr beseitigt ist, wieder die alten Plätze. »Wo ist der Schirm, Herr Kondukteur wo ist der Schirm?« Den hat der unzufriedene Wiener mitgenommen, weil es draußen regnet. Aber auch das Wageninnere ist ganz naß. Sonst hat sich nichts verändert, in all der Zeit. Wir sind in Wien.

Die Nebensache

Ich suche einen
Schwiegervater

der sich mit mir in Konfektion etabliert; bin 33 Jahre alt, bekannt als Reisender und Konfektionär. Verm. verb. J. C. 331-8 Exp. d. Bl-, Berlin SW Cherez la femme, kann mann man da wohl nicht mehr sagen. Suchs Frauerl! Wo ist sie? Er sagt nicht: Einheirat, denn auch der Schwiegervater ist noch nicht etabliert. Sonst sagten sie wenigstens, daß sie das Geschäft finden wollen und darum die Frau suchen. Sie brauchten doch einen lebendigen Vorwand. Das fällt jetzt weg; der Schwiegervater ist das Rudiment einer überwundenen Entwicklung, die noch Sentimentalitäten kannte und die Frau beim Warenbestand berücksichtigte. Das ist vorbei. Ein Schwiegervater wird gesucht. Die Tochter kann tot sein, wenn sie will; ist sie bei der Hochzeit da, gut, nicht – nicht. Wird er das Konfektionslager mit dem Schwiegervater teilen! Es ist eine Neuerung in der Damenkonfektionsbranche. Konfektion ohne Dame. Der Glanz antiker Größe durchleuchtet unsere Zeit. Wo ist sie, die dieses Schicksal treffen wird? Die vielleicht die Annonce liest und nicht weiß, daß letzten Endes doch sie gemeint ist! Wo lebt die Konfektionsware? Wo lebt dieses fertige Kleidungsstück von Weib? Wo ist sie, daß ich sie beschwöre, sich jetzt zu verbergen und sich lieber zu töten als der Kadaver dieser Hyäne zu sein. Männer sterben jetzt durch Zufall, Frauen werden gebären, weil zwei sich etablieren wollen. Ein heroisches Zeitalter bricht ein. Beklaget nicht was gewesen. Komm o Morgenrot! Zwei Haderlumpen werden sich in dieser großen Zeit über dem toten Leben eines Mädchens die Hand reichen.

Formen

»Unsere Flieger statten, über vom Feinde besetzte 2000 Meter hohe Berge hinwegfliegend, den Italienern Besuche ab und geben uns sehr wertvolle Nachrichten, den Italienern elegante Visitkarten aus, Ekrasit und Eisen ab ...«

Ein Weib

»Gedanken«, die der Frau Emmi Lewald »in schlaflosen Nächten« und in Velhagen und Klasings Monatsheften kommen:

»Dreitausend tote Engländer vor der Front!« Keine Symphonie klänge mir jetzt schöner! Wie das angenehm durch die Nerven rinnt , tröstlich, hoffnungserweckend: »Dreitausend tote Engländer vor der Front!« – bis in die Träume klingt es nach und surrt wie eine schmeichelnde Melodie ums Haupt. .. .

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