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Glockenspiel

Heinrich Seidel: Glockenspiel - Kapitel 93
Quellenangabe
titleGlockenspiel
authorHeinrich Seidel
typepoem
publisherA.G. Liebeskind
addressLeipzig
sendermagnus.mueller@vetmed.uni-giessen.de
firstpub1889
modified20170929
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Die Geschichte von der kleinen, weissen, runden, allerliebsten Hand

        Ibrahim, der Sohn Mahadi's,
Vetter des Chalifen Mamun,
Schweifte einst durch Bagdads Gassen,
Ganz allein und ohne Absicht.
Da, an einem Gitterfenster,
Das nur halb geöffnet, sah er
Plötzlich eine kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand!

Ihn durchzuckt' es wie ein Blitzschlag
Und das Blut fuhr ihm zu Herzen,
Und er starrte wie gefesselt
Hin auf diesen Wunderanblick,
Sog sich fest mit seinen Augen
Und verliebte sich im Ansehn
Sterblich in die kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand!

Ibrahim, der Sohn Mahadi's,
Sann auf List. Er trat mit Gästen,
Die zu einem Feste kamen,
Unbefangen in das Haus ein,
Gleich als sei auch er geladen,
Denn er brannte zu erfahren:
Wem gehört die kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand?

Froh begrüsste ihn der Hauswirth,
Hielt ihn für den Freund der Gäste,
Überhäufte ihn mit Ehren,
Führte ihn nach reicher Mahlzeit
Mit den andern in den Prunksaal.
Ibrahim indessen dachte
Immer an die kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand!

Eine Sklavin, schön wie Mondschein,
Trat hervor mit einer Laute,
Sang ein Lied von Liebessehnsucht,
Rührte mit den schlanken Fingern
Meisterlich die goldnen Saiten.
Schön war ihre Hand – doch nimmer
War es jene kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand!

Ibrahim, der selbst ein Meister
Des Gesanges und der Saiten,
Nahm die silbertön'ge Laute,
Spielte sie, dass zum Entzücken
Hingerissen alle Lauscher,
Sang dazu ein sehnsuchtsvolles
Lied auf eine kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand!

Als die andern Gäste gingen,
Bat ihn der entzückte Hausherr:
»Bleib' und nenne deinen Namen!«
Ibrahim auf vieles Drängen
Nannte sich dem Hocherfreuten,
Und gestand, dass ihn verlockte
Jene eine kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand!

Alsobald der edle Hauswirth
Klatschte dreimal in die Hände,
Und es traten aus dem Harem
Vierzig wunderschöne Weiber,
Zeigten ihre Silberhände,
Weich und zierlich – doch darunter
War nicht jene kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand!

»Meinen ganzen Harem sahst du,
Einzig fehlt noch meine Schwester, –
Lasst sie kommen,« sprach der Hauswirth;
Und sie kam in Schönheit strahlend,
Dass die Andern all' verblassten
Wie die Sterne vor der Sonne:
Ihre war die kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand!

»Zwanzigtausend Golddukaten
Geb' ich ihr zum Heirathsgute!«
Sprach der Hauswirth und vor Zeugen
Ward die Schöne dann verschrieben
Ibrahim, dem Sohn Mahadi's,
Und es legte sich in seine
Lieblich jene kleine, weisse,
Runde, allerliebste Hand!

 


 

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