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Glockenspiel

Heinrich Seidel: Glockenspiel - Kapitel 4
Quellenangabe
titleGlockenspiel
authorHeinrich Seidel
typepoem
publisherA.G. Liebeskind
addressLeipzig
sendermagnus.mueller@vetmed.uni-giessen.de
firstpub1889
modified20170929
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In Memoriam

            Wie ging ich einst so gern den Pfad zu dir
An jenem Hügelhang. wo leis im Grunde
Im kühl bethauten Grünen lief der Bach
Entlang den Wiesenrand. Dann über's Brückchen
Am Garten hin, der blüthenreiche Wipfel
Ob seinem Zaun hinüberquellen liess.
Das Pförtchen klirrte dann. In Schattenkühle
Und süssen Duft des Gartens trat ich ein,
Und durch gewundne Gänge führte mich
Zum rosenüberrankten Häuschen hin
Der liebgewohnte Pfad. Dein Zimmerchen,
Wie zierlich war's, von mildem Duft erfüllt,
Von Sonnenschein und lieblichem Gesang
Des gelben Vögelchens. Und alles dort
So rein und so voll stiller Harmonie. –
Versunken war die laute Welt. Du lebtest
In deinem eignen Duft wie eine Blume.
Von allem unberührt, was roh und häßlich
Im Staub der Strasse wild sich hastend drängt.
Weiss trugst du gern und zart Violenblau.
Von einem sanften Rosenschimmer war
Dein lieblich Antlitz eben nur durchleuchtet.
Ich seh' dich noch, wie einstmals du im Garten
Bei jenem schönen Zentifolienstrauch
Das weiche zart geschwellte Blüthenrund
An deine Wange schmiegtest schwesterlich. –
Noch tönt es mir im Ohr, wenn gleich dem Bächlein,
Das hin durch Blumen lieblich rieselt,
Du plaudertest in stiller Dämmerung,
Wenn wir am Fenster sassen und im Westen
Des Abendrothes Schimmer still versank.

Wie ging ich einst so gern den Pfad zu dir.
In deiner Augen unschuldvolles Blau,
Bis in die Tiefen deiner reinen Seele
Voll Andacht blickt ich, und ein süsser Friede
Und eine Ahnung einer bessren Welt
Beschlich gar sanft mein zweifelvolles Herz.

*

Es führt nicht mehr derselbe Pfad zu dir
Wie einst vordem, und einmal nur im Jahr
Zur Zeit der Rosenblüthe wandl' ich ihn.
Er führt empor den düstern Lindengang
Durch jenes Eisenthores schwere Flügel.
Zypressen steh'n und Trauerweiden dort
Um blumenreiche Hügel. Sorgsam spinnt
Der dunkelgrüne Epheu seine Ranken
Um finstre Kreuze hin. – Am Juniabend,
Der still sich in die Nacht hinüberträumt,
Sitz' ich alleine dort an jenem Hügel,
Darauf die rosigweissen Rosen blühn,
Und denke dein, du holde Lichtgestalt.
Du gingst so früh zu jenen reinen Höhn,
Wo deine Heimath war. – Nur in den Herzen
Der wenigen, die dich kannten, lebst du noch
Ein selig Traumgebild.

Ich sitze einsam
Und denke dein. Schon dunkelt's im Gebüsch.
Aus finstren Schatten steigt die Nacht empor,
Die alte ew'ge Nacht, die unser aller –
Wie wir's auch treiben – Ziel und Ende bleibt.

 


 

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