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Glockenspiel

Heinrich Seidel: Glockenspiel - Kapitel 3
Quellenangabe
titleGlockenspiel
authorHeinrich Seidel
typepoem
publisherA.G. Liebeskind
addressLeipzig
sendermagnus.mueller@vetmed.uni-giessen.de
firstpub1889
modified20170929
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Aus der Kindheit

1. Glockenspiel

            Die Glocken waren mir ein Heiligthum.
Sie hingen in dem alten Glockenstuhl
Von graubemoostem Holz. Ich pochte dran
geheimen Schauers voll mit spitzem Knöchel
Und horchte, wie ein schwingend leiser Ton
Um die metallne Rundung lief und wünschte,
Und wünschte brennend als das Höchste mir,
Dass einst im Lauf der Zeiten käm' ein Tag
Da ich sie läuten dürfte und auch könnte
Wie unser Küster, der ihr Meister war,
Doch glaubt' ich kaum, so Hohes zu erreichen.
Wie oft am Sonntag sah ich still ihm zu,

Wenn er zur Kirche beierte voll Kunst:
Mit hellem Doppelschlag die eine – dumpf
Dazwischen schlug die andre ihren Takt
Anschwellen liess er bald der Töne Fluth
Und bald ersterben wieder. meisterlich. –
Die Glockentöne schwammen hin in's Land
Und zogen wie an Fäden nun herbei
Auf schmalen Wegen her durch Korn und Wiesen
Die Menschen fern und nah im weiten Rund,
Gar hohe Wirkung, war's und edle Kunst,
So däuchte mir, und werth, danach zu streben,
Und ging zur Mutter, bettelt' mir zwei Glöckchen
Vom Schlittenputz – hing sie an Fäden auf
Und spielte »Läuten« froh und stillvergnügt.

An eine andre Glocke hab' seitdem
Ich schüchtern mit dem Finger angepocht,
Und wünschte brennend als das Höchste mir,
Dass einst im Lauf der Zeiten käm' ein Tag,
Wo ich sie läuten dürfte und auch könnte, –
Doch sehr vermessen war wohl dieser Wunsch,
Denn gar gewaltig ist die mächt'ge Glocke
Und nur ein starker auserwählter Arm,
Ein gottgesegneter vermag die Kunst,
Dass rings mit Schauer der gewalt'ge Laut
Die Herzen füllt und mit Bewunderung.

Mir blieb, wie einst, mein kleines Glöckchen nur
Und stillvergnügt, wie einstmals, spiel ich »Läuten!«

2. Das Lesen

              Du Kirchlein grau, aus Feldstein aufgebaut,
Von tausend leichten Schwalben froh umschwirrt,
Du Kirchhof grün mit den zerfallnen Hügeln
Und deiner Linden hold vertrautem Rauschen,
Ich kenn' dich wohl und oft zur Abendzeit,
Wenn eine Stille wird in meinen Herzen,
Und manch Erinnern durch die Seele geht,
Tauchst du empor, du Spielplatz meiner Kindheit!
Wie oft mit einem neuen Buch voll Märchen,
Das mir ein Goldschatz däuchte wonniglich,
Im Schatten lag ich lesend zwischen Gräbern.
Ringsum der Sommertag – der wusste nichts
Von Tod und Sterben – Blumen liess er blühn,
Und Voge1sang war seine lust'ge Stimme!
Der wusste nichts von Mären und Geschichten:
»Die Welt ist schön« das war sein Ein und Alles
Er neckte mich, der lustige Geselle!
Er schickte seinen Sonnenschein in's Kraut,
Der klopfte mit dem leichten Strahlenfinger
Alljegliches Gethier heraus, das lustig
Sein Wesen treibt im wohldurchsonnten Gras.
Da hüpfte mir ein Heupferd, grossgeaugt,
Mit keckem Sprung hin auf das weisse Blatt
Und drehte sich, und hopp! da sass es schon
Am nächsten Grashalm, der sich schwankend neigte.
Er schickte kleines kribbelndes Gethier,
Das froh auf mir spazieren ging und indiskret
Nicht Grenzen kannte seiner frechen Märsche.
Er schickte mir der Mücken singend Volk,
Das zierlich, feingebeint und zartgeflügelt,
Aetherisch fast, doch nichts als Blutdurst kennt
Er schickte mir die leichten Gaukeltruppen,
Der Schmetterlinge flatterndes Geplänkel –
Das Pfauenauge und den bunten Fuchs –
Citronenfalter gelb mit rothen Pünktchen!
Es lockte mich der Fink im Lindenbaum
Mit seines Liedes schmetternder Fanfare;
Hinschoss die Schwalbe mit gesenktem Flug
Und rief: »Quiwit, komm mit!« Es kam der Wind,
Der Sommerwind, der duftgetränkte, lose
Uind blättert' um verschmitzt das Buch, allein
Es liess mich nicht – im Zauberbann befangen
Phantastischer Gebilde – las ich fort.
Ich sah nur ihn, den tapfren Königssohn.
Ich sah nur sie, die strahlende Prinzessin,
Ich litt sie all', die unerhörten Leiden,
Ich kämpfte all' die fürchterlichen Kämpfe.
Es liess mich nicht das Buch, bis ich's bezwungen,
Und wie im Traume ging ich dann einher
Und sah die Welt durch einen Nebelschleier
Und trug das Haupt voll lichter Phantasieen
Und heitrer Wunder. – Einmal nur, ach einmal,
So denk' ich oft, wenn müde und verdrossen
Mein Auge jetzt durch Bücherzeilen schweift,
Und all' die kleinen Teufel kritisch meckern,
Ach einmal noch möcht' so ich lesen können
Wie damals in der gläubigen Kinderzeit!

3. Die Kapelle

          Im schatt'gen Winkel zwischen Busch und Baum
Lag eine Grabkapelle tief versteckt.
Es war dort einsam, selbst des Mittags Glanz
vermochte nicht den Schauer zu vertilgen,
Der diesen Ort umfing. Die »junge Gräfin,«
Sie ruhte dort. – Ich hatte sie gesehen
Auf dunklem Postament, im weissen Kleid,
Im schwarzverhangnen Saal des Grafenschlosses
So bleich und schön. Die schmalen weissen Hände,
Sie ruhten stillgefaltet auf dem Busen,
Und Blumen ringsumher. Die Lichter brannten,
Und war doch draussen heller Sommertag. –
Nun schlief sie hier allein in dunkler Gruft. –
An's Gitter wohl, erfüllt von stillem Graun,
Zuweilen drückt' ich mein Gesicht und starrte
In's Finstre ängstlich' bis der schwarze Sarg,
bedeckt von Blumen und verdorrten Kränzen,
Verschwommen vortrat aus der Dämmerniss.

So stand ich einst an einem Sommertag
Da ward es auf der Strasse fröhlich laut
Von heitrem Stimmgewirr. Zur Mauer lief ich
Und sah hinab. Ein bunter Reitertrupp
Von Männern und von Fraun. Auf schwarzem Ross,
Voran zur Seite des Gemahls, ein Weib
Gar stolz und schön – die »neue junge Gräfin«,
Vor kurzem erst dem Gatten angetraut.
Scherz und Gelächter, und vor allem laut
Des Grafen volle Stimme. Schneidend Weh
Durchbebte mir die junge Kinderbrust:
»Sie muss ja alles hören!« schrie's in mir.
Ich blickte angstvoll nach dem stillen Haus –
Ein quälend Räthsel bang und schauervoll
Erfüllte mir die grübelnden Gedanken.
Vorüber ging der lärmend bunte Zug,
Und Mittagsstille ward es wie zuvor.
Ein Sonnenstrahl kam durch das Blätterdach
Und hob in hellem Glanz die Inschrift vor,
Die ob dem Eingang der Kapelle stund
In Gold:
»Die Liebe höret nimmer auf!«

 


 

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