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Glockenspiel

Heinrich Seidel: Glockenspiel - Kapitel 22
Quellenangabe
titleGlockenspiel
authorHeinrich Seidel
typepoem
publisherA.G. Liebeskind
addressLeipzig
sendermagnus.mueller@vetmed.uni-giessen.de
firstpub1889
modified20170929
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Der Schädel

        Vor mir steht im Lampenschein
Eines Schädels Hohlgebein
Nur noch schwarze Schatten träumen
In den leeren Augenräumen
Seines bleichen Angesichts.
Die einst hier den Tag getrunken,
Ach verloschen sind die Funken,
Eine Welt ist hier versunken!
Und aus Höhlen, leer des Lichts,
Finster schaut ein todtes Nichts!

Bleicher Schädel, lebensbar,
Künde mir, was einstmals war!
Standest du in schwarzen Locken?
Prangtest du in goldnen Flocken?
Trugst du einst ein flatternd Band?
Schmückte dich des Helmes Blinken?
Bunter Federn heitres Winken?
Drückten dich der Krone Zinken.
Eh' du kamst in jenes Land,
Draus den Rückweg keiner fand?

Bleicher Schädel, leer und hohl,
Höre meine Fragen wohl!
Welche waren die Gedanken,
Die von deinem Hirne tranken?
Suchtest du der Minne Sold?
Grubst du in der Weisheit Schränken?
Stand der Sinn dir nach den Schänken?
Ging auf edle That dein Denken?
Giertest du nach Ruhm und Gold? –
Alles ist dahin gerollt!

Meinen Fragen hörest du
Mit dem bleichen Grinsen zu.
Deinen Kiefern schwand das Leben
Und du kannst nicht Antwort geben;
Aber was dein Grinsen sagt,
Dieses will ich treu berichten:
Grausam tödtliche Geschichten
Von Verzichten und Vernichten,
Drob die Welt von Anfang klagt
Und des Menschen Herz verzagt.

Menschenschicksal ist wie Glas,
Menscheglück wie Blum' und Gras.
Tückisch wogen Meeresfluthen,
Gierig lauern Feuersgluthen,
Und irn Dunkeln wühlt's und webt.
Wo des Krieges Stürme fuhren,
Folgt die Pest den blut'gen Spuren;
Hungersnoth versehrt die Fluren! –
Selbst die feste Erde bebt
Und verschlingt, was liebt und lebt!

Menschenwerth ist eitel Rauch.
Kennst du des Erobrers Brauch?
Eine Krone sieht er blinken
Und den Siegesapfel winken
An des Ruhmes stolzem Baum,
Und umjubelt von den Tröpfen.
Die aus seiner Gnade schöpfen,
Wirft er sich mit Menschenköpfen
Kühn herab den goldnen Traum!
Menschenwerth ist eitel Schaum!

Und was nützt, dass Einer lag
Im geschmückten Sarkophag?
Einstmals kommen sie in Schaaren,
Wilde, plündernde Barbaren,
Gierig auf Geschmeid' und Gold.
Und die Beile hört man pochen,
Und die Ruhstatt wird erbrochen,
Und man wühlt in Wust und Knochen!
In den Staub der Strasse rollt,
Dem man Ehrfurcht einst gezollt!

Ach, vielleicht in Jahr und Tag
Sieht ein Mensch von meinem Schlag
Meinen Schädel vor sich ragen,
Und er fragt ihn all die Fragen,
Die ich dir, du Schädel, thu'.
"Die einst hier den Tag getrunken,
"Ach, verloschen sind die Funken,
"Eine Welt ist hier versunken! –
Und in stiller Todesruh'
Grins' ich ihm, wie du mir, zu! –

 


 

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