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Glockenspiel

Heinrich Seidel: Glockenspiel - Kapitel 129
Quellenangabe
titleGlockenspiel
authorHeinrich Seidel
typepoem
publisherA.G. Liebeskind
addressLeipzig
sendermagnus.mueller@vetmed.uni-giessen.de
firstpub1889
modified20170929
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Reimkunststücke

aus der Mappe des lyrischen Dichters Johannes Köhnke,
wirklichen Mitglieds des »Allgemeinen deutschen Reimvereins«.

1. An Eveline

        Im Thal, wo sich durch Uferwände winden,
Und lieblich sich des Baches Bogen biegen,
Wo sich die sanften Silberwogen wiegen,
Da blühen duftend am Gelände Linden.

Ach könnt' ich dort, was gern ich fände, finden!
Doch Hoffnungen, einmal entflogen, fliegen
Dahin, wo alle, die gelogen, liegen,
Und Niemand kann, wer gern sie bände, binden!

Dort, Eveline, war's, wo Liebe logen
Mir deine Augen, die in blauster Bläue
Mich mit dem süssesten der Triebe trogen.

Dort durft' ich dich an meinem Herzen herzen,
Doch, weh o Seele, wenn du traust der Treue,
Und fühlen musst, wie Höllenschmerzen schmerzen.

2. Frühling

        Das Bächlein rinnt vom Berge nieder wieder,
Weil Eis und Schnee in allen Gauen thauen,
Und Vöglein, die dem Lenz dem lauen trauen,
Trägt aus dem Süden ihr Gefieder wieder.

Es klingen ihre süssen Lieder wieder
Am Bach, wo Veilchen wir die blauen schauen,
Und auf den neubelebten Auen bauen
Ihr Nest in Rosen sie und Flieder wieder.

Wenn Nachtigallen in Syringen singen,
Darf da der Dichter in dem Reigen schweigen?
O nein, es soll auch ihn zum Singen zwingen!

Wenn auf zum Aether Lerchenschwingen dringen,
Soll auch der Dichter, was ihm eigen, zeigen
Und seine Reime hold zum Klingen bringen!

3. Herbst

        Der Dichter singt, wenn auch die Blätter fallen,
Wenn nach des Sommers Ueberschwenglichkeiten
Beginnt die Zeit der Unzulänglichkeiten,
Und Büchsen bei des Horns Geschmetter knallen.

Der Dichter singt, und um so netter schallen
Die goldnen Reime, wenn Bedenklichkeiten
Ob aller irdischen Vergänglichkeiten
Sich gleich dem düstren Sturmeswetter ballen.

Der Dichter singt, wenn alle Lieder schweigen,
Wenn zu des Südens ew'gem Sonnenbrande
Die Nachtigallen ihr Gefieder neigen.

Der Dichter singt, und seine Reime klingen:
Er sieht aus Hypokrenes Bronnensande
Zu jeder Zeit die Liederkeime dringen!

4. Begnüge dich Liebste

An Eveline.

Motto: Wohl kann ich dich zum Chokoladenladen laden,
Doch nicht mit Dir in Baden-Baden baden.

        Ich kann dir nicht, was andre schenken, schenken
Und nicht die Welt aus den Gelenken lenken.
Du darfst dich nicht auf Schmuck und Spitzen spitzen,
Wirst nicht mit mir auf goldnen Sitzen sitzen,
Jedoch, der ich des Dichters Habe habe,
Vermag es, dass dich and're Labe labe:
Schon fühl' ich es von Liederkeimen' keimen,
Ich will sie dir in gold'nen Reimen reimen,
Dass dir gar lieblich ihr Getöne töne,
Und dich der Verse Schmuck verschöne, Schöne.

5. An meine Laute

        Im leisen und im lauten Spiel
Ertöne süss mein Lautenspiel,
Und muss ich um was Liebes leiden,
Verkläre du mein Liebesleiden
Und lass dein holdes Saitenklingen
Wie Gold nach allen Seiten klingen,
Dass niemand ahnt beim Liederklang,
Wie nur aus Schmerz mein Lied erklang.

6. Gegen die Rezensenten

        Man kann wohl sanfte Lämmer kannibalisch machen,
Und liebenswürd'ge Tauben bestialisch machen!
Man kann Rhinozerosse musikalisch machen!
Des weichen Zephirs Säuseln borealisch machen!
Man kann so leicht den Singular pluralisch machen,
Und süsse Rosendüfte infernalisch machen!
Man kann ein jedes Rindvieh idealisch machen,
Den Esel witzig auch wie Busch und Kalisch machen –
Doch Rezensenten kann man nie moralisch machen! –

7. Es war ein Traum

        Es war ein Baum,
Der sollte Früchte tragen,
Er aber trug sie nicht –
Es war ein Traum!

Am Waldessaum
Der Fink sollt' Lieder schlagen,
Er aber schlug sie nicht –
Es war ein Traum!

Im Gartenraum
Sollt' Hans die Grete fragen –
Er aber frug sie nicht –
Es war ein Traum!

»Hoffnung ist Schaum!«
Wird der Verleger sagen,
Kaufen Dein Buch sie nicht –
Es war ein Traum! –

 


 

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