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Gutenberg > Heinrich Seidel >

Glockenspiel

Heinrich Seidel: Glockenspiel - Kapitel 123
Quellenangabe
titleGlockenspiel
authorHeinrich Seidel
typepoem
publisherA.G. Liebeskind
addressLeipzig
sendermagnus.mueller@vetmed.uni-giessen.de
firstpub1889
modified20170929
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Peter Gottfried Rempel

Es wär' der studirenden Jugend
Unendlicher Beifall gewiss,
Wenn sie sich der Weisheit und Tugend
In grösserer Mehrzahl befliss' ...
(Studenten-Lied)

        Weinend darf mein Blick sich senken,
Muss ich an so manches denken,
Wie man's auf der Hochschul' treibt,
Und wo vieles Geld verbleibt
Fruchtlos bei der heut'gen Jugend
Sucht man ihrer Väter Tugend!
Statt zu mehren die Erkenntniss,
Zu bereichern das Verständniss,
Ist nur eitler Schändlichkeit
Ihre Jugendkraft geweiht!
Darum höret zum Exempel,
Wie es Peter Gottfried Rempel,
Der, statt fleissig zu studiren
Und's Kolleg zu frequentiren,
Nur sein Hab und Gut verlumpte
Und bei Schmal und Itzig pumpte,
Wie's bei solchem Unterfangen
Ihm gar jämmerlich ergangen.

Guten, stärkenden Getränken
Darf ein Jeder Beifall schenken
Nach des Tages Last und Schickung
Zu verständiger Erquickung;
Doch wie trieb es Gottfried Rempel?
Dieses trug des Lasters Stempel,
Denn man hat ihn oft betroffen,
Wie er Morgens schon gesoffen!
Mittags – wie spektakelig –
War er oft schon wackelig!
War der Abend noch so lang –
Nimmer er den Durst bezwang,
Löschte dran die ganze Nacht,
Bis man ihn nach Haus gebracht.
Solches schreib ich hin mit Schmerz,
Denn es kränkt ein frommes Herz! –

Nimmer will ich es verdammen,
Kommt zum Spielchen man zusammen:
Treibt man es mit weisem Mass,
Ist es ein erlaubter Spass –
Sonderlich das edle Schach:
Dabei sitzt man und denkt nach
Höchst verständigen Gesichts,
Bildet sehr und kostet nichts.
Aber Peter Gottfried Rempel
Liebte "Pharao" und "Tempel",
"Landsknecht" und das wohlbekannte:
"Meine Tante – deine Tante",
Schwang im Kreise wüster Zecher
Tag für Tag den Knobelbecher
Und verjuxte vieles Geld:
O du bitterböse Welt!

Nicht verwerflich sind der Liebe
Weisheitsvoll gezähmte Triebe,
Wenn ein Mägdlein, hold und werth,
Tugendsamlich man verehrt,
Wenn die Hoffnung auf Verbindung
Stärkt zur Arbeitsüberwindung,
Treibt zu baldigem Examen,
Zu Verlobung, Hochzeit – Amen!
Aber Peter Gottfried Rempel
Uebte anders diesen Krempel,
Liebte Diese, liebte Jene:
Liese, Lotte, Line, Lene,
Jule, Jette, Suse, Sale,
Mine, Mieze, Mile, Male!
Ja, sein Wandel war skandalisch,
Liederlich und unmoralisch!

Was kann solches Leben frommen:
Und was soll nach so was kommen?
Darum, wer die Tugend liebt,
Höre, was sich jetzt begiebt!
Ach, er sank noch immer tiefer:
Sumpfte Nachts – am Tage schlief er,
bis er schwächlich ward und krank
Und in Bankerott versank.
Schliesslich ward er Eckensteher,
Sonnenbruder, Orgeldreher,
Und verblieb mit blauer Nase
Bis auf heut in dieser Phase
Also zu der Menschheit Plage
Schleppt er mühsam seine Tage:
Heiser tönt sein Schreckgesang
Zu der Orgel Schauderklang!

So ging's Peter Gottfried Rempel –
Nehmt Euch daran ein Exempel!

 


 

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