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Gutenberg > Heinrich Seidel >

Glockenspiel

Heinrich Seidel: Glockenspiel - Kapitel 100
Quellenangabe
titleGlockenspiel
authorHeinrich Seidel
typepoem
publisherA.G. Liebeskind
addressLeipzig
sendermagnus.mueller@vetmed.uni-giessen.de
firstpub1889
modified20170929
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Das Gnomenwirthshaus

            Tief im Wald, in einer Wildniss
Moosbewachsner Felsenblöcke
Liegt versteckt und nur erreichbar
Auf geheim verborgnen Pfaden
Kühl im Grund ein Gnomenwirthshaus.
Knusperknäuschen heisst der Gastwirt:
Wohl versteht im ganzen Lande
Keiner solches Bier zu brauen
Aus geheimen Waldeskräutern,
Klar wie Gold und sanft wie Baumöl.
Britzebrodel heisst der Mundkoch,
Der da in der Felsenhöhle
Bei des Feuers Flackerscheine
Kocht die köstlichsten Gerichte.
Wohlbekannt ist dieses Wirthshaus,
Und des Abends, wenn die Sonne
Sinkt im Westen in die Wipfel,
Kommen rings von allen Seiten
Muntre Gäste hergezogen:
Hackebock, der grosse Jäger,
Der den Wirth versorgt mit Wildpret,
Kleine Vögel bringt er, Meisen,
Die er listig fing in Sprenkeln,
Und er schleppt manch fette Waldmaus,
Oder oftmals kleine junge
Ringelnattern, welche köstlich
Schmecken, eingekocht in Sauer.
Goldmund kommt, der grosse Sänger.
Simserich, der Harfenspieler,
Durst'ge Musikantenseelen,
Trippelfix, der flinke Tänzer,
Knickebolz, der wunderkünstlich
Dinge schnitzt aus Holz und Knochen,
Schiffchentritt, der flinke Weber,
Pinkepank, der Schmiedemeister,
Und wie sie noch alle heissen.
Und sie grüssen sich und schwatzen,
Reihn sich um die Felsentische,
Trinken aus den winz'gen Bechern
Kräuterbier in vollen Zügen
Und verzehren mit Behagen,
Was mit Kunst der Koch bereitet.
Dieser isst gebacknes Heupferd –
Köstlich schmeckt es, wenn die Beine
Sind recht knusperig gebraten –
Jener schmaust gespickte Waldmaus
Mit Kompott aus Rosenblättern,
Und ein anderer schmatzt behaglich
Sauerkleesalat mit Eidechs.

Nach dem Essen wird gesungen
Und ein wenig musiziret.
Hackebock erzählt Geschichten,
Fürchterliche Jagdgeschichten,
Die er oft schon vortragen,
Wie er einst das wüthig wilde,
Riesenstarke, grosse Eichhorn
Nach verwegnem Kampf erlegt hat,
Wie er einst die meterlange,
Fabelhafte Ringelnatter
Hat lebendig eingefangen.
Also sitzen sie und schwatzen,
Bis die Nacht sich rings verbreitet.
Einer nach dem anderen zündet
Sein Laternchen, wandert heimwärts
Durch die wüste Felsenwildniss.
Knusperknäuschen schliesst sein Wirthshaus
Und der Koch verlöscht sein Feuer.
Bald nur blinken noch hernieder
In die schweigend schwarze Wildniss
Still des Himmels goldne Sterne.

 


 

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