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Glockenspiel

Heinrich Seidel: Glockenspiel - Kapitel 10
Quellenangabe
titleGlockenspiel
authorHeinrich Seidel
typepoem
publisherA.G. Liebeskind
addressLeipzig
sendermagnus.mueller@vetmed.uni-giessen.de
firstpub1889
modified20170929
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Symphoniekonzert im Freien

1. Die Nachtigall

        Zwar Unsinn ist es! Streichmusik im Freien.
Der Geigen Schall versinkt im weiten Raum,
So kraftlos brummt der Bass, und nur die Bläser
Behaupten sich soso lala. Allein
Wer pfercht sich gern zur schönen Sommerszeit
In dumpfe Säle ein. – Im Lindenschatten
Da draussen sitzt es sich so gut im Kühlen.
Dazu ein wenig Mozart, Mendelssohn,
Beethoven, Weber und zum Gegenüber
Ein schönes Kind. Je nun, da macht es sich.
Zuweilen dann beim Pianissimo
Geht sauft ein Rauschen durch das laub'ge Dach,
Und Lindenblüthenblätter wehn hernieder,
Die Meisen zwitschern. und ein kecker Fink
Mischt sich herein mit schmetternder Fanfare. –
Doch einmal kam es ärger noch, fürwahr!
Ein Flötensolo. – Ja der Mann verstand's:
Wie Perlen glitten hin der Töne Reihn.
Dazwischen goldne Triller und Kadenzen.
Sehr gut und schön – wenn nur die Nachtigall
Im Nebengarten nicht gewesen wäre
Mit ihrem Wettgesang. Die kleine Brust,
Die unerschöpflich melodieenreiche,
Dem Flötenbläser zugewendet, sang
Und jauchzte sie helljubelnd gegenan!
Das war der Frühling selbst – kein Musikant.
Der kunstvoll in des Holzrohrs Löcher pustet.

Und wie verwundert rings die Leute horchen!
Mit Lächeln ein'ge – andre sahn sich an.
Und wieder andre lauschten stillbewegt.

Doch jeder wusste, wer hier Meister war!

2. Danse macabre

        Ein andermal. – Es war ein schwüler Tag,
Und Wolkenberge thürmten sich im Westen.
Und sieh, auf einmal sind die Sonnenkringel;
Die auf den Tischen und dem Boden tanzen,
Hinweggelöscht. Und dunkler wird es nun,
So lauersam die Luft, und in der Ferne
Ein dumpfes Grollen dann und wann. Und horch!
Nun kommt's herauf und übertönt gewaltig
Der Instrumente laut' Zusammenspiel.
Hei, anders klingt es doch, als im Orchester
Des Kontrabass' ohnmächtiges Geknurze!
Vorsicht'ge brechen auf, um Schutz zu suchen.
Unruhe rings, doch die Musik fährt fort,
Geborgen unter wettersichrem Dach. –
Nun ist's heran – es schleudert sich der Sturm
In Lindenwipfeln, Regen braust herab,
Und alles flüchtet, alles rettet sich.
Und Blitz auf Schlag und Schlag auf Blitz, es reiht
An Donner Donner sich zur mäcbt'gen Kette! –
Jedoch der Meister schwenket unbeirrt
Den Taktstock. Weiter geht das Stück.
Ich hör es heut noch, wie es seltsam klang:
Der »danse macabre« war es von Saint Saens,
Ein geistreich Ding, gar listig ausgetüftelt.
Ein Totentanz von Kavaliergerippen,
In deren Knochen noch die Grazie steckt,
Und deren Schädel noch verbindlich grinsen! –

Allein wie blechern klang sein öd Geklapper
Nun bei des Himmels Donnerharmonieen!

 


 

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