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Glanz und Untergang der Familie Napoleons

Gertrude Aretz: Glanz und Untergang der Familie Napoleons - Kapitel 7
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authorGertrude Aretz
titleGlanz und Untergang der Familie Napoleons
publisherBernina-Verlag Ges. m. b. H.
year1937
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Die Schwestern

Sechstes Kapitel. Elisa und Felix Baciocchi

I.

Nicht weniger als seine drei Brüder machten Napoleon die drei Schwestern zu scharfen. Ihre Ansprüche, ihre Verschwendungssucht, ihre Einbildungskraft, besonders aber der kleinliche Neid und die Intrigen, mit denen sie sich gegenseitig verfolgten, erschwerten ihm nicht nur die Herrschaft in seiner Familie, sondern oft auch die über seine Länder. Nicht selten vermengten sie die Ränke ihres Privatlebens mit der Politik ihrer Höfe. Der Familienzank zwischen den Beauharnais und den Bonaparte war zum großen Teil das Werk der Schwestern Napoleons. Jede trug ihr Scherflein der Verleumdung hinzu, wenn es sich darum handelte, Josephine oder Hortense in der Meinung ihres Bruders herabzusetzen. Sie glaubten, Napoleons wunderbares Emporkommen sei nur um ihretwillen geschehen, damit sie ihren Ehrgeiz oder ihre Ansprüche an das Leben leichter befriedigen konnten. Mag man auch der einen Schwester Weichheit des Charakters, der andern Bescheidenheit, der dritten Klugheit absprechen, in einem waren sie sich alle drei ähnlich: in der Leidenschaft ihres Temperaments. Alle drei betrogen ihre Männer mit königlicher Freiheit. Und merkwürdig: nur selten mischte Napoleon sich in ihre Privatangelegenheiten. Er hatte in dieser Beziehung für seine Schwestern eine Schwäche, die um so mehr auffällt, als er gegen andere Damen seines Hofes, die einen lockeren Lebenswandel führten, mit eiserner Strenge verfuhr.

Je mehr Nachsicht er aber seinen Schwestern bewies, desto größeren Widerspruch setzten sie ihm entgegen, desto mehr forderten sie von ihm. Und er gab mit vollen Händen. Napoleon tat unendlich viel für seine Familie; er stellte sich sogar um ihretwillen bloß. Dennoch gelang es ihm nicht, die Einigkeit unter den einzelnen Mitgliedern herbeizuführen. Eines oder das andere fühlte sich immer vernachlässigt. Er, der geglaubt hatte, durch unermeßliche Wohltaten ihre Herzen inniger zu verschmelzen, erreichte damit gerade das Gegenteil. Diese ganze korsische Familie, in der ein so ausgesprochener Sinn der Zusammengehörigkeit zu herrschen schien, wurde, je höher sie stieg, desto weiter voneinander entfernt! Nur im Unglück war sie einig und stark.

34. Elisa Bonaparte, Großherzogin von Toskana.
Stich nach einer Zeichnung von Ermini. Porträtsammlung der Nationalbibliothek in Wien

Napoleons Schwestern haben, mehr als man annehmen sollte, Einfluß auf ihres Bruders Geschick gehabt und zu seinem endgültigen Sturz beigetragen. Im allgemeinen ließ er sich zwar nicht von Frauen beherrschen, gegen seine Schwestern war er von einer Nachgiebigkeit, die er mehr als einmal zu bereuen hatte. Mit größerer Festigkeit ihnen gegenüber hätte er sich manches Unangenehme ersparen können. Die kluge und ränkesüchtige Karoline hätte dann gewiß nicht so leichtes Spiel gehabt, und in Elisas Großherzogtum wäre manches anders gewesen.

Diese natürliche Schwäche Napoleons gegen seine Schwestern haben die Feinde des Kaisers zu einer abscheulichen Verleumdung ausgenutzt. Wie schon mehrfach erwähnt, beruhen diese verleumderischen Aussagen auf keinerlei Beweisen. Die Bonaparte waren zwar keine Familie, in der strenge oder keusche Sitten herrschten, aber es bedurfte doch der Beweise, um sie einer solchen Verirrung mit Recht anklagen zu können. Vor allem fehlen bei derartigen Anschuldigungen immer ebensowohl die Berichte der Augenzeugen als auch die Aussagen der Beteiligten selbst. Man müßte sich einzig und allein auf den Klatsch verlassen, an dem es allerdings an einem Hofe nicht mangelt. Leider gibt es Schriftsteller und sogar Geschichtsschreiber, die in jedem Brief, in jedem Wort eine Andeutung oder einen Beweis für die Wahrheit solcher Behauptungen zu finden wissen. Andere schreiben es dann nach. So glaubt man, seitdem die Memoiren der Frau von Rémusat erschienen sind, noch heute an die Legende, daß Napoleon der Geliebte seiner Schwestern gewesen sei. Besonders aber ist man davon überzeugt, seit man diese Behauptung in dem Werke Jungs wiederholt fand. Andere Zeitgenossen der Rémusat, wie Sémonville, Pasquier, Beugnot, sogar Lucien, der eigene Bruder Napoleons, haben sich nicht gescheut, ihn in dieser Hinsicht zu verdächtigen. Vor allem aber trug ein im Jahre 1888 erschienenes Werk: »Napoléon à l'Ile d'Elbe« von Marcellin Pellet dazu bei, das Gerücht als der Wahrheit gemäß zu verbreiten. Aber der darin angeführte Brief Paulines, in dem sie ihren Bruder einen »vieux puri« nennt, ist eine ganz gewöhnliche Fälschung, dazu angetan, die ganze Familie Bonaparte und im besonderen den Kaiser Napoleon zu beschmutzen. Der Brief ist ein Machwerk des bourbonischen Agenten, des Abbés Fleuriel.

35. Kaiserin Josephine.
Stich von Cavalli nach einer Zeichnung von Bosco. Porträtsammlung der Nationalbibliothek in Wien

Um Ludwig dem XVIII. zu gefallen, suchte man auf alle mögliche Weise seinen Usurpator Napoleon bei ihm anzuschwärzen. Da man das nicht hinsichtlich seines Feldherrn- oder Herrschertalents tun konnte, denn es war unmöglich, ihm seine Siege streitig zu machen, so hielt man sich an seinem Privatleben schadlos. Und das war es gerade, was dem alten Lebemann Ludwig XVIII. am meisten gefiel. Er liebte es, wenn man ihm die skandalösesten Liebesgeschichten erzählte, und so tat man ihm keinen größeren Gefallen, als die alten Verleumdungen gegen Napoleon wieder aufzuwärmen und womöglich noch zu vergrößern. Sicher war Napoleon seinen Schwestern mehr Vater als Bruder. Und hätte er sich früher mit ihrer Erziehung beschäftigen können, so würde er vielleicht ihr moralisches Empfinden vorteilhaft beeinflußt haben, als sie zum erstenmal den Fuß auf das gefährliche Pflaster von Marseille setzten. Napoleon aber war damals ein vielbeschäftigter Offizier, dem allein die schlechte Vermögenslage seiner Familie große Sorgen und viel Mühe verursachte. Wie hätte er sich da noch um die moralische Entwicklung seiner jungen Schwestern kümmern können?

Da weder Elisa noch Pauline noch Karoline ihrer sittenstrengen, wahrheitsliebenden und keuschen Mutter ähnelten, eigneten sie sich damals nur das Schlechte, das Lasterhafte der verfeinerten französischen Kultur an, deren Genüsse sie in Korsika nicht kennen gelernt hatten. Letizia wußte wenig davon, was sich für ein junges Mädchen in Frankreich schickte oder nicht. Sie war viel zu einfach und urwüchsig, als daß sie ihre Töchter vor der Verderbtheit der Sitten hätte bewahren können. Um sie aber Erziehungsanstalten zu übergeben, dazu waren die Bonaparte zu jener Zeit zu arm. Und so gingen Elisa und Pauline – Karoline war noch sehr jung – ihre eigenen Wege. Bald kamen die Mädchen in sehr schlechten Ruf. Man schrieb ihnen eine Menge Liebesabenteuer zu, ja man scheute sich nicht, sie in Marseille zu den gewöhnlichsten Prostituierten zu rechnen. Der üble Ruf blieb an den Schwestern Napoleons haften. Selbst der Thron des Bruders und ihre eigene Macht und Größe vermochten ihn nicht ganz zu verwischen. Napoleon hat das den Marseillern nie verzeihen können.

Die Töchter Frau Letizias waren nicht nur hübsch und begehrenswert, sondern sie waren auch sehr kokett und elegant. Im Verkehr mit Männern gaben sie sich frei und unbefangen, vielleicht ein wenig zu unbefangen. Dazu kam bald ein berechnetes Spähen nach dem Manne, der sie heiratete. Dem hätte Frau Letizia Einhalt tun müssen. Aber ihr gerader korsischer Charakter begriff nicht, daß ihre Töchter sich dadurch schadeten. Sie ließ die Mädchen gewähren. Hatte das Leben ihnen doch bereits auch die rauhe Seite gezeigt. Sie waren ja so jung und so hübsch!

Nur eine von den drei Schwestern des späteren Kaisers der Franzosen machte, was die Schönheit anlangte, eine Ausnahme. Elisa, die Älteste, war zwar nicht gerade häßlich, aber keineswegs hübsch. Ihre Züge entbehrten der weiblichen Weichheit. Der Mund war groß, die Lippen waren dick und unschön. Aber die Augen waren ausdrucksvoll und klug. Sie besaß auch prachtvolles dunkles Haar und reizende kleine Füße. Äußerlich hatte Elisa viel Ähnlichkeit mit Lucien. Wie bei ihm waren auch bei ihr die Arme ungewöhnlich lang. Elisas Gestalt war schlank, fast überschlank und knochig, ihre Haut jedoch blendend weiß wie Marmor.

Im Charakter ähnelte sie am meisten von den Geschwistern ihrem Bruder Napoleon. Entschlossenheit und Kühnheit des Willens, unermüdliche Tätigkeit und unersättlicher Ehrgeiz waren in ihrem Körper aufgespeichert. Napoleon sagte von ihr: »Meine Schwester war ein männlicher Kopf, ein starker Charakter. Sie wird im Unglück viel Philosophie beweisen.« Allerdings trug Elisa den Sturz ihrer Familie mit einem gewissen Gleichmut, überlebte jedoch die Schmach nicht lange.

Von ihrer Kindheit in Korsika ist nichts Besonderes zu berichten. Sie wurde wie alle Kinder Letizias, mit Ausnahme Josephs, in Ajaccio geboren, und zwar am 3. Januar 1777. In der Taufe erhielt sie die Namen Maria Anna nach einer jüngeren Schwester, die im Jahre 1776 im Alter von fünf Jahren starb. Später erst nannte sie sich Elisa, da ihr dieser Name schöner und vornehmer schien.

In ihrem siebenten Jahre kam Maria Anna ins Kloster von Saint-Cyr, das von Ludwig XIV. zur Erziehung armer adeliger Töchter gegründet worden war. Gleich Napoleon genoß auch sie den Vorteil, auf Kosten des Königs von Frankreich erzogen zu werden. Herr Bonaparte hatte sich allerdings herablassen müssen, seine vollkommene Vermögenslosigkeit zu beweisen. Für dieses demütigende Armutszeugnis ward sein Stolz nur dadurch einigermaßen entschädigt, daß er gleichzeitig eine Urkunde einsenden mußte, in der er seine Ahnen nachwies. Ludwig XVI. gewährte ihm die Freistelle für seine Tochter bereits im November 1782; aber erst zwei Jahre später konnte Maria Anna die Schule besuchen.

Zu jener Zeit, als Carlo Bonaparte seine älteste Tochter nach Saint-Cyr bringen wollte, befand er sich dermaßen in Geldnot, daß er sich die fünfhundert Franken für die Reise nach Frankreich vom Generalleutnant und Gouverneur Du Rosel de Beaumanoir leihen mußte. Dann traten Vater und Tochter in Begleitung einer anderen jungen Korsin, einer Cattaneo, die ebenfalls in Saint-Cyr erzogen werden sollte, die Reise an. Am 21. Juni 1784 trafen sie in Autun ein. Dort befand sich Lucien auf der Schule. Da er aber seine Studien in Brienne fortsetzen sollte, brachte Carlo ihn selbst dahin, ehe er mit den beiden jungen Mädchen weiter nach Paris reiste.

Ende Juni schlossen sich hinter dem korsischen Kinde die Pforten von Saint-Cyr. Maria Anna verbrachte acht Jahre ihres Lebens in dieser Klosterschule. Im allgemeinen blieben die Zöglinge von Saint-Cyr vom siebenten bis zum zwanzigsten Jahre dort. Erst dann hielt man die Erziehung der jungen Mädchen, die eine sehr vielseitige war, für vollendet. Beim Verlassen der Anstalt erhielt jede Schülerin eine Mitgift von 3000 Franken und eine Aussteuer im gleichen Werte. Außerdem hatte sie Anspruch auf die Vergütung der Kosten für die Heimreise. Mitunter geschah es, daß ein junges Mädchen von der Schule weg in den Ehestand trat, denn viele Edelleute holten sich ihre Bräute aus diesen adeligen Stiften.

Leider kamen nicht alle diese Vorteile dem armen korsischen Mädchen zustatten. Die Revolution zerstörte auch in den königlichen Erziehungsanstalten althergebrachte Sitten und Gebräuche. Im August 1792 hob die Nationalversammlung alle aristokratischen Schulen und Klöster auf. So mußte auch Saint-Cyr, das einst unter Frau Maintenons Schutz in hoher Blüte gestanden hatte, seine Pforten schließen. Später machte Napoleon aus diesem Kloster eine seiner besten Kadettenanstalten, die noch heute besteht.

Im Jahre 1792 aber dachte der arme junge Artillerieoffizier gewiß nicht daran, daß er einst als Machthaber die Einrichtungen wiedererstehen lassen würde, die die Revolution zerstört hatte. Damals noch klopfte er bescheiden an die Türen der Schule, um seine fünfzehnjährige Schwester abzuholen und sie sicher mitten durch das von revolutionären Unruhen erfüllte Frankreich nach Korsika zu geleiten.

Seit des Vaters Tode war er Maria Annas Vormund. Er nahm es sehr ernst mit seinen Pflichten und kümmerte sich wirklich um die Erziehung seiner Schwester. Nur hätte er gewünscht, sie öfters besuchen zu dürfen. Aber die Vorschriften waren sowohl in Saint-Cyr wie in der Militärschule von Paris sehr streng. Man gestattete den jungen Mädchen nur an Festtagen, die Besuche ihrer Angehörigen zu empfangen. Napoleon wiederum hatte, solange er Militärschüler war, keinen Urlaub.

Als er sie im Juni 1792 besuchte, bat Maria Anna ihn, daß er sie mit nach Korsika nähme, ehe noch die Katastrophe über Saint-Cyr hereinbräche. Es sei ja auch nicht sicher, meinte sie, ob sie jemals eine Aussteuer erhalten werde. Erst kürzlich wären acht Schülerinnen von zwanzig Jahren ohne Mitgift entlassen worden. Man sieht, die Fünfzehnjährige war bereits eine echte Bonaparte! Schon tut sich in ihr das ehrgeizige Bestreben kund, aus jeglicher Lage Vorteil zu ziehen. Napoleon teilte die Ansicht der Schwester und schrieb darüber an Joseph. Gleichzeitig trugen er und die Mutter sich mit dem Gedanken, Maria Anna so schnell wie möglich zu verheiraten, damit sie der Familie in Korsika nicht zur Last falle. Da Napoleon aber alles mit seinem älteren Bruder zu besprechen pflegte, so fragte er Joseph auch in dieser Angelegenheit um Rat. »Wenn Du glaubst«, schrieb er am 18. Juni 1792, »daß man Maria Anna jetzt vorteilhaft verheiraten kann, so schreibe mir. Ich bringe sie dann nach Ajaccio.«

So schnell sollte sich jedoch kein Mann für das Mädchen finden. Die politischen Ereignisse in Frankreich zwangen Maria Anna zur Heimkehr. Alle Zöglinge von Saint-Cyr mußten bis zum 1. Oktober 1792 die Anstalt verlassen haben; selbstverständlich gab man ihnen keine Aussteuer. Nur eine Entschädigung für die Reise erhielten sie. Fräulein Bonaparte hatte das Glück, 352 Franken Reisegeld zu erhalten, die ihr und ihrem Bruder sehr zustatten kamen.

Sofort beschäftigte Napoleon sich mit den zu erledigenden Förmlichkeiten. Er war erst am 30. August zum Hauptmann ernannt worden und hatte einen Urlaub nach Korsika erhalten. Am nächsten Tag, am 1. September, reichte er ein Gesuch ein, um die Erlaubnis zu erwirken, daß er seine Schwester nach Korsika bringen dürfe. Maria Anna fügte diesem Schreiben einige Zeilen bei und bestätigte, daß »sie niemals einen andern Vater gekannt habe als ihren Bruder Napoleon. Es würde ihr unmöglich sein, später Saint-Cyr zu verlassen, wenn sie nicht jetzt mit nach Korsika zurückkehren dürfe.« Am Abend schon hatte der junge Offizier die Ermächtigung in Händen, seine Schwester aus der Anstalt zu nehmen.

Während in Paris der Schrecken in grauenvoller Weise wütete und in allen Gefängnissen Blutbäder stattfanden, holte Napoleon das junge Mädchen in einer dürftigen Mietskutsche von Saint-Cyr ab. Jeder mit einem Bündel Wäsche und Kleider auf dem Arme, verließen die Geschwister am Morgen des 2. September die Anstalt. Sie begaben sich zuerst nach Paris, wo Napoleon noch manches zu erledigen hatte. In dem bescheidenen Hotel de Metz, in der Rue du Mail, wo Napoleon bereits seit Anfang August ein kleines Zimmer bewohnte, stiegen sie ab. Erst am 9. September verließen sie die Hauptstadt, um die Heimreise anzutreten. In Lyon vertauschten sie die Postkutsche mit dem Schiff und fuhren die Rhone hinunter bis Marseille. Während das Fahrzeug in Valencia anlegte, erinnerten sich Fräulein Bou, bei der Bonaparte als Leutnant gewohnt hatte, und Frau Mésangère des jungen Offiziers. Sie brachten ihm und seiner Schwester einige Erfrischungen. Dann ging es weiter nach Marseille. Dort wütete der Aufstand, und es war den Geschwistern nicht leicht, durch die aufgeregten Volkshaufen zu kommen. Die geängstigte Maria Anna, die von der Welt nichts kannte als ein ganz klein wenig Korsika und die Klostermauern von Saint-Cyr, trug einen großen Federhut, der gewaltigen Anstoß bei den Demagogen erregte. Vor der Tür des Gasthofes, in dem der königliche Offizier mit seiner Schwester absteigen wollte, wurden sie von einigen Aufrührern umringt. Man rief und schrie ihnen zu: »Nieder mit dien Aristokraten!« Aber Napoleon verlor nicht einen Augenblick seine Kaltblütigkeit. Mit einer wundervollen freiheitlichen Bewegung riß er Maria Anna den Hut vom Kopfe und schleuderte ihn unter die vor Freude gröhlende Menge. »Nicht mehr Aristokraten wie Ihr!« rief er und ging stolz von dannen. Das Volk jubelte ihnen zu und ließ sie nun in Ruhe.

Während Napoleon und Maria Anna noch in Marseille auf die Gelegenheit warteten, sich nach Ajaccio einzuschiffen, traf die Nachricht ein, daß Ludwig XVI. seines Thrones entsetzt und gefangengenommen worden war. Das Königtum hatte aufgehört zu sein! Am 10. Oktober verließen die Geschwister Frankreich, das ihnen zur zweiten Heimat geworden war.

Frau Letizia war sehr glücklich, alle ihre Kinder wieder um sich vereint zu sehen. Maria Anna hatte sich sehr verändert. Aus dem kleinen unerzogenen Mädchen, das ihren Brüdern an Wildheit nichts nachgegeben hatte, war eine wohlerzogene junge Dame geworden. Sie schien ihrem Alter weit voraus zu sein. Ihr Wesen war ein wenig altklug und für eine Fünfzehnjährige viel zu ernst. Sie sprach nur von Kunst und Literatur und kramte alle ihre Schulweisheit aus. Ihren korsischen Dialekt schien sie ganz verlernt zu haben; sie sprach nur noch Französisch, und zwar sehr geläufig. Aber sie hatte eine häßliche südländische Aussprache, die ihr das ganze Leben lang anhaftete. Später ist sie ihr in den kaiserlichen Salons ihres Bruders und in ihren eigenen oft sehr hinderlich gewiesen. Damals aber, in Korsika, bewunderte man Maria Anna wegen ihrer Kenntnisse, denn die korsischen jungen Mädchen waren meist unwissend. Maria Anna bildete sich auch nicht wenig auf ihre vornehme Erziehung ein. Sie trug ein kaltes, hochmütiges Wesen zur Schau. Dadurch zog sie sich manch hartes Wort von seiten der einfachen, natürlichen Mutter zu.

Am meisten kränkte es das Fräulein aus Saint-Cyr, wenn Letizia sie nicht für erwachsen ansah und sie wie ein kleines Schulmädchen aus dem Zimmer schickte, sobald sie etwas Wichtiges mit ihren Söhnen zu besprechen hatte. Dafür wurde Maria Anna jedoch reichlich durch Lucien entschädigt, der ihr von allen Geschwistern am nächsten stand. Obwohl ihre Ansichten damals himmelweit voneinander verschieden waren, denn Maria Anna war ganz aristokratisch gesinnt und Lucien von kühnen republikanischen Ideen erfüllt. Sie schlossen dennoch jene enge Freundschaft, die sie bis ans Ende miteinander verband. Maria Anna fühlte sich nicht wenig geschmeichelt, daß der angehende Republikaner und Volksredner sie zur Vertrauten seiner Pläne und Ansichten machte, während Napoleon und Joseph sie noch immer wie ein Kind behandelten. Lucien deklamierte vor ihr, hielt in ihrer Gegenwart begeisternde revolutionäre Reden und sprach mit ihr über seine Lieblinge, die griechischen Schriftsteller. Und Maria Anna war ihm eine geduldige Zuhörerin, wenn sie auch nicht alles begriff und fassen konnte. Lucien sah in ihr die einzige in seiner Familie, die ihn verstand, denn seine Brüder hielten ihn noch nicht für reif, ein Republikaner zu sein. »Ich fühlte mich sofort zu Maria Anna hingezogen«, sagt er in seinen Memoiren. »Sie versprach nicht schön zu werden, obgleich sie eine gute Gestalt hatte. Aber ihre herrlichen, lebhaften Augen verrieten Geist.«

Diese Vorzüge schien auch der Konteradmiral François Truguet an dem Fräulein Bonaparte bemerkt zu haben. Er war Befehlshaber eines Geschwaders im Mittelmeer und sollte eine Expedition nach Sardinien unternehmen, an der sich auch Napoleon zu beteiligen gedachte. Am 15. Dezember 1792 hatte der Admiral im Hafen von Ajaccio Anker geworfen, um Verstärkungen aus dem Innern zu erwarten. Man bereitete ihm die herzlichste Aufnahme auf der Insel. Besonders gern verkehrte er im Hause der Bonaparte. Hier sprachen mehrere Mitglieder der Familie Französisch, was ihm äußerst angenehm war, denn er verstand nicht Italienisch. Die bemittelten korsischen Familien gaben ihm zu Ehren Feste und Bälle, an denen auch Maria Anna und ihre Brüder teilnahmen. Frau Letizia selbst war zu arm, um Festlichkeiten in ihrem Hause veranstalten zu können. Dennoch scheint der Admiral Truguet seine Blicke besonders auf die älteste Tochter geworfen zu haben, die nicht einmal ein anziehendes Äußere besaß. Da sie jedoch in Ajaccio fast das einzige junge Mädchen war, das gut Französisch sprach, so tanzte Truguet am meisten mit ihr. Frau Bonaparte machte die Zukunft ihrer Töchter große Sorge. Sie hätte eine Heirat Maria Annas mit Truguet gewiß sehr gern gesehen, ebenso die Brüder. Lucien nannte den Admiral geradezu das »Nec plus ultra« der Partien für seine Schwester. Alle schönen Träume aber zerflossen in ein Nichts, als die Familie den Admiral am 8. Januar 1793 absegeln sah, ohne daß er um die Hand Maria Annas angehalten hatte. Nun konnte Letizia wieder allabendlich, wenn die jüngeren Kinder schon schliefen, den Söhnen ihr Herzeleid klagen. Wie schwer werde es ihr einst werden, ihre drei Töchter zu verheiraten! Dann tröstete Napoleon sie scherzend und sagte: »Oh, Signora, ich werde nach Indien gehen und als Nabob wiederkehren. Meinen drei Schwestern bringe ich dann reiche Aussteuern mit.«

Lucien behauptete, es habe an Maria Anna gelegen, daß sie sich diesen Gatten entschlüpfen ließ. Sie sei zu einfältig, zu unerfahren gewesen. Sie habe sich auch nichts aus ihm gemacht. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, daß sich dieses kluge, berechnende Mädchen nicht von den Vorteilen einer solchen Heirat angezogen fühlte. Truguet war trotz seiner vierzig Jahre noch ein schöner Mann. Er hatte nichts von republikanischen Gewohnheiten an sich, sondern war sehr vornehm, ritterlich und aristokratisch. Ferner war er ein verdienstvoller Offizier. Er hatte einen äußerst angesehenen Posten inne und bezog ein gutes Einkommen. Mit einem Wort, er wäre eine glänzende Partie für das arme korsische Mädchen gewesen. Truguet aber überlegte es sich reiflich, ehe er das bindende Wort sprach. Sollte er nicht von dem herrischen, wenig verträglichen Charakter Maria Annas gehört haben? Vielleicht war sie ihm auch zu arm. Nach Luciens Behauptungen soll der Admiral es später bereut haben, nicht Napoleons Schwager geworden zu sein, nach andern hingegen soll er sich Glück gewünscht haben. Sicher ist, daß er der einzige Admiral war, der gegen Napoleon stimmte, als das Kaiserreich sich auftat.

II.

Bald sollte die Familie Bonaparte erfahren, welches Glück ihr mit dem Admiral Truguet entschlüpft war. Sie mußte aus Korsika fliehen. Not, Entbehrungen, Demütigungen aller Art, wirkliche Armut harrten ihrer. In Ajaccio waren die Bonaparte, wenn auch nicht reich, so doch geachtet gewesen. In Frankreich hingegen kannte kein Mensch diese armen korsischen Flüchtlinge. Man kümmerte sich nicht mehr um sie als um andere. Letizia und ihre jungen Töchter mußten manche Kränkung erfahren. Besonders fühlte sich die aristokratische Maria Anna gedemütigt, als die Mutter gezwungen war, Soldatenrationen zu erbitten, um nicht Hunger zu leiden. Die ehemalige Schülerin von Saint-Cyr empfand es bitter, auf dem Markt die kargen Einkäufe selbst machen zu müssen. Ihre feinen Hände, die in der vornehmen Erziehungsanstalt nicht an grobe Arbeit gewöhnt worden waren, mochten sich nur schwer dazu schicken, zu Hause zu waschen, zu putzen, zu kochen und zu nähen. Aber Frau Letizia, die Starke, kannte kein Erbarmen mit ihren Töchtern. Sie selbst fand sich mutig in die neue Lage und scheute keine Arbeit. Dasselbe verlangte sie auch von ihren Kindern. Ließ sie sich doch mit ihnen im Jahre III, um nicht als Adlige aufzufallen, als Schneiderinnen einschreiben, vielleicht aber auch in der Voraussicht, daß sie einmal gezwungen sein würde, ihr Brot durch ihrer Hände Arbeit zu verdienen!

Seit Ende 1793 wohnte Letizia mit ihren Töchtern in Marseille, nachdem sie zuerst im Dorfe La Valette bei Toulon, dann in Bandol und Nizza eine Zuflucht gesucht hatten. Es waren elende Tage, die sie in Marseille verbrachten. Erst als Frau Bonaparte im Jahre 1794 im Schlosse Sallé bei Antibes und dann in Nizza lebte, kehrte wieder ein wenig Frohsinn und Sonnenschein in die Familie ein. Obgleich auch hier Letizia noch gezwungen war, ihre Wäsche selbst zu waschen und die öffentlichen Unterstützungen anzunehmen, so empfing sie doch in ihrem Hause eine Art Gesellschaft. Die Söhne brachten ihre Kameraden, junge lebenslustige Offiziere oder Armeebeamte zu ihr. Hübsche Frauen, wie Frau Turreau, die Gattin des einflußreichen Volksvertreters, Frau Haller, Frau Ricord, Frau Masséna, Frau Laborde und viele andere wetteiferten mit den Schwestern des Generals Bonaparte an Jugend und Schönheit. Auch Joseph Bonaparte genoß bereits gesellschaftlich ein gewisses Ansehen. Er hatte das reiche Fräulein Clary geheiratet und lebte in sehr guten Verhältnissen in Marseille. Napoleon war Brigadegeneral und mit dem Oberbefehl über die Artillerie des Italienischen Heeres betraut worden.

Nur Lucien, der Brausekopf, war noch sehr arm. Er bekleidete ein bescheidenes Amt in Saint-Chamans bei Cette und hatte eine unbemittelte Frau geheiratet. Wie Tausenden seiner Gesinnungsgenossen ereilte auch diesen eingefleischten Republikaner das Geschick. Nach dem Sturze Robespierres wurde er verhaftet und in den Kerker geworfen. Maria Anna, die sich jetzt, wahrscheinlich auf den Wunsch Luciens, Elisa nannte, stand Qualen der Angst und Sorge um den geliebtesten der Brüder aus. Sie beschwor die Mutter und Napoleon, man möchte ja alles versuchen, um Lucien wieder frei zu bekommen. Da Frau Letizia zu jener Zeit etwas leidend war, vielleicht auch, weil sie nicht die Sprache so gut beherrschte, konnte sie das Gesuch an den Volksvertreter Chiappe nicht selbst schreiben, und so beauftragte sie die sechzehnjährige Elisa damit. Das junge Mädchen war nicht wenig stolz, ihrem Bruder einen Dienst erweisen zu können. Aber trotz der achtjährigen Schulzeit in Saint-Cyr gelang es auch ihr nicht, das Schreiben fehlerfrei abzufassen. Es hatte übrigens keinen Erfolg. Dem General Bonaparte gelang es schließlich nach vielen Bemühungen, seinen Bruder aus der Gefangenschaft zu befreien.

Wie gern hätte es Frau Letizia gesehen, ihre beiden älteren Töchter, Elisa und Pauline, verheiraten zu können! Sie wohnte jetzt mit ihnen wieder in Marseille. Unter all den jungen Leuten, die in ihrem Hause verkehrten, schien jedoch keiner zu sein, der ernste Absichten auf die Mädchen hatte. Sie unterhielten sich wohl alle gern mit den lustigen, pikanten Schwestern, scherzten und tändelten mit ihnen aber das war alles. Der Ruf der jungen Mädchen war nicht der beste. Die Chronique scandaleuse behauptete, wie erwähnt, die Schwestern des Generals Bonaparte hätten sich nicht gescheut, ein schändliches Gewerbe aus ihrer Liebe zu machen, und Letizia hätte das geduldet. Keiner der Anschwärzer aber bringt einen Beweis dafür. Besonders sind die lügenhaften Berichte des Direktors Barras in Zweifel zu ziehen. Hätten Elisa und Pauline sich verkauft, so würde die Familie gewiß nicht gezwungen gewesen sein, die Unterstützungen anzunehmen, die sie noch immer zu jener Zeit bezog. Vom 21. November 1795 bis zum 29. Januar 1796 erhielt Frau Letizia 300 Franken. Jede ihrer Töchter und ein Dienstmädchen, Madeleine Nouvello, bekamen dieselbe Summe von der Regierung. Mit 1500 Franken in zwei Monaten konnten fünf Personen wenn nicht glänzend so doch anständig leben. Und dazu taten Napoleon und Joseph alles, um ihre Familie mit dem nötigen Geld zu versorgen.

Ein anderer Zeitgenosse, der spätere General Ricard, der, als er selbst noch ein junger Mann war, bei den Bonaparte in Marseille aus- und einging, ist gerechter. Er sagt: »Wenn auch das Verhalten der Schwestern Napoleons in Wirklichkeit tadellos war, so war es das doch nicht dem Scheine nach. Ich erinnere mich gewisser Vertraulichkeiten und Freiheiten, die wir, einige junge Marseiller und ich, uns ihnen gegenüber gestatteten.«

Die Mädchen waren leichtsinnig und nicht auf den Klatsch bedacht. Mancher junge Mann konnte sich rühmen, diese oder jene Gunst von Elisa und Paulette empfangen zu haben. Vor allem kannte Paulette keine Grenzen. Sie war damals in Fréron verliebt. Jedenfalls vergnügten sich die Töchter Letizias nach Herzenslust. Sie suchten sich gleichsam für die erlittenen Entbehrungen zu entschädigen. Man spielte in ausgiebigem Maße Theater, wobei es den jungen Damen nicht darauf ankam, auch die männlichen Schauspieler anzukleiden und die geringsten Einzelheiten ihres Anzugs mit geschickter Hand selbst zu ordnen. Die jungen Leute waren zwar mit den weiblichen Kammerdienern sehr zufrieden, jedoch nicht immer verschwiegen genug. Sie prahlten und erzählten mehr, als sie in Wirklichkeit empfangen hatten. Mit einem Wort, die Töchter der sittenstrengen Frau Letizia waren leichtsinniges Blut, Tollköpfe, die auf ihren guten Ruf nicht bedacht waren.

Das verhinderte sie aber nicht, sich nach dem ruhigeren Hafen der Ehe zu sehnen. Elisa und Paulette – Karoline war noch zu jung – schwärmten von einer zukünftigen Heirat. Durch Napoleon, der soeben Josephine geheiratet hatte, kam seine Familie immer mehr zu Ansehen, und endlich stellten sich auch die Freier um seine Schwestern ein. Es war ja eine Ehre, der Schwager des berühmtesten Generals der Republik zu sein! Napoleon war am 2. März 1796 zum Oberbefehlshaber der Italienischen Armee ernannt worden, und als er bald darauf, auf seiner Reise zum Heere, die Familie in Marseille aufsuchte, wurde er äußerst herzlich von seinen Schwestern empfangen. Sie hätten gar zu gern schon jetzt die Bekanntschaft der »Vicomtesse« de Beauharnais gemacht, nur um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, ob sie wirklich so schön, anmutig, vornehm und gut sei, wie er von ihr sagte. Sie glaubten nämlich nicht, daß eine 33 jährige Frau noch alle diese Vorzüge haben könnte. Und als sie Josephine später kennen lernten, da fanden sie an ihr, die sie aus ganzer Seele haßten, allerlei Mängel.

Aber auf ihren berühmten Bruder waren sie sehr stolz. Bald erfüllten die Nachrichten von seinen Siegen auf dem Kriegsschauplatz die halbe Welt mit Begeisterung, und die Strahlen seines Ruhmes fielen notwendigerweise auch auf seine Familie. Am 29. Mai 1796 veranstaltete die Stadt Marseille ein Nationalfest, das »Fest des Sieges und der Dankbarkeit«. Frau Bonaparte und ihre Töchter wohnten der Feierlichkeit bei und empfingen die Huldigungen von seiten der Behörden. Man überreichte ihnen Blumen und Palmenzweige als Zeichen, wie sehr man die Anwesenheit der Mutter und Schwestern des großen Generals zu schätzen wisse.

Natürlich fehlte es ihm auch nicht an Feinden. Trotz der vielen und glänzenden Siege, die Bonaparte in Italien davon trug, verleumdete man ihn in Marseille und setzte ihn in der öffentlichen Meinung herab. Der Haß der Marseiller gegen Napoleon Bonaparte ist verständlich. Während der Revolution waren die Mauern der Forts Saint-Jean und Saint-Niclas, die die Stadt beherrschten, zum Teil geschleift worden. Der General Bonaparte aber hatte angeordnet, daß auch die nach der Stadt zu gelegenen Mauern wieder aufgerichtet und mit Kanonen besetzt würden, um sowohl die See als auch die Stadt bestreichen zu können. In den Kaffeehäusern zerriß man die Zeitungen, die seine Siege meldeten. In Aubagne hing man einen Strohmann auf, der den General Bonaparte darstellte, der mit allen möglichen beleidigenden Abzeichen und Inschriften bedeckt war. In den Theatern und auf den Straßen wurden Letizia und ihre Töchter beschimpft, so daß es nötig war, vor ihrem Hause in der Rue de Paradis eine Schildwache aufzustellen, um sie zu beschützen. Und es waren nicht nur die Royalisten, die diesen Haß bezeugten, sondern auch republikanisch gesinnte Einwohner. Endlich hielt es die Sektion des Südens für nötig, dem so beschimpften General Genugtuung zu gewähren. Er hatte bereits viel Macht in Händen, und man fürchtete seinen Zorn. So bestrafte man die Journalisten, die falsche Gerüchte über Bonaparte und seine Familie verbreitet hatten, und erklärte in einer Versammlung öffentlich: »Die Einwohner von Marseille haben niemals aufgehört, für die Familie des ruhmreichen Bonaparte die Rücksicht und das Wohlwollen zu beweisen, die man ihr schuldig ist. Sollten irgendwelche schlechte Bürger sich die geringste Beleidigung gegen diese Familie erlaubt haben, so werden das nur Anarchisten gewesen sein.« Auch die Sektion des Nordens nahm es auf sich, den General über die wahren Gesinnungen der Marseiller aufzuklären. Man tat alles, um den großen Feldherrn nicht zu verletzen. Er und seine Familie konnten mit all diesen öffentlichen Beweisen von Achtung und Auszeichnung zufrieden sein. Napoleon aber trug sein ganzes Leben hindurch einen gewissen Groll gegen die Marseiller im Herzen, wenn er sich auch damals nichts merken ließ. Noch später mußte er erfahren, daß diese Stadt niemals aufrichtig bonapartistisch gesinnt war.

Auf die drei Schwestern des Generals Bonaparte machten die ehrenden Kundgebungen den größten Eindruck. Die Familie schien bereits alle Not und alles Elend weit hinter sich gelassen zu haben. Jetzt konnten sich die Mädchen, dank ihres Bruders, schöne Kleider und Hüte kaufen. Letizia und ihre Töchter waren nicht mehr arm. Kurz nach dem 13. Vendemiaire schon schrieb Napoleon an Joseph: »Ich habe der Familie 50–60.000 Franken in Silber, Assignaten und Modegegenständen gesandt.« Letizias Haus in der Rue de Paradis wurde der Treffpunkt der guten Gesellschaft. Alle Korsen, alle Offiziere der Italienischen Armee, die durch Marseille reisten, alle höheren Verwaltungsbeamten machten der Mutter und den Schwestern des Generals Bonaparte ihre Aufwartung. Sogar der Admiral Truguet, der einstige Bewunderer Elisas, versäumte nicht, im Hause Letizias wieder vorzusprechen, als er sich in Marseille aufhielt.

Elisa und Paulette teilten ihre Huld bereits wie Königinnen aus. Vor allem fühlte sich die Ältere, die Aristokratin, durch so viel Auszeichnung gehoben. Sie hatte jetzt auch einen ernsthaften Freier. Ein junger Offizier, namens Pasquale Baciocchi, machte ihr den Hof. Wie die Bonaparte selbst, so gehörte auch er einer aus Genua in Korsika eingewanderten alten Familie an, die mit vielen korsischen Patriziergeschlechtern durch Heiraten verbunden war. Aber ebenso wie die Bonaparte waren die Baciocchi nicht reich. Pasquales Vater diente als Oberst auf der Heimatinsel. Der Sohn stand im 34. Lebensjahre, als er um die Hand Elisas anhielt. Baciocchi war am 18. Mai 1762 in Ajaccio geboren. Obwohl er gerade keine intelligenten Züge hatte, so war sein Äußeres nicht unangenehm. Vor allem aber besaß er einen sehr verträglichen, gutmütigen Charakter. Lucien nannte ihn den »bon et rebon« Baciocchi.

Pasquale war ein stiller Mensch ohne Leidenschaften. Metternich hielt ihn für einen sehr beschränkten Kopf, der kein anderes Interesse hegte als für sein Geigenspiel. Es war daran etwas Wahres, denn Baciocchi liebte es sehr, anderen das zweifelhafte Vergnügen eines Vortrags auf seiner Geige zu gewähren.

Dieser zwar herzensgute aber schwache, unbedeutende, kraftlose Charakter war gerade der rechte Mann für die herrschsüchtige Elisa. Man sagte von ihr, sie habe sich bereits als Achtzehnjährige »mit einer für ihr Geschlecht ungewohnten Energie« ausgedrückt. Sie hätte sich die Herrschaft in der Ehe gewiß nicht streitig machen lassen. Und sicherlich wäre sie mit dem männlicheren Admiral Truguet öfters zusammengeraten. Pasquale hingegen hatte nie eine eigene Meinung. Alles, was Elisa tat, war ihm recht. Er schien ihr übrigens aufrichtige Neigung entgegenzubringen, denn zweifellos hätte er glänzendere Verbindungen eingehen können, wenn er gewollt hätte. Joseph stellte ihm das Zeugnis aus, daß er ein junger, in jeder Beziehung vornehmer Offizier sei.

Baciocchi hatte seit dem Jahre 1778 im Regiment »Royal Corse« gedient. Als er Elisa kennen lernte, war er Hauptmann. Übrigens war er der Familie Ronaparte kein Fremder. Ein Baciocchi hatte in früheren Zeiten eine Bonaparte geheiratet. Als daher Pasquale nach dem 9. Thermidor nach Marseille kam – er hatte, da er und seine Familie bourbonisch gesinnt waren, im März 1794 auswandern müssen –, empfing Letizia ihn wie einen Verwandten in ihrem Hause. Sie bot ihm Zuflucht und Fürsorge an. Der tägliche Umgang mit Frau Bonapartes Töchtern ließ in dem Offizier eine stärkere Zuneigung für die älteste entstehen, und Ende 1796 wurde das junge Mädchen seine Gattin.

Frau Letizia hielt es nicht für nötig, ihren Sohn Napoleon, der in Italien von Sieg zu Sieg eilte, um Rat zu fragen. Sie schrieb ihm wohl, verheiratete jedoch ihre Tochter, noch ehe seine Antwort eintraf. Ihr war der korsische Schwiegersohn recht, weit lieber als irgendein glänzender Offizier, den der General Bonaparte vielleicht aus seinem Generalstab für Elisa gewählt haben würde. Man sagt, Napoleon sei von dieser Heirat seiner Schwester nicht gerade entzückt gewesen; er habe andere, höhere Absichten mit Elisa gehabt. Es liegt indes kein Grund vor, dies anzunehmen. Baciocchi war kein zu verachtender Freier. Und zu jener Zeit hatte Bonaparte für seine heiratslustigen Schwestern noch keine Generale und Würdenträger in Bereitschaft. Höchstens hätte er sich einen Schwager gewünscht, der weniger aller intellektuellen Fähigkeiten bar gewesen wäre als Pasquale. Später sagte Napoleon freilich: »Meine Schwestern befragten, als sie sich verheirateten, nur ihre Leidenschaft und ihre Phantasie.« Übrigens brachte Napoleon seiner Schwester Elisa zur Zeit ihrer Heirat wenig Zuneigung entgegen. Ihr Geschick lag ihm nicht so sehr am Herzen wie das der beiden andern Schwestern. Elisas Charakter war dem seinen viel zu ähnlich, als daß sie miteinander in gutem Einvernehmen hätten stehen können. Deshalb herrschte auch niemals eine solche Vertraulichkeit zwischen ihnen wie zwischen Joseph und Napoleon oder Pauline und Napoleon. Es konnte ihm also gleich sein, wen Elisa heiratete, wenn nur ihr der Mann ihrer Wahl gefiel.

Die bürgerliche Trauung Elisas und Pasquales fand also ohne die Zustimmung des Generals Bonaparte am 1. Mai 1797 in Marseille statt. Von der Familie waren nur die Mutter und Karoline zugegen. Jérôme befand sich zu jener Zeit in der Schule des Irländers Mac Dermott; Paulette weilte bei Josephine in Mailand und Joseph in Mombello. Lucien, der Lieblingsbruder Elisas, dessen Abwesenheit sie am meisten beklagte, war in Korsika, gleichsam zur Strafe, daß er die Rheinarmee eigenmächtig verlassen hatte. Und Louis war Adjutant des Generals Bonaparte.

Wie üblich in der Familie Bonaparte, hatte man es auch bei Elisas Verheiratung mit der Prüfung der nötigen Papiere nicht so streng genommen. Pasquale gab sich als 29 jährigen »Hausbesitzer« aus und nannte sich Felix Baciocchi. Das Alter der Braut wurde mit 29 anstatt mit 20 Jahren angegeben. Das waren kleine Unregelmäßigkeiten, die man nicht beachtete. Von einer religiösen Trauung konnte damals in Frankreich nicht die Rede sein, da der Kultus noch nicht wiederhergestellt war.

Sobald Elisa verheiratet war, gedachte sie mit dem Gatten und der Mutter ihrem berühmten Bruder einen Besuch zu machen. In Mombello bei Mailand hielt der General Bonaparte bereits eine Art Hof. Da durfte die ehrgeizigste und ruhmsüchtigste seiner Schwestern nicht fehlen. Seine ganze Familie versammelte sich um ihn, nur Lucien fehlte im Clan, und aus guten Gründen, denn seit seinen dummen, bloßstellenden politischen Streichen war Napoleon nicht gerade gut auf ihn zu sprechen.

So machten sich Letizia, Elisa, Pasquale und Karoline Anfang Juni 1797 auf den Weg nach Mombello. Seit länger als einem Jahr hatten sie den Sohn und Bruder nicht mehr gesehen. Elisa war nicht wenig stolz, die Schwester eines so berühmten Feldherrn zu sein, und auch Letizia konnte die glückliche Zufriedenheit nicht verbergen, die ihr auf dem Gesicht geschrieben stand. Als sie in Genua anlangten, glaubten sie ruhig und ohne Gefahr durch das mit Krieg überzogene Italien bis nach Mailand reisen zu können. Bonaparte hatte für keinerlei Bedeckung Sorge getragen. Wie es schien, hatte er den Brief der Mutter, der ihm ihre Ankunft meldete, nicht rechtzeitig genug erhalten. Diese korsische Familie hatte jedoch das größte Vertrauen zu der Macht eines der Ihrigen. War Napoleon nicht der Sieger über das Land, das sie durchreisten? Was konnte ihnen begegnen? Mußte man der Mutter und der Schwester des Oberbefehlshaber nicht überall mit Ehrfurcht und huldigender Dankbarkeit begegnen? Das war man ihnen doch zum mindesten schuldig, daß man sie ruhig ihres Weges ziehen ließ! Fast schien die stolze Letizia beleidigt zu sein, als der Adjutant Lavalette, der sich zufällig auf einer Sendung an den Dogen in Genua befand, ihr seinen militärischen Schutz anbot. Er wollte selbst bei den Damen bleiben, um sie gegebenenfalls verteidigen zu können. Da antwortete ihm die Mutter des Generals Bonaparte: »Ich habe hier nichts zu fürchten, mein Sohn hat die bedeutendsten Personen der Republik (Genua) als Geiseln in seiner Hand. Brechen Sie nur rasch zu ihm auf, um ihn von meiner Ankunft zu benachrichtigen. Ich selbst werde morgen früh meinen Weg fortsetzen.« Dennoch hielt es der kluge Lavalette für geeignet, eine Abteilung Reiterei, die er gerade zur Hand hatte, den Reisenden vorauszuschicken. Und so kamen Letizia und die Ihrigen wohlbehalten iii Mombello an. Es schmeichelte Elisa, daß der General Bonaparte und seine Gemahlin sie und Pasquale außerordentlich höflich empfingen. Napoleon und Josephine kamen ihnen sogar ein Stück Wegs entgegen, um sie selbst in das schöne Schloß, das sie bewohnten, einzuführen.

Wie hatten sich die Zeiten geändert! Das waren nicht mehr die armen korsischen Flüchtlinge von Marseille, die hier in Mombello von einem Kreis glänzender Generalstabsoffiziere und schöner vornehmer Frauen umgeben waren! Elisa, Pauline und Karoline brauchten sich nicht zu verstecken. Sie trugen jetzt nicht mehr billige, selbstgemachte Kleider, dürftige Hüte und mangelhafte Schuhe. Sie waren mit Geschmack und Vornehmheit gekleidet. In ihrem Auftreten lag nichts von jener Schüchternheit, die gewöhnlich denen anhaftet, die Not und Elend kennen lernten. Die Aufmerksamkeiten und Auszeichnungen, die man ihnen erwies, nahmen sie alle wie selbstverständlich und ihnen gebührend hin.

Der General Bonaparte wünschte, daß die Ehe Elisas auch die kirchliche Weihe erhielt. Gleichzeitig mit Pauline und Leclerc wurden Elisa und Baciocchi am 14. Juni 1797 in der Kapelle San Francesco in Mombello kirchlich getraut. Um aber kein Aufhebens von dieser religiösen Feier zu machen, die sich mit einem republikanischen General nicht vereinbart hätte, setzte Napoleon die Einsegnung der beiden Paare auf 11 Uhr nachts an. Vielleicht war ihm auch seine Zeit tagsüber zu kostbar. Gleichviel, der Pfarrer Brioschi sprach den Trausegen über die Schwestern des Generals. Fesch und der General Leclerc dienten Elisa und Baciocchi als Zeugen. Merkwürdig ist es, daß weder Napoleon noch Josephine damals daran dachten, ihre eigene Verbindung durch die Kirche bestätigen zu lassen.

Das herrliche Leben im Schloß Mombello gefiel Elisa und ihren Schwestern sehr. Täglich waren sie von einem Schwarm junger liebenswürdiger Offiziere, Künstlern und Schriftstellern umringt. Staatsmänner und Würdenträger gingen im Hause des berühmten Bruders ein und aus. Feste, Bälle, Konzerte, Diners und Theater waren an der Tagesordnung; immer gab es neue Zerstreuungen. Das Schloß wurde von 300 polnischen Reitern bewacht, die sich in ihren schönen blauen und amarantroten Uniformen sehr malerisch und vornehm ausnahmen.

Der General Bonaparte selbst war der liebenswürdigste Wirt, den man sich denken konnte. Er liebte zu plaudern und zu scherzen, aber seine Witze waren nie verletzend, sondern immer taktvoll. Er schien sich im Kreise der Seinen sehr wohl zu fühlen. Man sah ihm das Glück an, das er darüber empfand, seiner Familie so viel Gutes und Schönes bieten zu können. Oft mischte er sich unter seine jungen Offiziere und Gäste, um an ihren Spielen und Vergnügungen teilzunehmen. Bisweilen forderte er auch die ernsten österreichischen Unterhändler auf, sich daran zu beteiligen. Man führte ein sehr gemütliches, angenehmes Leben in Mombello. Dazu trug viel bei, daß der General Bonaparte dort keine geregelten Arbeitsstunden hatte und für jeden zugänglich war. Noch gab es keine Etikette, wenn auch schon ein gewisses Zeremoniell vorherrschte.

Josephine machte mit jener verführerischen Anmut und Liebenswürdigkeit, die ihr eigen waren, die Honneurs im Schlosse. Ihr Takt und ihre Weltgewandtheit spornten auch die jungen Schwägerinnen an, es ihr nachzutun. Im tiefsten Innern freilich haßten sie diese Frau, die es so gut verstand, Herz und Sinne des Bruders zu erobern und zu fesseln. Oh, wie sie sie beneideten, diese »Vicomtesse«, deren Sohn Eugen bereits mit seinen fünfzehn Jahren die weiß und rote Adjutantenbinde trug! Elisa besonders haßte Josephine. Sie stand ja durch den Rang Napoleons viel höher über der einfachen Hauptmannsgattin Frau Baciocchi! Lange Zeit mußte Elisa unter diesem Rangneid leiden. Denn wenn auch Pasquale, oder besser Felix, bald befördert wurde, so ging das doch lange nicht so schnell wie etwa bei ihren Brüdern oder wie bei Eugen und Murat. Gegen seine Brüder war Napoleon schwach; seinen Schwägern gegenüber aber war er streng. Sie mußten sich die Auszeichnungen und Ämter, die er ihnen verlieh, verdienen. Und da stand es eben nicht gerade günstig mit Baciocchi; er war nicht einer der Klügsten.

In Mombello jedoch wußte man sich noch im Neide einigermaßen zu beherrschen. Die Schwestern des Generals Bonaparte waren gegen Josephine außerordentlich liebenswürdig. Nur Paulette vergaß bisweilen ihre guten Vorsätze. Elisa war vernünftiger. Sie wußte nur zu gut, daß ihre Familie dem General alles verdankte. Da mußte man gute Miene zum bösen Spiel machen und gegen die Frau Generalin ein freundliches Gesicht zur Schau tragen. Und so schien es, als wenn die Bonaparte und die Beauharnais die einigste und liebevollste Familie der Welt wären.

An Zerstreuungen fehlte es, wie gesagt, nicht im Schlosse. Zu den Mahlzeiten spielte ein Orchester der Guiden, und den Kaffee und das Eis nahm man auf der von schattigen Bäumen umgebenen Terrasse ein. Die Abende wechselten angenehm ab mit Theater- und Gesangsvorträgen, zu denen sich schöne Frauen, wie die Sängerin Giuseppina Grassini vom Scalatheater in Mailand, erboten. Diese junge Frau verschwendete alle ihre Kunst und die Blitze ihrer wunderschönen Augen, um dem gefeierten General Bonaparte zu gefallen. Der aber hatte nur Auge und Ohr für seine unvergleichliche Josephine. Erst später, als er das zweitemal siegend durch Italien zog, erhörte er die italienische Sängerin.

Überall wurde dem General Bonaparte und seiner Familie die ehrenvollste Aufnahme zuteil. Er schien besonders glücklich zu sein, all diesen Ruhm, alle diese Ehren seinen Angehörigen zeigen zu können. Und wo er ihnen Vorteile verschaffen konnte, tat er es.

Seinen neuen Schwager Baciocchi überraschte er am 11. Juni 1797 durch die Ernennung zum Bataillonschef und Kommandanten der Zitadelle von Ajaccio. Da Pauline an einen General verheiratet war, konnte Elisa, die Ältere, nicht nur die Frau eines Hauptmanns sein. Aber es hieß damit auch von Mombello scheiden. Einesteils mochte sie das glänzende Leben im Hauptquartier des Bruders nur ungern aufgeben, andernteils aber war sie stolz, daß ihr Gatte nun ebenfalls einen bedeutenden militärischen Posten innehatte. Vor allem aber empfand sie eine gewisse Genugtuung darüber, daß sie es ihren Landsleuten zeigen konnte. Sie, die einst mit ihrer Familie vor den Paolisten hatte fliehen müssen, sie kehrte jetzt gewissermaßen als eine Art Machthaberin in die Heimatstadt zurück!

Doch sie ging nicht sogleich mit ihrem Gatten und der Mutter nach Korsika. Zuvor begab sie sich nach Paris. Sie erlebte dort die Rückkehr des lorbeergekrönten Siegers aus Italien. Anfang 1798 jedoch finden wir die junge Frau Baciocchi in Ajaccio bei ihrem Gatten. Schon im Juni desselben Jahres war sie wieder in Frankreich, in Marseille, der Stadt, wo sie Not und Entbehrungen kennen gelernt hatte. Hier gebar sie ihr erstes Kind. Es war ein Sohn, den sie Felix Napoleon nannte. Er hatte kein langes Leben. Schon sieben Monate nach seiner Geburt, am 19. Januar 1799, starb er.

III.

Marseille war jetzt der Aufenthaltsort der Baciocchi. Auf Veranlassung seines Schwagers Napoleon war Felix am 25. August 1798 zum Kommandanten des Forts Saint-Nicolas ernannt worden. Frau Baciocchi war nicht gern in dieser Stadt. Die Erinnerung an frühere Zeiten war ihr unangenehm. Sie setzte es endlich durch, daß Felix am 6. Dezember 1799 als Generaladjutant zur 17. Militärdivision befohlen wurde. Ihr Hauptquartier lag in Paris. Drei Monate später, im März 1800, erfolgte dann seine Ernennung zum Generaladjutanten der Armee von Ägypten.

Als solcher wurde Baciocchi aufs neue nach Korsika gesandt, um sich an der Organisierung des Kontingents der Insel zu beteiligen.. Diesmal begleitete ihn Elisa nicht nach der Heimat. Sie schien ihrer jungen Ehe bereits müde zu sein. Auf ihres Mannes Einspruch erwiderte sie, daß sie die Erziehung der Kinder Luciens überwachen müsse. Seine Frau, Christine, war schon damals leidend und starb kurze Zeit darauf. Elisas Handeln war nicht ganz selbstlos. Zwar hat sie Lucien während der Witwerschaft tapfer zur Seite gestanden, sie ist auch seinen Kindern beinahe eine Mutter gewesen, aber für sie selbst kam vor allem in Betracht, daß sie das schöne Paris nicht mit Ajaccio oder irgendeiner andern langweiligen Stadt Korsikas vertauschen wollte. Elisa liebte außerordentlich Luciens Geselligkeit und Vergnügungen, besonders geistige Unterhaltung und Theater. Wo aber hätte sie das besser finden können als in Luciens gastfreiem, kunst- und geistliebendem Hause? Wo hätte sie besser ihre Vorliebe für das Komödiespielen befriedigen können als in Paris und in den Salons ihrer im Ansehen und Reichtum immer höher steigenden Brüder? Wo hätte sie eine geistreichere, elegantere Gesellschaft gefunden als in Frankreich? Nein, sie wollte nicht fort von ihrem geliebten Paris! Trotz ihrer zarten Gesundheit besuchte sie die meisten Bälle und Feste. Die schöne Madame Recamier, die leichtsinnige Therese Tallien, Madame Hainguerlot und andere Berühmtheiten, die unter dem Direktorium eine Rolle gespielt hatten, waren Elisas Freundinnen. Mit ihnen erschien sie auf den Bällen, und als schließlich der Erste Konsul seiner Familie den Umgang mit Frau Tallien und ihrem Anhang untersagte, traf man sich zufällig beim Morgenritt im Bois de Boulogne. Elisa war eine kühne Reiterin. Sie hatte immer die besten Reiter an ihrer Seite. Graf Roederer war ihr ständiger Begleiter und Bewunderer.

Alle diese Zerstreuungen würde Elisa nur ungern aufgegeben haben, zumal ihre Familie nach dem 18. Brumaire eine besondere Rolle zu spielen begann. So ließ sie Felix allein nach Korsika gehen. Sie blieb bei Lucien in Paris. In seinem Hause konnte sie schalten und walten, wie sie wollte. Er liebte die Schwester aufrichtig, und sie vergalt es ihm in gleicher Weise. Die gleichen Neigungen, die gleichen Interessen verbanden sie miteinander. Sie hatten dieselben Freunde und auch dieselben Feinde. Bei Lucien fand Elisa gelehrte und geistreiche Männer, vor denen sie ihr Wissen oder besser Halbwissen auskramen konnte. Mit Frauen liebte sie nicht zu plaudern. Im Gegenteil, sie zeigte sogar oft ein unliebenswürdiges Wesen in deren Gesellschaft. Mit Männern hingegen war sie lebhaft, liebenswürdig, geistreich und interessant. Die Unterhaltung mit einem Mann hatte für sie tausendmal mehr Reiz, nicht nur, weil sie mit ihm ernster, wissenschaftlicher sprechen, sondern weil sie ihm gegenüber neben ihrer Klugheit auch noch ihre weiblichen Eigenschaften entfalten konnte. Leider war Elisa einer von den unkritischen Menschen, die alles zu können, alles zu wissen glauben, ohne daß sie entweder die Reife des Studiums oder die Erfahrung des Alters besitzen. Die Zwanzigjährige hielt sich sowohl in den Wissenschaften als auch in den schönen Künsten für vollkommen fähig und berechtigt, über alles mit der Überzeugung des Fachmannes zu sprechen. Am liebsten hätte sie auch denen, die in ihren Berufen als Meister bekannt waren, Unterricht oder Lehren gegeben. Wie die meisten halbwissenden Menschen, wußte sie alles besser. Das Wort des Philosophen, daß man nichts weiß, je mehr man Kenntnisse besitzt, war ihr unbekannt. Sie hielt sich nicht allein für eine große Dichterin und Schriftstellerin, sondern auch für eine begabte Schauspielerin, eine talentvolle Malerin und später sogar für einen genialen Staatsmann. In dieser Hinsicht stellte sie sogar ihre Fähigkeiten mit den Herrschertalenten Napoleons auf die gleiche Stufe.

Elisa war allerdings nicht unbegabt. Zum mindesten war sie die klügste unter den Schwestern des Kaisers. Das will aber noch lange nicht heißen, daß sie ein Genie war. Sie besaß Fähigkeiten und auch manche gute Eigenschaft, die gewiß in einer weniger äußerlichen Stellung besser zur Entfaltung gekommen wären. So aber lebte Elisa an einem Hofe, an dem es an Schmeichlern und Schönrednern nicht fehlte. Alles, was die Schwestern Napoleons taten, wurde gelobt und über die Maßen hervorgehoben. Frauen nehmen leicht eine Schmeichelei für Wahrheit. Warum sollte Elisa an ihren Talenten zweifeln, da man ihr täglich zu verstehen gab, sie sei ganz wie ihr genialer Bruder? Ja, die Natur hatte sie sogar günstiger als Napoleon bedacht. Sie hatte Elisa mit einem schauspielerischen Talent ausgestattet, das sie über alle Begriffe künstlerisch dünkte! Aber ihre Bühnenleistungen waren nur in ihrer eigenen und in Luciens Einbildungskraft bedeutend. Trotzdem der Schauspieler Dugazon Elisa dramatischen Unterricht erteilte, ist Elisa nie eine gute Schauspielerin gewesen. Weder ihr Äußeres noch ihre Stimme noch ihr Vortrag eigneten sich dazu, auf den Brettern zu erscheinen. Ihre Gestalt war eckig und männlich, ihre Stimme schrill und ohne Wohllaut. Dazu hatte sie die unangenehme südfranzösische Aussprache. Alles, was sie sagte, klang gewöhnlich. Das einzige, wodurch sie sich auf der Bühne auszeichnete, waren die gewagten Kostüme. Sie erschien halb nackt vor den Augen der Zuschauer, wahrscheinlich um wenigstens in der Kleidung der Griechinnen, deren Rollen sie spielte, echt zu sein. Man vergaß aber dabei die Ästhetik und war mehr auf die Wirkung des überspannten bedacht. Der Erste Konsul verbot seiner Schwester sehr bald, so herausfordernd zu erscheinen.

Elisas Gesellschaften bei Lucien in Plessis-Chamant hatten stets großen Zuspruch, mehr als die Josephs in Mortefontaine. In Plessis konnte man sich ungezwungener bewegen als in Mortefontaine, wo man ernste Unterhaltung pflegte, oder als in Malmaison, wo bereits die Hofsitte begann. Bei Lucien scherzte, lachte, tanzte, musizierte oder spielte man. Manchmal erlaubte man sich auch ein wenig rohe Spässe. So legte man einst dem Dichter Fontanes, der zu Besuch in Plessis war, einen toten Fuchs ins Bett. Einem andern Gast tat man Jalappawurzel in die Suppe.

Man rechnete der Schwester des Ersten Konsuls vieles zugute, was man einer andern nicht verziehen hätte. Trotz aller ihrer Fehler hatte sie ja auch wirklich die Gabe, durch ihre Lebhaftigkeit und ihre außerordentlich leidenschaftliche Veranlagung die Leute zu fesseln. Geduldig hörte man ihre Vorträge und Deklamationen an, die sie mit Vorliebe aus den Werken Voltaires wählte. Da sie es bei den Unterhaltungen nicht liebte, daß andere auch ihre Meinungen kundtaten, so brauchte man nur zu schweigen und den Redestrom der lebhaften Frau über sich ergehen lassen. Das war immerhin ein Vorzug. Wie gerne schwiegen übrigens die jungen Künstler oder Schriftsteller, die durch Elisas Einfluß hochzukommen hofften!

Um diese Zeit lernte Elisa den Dichter Fontanes bei Luden kennen. Beide wurden bald sehr vertraut miteinander. Es waren nicht nur geistige Interessen, die sie zusammenführten. Anfangs freilich mag der sprühende Geist des Dichters auf die wissensdurstige Frau gewirkt haben. Später lernte sie den Menschen in ihm lieben. Leider entsprach seine Gestalt durchaus nicht dem Ideale eines Dichters. Er war ein kleiner dicker Mann mit einem runden Kopfe und einem ziemlich alltäglichen Gesicht, das indes äußerst interessant erschien, wenn er sprach. Und er war ein glänzender Redner, sowohl im Salon als im vertrauten Kreise. Er wußte zu bewundern und zu loben. Das gefiel Elisa. Die Herzogin von Abrantes konnte sich nicht genug wundern, daß dieser Mann sich in Frau Baciocchi verliebt hatte. Sie schrieb: »Am meisten erstaunt es mich, daß Herr von Fontanes mit seinem entzückend geistreichen Wesen, seinen vornehmen Manieren, kurz er, der die Geselligkeit selbst ist, sich mit Frau Baciocchi befreunden konnte.«

Andere führende Geister huldigten dieser modernen Aspasia entweder aus kluger Berechnung oder aus Eitelkeit. Zu Elisas Freunden zählten geistvolle Männer wie Chateaubriand, Tissot, Andrieux, La Harpe, der Mentor Alexanders I., Esmenard, Roederer, Stanislas de Bouflers, ein von den Frauen besonders verwöhnter Mann, Legouvé, Pigault-Lebrun, Volney, Delille, Morellet u. a. m. Und außer den Vertretern der Literatur und Wissenschaft zog Elisa viele Maler und Künstler in ihren Kreis. David, Isabey, Gros, Lethière und Fontaine waren ihre ständigen Besucher. Junge Dichter lasen ihr ihre Werke vor, und Frau Baciocchi kritisierte sie mit wichtiger Miene. Lucien war von den Fähigkeiten und der Klugheit der Schwester entzückt. Er behauptete sogar, sie habe etwas von einer Gelehrten an sich.

Bei ihrer Schwägerin Josephine in Malmaison verkehrte Elisa weniger als in Mortefontaine. Beide Frauen konnten sich nicht ausstehen. Und zwar trug Frau Baciocchi ihren Haß weit mehr zur Schau als die gutmütige Josephine, die taktvoll alles tat, um irgendwelches Ärgernis mit ihren Schwägerinnen zu vermeiden. Aber sie konnte es Elisa doch nicht vergessen, daß sie sich von der ganzen Familie Bonaparte am meisten gegen Napoleons Heirat aufgelehnt hatte. Elisa wiederum trug nicht dazu bei, sich die Neigung der Frau Konsulin zu erobern. Wo sie der verhaßten Schwägerin irgendeine Beleidigung antun konnte, tat sie es. Sobald sich die Gelegenheit bot, hielt sie Josephine ihr Alter und ihre kinderlose Ehe mit Napoleon vor. Die ganze Familie war überzeugt, daß nur Josephine, die »Alte«, daran schuld sei. Sie hatten jedoch gar keinen Beweis dafür, denn Napoleon hatte damals noch keine außerehelichen Kinder. Dennoch stand es bei den Bonaparte fest, daß es nur an Josephine liege, wenn ihre Ehe kinderlos bliebe. Josephine hingegen wehrte sich energisch gegen diesen Vorwurf, denn es lag ihr daran, ihre Stellung zu behaupten. Eines Tages führte sie als schlagenden Beweis die Fruchtbarkeit in ihrer Ehe mit Alexandre de Beauharnais an. Die hämische Elisa jedoch antwortete darauf spitz: »Aber liebe Schwester, damals waren Sie ja auch jung.« Man konnte die arme Josephine nicht härter treffen als durch diese Worte. Sie brach in Tränen aus; sie waren immer ihre beste Waffe, wenn alles versagte. Napoleon konnte seine Frau nicht weinen sehen. Er schalt Elisa tüchtig aus. Vor dem Bruder schlug sie die Augen nieder, aber in ihrem Innern freute sie sich, daß der Schlag so gut gesessen hatte. Ihr Haß hinderte sie jedoch nicht, an den schönen Jagdpartien teilzunehmen, die Josephine in Butard, Croissy oder Marly veranstaltete. Nun, Josephine sollte bald Gelegenheit haben, sich für die erlittene Niederlage zu rächen.

Äußerst empfindlich für die ehrgeizige Elisa war die Absetzung Luciens von seinem Posten als Minister des Innern im Jahre 1801. Er mußte als Gesandter nach Spanien, und Baciocchi sollte ihn in der Eigenschaft eines Gesandtschaftssekretärs begleiten. Elisas Schmerz über des Bruders Ungnade äußerte sich ein wenig theatralisch. Eines Abends, als sie bereits seit einigen Tagen den Entschluß des Ersten Konsuls erfahren hatte, erschien sie mit rotgeweinten Augen in Josephines Salon. Es war Empfangstag, und eine Menge Leute waren anwesend. Den Beauharnais leuchtete die helle Freude aus den Augen darüber, daß ein Mitglied der Bonaparte beim Ersten Konsul in Ungnade gefallen war. Besonders konnte die junge Hortense ihre Schadenfreude nicht verbergen, als sie Elisa weinen sah. Diese wandte sich ziemlich auffällig an Stanislas Girardin und sagte mit halberstickter Stimme, aber so, daß es die Umstehenden hören konnten: »Denken Sie sich, vorgestern komme ich mit Lucien von Plessis zurück. Er begibt sich in die Tuilerien, und eine Stunde später meldet er mir seine und meines Mannes Abreise. Alle, die ich liebe, werden von mir entfernt! Sie können sich meinen Schmerz vorstellen.« Und schon war sie bereit, in einen Strom von Tränen auszubrechen. Josephine hatte alles beobachtet. Sofort stand sie auf, um die arme Elisa mit jener erheuchelten mitleidigen Teilnahme zu trösten, die tiefer verletzt als Spott und Haß. Frau Baciocchi war außer sich, aber Josephines Rachedurst war gestillt.

Nun hätte Elisa ihrem Kummer über die Abreise ihres Gatten dadurch abhelfen können, daß sie Felix nach Spanien gefolgt wäre. Sie zog es jedoch vor, in Paris zu bleiben, das eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie ausübte. Sie hatte ja auch bereits ehrsüchtige Pläne. In der Nähe des Ersten Konsuls glaubte sie sich eine glänzendere Zukunft schaffen zu können als in einer fremden Stadt als Gattin eines einfachen Gesandtschaftssekretärs. Sie hielt sich auch gewissermaßen für verpflichtet, die politischen Handlungen ihres großen Bruders zu überwachen, denn sie maß sich ungeheuer viel Verständnis und große Kenntnisse in der Politik bei. Wie gern wäre sie Napoleons Ratgeberin in allen Staatsangelegenheiten gewesen! Wie gern hätte sie auf seine Pläne Einfluß gehabt! Sie hätte sonst etwas darum gegeben, wenn sie ihm, der ihrer Meinung nach manchmal wie mit Blindheit geschlagen war, bisweilen die Augen hätte öffnen dürfen. Er aber wollte von einer solchen Bevormundung nichts wissen. Er konnte seiner Schwester Ratschläge entbehren. Er fragte sie nie um ihre Meinung, denn Elisa war ihm nicht sympathisch.

Wie gern sie sich in Politik mischte, geht aus dem Briefe hervor, den sie am 2. Januar 1801 an Joseph in Lunéville schrieb. Es war einige Tage nach dem Attentat der Höllenmaschine, als man noch glaubte, dieser Mordanschlag auf das Leben des Ersten Konsuls sei eine Verschwörung der Schreckensmänner. Elisa war überzeugt, Fouché habe dabei die Hand im Spiele gehabt, wie er auch ihrer Meinung nach die ganze Schuld an der Verabschiedung Luciens trug. Hatte er ihn nicht als den Verfasser der Schrift »Parallèle entre César, Cromwell, Monk et Bonaparte« bezeichnet? Da nun Fouché mit Josephine sehr vertraut war, glaubte Elisa gleichzeitig dem verhaßten Minister und der noch mehr verabscheuten Schwägerin einen Streich spielen zu können, wenn sie Napoleon reinen Wein einschenkte. Deshalb schrieb sie an Joseph: »Ich hoffe, daß das Ergebnis dieses verhängnisvollen Tages Bonaparte endlich die Augen öffnet. Hoffentlich entfernt er nun seine Feinde von sich und nähert sich seinen Freunden. Niemand wagt mit ihm zu sprechen, niemand traut sich ihm die Wahrheit zu sagen. Man wird ihn schließlich noch töten. Das sagen alle seine Freunde. Fouché und andere werden beschützt und unterstützt. Und von wem? – Jedermann weiß es und nennt die Verkappten. Nur er (Napoleon) weiß es nicht. Ich versichere Sie, mein lieber Joseph, daß wir Sie hier sehr nötig brauchen. Anfangs schalt man auf die Polizei; heute lobt man sie. Man sieht, sie (Fouché und seine Helfershelfer) sind festgewurzelt und gut beschützt. Bonaparte will nichts sehen. Er liest und sieht nur mit den Augen seiner Polizei, seiner Frau und seines Sekretärs. So weit sind wir gekommen! An Ihnen ist es, ein Mittel zu finden.« Elisa hatte jedoch nicht recht. Gerade damals war Napoleons Vertrauen zu seinem Polizeiminister Fouché arg erschüttert.

Napoleons älteste Schwester mußte sich aber immer mit irgendwelchen Intrigen beschäftigen. Auch Lucien in Spanien unterrichtete sie von allen politischen und Familienereignissen, die am Konsularhofe und in der Hauptstadt vorgingen. An Luciens Liebesangelegenheiten, woran es ihm nie mangelte, nahm sie lebhaften Anteil. Sie war ihm Vertraute und Ratgeberin. Seine Kinder liebte sie so zärtlich wie eine Mutter. Aus allen ihren Briefen an ihn geht hervor, wie sehr sie sich mit allem beschäftigte, was ihn und seine Familie anging.

Und neben der Sorge um Luciens verwaistes Heim lag ihr das eigene am Herzen. Der Bruder hatte ihr sein Haus in der Rue Verte überlassen, denn er selbst richtete sich nach seiner Rückkehr aus Spanien im Palais de Brienne ein. Elisas Salon gehörte zu den vornehmsten der Konsulatszeit. Sie liebte es sehr, die Mäzenin zu spielen. Auf einem antiken Ruhebett ausgestreckt, die hagere Gestalt in die weiten weichen Falten eines griechischen Gewandes gehüllt, empfing Aspasia ihre Gäste in einem Zimmer, dessen Einrichtung ebenfalls ganz griechisch gehalten war. Elisas bleiches, strenges, aber außerordentlich bewegliches Gesicht mit den tiefliegenden funkelnden Augen verriet Klugheit. Die reizende griechische Frisur, die nackten mit Gold- und Diamantspangen umschlossenen Arme, die tiefentblößte Brust aber ließen darauf schließen, daß sie nicht nur die geistigen Huldigungen der Männer zu empfangen wünschte. Darauf deutete auch der winzig kleine vergoldete Fächer, mit dem sie sich fächelte, wenn sie der Eifer der Unterhaltung mit den Männern des Geistes und der Wissenschaft in Feuer gebracht hatte. Denn Frau Baciocchi liebte über alles: über Mathematik, Chemie, Astronomie, Medizin, Chirurgie, Literatur und Politik zu sprechen. Meist aber sprach sie allein. Dann wagten ihre Zuhörer nur ab und zu ein zustimmendes Wort einzuwerfen. Der Allerbescheidenste unter ihnen aber war der Gatte.

Felix Baciocchi strebte nicht nach Ruhm, Titel und Würden. Er besaß nicht ein Fünkchen Ehrgeiz. Wahrscheinlich hielt er den Vorrat, den seine Frau davon hatte, schon für überreichlich. Er ließ Elisa für sich sorgen. Sie verschaffte ihm Ämter und Auszeichnungen. Sie wußte ihn in den Vordergrund zu drängen, ob er wollte oder nicht. Als er in Spanien weilte, wurde er auf ihre Veranlassung hin beauftragt, den Friedensvertrag, der im September 1801 zwischen Karl IV. und dem Ersten Konsul geschlossen worden war, nach Paris zu bringen. So traf Felix am 6. Oktober 1801 wieder in der französischen Hauptstadt ein.

Am 14. November folgte ihm auch Lucien. Für Frau Baciocchi begannen nun wieder die Tage köstlicher Unterhaltung. Sie mußte sich jetzt freilich mit der schönen Marchesa de Santa Cruz in das Honneurmachen bei Lucien teilen, aber für ihn tat sie alles gern. Seine Freunde waren auch die ihrigen. Lucien lebte seit seiner Rückkehr aus Spanien auf einem weit vornehmeren Fuße als früher. Das Palais de Brienne gehörte zu den prächtigsten in Paris, und die Feste, die dort veranstaltet wurden, hatten nicht ihresgleichen. Elisa stürzte sich dermaßen in den Strudel der Vergnügungen, daß ihre Gesundheit dabei gefährdet wurde. Bereits im Sommer des vorigen Jahres hatten sich Vorboten eines Magenleidens und Rheumatismus eingestellt, worunter sie später sehr zu leiden hatte. Man riet ihr, im Frühjahr 1802 die Bäder von Barège zu gebrauchen, die auch Louis gegen seine Krankheit besuchte. Sie schadeten ihr jedoch mehr als sie nützten. Nach ihrer Rückkehr war sie dermaßen abgemagert und elend, daß ihre Freunde sich über ihren Anblick entsetzten.

In den Jahren 1802 und 1803 wohnten die Baciocchi im Hause Luciens in Paris, eben dem erwähnten Palais de Brienne. Erst im März des letztgenannten Jahres ging Elisas sehnlichster Wunsch in Erfüllung, eine eigene Besitzung zu haben. Nachdem sie eine Zeitlang in Neuilly in der Villa Saint-James gewohnt hatte, kaufte sie das ehemalige Hotel Maurepas in der Rue de la Chaise, dem sie im Jahre 1805 noch das Palais Cicé beifügte. Zu dem Ankauf der Häuser schenkte Napoleon ihr 100.000 Franken. Sie stattete ihr neues Heim mit der höchsten Eleganz und der raffiniertesten Bequemlichkeit aus, aber die Sommermonate verbrachte sie doch wieder meist auf einem der Güter ihrer Brüder. Immerhin schränkte sie von dieser Zeit an den Verkehr bei Lucien ein wenig ein. Seitdem Alexandrine Jouberthou in sein Leben eingetreten und seine Frau geworden war, konnte er der Hilfe und Gesellschaft der Schwester mehr entbehren. Elisa kam schließlich auch zur Überzeugung, daß sie ihr Glück nur machen konnte, wenn sie sich näher an Napoleon anschlösse, dessen Ruhm und Einfluß von Tag zu Tag größer wurden. Als endlich der offene Zwist zwischen beiden Brüdern ausbrach, war Elisa zwar um Luciens willen, der glanz- und ruhmlos von allem fern leben mußte, sehr betrübt, aber sie stellte sich doch auf die Seite Napoleons, von dem ihre Familie alles Gute empfangen hatte. Sie war überzeugt, daß die ganze Verwandtschaft eine einzige politische Familie sein müsse, wie sie später in dem Briefe an Lucien vom 20. Juni 1807 wünschte. »Mama und wir«, schrieb sie, »würden sehr glücklich sein, nur eine einzige politische Familie zu bilden.«

In ihrer Ehe aber gab sie selbst nicht das Beispiel der Einigkeit. Ihren Gatten schien sie lieber zu haben, wenn er fern war. Jedenfalls ließ sie ihn von Napoleon als Kommandanten der 26. leichten Halbbrigade nach Sedan und etwas später nach dem Lager von Saint-Omer bei Boulogne beordern. Während seiner Abwesenheit spielte sie einstweilen ein wenig »Frau Oberst«. Zum mindesten nahm sie es auf sich, die Beförderungen oder Pensionen der Offiziere des Regiments ihres Gatten beim Ersten Konsul zu vermitteln.

Weit mehr als das Wohl des guten Baciocchi lag ihr die Zukunft ihrer Freunde am Herzen. Fontanes, der sie mehr beherrschte als sie zugeben wollte, verdankte ihr alles. Chateaubriand wurde von der Emigrantenliste gestrichen und erlangte die Gunst Napoleons. Es geschah nicht auf ganz gewöhnliche Weise. Eines Tages nämlich trat Elisa mit einem Buche in der Hand bei ihrem Bruder ein. Sie bat ihn, das Werk zu lesen. Napoleon, der nicht besonders von den schriftstellerischen Leistungen seiner Schwester erbaut war, warf einen kurzen Bück auf das Buch und erwiderte geringschätzig: »Ach! das ist wieder so ein Roman aus Ihrer Feder. Ich hätte gerade Zeit, dieses dumme Zeug zu lesen.« Damit legte er das Buch unbeachtet auf den Tisch. Elisa fühlte sich zwar ob einer solchen Mißachtung ein wenig verletzt, ließ sich jedoch nicht beirren. Sie ging gerade auf ihr Ziel los und bat den Ersten Konsul um die Streichung Chateaubriands von der Emigrantenliste. Jetzt ahnte Napoleon die ganze Geschichte. Er besah sich das Buch näher und rief: »Ah! von Herrn von Chateaubriand! Nun dann werde ich es lesen. Ich bewillige Ihnen auch seine Streichung.« Das Buch war die »Atala«.

Für Elisa und ihre Schwestern gab es keine größere Genugtuung, als wenn sie ihrer Schwägerin Josephine hinsichtlich der Gewährung von Bittschriften den Rang bei Napoleon streitig machen konnten. Sie neideten ihr die Beliebtheit beim Volke, die sich Josephine hauptsächlich durch ihre Liebenswürdigkeit und Güte, mit der sie stets bereit war, andern zu helfen, erworben hatte. Es ist bekannt, daß Josephine für viele Leute Gnade, Befreiung oder Zurückberufung aus der Verbannung erwirkte. Auch den Schwestern Napoleons gelang es bisweilen, daß ihre Bitten und Gesuche von Erfolg gekrönt waren. Nur trat besonders bei Elisa nicht das natürliche Bedürfnis, Gutes zu tun, so in den Vordergrund wie bei Josephine. Es geschah alles mehr wie verabredet und auf die äußerliche Wirkung bedacht. Aber auch Elisa rettete manchem, der verurteilt war, das Leben. Für ihre Freunde erlangte sie so gut wie die andern Ämter und Würden. Chateaubriand nannte sie nicht ohne Grund in jedem seiner Briefe die »bewunderungswürdige Wohltäterin«. Verdankte er doch gewissermaßen der Schwester Napoleons sein Dasein ebenso wie Fontanes. Als Fesch als Gesandter des französischen Hofes nach Rom ging, wurde ihm Chateaubriand als Sekretär beigegeben, natürlich nur auf Elisas Veranlassung. Dank ihrer vermochte sich der anmaßende Mann beim Kardinal Fesch zu halten, den er der Dummheit ja des Verrats anklagte, und mit dem er in beständigem Streit lag. Es gelang Elisa sogar, Chateaubriand mit Fesch wieder völlig auszusöhnen. Auch die Ernennung des Dichters zum Gesandten im Wallis war einzig und allein Frau Baciocchis Werk. Als Chateaubriand sich dann nach der Erschießung des Herzogs von Enghien auf die Seite der Royalisten stellte und seinen Abschied forderte, war sie zwar über seinen Abfall entrüstet, aber sie schützte ihn doch vor dem Zorne Napoleons.

Für das Schicksal des unglücklichen Herzogs von Enghien zeigte sie ungemeines Interesse. Sie soll sogar zu ihrem Bruder gesagt haben: »Geben Sie acht, daß nicht eine der Kugeln, die den Prinzen durchbohren, Ihnen das Zepter aus der Hand schlägt!« Ohne Frage wußte die kluge Elisa schon damals, daß Napoleon die Krone Frankreichs für sich im Auge hatte.

IV.

Elisas Vermutungen waren richtig. Der Erste Konsul stand am Vorabend seiner Kaisermacht. Am 18. Mai 1804, kaum vier Wochen nach der Hinrichtung des Herzogs, bestieg Napoleon den Thron Frankreichs. An demselben Tage, an dem der Senat ihm die Krone angeboten hatte, versammelte er seine ganze Familie, die Minister und Würdenträger in Saint-Cloud zur Tafel um sich. Zum ersten Male redete man Josephine mit »Majestät« und deren Tochter Hortense, als Gattin des Bruders Napoleons, mit »Hoheit« an. Auch Julie, die Gemahlin Josephs, wurde so genannt. Nur die Titel der Schwestern des Kaisers waren noch nicht festgesetzt. Napoleon hatte geglaubt, sie genügend damit zufriedenzustellen, daß er ihre Männer zu Staatswürdenträgern ernannte, aber nicht zu Fürsten oder Prinzen. Dieses Recht glaubte er nur seinen Brüdern erteilen zu dürfen. Seine Schwestern waren daher immer noch »Frau Baciocchi« und »Frau Murat«. Nur Pauline war durch die Heirat mit Borghese Fürstin. Das kränkte Elisa und Karoline gewaltig, daß man sie so einfach »Madame« nannte, während Josephine und Hortense die größten Auszeichnungen zuteil wurden. Karoline bekam bei Tisch einen Weinkrampf. Elisa weinte zwar nicht, aber sie behandelte jedermann hochnäsig und trotzig. Sie trug eine äußerst beleidigte Miene zur Schau. Für alle Anwesenden war es ein höchst peinlicher Anblick, diese beiden neidischen jungen Frauen zu sehen, während Josephine, glücklich und doch ungezwungen wie immer, die Honneurs machte, als wäre sie auf einem Throne geboren. Ihre Tochter Hortense saß bescheiden neben ihr, ebenso die einfache Julie, Josephs Frau, die keinen Anspruch auf Ruhm und Glanz erhob.

Am nächsten Tag machten Elisa und Karoline – Pauline war in Rom – dem Kaiser die bittersten Vorwürfe darüber, daß er sie vernachlässige und nur das Glück der Beauharnais im Auge habe. Aber gerade Elisa hätte sich nicht beklagen dürfen. Obwohl Napoleon sie von allen drei Schwestern am wenigsten liebte, wußte er ihr großen Dank, daß sie gegen Lucien Stellung genommen hatte und ihn fühlen ließ, was er seinem Bruder schulde. Sofort bewies Napoleon seine Dankbarkeit gegen sie dadurch, daß er schon im September 1803 ihr Jahrgeld von 60.000 auf 120.000 Franken erhöhte. Und am 14. Mai 1804, vier Tage vor seiner Thronbesteigung, schenkte er seiner Schwester 250.000 Franken; einige Monate später, im November, erhielt auch Baciocchi ein Geschenk von 48.000 Franken. Doch Elisa trachtete weit mehr nach Ehren und Ruhm als nach Reichtum, zumal sie sie nicht durch ihren unbedeutenden Gatten erlangen konnte. Karoline hatte wenigstens einen tapferen, unerschrockenen Soldaten zum Mann, der sich auf dem Felde der Ehre Ansehen und Auszeichnungen verschaffen konnte. Was vermochte der unbegabte Felix? Elisa mußte also selbst für ihren Ruhm sorgen. Daher drang sie auch am eifrigsten in Napoleon, seinen Schwestern Titel und Würden zu verleihen. Und der Kaiser war schwach. Anfangs zwar antwortete er auf ihre Bitten fast hart. »Wenn man euch hört, könnte man fast meinen, ich hätte euch das Erbe unseres Vaters, des verstorbenen Königs, entzogen!« Sicher wird es aber nicht bei diesen ironischen Worten geblieben sein. Napoleon hat seinen ehrsüchtigen Schwestern vielleicht ganz andere Dinge gesagt. Tatsache ist, daß Karoline bei diesem Wortwechsel in Ohnmacht fiel. Tränen und Ohnmacht wirkten stets unfehlbar auf den Kaiser. Das wußten sowohl Josephine als auch seine Schwestern. Er gab nach und bewilligte ihnen den Titel »französische Prinzessinnen«. Am 20. Mai 1804 veröffentlichte der »Moniteur« den Beschluß, nach welchem die Schwestern Napoleons zu Prinzessinnen mit dem Titel »Kaiserliche Hoheit« erhoben wurden.

Da Baciocchi selbstverständlich nicht als Gatte einer Prinzessin einfacher Oberst sein konnte, ernannte Napoleon ihn zum Senator und sandte ihn als Präsidenten des Wahlkollegiums nach Sedan. Dort stand noch Baciocchis 3. Bataillon. Elisas Jahrgeld wurde auf 240.000 Franken erhöht, und wieder erhielt sie ein Geschenk in der gleichen Höhe.

Das alles genügte ihr nicht. Auch sie wollte ihren Thron haben, auch sie wollte herrschen. Sie hätte es Josephine nie verziehen, wenn sie allein eine Krone getragen hätte. Alle Zeitgenossen bestätigen, wie schwer die Schwestern Napoleons ihm das Leben machten. Elisa aber war viel zu klug, als daß sie in Frankreich Ehren erstrebt hätte. Sie wußte nur zu gut, daß sie neben dem Kaiser, besonders aber mit einem Gatten wie Baciocchi, nur bis zu mittelmäßiger Höhe hinaufsteigen konnte. Daher strebte sie jetzt nach einer Herrschaft fern von Frankreich, wo sie schalten und walten konnte, wie sie wollte. Endlich entschloß sich Napoleon, sie zur Fürstin von Piombino zu erheben, das ihm ohne Ordnung und Aufsicht verwaltet schien. Es war am 18. März 1805, kurz bevor er sich in Mailand zum König von Italien krönen Heß, als er dem Pariser Senat erklärte, diese Schenkung an seine Schwester geschehe nicht etwa aus besonderer brüderlicher Zuneigung, sondern aus rein politischen Gründen. Sie vereinbare sich vollkommen mit den Interessen Frankreichs und dem Wohle der Franzosen.

Elisa hatte sicher von der Großmut ihres Bruders etwas ganz anderes erwartet als dieses kleine ärmliche Ländchen auf einem felsigen Vorgebirge. Eine so winzige Herrschaft war doch für ihr Genie viel zu klein! Ein Land mit ein paar Tausend Einwohnern, was war das für ihren Ehrgeiz! Und der Kaiser hatte Erbarmen mit ihr. Drei Monate später wurde das kleine Fürstentum Piombino durch den alten Adelsfreistaat Lucca vergrößert, der gleich Genua und Venedig unter der Revolution erlegen war. Elisa nannte sich fortan Fürstin von Piombino und Lucca und war sehr stolz darauf. Felix erhielt den Titel »Altesse Sérénissime et impériale« sowie die Befugnis zum Regieren, denn die Luccesen forderten einen Herrscher, keine Herrscherin. Stolz nannte er sich »Felix I. von Gottes Gnaden Fürst von Lucca und Piombino!« Außer aber, daß er Paraden abhielt und Soldaten anwarb, erfüllte er keinerlei Pflichten eines Landesfürsten. Seine Trägheit war sprichwörtlich.

Ohne Schwierigkeiten überließ Felix seiner Gattin die Regierung ihrer Staaten, die sie ja auch ganz allein von ihrem Bruder anvertraut bekommen hatte. Napoleon hatte seinen Schwager ja nur aus Höflichkeit und der Form halber, weil es eben nicht anders ging, zum Fürsten eingesetzt. Er wußte nur zu gut, wie unfähig Felix war. An Elisa hingegen konnte der Kaiser getrost die Anforderungen einer Regentin stellen. In der Folge bewies sie auch viel Geschick, viel Tätigkeit und große Klugheit. Sie allein regierte. Sie arbeitete mit den Ministern und befahl den Beamten, aber auch sie mußte es sich gefallen lassen, daß Napoleon einen geheimen Berichterstatter an ihrem Hofe hielt. Sein Gesandter, General Graf Hédouville, unterrichtete ihn von allem, was vorging. Der Kaiser traute Elisa ebensowenig wie Lucien. Schon in Paris war er immer überzeugt, daß ihr Salon ein wahrer Herd der Opposition sei. Bei alledem erkannte er sehr wohl ihre Fähigkeiten an, wenn er sich auch seine eigene Meinung über sie gebildet hatte. Persönlich mißfiel ihm alles an ihr: ihr Geist, ihr Wesen, ihr Charakter und ihr Äußeres. Nichtsdestoweniger gestand er ihr im Grunde genommen mehr zu als den anderen Frauen seiner Familie. Abgesehen von dem Einkommen ihres Fürstentums erhielt Elisa nach wie vor ihr Jahrgeld von 240.000 Franken und jedes Jahr ein Geschenk von 120.000 Franken. Auch Felix konnte sich nicht über Geiz von seiten des Kaisers beklagen. Er und seine Gattin bezogen allein aus Frankreich mehr als 900.000 Franken jährlich für ihre persönlichen Bedürfnisse.

Und wie vergalten Elisa und ihre Schwestern solche Wohltaten? Mit dem kleinlichsten Neid gegen Josephine. Bei der Krönung weigerten sie sich hartnäckig, am meisten aber die stolze Fürstin von Lucca, die Schleppe der Kaiserin zu tragen. Und als sie es auf Napoleons Befehl doch tun mußten, da rächten sie sich, indem sie den Purpurmantel gerade vor den Stufen des Thrones losließen, so daß Josephine strauchelte.

36. Napoleon I. und der König von Rom.
Stich von Sixdeniers nach dem Gemälde von Steuben. Porträtsammlung der Nationalbibliothek in Wien

Kehren wir zu Elisas neuem Fürstentum zurück. Am 14. Juli 1805 hielt sie und Felix feierlichen Einzug in Lucca. Es geschah mit großem Pomp, denn ohne den hätte es die neue Herrscherin nicht getan. Obwohl ihr Reich noch immer sehr klein war, wollte sie doch eine große Fürstin sein und ihren Untertanen beweisen, welchen Reichtum sie imstande war, zu entfalten. Felix saß in dem kleidsamen, prächtigen Kostüm der kaiserlichen Prinzen hoch zu Roß, während Elisa in einer von sechs Pferden gezogenen vergoldeten Staatskarosse unter dem Donner der Kanonen und dem Geläute aller Glocken in »ihre gute Stadt Lucca« einzog. Der Fürstin folgte ein nicht endenwollender Zug von Staatswagen, in denen Minister, Gesandte, Kammerherren und Hofdamen saßen. Eine Ehrengarde ritt dem Wagen Elisas voran und eine ebensolche beschloß den Zug. Die Bevölkerung von Lucca, die jahrelang die Bedrückung einer oligarchischen Regierung hatte ertragen müssen, empfing die neuen Herrscher mit großem Beifall. Im Dome wurde ein Te Deum gesungen, und drei Tage lang gab es Feste und öffentliche Lustbarkeiten.

Elisa fiel es nicht schwer, sich in ihre Rolle als Fürstin und Landesmutter zu finden. Ihr sehnlichster Wunsch war ja nun erfüllt, und ihr Land gefiel ihr ausnehmend gut. Wie fast alle Bonaparte schien sie auf dem Throne geboren zu sein. »Ich finde zwar hier nicht«, schrieb sie an Lucien, »die süße Vertrautheit; aber ich fühle, daß man in meiner Lage für den Ruhm und für die andern leben, also wenig auf seine eigenen Neigungen achten muß.« Kann man die Schwester Napoleons auch nicht zu den großen weiblichen Herrschergenies rechnen, wie es Elisabeth von England, Maria Theresia von Österreich und Katharina II. von Rußland waren, so hat sie doch viel Energie und ein gewisses Verständnis auf ihrem kleinen Thron bewiesen, die einer Frau alle Ehre machen und Elisa als würdige Schwester Napoleons kennzeichnen. Jedenfalls besaß sie unter den Geschwistern des Kaisers die meiste Fähigkeit zum Herrschen. Sie war klug und nahm sich ihren Bruder zum Beispiel, dem sie ja in manchen Dingen sehr ähnelte. So hatte sie, wie Napoleon, den durchdringenden Blick der Augen, dem niemand widerstehen konnte; wenn sie befahl, mußte jedermann gehorchen! In allem suchte sie den Kaiser nachzuahmen. Das ging schließlich so weit, daß es lächerlich wirkte. Aber mitunter kam dieser Nachahmungstrieb ihren Staaten doch zugute, denn Elisa begnügte sich in dieser Hinsicht nicht nur mit Äußerlichkeiten, sondern sie sah Napoleon manches in seiner Staatsverwaltung ab, das sie dann im kleinen in ihrem Reiche nutzbringend anwendete. Dabei kam es ihr vorzüglich zustatten, daß sich der Kaiser weniger um ihr kleines Fürstentum kümmerte als um die größeren Länder Josephs, Murats, Louis' und Jérômes. Da Piombino und Lucca seine nähere Politik nicht beeinflussend berührten, ließ er im allgemeinen seine Schwester Elisa tun, was sie wollte. Und das war ganz nach dem Wunsch der ehrgeizigen Frau.

37. Der Wiener Kongreß.
Stich von Godefroy nach einer Zeichnung von Isabey. Napoleonmuseum, Arenenberg

Bei alledem spielte Felix Baciocchi die zweite Rolle. Es ist ihm wahrscheinlich sehr sonderbar vorgekommen, daß er nun plötzlich berufen war, ein Land, wenn auch ein noch so kleines, zu regieren. Felix I. war zufrieden, wenn er seine Geige spielen, bei den Empfängen der erste Kavalier seiner Gemahlin sein, eine Parade abhalten, als Fürst seine Mätressen haben, gut essen und trinken und die Schätze, die ihm Fortuna so unversehens in den Schoß geworfen hatte, unter Frauen und Günstlinge verteilen konnte. Mehr verlangte er nicht auf seinem Thron. Und mehr hätte Elisa ihm auch schwerlich bewilligt. Sie beanspruchte gebieterisch alle Macht für sich, nicht allein wegen des Glanzes und des Ruhmes, der mit einer Regierung verbunden ist, sondern aus reiner Freude am Herrschen und Befehlen. Und da war sie in der Wahl ihres Gatten wirklich glücklich gewesen. Kein anderer als der gute, schwache Baciocchi hätte sich so wundervoll für diese Art Prinzgemahl geeignet.

Das junge Fürstenpaar schlug seine Wohnung in dem schönen Winterpalast der Marchesa Bonvisi auf, den der General Hédouville für sie gemietet hatte. Um jene Zeit befand sich die Marchesa in Geldnot, und so kam ihr diese Gelegenheit sehr zustatten. Sie brauchte diesen Schritt nicht zu bereuen, denn Elisa schmückte ihre neue Residenz mit dem größten Reichtum und mit wahrhaft künstlerischem Verständnis aus.

Der Fürstin erster Gedanke jedoch war, sich einen Hofstaat zu gründen. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß er beinahe ebenso zahlreich war wie der des Kaisers in Paris, zum mindesten wurde er ganz nach dessen Muster zugeschnitten. Aber Elisa war so klug, ihn zum Teil aus Italienern zu bilden. Als ersten Kammerherrn wählte sie sich den Marchese Girolamo Lucchesini, der einer der ersten Adelsfamilien des Landes angehörte und lange im Dienste der preußischen Könige gestanden hatte. Die Würdenträger und die Hofbeamten waren alle italienisch, aber französische Beamte hatten die Verwaltungsposten inne. Die Etikette an ihrem kleinen Hofe war weit strenger als am Kaiserhofe. Vor allem beanspruchte Elisa alle Ehrungen und Auszeichnungen ganz allein für sich. Felix kam dabei gar nicht in Betracht.

Wie hohe Herrscherinnen, so besaß auch die Fürstin von Lucca ein Pagenkorps. Es bestand aus den vornehmsten Edelknaben, deren Erziehung die Landesmutter sorgsam überwachte. Ebenso richtete sie eine Erziehungsanstalt für adlige Fräulein ein. Im großen und ganzen war sie bemüht, soviel wie möglich für ihre Untertanen zu tun und ihnen Anstellungen zu verschaffen.

Elisa wäre keine Bonaparte gewesen, wenn sie nicht Pracht, Luxus, Vergnügungen und Feste an ihrem Hofe geliebt hätte. Die lange in religiöser Einförmigkeit verharrte Stadt Lucca erwachte plötzlich zu neuem Leben. Wie einst zu ihrer Glanzzeit, als Lucca noch ein freier Adelsstaat war, wetteiferten der Adel und die reiche Bürgerschaft um Prachtentfaltung und Verschwendung. Da die Fürstin Elisa eine leidenschaftliche Reiterin war, trieben die Bewohnerinnen Luccas den Reitsport in solchem Maße, daß es eine Zeitlang im Lande an feinem Leder mangelte, so viele Reitstiefeletten waren angefertigt worden.

Zwei Theater öffneten unter Elisas Regierung ihre Pforten, und die Fürstin trug sich mit dem Gedanken, noch ein drittes bauen zu lassen. Bälle und Feste waren in der Stadt und am Hofe an der Tagesordnung. Auch das Hazardspiel war in Elisas kleinen Staaten geduldet. Napoleon billigte es jedoch ebensowenig, als daß die Fürstin auf ihre Münzen prägen ließ: »Napoleone protegge l'Italia.« In ihrem Bestreben, dem Bruder zu schmeicheln, hätte Elisa seinen Namen gern an die Stelle des Namens Gottes gesetzt.

Trotz alledem verwaltete sie ihr Land in wirtschaftlicher Beziehung glänzend. Besonders geschickt war sie in der Wahl ihrer Minister und Beamten; sie irrte sich selten in der Person. Mit richtigem und scharfem Blick unterzog sie alle Einrichtungen einer wohltuenden Verbesserung. Nichts entging ihrer Aufmerksamkeit. Erziehung und Unterricht, Wohltätigkeitsanstalten, Gefängnisse, Gewerbe, Ackerbau, Kunst und Wissenschaft fanden gleichmäßige Beachtung. Bis zum letzten Augenblick schützte sie Lucca vor der Konskription und nahm damit standhaft den Kampf mit dem Bruder auf, der natürlicherweise nur die Interessen Frankreichs im Auge hatte.

Das alles, Verbesserungen sowohl als auch Vergnügungen, lockte eine große Menge vornehmer Fremden nach Lucca. Ein jeder wollte dieses zweite Wunder der Familie Bonaparte in seinem Wirken und Leben betrachten. Nannte man Elisa doch bereits die »italienische Semiramis«, einen Titel, den man ihr sowohl als Frau als auch als Herrscherin verlieh. So herrschsüchtig und gebieterisch sie sich im öffentlichen Leben zeigte, so leicht ließ sie sich von ihren Günstlingen beeinflussen. Sie hatte den Ruf einer sehr galanten Frau. Nicht mit Unrecht, obgleich manche ihrer Biographen sie als einen Ausbund von Tugend und Treue hinstellen möchten. Zu jener Zeit waren die Sitten in Italien in der hohen Gesellschaft verdorbener als in Paris unter der Herrschaft Napoleons. Und die Fürstin von Lucca ging ihren Untertanen nicht mit dem besten Beispiel voran. Felix war übrigens nicht eifersüchtig. »Er litt ohne zu klagen«, oder besser, er entschädigte sich auf seine Weise.

Elisa war äußerst freigebig und überschüttete alle ihre Günstlinge mit Wohltaten. Den jungen Bartolomeo Cenami, einen glänzenden Hofkavalier, der die Herzen der Frauen im Sturme eroberte, bewies sie königliche Gunstbezeigungen. »Man findet ihn geistreich, anmutig, und er hat ein hübsches Gesicht, was viel zu seinen Erfolgen beiträgt«, schrieb ihr Madame de Laplace, ihre Ehrendame aus Paris, am 20. August 1807. Cenami war dreißig Jahre alt, als er an den Hof Elisas kam und ihr erster Stallmeister wurde. Nicht lange darauf übertrug die Fürstin ihm die Leitung des öffentlichen Unterrichts, verlieh ihm den Orden der Ehrenlegion und der eisernen Krone und machte ihn zu ihrem Vertrauten und Gewährsmann. Später schenkte sie ihm goldene Schätze und eine Rente von 40.000 Franken. Cenami führte ein großes Haus, in dem die Fürstin von Lucca der eifrigste und vornehmste Gast war. Man sagt, sie habe ihm heimlich eine Tochter geboren. Als nämlich Cenami in hoher Gunst stand, wurde Elisa sehr krank. Man ließ den Doktor Vacca aus Pisa kommen, der schon nach einigen Tagen reich belohnt nach Hause zurückkehrte, wo er Universitätsprofessor war.

Hätte Elisa wirklich ein außereheliches Kind zur Welt gebracht, so würde sie es sicher nicht verborgen haben. Beide Gatten wußten um ihre Abenteuer, übrigens hatte sie am 3. Juni 1806 im Schlosse Marlia ein kleines Mädchen zur Welt gebracht, das sie Napoléone Elisa nannte.

Bald wurde der Palast Bonvisi der Fürstin von Lucca zu klein. Sie ließ sich ein eigenes schönes Schloß bauen, das aber erst im März 1807 vollendet wurde. Gern hätte sie auch ein Sommerschloß besessen, aber dazu reichten ihre Mittel nicht. »Man müßte denn«, schrieb sie am 8. Februar 1808 an Talleyrand, »das Land zugrunde richten.« Was sie jedoch nicht hinderte, stets höhere Ansprüche und Bedürfnisse zu haben. In Piombino liebte sie nicht zu sein. Das war ihr viel zu klein und ärmlich.

Im Anfange ihrer Regierung war ihr Einkommen allerdings nicht besonders hoch, obgleich sie große Summen aus Frankreich bezog. Sie mußte jedoch allein für den Unterhalt der Truppen an Napoleon jährlich 200.000 Franken zahlen. Der Kaiser überließ ihr zwar noch das Tal der modenesischen Garfagnana, aber es brachte nicht viel ein, ebenso das Herzogtum der Este, Massa Carrara, mit seinen Marmorbrüchen. Sie waren damals noch nicht ausgebeutet. Erst Elisa war es vorbehalten, Nutzen und Reichtum aus diesen unermeßlichen Schätzen zu ziehen.

Napoleon begriff, daß seine Schwester kein Vermögen erwerben konnte. Am 13. März 1808 schrieb er ihr, er wolle ihr ein Gebiet in Toskana überschreiben, das ihr jährlich ungefähr 300.000 Franken einbrächte. »Das wird einen hübschen Zuschuß zu Ihrer Zivilliste bilden«, fügte er hinzu. Sie betrug ebenfalls 300.000 Franken. Das geschenkte Land brachte jedoch nur 150.000 Franken ein. Außerdem kaufte der Kaiser ihr das Haus, das sie in Paris in der Rue de la Chaise besaß, für 800.000 Franken ab, die Elisa wiederum 48.000 Franken Zinsen brachten. Schließlich verfügte sie allein über ein Einkommen von mehr als einer Million.

Nicht, daß Napoleon seine Schwester jetzt mehr geliebt hätte, er schätzte jedoch immer mehr ihre klugen und verständigen Eigenschaften. Das war nicht mehr die zwanzigjährige Besserwisserin, sondern eine scharfdenkende, energisch handelnde Frau. Oft geschah es, daß der Kaiser bemerkte: »Mein bester Minister ist die Fürstin von Lucca.« Oder er verglich sie mit der klugen, aber intriganten Herzogin von Maine, der Enkelin des großen Condé. Alles, was Elisa tat, hatte das Gepräge von Überzeugung, Vernunft und Klugheit. Sie handelte wie ein Mann. Mit jedem Kurier erhielt er von ihr einen Bericht über ihre Arbeiten mit den verschiedenen Ministern. Ihre Briefe waren kurz und klar; es stand nichts Überflüssiges darin. Schrieb er ihr, so wurde er sofort verstanden. Er brauchte nur eine Sache anzudeuten. Es bedurfte mit ihr keiner langen Auseinandersetzungen. Sie kam seinen Wünschen durch ihre eigene Klugheit fast entgegen, über die Vorgänge, die sich am Hofe der Königin Marie Luise von Etrurien abspielten, erstattete sie ihm wie eine Spionin Bericht. Der unauslöschliche Haß gegen diese Fürstin veranlaßte Elisa unaufhörlich, das Feuer zu schüren und Napoleon noch mehr, als er schon war, gegen den Hof von Palermo aufzubringen. Und dabei verstand sie es meisterhaft, ihm zu schmeicheln. Sie ließ keine Gelegenheit unbenützt, ihm seinen unsterblichen Ruhm vor Augen zu führen. So schrieb sie einmal im Jahre 1806: »Von neuem scheint der Hof von Palermo seinen Intrigenherd nach Etrurien verlegt zu haben. Die Namen der Briefschreiber, ihr hoher Rang, ihre Wünsche sind dermaßen im Volke bekannt, daß ich mich gezwungen sah, die Briefschaften zu beschlagnahmen, um die Böswilligen von Toskana zum Schweigen zu bringen.

»Die glänzenden Feste, die man in Lucca aus Anlaß der neuen Wundertaten Ihres Genies Napoleon hatte soeben den Sieg bei Jena davongetragen. feiert, die Bewunderung und Liebe des Volkes für Ihre hohe Person geben ein einfaches aber getreues Bild eines, dank Ihrer Wohltaten, glücklichen Landes. Und Ihr ebenso gutes wie großmütiges Herz, Sire, wird diese Huldigungen nicht verschmähen.«

Dennoch wußte sich diese ergebene Briefschreiberin energisch zu wehren, wenn der Kaiser allzu tyrannisch in ihre Rechte eingriff. Sie ließ sich in Wirklichkeit auch von Napoleon nicht viel sagen, sondern handelte nach ihrem eigenen Ermessen. Besonders war sie darauf bedacht, daß ihre Einnahmen von Jahr zu Jahr größer wurden. Ihr kleines Land war reicher, als es den Anschein hatte. Es barg Schätze, die nur der Hebung harrten. Dank Elisas Bemühungen wurde der Wohlstand Luccas in der Tat von Tag zu Tag größer. Mit männlicher Tatkraft setzte die Fürstin ihr ganzes Können ein. Die Arbeit war ihr Bedürfnis geworden.

Mit dem Klerus, der in ihren Staaten großen Einfluß hatte, räumte Elisa bald auf. Viele Klöster wurden geschlossen; ihre Einkünfte fielen an den Staat. Wie Napoleon ihr geraten hatte, forderte sie jedoch keinen Eid von den Geistlichen. Sie mischte sich auch in kein Dogma und stellte sich in allen Angelegenheiten mit dem Papst auf die Seite des Kaisers. Kurz, sie war oder schien sehr gefügig. Nur der Gedanke, daß sie ihres Bruders Präfektin sei, war der Ehrgeizigen unerträglich. Jede allzu deutliche Unterwerfung unter seine Herrschaft empfand sie als Schmach. So schrieb sie ihm am 14. Juli 1808 aus Marlia: »Ich werde es nicht dulden, daß die Schwester des größten Fürsten mit Geringschätzung und ihr Gebiet wie erobertes Land behandelt wird ... Unterpräfektin von Lucca zu sein, kann und darf sich für mich nicht ziemen.«

Elisa entwickelte um so mehr Ehrgeiz in ihrem Herrscherberufe, als ihre Umgebung sie durchblicken ließ, daß vielleicht einmal der Thron von Toskana für sie bestimmt sei. Das war allerdings ganz nach dem Wunsche der Fürstin von Lucca, denn schon lange hatte sie ihr Augenmerk auf Toskana gerichtet. Hatte sie doch auch ihren Teil dazu beigetragen, daß Napoleon endlich die Königin Marie Luise von Etrurien im Dezember 1807 aus ihren Staaten nach siebenjähriger Regierung vertrieb. An Champagny schrieb Elisa ganz offen ihre Ansprüche, ohne jedoch Toskana zu erwähnen. »Ich bestehe«, hieß es in ihrem Brief an den Minister, »sehr auf einer Gebietsvergrößerung. Da ich nicht in Paris bei Seiner Majestät leben kann, wünsche ich einen Staat zu haben, dessen Besitz meiner nicht unwürdig ist. Als Schwester des Kaisers kann ich mehr als nur 150.000 Untertanen beanspruchen, wie jetzt im Fürstentum Lucca.«

Ihr Hoffen wurde schließlich von Erfolg gekrönt. Nach langem Schwanken erhob Napoleon seine Schwester am 3. März 1809 zur »Generalgouverneurin der Departements von Toskana mit dem Titel einer Großherzogin«. Felix, der in Lucca wenigstens der Form nach die gleiche Würde bekleidete wie seine Frau, hatte diesmal keinen Anteil an dem Thron. Er war der Großherzogin wie jeder andere Untertan unterstellt. Er war General und erhielt alle Befehle des Kaisers durch Vermittlung seiner Frau. Elisa selbst hatte in Toskana nicht mehr die gleiche Macht wie in Lucca. Toskana bildete einen Teil des Kaiserreichs; es war eine französische Provinz, die von der Großherzogin im Namen Napoleons regiert wurde. In allen Angelegenheiten mußte Elisa stets den Kaiser um Rat fragen und seine Befehle erwarten. Im Grunde genommen hatten ihre Präfekten und Verwaltungsbeamten mehr Macht in den Händen als die Großherzogin selbst. Trotz alledem war sie, die in Lucca nicht Unterpräfektin des Kaisers hatte sein wollen, jetzt vollkommen befriedigt.

Napoleon tat noch mehr für seine Schwester. Er fügte ihrem Großherzogtum die Insel Elba hinzu, so daß sich Elisas Herrschergebiet, einschließlich Luccas und Piombinos, ziemlich weit ausdehnte.

V.

Kaum konnte es die neue Großherzogin erwarten, von ihrem Lande Besitz zu ergreifen. Während man sie in Florenz erst im Laufe des 1. April erwartete und man sich zu ihrem Empfang in die größten Unkosten für Blumen, Girlanden, Fahnen, Triumphbögen und Straßenbeleuchtung gestürzt hatte, war Elisa bereits Ende März mitten in der Nacht vollkommen unerwartet in der Hauptstadt eingetroffen. Felix und der Marchese Lucchesini begleiteten sie. Ein Häuflein französischer Soldaten bildete ihre Bedeckung. Noch am Abend, der dieser Nacht vorausging, hatte die Fürstin in ihrem Palast in Lucca Empfang abgehalten, dann hatte sie plötzlich zwei Wagen befohlen und war im rasenden Galopp nach Florenz gefahren. Die Pferde legten die 80 Kilometer in sieben Stunden zurück! Als der Tag graute, war die Großherzogin bereits in ihrer Hauptstadt und in dem langersehnten Palast Pitti, der einstigen Residenz der Medici, eingezogen.

Die sehr erstaunten Florentiner erfuhren die Nachricht von der Ankunft ihrer Herrscherin durch 21 Böllerschüsse, die sie aus dem Schlafe schreckten. Man sagt, Elisa habe ihre Ankunft in Toskana auf besonderen Befehl des Kaisers so beeilt, oder auch, sie habe den Florentinern die Kosten des offiziellen Empfanges ersparen wollen. Sicher war es nicht dieser Grund, der die Großherzogin so schnell nach ihren Staaten eilen ließ, denn Sparsamkeit war ihr ebensowenig eigen wie den andern Mitgliedern ihrer Familie. Es lag ihr vielmehr daran, ihren genialen Bruder in seinen unvermittelten Handlungen nachzuahmen und zu beweisen, daß sie auch in dieser Hinsicht seine würdige Schwester sei. Daß sie am liebsten gesehen hätte, wenn sie auch äußerlich ihm gliche, geht aus folgendem hervor.

Am Abend nach ihrer Ankunft in Florenz begab sie sich mit ihrem Hof ins Theater. Es war ihr an diesem Tage, da sie sich zum ersten Male ihren Untertanen zeigte, gelungen, durch die Art der Haartracht eine täuschende Ähnlichkeit mit dem Kaiser zu erzielen. Die gelbe Haut ihres Gesichts, die schwarzen Haare, die tiefliegenden Augen und der strenge Ausdruck ihrer wenig weiblichen Züge erleichterten ihre Bemühungen. Als sie so napoleonisch vor den Florentinern erschien, begrüßte sie tosender, nicht endenwollender Beifall.

Am nächsten Tag auf dem Ball, den die Stadt ihr zu Ehren veranstaltete, wirkte sie noch majestätischer als am Abend vorher im Theater. Auf ihrem tiefentblößten Nacken, an den Armen, im Haar, schimmerten die herrlichsten Diamanten. Ihre hohe, schlanke Gestalt umschloß eine kostbare Hoftoilette, wie sie Florenz niemals an der Königin Marie Luise gesehen hatte. Jedermann bewunderte die Schwester des Kaisers der Franzosen und ihr wahrhaft königliches Auftreten. Sie erschien allen als das lebendige Band zwischen Toskana und Frankreich.

Von Anfang an entfaltete Elisa in Florenz den größten Luxus. Sie gab die glänzendsten Feste. Schönheit, Reichtum und Geschmack waren stets in ihren Salons vereint. Jetzt konnte sie ihrer unersättlichen Vergnügungssucht so recht Genüge tun. Nie verfehlte sie, sich einen Genuß zu verschaffen. Sie führte französische Moden und Sitten ein und versuchte es, die alte vornehme Florentiner Gesellschaft mit den Franzosen ihres Hofes zu verschmelzen. Aber es war nicht leicht, die Vorurteile und Reserve des toskanischen Adels zu bekämpfen.

Mehr Anklang fand die Großherzogin beim Volke, das die Mildtätigkeit und Gerechtigkeit Elisas, vor allem aber ihr tatkräftiges Handeln liebte. Trotzdem sie in allem streng, ja gegen die Geistlichkeit sogar hart verfuhr und dadurch das fromme katholische Volk der Toskaner an seiner verwundbarsten Stelle traf, erkannte es doch auch das Gute, das sie ihm verschaffte. Es konnte dem Volk ja nicht entgehen, daß unter Elisas Regierung das ganze Land aufblühte und gedieh. Daß sie trotzdem nicht die gleichen glücklichen Ergebnisse wie in Lucca erzielte, lag daran, daß Napoleon Toskana zu sehr als von Frankreich abhängig betrachtete und dem Lande immer drückendere Verpflichtungen auferlegte. Elisas Wollen und Können mußte sich den Verhältnissen fügen.

Sie wußte sich auf jeden Fall diesen ersten günstigen Eindruck im Volke zu wahren. Wenn sie später im Laufe ihrer Regierung wie ein erfahrener General die Parade über ihre Truppen abnahm und im Schloßhofe im knappen grünen Reitkleid mit goldenen Schnüren, den kurzen Dolman über die Schulter geworfen, das Käppi keck auf einem Ohr, wie ein flotter Husarenleutnant die Reihen der Soldaten entlang ritt, da brach die neugierige Menge vor den Toren immer in Jubel und Beifall aus. Aber es war eben nur das toskanische Volk, das, vom Ruhme Napoleons geblendet, seiner Schwester diese Huldigungen darbrachte. Der Adel und die Geistlichkeit verhielten sich kalt und ablehnend gegen die neue Großherzogin. Der Klerus hatte ja schließlich Grund, unzufrieden zu sein, denn in den Jahren 1809 und 1810 waren 400 Geistliche, die früher von den Klöstern unterhalten wurden, ohne Einkommen und Anstellung in Elisas Staaten. Am 9. April 1809 wurde der Heilige Stephansorden, den die Toskaner außerordentlich verehrten, aufgehoben, und am 13. September 1810 machte ein kaiserlicher Beschluß allen übrigen geistlichen Orden ein Ende. Die Mönche und Nonnen durften weder Ordenskleider tragen, noch hatten sie fernerhin den Genuß der Klostergüter. Dazu kam, daß Napoleon im selben Jahre den französischen Kardinal d'Osmond zum Erzbischof von Florenz ernannte. Und als das Domkapitel sich weigerte, d'Osmond anzuerkennen, befahl der Kaiser seiner Schwester am 2. Januar 1811, die schärfsten Maßregeln gegen den Klerus zu ergreifen, seine Güter zu beschlagnahmen und dem Papst allen Einfluß auf die Geistlichkeit abzuschneiden.

Der florentinische Adel wiederum hielt begreiflicherweise zu dem alten Herrschergeschlecht. Er gedachte traurig der schönen Unabhängigkeit zu den Zeiten der Medici und Habsburger. Infolgedessen fühlte Elisa sich an ihrem Hofe in Florenz nie recht heimisch. Sie fühlte, daß ihr Thron mehr Glanz und Pracht als wahren inneren Halt besaß. Ihr Lieblingsaufenthalt war und blieb daher Lucca. Hier war sie ganz Herrin ihrer Handlungen. Hier bewunderte, hier liebte man sie. Niemand verletzte sie am lucchesischen Hofe durch Hochmut oder Adelsstolz, und sie brauchte nicht zu fürchten, daß Napoleon sich in jede Kleinigkeit ihrer Staatsangelegenheiten mischte. »Hier ist mir wohl«, pflegte sie zu sagen, »denn ich glaube inmitten meiner Familie zu sein. Nur darf es der Kaiser nicht wissen.«

Am meisten brachte die Verhaftung Pius' VII. die alten Florentiner Familien gegen die napoleonische Regierung auf. Elisas Verhalten dem Greise gegenüber machte das Maß der Empörung voll. Als nämlich der General Radet mit seinem hohen Gefangenen in die Nähe von Florenz kam, schickte er am 21. Juni 1809 einen Boten zur Großherzogin und bat um deren Befehle zur Weiterbeförderung des Papstes. Elisa war eben im Begriff, ihre Abendgesellschaft zu verabschieden, als sich der Adjutant des Generals bei ihr melden ließ. Sie ließ sofort Pius VII. sagen, er könne sich die ganze Nacht und den folgenden Tag in der Kartause ausruhen, ehe er seine Reise nach Frankreich fortsetze. Es war 9 Uhr abends, als sie diese Botschaft dem Papste zukommen ließ. Bis dahin hatte die Großherzogin allerdings ganz vernünftig und ehrfurchtsvoll gegen den alten Mann gehandelt. Plötzlich aber, mitten in der Nacht, wurde sie anderer Meinung. Sie fürchtete, durch die Anwesenheit des hohen Gefangenen Unruhen für ihre Staaten hervorzurufen und befahl nun um Mitternacht, daß der nahezu siebzigjährige Pius, der sich kaum einige Stunden zur Ruhe begeben hatte, sofort nach Genua aufbreche. Sein Begleiter, der Kardinal Pacca, aber mußte den Weg nach Bologna einschlagen. Dem Adjutanten des Fürsten Felix, General Mariotti, wurde Befehl erteilt, dem Papst, solange er sich auf toskanischem Gebiet befinde, mit vier Husaren das Geleite zu geben. Ein solches Verhalten Elisas mußte die Kluft zwischen der hohen Florentiner Gesellschaft und dem Hofe nur noch klaffender machen. Die Großherzogin hingegen glaubte sich sehr weise und großmütig gegen den Papst benommen zu haben, denn sie schrieb dem Kaiser, sie habe versucht, Pius VII. die Reise so angenehm wie möglich zu gestalten. »Ich habe nichts außer acht gelassen«, fügte sie hinzu; »ich habe ihm einen Wagen und Geld gegeben, denn er ist ohne Wäsche, ohne alles angekommen.«

Im allgemeinen sah sie mit scharfem Verstand immer das Richtige. Aber ihre leicht bewegliche, heftige und herrschsüchtige Veranlagung ließ sie eigenmächtige Handlungen begehen. Ihr Charakter konnte sich nicht so leicht dreinfinden, daß sie als Großherzogin von Toskana Befehle empfangen mußte. Da sie schnell dachte, so handelte sie auch schnell, aber nicht immer mit reiflicher Überlegung. Wie ihr Bruder Napoleon, so hatte auch sie Ideen und Pläne und wollte sie zur Ausführung bringen. Oft waren sie den Absichten Napoleons ganz entgegen. Befahlen des Kaisers Minister etwas im toskanischen Reiche, so erteilte die Großherzogin Gegenbefehle. Dann gab es heftigen Streit zwischen ihr und Napoleon und böse Briefe.

Nichtsdestoweniger flößte sie auch dem Kaiser, obwohl er sie nicht liebte, eine hohe Meinung von ihrem Geiste und ihren Fähigkeiten ein. Sie machte ja schließlich genügend Aufsehen mit ihren guten Eigenschaften und Taten. Sorgte sie nicht persönlich dafür, daß alle ihre Handlungen in der Öffentlichkeit bekannt wurden? Auf geschickte Weise ließ sie lobende und schmeichlerische Artikel über die Großherzogin von Toskana verfassen, oder sie schrieb sie wohl auch selbst. Diese Lobgesänge wußte sie dann auf irgendeine Weise ihren Freunden in Paris zukommen zu lassen. Man veröffentlichte sie in den bedeutendsten französischen Zeitungen, und so bekam der Kaiser zu wissen, was für eine kluge, weise, großmütige und hilfsbereite Fürstin seine Schwester Elisa war. Mit der Zeit aber wurde ihm dieses Anpreisen ihrer Tugenden zuviel. Er verbot ihr, daß sie fortwährend so viel von sich reden mache, denn er hielt es ihrer unwürdig. Aber die Großherzogin fand immer Mittel und Wege, sich ins richtige Licht zu setzen. Eitelkeit, Ehr-, Ruhmes- und Herrschsucht waren ihre größten Schwächen.

Wie erwähnt, war sie auch eine große Schmeichlerin. Sie ließ keine Gelegenheit unbenutzt, ihren kaiserlichen Bruder mit dem Weihrauch der Bewunderung und Verehrung zu umgeben. Sie wußte, daß er es außerordentlich liebte, wenn er und seine Familie durch die Kunst verbildlicht oder verherrlicht wurden. Die unerschöpflichen Marmorbrüche von Carrara setzten die Großherzogin 1809 in den Stand, Napoleon zu seinem Geburtstag mit sämtlichen Büsten der Angehörigen zu erfreuen. Am 6. August kündigte sie ihm die Statuen mit den Worten an: »Ich glaubte Ihrem Herzen eine große Freude zu bereiten, wenn ich Ihnen die Statue unseres Vaters, umgeben von seinen Kindern, sende. Ich hoffe, Eure Majestät werden diese Aufmerksamkeit zu Ihrem Geburtstag gütigst annehmen.« Napoleon nahm indes nicht einmal besondere Notiz von den Büsten. Der süßliche Ton in Elisas Briefen mißfiel ihm, wie vieles, was sie tat.

Bald sollte die Großherzogin von Toskana Gelegenheit haben, sich mit ihm persönlich über alles auszusprechen. Sie hoffte viel von dieser Aussprache, denn es lag ihr daran, mit dem Kaiser in gutem Einvernehmen zu leben. Er sah der Erfüllung seines höchsten Wunsches entgegen. Eben war er im Begriff, sich mit der Tochter eines der ältesten deutschen Herrscher, mit der jungen Erzherzogin Marie Luise, zu verbinden. Bei dieser großen Feier durfte seine Familie nicht fehlen. Seine Brüder und Schwestern, Schwäger und Schwägerinnen, die neuen Könige und Königinnen kamen aus allen Gegenden herbei, um seinem Ruhme beizuwohnen. Auch die Großherzogin Elisa reiste, im März 1810, mit ihrer Tochter Napoléone nach Paris ab. Obwohl sie bereits im fünften Monat guter Hoffnung war, achtete sie ihres Zustandes nicht und reiste mit der größten Schnelligkeit. Auf dem Mont-Cenis gab die vergnügungssüchtige Frau den Mönchen das seltene Schauspiel eines Balles. Dabei erwies sie sich selbst als flotte und leidenschaftliche Tänzerin.

Am 16. März langte Elisa mit einem großen Gefolge – auch der Günstling Cenami war darunter – in Paris an. Sie stieg vorläufig im Luxembourgpalast beim Senatskanzler, Herrn de Laplace und dessen Gattin, ab. Frau de Laplace vertrat noch immer das Amt einer Ehrendame und Vertrauten der Großherzogin in Paris. Später bezog Elisa das Palais Marbeuf.

Es scheint, daß sich seit ihrem Aufenthalt in der Hauptstadt ein herzlicheres Verhältnis zwischen ihr und Napoleon angebahnt hat. Um diese Zeit feierten die Bonaparte ja einen großen Sieg über Josephine, die ihnen so lange Jahre ein Dorn im Auge gewesen war. Mit der neuen Kaiserin suchte man sich sofort auf guten Fuß zu stellen. Man schmeichelte ihr soviel wie möglich. Elisa hatte das besondere Glück, Marie Luise zu gefallen. Die Kaiserin fand ihre Schwägerin zwar häßlich und herrschsüchtig, aber Elisa flößte ihr doch Achtung ein. »Die Großherzogin von Toskana ist sehr klug«, schrieb Marie Luise an ihren Vater; »sie ist häßlich, aber sie hat eine dreijährige Tochter, die das schönste Kind ist, das ich je gesehen habe.« Beide Frauen traten später in regen Briefwechsel miteinander. Mit keinem andern Familienmitglied hat Marie Luise so viele Briefe gewechselt wie mit Elisa. Infolgedessen nahm auch Napoleon jetzt etwas mehr Interesse an seiner Schwester als früher. Wie hätte er derjenigen grollen sollen, die sich so liebevoll und besorgt um seine junge Gattin kümmerte?

Es gefiel ihm, daß seine Schwester ihm viel Gutes über Marie Luise zu sagen wußte. Während Elisas Aufenthalt in Paris war er daher sehr aufmerksam gegen sie und um ihren Zustand besorgt. Sie wußte ihm Dank dafür. »Nach vier Jahren des Kummers und der Sorgen«, schrieb sie ihm eines Tages, »habe ich doch den Trost, zu sehen, daß Eure Majestät mich Ihrer Aufmerksamkeit nicht für unwürdig halten. Der größte der Monarchen geruht, sich für das Geschick der niedrigsten der Frauen zu interessieren.« Wie bescheiden klangen solche Worte aus dem Munde der stolzen Großherzogin von Toskana! Sie verstand es wunderbar, ihren Bruder zu nehmen. Stets zeigte sie ihm die größte Ergebenheit. Sie erkannte ihn unumwunden als den Schöpfer des Glückes seiner Familie, als den größten Herrscher der Welt an. Sie war ihm gegenüber die aufmerksamste Schülerin, und keine Schmeichelei schien ihr zu übertrieben für ihn. Wenn es sich aber um ihre eigene Regierung, um ihre persönlichen Interessen handelte, dann tat sie doch, was sie für geeignet hielt, immer aber unter dem Scheine des unbedingten Gehorsams.

Während ihrer Anwesenheit in Paris sah Elisa ihrer Niederkunft entgegen. Am 3. Juli 1810 schenkte sie im Palais Marbeuf einem Knaben das Leben, den sie Jérôme Charles nannte. Wie ihre beiden andern Söhne, so hatte auch dieses Kind kein langes Leben. Aber seine Geburt erfüllte die Mutter mit großer Freude. Sie hatte sich längst einen Erben gewünscht, und nun waren ihre Hoffnungen verwirklicht. Jérôme hielt den kleinen Sohn Elisas über die Taufe und gab ihm seinen Namen. Mit diesem Bruder vertrug sich die Großherzogin, außer mit Lucien, am besten von allen Geschwistern. Vielleicht ist der Grund dafür darin zu suchen, daß Jérôme am wenigsten Ähnlichkeit im Charakter mit ihr hatte. Jedenfalls liebte Elisa weder ihre Schwester Karoline noch Pauline. Diese verabscheute sie beinahe. Sie mochte überhaupt nur wenige Frauen leiden. Es lag in ihrer Eigenart, daß sie sich nur in Gesellschaft von Männern wohlfühlte. Daran mangelte es ja nicht am Hofe Napoleons, auch nicht an Auszeichnung und Ehrungen, die man der Großherzogin erwies.

Dennoch gedachte sie nicht allzulange in Paris zu verweilen. Sie wußte die Regierung ihres Reichs in nicht allzu klugen Händen. Sie hatte Felix während ihrer Abwesenheit damit beauftragt. Der aber kümmerte sich herzlich wenig um die Staatsgeschäfte. Er verschob alles Wichtige und Schwierige bis zur Rückkehr Ihrer Hoheit. Wozu sollte er sich auch anstrengen? Hätte es nicht schlecht zu seiner übrigen Rolle als Prinzgemahl gepaßt? Elisa fragte ja sonst auch nicht nach ihm oder teilte mit ihm ihren Ruhm und ihre Größe. Eigentlich brauchte sie ihn nur, damit er die Vaterschaft ihrer Kinder übernahm. Das tat er ganz gern, aber das Regieren war nicht seine Sache. Er führte lieber in seinem kleinen reizenden Palaste, der »Crocetta«, ein lustiges Leben mit Günstlingen, Frauen und seiner Geige. Daß darunter die Verwaltung des Landes leiden mußte, war begreiflich. Die Beamten taten, was sie wollten, da sie keinerlei Oberleitung fühlten.

Elisa entging das nicht. Sie kehrte schleunigst nach Toskana zurück. Anfang September 1810 verließ sie die französische Hauptstadt. Der sechsmonatige Aufenthalt in Paris hatte sie 800.000 Franken gekostet, die sie von Napoleon zurückforderte. Er bewilligte ihr jedoch die Summe nicht, ja, er gestattete nicht einmal, daß sie sie von ihm »ohne Sicherheit« lieh.

In Toskana angekommen, stellte die energische Frau gar bald die Ordnung in den Geschäften wieder her. Ihre Augen waren überall. Die schlechte Ernte hatte eine Teuerung in ihrem Lande hervorgerufen, und infolge der Kontinentalsperre war der größte Teil der Bevölkerung arbeitslos. Es waren Aufstände der Unzufriedenen und Unbemittelten zu befürchten. Sogleich traf Elisa Maßnahmen, den Börsenwucher zu unterdrücken, der große Gefahren für ihr Volk in sich barg. Jede Woche sandte sie ihrem Bruder Napoleon einen ausführlichen Polizeibericht, den sie mit eigenen Bemerkungen versah. Sie war unaufhörlich tätig. Sie wollte sich des Glückes würdig zeigen, das sie auf eine so hohe Stufe erhoben hatte. Ihr Ehrgeiz verlangte es, daß sie dem Namen Napoleon nur Ehre mache.

Aber mit der Eitelkeit des Ruhmes vereinte sie auch weibliche Gefallsucht. Trotz der vielen Arbeit vergaß sie nie den galanten Teil ihres Herrscherinnendaseins. Cenami stand zwar noch immer in hoher Gunst, das hinderte sie nicht, ihre Huld noch andern Glücklichen zu schenken. In Elisas Pagenkorps befanden sich Jünglinge, deren Dienst nicht nur darin bestand, der Herrin die Schleppe oder das Ruhekissen nachzutragen. Und doch war die Großherzogin mit den Jahren weder schöner noch anmutiger geworden. Sie legte wenig Wert auf ihre Kleidung. Es war ihr ganz gleich, was für ein Kleid sie trug. Sie bestellte alles im ganzen in Paris, ohne irgendwelche persönlichen Wünsche kundzugeben. Im Jahre 1812 war sie nahezu kahlköpfig und mußte Perücken tragen. Was aber tat das? Man begehrte sie ja nicht, wie Pauline, um ihrer selbst, um ihrer Schönheit willen. Wie in allen anderen Dingen so befahl die herrische Elisa auch in der Liebe.

Im ganzen Land war es übrigens bekannt, welches Leben die Fürstin und der Fürst führten. Elisa verstand es jedoch, den Schein zu wahren. Jeden Abend erschien sie mit Felix im Theater. Er mußte ihr vor der gaffenden Menge ritterliche Aufmerksamkeiten erweisen und sich liebenswürdig mit ihr unterhalten. Zwischen dem Elternpaare saß die kleine Napoléone, ein entzückendes dunkeläugiges Kind, das durch seine Anwesenheit diesem schönen Familienbild besonderen Reiz verlieh. War die Vorstellung aber zu Ende, dann begaben sich beide Gatten in ihre Schlösser. Elisa fuhr mit Napoleone nach dem Palast Pitti, und Felix zog sich in die »Crocetta« zurück.

Mitten in diesem Scheinleben traf Elisa ein schwerer Schlag. Ihr Sohn Jérôme, der vor nicht ganz einem Jahr in Paris zur Welt gekommen war, und auf den sie alle Hoffnung gesetzt hatte, starb plötzlich am 17. April 1811 im Schlosse Marlia. Das war der Anfang zu einer Reihe von Sorgen und Mißgeschick.

Während man in Frankreichs Hauptstadt mit großer Feierlichkeit und Aufwand den langersehnten kaiserlichen Thronerben taufte, befand sich die Großherzogin von Toskana in Lucca. Der Kaiser hatte seine Schwester nicht aufgefordert, an den Tauffestlichkeiten teilzunehmen. Es schien, als fürchte er die Anwesenheit Elisas an der Wiege seines Sohnes, denn Napoleon war abergläubisch. Da Elisa das Unglück gehabt hatte, alle ihre Söhne im frühesten Kindesalter zu verlieren, glaubte er, sie könne auch seinem kleinen König von Rom Unglück bringen. Und wie gern wäre Elisa gerade jetzt in Paris gewesen, da sie so sehr der Zerstreuung bedurfte. Aber alles Bitten war vergebens. Der freigebige Jérôme erbot sich sogar, die Schwester in seinem Hause aufzunehmen, damit dem Kaiser keinerlei Unkosten durch den Aufenthalt der Großherzogin von Toskana entstünden. Umsonst. Auf alle Einwände hatte Napoleon nur eine Antwort: »Sie soll in ihrem Großherzogtum bleiben und in Livorno Seebäder gegen ihre überreizten Nerven gebrauchen.«

Die schlimmen Tage lagen für die Napoleoniden nicht mehr fern. Solange der Kaiser selbst vom Glück begünstigt war, ging es auch seiner Familie gut. Als aber Unglück über Unglück über ihn hereinbrach, spürten das die kleineren Länder, die von den Seinigen regiert wurden, ebensosehr wie er selbst. Besonders hatte Elisas kleines Reich im Jahre 1812 schwer unter der immer drückender werdenden Rekrutenaushebung zu leiden. Die Bevölkerung war außer sich darüber. Nicht minder über die Maßnahmen der Kontinentalsperre, die den Handel und das Gewerbe darniederwarfen. Dreißigtausend Arbeiter befanden sich in Elisas Staaten ohne Beschäftigung!

Am schlimmsten aber stand es mit ihren Finanzen. Ihr Hof war sehr zahlreich und glänzend und infolgedessen kostspielig. Sie besaß mehrere Schlösser: Pitti, Crocetta, das große und kleine »Casino«, den kaiserlichen Poggio, den Imperialino, den Pratolino, Castello, Ambrogiana, Appeggi, und wie sie alle hießen. Elisas Zivilliste aber betrug als Großherzogin nur anderthalb Millionen. Davon gingen allein für den Unterhalt der Museen, Bibliotheken und anderen wissenschaftlichen Anstalten 500.000 Franken ab. Außerdem entzog Napoleon ihr die Rente von 150.000 Franken, die er ihr bei der Geburt ihres Sohnes ausgesetzt hatte. So besaß die Großherzogin nur 850.000 Franken, die ihr zur Verfügung standen. Bei so königlichen Bedürfnissen und Ansprüchen keine große Summe.

In ihrem Lande wurde die Unzufriedenheit immer größer, besonders nach der Niederlage Napoleons in Rußland. Zwar schrieb ihm Elisa am 25. Dezember 1812, daß keine Provinz ihm so untertan und ergeben sei wie Toskana, aber es war nur Selbsttäuschung. Sie wußte genau, wie es in ihrem Reiche stand. Sie wußte, daß ihr Volk nur durch militärischen Zwang noch in Ordnung zu halten war. Mit Mut und Tatkraft jedoch, als wäre keine Veränderung vorgegangen, überwachte sie mit scharfem Auge die Verwaltung ihrer Staaten.

In ihrem Innern freilich sah es anders aus. Sie bangte um die Zukunft des Kaisers. Nach dem Siege bei Lützen schrieb sie am 4. Juni 1813 an den Polizeiminister Savary: »Ich kann die Gedanken der Sorge um einen Krieg nicht los werden, in dem Seine Majestät so viele und große Anstrengungen macht. Haben Sie die Güte und geben Sie mir vor allem über ihn Nachrichten, so oft Sie können. Ich habe geeignete Maßnahmen getroffen, um allen Machenschaften der Böswilligkeit vorzubeugen und die Befürchtungen zu beschwichtigen, die ein so unerwartetes Ereignis hervorrufen würde.«

Bald sollte sie in der Tat beweisen können, daß sie eine Bonaparte war.

Die Schlacht von Leipzig war geschlagen, Napoleon besiegt! Er war gezwungen, über den Rhein zurückzugehen. Von allen Seiten verfolgten ihn die Verbündeten. Die Völker suchten sich freizumachen von seiner Herrschaft, und die alten Fürsten beanspruchten ihre Rechte. Auch in Italien suchten die Österreicher wieder Fuß zu fassen. Ihre Truppen kamen Bologna immer näher. Elisas Briefe an den Kaiser wurden auf diesem Wege beschlagnahmt. Murat marschierte gegen Rom, ohne daß man seine wahren Absichten kannte. Die Engländer hatten sich durch einen Überfall des Hafens von Viareggio bemächtigt und waren bis nach Lucca vorgedrungen, das nur von 150 Soldaten verteidigt wurde. In Livorno hatten sie die unzufriedene Bevölkerung, die stark unter der Kontinentalsperre zu leiden hatte, mit Leichtigkeit aufgewiegelt, und ihre Schiffe bedrohten die Stadt.

Bei alledem verlor die Großherzogin nicht ihr kaltes Blut und ihren scharfen Verstand. Sie schuf neue Truppen. Felix mußte in Lucca Verteidigungswerke aufrichten lassen; sie selbst drohte denjenigen ihrer Untertanen, die ihre Pflicht nicht erfüllten, mit furchtbarer Strafe. Den Kommandanten von Viareggio ließ sie zum Tode verurteilen, verwandelte jedoch nachher die Strafe in eine Verbannung nach Elba. Ihrem Bruder Napoleon, der ihr geraten hatte, Toskana nicht zu verlassen, auch nicht, wenn der Feind an den Mincio marschiere, schrieb sie am 12. November 1813: »Ich habe alle Maßnahmen getroffen, Florenz vor einem Handstreich zu schützen. Der Fürst wird sich in Lucca so lange halten, bis ihn höhere Mächte zwingen, es zu räumen. Dann erst wird er sich nach Livorno zurückziehen. Ich selbst bin entschlossen, das Großherzogtum nur dann zu verlassen, wenn der Feind Florenz besetzt. Dann werde ich mich über Piombino nach der Insel Elba zurückziehen, wo ich in Sicherheit das Ende dieses vorübergehenden Erfolges unserer Feinde erwarten kann.«

Elisas Zuversicht in die Macht ihres Bruders war sehr groß. Aber es sollte doch anders kommen. Ihre Mittel reichten nicht zur Verteidigung des Landes. Der Staatsschatz war leer. Sie war auch dem Strome nicht gewachsen, der in Italien ebenso wie in andern Staaten die Spuren napoleonischer Größe und napoleonischen Ruhmes verwischte. Am 17. Dezember 1813 erhielt sie von ihrem Schwager Murat aus Siena einen Brief, der ihr nichts anderes zumutete, als mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Murat bezweckte einen unerwarteten Angriff auf Napoleon. Anfangs weigerte sich die Großherzogin energisch, auf ihres Schwagers Forderungen einzugehen. Sie verschloß ihm ihre Festungen und antwortete auf seinen Brief gemessen und ohne sich bloßzustellen. Seine Truppen aber rückten Florenz immer näher. Die toskanische Bevölkerung strömte ihnen scharenweise mit Jubel entgegen. Was vermochte eine Frau in militärischen Dingen über einen so erprobten Soldaten wie Murat? Trotz aller Ermahnungen Napoleons überlieferte Elisa schließlich Murat die Festung Livorno und räumte Florenz.

Wie einst die arme Königin von Etrurien mußte jetzt die Großherzogin Elisa, die wiederum ein Kind erwartete, ihre Hauptstadt verlassen. Während man jedoch Marie Luise ruhig ihres Weges hatte ziehen lassen und sie in keiner Weise belästigte, mußte sich Elisa, als sie mit ihrer Tochter Florenz verließ, die niedrigsten Beschimpfungen von Seiten der Bevölkerung gefallen lassen. Die sie begleitenden berittenen Gendarmen vermochten ihrem Wagen nur durch Säbelhiebe unter die Menge freie Bahn zu verschaffen. Jetzt konnte Elisa wahrnehmen, wie wenig aufrichtige Anhänglichkeit die Toskaner mit dem Hause Bonaparte verbunden hatte. Traurig und niedergeschlagen zog sie sich nach Lucca zurück. Noch immer hoffte sie auf einen Ausgleich zwischen Napoleon und den Verbündeten.

Sie war jedoch nicht die Frau, die ihrem Schwager so ohne weiteres ihren Thron von Lucca überließ. Zum mindesten wollte sie ihn nicht ohne Kampf aufgeben. Sie ließ alle Grenzorte auf der Seite Massa Carraras besetzen. Sie leisteten jedoch den Neapolitanern nicht lange Widerstand.

Am 19. Februar 1814 hatte Felix Pisa verlassen, um zu Napoleons Heer zu stoßen. Er hatte alle Soldaten, die er auf seinem Marsche auftreiben konnte, mit sich genommen. Zuversichtlich war er nach Frankreich geeilt, denn er wußte Fouché als Ratgeber bei der Großherzogin. In seiner Harmlosigkeit begriff er gar nicht, welche Gefahr die Anwesenheit eines solchen Beraters für Elisa in sich schloß. Und wie bald sollte sich der verderbliche Einfluß des ehemaligen kaiserlichen Polizeiministers bemerkbar machen! Seit dem Jahre 1809 hatte Elisa sich mit Fouché, dem sie unter dem Konsulat so mißtrauisch begegnet war, ausgesöhnt. Ja, sie war später an verschiedenen Intrigen des Polizeiministers mit beteiligt gewesen und hatte vom Kaiser manche Vorteile für Fouché erlangt. Jetzt glaubte er ihr seine Dankbarkeit beweisen zu müssen.

Um sich ihre Herrschaft in Lucca und Toskana zu erhalten, sagte Elisa sich von der Sache Napoleons los. Sie versprach ihren Untertanen vollkommene politische Unabhängigkeit von Frankreich. Den französischen Würdenträgern und Beamten befahl sie, ihre Abzeichen als solche zu verbergen, und den Soldaten verbot sie das Tragen der kaiserlichen Kokarde. Sie durften nur die lucchesischen Farben tragen, die sich allerdings kaum merklich von den französischen unterschieden. Einem Unbefangenen wäre der Unterschied kaum aufgefallen, denn nur das Blau in beiden Kokarden war ein ganz klein wenig verschieden voneinander. Alle diese Ratschläge aber hatte ihr Fouché gegeben, der ja in derartigen Doppelspielen erfahren genug war.

Die Toskaner verlangten allerdings nach ihrem früheren Großherzog Ferdinand, der sie elf Jahre lang nicht zu schlecht regiert hatte. Vielleicht aber wäre Elisa das Spiel ihrer Politik dennoch gelungen, wenn nicht die Engländer unter Lord William Bentinck am 8. März 1814 mit einer ansehnlichen Flotte vor Livorno erschienen wären, die Forts besetzt und die Italiener zum Kampfe für die Unabhängigkeit aufgerufen hätten. Bentinck marschierte mit 2500 Mann gegen Lucca. Elisa schickte dem Lord ihren alten ergebenen Diener Girolamo Lucchesini. Er sollte Bentinck bewegen, daß dieser sie in ihrem Fürstentum ließ, bis sich die Angelegenheiten in Frankreich geklärt haben würden. Statt aller Antwort sagte der Lord zu Lucchesini: »Wenn Sie diese Frau nicht sofort aus Lucca wegbringen, werde ich sie verhaften und an die Grenze befördern lassen.« Elisa verfügte zwar noch über 19 Bataillone lucchesischer Soldaten, aber sie hatte kein Zutrauen mehr zu ihnen. Sie versprach Bentinck, ihre Staaten zu räumen.

So stieg im März auch diese Schwester Napoleons, die das meiste Talent zum Herrschen hatte, von ihrem Throne, den sie einst für unerschütterlich hielt. Gewiß bedauerte sie es von allen Geschwistern am meisten, daß sie die Krone aufgeben mußte, denn sie hatte sich wahrhaft als Königin gefühlt. Und es lag weit mehr an den Umständen als an ihrer Unfähigkeit, daß sie in Toskana nicht die gleichen Erfolge gehabt hatte als in Lucca. Antonio Mazzarosa, der die Geschichte Luccas schrieb, ehrte das Andenken Elisas durch die Worte: »Die Erinnerung an sie wird stets lebendig und ruhmvoll bleiben.«

Am frühen Morgen des 14. März reiste sie aus Lucca ab. Der einzige Weg, der ihr nach Frankreich noch offen blieb, führte über den steilen Paß von Bracco nach Genua. Hier traf sie mit Felix zusammen, der fortan ihr Begleiter war. Er, von dem sie nie verlangt hatte, daß er sich um sie bekümmerte, mußte jetzt auf ihr Geheiß seine Truppen verlassen und seiner Gattin entgegeneilen. Elisa hielt es unbedingt für seine Pflicht, daß er unter diesen Umständen an ihrer Seite weile. Und Felix gehorchte in einem Augenblick, da seine Soldaten mit den Engländern in den Kampf treten sollten!

VI.

Elisa hatte die Absicht, sich direkt über Turin nach Lyon und von da aus nach Paris zu begeben. In Chambéry jedoch erfuhr sie, daß Lyon von den Österreichern besetzt sei. Sie mußte daher einen andern Weg einschlagen. So wandte sie sich über Grenoble und Valence nach Montpellier. Ihr scharfer beobachtender Geist war auch auf dieser Reise fortwährend tätig. Sie verfehlte nicht, den Kaiser über die Stimmung der Einwohner der Städte und Dörfer Mitteilung zu machen, die sie durchreiste. Kaum war sie in Montpellier angelangt, so schrieb sie am 26. März 1814 an Napoleon, den sie, gleich wie Joseph, gern zum Frieden bewogen hätte: »Die Bewohner von Savoyen zeigen wenig Tatkraft. Da der Teil ihres Landes, der von den Österreichern besetzt war, nicht darunter gelitten hat, hat man es nicht sehr eilig, sich zu verteidigen. Mit den Bewohnern von Grenoble und der ganzen Dauphine bis Valence bin ich zufriedener gewesen. Dort habe ich wahre Franzosen getroffen. Die Bevölkerung verlangte nichts weiter als Waffen. und sie wünschte sehnlichst die Armee von Italien wieder herbei ...«

»In den Departements von Nîmes und Montpellier ist die öffentliche Meinung schwach, weil man bis jetzt die Gefahren, die dem Vaterlande drohen, nur von weitem gesehen hat. In Nîmes geht diese Gleichgültigkeit bis zum Widerspruch. Ich erfahre soeben, daß man sich geweigert hat, ins Feld zu ziehen. In dieser Gegend spricht man nur vom Frieden!«

Inzwischen aber erfuhr sie im Schloß de la Piscine in Montpellier, das sie für 30 Franken täglich gemietet hatte, die Katastrophe. Ihr Bruder Napoleon, dessen Glücksstern sie noch immer vertraute, hatte dem Throne entsagt!

Elisas erster Gedanke war die Sorge um die eigene Zukunft. »So ist denn dieses entsetzliche Unglück hereingebrochen!« schrieb sie am 15. April an ihren Freund Fouché; »alles ist verloren! Ich habe mich entschlossen, nach Neapel zu reisen. Niemals werde ich mich auf der Insel Elba niederlassen. Wenn die französische Regierung nichts dagegen einzuwenden hat, und wenn es der Papst erlaubt, so will ich in Rom leben ... Verwenden Sie sich für mich beim Fürsten von Benevent. Wir sind Verbannte. Die ganze Welt drückt uns zu Boden.«

Fouchés Vermittlung bei Talleyrand schien ihr jedoch nicht sicher, denn etwas später wandte sie sich selbst an den Minister, er möchte bei den Bourbonen und den Verbündeten Fürsprache einlegen, daß ihr wenigstens das schöne Lucca erhalten bleibe.

Sie war jedoch gezwungen gewesen, Montpellier zu verlassen, da die Bevölkerung mit einem Überfall auf ihr Schloß drohte. Um nicht erkannt zu werden, war Elisa verkleidet und ohne Gefolge, mit übermaltem Wappen an ihrem Wagen, am 16. April nach Marseille aufgebrochen. Von dort aus gedachte sie sich vorläufig zu Karoline nach Neapel einzuschiffen, um ihre Niederkunft und die Ereignisse abzuwarten. Sie hoffte bestimmt, die Verbündeten würden sie für ihr Verhalten in Toskana entschädigen. Bald jedoch änderte Elisa aufs neue ihre Absichten. Sie begab sich mit Felix und dem jungen Cesare Lucchesini, der in großer Gunst bei ihr stand, nach Bologna. Hier trafen sie in der Nacht vom 26. zum 27. April ein. Elisa hoffte, den Großherzog Ferdinand von Toskana sprechen zu können, an den sie gewisse Forderungen zu stellen hatte. Von Bologna aus wollte sie nach Rom gehen.

Zu ihrer großen Enttäuschung aber erfuhr sie, daß der österreichische General Graf Starhemberg ihre Schlösser in Lucca und Piombino mit Beschlag belegt und auch ihr Privatvermögen eingezogen hatte. Sofort waren alle Besorgnisse um ihren körperlichen Zustand vergessen. Galt es doch kostbare Schätze in Sicherheit zu bringen! Handelnd und tätig wie immer, beschloß Elisa jetzt, nach Wien zu reisen, um dort vom Kaiser ihr Recht zu fordern.

Bezeichnend für die Schwester Napoleons und ihren Gatten ist es, daß Felix am 27. April 1814 dem französischen Senat erklärt hatte, er stimme als General und Senator dem Sturze des Kaisers und der vom Senat eingesetzten Verfassung bei. Und er beschloß seine Erklärung mit der Versicherung des Eides auf die Verfassung.

Wie Baciocchi sich seinen Sitz im Senat zu erhalten suchte, so war auch Elisa fortwährend bemüht, ihre Herrschaft in Lucca nicht preiszugeben. Sie konnte es Napoleon nie verzeihen, daß er nicht rechtzeitig Frieden geschlossen und für die Zukunft der Seinigen nicht besser gesorgt hatte. Zum mindesten hielt sie es für ihre Pflicht, nun selbst Schritte zu tun, um noch zu retten, was zu retten war. So machte sie sich also nach Wien auf, nachdem sie von Eckehard, dem Kommandanten von Bologna, Pässe erhalten hatte. Sie reiste unter dem Namen einer Gräfin Compignano, den sie nach der gleichnamigen Besitzung am Monte Quiesa zwischen Lucca und Viareggio angenommen hatte Auch später in der Verbannung behielt sie diesen Namen bei.

In Wien gedachte sie vor allem ihre Forderungen auf den Vertrag von Fontainebleau vom 11. April 1814 zu stützen. Bekanntlich versprach er den Mitgliedern der Familie Napoleons Unantastbarkeit ihres Eigentums. Ferner wollte Elisa in Wien beweisen, daß sie ihren ehemaligen Untertanen von Lucca durchaus nichts schulde. Sie forderten nämlich von ihr elf Millionen Entschädigung, weil die Fürstin Staatsgelder für ihre persönlichen Ausgaben verwendet und die Zivilliste überschritten hätte. Elisa verlangte jedoch ihrerseits fünf Millionen für all das Schöne und für die Verbesserungen, die während ihrer Regierung in Lucca vorgenommen worden waren. Übrigens war sie fest überzeugt, daß sie ein Recht auf den Thron Luccas habe, da er nicht nur ihr, sondern vor allem auf den Wunsch des Volkes – wenn auch von Napoleon aus nur der Form halber – ihrem Gatten verliehen worden sei. Felix aber hatte seiner Krone nicht entsagt und mußte infolgedessen auf irgendeine Weise entschädigt werden. Elisa war eine kluge Frau! Felix, den sie in keiner Staatsangelegenheit um Rat gefragt hatte, Felix, der stets nur das unvermeidliche Anhängsel der Fürstin von Lucca und Piombino, der Großherzogin von Toskana gewesen war, dieser unbedeutende Prinzgemahl durfte jetzt zum erstenmal mit Kronansprüchen und als Herrscher hervortreten!

In der Familie Bonaparte fanden Elisas Schritte allgemeine Mißbilligung. Hatte sie nicht dem Kaiser Napoleon versprochen, seine Verbannung auf Elba zu teilen? Statt dessen eilte sie nach Wien, um sich vor seinen Feinden zu demütigen. »Ich hielt sie eines solchen Benehmens für unfähig«, schrieb Pauline Bonaparte an ihre Mutter. Daß aber Elisa sogar beabsichtigte, sich dauernd in Paris niederzulassen, fand bei Pauline fast noch größeren Tadel. »Denn«, fügte sie in ihrem Briefe hinzu, »ich bin überzeugt, daß ein solcher Entschluß dem Kaiser sehr viel Kummer bereiten wird. Er hat es ja keinem von unserer Familie verborgen, daß es eine unverzeihliche Treulosigkeit wäre, wenn sich eins von uns in Frankreich niederließe.«

Das war Elisa gleichgültig. Ihr eigenes Wohl lag ihr jetzt mehr am Herzen als alle Familienehre. Übrigens erreichte sie Wien vorläufig nicht. Kaiser Franz verbot ihr den Zutritt in seine Hauptstadt. Er wies ihr bis zur Rückkehr des Ministers Metternich die Städte Graz oder Laibach zum Aufenthalt an. Elisa wählte Graz, denn dort weilten ihr Bruder Jérôme und Katharina im Schlosse Eckensberg. Lange hielt es weder die Gräfin Compignano noch der ehemalige König von Westfalen in diesem langweiligen Schloß aus. Elisa zog es mächtig nach dem Süden, nach Bologna. Gegen diese Stadt hatte die österreichische Regierung nichts einzuwenden. Am 3. August hatte die Gräfin ihre Pässe in Händen. Felix war bereits dort und bereitete alles für den Aufenthalt seiner Gattin vor.

Ehe sich Elisa aber nach ihrem neuen Aufenthaltsort begab, hatte sie eine geheime Unterredung mit dem inzwischen heimgekehrten Minister Metternich in Wiener-Neustadt. Es handelte sich dabei, wie sich denken läßt, um Lucca. Sie erreichte indes weiter nichts, als die Erlaubnis, sich in Bologna niederlassen zu dürfen.

Wie gern wären auch Jérôme und Katharina mit der Schwester nach dem Süden gezogen, um den Zudringlichkeiten der österreichischen Behörden für immer zu entgehen! Aber sie erhielten keine Pässe nach Italien. Jérôme wußte sie sich nur durch List zu verschaffen. Den Behörden sagte er, er wolle seiner Schwester Elisa, die ihrer Niederkunft entgegensehe, bis Triest das Geleite geben, wo sie von ihrem Gatten erwartet werde.

Und so reisten die Geschwister am 4. August ab. Sie kamen nicht weit. Schon nach einer Reise von fünf Tagen, am 9. August, mußten sie Halt machen. Sie befanden sich vier Stunden von Palmanova. Gräfin Compignano spürte heftige Geburtswehen. Glücklicherweise lag ein Schloß in der Nähe, das Elisa aufnehmen konnte. Es war Schloß Passeriano, das dem Grafen Manin gehörte. Hier hatte einst der junge General Bonaparte gewohnt. Hier unterzeichnete er den glorreichen Frieden von Campo Formio!

Am 10. August genaß Elisa in diesem Schlosse eines Knaben. Sie nannte ihn Frédéric Napoléon und gab ihm den Titel »der Thronerbe«. Aber auch diesem Sohn, dem dritten, den sie gebar, war kein langes Leben beschieden. Er starb als neunzehnjähriger Jüngling an den Folgen eines Sturzes mit dem Pferde in Rom, am 7. April 1833.

Als Elisa wiederhergestellt war, setzte sie ihre Reise nach Bologna fort. Jérôme hatte es für besser gehalten, die geplante Flucht nach Italien nicht zu wagen. Er ließ sich mit Katharina in Triest nieder.

Die kluge Elisa lebte in Bologna vollkommen den Vorschriften der österreichischen Polizei gemäß. Man konnte ihr Verhalten nur loben. Wie es schien, hatte sie sich längst mit ihrem Schicksal abgefunden und machte sich keine Hoffnungen mehr. Sie war vernünftig genug, die Dinge zu nehmen wie sie waren. Obgleich sie keineswegs von der Aufsicht der Österreicher verschont wurde und unter den Beobachtungen ebenso zu leiden hatte wie die andern Mitglieder ihrer Familie, hielt sie es doch für besser, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und mit der österreichischen Regierung in Frieden zu leben.

Das hinderte sie jedoch nicht, dem Wiener Kongreß ihre Forderungen vorzulegen. Sie tat das jetzt weit mehr in der Hoffnung, wieder in den Besitz ihres persönlichen Vermögens zu kommen als den Thron von Lucca wiederzuerlangen. Ihr Gewährsmann Eynard, ein Genfer von Geburt, vertrat ihre Sache in Wien aufs beste. Sie hatte schließlich Erfolg. Am 8. Dezember 1814 erhielt die Gräfin Compignano die glückliche Nachricht, daß Kaiser Franz Befehl erteilt habe, ihr Privatvermögen freizugeben. Er hatte aber auch gleichzeitig die Bestimmung erlassen, daß Elisa keinerlei Anspruch auf Entschädigung für die während ihrer Herrschaft in den Schlössern Luccas und Piombinos angeschafften Möbel und Kunstgegenstände machen dürfe.

Hingegen blieben ihre Schritte bei der französischen Regierung zur Ausführung des Vertrags von Fontainebleau völlig nutzlos. Sie begriff schließlich, daß Ludwig XVIII. nicht gesonnen sei, weder ihr noch den andern die ausgesetzten dreihunderttausend Franken Jahrgeld zu zahlen. Aber auch in diesem Falle schien sie sich keine Sorgen zu machen. Wie einst in Lucca und Florenz führte sie jetzt in Bologna wieder das gesellige, vergnügungsreiche Leben und bot den Ereignissen eine kalte Stirn.

Desto leidenschaftlicher schlug ihr Herz. Die äußere Kälte und Gleichgültigkeit hatte die innere Glut in Elisa nicht getötet. Leider war sie, die nie schön gewesen, bereits als siebenunddreißigjährige Frau dem Mann nicht mehr begehrenswert. Sie war alt und verfallen. Ihre scharfen Züge waren noch männlicher geworden. Was aber körperliche Schönheit und Anmut nicht vermochten, das gelang bisweilen ihrem lebhaften, alles beherrschenden Geist und noch öfter ihrem Golde. Cenami weilte noch immer in ihrer Nähe. Freilich nicht mehr lange, denn er starb am 20. Oktober 1815. Cesare Lucchesini war schon längst sein Rivale. Unglücklicherweise lohnte er die Gunst seiner Herrin mit schnödem Undank. Er verschwand nämlich eines Tages mit einem Teile der Schmucksachen der Gräfin Compignano im Werte von 30.000 Franken. Vermutlich tröstete sich Elisa in den Armen Eynards, der auf dem Wiener Kongresse ihre Sache so gut vertrat.

Die Stunde nahte, in der der Kaiser Napoleon sich freimachte von allen Verpflichtungen, die ihn an Elba fesselten! Man sagt, seine Schwester Elisa sei von den Ereignissen, die sich in Porto Ferraio vorbereiteten, so genau unterrichtet gewesen, daß sie am 26. Februar, an dem Tage, an dem Napoleon die Insel verließ, im Kreise ihrer Vertrauten die Uhr hervorgezogen und ausgerufen habe: »Es ist getan!« Später erst habe man begriffen, was jene geheimnisvollen Worte bedeuteten.

Die kleine Anekdote ist ganz nett erfunden, aber einen endgültigen Beweis dafür, daß Elisa von den Plänen des Kaisers Kenntnis hatte, besitzt man nicht. Es liegt durchaus kein Grund vor, daß er gerade sie, die er nicht besonders gern hatte, ins Geheimnis gezogen haben sollte. Sogar seine Mutter, zu deren Verschwiegenheit er gewiß das meiste Vertrauen hegte, und die mit ihm in engster Gemeinschaft auf Elba lebte, erfuhr erst am Abend vor seiner Abreise davon.

Der Kaiser landete glücklich in Frankreich, und Elisa war über dieses Ereignis ebenso überrascht und erschüttert als die anderen Familienmitglieder. Sie setzte durchaus nicht ihre Hoffnung auf diesen Gewaltstreich, wie das z. B. Jérôme, Katharina, Pauline und Hortense, ja sogar Joseph taten. Elisa fühlte sich im Gegenteil verpflichtet, ihren jüngsten Bruder vor Unbesonnenheit zu warnen. »Tatsache ist es«, schrieb sie an Jérôme am 9. März 1815, »daß der Kaiser gesund und wohlbehalten landete ... Bleibe ruhig, sei vernünftig und verpflichte auch alle Leute Deines Hauses zu gleichem Tun. Man muß die Ereignisse kaltblütig abwarten. Haben wir es verstanden, unser Mißgeschick als mutige Menschen mit Seelengröße zu ertragen, so werden wir auch jetzt im Glück Mäßigung zeigen können.« Wie Jérôme diese wohlgemeinten Ratschläge befolgte, wissen wir. Seine Kühnheit verschaffte ihm jedoch die Genugtuung, noch den letzten Schimmer napoleonischen Glanzes und kaiserlicher Größe während der Hundert Tage mit auffangen zu können.

Elisa war dies nicht vergönnt. Die freudige Hoffnung auf neuerstehenden Rühm und wiederkehrende Herrschaft, die sich schließlich doch auch ein wenig in ihrem Herzen eingeschlichen hatte, wurde grausam vernichtet, als sie auf Befehl der österreichischen Regierung Bologna verlassen mußte. Man wies ihr einen Aufenthalt im Innern Österreichs an. Mit einer starken Bedeckung unter dem Befehl des Oberstleutnants Freiherrn von Lebreux wurde die ehemalige Großherzogin von Toskana nach Brünn in Mähren gebracht. Ihre beiden Kinder mußte sie in Bologna zurücklassen. Felix begleitete sie. Man hielt die Gefangene äußerst streng und bewachte sie sorgfältig. Ohne Frage trug zu dieser scharfen Bewachung der Napoleoniden, deren man nach der Rückkehr des Kaisers habhaft werden konnte, noch der Abfall Murats von den Österreichern bei. Daß man aber im besonderen Elisa, die sich den Vorschriften der österreichischen Polizei sonst am gefügigsten gezeigt hatte, so streng behandelte, war ihre eigene Schuld. Da ihr Bruder im Begriff war, die Macht wieder an sich zu reißen, glaubte auch Elisa wieder rechtmäßige Herrscherin zu sein, berufen zu befehlen aber nicht zu gehorchen! So kehrte sie während der ganzen Reise nach Brünn gegen Lebreux das herrischste unangenehmste Wesen heraus, dessen sie fähig war. Sie widersetzte sieh absichtlich allen seinen Befehlen. Nicht besser verfuhr sie später mit dem Vizegouverneur von Mähren, dem Freiherrn von Stahl. Mit Recht sagte der Grazer Polizeidirektor Carneri von ihr, sie habe den Teufel im Leibe.

Durch ein solches Benehmen schadete sie sich sehr. Je herausfordernder und anspruchsvoller sie sich zeigte, desto schärfer wurde sie bewacht, und desto härter ließ man sie die Verbannung fühlen. Ihr Stolz bäumte sich, ihr Ehrgeiz brach von neuem hervor. Sie, die Schwester des Kaisers, der jetzt wieder auf dem Throne Frankreichs saß, sollte sich eine derartige Behandlung gefallen lassen? Das war einfach empörend! Ihr leidenschaftlicher Charakter zeigte sich in den heftigsten Wut- und Nervenanfällen. Es half alles nichts. Einzig Marie Luise, ihre Schwägerin, die sie einst so hoch geschätzt hatte, schien ihr der rettende Engel aus aller Not. An sie wandte Elisa sich, um durch ihre Vermittlung vom Kaiser Franz die Erlaubnis zu erhalten, daß sie zu Napoleon nach Paris zurückkehren dürfe. Wie vorauszusehen, wurde ihr die Bitte nicht gewährt. Zwar hatte Marie Luise dem Vater ihr Anliegen vorgetragen, aber Franz hatte es nicht einmal für nötig gehalten, der Schwägerin seiner Tochter zu antworten. Die Familie Bonaparte war nicht mehr für ihn als Verwandte vorhanden.

Elisa schien ganz verzweifelt. All ihr Mut, all ihre Tatkraft, all ihr Widerstand sollten an der eisernen Hartnäckigkeit der Feinde ihres Bruders zerschellen! Oh, es war grausam! Da griff sie zu einem letzten verzweifelten Mittel: sie erweckte Mitleid für ihre Person! Ihre Gesundheit, die an und für sich nicht kräftig war, hatte in der Tat unter all den Aufregungen und Erschütterungen, die die Ereignisse der letzten Monate mit sich brachten, sehr gelitten. Unaufhörlich klagte sie über das schlechte Klima Brünns, das sie dem Tode nahebrächte. Umsonst. Metternich verschloß ihr sein Ohr. Man gestattete ihr weder in Rom noch in Neapel zu wohnen. Ihre Absicht, nach Paris zu gehen, hatte sie endlich aufgegeben. Sie hatte eingesehen, daß ein solcher Wunsch zu anmaßend gewesen wäre. Nicht einmal Bologna gestattete man ihr als Wohnort. Sie mußte sich ins Unvermeidliche fügen und Geduld und Mut fassen. So schrieb sie wenigstens am 13. August 1815 an ihre alte Mutter, die selbst soviel Seelengröße im Unglück bewies.

Es schien, als wollte Elisa sich ihre Mutter zum Vorbild nehmen. Denn von diesem Augenblick an zeigte die herrschsüchtige Frau wirklich viel Charakter. Sie ergab sich völlig in ihr Schicksal. Seit dem zweiten Sturz ihres Bruders wußte sie, daß alles unwiderruflich verloren war. Sie gab sich keine Mühe, unnütz zu klagen und zu jammern, obwohl sie jetzt ärmer war als zuvor. Nach der zweiten Abdankung Napoleons dachte man natürlich nicht mehr daran, die Beschlagnahme ihrer Güter in Lucca freizugeben. Schließlich war Elisa gezwungen, um leben zu können, einen Teil ihrer Schmucksachen zu verkaufen, was ihr stolzes Herz außerordentlich schmerzte.

Während Napoleon schon seit Monaten auf der Insel Helena weilte und bereits die tödliche Krankheit im Keime in sich trug, siedelte seine Schwester im Februar 1816 nach Triest über. Metternich hatte ihr endlich gestattet, daß sie dort wohnen könne.

Die Vermögenslage der Gräfin Compignano war nicht glänzend. Das hinderte sie jedoch nicht, sich mit der Absicht zu tragen, die Cassische Besitzung Aquileja zu kaufen. Sie sollte nur zwei Millionen kosten! Die Gräfin Compignano gedachte diese Summe durch den Verkauf einiger ihrer Güter und Wertgegenstände zu erlangen, brachte jedoch nur 1,700.000 Franken zusammen. Da kam ihr ein Gedanke. Die Mutter in Rom war ja nicht arm! Sie hatte im Glück gespart und besaß einige Millionen. Elisa wandte sich an sie. Letizia sollte ihr die fehlenden 300.000 Franken als Hypothek auf die Güter leihen. Die sparsame Korsin aber verweigerte diese Summe ihrer Tochter mit der Bemerkung, Elisa solle ja nicht vergessen, daß ihre Mutter vielleicht eines Tages gezwungen sei, auf jede Annehmlichkeit des Lebens zu verzichten, um dem Sohne zu Hilfe zu kommen, dem die Familie alles verdanke. Schließlich brauchte die Gräfin Compignano überhaupt die Hilfe Letizias nicht in Anspruch zu nehmen, denn der Kauf kam damals nicht zustande, da man den Preis des Schlosses noch erhöht hatte.

Elisa kaufte daher die Villa Campomarzo dicht bei Triest. Sie gehörte dem in russischen Diensten stehenden griechischen General Psara. Endlich schien sie wieder ein ruhiges, zufriedenes Leben zu führen. Sie stattete ihr Heim auf das geschmackvollste und künstlerischste aus, und ihrem kleinen Hofe fehlte es nicht an Unterhaltung und fröhlicher Geselligkeit. Wäre ihre Gesundheit besser gewesen, ihr Leben wäre ungetrübt dahingegangen. So aber litt sie häufig an hysterischen Anfällen, die sie oft tagelang für die Gesellschaft unbrauchbar machten. Das mitunter ziemlich rauhe Klima Triests und der scharfe Bora waren ihr sehr nachteilig. Dennoch wollte Elisa sich dauernd in dieser Stadt niederlassen. Aufs neue wollte sie der österreichischen Regierung beweisen, daß sie keinerlei Absichten auf eine Flucht hege oder politische Intrigen spinnen wolle. Sie war auch durchaus nicht an einer Verschwörung zur Befreiung Napoleons beteiligt. Ebensowenig wie die andern Mitglieder der Familie Bonaparte stand Elisa mit dem Gefangenen von Sankt Helena oder seinen Begleitern in geheimem Briefwechsel. Höchstens wünschte sie, wie alle andern auch, Erleichterung und Milderung seiner Gefangenschaft. Nur zu diesem Zwecke wollte sie im April 1818 persönlich beim Kaiser Franz Fürsprache einlegen, als er und seine Gemahlin sich in Triest aufhielten. Schließlich aber gab Elisa auch diese Absicht auf. »Mein Schritt«, schrieb sie am 1. Mai 1818 an Jérôme, »würde doch zu nichts geführt haben, als meinem Herzen Befriedigung zu gewähren, und so habe ich darauf verzichtet.« Elisa dachte kälter über die Ereignisse als Pauline und Katharina, die beide alles versuchten, um Linderung für den kranken Gefangenen zu erhalten.

Um diese Zeit gestaltete sich Elisas Lage wieder ziemlich günstig hinsichtlich ihres Vermögens. Es war ihr gelungen, ihrer Schwägerin und Nachfolgerin in Lucca, Marie Luise von Parma, einige Güter gegen eine Entschädigung von anderthalb Millionen abzutreten. Auf diese Weise war die Gräfin Compignano wieder in Besitz eines Teiles ihres Eigentums gelangt. Diesen Vorteil hatte sie hauptsächlich dem Minister Metternich zu verdanken. Er suchte in jeder Weise ihre Lage zu erleichtern. Bereits im Jahre 1816 hatte er Elisas Vermögen freigeben lassen, und auf seine Veranlassung hin wurden die Forderungen, die ihre ehemaligen Untertanen an sie stellten, zurückgewiesen. Im Besitz ihres Vermögens konnte sie nun endlich im Jahre 1819 Aquileja erwerben, das ihr jährlich 150.000 Franken einbrachte.

Da sie jetzt auf alle ehrgeizigen Pläne, auf Ruhm, Glanz und Huldigung verzichtet hatte, lebte sie außerordentlich zufrieden im Kreise ihrer Familie, Freunde und Bewunderer, denn auch sie fehlten noch immer nicht. In letzter Zeit hatte sich noch der Oberst Rossi zu ihnen gesellt. Er schwärmte für die geistreiche Schwester des großen Kaisers, und Elisa fühlte sich durch die Aufmerksamkeiten, die er ihr bewies, sehr geschmeichelt. Sie lebte jetzt förmlich wieder auf. All das Schreckliche der letzten Jahre lag hinter ihr wie ein böser Traum. Nur die Erinnerung an das Schöne, an den Glanz und die Pracht der Kaiserzeit, an ihre eigene Herrscherrolle stand lebendig vor ihrem Geiste. Wie in jenen glücklichen, ungetrübten Tagen, als sie noch Luciens verwaistem Haushalt vorstand, versammelte sie jetzt wieder einen Kreis berühmter Männer der Wissenschaft und des Geistes um sich. Jeden Abend hatte sie Gesellschaft. Ihre Unterhaltung war noch immer sprühend-geistreich und das Theaterspiel noch immer ihre größte Leidenschaft. Sie pflegte die Kunst und die Wissenschaften in hohem Maße und machte sich besonders um wertvolle Ausgrabungen in der Gegend von Aquileja verdient. Musik liebte sie über alles. In ihrem Salon konnte man immer sicher sein, eine oder die andere Größe von Künstlern zu finden. Wie einst in Lucca spielte der göttliche Paganini jetzt vor der Gräfin Compignano.

Ihre Gäste bestanden meist aus hohen Persönlichkeiten des Kaiserreichs, die, wie sie selbst, in der Verbannung lebten. Ihr alter Freund Fouché wohnte in Triest und war ihr täglicher Gast. Jérôme, Katharina, der Herzog von Padua (Arrighi), der Herzog von Bassano (Maret), Macdonald, alle kamen zu der einstigen Großherzogin von Toskana. Auch ihre Schwester Karoline besuchte sie. Elisa hatte mit Murats traurigem Schicksal unendliches Mitleid. Obgleich Murat gewissermaßen der Anstifter all ihres Unglücks gewesen war, verzieh sie ihm und der Schwester vom ersten Tage an, da sie das Ende des unglücklichen Königs erfuhr. So hielt die Familie Bonaparte im Unglück doch immer fest zusammen.

Alle fanden übrigens, daß Elisa, die Herrische, die Strenge, Ehrgeizige, sich sehr zu ihrem Vorteil verändert habe. Ihr Leben galt ganz ihren Kindern, ihrer Familie. Um Felix freilich kümmerte sie sich auch jetzt herzlich wenig. Er fragte auch gar nicht danach. Er war zufrieden, wenn er gut essen, trinken und schlafen konnte. Für alle andern Vergnügungen hatte er kein Interesse mehr. Die Erziehung seiner Kinder überließ er einzig und allein seiner Frau.

Aber die Ereignisse hatten Elisas Tatkraft schließlich gebrochen. Täglich sah sie ihre physischen Kräfte mehr schwinden. Keine Kur vermochte ihr noch Heilung des zerrütteten Zustandes ihrer Nerven zu verschaffen. Weder Karlsbad noch Eger nützten ihr gegen die schreckliche Gicht, von der sie jahrelang geplagt wurde. Dazu kamen trotz aller Bemühungen Metternichs viele Unannehmlichkeiten von selten des Triester Polizeidirektors. Die Nervenanfälle Elisas mehrten sich und arteten schließlich in häufigen Weinkrämpfen oder völliger Gefühllosigkeit aus. Da sehnte sie sich fort von Österreich, wo sie nur unangenehmen Scherereien ausgesetzt war. In Rom glaubte sie aller Unannehmlichkeiten enthoben zu sein. Dort lebten Frau Letizia, der Kardinal Fesch, ihr geliebter Lucien! Warum sollte nicht auch sie den Vorzug genießen, in der Ewigen Stadt weilen zu können? Ihr sehnlichster Wunsch war, in der Nähe ihrer Mutter zu sein.

In diesem Sinne schrieb Elisa wiederum an Metternich im April 1820. Sicher wäre es ihr vergönnt gewesen, ihr Leben in Rom zu beschließen, dessen Größe der Kaiser Napoleon so besonders gehuldigt hatte, obgleich er selbst nie dort gewesen war. Aber sie wurde zu dieser Zeit schwer krank. Das Magenleiden, das in der Familie Bonaparte sehr verbreitet war, erfaßte auch Elisa. Dazu gesellte sich ein äußerst heftiges Nervenfieber, das ihren Tod beschleunigte. Erst zweiundvierzigjährig starb Elisa am 7. August 1820 in der Villa Sant' Andrea bei Triest. An ihrem Sterbelager standen Jérôme, Katharina und Fouché. Ihre letzten Worte galten dem Gatten, um den sie sich im Leben so herzlich wenig gesorgt und bemüht hatte. »Nimm dich seiner an«, flüsterte sie Jérôme zu, »er ist gut.«

Felix hatte mit ihr die Verbannung geteilt. Nach dem Tode seiner Frau erhielt er die Erlaubnis, nach Italien zurückzukehren. Er schlug seine Wohnung in Bologna auf, wo er den herrlichen Palast Rimini bewohnte. Einundzwanzig Jahre später, am 27. April 1841, starb auch er. Seine einzige Tochter Napoléone, die sich im Jahre 1825 mit dem Grafen Philippe Camerata-Passionei de Mazzoleni verheiratet hatte, war die Erbin des ansehnlichen Vermögens Elisas und Felix'. Von der Mutter erbte dieses Mädchen aber auch die männlichen Züge, die Leidenschaften und die leichten Sitten. Sie war eine echte Bonaparte.

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