Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Glanz und Elend der Kurtisanen

Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleGlanz und Elend der Kurtisanen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1926
translatorFelix Paul Greve
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20110407
modified20180315
projectidd6e59c4d
Schließen

Navigation:

Vautrins letzte Verkörperung

Was gibt es, Magdalene?« fragte Frau Camusot, als sie ihr Zimmermädchen mit jener Miene eintreten sah, wie Dienstboten sie in kritischen Augenblicken anzunehmen verstehen. »Gnädige Frau,« erwiderte Magdalene, »der gnädige Herr kommt eben aus dem Palast; aber er macht ein so bestürztes Gesicht und ist in einem solchen Zustand, daß die gnädige Frau vielleicht gut daran tun würde, ihn in seinem Arbeitszimmer aufzusuchen.« »Hat er etwas gesagt?« fragte Frau Camusot. »Nein, gnädige Frau; aber ein solches Gesicht haben wir beim gnädigen Herrn noch nie gesehen; man könnte meinen, daß eine Krankheit ausbrechen will; er ist gelb, er scheint ganz außer Fassung zu sein, er . . .«

Frau Camusot stürzte, ohne das Ende des Satzes abzuwarten, zum Zimmer hinaus und eilte zu ihrem Gatten. Sie sah den Untersuchungsrichter mit von sich gestreckten Beinen in einem Sessel sitzen, den Kopf gegen die Rückenlehne gestützt; seine Hände hingen schlaff herab, sein Gesicht war bleich, die Augen stumpf, und es machte ganz den Eindruck, als wollte er in Ohnmacht fallen.

»Was hast du, mein Freund?« sagte die junge Frau entsetzt. »Ach, meine arme Amelie, es ist das verhängnisvollste Ereignis eingetreten . . . Ich zittere noch. Stelle dir vor, daß der Oberstaatsanwalt . . . nein, daß Frau von Sérizy . . . daß . . . Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll . . .« »Fange mit dem Ende an! . . .« sagte Frau Camusot. »Nun also, in dem Augenblick, als Herr Popinot im Beratungszimmer der Ersten Kammer die letzte nötige Unterschrift unter das Urteil gesetzt hatte, das die Erhebung der Anklage auf Grund meines Berichts ablehnte und Lucien von Rubempré in Freiheit setzte . . . Kurz, alles war zu Ende, der Kanzlist trug das Konzept schon fort, ich glaubte dieser Angelegenheit ledig zu sein! Da tritt der Gerichtspräsident ein, liest das Urteil durch und sagt mit kühl spöttischer Miene zu mir: ›Sie entlassen einen Toten; ich höre soeben von Herrn von Bonald, daß dieser junge Mann vor seinen höchsten Richter getreten ist. Er ist einem Herzschlag erlegen . . .‹ Ich atmete auf, denn ich glaubte noch an einen Unfall. ›Wenn ich recht verstehe, Herr Präsident,‹ sagte Herr Popinot, ›so wird es sich um den Herzschlag Pichegrus handeln . . .‹ ›Meine Herren‹ versetzte der Präsident mit ernster Miene, ›merken Sie sich, für die Außenwelt ist der junge Lucien von Rubempré infolge des Bruchs einer Pulsadergeschwulst gestorben.‹ Wir sahen uns alle an. ›Es sind in diese Angelegenheit‹, sagte der Präsident, ›hohe Persönlichkeiten verwickelt. Gott gebe in Ihrem Interesse, Herr Camusot, obgleich Sie nichts getan haben als Ihre Pflicht, daß Frau von Sérizy nach dem Schlag, den sie erhalten hat, nicht wahnsinnig bleibt! Man trägt sie eben fast tot davon. Ich bin unserm Oberstaatsanwalt in einem Zustand der Verzweiflung begegnet, der mir weh getan hat . . . Sie sind auf den unrechten Weg geraten, mein lieber Camusot!‹ fügte er hinzu, indem er mir ins Ohr flüsterte. Nein, meine liebe Freundin, als ich hinauskam, konnte ich kaum gehen. Mir zitterten die Beine so sehr, daß ich mich nicht in die Straße wagte, und ich bin wieder in mein Zimmer gegangen, um mich auszuruhen. Coquart, der die Akten dieser unseligen Untersuchung ordnete, sagte mir, eine schöne Dame habe die Conciergerie gestürmt, sie habe Lucien, in den sie rasend verliebt sei, das Leben retten wollen und sei ohnmächtig geworden, als sie ihn am Fenster der Pistole an seiner Krawatte erhängt sah. Der Gedanke, daß die Art, wie ich diesen unglücklichen jungen Mann, der übrigens – unter uns – vollkommen unschuldig war, verhört habe, ihn zum Selbstmord treiben konnte, verfolgt mich, seit ich den Palast verlassen habe, und ich bin noch immer einer Ohnmacht nahe . . .« »Nun, du wirst dich wohl gar für einen Mörder halten, weil sich ein Untersuchungsgefangener in seiner Zelle aufhängte, als du ihn freilassen wolltest? . . .« rief Frau Camusot; »aber ein Untersuchungsrichter ist dann wie ein General, dem ein Pferd unterm Leib erschossen wird! . . . Das ist alles!« »Solche Vergleiche, meine Liebe, taugen bestenfalls für Scherze, und der Scherz ist hier nicht am Platze. In diesem Falle holt sich der Tote den Lebenden. Lucien nimmt unsere Hoffnungen mit in den Sarg.« »Wirklich?« fragte Frau Camusot mit beißender Ironie. »Ja, meine Laufbahn ist zu Ende. Ich werde mein Leben lang einfacher Richter am Seinetribunal bleiben. Herr von Granville war schon vor diesem verhängnisvollen Ausgang sehr unzufrieden mit der Wendung, die die Untersuchung nahm; daß er aber mit unserm Präsidenten gesprochen hat, beweist mir, daß ich, solange Herr von Granville Oberstaatsanwalt bleibt, niemals avancieren werde.«

Avancieren! Das ist das furchtbare Wort, das ist der Gedanke, der heutzutage den Richter zum Beamten macht.

Ehemals war der Richter von vornherein, was er werden konnte. Die drei oder vier Kammerpräsidentschaftsmützen genügten in jedem Parlament dem Ehrgeiz. Das Amt eines Rates genügte einem de Brosses wie einem Molé, zu Dijon wie zu Paris. Dieses Amt, das schon an sich ein Vermögen war, verlangte, um mit Würde getragen zu werden, wiederum ein großes Vermögen. In Paris konnten außerhalb des Parlaments die Leute im Amtskleid nur nach drei höheren Stellungen streben: nach dem der Generalkontrolle, dem Portefeuille oder dem Kanzlertalar. Unterhalb der Parlamente, in der niedrigen Sphäre, war schon ein Präsidialstellvertreter als Persönlichkeit groß genug, um glücklich zu sein, wenn er sein Leben lang auf seinem Sitz verblieb. Man vergleiche die Stellung eines Rates am zweitinstanzlichen Gericht in Paris im Jahre 1829, wo er statt allen Vermögens nur sein Gehalt hat, mit der Stellung eines Rates am Parlament von 1729. Der Unterschied ist groß. Heute, wo das Geld zur allgemeinen sozialen Bürgschaft geworden ist, entbindet man die Richter von der Bedingung, daß sie wie ehedem ein großes Vermögen besitzen; daher muß man es erleben, daß sie zugleich Deputierte, Pairs von Frankreich sind und Amt auf Amt türmen: sie sind Richter und Gesetzgeber in einer Person und borgen sich ihr Ansehen von andern Ämtern als denen, die ihnen ihren ganzen Glanz verleihen sollten.

Kurz, die Richter sinnen darauf, sich auszuzeichnen, um dann zu avancieren, wie man im Heer und in der Verwaltung avanciert.

Wenn dieser Gedanke die Unabhängigkeit des Richters nicht untergräbt, so ist er doch zu bekannt und zu natürlich, als daß nicht durch ihn der Richterstand in der öffentlichen Meinung sein Ansehen verlöre. Das vom Staat bezahlte Gehalt macht aus dem Priester und dem Richter einfache Beamte. Die zu ersteigenden Stufen entwickeln den Ehrgeiz; der Ehrgeiz erzeugt Willfährigkeit gegen die Macht; ferner stellt die moderne Gleichheitssucht den Gerichtsuntertanen und den Richter auf das gleiche Niveau der sozialen Stufenleiter. So sind die beiden Säulen jeder sozialen Ordnung, die Religion und die Justiz, im neunzehnten Jahrhundert geschwächt worden, und man behauptet, man schreite in allem fort!

»Und weshalb solltest du nicht avancieren?« fragte Amelie Camusot. Sie sah ihren Gatten mit spöttischer Miene an, denn sie fühlte, daß es nötig war, dem Mann, der der Träger ihres Ehrgeizes war und auf dem sie spielte wie auf einem Instrument, seine Energie zurückzugeben. »Weshalb verzweifeln?« fuhr sie fort, und zwar mit einer Geste, die ihre Gleichgültigkeit in betreff des Todes des Untersuchungsgefangenen trefflich malte. »Dieser Selbstmord wird die beiden Feindinnen Luciens, Frau d'Espard und ihre Cousine, die Gräfin du Châtelet, glücklich machen. Frau d'Espard steht sich vortrefflich mit dem Justizminister, und durch sie kannst du bei Seiner Gnaden eine Audienz erhalten; dann wirst du ihm das Geheimnis dieser Angelegenheit verraten; wenn aber der Justizminister für dich ist, was hast du da von deinem Präsidenten und dem Oberstaatsanwalt zu fürchten?« »Aber Herr und Frau von Sérizy!« rief der arme Richter aus. »Ich wiederhole dir, Frau von Sérizy ist wahnsinnig! Und wahnsinnig durch meine Schuld, wie man behauptet!« »Nun, wenn sie wahnsinnig ist, du Richter ohne Urteilskraft,« rief Frau Camusot lachend, »so kann sie dir nicht mehr schaden! Laß sehen, erzähle mir alle Einzelheiten des Tages.« »Mein Gott,« erwiderte Camusot, »in dem Augenblick, als ich diesen unglücklichen jungen Mann in die Beichte genommen und er erklärt hatte, daß dieser angebliche spanische Priester wirklich Jakob Collin ist, schickten mir die Herzogin von Maufrigneuse und Frau von Sérizy durch einen Kammerdiener ein Billett, in dem sie mich baten, ihn nicht zu verhören. Alles war geschehen . . .« »Aber hast du denn den Kopf verloren?« sagte Amelie; »denn da du deines Kanzlisten sicher bist, konntest du Lucien doch zurückholen lassen, ihn geschickt beruhigen und dein Protokoll verbessern!« »Du bist wie Frau von Sérizy, du machst dich lustig über die Geschichte!« sagte Camusot, der nicht imstande war, über seinen Beruf zu lachen. »Frau von Sérizy hat mir meine Protokolle weggenommen und ins Feuer geworfen!« »Das nenne ich eine Frau! Bravo!« rief Frau Camusot. »Frau von Sérizy sagte mir, sie würde eher den Palast in die Luft sprengen, als zugeben, daß ein junger Mann, der ihre Gunst und die der Herzogin von Maufrigneuse besessen habe, sich neben einen Sträfling auf die Bänke des Schwurgerichts setzen müßte! . . .« »Aber Camusot,« sagte Amelie, die ein überlegenes Lächeln nicht unterdrücken konnte, »deine Stellung ist wundervoll . . .« »Ach ja, wundervoll!« »Du hast deine Pflicht getan . . .« »Unglücklicherweise; und dem jesuitischen Rat des Herrn von Granville zum Trotz, der mir auf dem Quai Malaquais begegnete . . .« »Heute morgen?« »Heute morgen!« »Wann?« »Um neun Uhr.« »O Camusot!« sagte Amelie, indem sie die gefalteten Hände rang, »und ich höre nicht auf, dir immer zu wiederholen, daß du auf alles achtgeben mußt . . . Mein Gott, das ist kein Mensch, das ist eine Steinkarre, die ich ziehe! Aber Camusot, dein Oberstaatsanwalt erwartete dich auf deinem Wege, er wird dir doch einen Rat gegeben haben!« »Aber ja . . .« »Und du hast ihn nicht verstanden! Wenn du taub bist, wirst du dein Leben lang Untersuchungsrichter bleiben, aber ohne Untersuchungen. Zeige doch wenigstens so viel Geist, mir jetzt zuzuhören!« sagte sie, indem sie ihren Gatten, der reden wollte, zum Schweigen brachte. »Du meinst, diese Angelegenheit sei zu Ende?« fragte Amelie. Camusot sah seine Frau mit jener Miene an, die die Bauern vor einem Marktschreier aufsetzen. »Wenn die Herzogin von Maufrigneuse und die Gräfin von Sérizy kompromittiert sind, mußt du sie alle beide zu Gönnerinnen haben,« fuhr Amelie fort. »Laß sehen! Frau d'Espard wird dir beim Justizminister eine Audienz verschaffen; du verrätst ihm das Geheimnis, das hier verborgen liegt, und er wird den König damit amüsieren; denn alle Fürsten sehen gern einmal die Rückseite des sozialen Gewebes, um die wirklichen Ursachen der Ereignisse kennen zu lernen, die das Publikum mit offenem Munde vorüberziehen sieht. Dann sind weder der Oberstaatsanwalt noch Herr von Sérizy zu fürchten . . .« »Welcher Schatz von einer Frau du bist!« rief der Richter, indem er wieder Mut faßte. »Schließlich habe ich Jakob Collin aufgestöbert; er soll mir vor dem Schwurgericht Rechenschaft ablegen, ich werde seine Verbrechen enthüllen. Ein solcher Prozeß ist ein Sieg in der Laufbahn eines Untersuchungsrichters . . .« »Camusot,« erwiderte Amelie, als sie sah, wie ihr Mann sich von der moralischen und physischen Niedergeschlagenheit erholte, in die ihn Lucien von Rubemprés Selbstmord geworfen hatte, »der Präsident hat dir eben gesagt, du wärst auf den falschen Weg geraten! . . . Du verläufst dich schon wieder, mein Freund!« Der Untersuchungsrichter blieb stehen und sah seine Frau verblüfft an. »Der König und der Justizminister sind vielleicht sehr froh, wenn sie jenes Geheimnis erfahren; und doch ärgern sie sich vielleicht zugleich darüber, wenn sie es erleben müssen, daß die Fürsprecher der liberalen Anschauungen so bedeutende Persönlichkeiten wie die Sérizys, die Maufrigneuses und die Grandlieus, kurz alle, die direkt oder indirekt in diesen Prozeß verwickelt sind, vor die Schranken der öffentlichen Meinung und des Schwurgerichts schleppen.« »Sie sind alle hineingelegt! . . . Ich habe sie fest!« rief Camusot. Und der Richter stand auf und ging durch sein Zimmer, wie Sganarelle auf dem Theater umhergeht, wenn er aus einer Falle zu entschlüpfen sucht. »Höre, Amelie!« fuhr er fort, indem er sich vor seiner Frau aufstellte, »mir fällt ein Umstand ein, der scheinbar winzig, aber in meiner Lage von ungeheurem Interesse ist, Stelle dir vor, meine liebe Freundin, daß dieser Jakob Collin ein Koloß an List, Verstellung und Verschlagenheit ist . . . ein Mensch von einer Tiefe . . . oh, er ist . . . wie soll ich sagen? . . . der Cromwell des Bagnos! Einem solchen Verbrecher bin ich noch nicht begegnet, er hat mich fast übertölpelt. Aber bei einer Kriminaluntersuchung hilft ein Fädchen, das vorüberstreicht, einem Knäuel auf die Spur, mit dem man sich durch das Labyrinth der düstersten Gewissen oder der dunkelsten Tatsachen hindurchfindet. Als Jakob Collin sah, daß ich in den Briefen blätterte, die in Lucien von Rubemprés Wohnung beschlagnahmt worden sind, warf der Schlingel einen Blick darauf, als wolle er wissen, ob sich nicht noch ein weiteres Bündel dabei befände, und er ließ sich eine sichtliche Regung der Befriedigung entschlüpfen. Dieser Blick des Diebes, der einen Schatz abschätzt, diese Geste des Gefangenen, der sich sagt: ›Ich habe meine Waffen!‹ machten mir eine Welt von Dingen verständlich. Nur ihr Frauen könnt wie wir Richter und wie die Untersuchungsgefangenen ganze Szenen in einen Blick legen, der Betrügereien enthüllt, kompliziert wie Sicherheitsschlösser. Man empfindet dann, weißt du, in einer Sekunde ganze Bände des Argwohns! Es ist furchtbar, in einem Augenzwinkern liegen Leben und Tod. Der Bursche hat noch andere Briefe in den Händen! sagte ich mir. Dann lenkten mich die tausend andern Einzelheiten der Angelegenheit ab. Ich habe diesen Zwischenfall vernachlässigt, denn ich glaubte, ich würde meinen Gefangenen zu konfrontieren haben und könne diesen Punkt der Untersuchung später aufklären. Aber sehen wir es als sicher an, daß Jakob Collin nach Art dieser Elenden die kompromittierendsten Briefe der Korrespondenz des schönen jungen Mannes an einem sichern Ort versteckt hat.« »Und du zitterst? Camusot, du wirst Präsident der zweitinstanzlichen Kammer, und schneller, als ich glaubte! . . .« rief Frau Camusot, deren Gesicht strahlte. »Laß sehen: du mußt dich so verhalten, daß du alle zufriedenstellst, denn die Angelegenheit wird so ernst, daß sie uns ruhig ›gestohlen‹ werden könnte! . . . Hat man nicht das Verfahren im Entmündigungsprozeß der Frau d'Espard gegen ihren Gatten Popinot aus den Händen genommen, um es dir anzuvertrauen?« sagte sie, um auf eine erstaunte Geste zu antworten, die Camusot machte. »Nun, kann nicht der Oberstaatsanwalt, der ein so lebhaftes Interesse an der Ehre des Herrn und der Frau von Sérizy nimmt, die ganze Angelegenheit von der zweitinstanzlichen Kammer übernehmen lassen, um einen ihm ergebenen Königlichen Rat zu ernennen, damit er eine neue Voruntersuchung einleitet?« »Ah, meine Liebe, wo hast du deinen Strafprozeß studiert?« rief Camusot. »Du weißt alles, du bist mein Meister . . .« »Wie, du glaubst, Herr von Granville werde nicht morgen früh vor dem drohenden Plädoyer eines liberalen Advokaten erschrecken, den dieser Jakob Collin wohl zu finden wissen wird? Denn man wird ihm Geld dafür bieten, ihn verteidigen zu dürfen! . . . Diese Damen wissen ebensogut, um nicht zu sagen besser als du, in welcher Gefahr sie schweben; sie werden es dem Oberstaatsanwalt sagen; und schon sieht er diese Familien dicht an die Bank der Angeklagten gezerrt, da dieser Sträfling mit Lucien von Rubempré, dem Verlobten des Fräuleins von Grandlieu, dem Geliebten Esthers, dem ehemaligen Liebhaber der Herzogin von Maufrigneuse, dem Angebeteten der Frau von Sérizy, im Bunde lebte. Du mußt also in einer Weise vorgehen, daß du dir das Wohlwollen deines Oberstaatsanwalts, den Dank des Herrn von Sérizy und den der Marquise d'Espard und der Gräfin du Châtelet gewinnst, daß du die Empfehlung der Frau von Maufrigneuse verstärkst durch die des Hauses Grandlieu und daß dein Präsident dir Komplimente macht. Ich übernehme die Damen d'Espard, von Maufrigneuse und von Grandlieu. Du mußt morgen früh zum Oberstaatsanwalt gehen. Herr von Granville ist ein Mann, der nicht mit seiner Frau zusammen lebt; er hat einige zehn Jahre hindurch ein Fräulein von Bellefeuille zur Geliebten gehabt, die ihm uneheliche Kinder schenkte, nicht wahr? Nun also, dieser Richter ist kein Heiliger, er ist ein Mensch, wie alle andern auch; man kann ihn verführen, er gibt schon irgendwo eine Handhabe; man muß seine Schwäche entdecken und ihm schmeicheln; frag ihn um Rat, zeig ihm die Gefahren der Angelegenheit; kurz, versuche ihn mit dir zu kompromittieren, und du wirst . . .« »Nein, ich sollte die Spur deiner Schritte küssen!« sagte Camusot, indem er seine Frau unterbrach, sie um die Hüften faßte und ans Herz drückte; »Amelie, du rettest mich!« »Ich habe dich von Alençon nach Nantes geschleppt und von Nantes an den Gerichtshof der Seine,« erwiderte Amelie. »Nun sei ruhig! . . . Ich will, daß man mich in fünf Jahren Frau Präsidentin nennt; aber mein Liebling, denke doch immer gründlich nach, ehe du einen Entschluß fassest! Der Beruf eines Richters ist nicht der eines Feuerwehrmannes; deine Papiere stehen nie in Flammen, du hast Zeit zur Überlegung; deshalb sind Dummheiten in deiner Stellung unentschuldbar . . .« »Die Kraft meiner Stellung liegt einzig in der Identität des falschen spanischen Priesters mit Jakob Collin,« fuhr der Richter nach einer langen Pause fort. »Ist diese Identität einmal sicher festgestellt, so bleibt das, selbst wenn das Gericht zweiter Instanz den Prozeß übernehmen sollte, eine Tatsache, die kein Beamter beseitigen kann, sei er nun Richter oder Rat. Ich habe es dann wie die Kinder gemacht, die der Katze eine Schelle an den Schwanz binden; wo auch die Voruntersuchung in dem Verfahren stattfinde, überall werden Jakob Collins Ketten rasseln.« »Bravo!« sagte Amelie. »Und der Oberstaatsanwalt wird sich lieber mit mir verständigen wollen, da ich allein dieses Damoklesschwert wegnehmen kann, das über dem Faubourg Saint-Germain hängt, als mit irgendeinem andern! . . . Aber du weißt nicht, wie schwer es ist, dieses sonderbare Resultat zu erreichen . . . Eben sind der Oberstaatsanwalt und ich noch in seinem Zimmer übereingekommen, Jakob Collin als das gelten zu lassen, wofür er sich ausgibt, als einen Stiftsherrn des Kapitels von Toledo, als Carlos Herrera; wir haben uns dahin geeinigt, ihn einfach als diplomatischen Gesandten anzuerkennen, zuzugeben, daß die spanische Gesandtschaft seine Freilassung verlangt. Auf Grund dieses Plans habe ich den Bericht erstattet, der Lucien von Rubempré in Freiheit setzt; ich habe die Protokolle neu aufgesetzt und meine Gefangenen weiß gewaschen wie Schnee. Morgen sollen Herr von Rastignac, Bianchon, und ich weiß nicht wer noch, mit dem angeblichen Stiftsherrn des Königlichen Kapitels von Toledo konfrontiert werden; sie werden Jakob Collin, der vor zehn Jahren in einer bürgerlichen Pension, wo sie ihn unter dem Namen Vautrin gekannt haben, vor ihren Augen verhaftet wurde, nicht wiedererkennen.«

Es herrschte einen Augenblick Schweigen, während dessen Frau Camusot überlegte. »Bist du sicher, daß dein Gefangener Jakob Collin ist?« fragte sie. »Ganz sicher,« erwiderte der Richter, »und der Oberstaatsanwalt ist es auch.« »Nun, versuche doch, ohne deine Katzenkrallen zu zeigen, im Justizpalast einen Eklat herbeizuführen! Wenn der Mensch noch in Einzelgewahrsam ist, so suche sofort den Direktor der Conciergerie auf und richte es so ein, daß der Sträfling dort öffentlich erkannt wird. Statt es wie die Kinder zu machen, ahme vielmehr die Polizeiminister in den absolut regierten Ländern nach, die eine Verschwörung gegen den Herrscher erfinden, um sich das Verdienst zu erwerben, daß sie sie vereitelt haben; und um dich unentbehrlich zu machen, bringe drei Familien in Gefahr, damit dir der Ruhm zufällt, sie gerettet zu haben!« »Ah, welch ein Glück!« rief Camusot. »Mir ist der Kopf so wirr, daß ich diesen Umstand ganz vergaß. Ich habe Herrn Gault, dem Direktor der Conciergerie, durch Coquart den Befehl übermittelt, Jakob Collin in die Pistole zu überführen. Nun hat man durch Bibi-Lupin, Jakob Collins Feind, drei Verbrecher, die ihn kennen, aus der Force in die Conciergerie bringen lassen; und wenn er morgen in den Gefängnishof hinunterkommt, so macht man sich auf furchtbare Szenen gefaßt . . .« »Und weshalb?« »Jakob Collin, meine Liebe, hat das Vermögen der Bagnosträflinge in Verwahrung; es beläuft sich auf beträchtliche Summen, und man sagt, er habe sie vergeudet, um den Aufwand des verstorbenen Lucien zu bestreiten; jetzt wird man Rechenschaft von ihm verlangen. Bibi-Lupin behauptet, es werde einen Aufruhr geben, der ein Einschreiten der Aufseher nötig machen werde; dann ist das Geheimnis entdeckt. Es geht dabei um Jakob Collins Leben. Wenn ich mich früh in den Palast begebe, kann ich gleich ein Protokoll über die Identität aufnehmen.« »Ach, wenn seine Gläubiger dich von ihm befreiten! Da würde man dich als einen höchst geschickten Menschen ansehen. Geh nicht zu Herrn von Granville; erwarte ihn mit dieser furchtbaren Waffe in seinem Sitzungszimmer. Das ist eine geladene Kanone, die auf die drei wichtigsten Familien des Hofes und der Pairschaft gerichtet ist. Sei verwegen, schlage Herrn von Granville vor, dich Jakob Collins zu entledigen, indem du ihn in die Force schaffen läßt, wo die Sträflinge sich ihrer Denunzianten zu entledigen wissen. Ich selbst werde zur Herzogin von Maufrigneuse gehen, die mich zu den Grandlieus führen muß. Vielleicht kann ich auch Herrn von Sérizy sprechen. Verlaß dich darauf, daß ich überall Alarm schlage. Schreibe mir vor allem ein vereinbartes Wort, damit ich weiß, ob der spanische Priester rechtskräftig als Jakob Collin erkannt worden ist. Richte dich so ein, daß du den Palast um zwei Uhr verlassen kannst; ich habe dir dann eine Audienz beim Justizminister erwirkt: vielleicht wird er bei der Marquise d'Espard sein.«

Camusot stand wie angewurzelt da in seiner Bewunderung, die der schlauen Amelie ein Lächeln entlockte. »Komm zu Tisch und sei lustig,« sagte sie zum Schluß. »Sieh, wir sind erst zwei Jahre in Paris, und jetzt bist du auf dem besten Wege, vor Jahresablauf Königlicher Rat zu werden . . . Von da, mein Liebling, bis zur Präsidentschaft einer Kammer des zweitinstanzlichen Gerichts bleibt dann nur noch ein kleiner Abstand, den ein Dienst in einer politischen Angelegenheit leicht überbrücken wird.«

Diese geheime Überlegung zeigt, bis zu welchem Grade die Handlungen und die geringsten Worte Jakob Collins, des letzten, der von den Hauptcharakteren dieser Studie noch übrig war, die Ehre der Familien angingen, in deren Schoß er seinen verstorbenen Schützling eingeführt hatte.

Luciens Tod und der Einbruch der Gräfin von Sérizy in die Conciergerie hatten im Räderwerk der Maschine eine solche Verwirrung angerichtet, daß der Direktor vergessen hatte, die Geheimhaft des angeblichen spanischen Priesters aufzuheben.

Obgleich es in den Gerichtsannalen mehr als ein Beispiel dafür gibt, so war doch der Tod eines Untersuchungsgefangenen während der Voruntersuchung selten genug, um Aufseher, Kanzlisten und Direktor aus ihrer Ruhe zu bringen. Sie freilich beschäftigte es weniger, daß dieser schöne junge Mann so plötzlich abgeschieden war, als daß eine Frau der Gesellschaft mit ihren zarten Händen die schmiedeeiserne Stange des ersten Gitters im Portal hatte zerbrechen können. Daher sammelten sich denn auch, sowie der Oberstaatsanwalt und der Graf Octavius von Bauvan mit der Gattin des Herrn von Sérizy in dessen Wagen davongefahren waren, Direktor, Kanzlist und Aufseher im Portal, sie ließen Herrn Lebrun, den Gefängnisarzt, hinaus, den man gerufen hatte, um den Tod Luciens festzustellen und sich mit dem Totenarzt des Stadtkreises zu verständigen, in dem dieser unglückliche junge Mann gelebt hatte.

Den ›Totenarzt‹ nennt man in Paris den Arzt, der in jeder Bürgermeisterei angestellt ist, um die Todesfälle zu kontrollieren und die Todesursachen festzustellen.

Mit jenem raschen Blick, der ihn auszeichnete, hatte Herr von Granville erkannt, daß es im Interesse der Ehre aller kompromittierten Familien nötig war, den Totenschein Luciens in der Bürgermeisterei ausstellen zu lassen, zu der der Quai Malaquais, wo der Verstorbene wohnte, gehört; man sollte ihn aus seiner Wohnung in die Kirche Saint-Germain des Prés überführen, wo der Leichendienst stattfinden mußte. Herr von Chargeboeuf, der Sekretär des Herrn von Granville, hatte, als er entsandt wurde, seine Befehle in diesem Sinne erhalten. Die Überführung Luciens sollte während der Nacht vorgenommen werden. Der junge Sekretär war beauftragt, sich sofort mit der Bürgermeisterei, dem Pfarramt und dem Begräbnisunternehmer ins Einvernehmen zu setzen. So war Lucien für die Welt in seinem Hause als freier Mann gestorben; sein Leichenzug sollte von seinem Hause ausgehen und seine Freunde für die Zeremonie in seine Wohnung geladen werden.

In dem Augenblick also, in dem Camusot sich ruhigen Geistes mit seiner ehrgeizigen Hälfte zu Tisch setzte, standen der Direktor der Conciergerie und Herr Lebrun, der Gefängnisarzt, vor dem Portal und beklagten die Zerbrechlichkeit der Eisenstangen und die Kraft verliebter Frauen.

»Man ahnt nicht,« sagte der Doktor zu Herrn Gault, im Begriff, ihn zu verlassen, »welche Nervenkraft in dem von der Leidenschaft überreizten Menschen schlummert! Die Dynamik und die Mathematik haben keine Zeichen und Gleichungen, um diese Kraft zu berechnen. Sehen Sie, gestern war ich noch Zeuge eines Experiments, vor dem ich erzitterte und das mir die furchtbare physische Kraft, die diese kleine Dame eben entfaltet hat, erklärt.« »Das müssen Sie mir erzählen,« sagte Herr Gault, »ich habe nämlich die Schwäche, daß ich mich für den Magnetismus interessiere; ich glaube nicht daran, aber er macht mich unruhig.« »Ein Arzt, der zugleich Magnetiseur ist, denn es gibt auch unter uns Leute, die an den Magnetismus glauben,« fuhr der Doktor Lebrun fort, »schlug mir vor, eine Erscheinung, die er mir schilderte und an der ich zweifelte, an mir selbst zu probieren. Da ich begierig war, am eigenen Leibe eine jener merkwürdigen Nervenkrisen zu erleben, mit denen man die Existenz des Magnetismus beweist, so willigte ich ein. Die Sache ist die. Ich möchte wohl wissen, was unsere Akademie der Heilkunde sagen würde, wenn man nacheinander alle Mitglieder diesem Beweis unterwürfe, der dem Unglauben keinen Ausweg mehr läßt. Mein alter Freund . . . Dieser Arzt«, sagte der Doktor Lebrun, indem er eine Parenthese einschaltete, »ist ein Greis, der seit Mesmer wegen seiner Ansichten von der Fakultät verfolgt wird; er ist siebzig oder zweiundsiebzig Jahre alt und heißt Bouvard. Er ist heute der Patriarch der Lehre vom tierischen Magnetismus. Ich bin gewissermaßen ein Sohn des guten Mannes, ich verdanke ihm meine Stellung. Der alte und ehrwürdige Bouvard also schlug mir vor, mir zu beweisen, daß die vom Magnetiseur in Wirksamkeit gebrachte Kraft zwar nicht unbegrenzt sei, denn der Mensch ist den Gesetzen der Endlichkeit unterworfen, aber daß sie wie die Naturkräfte wirke, deren absolute Ursprünge uns verborgen sind. ›Wenn du also‹, sagte er, ›dein Handgelenk dem Griff einer Somnambule überlassen willst, die dich in wachem Zustand nicht über eine gewisse abschätzbare Kraft hinaus drücken könnte, so wirst du erkennen, daß ihre Finger in dem so dummerweise somnambul genannten Zustand die Kraft haben, wie eine Blechschere in der Hand eines Schlossers zu wirken.‹ Nun, Herr Direktor, als ich dem Griff der Frau mein Handgelenk hinhielt – sie war nicht eingeschläfert, denn diesen Ausdruck verwirft Bouvard, sondern ›isoliert‹ – und als der Greis ihr befohlen hatte, mir mit aller Kraft das Handgelenk zu drücken, da bat ich in dem Augenblick, als mir das Blut aus den Fingerspitzen spritzen wollte, um Einhalt, Da! Sehen Sie sich das Armband an, das ich länger als drei Monate tragen werde,« »Teufel!« sagte Herr Gault, indem er den blutunterlaufenen Ring ansah, der dem einer Brandstelle glich. »Mein lieber Gault, hätte man mir das Fleisch in einen Eisenring gelegt, den ein Schlosser mit Hilfe einer Schraube verengt hätte, ich hätte dieses metallene Armband nicht so schmerzhaft gefühlt wie die Finger dieser Frau; ihr Griff war wie aus unbiegsamem Stahl, und ich bin überzeugt, daß sie mir hätte die Knochen zerdrücken und die Hand vom Arm trennen können. Dieser Druck, der erst unmerklich begann, steigerte sich unablässig, indem immer ein neuer Druck den alten verstärkte; kurz, eine Presse hätte sich nicht besser benehmen können als diese Hand, die in ein Folterwerkzeug verwandelt war. Es scheint mir also bewiesen, daß der Mensch unter der Herrschaft der Leidenschaft, die den auf einen Punkt gesammelten und zu einer unberechenbaren Gewalt der lebendigen Kraft gesteigerten Willen bedeutet, wie es übrigens bei allen Arten der elektrischen Kraft ist, seine ganze vitale Kraft, sei es zum Angriff, sei es zum Widerstand, in das eine oder andere seiner Organe legen kann . . . Diese kleine Dame hatte unter dem Druck ihrer Verzweiflung ihre vitale Kraft in die Hände gejagt.«

»Es gehört verteufelt viel Kraft dazu, um eine schmiedeeiserne Stange zu zerbrechen . . .« sagte der Oberaufseher mit nickendem Kopfe. »Es war eine brüchige Stelle vorhanden,« bemerkte Herr Gault. »Ich«, fuhr der Arzt fort, »wage der Nervenkraft keine Grenzen mehr anzuweisen. Es ist übrigens bei den Müttern ebenso; um ihr Kind zu retten, magnetisieren sie Löwen, sie laufen auf Gesimsen, wo sich kaum Katzen halten könnten, in ein brennendes Haus, und ertragen die Qualen mancher Entbindungen. Da liegt auch das Geheimnis der Attentate, durch die manche Gefangene und Sträflinge ihre Freiheit zurückgewinnen wollen. Man kennt die Tragweite der vitalen Kräfte noch nicht, sie hängen mit den Naturkräften selbst zusammen, und wir schöpfen sie aus unbekannten Reservoiren.«

»Herr Direktor,« sagte ein Aufseher zu Herrn Gault, der den Doktor Lebrun bis zum äußern Gitter der Conciergerie begleitet hatte, ganz leise ins Ohr, »Nummer zwei der Einzelhaft meldet sich krank und verlangt nach dem Arzt, er behauptet, er liege im Sterben.« »Wirklich?« sagte der Direktor. »Er röchelt!« erwiderte der Aufseher. »Es ist fünf Uhr,« sagte der Doktor, »ich habe noch nicht gegessen . . . Aber schließlich, ich bin einmal da; wir wollen mal sehen, vorwärts . . .« »Nummer zwei der Einzelhaft ist eben jener spanische Priester, den man für Jakob Collin hält,« sagte Herr Gault zu dem Arzt, »und der eine der Untersuchungsgefangenen in dem Prozeß, in den dieser arme junge Mensch verwickelt war . . .« »Ich habe ihn heute morgen schon gesehen,« sagte der Doktor; »Herr Camusot ließ mich rufen, um den Gesundheitszustand dieses Burschen festzustellen; es geht ihm, unter uns, ausgezeichnet, und er würde reich werden, wenn er in Jahrmarktstruppen als Herkules posieren wollte.« »Er will vielleicht auch Selbstmord begehen,« sagte Herr Gault. »Lassen Sie uns zusammen in die Geheimzelle gehen, ich muß ihn ohnehin aufsuchen, wäre es auch nur, um ihn in die Pistole zu bringen. Herr Camusot hat den strengen Gewahrsam für diesen merkwürdigen Anonymus aufgehoben . . .«

Jakob Collin, in der Welt der Bagnos Betrüg-den-Tod genannt, der Mann, dem wir jetzt keinen andern Namen mehr geben dürfen als den, der ihm zukam, befand sich seit dem Augenblick, in dem er auf Camusots Befehl in seine Einzelzelle zurückgeführt worden war, in einer angstvollen Erregung, wie er sie während seines ganzen Lebens noch nicht kennen gelernt hatte, obwohl es durch so viel Verbrechen, durch drei Ausbrüche aus dem Bagno und zwei Verurteilungen vor dem Schwurgericht gekennzeichnet war. Ist dieser Mensch, in dem das Leben, die Kraft, der Geist und die Leidenschaften des Bagnos zusammengefaßt sind und der seinen höchsten Ausdruck bedeutet, nicht unheimlich schön vermöge seiner des Hundes würdigen Anhänglichkeit für den, den er zu seinem Freund erkoren hatte? Verdammungswürdig, ehrlos und grauenhaft durch so viele Eigenschaften? Aber diese absolute Hingebung an sein Idol macht ihn so wahrhaft interessant, daß diese bereits so umfangreiche Studie unvollständig und vorzeitig abgebrochen erscheinen müßte, wenn nicht die Entwicklung dieses Verbrecherlebens Lucien von Rubemprés Ende begleitete. Nachdem der kleine Wachtelhund starb, fragt man, ob sein furchtbarer Gefährte, ob der Löwe am Leben bleiben wird!

Im wirklichen Leben und in der Gesellschaft verketten sich die Tatsachen so verhängnisvoll mit andern Tatsachen, daß sie nicht ohne einander denkbar sind. Das Wasser des Flusses bildet eine Art flüssigen Bodens; es gibt keine Woge, so rebellisch sie auch sei und bis zu welcher Höhe sie sich auch erhebe, deren gewaltige Wassermenge nicht in der Masse der Gewässer verschwindet, die durch die Geschwindigkeit ihres Stromes kräftiger ist, als die Wirbel, die sie in der Tiefe bildet. Ebenso wie man das Wasser fließen sieht und wirre Bilder darin erblickt, so möchte man vielleicht auch den Druck ermessen können, den die soziale Macht auf diesen Wirbel namens Vautrin ausübte? Man möchte sehen, wo die rebellische Woge wieder im Strom versinkt und wie das Schicksal dieses wahrhaft teuflischen Menschen, dem doch durch die Liebe Menschlichkeit nicht fremd war, endet? Denn das Himmelsprinzip der Menschlichkeit geht selbst in den verdorbensten Herzen so leicht nicht unter.

Der gemeine Sträfling hatte, indem er so die Dichtung zur Wirklichkeit machte, von der so viele Dichter geträumt haben: Moore, Lord Byron, Mathurin, Canalis – ein Dämon, der einen Engel in seinem Dienst hatte, hatte ihn in seine Hölle gelockt, um ihn mit einem Tau zu erfrischen, der aus dem Paradies geraubt war –, wenn man dieses eherne Herz recht begriffen hat, seit sieben Jahren sich selber entsagt. Seine gewaltigen Kräfte, die sich in Lucien erschöpften, spielten nur noch für Lucien; er freute sich seiner Fortschritte, seiner Liebeshändel, seines Ehrgeizes. Für ihn war Lucien seine sichtbar gewordene Seele. Betrüg-den-Tod dinierte durch einen Stellvertreter bei den Grandlieus, er schlich in die Boudoirs der großen Damen, er liebte Esther, Kurz, er sah in Lucien einen schönen, jungen, vornehmen Jakob Collin, der nach der Stellung eines Gesandten griff.

Betrüg-den-Tod hatte den deutschen Aberglauben vom Doppelgänger verwirklicht, und zwar vermöge einer Art moralischer Vaterschaft, wie sie Frauen verstehen werden, die in ihrem Leben einmal wirklich geliebt haben; sie haben gefühlt, wie ihre Seele in die des Geliebten überströmte, sie haben sein Leben gelebt, sei es nun edel oder ehrlos gewesen, glücklich oder unglücklich, ruhmlos oder glorreich; trotz der Trennung haben sie Schmerzen in ihrem Bein gespürt, wenn er sich an dem seinen eine Wunde zuzog; sie haben gefühlt, daß er sich im Duell schlug, und um alles in einem Wort zu sagen, so brauchten sie nicht erst von einer Untreue zu hören, um ihrer gewiß zu sein.

Als Jakob Collin in seine Zelle zurückgeführt wurde, sagte er sich: ›Man verhört den Kleinen!‹ Und ihn schauderte; er, der tötete, wie ein Arbeiter trinkt. ›Hat er seine Geliebten sehen können?‹ fragte er sich. ›Hat meine Tante diese verdammten Weibchen finden können? Haben sich diese Herzoginnen, diese Gräfinnen aufjagen lassen, und haben sie das Verhör verhindert? . . . Hat Lucien meine Anweisungen erhalten? . . . Und wenn das Verhängnis will, daß er verhört wird, wie wird er sich halten? . . . Der arme Kleine, ich habe ihn dahin gebracht! Dieser Räuber Paccard und dieser Marder Europa sind schuld an dem ganzen Krakeel, weil sie die siebenhundertfünfzigtausend Franken gestohlen haben, die Nucingen Esther gegeben hatte. Diese beiden Schelme haben uns beim letzten Schritt zum Straucheln gebracht; aber sie sollen mir den Possen teuer bezahlen! Noch ein Tag, und Lucien war reich! Er hätte seine Klotilde von Grandlieu geheiratet. Ich hätte Esther nicht mehr auf dem Hals gehabt. Lucien liebte dieses Mädchen zu sehr, während er diese Rettungsplanke, diese Klotilde, niemals geliebt hätte . . . Ah, dann hätte der Kleine ganz mir gehört! Und wenn man bedenkt, daß unser Schicksal von einem Blick, von einem Erröten Luciens vor diesem Camusot abhängt, der alles sieht, dem es nicht an der Schlauheit der Richter fehlt! Denn als er mir die Briefe zeigte, haben wir einen Blick gewechselt, in dem wir uns gegenseitig sondierten, und er hat erraten, daß ich Luciens Geliebte kirre machen kann!‹

Dieser Monolog dauerte drei Stunden. Die Angst war so groß, daß sie diese Konstitution aus Eisen und Vitriol besiegte: Jakob Collin, dessen Gehirn vor Wahnsinn fast in Flammen stand, spürte so verzehrenden Durst, daß er, ohne es zu merken, alles Wasser aus dem einen der beiden Kübel austrank, die mit dem Bett das ganze Mobiliar einer Einzelhaftzelle bilden.

›Wenn er den Kopf verliert, was soll da aus ihm werden? Denn dieses teure Kind hat nicht Theodors Kraft! . . .‹ fragte er sich, indem er sich auf das Feldbett legte, das dem in einer Wachtstube ähnlich war.

Ein Wort über diesen Theodor, dessen Jakob Collin sich in dieser entscheidenden Stunde entsann. Theodor Calvi, ein junger Korse, der im Alter von achtzehn Jahren wegen elffachen Mordes zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt wurde, war von 1819 bis 1820 dank gewisser Gönnerschaften, die mit Gold erkauft worden waren, Jakob Collins Kettengenosse gewesen. Jakob Collins letzter Ausbruch, einer seiner besten Streiche – er war als Gendarm verkleidet fortgegangen und führte Theodor Calvi als Sträfling neben sich her, als würde er zum Kommissar geführt –, erfolgte im Hafen von Rochefort, wo die Sträflinge häufig sterben und wo man auch diese beiden gefährlichen Persönlichkeiten sterben zu sehen hoffte. Nach ihrem gemeinsamen Ausbruch hatten die Zufälle der Flucht sie gezwungen, sich zu trennen. Theodor wurde wieder ergriffen und ins Bagno zurückgeschickt. Nachdem Jakob Collin sich nach Spanien begeben und dort die Verwandlung in Carlos Herrera vollzogen hatte, wollte er seinen Korsen in Rochefort abholen, als er an den Ufern der Charente Lucien begegnete. Der Held der Banditen und korsischen Wildnisse wurde diesem neuen Idol natürlich geopfert.

Das Leben mit Lucien, einem von aller Verderbnis noch unberührten Burschen, der sich nichts vorzuwerfen hatte als kleine Vergehungen, stand zudem schön und herrlich vor ihm da wie die Sonne eines Sommertages. Im Bunde mit Theodor dagegen sah Jakob Collin keinen andern Ausgang vor sich, als nach einer unausbleiblichen Reihe von Verbrechen das Schafott.

Der Gedanke, daß die Schwäche Luciens, der in der Abgeschlossenheit der Einzelhaft den Kopf verlieren mußte, ein Unglück anrichten könnte, nahm in Jakob Collins Vorstellung ungeheure Dimensionen an; und als er die Möglichkeit einer Katastrophe sah, fühlte dieser Unglückliche, wie ihm die Augen von Tränen feucht wurden: eine Erscheinung, die sich bei ihm seit seiner Kindheit nicht ein einziges Mal eingestellt hatte. ›Ich muß ein Roßfieber haben,‹ sagte er bei sich selber; ›vielleicht würde mich der Arzt, wenn ich ihn kommen lasse und ihm eine große Summe anbiete, mit Lucien in Verbindung bringen.‹

In diesem Augenblick brachte der Aufseher dem Untersuchungsgefangenen die Mittagsmahlzeit. »Das ist überflüssig, mein Bursche, ich kann nicht essen. Sagen Sie dem Herrn Direktor dieses Gefängnisses, er möchte mir den Arzt schicken; ich befinde mich so schlecht, daß ich glaube, meine letzte Stunde ist gekommen.«

Als der Aufseher die röchelnden Gutturallaute hörte, mit denen der Sträfling seine Worte begleitete, neigte er den Kopf und ging hinaus. Jakob Collin klammerte sich wütend an diese eine Hoffnung; aber als er den Doktor von dem Direktor begleitet in seine Zelle eintreten sah, hielt er seinen Versuch schon für mißlungen, und er wartete kühl das Ergebnis des Besuches ab, indem er dem Arzt seinen Puls hinhielt.

»Der Herr hat Fieber,« sagte der Doktor zu Herrn Gault; »aber es ist das Fieber, das wir bei allen Untersuchungsgefangenen wiederfinden und das«, flüsterte er dem falschen Spanier ins Ohr, »für mich stets der Beweis irgendeines Verbrechens ist.«

In diesem Augenblick ließ der Direktor, dem der Oberstaatsanwalt Luciens Brief an Jakob Collin gegeben hatte, damit er ihn ihm übermittelte, den Doktor und den Gefangenen unter der Aufsicht des Wächters allein, um diesen Brief zu holen.

»Herr Doktor,« sagte Jakob Collin, als er nur den Aufseher an der Tür stehen sah, ohne sich die Abwesenheit des Direktors erklären zu können, »ich würde nicht auf dreißigtausend Franken sehen, wenn ich Lucien von Rubempré fünf Zeilen zukommen lassen könnte.« »Ich will Ihnen Ihr Geld nicht stehlen,« sagte der Doktor Lebrun; »mit ihm kann sich niemand in der Welt mehr in Verbindung setzen . . .« »Niemand?« sagte Jakob Collin verblüfft, »und weshalb nicht?« »Nun, er hat sich erhängt . . .«

Nie hat ein Tiger, der seine Jungen entführt fand, die indischen Dschungeln mit einem so grauenhaften Schrei durchdrungen, wie Jakob Collin ihn ausstieß, während er, wie der Tiger auf die Pfoten, auf seine Füße sprang; er warf einen brennenden Blick, der dem Blitz im Augenblick des Einschlagens glich, auf den Arzt, um dann auf seinem Feldbett zusammenzubrechen, indem er murmelte: »O mein Sohn! . . .«

»Der Arme!« rief der Arzt, den dieser furchtbare Aufruhr der Natur erschütterte. Und wirklich folgte diesem Ausbruch eine so vollständige Schwäche, daß die Worte ›O mein Sohn!‹ nur noch ein Murmeln waren. »Wird uns der auch noch unter den Fingern verenden?« fragte der Aufseher. »Nein, es ist nicht möglich!« fuhr Jakob Collin fort, die beiden Zeugen dieses Aufflammens mit einem Auge ohne Feuer und Wärme ansehend. »Sie täuschen sich, es ist nicht er! Sie haben nicht recht gesehen. Man kann sich im Geheimgewahrsam nicht erhängen! Sehen Sie doch, wie könnte ich mich hier erhängen? Ganz Paris ist mir für dieses Leben verantwortlich! Gott ist es mir schuldig!«

Der Aufseher und der Arzt waren ihrerseits verblüfft, sie, die seit langem nichts mehr überraschen konnte. Herr Gault trat mit Luciens Brief in der Hand herein. Beim Anblick des Direktors schien Jakob Collin sich zu beruhigen, da er von der Gewalt jener Explosion des Schmerzes erschöpft war.

»Hier ist ein Brief, den der Herr Oberstaatsanwalt mir Ihnen zu geben befohlen hat, indem er erlaubte, daß Sie ihn unerbrochen erhalten,« bemerkte Herr Gault. »Er ist von Lucien?« fragte Jakob Collin. »Ja.« »Nicht wahr, Herr Direktor, dieser junge Mann . . .« »Ist tot,« erwiderte der Direktor; »wenn der Herr Doktor auch anwesend gewesen wäre, so wäre er unglücklicherweise doch zu spät gekommen . . . Dieser junge Mann ist gestorben, da . . . in einer der Pistolen . . .« »Darf ich ihn mit eigenen Augen sehen?« fragte Jakob Collin schüchtern. »Würden Sie einem Vater erlauben, daß er hingeht und seinen Sohn beweint?« »Sie können, wenn Sie wollen, sein Zimmer erhalten, denn ich habe Befehl, Sie in eins der Zimmer der Pistole zu bringen. Der strenge Gewahrsam ist für Sie aufgehoben.«

Die Augen des Gefangenen, die jeder Wärme und jedes Lebens bar waren, gingen langsam vom Direktor zum Arzt. Jakob Collin fragte sie aus, denn er glaubte an eine Falle und zögerte, seine Zelle zu verlassen. »Wenn Sie die Leiche sehen wollen,« sagte der Arzt, »so haben Sie keine Zelt zu verlieren; man wird sie heute nacht fortbringen.« »Wenn Sie Kinder haben, meine Herren,« sagte Jakob Collin, »so werden Sie meine Erstarrung begreifen, ich kann kaum wieder sehen . . . Dieser Schlag ist für mich schlimmer, als der Tod, aber Sie können nicht verstehen, was ich sage . . . Sie sind, wenn Sie Väter sind, nur auf eine Weise Väter . . . Ich bin auch noch Mutter! Ich . . . ich bin wahnsinnig . . . ich fühle es.«

Wenn man durch die Gänge geht, deren starre Türen sich nur dem Direktor öffnen, so kann man in wenigen Minuten von den Geheimzellen bis zur Pistole gelangen. Diese beiden Reihen von Behausungen sind durch einen unterirdischen Korridor getrennt, den zwei dicke Mauern bilden, die das Gewölbe stützen, auf dem die sogenannte Händlergalerie des Justizpalastes ruht. Daher war Jakob Collin, den der Aufseher unterm Arm faßte, während der Direktor vor und der Arzt hinter ihm herschritt, in wenigen Minuten in der Zelle, wo Lucien auf dem Bett lag, auf dem man ihn aufgebahrt hatte. Bei diesem Anblick brach er über der Leiche zusammen und klammerte sich verzweifelt an ihr fest; vor der leidenschaftlichen Kraft dieser Umarmung erzitterten die drei Zuschauer dieser Szene. »Da«, sagte der Doktor zu dem Direktor, »haben Sie ein Beispiel für das, was ich Ihnen sagte. Sehen Sie! . . . Dieser Mensch zerknetet die Leiche, und Sie wissen nicht, was das heißt, ein Leichnam: der ist wie von Stein! . . .«

»Lassen Sie mich hier! . . .« sagte Jakob Collin mit erloschener Stimme, »ich kann ihn nicht mehr lange sehen, man wird ihn wegholen, um ihn . . .« Er hielt ein vor dem Wort ›begraben‹. »Sie werden mir erlauben, irgend etwas von meinem teuren Kinde zu behalten! . . . Haben Sie die Güte,« sagte er zum Doktor Lebrun, »mir ein paar Locken von seinem Haar abzuschneiden, denn ich kann es nicht . . .«

»Es ist wohl sein Sohn?« sagte der Arzt. »Meinen Sie?« fragte der Direktor mit einer vielsagenden Miene, die den Arzt in eine kurze Träumerei versenkte.

Der Direktor sagte zu dem Aufseher, er solle den Untersuchungsgefangenen in dieser Zelle lassen und, ehe man die Leiche hole, für den angeblichen Vater ein paar Locken vom Haupte des Sohnes abschneiden.

Um halb sechs kann man im Mai trotz der Eisenstangen des Gitters und der Maschen des Eisendrahtgeflechts, die die Fenster versperren, auch in der Conciergerie einen Brief noch leicht lesen. Jakob Collin entzifferte also den furchtbaren Brief, während er Luciens Hand in der seinen hielt.

Man kennt keinen Menschen, der zehn Minuten lang ein Stück Eis halten könnte, das er kräftig in die hohle Hand drückt. Die Kälte eilt mit tödlicher Geschwindigkeit bis in die Quellen des Lebens hinein. Aber die Wirkung dieser furchtbaren Kälte, die wie ein Gift arbeitet, ist kaum zu vergleichen mit der Wirkung, die die starre und eisige Hand eines Toten auf die Seele ausübt, wenn sie so gehalten, so gedrückt wird. Der Tod spricht dann zum Leben, er redet von schwarzen Geheimnissen, die viele Empfindungen töten; denn heißt nicht ›sich in der Empfindung wandeln‹: sterben?

Wenn wir den Brief Luciens mit Jakob Collin lesen, so wird dieses entscheidende Schriftstück als das erscheinen, was es für diesen Mann war: als Giftkelch.

An den Abbé Carlos Herrera

Mein lieber Abbé! Ich habe von Ihnen nur Wohltaten empfangen, und doch habe ich Sie verraten. Dieser unfreiwillige Undank tötet mich, und wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich nicht mehr am Leben sein. Sie werden mich nicht mehr retten können.

Sie hatten mir vollauf das Recht gegeben, wenn ich meinen Vorteil dabei fände, Sie zugrunde zu richten, indem ich Sie zu Boden würfe wie einen Zigarrenrest; aber ich habe es dumm angefangen. Um sich aus der Verlegenheit zu ziehen, hat sich der Sohn Ihres Geistes, verlockt durch eine geschickte Frage des Untersuchungsrichters, auf die Seite derer gestellt, die Sie um jeden Preis vernichten wollen, indem sie den Glauben an eine Identität zwischen Ihnen und einem französischen Verbrecher wecken, deren Unmöglichkeit ich kenne. Das erledigt alles.

Zwischen einem Mann von Ihrer Gewalt und mir, aus dem Sie einen Größeren machen wollten, als ich sein konnte, ist im Augenblick einer letzten Trennung kein Raum für einen Austausch von Nichtigkeiten. Sie wollten mich mächtig und glorreich machen, Sie haben mich in den Abgrund des Selbstmords gestürzt; weiter nichts. Seit langem schon hörte ich die Riesenschwingen des Todes über mir sausen.

Es gibt den Nachwuchs Kains und den Abels, wie Sie bisweilen sagten. Kain ist im großen Drama der Menschheit die Opposition. Sie stammen in jener Linie von Adam ab, in der der Teufel das Feuer, dessen erster Funke auf Eva gesprungen war, weiter angefacht hat. Unter den Dämonen dieses Geschlechts finden sich von Zeit zu Zeit furchtbare Wesen von ungeheurer Konstitution, die alle menschlichen Kräfte in sich zusammenfassen und jenen fieberischen Tieren der Wüste gleichen, deren Leben der unermeßlichen Räume bedarf, die sie dort finden. Solche Menschen sind in der Gesellschaft so gefährlich, wie es Löwen in der offenen Normandie wären: sie brauchen ihren Fraß; sie verschlingen gewöhnliche Menschen und fressen das Geld der Tröpfe auf; ihr Spiel ist so gefährlich, daß sie den demütigen Hund, den sie zu ihrem Gefährten, zu ihrem Idol machten, schließlich töten. Wenn Gott es will, so werden diese geheimnisvollen Wesen zu einem Moses, Attila, Karl dem Großen, Mohammed oder Napoleon; aber wenn er diese riesenhaften Werkzeuge auf dem Grunde des Ozeans einer Generation verrosten läßt, so bleibt nur ein Pugatscheff, Fouché, Louval oder Abbé Carlos Herrera von ihnen übrig. Sie sind mit einer ungeheuren Nacht über zarte Seelen begabt; sie locken sie an und zermalmen sie. Das ist in seiner Art groß, es ist schön. Es ist die Giftpflanze mit den reichen Farben, die die Kinder in den Wäldern berückt. Es ist die Poesie des Bösen. Menschen wie Sie müßten in Höhlen wohnen und sie nie verlassen. Du hast mich dieses Riesenleben leben lassen, und ich habe meinen Anteil am Dasein gehabt. So kann ich denn den Kopf aus dem gordischen Knoten Deiner Politik zurückziehen, um ihn in die Schlinge meiner Krawatte zu stecken.

Um meinen Fehler wieder gutzumachen, übergebe ich dem Oberstaatsanwalt einen Widerruf meiner Aussagen. Sie werden sehen, wie Sie aus diesem Aktenstück Nutzen ziehen können.

Auf Grund eines formgemäßen Testaments, Herr Abbé, wird man Ihnen die Ihrem Orden gehörigen Summen zurückgeben, über die Sie infolge der väterlichen Zärtlichkeit, die Sie mir entgegenbrachten, sehr unklugerweise zu meinen Gunsten verfügt haben.

Leben Sie also wohl, leben Sie wohl, grandioses Standbild des Bösen und der Verderbnis; leben Sie wohl, der Sie auf dem guten Wege mehr geworden wären als Ximenez, mehr als Richelieu! Sie haben Ihr Versprechen gehalten: ich bin wieder das, was ich am Ufer der Charente war; doch verdanke ich Ihnen inzwischen den Zauber eines Traumes; aber unglücklicherweise ist es nicht mehr der Fluß meiner Heimat, in dem ich die kleinen Sünden meiner Jugend ertränken wollte: es ist die Seine, und mein Loch ist eine Zelle der Conciergerie.

Sehnen Sie sich nicht nach mir zurück: meine Verachtung für Sie war meiner Bewunderung gleich.

Lucien.

Als man kurz vor ein Uhr morgens kam, um die Leiche abzuholen, fand man Jakob Collin vor dem Bett knieend vor; der Brief lag am Boden; ohne Zweifel hatte er ihn fällen lassen, wie der Selbstmörder die Pistole fallen läßt, die ihn getötet hat; aber Luciens Hand hielt der Unglückliche immer noch zwischen seinen gefalteten Händen, und er betete zu Gott.

Als die Träger diesen Menschen sahen, blieben sie einen Augenblick stehen, denn er glich einer jener Steinfiguren, die für die Ewigkeit auf den Gräbern des Mittelalters knien, erfunden vom Genie der Steinmetzen. Dieser falsche Priester mit den hellen Tigeraugen flößte diesen Leuten in seiner übernatürlichen, starren Reglosigkeit eine solche Achtung ein, daß sie ihm sanft sagten, er möge sich erheben.

»Weshalb? . . .« fragte er schüchtern. Der verwegene Betrüg-den-Tod war schwach geworden wie ein Kind.

Der Direktor zeigte dieses Schauspiel Herrn von Chargeboeuf, der, von Ehrfurcht vor einem solchen Schmerz erfaßt, zumal er an die Vaterschaft glaubte, die Jakob Collin sich zulegte, die Befehle des Herrn von Granville über den Totendienst und die Überführung Luciens auseinandersetzte; man müsse ihn unbedingt in seine Wohnung am Quai Malaquais bringen, wo die Geistlichkeit ihn erwartete, um während des Restes der Nacht bei ihm zu wachen.

»Daran erkenne ich die große Seele dieses Richters,« rief der Sträfling mit schwacher Stimme aus. »Sagen Sie ihm, er könne auf meine Dankbarkeit zählen . . . Ja, ich bin imstande, ihm große Dienste zu leisten . . . Vergessen Sie diesen Satz nicht, er ist für ihn von höchster Bedeutung. Ach, es gehen seltsame Wandlungen vor im Herzen eines Menschen, wenn er sieben Stunden lang um einen solchen Sohn geweint hat . . . Ich soll ihn also nicht mehr sehen . . .«

Und nachdem Jakob Collin Lucien mit dem Blick einer Mutter betrachtet hatte, der man die Leiche ihres Sohnes wegnimmt, brach er in sich selber zusammen. Während er zusah, wie man Luciens Leiche forttrug, entschlüpfte ihm ein Stöhnen, das die Träger zur Eile antrieb.

Der Sekretär des Oberstaatsanwalts und der Direktor des Gefängnisses hatten sich diesem Schauspiel bereits entzogen.

Was war aus dieser ehernen Natur geworden, bei der die Entscheidung an Geschwindigkeit dem Blick gleichkam, bei der Denken und Handeln wie ein einziger Blitz aufsprang, deren Nerven, abgehärtet durch drei Ausbrüche, durch drei Aufenthalte im Bagno, die metallische Härte der Nerven eines Wilden erreicht hatten? Das Eisen gibt nach unter einem bestimmten Grad von Schlägen oder unter wiederholtem Druck; seine undurchdringlichen Moleküle, die der Mensch gereinigt und gleichartig gemacht hat, lockern sich; und ohne daß das Metall schmilzt, hat es doch nicht mehr die gleiche Widerstandskraft. Die Hufschmiede, die Schlosser, die Metallschneider, alle Arbeiter, die beständig dieses Metall bearbeiten, drücken seinen Zustand dann durch ein Wort ihrer Fachsprache aus: ›Das Eisen ist müde!‹ sagen sie. Nun, in einem ähnlichen Zustand wie das Eisen befindet sich auch die menschliche Seele oder, wenn man will, die dreifache Energie des Körpers, des Herzens und des Geistes, wenn sie wiederholt gewissen Stößen ausgesetzt war. Dann geht es mit den Menschen wie mit dem Eisen: ›sie sind müde‹. Die Wissenschaft, die Rechtsprechung und das Publikum suchen tausend Ursachen für die furchtbaren Katastrophen, die bei den Eisenbahnen der Bruch einer Eisenschiene im Gefolge hat; das furchtbarste Beispiel war die Katastrophe von Bellevue; aber niemand hat die wirklichen Kenner in diesen Dingen gefragt, die Schmiede, die alle dasselbe sagten: ›Das Eisen war müde.‹ Diese Gefahr läßt sich nicht voraussehen. Das weich gewordene und das widerstandskräftig gebliebene Metall zeigen denselben Anblick.

In diesem Zustand finden die Beichtväter und Untersuchungsrichter oft die großen Verbrecher. Die furchtbaren Aufregungen der Schwurgerichtsverhandlungen und der Toilette rufen fast immer, selbst bei den stärksten Naturen, diese Ausrenkung des Nervenapparats hervor. Dann entschlüpfen den gewaltsam zugepreßten Mündern die Geständnisse; die härtesten Herzen brechen dann; und seltsam, es geschieht in dem Augenblick, in dem das Geständnis nichts mehr nützt; und diese letzte Schwäche entreißt dem Menschen die Maske der Unschuld, unter der er den Gerichtshof beängstigte, weil dieser niemals Ruhe findet, wenn der Verurteilte stirbt, ohne sein Verbrechen einzugestehen.

Napoleon hat diese Auflösung aller menschlichen Kräfte auf dem Schlachtfeld von Waterloo kennen gelernt.

Als um acht Uhr morgens der Aufseher der Pistolen in das Zimmer trat, in dem Jakob Collin sich befand, sah er ihn bleich und ruhig, wie es ein Mensch ist, der durch einen gewaltsamen Entschluß seine Kraft wiedergefunden hat. »Dies ist die Stunde des Spaziergangs auf dem Hof,« sagte der Schließer; »Sie sind seit drei Tagen eingeschlossen gewesen; wenn Sie Luft schöpfen und sich Bewegung machen wollen, so können Sie das tun.«

Jakob Collin war ganz in seine verzehrenden Gedanken versunken; er nahm kein Interesse mehr an sich selber; er sah sich als eine Kleidung ohne Leib an, als einen Fetzen Zeug; so argwöhnte er nichts von der Falle, die Bibi-Lupin ihm stellte, noch von der Bedeutung seines Auftretens auf dem Gefängnishof. Der Unglückliche trat mechanisch hinaus und bog in den Korridor ein, der an den in die Gesimse der prachtvollen Arkaden des Palastes der französischen Könige eingelassenen Zellen hinführt. Auf diesen Arkaden ruht die sogenannte Galerie des heiligen Ludwig, durch die man heute zu den verschiedenen Räumen des Kassationshofes geht. Dieser Korridor schneidet den der Pistolen; und es ist der Anmerkung wert, daß das Zimmer, in dem Louvel, einer der berühmtesten Königsmörder, gefangengehalten wurde, genau in dem rechten Winkel liegt, den die Kreuzung der beiden Korridore bildet. Unter dem hübschen Arbeitszimmer, das die Tour Bonbec einnimmt, befindet sich eine Wendeltreppe, zu der dieser düstere Korridor führt und über die die Gefangenen aus den Pistolen und den andern Zellen zum Gefängnishof und von ihm wieder nach oben gehen.

Alle Gefangenen, die vor das Schwurgericht kommen sollen oder vor ihm erschienen sind, die Untersuchungsgefangenen, die sich nicht mehr in strengem Gewahrsam befinden, und alle Gefangenen der Conciergerie gehen ein paar Stunden während des Tages, vor allem im Sommer, morgens früh auf diesem schmalen, vollständig gepflasterten Hof spazieren. Der Gefängnishof, das Vorzimmer des Schafotts oder des Bagnos, hängt, wenn er mit dem einen Ende auf diese Einrichtungen mündet, auf dem andern durch den Gendarmen, den Untersuchungsrichter und das Schwurgericht mit der Gesellschaft zusammen. So ist er denn auch eisiger anzusehen als das Schafott. Das Schafott kann zum Piedestal werden, von dem aus man in den Himmel steigt; aber der Gefängnishof ist die Vereinigung aller Infamien der Erde, und er ist ohne Ausgang.

Sei es nun der Gefängnishof der Force oder der von Poissy, seien es die von Melun oder Sainte-Pélagie: ein Gefängnishof bleibt ein Gefängnishof. Dieselben Dinge wiederholen sich bis ins kleinste hinein: bis auf die Farbe der Mauern, bis zu ihrer Höhe und dem Raum. Daher würden denn auch die Sittenstudien ihren Titel Lügen strafen, wenn hier nicht die genaueste Schilderung dieses Pariser Pandämoniums folgte.

Unter den gewaltigen Gewölben, die den Sitzungssaal des Kassationshofes tragen, steht an der vierten Arkade ein Stein, der, wie man sagt, dem heiligen Ludwig dazu diente, seine Almosen zu verteilen, und der heutigentags als ein Tisch dient, an dem man den Gefangenen ein paar genießbare Dinge verkauft. Sowie sich also den Gefangenen der Gefängnishof auftut, gruppieren sie sich alle um diesen Stein mit den Gefangenenleckereien: mit Branntwein, Rum und dergleichen.

Die beiden ersten Arkaden dieser Seite des Gefängnishofes, die der prachtvollen byzantinischen Galerie gegenüberliegt – dem einzigen Überrest von der Eleganz des Palastes Ludwigs des Heiligen –, werden ausgefüllt von einem Sprechzimmer, in dem sich Advokaten und Angeklagte besprechen; die Gefangenen gelangen hinein durch ein furchtbares Portal, das aus einem durch ungeheure Schranken gebildeten Doppelweg besteht und in den Raum der dritten Arkade eingebaut ist. Dieser Doppelweg gleicht jenen Gäßchen, die man augenblicklich an den Toren der Theater anlegt, wo sich zur Zeit der großen Erfolge zwischen den Eisenschranken die Besucher anstellen. Dieses Sprechzimmer, das am Ende des ungeheuren Eingangssaales der Conciergerie liegt, wird auf der Seite des Hofes durch große Blendscheiben beleuchtet; und es ist auch auf der Seite des Portals durch verglaste Blendfenster geöffnet worden, so daß man die Advokaten, die dort mit ihren Klienten reden, überwachen kann. Diese Neuerung ist notwendig geworden, weil hübsche Frauen auf ihre Verteidiger zu starke Verführungskünste ausübten. Man weiß nicht mehr, wo die Moral haltmachen wird! . . . Diese Vorsichtsmaßregeln gleichen fertig gelieferten Gewissensprüfungen, in denen die reine Phantasie verderben muß, weil sie von unbekannten Ungeheuerlichkeiten träumt. In diesem Sprechzimmer finden auch die Unterredungen der Eltern und der Freunde statt, denen die Polizei erlaubt, die Angeklagten oder Verurteilten zu sehen.

Man wird jetzt begreifen, was der Gefängnishof für die zweihundert Gefangenen der Conciergerie bedeutet: er ist ihr Garten, ein Garten ohne Bäume, ohne Erde, ohne Blumen, kurz ein Gefängnishof! Anhängsel wie das Sprechzimmer und der Stein Ludwigs des Heiligen, auf dem man die Eßwaren und die erlaubten Getränke ausstellt, bilden die einzige Verbindung mit der Außenwelt, die möglich ist.

Die Augenblicke auf dem Gefängnishof sind die einzigen, während derer der Gefangene an die Luft und in Gesellschaft kommt; in den andern Gefängnissen freilich versammeln sich die Strafgefangenen wenigstens in den Arbeitssälen; aber in der Conciergerie kann man sich keinen Beschäftigungen widmen, es sei denn, man befinde sich in der Pistole. Übrigens beschäftigt dort das Drama des Schwurgerichts alle Geister, denn man kommt nur dorthin, um sich der Voruntersuchung oder der Aburteilung zu unterwerfen. Dieser Hof bietet ein grauenhaftes Schauspiel; man kann es sich nicht vorstellen, man muß es sehen oder gesehen haben.

Zunächst bildet die Versammlung von etwa hundert Angeklagten oder Untersuchungsgefangenen, die auf einen Raum von vierzig Meter Länge und dreißig Meter Breite zusammengepfercht sind, nicht gerade die Elite der Gesellschaft. Diese Elenden, die zum größten Teil den untersten Klassen angehören, sind schlecht gekleidet; ihr Gesichtsausdruck ist gemein oder furchtbar; denn ein Verbrecher, der aus den oberen sozialen Sphären kommt, ist eine zum Glück ziemlich seltene Ausnahme. Unterschlagung, Fälschung und betrügerischer Bankrott, die einzigen Verbrechen, die »anständige« Leute hierher bringen können, genießen zudem das Vorrecht der Pistole, und der Angeklagte verläßt dann niemals seine Zelle.

Diese Promenade, die eingerahmt ist von festen schwärzlichen und furchtbaren Mauern, von einer in Zellen geteilten Säulenreihe, von einer Befestigung auf der Kaiseite und von den vergitterten Fenstern der Pistole im Norden; die überwacht wird von aufmerksamen Aufsehern und benutzt wird von einer Herde gemeiner Verbrecher, die sich gegenseitig mißtrauen, macht schon durch die räumlichen Anordnungen traurig; aber sie beängstigt alsbald, wenn man sich dort als Mittelpunkt all dieser Blicke voll Haß, Neugier und Verzweiflung gegenübersieht, die die Gesichter dieser entehrten Wesen zum Ausdruck bringen. Keine Freude! Alles ist düster, Ort wie Menschen. Alles ist stumm, die Mauern wie die Gedanken. Alles ist gefährlich für die Unglücklichen; sie wagen einander nicht zu vertrauen, wenn nicht eine jener Freundschaften vorhanden ist, die düster sind wie das Bagno, ihre Zeugungsstätte. Die Polizei, die über ihnen schwebt, vergiftet die Atmosphäre für sie und verdirbt ihnen alles, selbst den Händedruck zweier schuldiger Freunde. Ein Verbrecher, der dort seinem besten Kameraden begegnet; weiß nicht, ob der nicht bereut hat, ob er nicht im Interesse seines Lebens ein Geständnis abgelegt hat. Dieser Mangel an Sicherheit, diese Furcht vor dem ›Hammel‹ zerstört die schon so lügnerische Freiheit des Gefängnishofes. Im Gefängnisjargon ist der ›Hammel‹ ein Spitzel, der unter der Last einer schlimmen Geschichte gebeugt erscheint und dessen sprichwörtliche Gewandtheit darin besteht; daß er sich für einen ›Freund‹ ausgibt. Das Wort Freund bedeutet im Jargon einen ausgedienten Dieb, einen vollendeten Dieb, der seit langem mit der Gesellschaft gebrochen hat, der sein Leben lang Dieb bleiben will und den Gesetzen der großen Gauner trotz allem treu ist.

Verbrechen und Wahnsinn haben einige Ähnlichkeit. Ob man die Gefangenen der Conciergerie auf dem Gefängnishof sieht oder die Irren im Garten eines Irrenhauses, das ist dasselbe. Die einen wie die andern meiden sich auf ihrem Spaziergang; sie werfen sich, je nach ihren augenblicklichen Gedanken, mindestens merkwürdige, oft wilde Blicke zu, niemals heitere oder ernste, denn sie kennen sich oder sie fürchten sich. Die Erwartung einer Verurteilung, die Gewissensbisse, die Ängste geben den Spaziergängern des Gefängnishofes das unruhige und verstörte Aussehen der Irren. Nur die gewerbsmäßigen Verbrecher haben eine Sicherheit, die der Ruhe eines ehrlichen Lebenswandels, der Aufrichtigkeit eines reinen Gewissens gleicht.

Da dort der Mensch der Mittelklassen die Ausnahme ist und da die Scham alle jene, die das Verbrechen dorthin schickt, in ihren Zellen festhält, so sind die Stammgäste des Gefängnishofes im allgemeinen gekleidet wie die Leute der Arbeiterklasse. Die Bluse, der Kittel und die Samtjacke herrschen vor. Diese groben oder schmutzigen Kostüme, die zu den gemeinen oder unheimlichen Gesichtszügen und den brutalen, nur von den traurigen Gedanken der Gefangenen leicht gedämpften Manieren stimmen, kurz alles, selbst die Stille des ganzen Raumes, trägt dazu bei, den seltenen Besucher, dem hohe Empfehlung das sparsam verliehene Vorrecht verschaffte, die Conciergerie studieren zu dürfen, mit Grauen und Abscheu zu erfüllen.

Ebenso wie der Anblick eines anatomischen Kabinetts, in dem ekelhafte Krankheiten in Wachs nachgebildet sind, den jungen Mann, den man hinführt, keusch macht und mit heiliger und edler Liebe erfüllt, so stoßen der Anblick der Conciergerie und das Schauspiel des Gefängnishofes voll jener Gäste, die sich dem Bagno, dem Schafott oder irgendeiner entehrenden Strafe verschrieben haben, all denen, die vielleicht das göttliche Gericht nicht fürchten, obgleich ihre Stimme im Gewissen so deutlich spricht, die Furcht vor der menschlichen Gerechtigkeit ein; und sie verlassen den Bau als Menschen, die auf lange Zeit hinaus ehrlich sind.

Da die Spaziergänger, die sich im Gefängnishof befanden, als Jakob Collin hinunterkam, die Schauspieler einer im Leben Betrüg-den-Tods entscheidenden Szene sein sollten, so ist es nicht ohne Interesse, ein paar der wichtigsten Gestalten dieser furchtbaren Versammlung zu schildern.

Dort herrschen, wie überall, wo sich Menschen versammeln, zum Beispiel wie in der Schule, körperliche und moralische Kraft. Dort besteht wie im Bagno die Aristokratie im Kapitalverbrechen. Der, dessen Kopf auf dem Spiel steht, schlägt alle anderen. Der Gefängnishof ist, wie man sich denken kann, eine hohe Schule des Strafrechts; die Vorlesungen sind dort unendlich viel besser als an der Place du Panthéon. Ein immer wiederkehrender Scherz besteht darin, daß man das Drama der Schwurgerichtsverhandlung wiederholt; man ernennt einen Vorsitzenden, eine Jury, einen öffentlichen Ankläger, einen Advokaten, und man entscheidet den Prozeß. Diese grauenhafte Posse wird fast immer dann gespielt, wenn es sich um ein berühmtes Verbrechen handelt. Um diese Zeit war der große Strafprozeß, der auf der Tagesordnung des Schwurgerichts stand, der scheußliche Mord, der an Herrn und Frau Crottat, ehemaligen Gutspächtern, den Eltern des Advokaten, begangen worden war; wie sich aus diesem unglücklichen Vorfall ergab, hatten sie achthunderttausend Franken in Gold im Hause gehabt. Der eine der Urheber dieses doppelten Raubmords war der berühmte Dannepont, genannt La Pouraille, ein entlassener Sträfling, der mit Hilfe von sieben oder acht verschiedenen Namen seit fünf Jahren den eifrigsten Nachforschungen der Polizei entgangen war. Die Verkleidung dieses Verbrechers war stets so vollkommen, daß dem Namen Delsouqs, eines seiner Schüler, eines berühmten Diebes, der in seinen Unternehmungen niemals den Zuständigkeitsbereich des Zuchtpolizeigerichts überschritt, zwei Jahre Gefängnis hatte absitzen können. La Pouraille war seit seiner Entlassung aus dem Bagno schon bei seinem dritten Morde angelangt. Die Gewißheit seiner Verurteilung zum Tode machte diesen Angeklagten ebensosehr wie sein vermutlicher Reichtum zum Gegenstand des Grauens und der Bewunderung der Gefangenen. Von den gestohlenen Geldern hatte man keinen Heller wiedergefunden. Man kann sich trotz der Ereignisse des Juli 1830 noch heute des Entsetzens erinnern, das dieser verwegene Streich in Paris hervorrief; in seiner Bedeutung war er dem Diebstahl der Medaillen aus der Bibliothek zu vergleichen; denn der unselige Hang unserer Zeit, alles in Ziffern umzusetzen, macht einen Mord um so auffälliger, je beträchtlicher die Summe ist, um die es sich handelt.

La Pouraille, ein dürrer und magerer Mensch mit einem Mardergesicht, war jetzt fünfundvierzig Jahre alt; er war eine der Berühmtheiten der drei Bagnos gewesen, die er seit seinem neunzehnten Jahre nacheinander bewohnt hatte, und er kannte Jakob Collin genau; man wird sehen wieso und weshalb. Zwei weitere Sträflinge, die man vor vierundzwanzig Stunden mit La Pouraille aus der Force in die Conciergerie überführt hatte, hatten diesen unheimlichen König, den ›Freund‹, der dem Schafott versprochen war, auf der Stelle erkannt und den ganzen Hof auf ihn aufmerksam gemacht. Einer dieser Sträflinge, ein Entlassener namens Sélérier, genannt, ›der Auvergnat‹, ›Vater Ralleau‹ und ›der Hausierers‹, führte unter der oberen Gesellschaft der großen Gauner des Bagnos den Beinamen ›Seidenfaden‹, den er der Gewandtheit verdankte, mit der er den Gefahren des Berufs entging; er war einer der ehemaligen Spießgesellen Jakob Collins. Betrüg-den-Tod hatte Seidenfaden so sehr in Verdacht, eine doppelte Rolle zu spielen, nämlich zugleich das Vertrauen der großen Gauner zu genießen und im Sold der Polizei zu stehen, daß er ihm (siehe ›Vater Goriot‹) seine Verhaftung im Jahre 1819 im Hause Vauquer zugeschrieben hatte. Sélérier, den wir Seidenfaden nennen müssen, ebenso wie Dannepont La Pouraille heißen wird, der schon dadurch schuldig war, daß er sich der Polizeiaufsicht entzogen hatte, war jetzt in eine Reihe schwerer Diebstähle verwickelt, bei denen zwar kein Tropfen Bluts vergossen worden war, die ihn aber doch auf wenigstens zwanzig Jahre wieder ins Bagno schicken mußten. Der dritte Sträfling, der Riganson hieß, bildete mit seiner Konkubine, genannt La Biffe, eine der beängstigendsten Familien in der Aristokratie des Verbrechens. Riganson, der schon seit seinen zartesten Jahren mit der Rechtsprechung auf gespanntem Fuße lebte, trug den Beinamen Le Biffon. Le Biffon war das Männchen der Biffe, denn für die Aristokratie des Verbrechens gibt es nichts, was heilig wäre. Diese Wilden achten weder das Gesetz noch die Religion, nichts, nicht einmal das Leben der Natur, deren geweihte Nomenklatur, wie man sieht, von ihnen parodiert wird.

Hier ist eine Abschweifung nötig; denn Jakob Collins Auftreten auf dem Gefängnishof, sein Erscheinen mitten unter seinen Feinden, das Bibi-Lupin und der Untersuchungsrichter so gut vorbereitet hatten, die wunderlichen Szenen, die sich daraus ergeben sollten, all das wäre hier unerzählbar und unverständlich ohne ein paar Aufklärungen über die Welt der Diebe und des Bagnos, über ihre Gesetze, ihre Sitten und vor allem ihre Sprache, deren grauenhafte Poesie in diesem Teil der Erzählung unentbehrlich ist. Vor allem also ein Wort über die Sprache der Betrüger, der Gauner, der Diebe und der Mörder, die man das ›Rotwelsch‹ nennt und die die Literatur in letzter Zeit mit solchem Erfolg angewandt hat, daß mehr als ein Wort dieses seltsamen Wortschatzes über die rosigen Lippen junger Frauen gekommen, unter vergoldeter Decke erklungen ist und Fürsten amüsiert hat, von denen mehr als einer sich ›beschuppt‹ nennen kann. Sagen wir es, und vielleicht wird es viele erstaunen: es gibt keine kraftvollere, farbigere Sprache als die dieser unterirdischen Welt, die sich seit dem Entstehen der großen Reiche mit Hauptstädten in den Kellern, den Pfuhlen, in der dritten Versenkung der Gesellschaften regt, um dem Theater einen lebhaften und packenden Ausdruck zu entlehnen. Ist nicht die ganze Welt ein Theater? Die dritte Versenkung ist der unterste Keller unter dem Boden der Oper; sie birgt die Maschinen, die Maschinisten, die Podeste, die Erscheinungen, die blauen Teufel, die die Hölle ausspeit, usw.

Jedes Wort dieser Sprache ist ein brutales, geistreiches oder furchtbares Bild. Im Argot schläft man nicht, man ›kullert‹. Man beachte, mit welcher Kraft dieses Verbum den Schlummer malt, der dem verfolgten, ermüdeten, mißtrauischen Tier eigen ist, das man Dieb nennt, und das, sowie es in Sicherheit ist, unter den gewaltigen Flügeln des Verdachts, der immer über ihm schwebt, in die Abgründe eines tiefen und notwendigen Schlafes versinkt, hinabrollt; eines furchtbaren Schlummers, gleich dem des wilden Tieres, das schläft und schnarcht und dessen Ohren doch doppelt vorsichtig wachen.

Alles ist wild in dieser Sprache; und welche Poesie! ›Das Loch ausspülen‹ heißt: ein Zimmer ausräumen. ›Domino spielen‹ bedeutet essen; wie essen Verfolgte?Hier hat ein nicht unbedeutende Partie des Originals ausfallen müssen, da es nicht möglich ist, die Dinge, die Balzac am Argot rühmt, deutsch wiederzugeben; man müßte die Redensarten unübersetzt anführen, was wiederum unnötig ist, weil die folgenden Gespräche ebenfalls in zivilisierterer Sprache gegeben werden mußten.

Das Rotwelsch ist in beständiger Bewegung. Es folgt der Zivilisation auf den Fersen; es bereichert sich bei jeder Erfindung um neue Ausdrücke. Die Kartoffel, die Ludwig XVI. und Parmentier einführten, wird vom Rotwelsch sogleich mit dem Namen der ›Sauorange‹ begrüßt. Auch das hohe Alter des Rotwelsch muß man anerkennen. Es entnimmt ein Zehntel seiner Worte der römischen Sprache, ein anderes der alten gallischen des Rabelais.

Die Prostitution und der Diebstahl sind zwei lebendige Proteste, ein weiblicher und ein männlicher, des Naturzustandes gegen den Zustand der Gesellschaft. Daher kommen denn auch die gegenwärtigen Philosophen, die Neuerer, die Humanitätsprediger, die die Kommunisten und Fourieristen im Gefolge haben, ohne daß sie es merken, schließlich zu denselben zwei Resultaten: der Prostitution und dem Diebstahl. Der Dieb zieht nicht in sophistischen Büchern Eigentum, Erbrecht und soziale Bürgschaft in Frage; er unterschlägt sie einfach. Für ihn heißt ›stehlen‹: wieder zum Seinen kommen. Er kämpft nicht gegen die Ehe, er klagt sie nicht an, er verlangt nicht wie in gedruckten Träumerein jene gegenseitige Einwilligung, jenes enge Seelenbündnis, das zu verallgemeinern unmöglich ist; er paart sich mit einer Gewaltsamkeit, deren Kettengelenke unablässig vom Hammer der Notwendigkeit enger geschmiedet werden. Die modernen Neuerer schreiben teigige, faserige und nebelhafte Theorien oder philanthropische Romane; der Dieb aber handelt! Er ist klar wie eine Tatsache, er ist logisch wie ein Faustschlag. Und was für ein Stil!

Noch eine Anmerkung. Die Welt der Dirnen, der Diebe und Mörder, die Bagnos und die Gefängnisse umschließen eine Bevölkerung von ungefähr sechzig- bis achtzigtausend Individuen, Männern und Frauen. Diese Welt könnte man in einem Gemälde unserer Sitten nimmermehr mißachten, sie würde in der genauen Wiedergabe unserer sozialen Zustände fehlen. Die Gerichtsbarkeit, die Gendarmerie und die Polizei umfassen eine fast gleiche Anzahl von Beamten; ist das nicht seltsam? Diese Gegnerschaft der Leute, die sich gegenseitig suchen und meiden, hat einen ungeheuren, hervorragend dramatischen Zweikampf zur Folge, den wir in dieser Studie skizziert haben. Es geht mit dem Diebstahl und mit dem Gewerbe der öffentlichen Dirne wie mit dem Theater, der Polizei, der Priesterschaft und der Gendarmerie. In diesen sechs Ständen nimmt das Individuum einen unauslöschlichen Charakter an. Es kann nichts anderes mehr werden, als was es ist. Die Stigmata der Geistlichkeit sind unwandelbar, genau wie die des Militärs. Es ist in allen Ständen so, die starke Gegensätze, die Kontraste bilden in der Zivilisation. Diese ausgeprägten, wunderlichen, merkwürdigen Kennzeichen, sui generis, machen die öffentliche Dirne und den Dieb, den Mörder und den Freigelassenen so leicht kenntlich, daß sie für ihre Feinde, den Spion und den Gendarmen, das sind, was für den Jäger das Wild ist: sie haben ein bestimmtes Wesen, Manieren, einen Teint, Blicke, eine Farbe, einen Geruch, kurz unfehlbare Merkmale. Daher jene tiefe Wissenschaft der Verkleidung bei den Berühmtheiten des Bagnos.

Nun noch ein Wort über die Verfassung dieser Welt, die die Abschaffung des Brandmals, die Milderung der Strafen und die bornierte Nachsicht der Jury so bedrohlich machen. In zwanzig Jahren wird deshalb Paris von einem Heer von vierzigtausend Freigelassenen eingeschlossen sein; denn das Departement der Seine ist mit seinen fünfzehnhunderttausend Einwohnern der einzige Punkt Frankreichs, wo diese Unglücklichen sich verbergen können. Paris ist für sie, was der Urwald für die wilden Tiere ist.

Die Aristokratie des Verbrechens, die für diese Gesellschaft ihr Faubourg Saint-Germain ist, hatte sich 1816 im Gefolge eines Friedens, der so viele Existenzen in Frage stellte, zu einer Verbindung zusammengeschlossen, die sich die ›Großen Spitzen‹ nannte; in ihr vereinigten sich die berühmtesten Bandenführer und einige verwegene Leute, die damals ohne alle Subsistenzmittel waren. Dies Wort ›Spitzen‹ besagt zu gleicher Zeit Brüder, Freunde, Kameraden. Alle Diebe, Verbrecher, Gefangene sind ›Spitzen‹. Die Großen Spitzen, die Blüte der Aristokratie des Verbrechens, bildeten zwanzig und einige Jahre lang den Kassationshof, das Institut und die Pairskammer dieses Volkes. Die Großen Spitzen hatten jede ihr eigenes Vermögen, gemeinsame Kapitalien und eigene Sitten. Sie waren sich gegenseitig in Verlegenheiten Beistand schuldig und kannten sich. Sie waren alle über die Listen und die Verführungskünste der Polizei erhaben, sie hatten ihre besondere Verfassung und ihre Losungsworte.

Diese Herzöge und Pairs des Bagnos hatten von 1815 bis 1819 außerdem die berühmte Gesellschaft der ›Zehntausender‹ gebildet (siehe ›Vater Goriot‹), so benannt nach der Vereinbarung, auf Grund derer sie niemals etwas unternehmen durften, wobei weniger als zehntausend Franken zu stehlen waren. Eben jetzt, 1829 und 1830, wurden Denkschriften veröffentlicht, in denen eine der Berühmtheiten der Kriminalpolizei den damaligen Stand der Kräfte dieser Gesellschaft und die Namen ihrer Mitglieder angab. Man sah mit Schrecken ein Heer von Begabungen, sowohl von Männern wie Frauen; und dieses Heer war so furchtbar, so geschickt und so oft glücklich, daß Diebe wie Pastourel, Collonge, Chimaux, die jetzt fünfzig und sechzig Jahre alt waren, als seit ihrer Kindheit im Aufstand gegen die Gesellschaft angeführt werden mußten! . . . Welches Ohnmachtszeugnis für die Gerichtsbarkeit, daß es so alte Diebe gibt!

Jakob Collin war der Kassierer, nicht nur der Zehntausender, sondern auch der Großen Spitzen, der Helden des Bagnos. Nach dem Eingeständnis der kompetenten Autoritäten haben die Bagnos von je ihre Kapitalien gehabt. Diese eigentümliche Tatsache ist leicht erklärlich. Kein gestohlenes Gut findet man wieder, es sei denn in Ausnahmefällen. Da die Verurteilten nichts mit ins Bagno nehmen können, so sehen sie sich genötigt, ihre Zuflucht zum Vertrauen und zu einem befähigten Kopf zu nehmen, ihre Gelder auf Treu und Glauben hinzugeben, wie man sie in der Gesellschaft einem Bankhaus anvertraut.

Ursprünglich hatte Bibi-Lupin, der seit zehn Jahren Chef des Sicherheitsdienstes war, der Aristokratie der Großen Spitzen angehört. Sein Verrat war die Folge verletzter Eigenliebe: er hatte es erleben müssen, daß man ihm beständig die große Intelligenz und die ungeheure Kraft Betrüg-den-Tods vorzog. Daher die beharrliche Erbitterung dieses berühmten Chefs der Sicherheitspolizei gegen Jakob Collin. Daher kamen auch gewisse Kompromisse zwischen Bibi-Lupin und seinen alten Gefährten, mit denen sich die Behörden zu beschäftigen begannen.

In seinem Verlangen nach Rache also, dem der Untersuchungsrichter die Bahn geöffnet hatte, weil er die Identität Jakob Collins feststellen mußte, hatte der Chef des Sicherheitsdienstes seine Gehilfen sehr geschickt gewählt, indem er La Pouraille, Seidenfaden und Le Biffon gegen den falschen Spanier losließ, denn La Pouraille gehörte wie Seidenfaden zu den Zehntausendern, und Le Biffon war eine Große Spitze.

La Biffe, die furchtbare ›Gemahlin‹ Le Biffons, die sich noch heute vermöge ihrer Verkleidung als anständige Frau allen Nachforschungen der Polizei entzieht, war frei. Diese Frau, die es wunderbar versteht, die Marquise, die Baronin und Gräfin zu spielen, hat ihren Wagen und ihre Dienerschaft. Dieser Jakob Collin im Unterrock ist die einzige Frau, die sich mit jener Asien vergleichen läßt, dem rechten Arm Jakob Collins. Überhaupt steht hinter jedem der Helden des Bagnos eine ergebene Frau. Die Gerichtsannalen, die geheime Chronik des Palastes, verraten es: keine Leidenschaft einer anständigen Frau, nicht einmal die einer Frommen für ihren Beichtvater, nichts übertrifft die Anhänglichkeit der Geliebten, die die Gefahren der großen Verbrecher teilt.

Die Leidenschaft ist bei diesen Leuten fast immer der erste Ursprung ihrer verwegenen Unternehmungen und ihrer Morde. Die überschwengliche Liebe, die sie ›konstitutionell‹, wie die Ärzte sagen, zur Frau treibt, nimmt alle moralischen und physischen Kräfte dieser energischen Männer in Anspruch. Daher der Müßiggang, der die Tage verschlingt, denn die Ausschweifungen in der Liebe verlangen wiederherstellende Ruhe und Ernährung. Daher jener Haß gegen jede Arbeit, der diese Leute zwingt, zu raschen Mitteln zu greifen, um sich Geld zu verschaffen. Nichtsdestoweniger bedeutet der Zwang, zu leben und gut zu leben, wenig im Vergleich mit der Verschwendung, zu der die Dirne hinreißt, denn diese großmütigen Liebhaber wollen ihr Juwelen und Kleider schenken, und sie liebt, da sie stets lecker ist, das Wohlleben. Die Dirne wünscht sich einen Schal, der Liebhaber stiehlt ihn, und die Frau sieht darin einen Beweis der Liebe! So kommt man zum Diebstahl, der, wenn man das menschliche Herz mit der Lupe untersuchen will, beim Mann als eine fast natürliche Empfindung zu erkennen ist. Der Diebstahl führt zum Mord, und der Mord führt den Liebhaber von Stufe zu Stufe bis zum Schafott.

Die ungeordnete, rein physische Liebe dieser Leute wäre also, wenn man der medizinischen Fakultät glauben soll, der Ursprung von neun Zehnteln der Verbrechen. Übrigens findet man bei der Leichenschau der Hingerichteten stets den auffallenden handgreiflichen Beweis dafür. So ist die Anbetung ihrer Geliebten bei diesen ungeheuerlichen Liebhabern, den Schreckbildern der Gesellschaft, die Regel. Diese weibliche Hingebung, die sich getreu an der Pforte des Gefängnisses niederkauert und stets darauf sinnt, die Anschläge der Voruntersuchung zu vereiteln, diese unbestechliche Hüterin der schwärzesten Geheimnisse macht so viele Prozesse dunkel und undurchdringlich. Da liegt die Kraft und auch die Schwäche des Verbrechers. In der Sprache der Dirnen heißt ›ehrlich sein‹ sich gegen kein Gesetz dieser Anhänglichkeit vergehen, dem gefangenen Liebhaber all sein Geld geben, über sein Wohlsein wachen, ihm jede Treue bewahren und alles für ihn unternehmen. Die grausamste Beschimpfung, die ein Mädchen einem anderen an die ehrlose Stirn werfen kann, besteht darin, daß sie sie der Untreue gegen einen eingesperrten Geliebten zeiht. In dem Falle sieht man eine Dirne als eine herzlose Frau an! . . .

La Pouraille liebte, wie man sehen wird, eine Frau leidenschaftlich. Seidenfaden, ein philosophischer Egoist, der stahl, um sich zu versorgen, glich Paccard, Jakob Collins Sklaven, der mit Prudentia Servien und einem gemeinsamen Vermögen von siebenhundertfünfzigtausend Franken entflohen war. Seidenfaden hatte keinerlei Freundschaft, er verachtete die Frauen und liebte nur sich selbst. Was Le Biffon anging, so hatte er, wie man bereits weiß, den Beinamen von seiner Verbindung mit La Biffe erhalten. Nun hatten die drei Berühmtheiten der Aristokratie des Verbrechens von Jakob Collin Abrechnungen zu verlangen, Abrechnungen, die zu liefern ziemlich schwierig war.

Nur der Kassierer wußte, wieviel Partner noch lebten und welches eines jeden Vermögen war. Die Sterblichkeit, die seinen Auftraggebern eigentümlich war, hatte Betrüg-den-Tod in seinen Berechnungen genau berücksichtigt, als er beschloß, den Schatz zu Luciens Vorteil anzugreifen. Wenn Jakob Collin sich neun Jahre lang der Aufmerksamkeit seiner Kameraden und der Polizei entzog, so konnte er fast sicher erwarten, auf Grund der Vereinbarung der Großen Spitzen zwei Drittel seiner Mandanten zu beerben. Konnte er übrigens nicht auch Zahlungen vortäuschen, die er ›gesensten‹ Spitzen geleistet hätte? Kurz, dieser Führer der Großen Spitzen unterlag keiner Kontrolle. Man verließ sich gezwungenermaßen auf ihn, denn das Leben eines wilden Tieres, wie die Sträflinge es führen, verlangte unter den anständigen Leuten dieser wilden Welt die höchste Vorsicht. Von den hunderttausend Talern, die er unterschlagen hatte, brauchte Jakob Collin jetzt vielleicht nur noch etwa hunderttausend Franken zu zahlen. In diesem Augenblick hatte La Pouraille, wie man sieht, der eine der Gläubiger Jakob Collins, nur noch ein Vierteljahr zu leben. Da La Pouraille zudem im Besitz einer weit höheren Summe war, als sein Führer sie ihm schuldete, so würde er schon mit sich reden lassen.

Eins der unfehlbaren Kennzeichen, an denen die Gefängnisdirektoren und ihre Unterbeamten, die Polizei und ihre Gehilfen, ja selbst die Untersuchungsrichter die ›Retourgäule‹ erkennen, das heißt jene, die ›Pferdebohnen‹ gegessen haben, wie sie als Nahrung für die Sträflinge des Staates dienen, besteht darin, daß sie mit dem Gefängnis vertraut sind; die Rückfälligen kennen all seine Sitten; sie sind zu Hause, sie wundern sich über nichts.

Daher hatte denn auch Jakob Collin, vor sich selber auf der Hut, bisher sowohl in der Force wie in der Conciergerie seine Rolle als Unschuldiger und als Fremdling wundervoll gespielt. Als er aber von seinem Schmerz gefällt und von seinem doppelten Tode zermalmt war, denn in dieser verhängnisvollen Nacht war er zweimal gestorben, wurde er wieder zu Jakob Collin. Der Aufseher war verblüfft, als er diesem spanischen Priester nicht erst zu sagen brauchte, wie er auf den Gefängnishof kommen würde. Dieser vollendete Schauspieler vergaß seine Rolle; er stieg als Stammgast der Conciergerie die Wendeltreppe der Tour Bonbec hinab. ›Bibi-Lupin hat recht,‹ sagte der Aufseher bei sich selber, ›das ist ein Retourgaul, es ist Jakob Collin.‹

In dem Augenblick, als Betrüg-den-Tod sich in dem Rahmen zeigte, den die Tür des Turmes um ihn legte, zerstreuten sich eben die Gefangenen, nachdem sie an dem Steintisch, der nach dem heiligen Ludwig benannt wird, ihre Einkäufe gemacht hatten, über den Hof, der für sie stets zu eng ist; der neue Gefangene wurde also von ihnen allen zugleich bemerkt, und zwar um so schneller, als kein Blick an Schärfe dem der Gefangenen gleicht, die wie die Spinne im Mittelpunkt ihres Netzes auf ihrem Hofe stehen. Dieser Vergleich ist von mathematischer Genauigkeit, denn da das Auge auf allen Seiten von hohen und schwarzen Mauern gehemmt wird, sieht der Gefangene immer, auch wenn er nicht hinblickt, die Tür, durch die die Aufseher eintreten, und die Fenster des Sprechzimmers und der Treppe der Tour Bonbec, die einzigen Ausgänge des Hofes. In der strengen Absonderung, in der der Gefangene sich befindet, ist für ihn alles ein Ereignis; alles beschäftigt ihn; seine Langweile, die der des Tigers im Käfig des Zoologischen Gartens zu vergleichen ist, verzehnfacht seine Wahrnehmungskraft. Es ist auch nicht überflüssig, zu bemerken, daß Jakob Collin – gekleidet wie ein Geistlicher, der sich nicht streng an das Kostüm hält – eine schwarze Hose, schwarze Strümpfe, Schuhe mit silbernen Schnallen, eine schwarze Weste und einen dunkelbraunen Rock trug, dessen Schnitt den Priester verrät, was er auch tue, zumal wenn diese Kennzeichen durch die charakteristische Haartracht ergänzt werden. Jakob Collin trug eine im höchsten Grade geistliche und wundervoll natürliche Perücke.

»Sieh da, sieh da!« sagte La Pouraille zu Le Biffon, »ein schlimmes Zeichen! Ein Schwarzwild (Priester)! Wie kommt so einer hierher?«Dieser ganze Dialog ist in jenem Rotwelsch geschrieben, das wir in der Übersetzung nur andeuten. »Das ist einer ihrer Schliche, ein neuer Koch (Spion),« erwiderte Seidenfaden. »Das ist irgendein verkleideter Schnürenhändler (Gendarm), der hier sein Gewerbe treiben will.«

Der Gendarm hat im Rotwelsch verschiedene Namen; wenn er einen Dieb verfolgt, ist er ein ›Schnürenhändler‹; wenn er ihn geleitet, ist er eine ›Richtplatzschwalbe‹; wenn er ihn zum Schafott bringt, ist er ein ›Guillotinenhusar‹.

Um das Gemälde des Gefängnishofes zu vervollständigen, ist es vielleicht nötig, in ein paar Worten auch die beiden andern Spitzen zu schildern. Sélérier, genannt ›der Auvergnat‹, ›Vater Ralleau‹, ›der Hausierer‹ und ›Seidenfaden‹ – er hatte dreißig Namen und ebenso viele Pässe –, soll nur noch bei dem letzten Spitznamen benannt werden, dem einzigen, den man ihm in der Aristokratie gab. Dieser tiefgründige Philosoph, der in dem falschen Priester einen Gendarmen sah, war ein Bursche von fünf Fuß vier Zoll Höhe, dessen sämtliche Muskeln wunderlich ruckweise Bewegungen machten. Unter einem ungeheuren Schädel ließ er kleine verdeckte Augen umherzucken, die denen der Raubvögel glichen; die Wimpern waren grau, glanzlos und scharf. Auf den ersten Blick sah er einem Wolf gleich, und zwar vermöge der Breite seiner kräftig gezeichneten und vorspringenden Kiefern; aber wenn diese Ähnlichkeit auf große Grausamkeit, ja Wildheit deutete, so wurde das wieder ausgeglichen durch die Schlauheit und die Lebhaftigkeit seiner Züge, die freilich von Pockennarben durchfurcht waren. Der Rand einer jeden Narbe war sauber umrissen und gleichsam geistreich. Man las tausend Spöttereien darin. Das Leben der Verbrecher, das Hunger und Durst mit sich bringt, Nächte im Biwak der Kais und Ufer, der Brücken und Straßen, und Orgien in starkem Branntwein, mit denen man die Erfolge feiert, hatte über dieses Gesicht gleichsam eine Schicht von Firnis gelegt. Wenn Seidenfaden sich gezeigt hätte, wie er von Natur aussah, so hätte ein Polizeiagent, ein Gendarm auf dreißig Schritte sein Wild erkannt; aber er war Jakob Collin ebenbürtig in der Kunst, sich zu bemalen und zu kostümieren. In diesem Augenblick trug Seidenfaden – er war wie alle großen Schauspieler, die nur auf dem Theater in ihrer Kleidung sorgfältig sind, im Negligé – eine Art Jagdjacke, an der die Knöpfe fehlten und deren ausgerissene Knopflöcher das Weiß des Futters zeigten, schlechte grüne Pantoffeln, eine schon grau gewordene Nankinghose und auf dem Kopf eine Mütze ohne Schild, unter der die Zipfel eines ausgefaserten, von Rissen durchfurchten und gewaschenen Kopftuches hervorsahen.

Neben Seidenfaden bildete Le Biffon einen vollständigen Gegensatz. Dieser berühmte Dieb war klein von Wuchs, dick und fett und beweglich; sein Teint war fahl, sein Auge schwarz und tief in den Kopf gesenkt; er war gekleidet wie ein Koch und stand auf stark gebogenen Beinen; er erschreckte durch einen Gesichtsausdruck, in dem alle Merkmale der den Raubtieren eigentümlichen Organisation vorherrschten.

Seidenfaden und Le Biffon machten La Pouraille den Hof, denn er hatte keine Hoffnung mehr. Dieser rückfällige Mörder wußte, daß er in weniger als vier Monaten abgeurteilt, verdammt und hingerichtet werden würde. Daher nannten Seidenfaden und Le Biffon, die ›Freunde‹ La Pourailles, ihn nie anders denn den ›Stiftsherrn‹, das heißt den ›Stiftsherrn der Abtei‹ (Guillotine). Man wird sich leicht denken können, weshalb Seidenfaden und Le Biffon La Pouraille schmeichelten. La Pouraille hatte zweihundertfünfzigtausend Franken vergraben, seinen Anteil an der Beute, die bei den Ehegatten Crottat (im Stil der Anklage) gemacht worden war. Welche wundervolle Erbschaft konnte er da den beiden Spitzen hinterlassen, wenn sie auch in wenigen Tagen ins Bagno zurückkehren mußten! Le Biffon und Seidenfaden sollten wegen schweren Diebstahls (das heißt eines Diebstahls unter erschwerenden Umständen) zu fünfzehn Jahren verurteilt werden, und man würde sie gewiß mit den zehn Jahren von einer früheren Verurteilung her zusammenlegen, die zu unterbrechen sie sich die Freiheit genommen hatten. Obgleich sie also, der eine zweiundzwanzig und der andere sechsundzwanzig Jahre Zwangsarbeit vor sich hatten, hofften sie doch, ausbrechen zu können, um sich dann La Pourailles Goldhaufen zu holen. Aber der Zehntausender hütete sein Geheimnis, denn es schien ihm unnötig, es preiszugeben, solange er noch nicht verurteilt war. Da er zur Aristokratie des Bagnos gehörte, so hatte er über seine Mitschuldigen nichts verraten. Sein Charakter war bekannt; Herr Popinot, der Untersuchungsrichter in dieser grauenhaften Angelegenheit, hatte nichts aus ihm herausbekommen können.

Dieses furchtbare Triumvirat stand oben auf dem Hof, das heißt unterhalb der Pistolen. Seidenfaden hatte eben die Voruntersuchung gegen einen jungen Burschen abgeschlossen, der erst bei seinem ersten Streich war; da er sicher war, zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt zu werden, so zog er über die verschiedenen Wiesen (Bagnos) Erkundigungen ein.

»Na, mein Kleiner,« sagte Seidenfaden gerade sentenziös, als Jakob Collin auftrat, »der Unterschied zwischen Brest, Toulon und Rochefort ist der . . .« »Los! mein Alter,« sagte der junge Mann mit der Neugier eines Novizen.

Dieser Angeklagte, ein Sohn aus guter Familie, der einer Fälschung angeklagt war, kam aus der Pistole neben der, die Lucien innegehabt hatte. »Mein Söhnchen,« erwiderte Seidenfaden, »in Brest ist man sicher, wenn man im Kübel schöpft, beim dritten Löffel auf Pferdebohnen zu treffen; in Toulon findet man die nur bei jedem fünften Löffel; in Rochefort aber nie, wenn man nicht ein Alter ist.«

Als der tiefe Philosoph gesprochen hatte, schloß er sich wieder La Pouraille und Le Biffon an, die, da das ›Schwarzwild‹ sie sehr beunruhigte, begannen den Hof hinabzugehen, während Jakob Collin, in seinen Schmerz versunken, ihn heraufkam. Betrüg-den-Tod, der ganz seinen furchtbaren Gedanken gehörte, den Gedanken eines gestürzten Kaisers, dachte nicht daran, daß er der Mittelpunkt aller Blicke und der allgemeinen Aufmerksamkeit war; er schritt langsam dahin, die Augen auf das verhängnisvolle Fenster geheftet, an dem Lucien von Rubempré sich erhängt hatte. Keiner der Gefangenen wußte etwas von diesem Ereignis, denn Luciens Nachbar, der junge Fälscher, hatte aus Gründen, die man bald kennen lernen wird, nichts davon gesagt. Die drei Spitzen stellten sich so, daß sie dem Priester den Weg versperrten.

»Das ist kein Schwarzwild,« sagte La Pouraille zu Seidenfaden, »das ist ein Retourgaul. Sieh doch, wie er den Rechten schleift!«

Wir müssen hier erklären, denn nicht alle Leser werden die Laune gehabt haben, ein Bagno zu besuchen: jeder Sträfling ist dort mit einem andern an einer Kette gepaart – und zwar sind stets je ein Alter und ein Junger zusammen. Das Gewicht dieser Kette, die an einem Ring oberhalb des Knöchels festgeschmiedet wird, ist so groß, daß es nach einem Jahr dem Sträfling einen Gangfehler verleiht, den er nie mehr ablegt. Der Verurteilte ist gezwungen, wenn er diesen ›Handgriff‹ schleppen will – so nennt man im Bagno die Fesselung –, mit dem einen Bein mehr Kraft aufzuwenden als mit dem andern; und diese Anstrengung gewöhnt er sich unfehlbar an. Wenn er später seine Kette nicht mehr schleppt, geht es mit diesem Apparat wie mit den abgenommenen Beinen, in denen der Amputierte immer noch Schmerzen fühlt; der Sträfling spürt seine Kette immer, und er kann den fehlerhaften Gang nicht mehr ablegen. In der Sprache der Polizei ›zieht er den Rechten‹. Dieses Merkmal, das die Sträflinge untereinander genau so gut kennen wie die Polizeiagenten, vervollständigt das Wiedererkennen zwischen Kameraden, wenn es nicht geradezu dazu führt.

Bei Betrüg-den-Tod, der schon vor acht Jahren ausgebrochen war, hatte sich diese Bewegung stark abgeschwächt; aber infolge seiner Gedankenversunkenheit ging er in einem so langsamen und feierlichen Schritt, daß der Gangfehler, so schwach er auch war, einem geübten Auge wie dem La Pourailles auffallen mußte. Man versteht wohl auch, daß die Sträflinge, die im Bagno stets beisammen sind und nur sich selber beobachten können, ihre Züge so gründlich studiert hatten, daß sie gewisse Gewohnheiten kannten, die ihren systematischen Gegnern, den Spitzeln, den Gendarmen und Polizeikommissaren, entgingen. So verdankte denn auch der Oberstleutnant der Legion der Seine, der berühmte Coignard, seine Verhaftung einer bestimmten Zerrung der Kaumuskeln an der linken Backe, die ein Sträfling wiedererkannte, den man zu einer Parade dieses Truppenkörpers geschickt hatte; denn trotz der Gewißheit Bibi-Lupins wagte die Polizei nicht, an die Identität des Grafen Pontis von Sankt Helena und Coignards zu glauben.

»Das ist unser Dab (Meister)!« sagte Seidenfaden, als er einen jener zerstreuten Blicke Jakob Collins aufgefangen hatte, wie sie jemand um sich wirft, der an seiner ganzen Umgebung verzweifelt. »Meiner Treu, ja, das ist Betrüg-den-Tod!« sagte Le Biffon, indem er sich die Hände rieb. »Oh, das ist sein Wuchs, seine Schulterbreite; aber was hat er gemacht? Er sieht sich selber nicht mehr ähnlich.« »Oh, ich habs,« sagte Seidenfaden, »er hat einen Plan! Er will seine ›Tante‹ wiedersehen, die man bald hinrichten wird.«

Um eine dunkle Vorstellung von dem zu geben, was die Eingesperrten, die Stockmeister und die Aufseher eine ›Tante‹ nennen, wird es genügen, jenes wundervolle Wort anzuführen, daß der Direktor eines Gefängnisses dem verstorbenen Lord Durham gegenüber aussprach, der während seines Aufenthalts in Paris alle Gefängnisse besuchte. Dieser Lord, der alle Einzelheiten der französischen Justiz kennen lernen wollte, ließ sogar den verstorbenen Sanson, den Scharfrichter, ein Gerüst errichten und verlangte, daß ein lebendiges Kalb hingerichtet würde, damit er sich über das Spiel der Maschine, die die Franzosische Revolution berühmt gemacht hat, Rechenschaft ablegen könnte. Als der Direktor ihm das ganze Gefängnis gezeigt hatte, die Höfe, die Arbeitssäle, die Zellen usw., wies er mit dem Finger auf einen Raum, indem er eine Geste des Abscheus machte. »Dorthin führe ich Euer Gnaden nicht,« sagte er, »das ist das Quartier der Tanten . . .« »Oah!« sagte Lord Durham, »was ist das?« »Das dritte Geschlecht, Mylord.«

»Sie wollen Theodor hacken (hinrichten)!« sagte La Pouraille; »ein reizender Bursche! Was für eine Hand! Was für eine Stirn! Was für ein Verlust für die Gesellschaft!« »Ja, Theodor Calvi futtert zum letztenmal,« sagte Le Biffon. »Ach, seine Weiber werden schon mit den Augen klimpern, denn sie hatten den kleinen Lumpen so lieb!«

»Bist du's, mein Alter?« sagte La Pouraille zu Jakob Collin. Und gemeinsam mit seinen beiden Gefolgsleuten, die sich untergefaßt hatten, versperrte er dem Ankömmling den Weg. »O Dab, bist du denn Schwarzwild geworden?« fügte La Pouraille hinzu. »Man sagt, du hast uns unsere Philipper (Goldstücke) stibitzt?« fuhr Le Biffon mit drohender Miene fort. »Wirst du unsern Kies (Geld) rausrücken?« fragte Seidenfaden.

Diese drei Fragen kamen wie drei Pistolenschüsse.

»Scherzen Sie nicht mit einem armen Priester, den man aus Versehen hierher geführt hat,« erwiderte Jakob Collin mechanisch, obwohl er seine drei Kameraden auf der Stelle erkannt hatte. »Das ist der Klang der Schelle, wenn es auch nicht mehr die Fratze ist,« sagte La Pouraille, indem er seine Hand auf Jakob Collins Schulter fallen ließ.

Diese Geste und der Anblick der drei Kameraden rissen den Dab gewaltsam aus seiner Niedergeschlagenheit heraus und gaben ihn der Empfindung für das wirkliche Leben zurück; denn während dieser verhängnisvollen Nacht hatte er in den unendlichen geistigen Welten der Empfindung geschwebt, in denen er einen neuen Weg suchte.

»Bringe keinen Ragout (Argwohn) auf deinen Dab!« sagte Jakob Collin leise mit hohler und drohender Stimme, die dem dumpfen Knurren eines Löwen glich. »Da lauert die Polizei, laß sie ins Garn gehen. Ich spiele Komödie für eine Spitze in letzter Not.« Das sagte er mit der Salbung eines Priesters, der Unglückliche zu bekehren sucht; und es wurde begleitet von einem Blick, mit dem Jakob Collin den ganzen Hof überflog; er sah die Aufseher unter den Arkaden und zeigte sie seinen drei Gefährten voll Hohn. »Sind keine Köche da? Steckt eure Hellen auf und putzt den Docht (schaut aus und paßt auf)! Ihr kennt mich nicht, Vorsicht, und faßt mich als Schwarzwild an, oder ich lege euch rein, euch und eure Weiber und euren Kies!« »Bist du denn bange vor uns?« fragte Seidenfaden. »Du willst deine Tante retten?« »Magdalene ist geputzt für den Richtplatz,« sagte La Pouraille.

»Theodor!« erwiderte Jakob Collin, indem er ein Aufspringen und einen Schrei gewaltsam unterdrückte. Es war der letzte Folterhieb für diesen vernichteten Koloß. »Den wollen sie kalt machen,« wiederholte La Pouraille, »er ist seit zwei Monaten zum Transport geliefert.«

Jakob Collin, den eine Ohnmacht befiel und dem die Knie wie abgeschnitten waren, wurde von seinen drei Gefährten aufgefangen, und er hatte die Geistesgegenwart, seine Hände wie in Zerknirschung zu falten. La Pouraille und Le Biffon stützten den Kirchenschänder Betrüg-den-Tod ehrfurchtsvoll, während Seidenfaden zum diensttuenden Aufseher an die Tür des Portales lief, das in das Sprechzimmer führt.

»Der hochwürdige Priester möchte sich setzen, geben Sie mir einen Stuhl für ihn.«

So versagte der Schlag, den Bibi-Lupin zu führen gedachte. Betrüg-den-Tod erlangte, genau wie Napoleon, als seine Soldaten ihn wiedererkannten, von den drei Sträflingen Unterwerfung und Achtung. Zwei Worte hatten genügt: eure Weiber und euer Kies (eure Frauen und euer Geld)! alles, was die wahren Interessen des Mannes zusammenfaßte. Diese Drohung war für die drei Sträflinge das Zeichen der höchsten Macht: der Dab hatte ihr Vermögen immer noch in der Hand. Ihr Dab war draußen immer noch allmächtig, und er hatte sie nicht, wie falsche Brüder behaupteten, verraten. Der ungeheure Ruf, in dem ihr Führer wegen seiner Gewandtheit und Geschicklichkeit stand, reizte übrigens die Neugier der drei Sträflinge; denn im Gefängnis wird die Neugier zum einzigen Ansporn dieser welken Seelen. Die Verwegenheit der Verkleidung Jakob Collins, die er selbst noch hinter den Riegeln der Conciergerie aufrechterhielt, blendete übrigens die drei Verbrecher.

»Ich bin seit vier Tagen in Geheimhaft und wußte nicht, daß Theodor der Abtei schon so nahe ist . . .« sagte Jakob Collin. »Ich kam, um einen armen Kleinen zu retten, der sich da gestern um vier Uhr aufgehängt hat; und jetzt stehe ich wieder vor einem neuen Unglück. Ich habe keine Asse mehr im Spiel! . . .« »Armer Dab!« sagte Seidenfaden. »Ach, der Bäcker (Teufel) läßt mich im Stich!« rief Jakob Collin, indem er sich seinen beiden Gefährten aus den Armen riß und sich mit furchtbarer Miene aufrichtete. »Es kommt ein Augenblick, in dem die Welt stärker ist als wir! Der Storch (Justizpalast) schluckt uns über!«

Der Direktor der Conciergerie kam selber auf den Gefängnishof, als er von der Ohnmacht des spanischen Priesters hörte, um ihn auszuspionieren; er ließ ihn in der Sonne auf einen Stuhl setzen, indem er alles mit jenem Scharfblick beobachtete, der in der Ausübung solcher Ämter mit jedem Tag wächst und den man unter scheinbarer Gleichgültigkeit verbirgt.

»Ach, mein Gott!« sagte Jakob Collin, »unter diese Leute geraten zu sein, unter den Abschaum der Gesellschaft, unter Verbrecher und Mörder! . . . Aber Gott wird seinen Diener nicht im Stich lassen. Mein lieber Herr Direktor, ich werde meinen Aufenthalt durch Taten der Barmherzigkeit verewigen, deren Andenken bleiben soll! Ich werde diese Unglücklichen bekehren, sie sollen lernen, daß es eine Seele gibt, daß ihrer ein ewiges Leben wartet und daß sie, wenn sie auf Erden alles verloren haben, noch den Himmel erobern können, der ihnen um den Preis einer echten, aufrichtigen Reue gehört.«

Zwanzig oder dreißig Gefangene, die herbeigeeilt waren und sich hinter den drei furchtbaren Sträflingen gruppiert hatten, deren wilde Blicke drei Schritt Abstand zwischen ihnen und den Neugierigen erzwangen, hörten diese mit evangelischer Salbung gesprochenen Worte. »Den da, Herr Gault,« sagte der beängstigende La Pouraille, »ja, den würden wir anhören . . .«

»Man hat mir gesagt,« fuhr Jakob Collin, in dessen Nähe Herr Gault stand, fort, »es sei ein zum Tode Verurteilter in diesem Gefängnis.« »Man liest ihm eben in diesem Augenblick die Abweisung seiner Berufung vor.« »Ich weiß nicht, was das bedeutet,« sagte Jakob Collin naiv, indem er sich umblickte. »Gott, die Einfalt!« sagte der kleine junge Mann, der vorher Seidenfaden nach den Pferdebohnen der ›Wiesen‹ gefragt hatte. »Nun, heute oder morgen wird er ›gesenst‹!« sagte ein Gefangener. »Gesenst?« fragte Jakob Collin, dessen unschuldige und unwissende Miene die drei Spitzen mit Bewunderung erfüllte. »In ihrer Sprache«, sagte der Direktor, »bezeichnen sie damit die Vollstreckung der Todesstrafe. Wenn der Kanzlist schon die Berufung verliest, so wird der Scharfrichter ohne Zweifel auch den Befehl zur Hinrichtung erhalten. Der Unglückliche hat den Beistand der Religion unablässig zurückgewiesen . . .« »Ach, Herr Direktor, da ist eine Seele zu retten! . . .« rief Jakob Collin.

Und der Kirchenschänder faltete die Hände mit der Geste eines verzweifelten Liebhabers, die dem aufmerksamen Direktor als die Äußerung einer heiligen Glut erschien. »Ach, Herr Direktor,« fuhr Betrüg-den-Tod fort, »lassen Sie mich Ihnen beweisen, was ich bin und was ich vermag, indem Sie mir erlauben, in diesem verhärteten Herzen die Reue zum Erblühen zu bringen! Gott hat mir die Gabe verliehen, gewisse Worte zu sprechen, die große Wandlungen zur Folge haben. Ich zerbreche die Herzen, ich tue sie auf . . . Was fürchten Sie? Lassen Sie mich von Gendarmen begleiten, von Aufsehern, von wem Sie wollen!« »Ich werde sehen, ob der Gefängnisgeistliche erlaubt, daß Sie an seine Stelle treten,« sagte Herr Gault.

Und der Direktor zog sich zurück, betroffen ob der vollkommen gleichgültigen, wenn auch neugierigen Haltung, in der die Sträflinge und die Gefangenen diesen Priester anblickten, dessen salbungsvolle Stimme seiner halb spanischen, halb französischen geradebrechten Rede Reiz verlieh.

»Wie kommen Sie hierher, Herr Abbé?« fragte der junge Mann, der Seidenfaden um Rat gefragt hatte. »Oh, durch einen Irrtum,« erwiderte Jakob Collin, indem er den Sohn aus guter Familie mit den Blicken maß. »Man hat mich bei einer Kurtisane gefunden, die nach ihrem Tode bestohlen worden war. Man hat erkannt, daß sie Selbstmord begangen hat; und die Diebe, es sind wahrscheinlich die Dienstboten, sind noch nicht verhaftet.« »Und wegen dieses Diebstahls hat der junge Mensch sich erhängt? . . .« »Das arme Kind hat ohne Zweifel den Gedanken nicht ertragen können, daß er durch eine ungerechte Verhaftung entehrt worden war,« erwiderte Betrüg-den-Tod, indem er die Augen gen Himmel hob. »Ja,« sagte der junge Mann, »sie wollten ihn gerade entlassen, als er Selbstmord begangen hatte. Was für ein Zusammentreffen!« »Nur Unschuldige nehmen es sich so zu Herzen,« sagte Jakob Collin. »Beachten Sie wohl, daß der Diebstahl zu seinem Nachteil begangen worden ist.« »Um wieviel handelt es sich?« fragte der ernste und schlaue Seidenfaden. »Um siebenhundertfünfzigtausend Franken,« erwiderte Jakob Collin sanft.

Die drei Sträflinge sahen sich untereinander an und zogen sich aus der Gruppe zurück, in der alle Gefangenen den angeblichen Geistlichen umringten. »Den Keller der Dirne hat er ausgespült!« flüsterte Seidenfaden Le Biffon ins Ohr. »Man wollte uns um unsere Taler bange machen!« »Er bleibt immer der Dab der Großen Spitzen,« erwiderte La Pouraille. »Unser Kies ist nicht auseinandergeweht.« Nun suchte La Pouraille jemanden, dem er vertrauen konnte, und also hatte er ein Interesse daran, in Jakob Collin einen ehrlichen Mann zu finden. Und vor allem im Gefängnis glaubt man an das, was man hofft! »Ich wette, er legt den Storchdab (Oberstaatsanwalt) rein und rettet seine Tante!« sagte Seidenfaden. »Wenn ihm das gelingt,« sagte Le Biffon, »halte ich ihn immer noch nicht für einen Gott, aber dann hat er, wie man behauptet, mit dem Bäcker (Teufel) eine Pfeife geraucht!« »Hast du gehört, wie er rief: Der Bäcker läßt mich im Stich?« bemerkte Seidenfaden. »Ah!« rief La Pouraille, »wenn er mir den Kopf retten wollte, was für ein Leben würde ich da mit meinem Kiestopf führen und mit meinen runden Gelben, die ich versteckt habe.« »Tu, was er sagt,« rief Seidenfaden. »Schleifst (scherzest) du?« erwiderte La Pouraille, indem er seinen Freund ansah. »Bist du ein Gimpel! Du wirst stracks zum Transport geliefert. Also kannst du keine andere Falltür mehr heben, um auf den Stelzen zu bleiben und noch länger zu futtern, zu saufen und zu mausen,« sagte Le Biffon, »als daß du ihm den Rücken bietest!« »Das nenn ich ein Wort,« erwiderte La Pouraille; »nicht einer von uns soll den Dab verraten, oder ich will ihn mitnehmen, dahin, wohin ich gehe . . .« »Er täts, wie ers sagt!« rief Seidenfaden.

Auch wer für diese seltsame Welt nur sehr wenig Sympathie übrig hat, wird sich Jakob Collins Geistesverfassung vorstellen können; er stand zwischen der Leiche des Idols, an der er in der Nacht fünf Stunden lang gebetet hatte, und dem demnächstigen Tode seines einstigen Kettengenossen, der bald kalten Leiche des jungen Korsen Theodor. Und wäre es nur gewesen, um diesen Unglücklichen zu sehen, so mußte er doch schon zu dem Zweck eine ungewöhnliche Geschicklichkeit entfalten; aber ihn retten, das war ein Wunder! Und er sann schon über dieses Wunder nach.

Zum bessern Verständnis dessen, was Jakob Collin versuchen wollte, ist es notwendig, hier darauf aufmerksam zu machen, daß die Mörder, die Diebe und alle, die die Bagnos bevölkern, nicht so furchtbar sind, wie man es glaubt. Mit einigen sehr seltenen Ausnahmen sind diese Leute alle feig, wahrscheinlich weil ewige Furcht ihnen das Herz bedrückt. Da all ihre Fähigkeiten unablässig auf den Diebstahl gerichtet sind und da die Ausführung eines Unternehmens den Aufwand aller Lebenskräfte, eine geistige Behendigkeit, die der Gewandtheit des Leibes gleichkommt, und eine Aufmerksamkeit, die ihren Mut vernichtet, verlangt, so werden sie außerhalb dieser gewaltsamen Anstrengungen ihres Willens aus demselben Grunde stumpfsinnig, aus dem eine Sängerin oder ein Tänzer nach einem ermüdenden Tanz oder nach einem jener furchtbaren Duette, wie moderne Komponisten sie dem Publikum auferlegen, erschöpft zusammenbrechen. Die Übeltäter sind in der Tat jeder Vernunft so bar oder von der Furcht so niedergedrückt, daß sie vollständig zu Kindern werden. Sie sind im höchsten Grade leichtgläubig, und daher fängt die einfachste List sie mit ihrem Vogelleim. Sowie ihnen ein ›Ding‹ geglückt ist, sind sie in einem solchen Zustand der Auflösung, daß sie sich sofort notwendigen Ausschweifungen überlassen, sich an Wein und Schnaps berauschen und sich ihren Weibern wie rasend in die Arme werfen, um Ruhe zu finden, indem sie all ihre Kräfte ausgeben, um ihr Verbrechen dadurch zu vergessen, daß sie ihre Vernunft vergessen. In diesem Zustand sind sie der Polizei auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Werden sie dann verhaftet, so sind sie blind, sie verlieren den Kopf, und es gibt keine Ungereimtheit, die man ihnen dann nicht einreden könnte.

Ein Beispiel wird deutlich machen, wie weit die Borniertheit eines eingesperrten Verbrechers geht. Bibi-Lupin hatte kürzlich von einem neunzehnjährigen Mörder ein Geständnis erlangt, indem er ihm vorredete, Minderjährige würden nicht hingerichtet. Als man diesen Burschen zur Vollstreckung des Urteils in die Conciergerie brachte, nachdem seine Berufung verworfen worden war, hatte ihn dieser furchtbare Polizeiagent aufgesucht. »Weißt du sicher, daß du noch nicht zwanzig Jahre alt bist?« fragte er ihn. »Ja, ich bin erst neunzehneinhalb,« sagte der Mörder in vollkommener Ruhe. »Nun,« erwiderte Bibi-Lupin, »du kannst ruhig sein, zwanzig Jahre wirst du niemals alt . . .« »Und weshalb nicht?« »Oh, du wirst in drei Tagen gesenst,« versetzte der Chef des Sicherheitsdienstes. Der Mörder, der selbst nach seiner Verurteilung noch immer daran glaubte, daß man Minderjährige nicht hinrichte, brach zusammen wie eine Omelette soufflé.

Diese Leute, die durch den Zwang, die Zeugen zu beseitigen, so grausam werden – denn sie ermorden nur, um sich der Beweise zu entledigen, und das ist einer der Gründe, wie sie jene anführen, die die Abschaffung der Todesstrafe verlangen –, diese Kolosse der Gewandtheit und Geschicklichkeit, bei denen die Sicherheit der Hand, die Schnelligkeit des Blicks und die Sinne wie bei den Wilden geübt sind, werden nur auf dem Schauplatz ihrer Taten zu Helden des Bösen. Nicht nur beginnen, sowie das Verbrechen begangen ist, ihre Verlegenheiten, denn die Notwendigkeit, ihren Raub zu verbergen, macht sie ebenso stumpfsinnig, wie sie zuvor das Elend bedrückte; sondern sie sind auch geschwächt wie die Frau, die eben entbunden wurde. In ihren Entwürfen verraten sie eine beängstigende Energie, aber nach dem Gelingen sind sie wie die Kinder. Sie haben, mit einem Wort, das Naturell der wilden Tiere, die leicht zu töten sind, nachdem sie sich vollgefressen haben. Im Gefängnis sind diese merkwürdigen Leute nur vermöge ihrer Verstellung und ihrer Verschwiegenheit Menschen; und die gibt erst im letzten Augenblick nach, wenn man sie durch die lange Dauer der Haft gebrochen und mürbe gemacht hat.

Man wird jetzt begreifen, weshalb die drei Sträflinge ihren Führer, statt ihn zugrunde zu richten, retten wollten: sie bewunderten ihn, weil sie ihn in Verdacht hatten, sich die siebenhundertfünfzigtausend Franken, die gestohlen worden waren, angeeignet zu haben; weil sie ihn auch hinter den Riegeln der Conciergerie noch ruhig sahen, und weil sie ihn für ganz imstande hielten, sie unter seinen Schutz zu nehmen.

Als Herr Gault den falschen Spanier verlassen hatte, kehrte er durch das Sprechzimmer in seine Kanzlei zurück und suchte Bibi-Lupin auf, der während der zwanzig Minuten, seit Jakob Collin seine Zelle verlassen hatte, gegen eins der Fenster, die auf den Hof blicken, geschmiegt, alles durch ein Guckloch beobachtet hatte.

»Keiner von ihnen hat ihn erkannt,« sagte Herr Gault, »und Napolitas, der sie alle überwacht, hat nichts gehört. Der arme Priester hat heute nacht in seiner Not kein Wort gesprochen, aus dem man schließen könnte, daß seine Soutane Jakob Collin verbirgt.« »Das beweist, daß er die Gefängnisse genau kennt,« erwiderte der Chef des Sicherheitsdienstes.

Napolitas, Bibi-Lupins Sekretär, war allen, die in diesem Augenblick in der Conciergerie gefangengehalten wurden, unbekannt; er spielte die Rolle des Sohnes aus guter Familie, der der Fälschung angeklagt war.

»Nun bittet er, den zum Tode Verurteilten in die Beichte nehmen zu dürfen,« sagte der Direktor. »Das ist unsere letzte Möglichkeit!« rief Bibi-Lupin, »daran hatte ich noch nicht gedacht. Theodor Calvi, dieser Korse, ist der Kettengenosse Jakob Collins; Jakob Collin hat ihm, wie ich gehört habe, auf der Wiese immer die schönsten ›Pflaster‹ gemacht . . .«

Die Sträflinge stellen sich Polsterbäusche her, die sie zwischen ihren Eisenring und das Fleisch schieben, um das Gewicht der Kette auf den Knöcheln und dem Fußhals abzuschwächen. Diese Bäusche, die aus Werg und Leinen bestehen, nennen sie im Bagno ›Pflaster‹.

»Wer wacht bei dem Verurteilten?« fragte Bibi-Lupin Herrn Gault. »Coeur-la Virole.« »Gut, ich werde mich als Gendarm verkleiden und dabei sein; ich höre ihnen zu; ich verbürge mich für alles.« »Fürchten Sie nicht, wenn er Jakob Collin ist, daß er Sie erkennen und erdrosseln könnte?« fragte der Direktor der Conciergerie Bibi-Lupin. »Als Gendarm habe ich meinen Säbel,« erwiderte der Chef; »außerdem wird er, wenn er Jakob Collin ist, niemals etwas tun, was ihn zum Transport liefert, wenn er aber ein Priester ist, so bin ich in Sicherheit.« »Es ist keine Zeit zu verlieren,« sagte jetzt Herr Gault; »es ist halb neun, Pater Sauteloup hat eben die Zurückweisung der Berufung verlesen; Herr Sanson wartet im Saal auf den Befehl der Staatsanwaltschaft.« »Ja, es soll heute losgehen; die Witwenhusaren« (die ›Witwe‹, das ist wieder ein Name für die Guillotine, und zwar ein furchtbarer Name) »sind bestellt,« sagte Bibi-Lupin. »Ich verstehe freilich, weshalb der Oberstaatsanwalt zögert; dieser Bursche hat stets seine Unschuld beteuert, und mir scheint, überzeugende Beweise haben gegen ihn nicht vorgelegen.« »Er ist ein echter Korse,« versetzte Herr Gault, »er hat kein Wort gesagt und allem widerstanden.«

Das letzte Wort des Direktors der Conciergerie an den Chef des Sicherheitsdienstes enthielt die düstere Geschichte der zum Tode Verurteilten. Ein Mann, den die Gerichtsbarkeit aus der Zahl der Lebenden gestrichen hat, gehört der Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft ist souverän; sie hängt von niemandem ab, sie hat nur ihr Gewissen zu befragen. Das Gefängnis gehört der Staatsanwaltschaft, sie ist dort unumschränkter Herr. Die Poesie hat sich dieses sozialen Themas, des zum Tode Verurteilten, das so hervorragend geeignet ist, die Phantasie zu packen, bereits bemächtigt! Die Poesie war erhaben, die Prosa hat keine andern Mittel als die Wirklichkeit; aber die Wirklichkeit ist, so wie sie ist, furchtbar genug, um es mit der Poesie aufnehmen zu können. Das Leben des zum Tode Verurteilten, der seine Verbrechen nicht gestanden, seine Mitschuldigen nicht verraten hat, ist grauenhaften Qualen unterworfen. Es handelt sich hier nicht um Stiefel, die die Füße brechen, noch auch um Wasser, das in den Magen eingeführt wird, noch auch um ein Recken der Glieder mit Hilfe furchtbarer Maschinen, aber um eine heimtückische und sozusagen negative Folter. Die Staatsanwaltschaft überläßt den Verurteilten völlig sich selber; sie läßt ihn allein im Schweigen und im Dunkel, aber mit einem Gefährten, einem ›Hammel‹, dem er mißtrauen muß.

Die liebenswürdige moderne Philanthropie glaubt die grauenhafte Folter der Absonderung entdeckt zu haben; sie täuscht sich. Seit der Abschaffung der Folter hatte die Staatsanwaltschaft in dem sehr natürlichen Wunsch, das schon allzu zarte Gewissen der Geschwornen zu beruhigen, erraten, welche furchtbaren Waffen die Einsamkeit der Justiz wider alle verleiht, die schuldigen Herzens, sind. Die Einsamkeit ist die Leere; und die moralische Natur hat vor der Leere ein ebenso großes Grauen wie die physische Natur. Die Einsamkeit ist nur für den genialen Menschen bewohnbar, der sie mit seinen Gedanken, den Töchtern der geistigen Welt, anfüllt, oder für den Betrachter der göttlichen Werke, der sie erleuchtet findet vom Licht des Himmels, belebt vom Hauch und der Stimme Gottes. Außer diesen beiden Menschen, die dem Paradies so nahe leben, verhält sich die Einsamkeit zur Folter, wie sich das Geistige zum Körperlichen verhalt. Zwischen der Einsamkeit und der Folter besteht der ganze Unterschied der Nervenkrankheit und der chirurgischen Krankheit. Sie ist das Leiden, multipliziert mit der Unendlichkeit. Der Leib rührt durch das Nervensystem an das Unendliche, wie der Geist durch den Gedanken hineindringt. Daher lassen sich denn auch in den Annalen der pariser Staatsanwaltschaft die Verbrecher zählen, die kein Geständnis ablegen.

Dieser unheimliche Zustand, der in gewissen Fällen, zum Beispiel in der Politik, wo es sich um eine Dynastie oder um einen Staat handelt, ungeheuerliche Proportionen annimmt, wird in der ›Menschlichen Komödie‹ an seiner Stelle einen Platz finden. Hier aber mag die Schilderung des Steinkastens, in dem die pariser Staatsanwaltschaft unter der Restauration den zum Tode Verurteilten unterbrachte, genügen, um eine Vorstellung von dem Grauen der letzten Tage eines Hinzurichtenden zu geben.

Vor der Julirevolution gab es – und es gibt sie übrigens auch heute noch – die ›Kammer des zum Tode Verurteilten‹. Diese Kammer, die an die Kanzlei grenzt, wird von ihr getrennt durch eine dicke Mauer aus lauter Quadern; und auf der andern Seite wird sie flankiert von der sieben oder acht Fuß dicken Mauer, die einen Teil des ungeheuren Vorsaales trägt. Man betritt sie durch die erste Tür in dem langen düstern Gang, in den der Blick hinabtaucht, wenn man in der Mitte des großen gewölbten Portalsaales steht. Diese unheimliche Kammer bezieht ihr Licht durch einen mit furchtbaren Stäben vergitterten Kellerhals, den man kaum bemerkt, wenn man die Conciergerie betritt, denn er ist eingebaut in den schmalen Raum zwischen dem Fenster der Kanzlei neben dem Gitter des Portales und der Wohnung des Kanzlisten der Conciergerie, die der Baumeister wie einen Schrank in den Hintergrund des Einfahrtshofes geklebt hat. Diese Lage erklärt, weshalb man dieses Zimmer, das von vier dicken Mauern umrahmt wird, zur Zeit des Umbaues der Conciergerie für diesen unheimlichen Grabesdienst bestimmte. Jeder Ausbruch ist dort unmöglich. Der Gang, der zu den Geheimzellen und zur Frauenabteilung führt, mündet dem Ofen gegenüber, den stets Gendarmen und Aufseher umstehen. Der Kellerhals, der einzige Ausgang, liegt neun Fuß unterhalb der Fliesen und führt auf den ersten Hof, der an der Außentür der Conciergerie von postenstehenden Gendarmen bewacht wird. Keine menschliche Kraft vermag etwas wider die Mauern, übrigens trägt ein zum Tode Verurteilter stets die Zwangsjacke, ein Kleidungsstück, das, wie man weiß, den Gebrauch der Hände ausschließt; ferner ist er mit einem Fuß an sein Feldbett gekettet, und schließlich hat er zu seiner Bedienung und Bewachung einen ›Hammel‹. Der Boden dieser Kammer ist mit dicken Steinen gepflastert, und das Licht ist so schwach, daß man kaum sehen kann.

Auch der Unempfindlichste muß bis in die Knochen hinein eine Kälte spüren, wenn er dort eintritt; selbst heute noch, obgleich dieses Zimmer seit sechzehn Jahren unbenutzt geblieben ist, weil man in Paris allerlei Änderungen in die Vollstreckung der Wahlsprüche der Gerichtsbarkeit eingeführt hat. Man sehe dort den Verbrecher bedrängt von seinen Gewissensbissen, vom Schweigen und der Finsternis, zwei Quellen des Grauens, und man wird sich fragen, ob es ihn nicht wahnsinnig machen muß! Was für Konstitutionen müssen das sein, deren Kraft einem solchen Leben widersteht, zumal die Zwangsjacke auch noch Reglosigkeit und Muße erzwingt.

Theodor Calvi, dieser damals siebenundzwanzig Jahre alte Korse, widerstand jedoch, eingehüllt in den Schleier absoluter Verschwiegenheit, seit zwei Monaten der Wirkung dieses Kerkers und dem verfänglichen Schwatzen des ›Hammels‹ . . . Der sonderbare Prozeß, dem der Korse seine Verurteilung zum Tode verdankte, war der folgende. Obgleich er sehr merkwürdig war, wird die Analyse schnell gegeben sein.

Es ist nicht angebracht, in der Katastrophe einer schon ohnehin sehr umfangreichen Szene eine lange Abschweifung zu machen, zumal sie kein anderes Interesse bietet als jenes, das sich auf Jakob Collin bezieht, auf diese Wirbelsäule, die gewissermaßen ›Vater Goriot‹ mit den ›Verlorenen Illusionen‹ und die ›Verlorenen Illusionen‹ mit dieser Studie verbindet. Die Phantasie des Lesers wird übrigens dieses dunkle Thema weiterspinnen, das den Geschwornen des Gerichtshofes, vor dem Theodor Calvi erschienen war, eben jetzt große Sorgen machte. Daher beschäftigte sich denn auch seit acht Tagen, seit die Berufung des Angeklagten vom Kassationshof verworfen war, Herr von Granville mit dieser Angelegenheit, und von Tag zu Tag schob er den Befehl zur Hinrichtung hinaus, so viel lag ihm daran, die Geschwornen zu beruhigen, indem er eine Notiz veröffentlichte, daß der Verurteilte auf der Schwelle des Todes sein Verbrechen eingestanden hätte.

Eine arme Witwe aus Nanterre, deren Haus einsam in dieser Gemeinde stand, die, wie man weiß, mitten in der unfruchtbaren Ebene zwischen dem Mont Valérien, Saint-Germain und den Hügeln von Sartrouville und Argenteuil liegt, war ermordet und beraubt worden, nachdem sie einige Tage zuvor ihren Anteil an einer unverhofften Erbschaft erhalten hatte. Dieser Anteil belief sich auf dreitausend Franken, ein Dutzend Tischgedecke, eine Uhrkette, eine goldene Uhr und Wäsche. Statt die dreitausend Franken in Paris anzulegen, wie es ihr der Notar des verstorbenen Weinhändlers, den sie beerbte, geraten hatte, wollte die alte Frau alles bei sich behalten. Zunächst hatte sie niemals so viel Geld in Händen gehabt, und dann mißtraute sie in allen Geschäften jedermann, wie es im Landvolk die meisten Leute tun. Nach reiflichen Besprechungen mit einem Weinhändler in Nanterre, der mit ihr verwandt und auch mit dem verstorbenen Weinhändler verwandt gewesen war, hatte diese Witwe sich entschlossen, das Geld auf Leibrenten auszuleihen, ihr Haus in Nanterre zu verkaufen und als Rentnerin nach Saint-Germain zu ziehen.

Das Haus, in dem sie wohnte und das von einem ziemlich großen Garten umgeben war, den ein schlechter Lattenzaun einschloß, glich den scheußlichen Hütten, die sich die kleinen Bauern in der Umgebung von Paris bauen. Mörtel und Bausteine, die in Nanterre, dessen Gebiet übersät ist mit unter freiem Himmel abgebauten Steinbrüchen, wie man sie ziemlich häufig in der Umgegend von Paris zu sehen bekommt, reichlich vorhanden sind, waren in aller Eile und ohne jede architektonische Idee zusammengeschichtet. Das ist fast immer die Hütte des zivilisierten Wilden. Dieses Haus bestand aus einem Erdgeschoß und einem ersten Stock, über dem sich Mansarden erstreckten.

Der Steinbrecher, der der Gatte dieser Frau gewesen war und das Haus erbaut hatte, hatte vor alle Fenster sehr feste Eisengitter gelegt. Die Eingangstür war von auffallender Festigkeit. Der Verstorbene hatte gewußt, daß er da auf dem Lande allein wohnte, und auf was für einem Lande! Seine Kundschaft bestand aus den größten Pariser Maurermeistern; er hatte also die wichtigsten Baumaterialien zu seinem Hause, das fünfhundert Schritte von seinem Steinbruch entfernt lag, auf seinem Wagen mitgebracht, wenn sie leer zurückkehrten. Er wählte in Pariser Abbrüchen all das aus, was ihm zusagte, und kaufte es um sehr geringes Geld. Fenster, Gitter, Türen, Läden, Zimmerwerk, alles stammte aus erlaubten Entwendungen und den Geschenken, die ihm seine Kunden gemacht hatten; und er hatte die Geschenke gut und vorsichtig ausgewählt. Waren zwei Fensterrahmen vorhanden, so nahm er den besseren. Das Haus, vor dem ein ziemlich umfangreicher Hof mit den Ställen lag, war nach der Straße zu von Mauern umschlossen. Ein starkes Gitter diente als Tor. Außerdem herbergten in den Ställen Wachhunde, und ein kleiner Hund verbrachte die Nacht im Hause. Hinter dem Hause lag ein Garten von etwa einem Hektar.

Als nun die Frau des Steinbrechers kinderlose Witwe geworden war, blieb sie mit einer einzigen Dienerin im Hause wohnen. Der Erlös des verkauften Steinbruchs hatte die Schulden des Steinbrechers gedeckt, der vor zwei Jahren gestorben war. Die einzige Habe der Witwe war dieses verlassene Haus, in dem sie Hühner und Kühe aufzog, deren Eier und Milch sie in Nanterre verkaufte. Da sie keinen Stallknecht, keinen Fuhrmann und keine Steinbruchsarbeiter mehr beschäftigte – denn diese Arbeiter hatte der Verstorbene für alle Arbeiten benutzt –, so bebaute sie ihren Garten nicht mehr, sondern schnitt nur das wenige Gras und Gemüse, das die Natur auf diesem steinigen Boden wachsen ließ.

Der Erlös des Hauses mochte zusammen mit der Erbschaft sieben- bis achttausend Franken bringen, und die Frau sah sich schon in Saint-Germain mit den sieben- bis achthundert Franken Rente, die sie aus ihren achttausend Franken zu ziehen hoffte, ein glückliches Leben führen. Sie hatte schon mehrere Unterredungen mit dem Notar von Saint-Germain gehabt, denn sie wollte ihr Geld nicht dem Weinhändler in Nanterre geben, der sie darum bat. So standen die Dinge, als man eines Tages weder die Witwe Pigeau noch ihre Magd mehr zu sehen bekam. Das Gitter des Hofes, die Eingangstür des Hauses, die Läden, alles war geschlossen. Nach drei Tagen nahm die Gerichtsbarkeit, der man von diesem Stand der Dinge Meldung machte, eine Untersuchung vor. Herr Popinot, der Untersuchungsrichter, kam mit dem Staatsanwalt aus Paris; ihre Feststellungen waren die folgenden:

Weder das Hofgitter noch die Eingangstür des Hauses trugen Spuren eines Einbruches. Der Schlüssel stak von innen in der Haustür. Keine Eisenstange war angetastet worden. Die Schlösser, Läden, alle Verschlüsse waren unberührt. Die Mauern zeigten keine Spur, die einen Durchbruch der Übeltäter wahrscheinlich machte. Die tönernen Schornsteine, die keinen gangbaren Ausgang boten, hatten unmöglich als Eingang dienen können. Die Firstsparren waren unberührt und zeugten von keinerlei Gewalt. Als man in die Zimmer des ersten Stocks eindrang, fanden die Richter und Bibi-Lupins Gendarmen die Witwe Pigeau erdrosselt in ihrem Bett, die Magd lag erdrosselt in dem ihren; beide waren mit ihren Kopftüchern getötet worden. Die dreitausend Franken waren gestohlen und ebenso die Gedecke und die Goldsachen. Die beiden Leichen waren schon in Verwesung übergegangen, ebenso die des kleinen Hundes und eines großen Hofhundes. Man untersuchte den Lattenzaun des Gartens und fand nichts zerbrochen. Im Garten zeigten die Gänge keinerlei Fußspuren. Es schien dem Untersuchungsrichter wahrscheinlich, daß der Mörder auf dem Gras gegangen war, um keinen Abdruck seines Fußes zu hinterlassen, wenn er nämlich von dort gekommen war; wie aber hatte er in das Haus eindringen können? Auf der Gartenseite hatte die Tür ein Oberlicht, das von drei unbeschädigten Eisenstangen geschützt wurde. Auch auf dieser Seite stak der Schlüssel wie in der Haustür auf der Hofseite innen im Schloß.

Als Herr Popinot, Bibi-Lupin, der einen ganzen Tag blieb, um alles zu beobachten, der Staatsanwalt selbst und der Brigadier von Nanterre diese Unmöglichkeiten einmal sicher festgestellt hatten, wurde der Mord zu einem grauenhaften Problem, in dem Polizei und Justiz unterliegen sollten.

Dieses Drama, das die Gerichtszeitung veröffentlichte, hatte sich im Winter 1828 auf 1829 ereignet. Gott weiß, welches neugierige Interesse das unheimliche Abenteuer in Paris erregte; aber Paris, das jeden Morgen neue Dramen zu verschlucken hat, vergißt alles. Nur die Polizei vergißt nichts. Drei Monate nach diesen fruchtlosen Untersuchungen wollte eine öffentliche Dirne, die den Agenten Bibi-Lupins durch ihre Ausgaben aufgefallen war und wegen ihres Verkehrs mit ein paar Dieben überwacht wurde, durch eine ihrer Freundinnen zwölf Gedecke, eine goldene Uhr und eine goldene Kette verpfänden. Die Freundin weigerte sich. Die Sache kam Bibin-Lupin zu Ohren, und er entsann sich der zu Nanterre gestohlenen zwölf Gedecke mit Uhr und Kette. Alsbald wurden alle Beamten in den Leihhäusern und alle Hehler von Paris gewarnt, und Bibi-Lupin unterwarf Manon, die Blonde, einer furchtbaren Beobachtung.

Man erfuhr bald darauf, daß Manon, die Blonde, wahnsinnig in einen jungen Burschen verliebt sei, den man fast niemals sah, denn man sagte, er sei taub gegen alle Liebesbeweise der blonden Manon. Geheimnis über Geheimnis. Diesen jungen Mann bekam man, als er der Aufmerksamkeit der Spione empfohlen wurde, bald zu sehen, dann erkannte man in ihm einen ausgebrochenen Sträfling, den berühmten Helden der korsischen Vendetten, den schönen Theodor Calvi, genannt Magdalene.

Man hetzte einen jener doppelgesichtigen Hehler, die zugleich den Dieben und der Polizei dienen, wider Theodor, und er versprach ihm, die Gedecke und die goldene Uhr mit Kette zu kaufen. In dem Augenblick, als der Alteisenhändler der Cour Saint-Guillaume dem als Frau verkleideten Theodor das Geld hinzählte, es war halb elf Uhr abends, kam die Polizei, verhaftete Theodor und beschlagnahmte die Gegenstände.

Die Untersuchung begann auf der Stelle. Auf Grund so schwacher Indizien war es, im Stil der Staatsanwaltschaft, unmöglich, ›eine Verurteilung zum Tode durchzusetzen‹. Nie widersprach Calvi sich. Er ließ sich nicht fangen: er sagte, eine Frau vom Lande habe ihm in Argenteuil diese Gegenstände verkauft, und als er sie erstanden hatte, hätte ihn das Gerücht von dem zu Nanterre begangenen Mord darüber aufgeklärt, wie gefährlich der Besitz dieser Gedecke und dieser Uhr und Kette wäre; denn da sie in dem Verzeichnis des Nachlasses jenes Pariser Weinhändlers, des Onkels der Witwe Pigeau, geschildert waren, so erwiesen sie sich als die gestohlenen Gegenstände. Schließlich, sagte er, sei er durch das Elend gezwungen worden, die Dinge zu verkaufen, und er habe sich ihrer durch Vermittlung einer noch unverdächtigen Person entledigen wollen.

Aus dem entsprungenen Sträfling war nichts herauszubekommen; er verstand es, durch sein Schweigen und seine Festigkeit den Glauben zu erwecken, der Weinhändler von Nanterre habe das Verbrechen begangen, und die Frau, von der er die kompromittierenden Dinge hätte, sei die Gattin dieses Händlers. Der unglückliche Verwandte der Witwe Pigeau und seine Frau wurden verhaftet; aber nach acht Tagen der Haft und einer genauen Untersuchung wurde festgestellt, daß weder der Gatte noch die Frau zur Zeit des Verbrechens ihre Wohnung verlassen hatten. Übrigens erkannte auch Calvi in der Gattin des Weinhändlers die Frau, die ihm nach seiner Behauptung die Silber- und Goldsachen verkauft hatte, nicht wieder.

Da Calvis Konkubine, die in den Prozeß verwickelt war, überführt wurde, von dem Augenblick des Verbrechens an, bis Calvi das Silber und die Goldsachen verpfänden wollte, etwa tausend Franken ausgegeben zu haben, so schienen diese Indizien hinreichend, um den Sträfling und seine Konkubine vor das Schwurgericht zu stellen. Da dieser Mord der achtzehnte war, den Theodor begangen hatte, wurde er zum Tode verurteilt, denn er schien der Urheber dieses so geschickt begangenen Verbrechens zu sein. Wenn er die Weinhändlerin von Nanterre nicht wiedererkannte, so wurde dafür er von der Frau und dem Gatten wiedererkannt. Die Voruntersuchung hatte durch zahlreiche Zeugenaussagen festgestellt, daß Theodor sich etwa einen Monat lang in Nanterre aufgehalten hatte; er hatte dort bei Maurern gedient; sein Gesicht war stets mit Gips bestäubt, seine Kleidung schlecht. Zu Nanterre schrieb jeder diesem Burschen, der einen Monat lang dieses ›Ding ausbaldowert‹ hatte, etwa achtzehn Jahre zu.

Die Staatsanwaltschaft glaubte an Mitschuldige. Man maß die Innenseite der Schornsteinrohre, um sie mit dem Leibesumfang der blonden Manon zu vergleichen, denn man wollte sehen, ob etwa sie durch die Schornsteine hätte eindringen können; aber kein Kind von sechs Jahren hätte durch die tönernen Rohre hinabzugleiten vermocht, die die moderne Architektur an die Stelle der weiten Rauchschächte von ehedem gesetzt hat. Wäre nicht dieses sonderbare und aufregende Geheimnis gewesen, so wäre Theodor schon vor einer Woche hingerichtet worden. Der Gefängnisgeistliche hatte, wie man gesehen hat, einen vollständigen Mißerfolg erlebt.

Diese Angelegenheit und Calvis Name waren Jakob Collins Aufmerksamkeit entgangen, weil er damals mit seinem Kampf gegen Contenson, Corentin und Peyrade beschäftigt war. Betrüg-den-Tod versuchte übrigens, die ›Freunde‹ und alles, was den Justizpalast anging, so gründlich wie nur möglich zu vergessen. Er zitterte vor einer Begegnung, die ihn mit einer Spitze zusammengeführt hätte; denn man hätte Abrechnung von dem Dab verlangt, die er unmöglich zu liefern vermochte.

Der Direktor der Conciergerie begab sich auf der Stelle in die Räume des Oberstaatsanwalts, und er fand dort den Ersten Staatsanwalt im Gespräch mit Herrn von Granville; er hielt den Hinrichtungsbefehl in der Hand. Herr von Granville, der die ganze Nacht im Hotel Sérizy zugebracht hatte, war, obwohl von Mattigkeit und Schmerz übermannt, denn die Ärzte wagten noch nicht zu versprechen, daß die Gräfin ihre Vernunft behalten würde, wegen dieser wichtigen Hinrichtung gezwungen, seinem Bureau ein paar Stunden zu widmen. Nachdem Herr von Granville ein paar Worte mit dem Direktor gewechselt hatte, nahm er dem Ersten Staatsanwalt den Hinrichtungsbefehl ab und überreichte ihn Gault.

»Die Hinrichtung soll vor sich gehen,« sagte er, »wenn nicht außergewöhnliche Umstände eintreten, über die Sie selber urteilen mögen. Man mag die Errichtung des Schafotts bis halb elf verzögern; Ihnen bleibt also noch eine Stunde. An einem solchen Morgen sind Stunden so viel wert wie Jahrhunderte, und in einem Jahrhundert finden viele Ereignisse Raum. Erwecken Sie nicht den Anschein eines Aufschubs. Man nehme, wenn es nötig ist, die Toilette vor; wenn nicht irgendeine Enthüllung eintritt, so überreichen Sie Sanson um halb zehn den Befehl. Er mag warten.«

In dem Augenblick, als der Direktor des Gefängnisses das Zimmer des Staatsanwalts verließ, begegnete er in dem Gewölbe des Ganges, der in die Galerie einmündet, Herrn Camusot, der auf dem Wege zur Staatsanwaltschaft war. Er hatte also ein rasches Gespräch mit dem Richter; und nachdem er ihn über alles unterrichtet hatte, was in der Conciergerie mit Jakob Collin vorging, stieg er hinab, um die Gegenüberstellung von Betrüg-den-Tod mit Magdalene einzuleiten. Aber er erlaubte dem angeblichen Geistlichen nicht eher mit dem zum Tode Verurteilten zu sprechen, als bis Bibi-Lupin, der sich ausgezeichnet als Gendarm verkleidete, den ›Hammel‹, der den jungen Korsen überwachte, abgelöst hatte.

Man kann sich nicht vorstellen, mit welchem tiefen Erstaunen die drei Sträflinge sahen, daß ein Aufseher kam und Jakob Collin holte, um ihn in die Kammer des zum Tode Verurteilten zu führen; sie sprangen mit einem einzigen, gleichzeitigen Satz zu dem Stuhl, auf dem Jakob Collin saß.

»Es ist heute, nicht wahr, Herr Julian?« fragte Seidenfaden den Aufseher. »Gewiß, Charlot ist da,« erwiderte der Aufseher mit vollkommener Gleichgültigkeit.

Das Volk und alle Angehörigen der Gefängnisse nennen so den Pariser Scharfrichter. Der Spitzname stammt aus der Revolution von 1789. Der Name rief tiefe Sensation hervor. Alle Gefangenen sahen einander an.

»Es ist aus!« fuhr der Aufseher fort; »Herr Gault hat den Vollstreckungsbefehl erhalten, und das Urteil ist eben schon verlesen worden.« »Also«, sagte La Pouraille, »hat die schöne Magdalene alle Sakramente bekommen? . . .« Er schluckte einen letzten Atemzug hinunter. »Der arme kleine Theodor!« rief Le Biffon, »er ist so nett! Es ist schade, wenn einer in seinem Alter ›in den Sack spucken‹ soll . . .«

Der Aufseher ging auf das Portal zu, denn er glaubte, Jakob Collin folge ihm; aber der Spanier ging langsam, und als er zehn Schritte hinter Julian zurückgeblieben war, schien es, als käme ihn eine Schwäche an, so daß er La Pouraille durch eine Geste um seinen Arm bat. »Das ist ein Mörder,« sagte Napolitas zu dem Priester, indem er auf La Pouraille deutete und seinerseits seinen Arm anbot. »Nein, für mich ist er ein Unglücklicher!« erwiderte Betrüg-den-Tod mit Geistesgegenwart und der Salbung des Erzbischofs von Cambrai. Und er entfernte sich von Napolitas, der ihm auf den ersten Blick sehr verdächtig erschienen war; dann sagte er mit leiser Stimme zu den Spitzen: »Er steht auf der untersten Stufe der Abtei; aber ich bin der Prior! Ich will euch zeigen, wie ich den Storch reinlegen kann! Ich will ihm diesen Kopf aus den Krallen reißen!« »Wegen seiner Hose?« fragte Seidenfaden lächelnd. »Ich will diese Seele für den Himmel retten!« erwiderte Jakob Collin betrübt, als er sah, daß ein paar andere Gefangene sie umringten. Und er holte beim Portal den Aufseher ein.

»Er ist gekommen, um Magdalene zu retten,« sagte Seidenfaden, »wir haben richtig geraten. Was für ein Dab!« »Aber wie? . . . Die Husaren der Guillotine sind schon da; er wird ihn nicht einmal sehen!« wandte Le Biffon ein. »Er hat den Bäcker auf seiner Seite!« rief La Pouraille. »Der – und unsere Philipper stibitzen!« »Er liebt seine Freunde zu sehr! Er braucht uns! Sie wollten, daß wir ihn lieferten! Wir sind keine Tölpel! Wenn er seine Magdalene rettet, hat er meine Verschwiegenheit!« Dieses letzte Wort hatte die Wirkung, daß es die Ergebenheit der drei Sträflinge für ihren Gott noch befestigte; denn in diesem Augenblick wurde ihr berühmter Dab zu ihrer ganzen Hoffnung.

Jakob Collin fiel trotz der Gefahr, in der Magdalene schwebte, nicht aus der Rolle. Dieser Mensch, der die Conciergerie genau so gut kannte wie die drei Bagnos, verirrte sich so natürlich, daß der Aufseher jeden Augenblick sagen mußte: »Hier! . . . Da!« bis sie in die Kanzlei kamen. Dort sah Collin auf den ersten Blick einen großen, dicken Menschen, dessen rotes Gesicht einer gewissen Vornehmheit nicht entbehrte, am Ofen lehnen; und er erkannte Sanson.

»Der Herr ist der Geistliche,« sagte Collin, indem er mit der gutmütigsten Miene auf ihn zuging. Dieser Irrtum war so grauenhaft, daß alle Zuschauer erstarrten. »Nein, Herr Abbé,« sagte Sanson, »ich habe andere Obliegenheiten.«

Sanson, der Vater des letzten Scharfrichters aus diesem Hause, denn der ist kürzlich seines Amtes entsetzt worden, war der Sohn dessen, der Ludwig XVI. hingerichtet hatte. Vierhundert Jahre hatte die Familie dies Amt verwaltet, da hatte der Erbe so vieler Folterknechte versucht, die Bürde auszuschlagen. Die Sansons waren zudem schon zweihundert Jahre lang in Rouen Henker gewesen, ehe sie mit dem ersten Amte des Königreichs bekleidet wurden, und immer vollstreckte seit dem dreizehnten Jahrhundert nach dem Vater der Sohn die Wahrsprüche der Gerichtsbarkeit. Es gibt wenig Familien, die ein Amt oder einen Adel aufzuweisen haben, der sich vom Vater auf den Sohn sechs Jahrhunderte lang vererbt hat. In dem Augenblick, in dem dieser junge Mann, der es bis zum Rittmeister gebracht hatte, eine schöne Heereslaufbahn vor sich liegen sah, verlangte sein Vater, daß er zurückkehrte, um ihm bei der Hinrichtung des Königs zu helfen. Dann machte er seinen Sohn zu seinem Gehilfen; denn 1793 standen dauernd zwei Schafotte: das eine an der Barrière du Trône, das andere auf dem Richtplatz. Dieser furchtbare Beamte, der damals sechzig Jahre alt war, zeichnete sich durch vortreffliche Haltung, durch ein sanftes und gesetztes Wesen und durch eine große Verachtung für Bibi-Lupin und seine Gefolgsleute, die Lieferanten für die Maschine, aus. Das einzige Anzeichen, das bei diesem Manne das Blut der alten Folterknechte des Mittelalters verriet, war die furchtbare Breite und Dicke der Hände. Übrigens war er ziemlich gebildet, legte großen Wert auf seine Eigenschaft als Bürger und Wähler und liebte leidenschaftlich die Gärtnerei; der große, dicke, ruhige und schweigsame Mensch mit der hohen und kahlen Stirn, der leise sprach, glich weit eher einem Mitglied der englischen Aristokratie als einem Scharfrichter. Daher mußte ein spanischer Stiftsherr wohl den Irrtum begehen, den Jakob Collin absichtlich beging.

»Das ist kein Sträfling,« sagte der Oberaufseher zu dem Direktor. ›Ich fange an, es zu glauben,‹ sagte Herr Gault bei sich selber, indem er seinem Untergebenen mit dem Kopf einen Wink gab.

Jakob Collin wurde in das kellerartige Gelaß geführt, in dem der junge Theodor, angetan mit der Zwangsjacke, auf dem Rand seines scheußlichen Feldbettes saß. Betrüg-den-Tod erkannte in dem Licht, das einen Augenblick vom Gang hereinfiel, auf der Stelle in dem Gendarmen Bibi-Lupin, der, auf seinen Säbel gestützt, aufrecht dastand.

»Io sono Gaba-Morte. Parla nostro Italiano,« sagte Jakob Collin lebhaft. »Vengo ti salvar.« (Ich bin Betrüg-den-Tod, laß uns italienisch sprechen; ich komme, dich zu retten.)

Alles, was die beiden Freunde sich zu sagen hatten, mußte dem falschen Gendarmen unverständlich bleiben, und da Bibi-Lupin angeblich den Gefangenen zu bewachen hatte, konnte er seinen Posten nicht verlassen. Die Wut des Chefs des Sicherheitsdienstes läßt sich nicht beschreiben.

Theodor Calvi, ein junger Mensch von blasser und grünlicher Gesichtsfarbe, blondem Haar, hohlen und trübblauen Augen, gutem Körperbau und ungeheurer Muskelkraft, die sich unter jener lymphatischen Erscheinung barg, wie sie die Südländer bisweilen zeigen, hätte ohne die gebogenen Brauen, ohne die niedrige Stirn, die ihm etwas Unheimliches gab, ohne die wilde Grausamkeit der roten Lippen und ohne jenes Zucken der Muskeln, das jene den Korsen eigene ungewöhnliche Reizbarkeit verriet, wie sie diese Leute in einem jähen Streit so schnell zum Morde treibt, das reizendste Gesicht gehabt.

Theodor hob, von Staunen erfüllt, beim Klang dieser Stimme jäh den Kopf und glaubte an eine Halluzination; da er aber durch den zweimonatigen Aufenthalt mit der tiefen Finsternis in diesem Quaderkasten vertraut geworden war, so seufzte er, als er den falschen Geistlichen erblickte, tief auf. Er erkannte Jakob Collin nicht mehr, denn sein Gesicht, das durch die Wirkung der Schwefelsäure ganz vernarbt war, schien ihm nicht das seines Dab zu sein. »Ich bin es, dein Jakob; ich bin als Priester hier und will dich retten. Mach nicht die Dummheit, mich zu erkennen; tu, als beichtest du.« Das wurde sehr schnell gesagt.

»Dieser junge Mensch ist ganz niedergeschlagen; er hat Angst vor dem Tode, er wird alles eingestehen,« sagte Jakob Collin zu dem Gendarmen.

»Sag mir etwas, was mir beweist, daß du ›er‹ bist, denn du hast nur seine Stimme,« sagte Theodor.

»Sehen Sie, er sagt, er sei unschuldig, der arme Unglückliche!« fuhr Jakob Collin, zu dem Gendarmen gewandt, fort. Bibi-Lupin wagte nichts zu sagen, weil er erkannt zu werden fürchtete.

»Sempre-mi!« erwiderte Jakob Collin, indem er sich wieder zu Theodor wandte und ihm dieses Losungswort ins Ohr flüsterte. »Sempre-ti!« sagte der junge Mann, indem er die Losung ergänzte. »Es ist mein Dab . . .« »Hast du's getan?« »Ja.« »Erzähle mir alles, damit ich sehe, was ich anfangen muß, um dich zu retten; es ist Zeit, Charlot ist da.«

Der Korse warf sich alsbald auf die Knie, und es sah aus, als wollte er beichten. Bibi-Lupin wußte nicht, was er beginnen sollte; denn diese Unterhaltung ging so schnell, daß sie kaum die Zeit in Anspruch nahm, während der sie gelesen wird. Theodor erzählte schnell die schon bekannten Umstände seines Verbrechens, von denen Jakob Collin freilich nichts wußte. »Die Geschwornen haben mich ohne Beweise verurteilt,« sagte er zum Schluß. »Kind, du streitest noch, während man dir schon die Haare schneiden will! . . .« »Aber es ist doch ganz gut möglich, daß ich nur beauftragt war, die Sachen zu versetzen. So richtet man! Und noch dazu in Paris!« »Aber wie hast du die Sache gemacht?« »Ach so. Seit ich dich nicht mehr gesehen habe, habe ich die Bekanntschaft eines kleinen korsischen Mädchens gemacht, die mir begegnete, als ich in Pantin (Paris) ankam.« »Männer, die dumm genug sind, die Weiber zu lieben,« rief Jakob Collin, »kommen immer dadurch um! Weiber sind Tiger in Freiheit, Tiger, die schwätzen und sich im Spiegel besehen! . . . Du bist nicht klug gewesen!« »Aber . . .« »Laß sehen, wozu hat sie gedient, dies verfluchte Weib? . . .« »Dies entzückende Ding ist hoch wie ein Holzscheit, dünn wie ein Aal und behend wie ein Affe; die ist durch den Schornstein geklettert und hat mir die Tür aufgemacht. Die Hunde, die wir mit Fleischklößen gefüttert hatten, waren tot. Ich habe die beiden Frauen kalt gemacht. Als ich das Geld hatte, hat Ginetta die Tür wieder zugeschlossen und ist oben herausgeklettert.« »Eine so schöne Erfindung verdient das Leben!« sagte Jakob Collin, indem er die Ausführung des Verbrechens bewunderte, wie ein Ziseleur das Modell einer Statuette bewundert. »Ich habe die Dummheit begangen, so viel Talent für tausend Taler zu entfalten! . . .« »Nein, für eine Frau!« erwiderte Collin. »Und dabei hatte ich dir gesagt, daß sie uns um den Verstand bringen! . . .« Jakob Collin warf einen von Verachtung flammenden Blick auf Theodor. »Du warst nicht da!« erwiderte der Korse, »ich war ganz verlassen.« »Und liebst du diese Kleine?« fragte Betrüg-den-Tod, da er fühlte, daß in dieser Antwort ein Vorwurf lag. »Ach, wenn ich am Leben bleiben will, so will ich es jetzt mehr für dich als für sie.« »Sei ruhig! Ich heiße nicht umsonst Betrüg-den-Tod! Ich verbürge mich für dich!« »Wie! Leben? . . .« rief der junge Korse, indem er seine umwickelten Arme zum feuchten Gewölbe des Kerkers hob. »Meine kleine Magdalene, mach dich bereit, auf Lebenszeit auf die Wiese zurückzukehren,« erwiderte Jakob Collin. »Darauf mußt du dich gefaßt machen, mit Rosen wird man dich nicht krönen, wie den fetten Ochsen! . . . Wenn sie uns schon nach Rochefort geschickt haben, so wollen sie uns los werden! Aber ich werde dich nach Toulon schicken lassen, du brichst aus und kehrst nach Pantin zurück, wo ich dir eine nette kleine Existenz verschaffen werde . . .«

Ein Seufzer, wie ihrer noch nicht viele unter diesem unbeugsamen Gewölbe erklungen waren, ein Seufzer, den das Glück der Rettung ausstieß, schlug gegen den Stein, der diesen unvergleichlich musikalischen Ton dem verblüfften Bibi-Lupin ins Ohr warf.

»Das ist die Folge der Absolution, die ich ihm wegen seiner Enthüllungen versprochen habe,« sagte Jakob Collin zu dem Chef der Sicherheitspolizei. »Diese Korsen, sehen Sie, Herr Gendarm, sind voll des Glaubens! Aber er ist unschuldig wie das Jesuskindlein, und ich werde versuchen, ihn zu retten . . .« »Gott sei mit Ihnen, Herr Abbé!« sagte Theodor auf französisch.

Betrüg-den-Tod, der mehr als je Carlos Herrera und Stiftsherr war, verließ die Kammer des Verurteilten, stürzte in den Gang und spielte, als er vor Herrn Gault trat, helles Entsetzen. »Herr Direktor, dieser junge Mann ist unschuldig, er hat mir den Schuldigen verraten! . . . Er wollte aus falschem Ehrgefühl sterben . . . Er ist ein Korse! Gehen Sie«, sagte er, »und bitten Sie den Herrn Oberstaatsanwalt um fünf Minuten Gehör für mich. Herr von Granville wird sich nicht weigern, auf der Stelle einen spanischen Priester anzuhören, der so sehr unter den Irrtümern der französischen Rechtsprechung leidet!« »Ich gehe hin!« erwiderte Herr Gault zum großen Erstaunen aller Zuschauer dieser außerordentlichen Szene. »Aber«, sagte Jakob Collin, »lassen Sie mich inzwischen wieder auf den Hof führen, denn ich will die Bekehrung eines Verbrechers vollenden, den ich schon bis ins Herz gerührt habe . . . Sie haben noch ein Herz, diese Leute!«

Diese Anrede hatte eine Bewegung unter all denen zur Folge, die anwesend waren. Die Gendarmen, der Kanzlist, Sanson, die Aufseher und der Gehilfe des Scharfrichters, die auf den Befehl warteten, daß ›die Maschine errichtet werden‹ sollte, all diese Menschen, an denen die Empfindungen abgleiten, wurden von einer sehr begreiflichen Neugier erfaßt.

In diesem Augenblick hörte man den Lärm einer mit prachtvollen Pferden bespannten Equipage, die auf dem Kai vor dem Gitter der Conciergerie in bezeichnender Weise anhielt. Der Wagenschlag wurde so lebhaft geöffnet, der Tritt so schnell hinabgeschlagen, daß jedermann glaubte, es sei eine große Persönlichkeit eingetroffen. Bald darauf zeigte sich am Gitter eine Dame, die ein blaues Papier schwang; ihr folgten ein Lakai und ein Jäger. Sie war ganz in Schwarz, aber prunkvoll gekleidet, und ihr Hut war mit einem Schleier bedeckt; sie wischte sich mit einem sehr großen gestickten Taschentuch die Tränen ab.

Jakob Collin erkannte auf der Stelle Asien oder, um dieser Frau ihren wahren Namen zurückzugeben, Jakobine Collin, seine Tante. Diese furchtbare Alte, die ihres Neffen würdig war, deren sämtliche Gedanken auf den Gefangenen konzentriert waren und die ihn mit einer Intelligenz und einem Scharfblick verteidigte, die denen der Justiz mindestens gleichkamen, hatte einen Erlaubnisschein, der am Tage zuvor auf den Namen einer Kammerfrau der Herzogin von Maufrigneuse ausgestellt worden war; und zwar war er auf Empfehlung des Herrn von Sérizy zu dem Zweck erteilt worden, daß sie mit Lucien und dem Abbé Carlos Herrera sprechen dürfte, sowie er nicht mehr in strengem Gewahrsam war; der Abteilungschef, der die Gefängnisse zu verwalten hatte, hatte ihn mit einer eigenhändigen Bemerkung versehen. Das Papier verriet schon durch seine Färbung mächtige Empfehlungen, denn solche Erlaubnisscheine unterscheiden sich wie die Vorzugsbillette im Theater durch ihre Form und ihr Aussehen von anderen.

Daher öffnete denn auch der Schließer sofort das Gitter; vor allem, als er den Jäger mit dem Federbusch erblickte, dessen Kostüm in Grün und Gold glänzte wie das eines russischen Generals und auf eine aristokratische Besucherin mit einem fast königlichen Wappen deutete.

»Ah, mein teurer Abbé!« rief die falsche große Dame, die einen Tränenstrom vergoß, als sie den Geistlichen bemerkte, »wie hat man einen so heiligen Mann auch nur auf einen Augenblick hierher bringen können?«

Der Direktor nahm den Erlaubnisschein und las: ›Auf Empfehlung Seiner Exzellenz des Grafen von Sérizy.‹

»Ah, Frau von San-Esteban! Frau Marquise,« sagte Carlos Herrera, »welch schöne Hingebung!« »Gnädige Frau, hier darf nicht so mit den Gefangenen verkehrt werden,« sagte der gute alte Gault. Und er hielt selbst dieses Faß von schwarzem Moiré und Spitzen in seinem Gange auf. »Aber auf diese Entfernung!« sagte Jakob Collin, »und in Ihrer Gegenwart!« fügte er hinzu, indem er einen Blick rings auf die Versammlung warf.

Die Tante, deren Toilette den Kanzlisten, den Direktor, die Aufseher und die Gendarmen blenden mußte, roch stark nach Moschus. Sie trug außer Spitzen im Werte von tausend Talern einen schwarzen Kaschmirschal für sechstausend Franken. Und der Jäger stelzte auf dem Hof der Conciergerie mit der Unverschämtheit eines Lakaien umher, der weiß, daß er einer anspruchsvollen Prinzessin unentbehrlich ist. Mit dem Lakaien, der an dem bei Tage stets geöffneten Tor nach dem Kai zu stand, sprach er kein Wort.

»Was willst du, was soll ich tun?« fragte Frau von San-Esteban in dem Rotwelsch, das zwischen dem Neffen und der Tante verabredet war.

Diese Sprache kam dadurch zustande, daß man Endungen auf ar oder or, al oder i anhing, so daß die Worte des Französischen oder des Rotwelsch durch die Verlängerung entstellt wurden. Es war eine Anwendung der diplomatischen Chiffreschrift auf die Sprache.

»Bringe alle Briefe in Sicherheit, nimm die, die eine jede der beiden Damen am schwersten kompromittieren, und kehre als Diebin in die Vorhalle zurück; dort erwarte meine Befehle.« Asien oder Jakobine kniete nieder, als wollte sie seinen Segen empfangen, und der falsche Abbé segnete seine Tante mit evangelischer Zerknirschung. »Addio, Marchesa,« sagte er mit lauter Stimme. »Und«, fügte er in ihrer vereinbarten Sprache hinzu, »suche mir Paccard und Europa mit den siebenhundertfünfzigtausend Franken wieder, die sie gestohlen haben; wir brauchen sie.« »Paccard steht dort,« entgegnete die fromme Marquise, indem sie mit Tränen in den Augen auf den Jäger zeigte.

Daß sie so seinen Wunsch verständnisvoll schon im voraus erfüllt hatte, entriß diesem Menschen, der nur über seine Tante noch erstaunen konnte, nicht nur ein Lächeln, sondern auch eine Bewegung der Überraschung. Die falsche Marquise wandte sich als eine Frau, die gewohnt ist, sich im Mittelpunkt aller Blicke zu sehen, an die Zeugen dieser Szene und sagte in schlechtem Französisch: »Er ist in Verzweiflung, daß er nicht zum Begräbnis seines Sohnes gehen kann; denn dieser abscheuliche Irrtum der Justiz hat das Geheimnis des heiligen Mannes enthüllt! . . . Ich werde der Totenmesse beiwohnen. Hier, Herr Direktor,« sagte sie zu Herrn Gault, indem sie ihm eine Börse voll Gold gab, »nehmen Sie das, um den armen Gefangenen eine Freude zu machen.« »Was für ein Schick!« sagte ihr der befriedigte Neffe ins Ohr. Jakob Collin folgte dem Aufseher, der ihn in den Hof hinausführen sollte.

Bibi-Lupin war in heller Verzweiflung; schließlich aber gelang es ihm, sich einem wirklichen Gendarmen bemerklich zu machen, an den er seit Jakob Collins Verschwinden bedeutsame ›Hm! Hm!‹ richtete und der ihn schließlich in der Kammer des Verurteilten ablöste. Immerhin aber kam dieser Feind Betrüg-den-Tods nicht mehr rechtzeitig, um noch die große Dame zu sehen, die eben in ihrer glänzenden Equipage verschwand und deren wenn auch verstellte Stimme ihm noch die heisern Töne einer Säuferin ins Ohr schickte.

»Dreihundert Franken für die Gefangenen! . . .« sagte der Oberaufseher, indem er Bibi-Lupin die Börse zeigte, die Herr Gault seinem Kanzlisten gereicht hatte, »Zeigen Sie, Herr Jacomety,« sagte Bibi-Lupin.

Der Chef des Sicherheitsdienstes nahm die Börse und schüttete sich das Gold in die Hand und untersuchte es aufmerksam. »Gold ist es! . . .« sagte er, »und die Börse trägt ein Wappen! Ach, der Halunke, der versteht es! Der ist vollkommen! Mit jedem Augenblick legt er uns hinein! . . . Man sollte ihn wie einen Hund niederschießen!« »Was gibt es denn?« fragte der Kanzlist. »Was es gibt? Daß die Frau eine Gaunerin ist! . . .« rief Bibi-Lupin, indem er vor Wut mit dem Fuß auf die äußeren Fliesen des Portals stampfte.

Diese Worte riefen unter den Zuschauern, die sich in einem gewissen Abstand um Herrn Sanson gruppiert hatten, lebhafte Sensation hervor. Der Scharfrichter stand immer noch aufrecht da, den Rücken gegen den dicken Ofen im Mittelpunkt dieses ungeheuren gewölbten Saales gelehnt; er erwartete den Befehl, die Toilette des Verbrechers vorzunehmen und auf dem Richtplatz das Schafott zu errichten.

Als Jakob Collin wieder auf den Hof kam, ging er mit dem Schritt des Bewohners der ›Wiese‹ auf seine Freunde zu. »Was hast du auf dem Buckel?« fragte er La Pouraille. »Ich bin geliefert,« sagte der Mörder, den Jakob Collin in einen Winkel geführt hatte. »Jetzt brauche ich einen zuverlässigen Freund.« »Und wozu?« La Pouraille erzählte seinem Führer in Rotwelsch all seine Verbrechen und schilderte ihm den Mord und den Raub an dem Ehepaar Crottat. »Du hast meine Achtung,« sagte Jakob Collin. »Das ist gute Arbeit; aber du scheinst mir einen Fehler gemacht zu haben.« »Welchen?« »Sowie das Ding gedreht war, mußtest du einen russischen Paß bereithalten, dich als russischen Fürsten verkleiden, einen schönen wappengeschmückten Wagen kaufen, dein Gold kühn bei einem Bankier deponieren, einen Kreditbrief für Hamburg verlangen, in Begleitung eines Kammerdieners, einer Kammerfrau und deiner als Fürstin verkleideten Geliebten die Post besteigen und dich dann in Hamburg nach Mexiko einschiffen. Mit zweihundertachtzigtausend Franken in Gold kann ein Bursche von Geist machen, was er will, und gehen, wohin er will, du Tölpel!« »Ah, du hast solche Einfälle, weil du eben der Dab bist! . . . Du verlierst nicht den Kopf! Aber ich . . .« »Nun, ein guter Rat in deiner Lage, das wäre Kraftbrühe für einen Toten,« fuhr Jakob Collin fort, indem er seiner Spitze einen bannenden Blick zuwarf. »Allerdings,« sagte La Pouraille mit zweifelnder Miene; »aber gib deine Kraftbrühe nur her; wenn sie mich nicht mehr satt macht, nehme ich ein Fußbad darin.« »Jetzt hat der Storch dich mit fünf schweren Diebstählen und drei Morden gepackt, deren letzter zwei reiche Bürger getroffen hat . . . Das mögen die Geschwornen nicht, daß man Bürger tötet . . . Du bist zum Transport geliefert, und du hast nicht die geringste Hoffnung mehr! . . .« »Das haben sie mir alle gesagt,« erwiderte La Pouraille wehleidig. »Meine Tante Jakobine, mit der ich mitten in der Kanzlei eine kleine Unterredung gehabt habe und die, wie du weißt, für die Spitzen eine wahre Mutter ist, hat mir gesagt, der Storch wolle dich los sein; so sehr fürchtet er dich.« »Aber«, sagte La Pouraille mit einer Naivität, die beweist, wie sehr die Diebe von ihrem natürlichen Recht, zu stehlen, durchdrungen sind, »ich bin jetzt reich, was also fürchten sie?« »Wir haben jetzt keine Zeit zum Philosophieren,« fuhr Jakob Collin fort, »laß uns auf deine Lage zurückkommen . . .« »Was willst du mit mir anfangen?« fragte La Pouraille, indem er seinen Dab unterbrach. »Das wirst du sehen. Ein toter Hund ist auch noch etwas wert.« »Für die andern!« erwiderte La Pourallle. »Ich nehme dich in mein Spiel hinein!« sagte Jakob Collin. »Das ist schon etwas! . . .« erwiderte der Mörder. »Und . . .?« »Ich frage dich nicht, wo dein Geld ist, aber was du damit beginnen willst!«

La Pouraille spähte mißtrauisch nach dem undurchdringlichen Auge des Dab, der kühl fortfuhr: »Hast du irgendein Weib, das du liebst, ein Kind oder eine Spitze, der du helfen willst? Ich bin in einer Stunde draußen; dann vermag ich alles für die, denen ich wohlwill.«

La Pouraille zögerte noch; er konnte sich immer noch nicht zu einem Entschlusse aufraffen. Da schickte Jakob Collin sein letztes Argument vor. »Dein Anteil an unserer Kasse beträgt dreißigtausend Franken; hinterläßt du die den Spitzen? Schenkst du sie irgend jemandem? Dein Anteil ist in Sicherheit, ich kann ihn heute abend dem übergeben, dem du ihn vermachen willst.« Der Mörder verriet seine Freude durch eine Bewegung. ›Ich habe ihn!‹ sagte Jakob Collin bei sich selber. »Aber keine Umschweife! Denke nach!« fuhr er fort, indem er La Pouraille ins Ohr flüsterte. »Wir haben keine zehn Minuten für uns, mein Alter . . . Der Oberstaatsanwalt wird mich holen lassen, denn ich habe eine Besprechung mit ihm. Ich habe diesen Menschen in meiner Gewalt, ich kann dem Storch den Hals umdrehen! Ich bin sicher, daß ich Magdalene rette.« »Wenn du Magdalene rettest, mein guter Dab, kannst du eigentlich auch mich . . .« »Laß uns unsern Speichel nicht verschwenden,« sagte Jakob Collin mit barscher Stimme, »mach dein Testament.« »Nun, ich möchte der Gonore das Geld geben,« erwiderte La Pouraille wehleidig. »Sieh da, du lebst mit der Witwe des Juden Moses, der an der Spitze der Hausierer des Südens stand?« fragte Jakob Collin.

Gleich den großen Generalen kannte Betrüg-den-Tod die Leute all seiner Truppen wundervoll genau.

»Die ist es,« sagte La Pouraille, im höchsten Grade geschmeichelt. »Hübsche Frau!« sagte Jakob Collin, der sich prachtvoll darauf verstand, diese furchtbaren Maschinen zu treiben. »Das Weib ist gut! Sie hat große Bekanntschaften, und sie ist sehr ehrlich! Sie ist eine vollendete Gaunerin. Ah, du hast dir bei der Gonore Mut geholt! Es ist dumm, sich befördern zu lassen, wenn man ein solches Weib hat. Du Narr! du mußtest einen kleinen ehrlichen Handel anfangen und leben! . . . Und was maust sie?« »Sie wohnt in der Rue Sainte-Barbe; sie führt da ein Haus . . .« »Die also machst du zu deiner Erbin? So weit, mein Lieber, bringen uns diese Lumpen, wenn man dumm genug ist, sie zu lieben . . .« »Ja, aber gib ihr nichts vor meiner Pleite!« »Das ist heilige Pflicht,« sagte Collin in ernstem Ton. »Den Spitzen nichts?« »Nein, die haben mich geliefert!« erwiderte La Pouraille gehässig. »Wer hat dich verkauft? Willst du, daß ich dich räche?« fragte Jakob Collin lebhaft, indem er versuchte, die letzte Empfindung zu wecken, die diese Herzen im entscheidenden Augenblick in Schwingung versetzt. »Wer weiß, meine alte Spitze, ob ich nicht gerade dadurch, daß ich dich räche, für dich mit dem Storch Frieden schließen kann?«

Jetzt sah La Pouraille seinen Dab mit einem Gesicht an, das vor Glück ganz stumpf wurde. »Aber«, erwiderte der Dab auf diesen sprechenden Ausdruck, »in diesem Augenblick spiele ich nur für Theodor Komödie. Wenn der Possen glückt, mein Alter, so bin ich für einen meiner Freunde, und du gehörst dazu, zu vielem imstande!« »Wenn ich es erlebe, daß du die Zeremonie für diesen armen kleinen Theodor auch nur aufschiebst, sieh, dann will ich tun, was du verlangst.« »Aber das ist schon erledigt, ich bin sicher, daß ich seinen Kopf aus den Krallen des Storches rette. Um sich rauszureißen, siehst du, La Pouraille, muß man sich gegenseitig die Hand reichen . . . Ganz allein kann man nichts machen . . .« »Das ist wahr,« rief der Mörder.

Sein Vertrauen war so sehr gewonnen, und sein Glaube an den Dab war so fanatisch, daß er nicht mehr zögerte. La Pouraille gab das Geheimnis seiner Mitschuldigen preis; dieses Geheimnis, das er bisher so gut gehütet hatte. Das war alles, was Jakob Collin wissen wollte.

»Die Geschichte war so. Ruffard, der Agent Bibi-Lupins, war bei dem Ding zu einem Drittel beteiligt, und Godet . . .« »Wollzupfer? . . .« rief Jakob Collin, indem er Ruffard seinen Diebesnamen gab. »Ja. Die Lumpen haben mich verkauft, weil ich ihr Versteck kannte, sie aber meins nicht.« »Du schmierst mir die Stiefel, mein Liebling!« sagte Jakob Collin. »Was?« »Nun sieh,« versetzte der Dab, »wieviel man dabei gewinnt, wenn man sein volles Vertrauen in mich setzt! . . . Jetzt gehört deine Rache schon mit in das Spiel, das ich spiele! . . . Ich verlange nicht, daß du mir dein Versteck sagst; das kannst du im letzten Augenblick tun; aber sag mir alles, was Ruffard und Godet angeht.« »Du bist und bleibst immer unser Dab, ich will kein Geheimnis vor dir haben,« erwiderte La Pouraille; »mein Gold steckt im Keller der Gonore.« »Du fürchtest nichts von deinem Weib?« »Ah, prosit! Sie weiß nichts von meinem Gemansch!« fuhr La Pouraille fort. »Ich hab die Gonore betrunken gemacht, obgleich sie gerade die Rechte ist, um nichts zu sagen, wenn ihr Kopf auch schon unterm Fallbeil liegt. Aber so viel Gold!« »Ja, da wird die Milch des reinsten Gewissens sauer!« versetzte Jakob Collin. »Ich hab also arbeiten können, ohne daß mich ein Gucker sah! Das ganze Geflügel schlief im Hühnerstall. Das Gold liegt drei Fuß unterm Boden hinter den Weinflaschen. Und darüber habe ich eine Schicht Kiesel und Mörtel gelegt.« »Gut,« sagte Jakob Collin; »und die Verstecke der andern?« »Ruffard hat seinen Raub bei der Gonore im Schlafzimmer der Armen; er hat sie dadurch in der Gewalt, denn sie kann als Hehlerin gefaßt werden und ihre Tage in Saint-Lazare beschließen.« »Ach, der Halunke! Wie die Polizei so einen Gauner ausbildet!« sagte Jakob. »Godet hat seinen Anteil bei seiner Schwester, der Feinwäscherin, untergebracht, einem ehrlichen Mädchen, das sich fünf Jahre Loch holen kann, ohne es zu ahnen. Der Kerl hat die Fußbodenbretter aufgehoben und wieder eingefügt; dann ist er durchgegangen.« »Weißt du, was ich von dir will?« sagte jetzt Jakob Collin, indem er einen magnetisierenden Blick auf La Pouraille warf. »Na?« »Du mußt Magdalenens Ding auf dich nehmen . . .« La Pouraille fuhr sonderbar zurück; aber unter dem starren Blick des Dab stand er gleich wieder in gehorsamer Haltung da. »Was, du magst schon nicht? Du mischst dich in mein Spiel ein? Laß sehen! Vier Morde oder drei, ist das nicht ganz dasselbe?« »Vielleicht.« »Beim Meg (Gott) der Spitzen, du hast kein Blut in der Wurmheit (Ader). Und ich wollte dich retten! . . .« »Und wie?« »Dummkopf! Wenn man verspricht, der Familie das Geld zurückzugeben, kommst du mit lebenslänglicher Wiese davon. Ich würde keinen Heller für deinen Kopf geben, wenn man das Geld schon hätte; aber in diesem Augenblick bist du siebenhunderttausend Franken wert, Dummkopf!« »Dab! Dab!« rief La Pouraille in höchstem Glück. »Und«, fuhr Jakob Collin fort, »nicht zu rechnen, daß wir die Morde auf Ruffard schieben . . . Damit ist Bibi-Lupin gesprengt . . . Ich habe ihn fest!«

La Pouraille stand verblüfft vor diesem Gedanken, seine Augen erweiterten sich, und er wurde wie eine Statue. Er war seit drei Monaten in Haft und stand vor seinem Erscheinen vor dem Schwurgericht; seine Berater waren die Freunde in der Force, und mit ihnen hatte er nicht über seine Mitschuldigen gesprochen; er war, nachdem er seine Verbrechen durchgedacht hatte, so ohne jede Hoffnung gewesen, daß dieser Plan all den ›gefaßten‹ Intelligenzen entgangen war. Daher machte ihn denn auch diese Spur von Hoffnung fast blödsinnig.

»Haben Ruffard und Godet schon gefeiert? Haben sie schon welche von ihren Gelben an die Luft geführt?« fragte Jakob Collin. »Sie wagen's nicht,« erwiderte La Pouraille; »die Halunken warten, bis ich gesenst bin. Das hat mir mein Weib durch La Biffe sagen lassen, als die Le Biffon besuchte.« »Nun also, in vierundzwanzig Stunden haben wir ihr Geld!« rief Jakob Collin; »dann können die Schlingel nicht mehr wie du noch etwas zurückerstatten; du bist dann weiß wie Schnee und sie rot von all dem Blut! Du wirst durch mich, dafür sorge ich, ein ehrlicher Bursche, der lediglich von ihnen mitgerissen wurde. Ich habe dein Vermögen, um dir in deinen andern Prozessen Alibis zu verschaffen, und bist du erst auf der Wiese, denn dahin kehrst du zurück, so siehst du zu, daß du ausbrechen kannst . . . Es ist ein scheußliches Leben, aber immer noch ein Leben!« La Pourailles Augen verrieten ein innerliches Delirium. »Alter! mit siebenhunderttausend Franken kann man sich schon betrinken!« sagte Jakob Collin, indem er seinen Freund mit Hoffnung berauschte. »Dab! Dab!« »Ich werde den Justizminister blenden! . . . Ah, Ruffard soll tanzen, da ist ein Spitzel stumpf zu machen. Bibi-Lupin ist gesotten!« »Nun ist es abgemacht!« rief La Pouraille in wilder Freude; »befiehl, ich gehorche.« Und er drückte Jakob Collin an die Brust, indem er Freudentränen in den Augen zeigte; so sehr erschien es ihm als möglich, seinen Kopf zu retten.

»Das ist noch nicht alles,« sagte Jakob Collin; »der Storch hat eine schwere Verdauung, vor allem bei Fieberrückfällen« (Enthüllungen neuer belastender Tatsachen). »Jetzt handelt es sich darum, eine Frau reinzulegen.« »Wieso? Wozu?« fragte der Mörder. »Hilf mir, du wirst schon sehen,« erwiderte Betrüg-den-Tod.

Jakob Collin enthüllte La Pouraille in Kürze das Geheimnis des zu Nanterre begangenen Verbrechens; er machte ihm klar, wie notwendig es sei, eine Frau zu finden, die sich bereitfinden ließ, die Rolle der Ginette zu übernehmen. Dann ging er mit dem ganz lustig gewordenen La Pouraille zu Le Biffon.

»Ich weiß, wie sehr du La Biffe liebst . . .« sagte Jakob Collin zu Le Biffon. Der Blick, den Le Biffon ihm zuwarf, war ein ganzes Gedicht des Grauens. »Was wird sie machen, während du auf der Wiese bist?« Eine Träne befeuchtete die wilden Augen Le Biffons. »Nun, wenn ich sie auf ein Jahr ins Weiberloch brächte, bis du geliefert bist, fortgehst und ausbrichst?« »Das Wunder kannst du nicht vollbringen, sie ist unbeteiligt,« erwiderte La Biffes Liebhaber. »Ach, mein Biffon,« sagte La Pouraille, »unser Dab ist mächtiger als der Meg.« »Welches ist deine Losung bei ihr?« fragte Jakob Collin Le Biffon mit der Sicherheit eines Meisters, dem man keine Abweisung zuteil werden lassen darf. »›Nacht in pantin (Paris).‹ An dem Wort erkennt sie, daß man von mir kommt; und wenn du willst, daß sie dir gehorcht, so zeig ihr ein Fünffrankenstück und sprich das Wort ›Tondif‹.« »Sie wird zugleich mit La Pourailles Lieferung verurteilt und nach einem Jahr ›Schatten‹ wegen Aufklärung begnadigt werden,« sagte Jakob Collin sentenziös, indem er La Pouraille ansah.

La Pouraille begriff den Plan seines Dab und versprach ihm durch einen einzigen Blick, Le Biffon zur Mitwirkung zu bestimmen; er mußte es durchsetzen, daß La Biffe die falsche Mitschuld an dem Verbrechen übernahm, dessen er sich bezichtigen wollte. »Adieu, meine Kinder. Ihr werdet bald erfahren, daß ich meinen Kleinen aus Charlots Händen gerettet habe;« sagte Betrüg-den-Tod. »Ja, Charlot stand mit seinen Soubretten schon in der Kanzlei, um die ›Toilette‹ vorzunehmen! Seht ihr, da holt man mich zum Dab des Storches (Oberstaatsanwalt).«

Wirklich winkte eben ein Aufseher, der aus dem Portal heraustrat, diesem außerordentlichen Menschen, dem die Gefahr, in der der junge Korse schwebte, jene wilde Kraft zurückgegeben hatte, mit der er gegen die Gesellschaft zu kämpfen verstand.

Es ist nicht überflüssig, hier zu bemerken, daß Jakob Collin in dem Augenblick, in dem man ihm Luciens Leiche nahm, einen entscheidenden Entschluß gefaßt hatte: den nämlich, eine letzte Metamorphose zu versuchen und sich, diesmal nicht mit einem Menschen, sondern mit einer Sache zu identifizieren. Er war endlich zu der großen Entscheidung gekommen, zu der Napoleon auf der Schaluppe kam, die ihn zum Bellerophon führte. Durch ein wunderliches Zusammentreffen von allerlei Umständen half diesem Genie des Bösen und der Verderbnis alles in seinem Unternehmen.

Daher ist es denn auch, selbst auf die Gefahr hin, daß die unerwartete Entwicklung dieses Verbrecherlebens ein wenig von dem Wunderbaren einbüßt, das heutzutage nur durch unzulässige Unwahrscheinlichkeiten zu erreichen ist, nötig, ehe wir mit Jakob Collin das Zimmer des Oberstaatsanwalts betreten, Frau Camusot zu den Personen zu folgen, die sie aufsuchte, während all diese Ereignisse sich in der Conciergerie abspielten. Eine der Verpflichtungen, denen der Sittenschilderer sich niemals entziehen darf, besteht darin, die Wahrheit nie durch scheinbar dramatische Anordnung zu zerstören, vor allem dann, wenn die Wahrheit sich die Mühe macht, romantisch zu werden. Die soziale Natur bringt, vor allem in Paris, solche Zufälle mit sich, so launenhafte Verschlingungen der Verhältnisse, daß die Phantasie der Erfinder mit jedem Augenblick übertroffen wird. Die Verwegenheit der Wirklichkeit erhebt sich zu Kombinationen, die der Kunst verboten sind, so unwahrscheinlich oder unschicklich erscheinen sie, wenn der Schriftsteller sie nicht mildert, ausputzt und verschneidet.

Frau Camusot versuchte, sich eine einigermaßen geschmackvolle Morgentoilette zusammenzustellen: ein ziemlich schwieriges Unternehmen für die Frau eines Richters, der seit sechs Jahren beständig in der Provinz gelebt hatte. Es galt, weder bei der Marquise d'Espard noch bei der Herzogin von Maufrigneuse der Kritik eine Handhabe zu geben, wenn sie sie zwischen acht und neun Uhr morgens aufsuchte. Amelie Cäcilie Camusot hatte, obwohl sie eine geborene Thirion war – beeilen wir uns, es zu sagen –, einen halben Erfolg. Doch heißt das nicht, in Toilettedingen nur sich doppelt täuschen?

Man kann sich nicht vorstellen, wie nützlich Pariser Frauen den Ehrgeizigen auf allen Gebieten sind. Sie sind in der großen Welt genau so notwendig wie in der Welt der Diebe, wo sie, wie man gesehen hat, eine so große Rolle spielen. Man nehme also an, ein Mann sei gezwungen, wenn er nicht im Rennen zurückbleiben will, innerhalb einer gegebenen Zeit mit jener unter der Restauration sehr wichtigen Persönlichkeit zu sprechen, die man heute den Justizminister nennt. Man nehme einen Mann in der günstigsten Stellung, einen Richter, also eine Art Hausfreund. Der Richter sieht sich genötigt, entweder den Abteilungschef, den Privatsekretär oder den Staatssekretär aufzusuchen und ihnen zu beweisen, wie nötig es ist, sofort eine Audienz zu erhalten. Ist ein Justizminister jemals auf der Stelle sichtbar? Wenn er mitten am Tage nicht in der Kammer ist, so sitzt er im Ministerrat, oder er gibt seine Unterschriften oder auch Audienzen. Morgens schläft er, und man weiß nicht wo. Abends hat er seine amtlichen und persönlichen Verpflichtungen. Wenn alle Richter unter irgendeinem Vorwand eine Audienz erlangen könnten, so würde auf den Justizminister Sturm gelaufen werden. Der besondere unmittelbare Gegenstand der Audienz muß also erst der Würdigung einer jener Mittelsmächte unterbreitet werden, die im allgemeinen den Zugang versperren; sie sind eine Tür, die erst geöffnet werden muß, wenn sie nicht schon von einem Konkurrenten in Anspruch genommen ist. Eine Frau aber sucht eine andere Frau auf, sie kann unmittelbar in deren Schlafzimmer eindringen, wenn sie die Neugier der Herrin oder der Kammerfrau zu wecken versteht, vor allem dann, wenn für die Herrin ein großes Interesse oder eine packende Notwendigkeit auf dem Spiele steht. Man nenne die weibliche Macht zum Beispiel Frau Marquise d'Espard, mit der ein Minister rechnen muß; diese Frau schreibt ein kleines parfümiertes Billett, das ihr Kammerdiener dem Kammerdiener des Ministers überbringt. Den Minister trifft das Briefchen in dem Augenblick, in dem er erwacht, und er liest es sofort. Wenn der Minister auch zu tun hat, so ist doch der Mann entzückt, daß er einer der Königinnen von Paris, einer der Großmächte des Faubourg Saint-Germain, einer der Lieblinge der Königin, der Gemahlin des Dauphins oder des Königs einen Besuch machen muß. Casimir Périer, der einzige wirkliche Premierminister, den die Julirevolution gehabt hat, ließ alles im Stich, um einen ehemaligen ersten Kammerherrn König Karls X. aufzusuchen.

Diese Theorie erklärt die Macht der Worte: »Gnädige Frau, Frau Camusot in einer sehr eiligen Sache, von der die gnädige Frau wüßte!« die die Zofe zu der Marquise d'Espard sagte, indem sie tat, als wäre sie schon erwacht. Und die Marquise rief auf der Stelle, sie solle Amelie hereinführen. Die Frau des Richters fand williges Gehör, als sie mit den Worten begann: »Frau Marquise, wir sind verloren, weil wir Sie gerächt haben . . .« »Wieso, meine schöne Kleine? . . .« fragte die Marquise, indem sie Frau Camusot in dem Halbschatten der angelehnten Tür ansah. »Sie sind heute morgen göttlich mit Ihrem kleinen Hut. Wo finden Sie solche Formen? . . .« »Gnädige Frau, Sie sind sehr gütig . . . Aber Sie wissen, die Art, wie Camusot Lucien von Rubempré verhörte, hat diesen jungen Mann zur Verzweiflung getrieben, und er hat sich im Gefängnis erhängt . . .« »Was wird aus Frau von Sérizy werden?« rief die Marquise, die Unwissenheit vortäuschte, um sich alles noch einmal erzählen zu lassen. »Ach, man glaubt, sie ist wahnsinnig geworden . . .« erwiderte Amelie. »Ach, wenn Sie von Seiner Gnaden die Gunst erwirken könnten, daß er meinen Mann sofort durch eine Ordonnanz aus dem Palast berufen läßt, so wird der Minister merkwürdige Geheimnisse erfahren; er wird sie sicherlich dem König erzählen . . . Dann müssen Camusots Feinde schweigen.« »Wer sind die Feinde Camusots?« entgegnete die Marquise. »Nun, der Oberstaatsanwalt, und jetzt auch Herr von Sérizy . . .« »Gut, meine Kleine,« versetzte Frau d'Espard, die den Herren von Granville und von Sérizy die Niederlage in ihrem schmählichen Entmündigungsprozeß gegen ihren Gatten verdankte, »ich werde Sie verteidigen. Ich vergesse weder meine Freunde, noch meine Feinde.«

Sie schellte, ließ die Vorhänge aufziehen, so daß das Licht in Strömen hereinbrach, und verlangte ihr Schreibpult, das die Zofe brachte. Schnell kritzelte die Marquise ein kurzes Billett.

»Godard soll aufsitzen und diesen Brief ins Ministerium bringen; eine Antwort ist nicht nötig,« sagte sie zu ihrer Kammerfrau. Die Kammerfrau lief schnell weg, machte aber trotz des Befehls an der Tür ein paar Minuten halt.

»Es gibt also große Geheimnisse?« fragte Frau d'Espard. »Erzählen Sie mir das, liebe Kleine. Klotilde von Grandlieu ist doch nicht da hinein verwickelt?« »Die Frau Marquise wird alles von Seiner Gnaden erfahren, denn mein Mann hat mir nichts gesagt, er hat mir nur von der Gefahr gesprochen, in der er schwebt. Es wäre besser für uns, wenn Frau von Sérizy stürbe, als wenn sie wahnsinnig bleibt.« »Die arme Frau!« sagte die Marquise, »Aber war sie es nicht schon immer?«

Die Frauen der Gesellschaft zeigen durch die tausend Arten, wie sie denselben Satz aussprechen, dem aufmerksamen Beobachter die unendliche Bedeutung der Tonarten in der Musik. Die ganze Seele strömt, wie in den Blick, auch in den Ton; sie prägt sich im Licht wie in der Luft aus, den Elementen, in denen die Augen und die Stimmbänder wirken. Durch die Betonung der beiden Worte: ›die arme Frau!‹ ließ die Marquise die Genugtuung des befriedigten Hasses, das Glück des Triumphes erraten. Ach, wieviel Unglück wünschte sie nicht der Gönnerin Luciens! Die Rachsucht, die den Tod des gehaßten Wesens überlebt, die nie zu sättigen ist, flößt düsteres Grauen ein. So war denn auch Frau Camusot, obwohl sie harten, gehässigen und zänkischen Charakters war, ganz verblüfft. Sie fand keine Antwort und schwieg. »Diana hat mir allerdings gesagt, daß Leontine ins Gefängnis gegangen war,« fuhr Frau d'Espard fort. »Die gute Herzogin ist in Verzweiflung wegen dieses Skandals, denn es ist eine Schwäche von ihr, daß sie Frau von Sérizy nun einmal liebt; aber das ist ja begreiflich, sie haben diesen kleinen Dummkopf Lucien fast gleichzeitig angebetet, und nichts verbindet oder veruneinigt zwei Frauen leichter, als wenn sie ihre Andacht am gleichen Altar verrichten. Gestern hat diese liebe Freundin zwei Stunden in Leontinens Schlafzimmer gesessen. Es scheint, daß die arme Gräfin furchtbare Dinge gesagt hat! Ich habe gehört, es sei ganz ekelhaft . . . Eine anständige Frau sollte doch nicht solchen Anfällen unterworfen sein! . . . Pfui, es ist eine rein physische Leidenschaft . . . Als die Herzogin mich aufsuchte, war sie blaß wie der Tod; sie hat viel Mut gezeigt! Es kommen ungeheuerliche Dinge in dieser Angelegenheit an den Tag . . .« »Mein Mann wird dem Justizminister zu seiner Rechtfertigung alles sagen, denn man wollte Lucien retten, und er, Frau Marquise, hat seine Pflicht getan. Ein Untersuchungsrichter muß die Leute, die in strengem Gewahrsam sitzen, innerhalb einer gesetzlichen Frist verhören! . . . Er mußte ihm doch Fragen stellen, diesem unglücklichen Kleinen, der nicht begriff, daß man ihn nur der Form wegen verhörte, und der sofort ein Geständnis ablegte . . .« »Er war so dumm wie frech!« sagte Frau d'Espard trocken.

Die Frau des Richters bewahrte Schweigen, als sie diesen Urteilsspruch hörte. »Wenn wir mit der Entmündigung d'Espards unterlegen sind, so ist es nicht Camusots Schuld, das werde ich nie vergessen!« fuhr die Marquise nach einer Pause fort. »Lucien, die Herren von Sérizy, von Bauvan und von Granville haben uns zu Fall gebracht. Mit der Zeit wird Gott sich zu uns wenden. Seien Sie ruhig, ich werde den Chevalier d'Espard zum Justizminister schicken, damit er sich beeilt, Ihren Gatten holen zu lassen, wenn das von Nutzen ist . . .« »Ach, gnädige Frau . . .« »Hören Sie mich an,« sagte die Marquise; »ich verspreche Ihnen sofort die Dekoration der Ehrenlegion für morgen! Das wird ein deutliches Zeichen der Zufriedenheit mit Ihrem Verhalten in dieser Angelegenheit sein. Ja, das ist nur ein Schimpf mehr für Lucien, das wird ihn schuldig sprechen! Man hängt sich im allgemeinen nicht zum Vergnügen auf . . . Nun adieu, liebe Schöne!«

Zehn Minuten darauf trat Frau Camusot in das Schlafzimmer der schönen Diana von Maufrigneuse, die erst um ein Uhr zu Bett gegangen war und um neun Uhr noch nicht schlief. So unempfindlich Herzoginnen auch sind, so können solche Frauen, deren Herz aus Stuck ist, doch keine ihrer Freundinnen dem Wahnsinn verfallen sehen, ohne daß dieses Schauspiel einen tiefen Eindruck auf sie macht. Zudem hatte die Verbindung zwischen Diana und Lucien, wiewohl sie seit achtzehn Monaten abgebrochen war, doch im Herzen der Herzogin noch genug Erinnerungen hinterlassen, daß auch ihr der unheimliche Tod dieses Kindes einen furchtbaren Schlag versetzte. Diana hatte die ganze Nacht hindurch den so reizenden, so poetischen jungen Mann, der so schön zu lieben verstand, hängen sehen, wie Leontine ihn in ihren Anfällen mit den Gesten des hitzigen Fiebers schilderte. Sie hatte von Lucien noch beredte, berauschende Briefe, die denen zu vergleichen waren, wie Mirabeau sie an Sophie geschrieben hatte, nur waren sie literarischer, sorgfältiger, denn sie waren von der gewaltigsten aller Leidenschaften diktiert worden: von der Eitelkeit! Daß er die reizendste aller Herzoginnen besaß, daß er es erlebte, wie sie für ihn Dummheiten beging, heimliche Dummheiten wohlverstanden, dieses Glück hatte Lucien den Kopf verdreht. Der Stolz des Liebhabers hatte den Dichter inspiriert. Daher hatte die Herzogin auch diese aufregenden Briefe aufbewahrt, wie gewisse Greise obszöne Stiche besitzen, nämlich wegen der übertriebenen Lobpreisungen, die dem gespendet wurden, was an ihr am wenigsten herzoglich war. ›Und er ist in einem scheußlichen Gefängnis gestorben!‹ sagte sie sich, indem sie diese Briefe entsetzt zusammenraffte, als sie ihre Kammerfrau leise an die Tür klopfen hörte.

»Frau Camusot in einer Sache von äußerster Wichtigkeit, die die Frau Herzogin angehe,« sagte die Kammerfrau. Diana sprang voller Entsetzen auf die Füße. »Oh,« sagte sie, indem sie Amelie ansah, die sich eine passende Miene zurechtgemacht hatte, »ich errate alles! Es handelt sich um meine Briefe . . . Ach, meine Briefe! Ach, meine Briefe!«

Und sie sank in einen Sessel; jetzt erst fiel ihr ein, daß sie im Überschwang ihrer Leidenschaft Lucien im selben Ton geantwortet hatte; daß sie die Poesie des Mannes gesungen hatte, wie er die Glorie der Frau besang, und in welchen Dithyramben!

»Leider ja, gnädige Frau! Ich komme, um Ihnen mehr zu retten als das Leben! Es handelt sich um Ihre Ehre . . . Kommen Sie zur Besinnung, ziehen Sie sich an, lassen Sie uns zur Herzogin von Grandlieu gehen; denn zu Ihrem Glück sind Sie nicht die einzige, die kompromittiert wird.« »Aber Leontine hat gestern, wie man mir sagte, im Palast alle bei unserm armen Lucien beschlagnahmten Briefe verbrannt.« »Nein, gnädige Frau! Hinter Lucien stand Jakob Collin!« rief die Frau des Richters. »Sie vergessen diesen furchtbaren Menschen, der sicherlich die einzige Ursache für den Tod dieses reizenden, bedauernswerten jungen Mannes ist! Nun hat dieser Machiavelli des Bagnos niemals den Kopf verloren! Herr Camusot hat die Gewißheit, daß dieses Ungeheuer die kompromittierendsten Briefe der Geliebten seines . . .« »Seines Freundes in Sicherheit gebracht hat,« sagte die Herzogin schnell. »Sie haben recht, schöne Kleine, wir müssen zu den Grandlieus gehen, um zu beraten. Wir sind alle an dieser Angelegenheit interessiert, und zum Glück wird Sérizy uns die Hand reichen . . .«

Die höchste Gefahr übt, wie wir es bei den Szenen in der Conciergerie sehen konnten, eine ebenso furchtbare Macht auf die Seele, wie die stärksten Reagenzien sie über den Körper besitzen. Sie ist eine moralische Voltasche Säule. Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, an dem man die Art und Weise erkennt, wie die Empfindung sich chemisch in ein Fluidum verwandelt, das dem der Elektrizität annähernd ähnlich ist.

Es war bei dem Sträfling und der Herzogin dieselbe Erscheinung. Diese niedergeschlagene Frau, die dem Tode nahe war und nicht geschlafen hatte, diese Herzogin, die so schwer anzukleiden war, hatte plötzlich die Kraft einer umstellten Löwin und die Geistesgegenwart eines Generals im Feuer. Sie wählte selbst ihre Kleider aus und improvisierte ihre Toilette mit der Geschwindigkeit einer Grisette, die sich selbst als Kammerfrau bedient. Es war ein solches Wunder, daß die Zofe einen Augenblick regungslos wie angewurzelt stehen blieb, so überrascht war sie, ihre Herrin im Hemd zu erblicken, wie sie, vielleicht nicht ohne Vergnügen, der Frau des Richters durch den hellen Nebel der Wäsche einen weißen Körper zeigte, der ebenso vollkommen war wie der der Venus Canovas. Er war wie ein Schmuckstück unter feinem Seidenpapier. Diana hatte sich im Nu erinnert, wo sich das Korsett für ihre galanten Abenteuer befand, jenes Korsett, das vorn gehakt wird und eiligen Frauen die Mühe und die so schlecht angewandte Zeit des Schnürens erspart. Sie hatte schon die Spitzen des Hemdes zurechtgelegt und die Schönheiten ihrer Büste passend gruppiert, als die Kammerfrau den Unterrock brachte und das Werk vollendete, indem sie ein Kleid hinreichte. Während Amelie auf einen Wink der Kammerfrau der Herzogin half und das Kleid hinten zuhakte, holte die Zofe Strümpfe aus Fil d'Ecosse, Samtstiefel, einen Schal und einen Hut. Amelie und die Kammerfrau bekleideten je ein Bein.

»Sie sind die schönste Frau, die ich je gesehen habe,« sagte Amelie geschickt, indem sie Dianas feines und glattes Knie in leidenschaftlicher Bewegung küßte. »Die gnädige Frau hat nicht ihresgleichen,« sagte die Kammerfrau. »Halt, Josette, still,« erwiderte die Herzogin. »Sie haben einen Wagen?« fragte sie Frau Camusot; »nun, meine kleine Schöne, wir werden unterwegs plaudern.«

Und die Herzogin eilte die große Treppe des Hotels Cadignan hinab und zog sich erst dabei die Handschuhe an, was man noch nie erlebt hatte. »Zum Hotel Grandlieu, und zwar rasch!« sagte sie zu einem der Bedienten, indem sie ihm winkte, hinten auf den Wagen zu steigen. Der Diener zögerte, denn dieser Wagen war ein Fiaker.

»Ach, Frau Herzogin, Sie hatten mir nicht gesagt, daß dieser junge Mann Briefe von Ihnen besaß! Sonst wäre Camusot sehr viel anders vorgegangen . . .« »Leontine beschäftigte mich so sehr, daß ich an mich selbst gar nicht gedacht habe,« sagte sie. »Die arme Frau war schon vorgestern fast wahnsinnig; und nun sagen Sie sich selbst, welche Verwirrung erst dieser verhängnisvolle Ausgang bei ihr anrichten mußte! Ach, wenn Sie wüßten, meine Kleine, was für einen Morgen wir gestern erlebt haben . . . Nein, man könnte aller Liebe entsagen! Gestern wurden wir beide, Leontine und ich, von einer scheußlichen Alten, einer Kleiderhändlerin, einem Mannweib, in diese stinkende und blutige Gosse geschleppt, die man das Gericht nennt; und ich sagte ihr, als ich sie in den Palast fuhr: ›Könnte man nicht auf die Knie fallen und wie Frau von Nucingen rufen, als sie auf dem Wege nach Neapel einen jener beängstigenden Stürme des Mittelmeers erlebte: Mein Gott, rette mich diesmal; und dann nie wieder!‹ Auf jeden Fall sind dies zwei Tage, die in meinem Leben zählen werden! Sind wir borniert, daß wir überhaupt schreiben! . . . Aber man liebt! Man erhält Briefe, die durch die Augen die Glut ins Herz träufeln, und alles steht in Flammen! Und die Vorsicht fliegt fort, man antwortet . . .« »Weshalb antworten, wenn man handeln kann?« sagte Frau Camusot. »Es ist so schön, sich zugrunde zu richten! . . .« rief die Herzogin stolz. »Das ist eine Wollust der Seele.« »Schöne Frauen«, versetzte Frau Camusot bescheiden, »sind zu entschuldigen, sie haben öfter als wir Gelegenheit, zu erliegen.«

Die Herzogin lächelte. »Wir sind immer zu großmütig,« fuhr Diana von Maufrigneuse fort. »Ich werde es machen wie diese scheußliche Frau d'Espard.« »Und wie macht sie es?« fragte die Frau des Richters neugierig. »Sie hat tausend Liebesbriefe geschrieben . . .« »So viel! . . .« rief die Camusot, indem sie die Herzogin unterbrach. »Nun, meine Liebe, man fände nicht einen Satz darin, der sie kompromittierte!« »Sie wären nicht imstande, diese Kühle, diese Bedachtsamkeit zu bewahren,« erwiderte Frau Camusot. »Sie sind eine Frau, Sie gehören zu jenen Engeln, die dem Teufel nicht widerstehen könnten . . .« »Ich habe mir geschworen, nie mehr etwas zu schreiben. Ich habe in meinem ganzen Leben nur an diesen unglücklichen Lucien geschrieben. Ich werde seine Briefe bis zu meinem Tode aufbewahren! Meine liebe Kleine, das ist Feuer! Man braucht bisweilen . . .« »Wenn man sie fände!« sagte die Camusot mit einer leisen, schamhaften Geste. »Oh, dann würde ich sagen, das seien Briefe aus einem begonnenen Roman; denn ich habe alle abgeschrieben und die Originale verbrannt!« »O gnädige Frau, lassen Sie sie mich zum Lohne lesen . . .« »Vielleicht,« sagte die Herzogin. »Dann werden Sie sehen, daß er Leontine solche Briefe doch nicht geschrieben hat!«

Dieses letzte Wort war die Frau an sich, die Frau aller Zeiten und aller Länder.

Wie der Frosch in der Fabel Lafontaines, barst Frau Camusot in ihrer Haut vor Vergnügen, weil sie in Gesellschaft der schönen Diana von Maufrigneuse zu den Grandlieus kam. Sie wollte an diesem Morgen eine jener Verbindungen anknüpfen, wie sie für den Ehrgeiz so notwendig sind. Schon hörte sie sich ›Frau Präsidentin‹ nennen. Sie empfand den unsäglichen Genuß, über ungeheure Hindernisse zu triumphieren, deren größtes die noch nicht kundgewordene Untüchtigkeit ihres Mannes war, die sie wohl kannte. Einem mittelmäßigen Menschen zum Glück zu verhelfen, das heißt für eine Frau wie für einen König, sich das Vergnügen leisten, das so viele große Schauspieler anlockt und das darin besteht, ein schlechtes Stück hundertmal zu spielen. Es ist der Rausch des Egoismus! Kurz, es sind gewissermaßen die Saturnalien der Macht. Die Macht beweist sich selbst ihre Kraft nur durch den seltsamen Mißbrauch, daß sie irgendeine Absurdität mit den Palmen des Erfolges krönt, und zwar dem Genie zum Spott, der einzigen Kraft, die die absolute Macht nicht erreichen kann. Die Erhöhung des Pferdes Caligulas, dieser kaiserliche Schwank, hat von je viele Aufführungen erlebt und wird sie immer erleben.

In wenigen Minuten kamen Diana und Amelie aus der eleganten Unordnung, in der sich das Schlafzimmer der schönen Diana befand, zur Herzogin von Grandlieu in die Korrektheit eines großartigen und strengen Luxus.

Diese sehr fromme Portugiesin stand stets um acht Uhr auf, um in der kleinen Kirche von Sainte-Valère, die an die damals auf der Esplanade des Invalides gelegene Kirche Saint-Thomas d'Aquin stieß, zu beten. Die heute abgebrochene Kapelle ist in die Rue de Bourgogne verlegt worden, bis der Bau der gotischen Kirche beendet ist, die der heiligen Klotilde geweiht werden soll.

Sowie Diana von Maufrigneuse der Herzogin von Grandlieu ein paar Worte ins Ohr geflüstert hatte, ging die fromme Frau zu Herrn von Grandlieu hinüber, den sie alsbald mit zurückbrachte. Der Herzog sah Frau Camusot mit einem jener schnellen Blicke an, in denen die großen Herren ein ganzes Dasein und oft auch die Seele analysieren. Amelies Toilette half dem Herzog sehr dabei, dieses bürgerliche Leben von Alençon bis Nantes und von Nantes bis Paris zu erraten. Ach, wenn die Frau des Richters diese Gabe der Herzoge hätte erraten können, so hätte sie diesen höflich ironischen Blick nicht mit Anstand zu ertragen vermocht; aber sie sah nur die Höflichkeit. Die Unwissenheit nimmt teil an den Vorrechten der Verschlagenheit.

»Das ist Frau Camusot, eine Tochter Thirions, eines der Diener des Kabinetts,« sagte die Herzogin zu ihrem Gatten. Der Herzog grüßte die Frau des Richters sehr höflich, und sein Gesicht verlor ein wenig von seiner Würde. Der Kammerdiener des Herzogs, dem sein Herr geschellt hatte, trat ein. »Gehen Sie in die Rue Honoré-Chevalier; nehmen Sie einen Wagen. Dort werden Sie an einer kleinen Tür Nummer zehn schellen. Sagen Sie dem Diener, der Ihnen aufmacht, ich bäte seinen Herrn, zu mir zu kommen; wenn der Herr zu Hause ist, bringen Sie ihn mit. Nennen Sie meinen Namen; der genügt, um alle Schwierigkeiten zu überwinden. Beachten Sie, daß Sie für all das nicht mehr als eine Viertelstunde brauchen.«

Kaum war der Kammerdiener des Herzogs fort, so erschien ein zweiter, der der Herzogin. »Gehen Sie zum Herzog von Chaulieu und lassen Sie ihm in meinem Namen diese Karte hineinreichen.« Der Herzog gab ihm seine Karte, die er zuvor in eigentümlicher Weise knickte. Wenn diese beiden Freunde das Bedürfnis hatten, sich in einer eiligen und geheimen Sache, die keine schriftliche Mitteilung zuließ, sofort zu sprechen, meldeten sie es sich auf diese Weise.

Man sieht, daß sich in allen Schichten der Gesellschaft die Bräuche gleichen und nur in der Art, dem Äußerlichen und der Nuance verschieden sind. Auch die große Gesellschaft hat ihr Rotwelsch; aber dieses Rotwelsch heißt ›der Stil‹.

»Sind Sie sicher, gnädige Frau, daß diese Briefe, die Fräulein Klotilde von Grandlieu angeblich an den jungen Mann geschrieben haben soll, wirklich existieren?« fragte der Herzog von Grandlieu. Und er warf einen Blick auf Frau Camusot, wie ein Matrose etwa ein Lot wirft.

»Gesehen habe ich sie nicht, aber es ist zu befürchten,« erwiderte sie zitternd. »Meine Tochter kann nichts geschrieben haben, was man nicht zeigen darf!« rief die Herzogin.

›Die arme Herzogin!‹ dachte Diana und warf dem Herzog von Grandlieu einen Blick zu, vor dem er erzitterte. »Was glaubst du, meine liebe kleine Diana?« flüsterte der Herzog der Herzogin von Maufrigneuse ins Ohr, indem er sie in eine Fensternische zog. »Klotilde ist so wahnsinnig in Lucien verliebt, mein Lieber, daß sie ihm vor ihrer Abreise noch ein Stelldichein gab. Ohne die kleine Lenoncourt wäre sie vielleicht mit ihm in den Wald von Fontainebleau entflohen. Ich weiß, daß Lucien Klotilde Briefe schrieb, die einer Helligen hätten den Kopf sprengen können. Wir sind drei Evastöchter, die von der Schlange der Korrespondenz umgarnt sind . . .«

Der Herzog und Diana kamen aus der Nische zurück und traten wieder zu der Herzogin und Amelie, die mit leiser Stimme plauderte. Amelie, die darin dem Rat der Herzogin von Maufrigneuse folgte, spielte die Fromme, um sich das Herz der stolzen Portugiesin zu gewinnen.

»Wir sind in der Gewalt eines niedrigen entsprungenen Sträflings!« sagte der Herzog mit einem gewissen Achselzucken. »Das hat man davon, wenn man Leute bei sich empfängt, deren man nicht unbedingt sicher ist! Ehe man jemanden bei sich einläßt, muß man sein Vermögen, seine Eltern und sein ganzes Vorleben genau kennen . . .« Dieser Satz ist die Moral dieser ganzen Geschichte, soweit sie die Aristokratie angeht. »Es ist einmal geschehen,« sagte die Herzogin von Maufrigneuse. »Denken wir daran, Frau von Sérizy, Klotilde und mich zu retten . . .« »Wir können nur Heinrich erwarten, ich habe ihn bitten lassen; aber alles hängt von der Persönlichkeit ab, die Gentil holen soll. Gebe Gott, daß dieser Mensch in Paris ist! – Gnädige Frau,« sagte er, indem er sich an Frau Camusot wandte, »ich danke Ihnen, daß Sie an uns gedacht haben . . .«

Das war Frau Camusots Abschied. Die Tochter des Türhüters hatte Geist genug, den Herzog zu verstehen; sie stand auf; aber die Herzogin von Maufrigneuse nahm Amelie mit jener anbetungswürdigen Anmut, die ihr so viel Verschwiegenheit und Freundschaft eintrug, bei der Hand und zeigte sie dem Herzog und der Herzogin in bedeutsamer Weise. »Denken Sie nur an mich, nicht daran, daß sie mit Sonnenaufgang aufgestanden ist, um uns alle zu retten, wenn ich Sie um mehr als ein Andenken für meine kleine Frau Camusot bitte. Zunächst hat sie mir schon Dienste geleistet, die man nicht vergißt; und dann ist sie mit ihrem Gatten ganz auf unserer Seite. Ich habe versprochen, für die Beförderung ihres Camusots zu sorgen, und ich bitte Sie vor allem mir zuliebe, seiner zu gedenken.« »Sie haben diese Empfehlung nicht erst nötig,« sagte der Herzog zu Frau Camusot. »Die Grandlieus vergessen die Dienste, die man ihnen geleistet hat, niemals. Die Anhänger des Königs werden in einiger Zeit Gelegenheit haben, sich auszuzeichnen; man wird Ergebenheit von ihnen verlangen; Ihr Gatte wird in die Bresche geschickt werden . . .«

Frau Camusot zog sich stolz, glücklich und geschwollen zurück, als müßte sie ersticken. Triumphierend eilte sie nach Hause; sie bewunderte sich, sie lachte über die Feindschaft des Oberstaatsanwalts. Sie sagte sich: ›Wenn wir Herrn von Granville in die Luft sprengten?‹

Es war Zeit, daß Frau Camusot sich zurückzog. Der Herzog von Chaulieu, einer der Günstlinge des Königs, begegnete der Bürgersfrau auf der Freitreppe.

»Heinrich,« rief der Herzog von Grandlieu, als sein Freund gemeldet wurde, »ich bitte dich, eile ins Schloß, versuche, den König zu sprechen, es handelt sich um folgendes.« Und er führte den Herzog in die Fensternische, in der er sich schon mit der leichtfertigen und anmutigen Diana unterhalten hatte.

Von Zeit zu Zeit warf der Herzog von Chaulieu der tollen Herzogin verstohlene Blicke zu, während sie mit der frommen Herzogin plauderte, sich eine Predigt halten ließ und dabei doch die Blicke des Herzogs von Chaulieu erwiderte.

»Liebes Kind,« sagte schließlich der Herzog von Grandlieu, als seine heimliche Unterredung beendet war, »seien Sie doch verständig! Sehen Sie,« fügte er hinzu, indem er Dianas Hände ergriff, »bewahren Sie doch die Form; kompromittieren Sie sich nicht mehr, schreiben Sie nie wieder! Briefe, meine Liebe, haben schon ebensoviel geheimes wie öffentliches Unglück verursacht . . . Was verzeihlich ist bei einem jungen Mädchen wie Klotilde, das zum erstenmal liebt, ist unentschuldbar bei . . .« »Einem altem Grenadier, der das Feuer gesehen hat!« sagte die Herzogin, indem sie dem Herzog eine schmollende Grimasse zog.

Dieses Spiel der Gesichtszüge lockte, vereint mit dem Scherz, ein Lächeln auf die trostlosen Gesichter der beiden Herzoge und sogar der frommen Herzogin. »Jetzt habe ich schon vier Jahre lang keine Liebesbriefe mehr geschrieben! . . . Sind wir gerettet?« fragte Diana, die ihre Angst unter Kindereien verbarg. »Noch nicht,« sagte der Herzog von Chaulieu, »denn Sie wissen nicht, wie schwer Willkürakte zu begehen sind. Das ist für einen konstitutionellen König dasselbe, wie eine Treulosigkeit für eine verheiratete Frau. Es ist ein Ehebruch.« »Seine Lieblingssünde!« sagte der Herzog von Grandlieu. »Die verbotene Frucht!« fügte Diana lächelnd hinzu. »Oh, ich wäre so gern die Regierung, denn ich habe nichts mehr von der Frucht, ich habe sie schon ganz gegessen.« »Aber Liebe, Liebe!« sagte die fromme Herzogin, »Sie gehen zu weit.«

Die beiden Herzoge hörten vor der Freitreppe mit dem Getöse, das im Galopp dahingejagte Pferde machen, einen Wagen halten; sie grüßten die beiden Frauen und ließen sie allein, um in das Arbeitszimmer des Herzogs von Grandlieu zu gehen, in das man eben auch den Bewohner der Rue Honoré-Chevalier einführte; es war kein anderer als der Chef der Gegenpolizei des Schlosses, der politischen Polizei, der unbekannte und doch so mächtige Corentin.

»Treten Sie ein,« sagte der Herzog von Grandlieu, »treten Sie ein, Herr von Saint-Denis.« Corentin, der erstaunt war, bei dem Herzog ein so gutes Gedächtnis zu finden, trat als erster ein, nachdem er vor den beiden Herzogen eine tiefe Verbeugung gemacht hatte.

»Es handelt sich immer noch um dieselbe Persönlichkeit, mein lieber Herr,« sagte der Herzog von Grandlieu. »Aber er ist tot,« sagte Corentin. »Es bleibt ein Genosse,« bemerkte der Herzog von Chaulieu, »ein schlimmer Genosse.« »Der Sträfling Jakob Collin!« erwiderte Corentin.

»Sprich, Ferdinand,« sagte der Herzog von Chaulieu zu dem ehemaligen Gesandten. »Der Elende ist zu fürchten,« sagte der Herzog von Grandlieu; »denn er hat sich, um sie als Lösegeld benutzen zu können, der Briefe bemächtigt, die die Damen von Sérizy und von Maufrigneuse an diesen Lucien Chardon, sein Geschöpf, geschrieben haben. Es scheint, es war das System dieses jungen Mannes, für seine Briefe leidenschaftliche Antworten zu entlocken; denn auch Fräulein von Grandlieu hat, wie man sagt, ein paar geschrieben; man fürchtet es wenigstens, und wir können nichts feststellen, denn sie ist auf Reisen . . .« »Der kleine junge Mann«, erwiderte Corentin, »war nicht imstande, sich solche Vorräte anzulegen! . . . Das sind Maßnahmen, die der Abbé Carlos Herrera getroffen hat!«

Corentin stützte den Ellbogen auf die Armlehne des Sessels, in dem er saß, und legte den Kopf überlegend in die Hand. »Geld! . . . Dieser Mensch hat mehr als wir,« sagte er. »Esther Gobseck hat ihm als Köder gedient, um annähernd zwei Millionen in diesem Goldstücksteich namens Nucingen zu fischen . . . Meine Herren, lassen Sie mir Vollmacht geben durch den, dem es zusteht, und ich befreie Sie von diesem Menschen! . . .« »Und . . . von den Briefen?« fragte der Herzog von Grandlieu Corentin.

»Hören Sie, meine Herren!« erwiderte Corentin, indem er aufstand und sein Mardergesicht zeigte, das in siedender Bewegung war. Er bohrte die Hände in die Taschen seiner Strumpfhose aus schwarzem Molton. Dieser große Schauspieler des historischen Dramas unserer Zeiten hatte sich nur eine Weste und einen Rock angezogen; er hatte seine Morgenhose nicht abgelegt, so genau wußte er, wie dankbar die Großen bei gewissen Gelegenheiten für die Geschwindigkeit sind. Er ging vertraulich im Zimmer auf und ab, indem er mit lauter Stimme sprach, als wäre er allein. »Er ist ein Sträfling! Man kann ihn ohne Prozeß zu Bicêtre in Geheimhaft werfen; da ist keinerlei Verkehr möglich, und man kann ihn da verenden lassen . . . Aber er kann seinen Spießgesellen, da er diesen Fall voraussah, schon seine Anweisungen gegeben haben!« »Er ist ja aber sofort in Geheimhaft genommen worden,« sagte der Herzog von Grandlieu, »als er unvermutet bei jener Frau verhaftet wurde.« »Gibt es für diesen Burschen überhaupt eine Geheimhaft?« erwiderte Corentin; »der ist ebenso schlau wie . . . wie ich!« »Was tun?« fragten die beiden Herzoge sich durch einen Blick.

»Wir können den Schlingel auf der Stelle wieder ins Bagno schicken . . . nach Rochefort; da ist er in sechs Monaten tot! Oh, ohne ein Verbrechen!« sagte Corentin als Antwort auf eine Geste des Herzogs von Grandlieu. »Was wollen Sie, ein Sträfling hält gegen einen heißen Sommer nicht länger als sechs Monate stand, wenn man ihn mitten in den Miasmen der Charente zu wirklicher Arbeit zwingt. Aber das nützt nichts, wenn er in betreff der Briefe schon seine Maßnahmen getroffen hat. Wenn der Schlingel seinen Gegnern mißtraute, und das ist wahrscheinlich, so muß man herausbekommen, welches seine Maßregeln sind. Wenn der, der die Briefe in Händen hat, arm ist, ist er auch bestechlich . . . Es handelt sich also darum, Jakob Collin zum Schwätzen zu bringen. Was für ein Zweikampf! Dabei werde ich besiegt. Besser wäre es noch, diese Briefe durch einen andern zu erkaufen; durch einen Begnadigungsbrief! Und mir dann diesen Menschen in meine Budike zu liefern. Jakob Collin ist der einzige Mensch, der imstande ist mein Nachfolger zu werden, seit der arme Contenson und der gute Peyrade tot sind. Jakob Collin hat mir diese beiden unvergleichlichen Spione getötet, als wollte er sich selber Platz machen. Sie sehen, meine Herren, Sie müssen mir Blankovollmacht geben. Jakob Collin ist in der Conciergerie. Ich werde Herrn von Granville in der Staatsanwaltschaft aufsuchen. Schicken Sie mir also eine Vertrauensperson, die zu mir stößt; denn ich brauche entweder einen Brief, den ich Herrn von Granville zeigen kann, da er nichts von mir weiß, einen Brief, den ich übrigens dem Ratspräsidenten zurückgeben werde, oder einen sehr imponierenden Geleitsmann . . . Sie haben eine halbe Stunde Zeit, denn eine halbe Stunde brauche ich, um mich anzuziehen, das heißt, um das zu werden, was ich in den Augen des Herrn Oberstaatsanwalts sein muß.« »Herr von Saint-Denis,« sagte der Herzog von Chaulieu, »ich kenne Ihre große Gewandtheit; ich verlange nichts als ein Ja oder ein Nein. Bürgen Sie für den Erfolg?« »Ja, mit einer Generalvollmacht, und wenn Sie mir Ihr Wort geben, mich niemals über diesen Gegenstand zu befragen. Mein Plan ist fertig.«

Diese unheimliche Antwort jagte den beiden großen Herren einen leichten Schauder durch den Körper. »Gehen Sie,« sagte der Herzog von Chaulieu. »Sie werden diese Angelegenheit zu denen schreiben, mit denen Sie gewöhnlich beauftragt werden.« Corentin grüßte die beiden großen Herren und ging. Heinrich von Lenoncourt, für den Ferdinand von Grandlieu einen Wagen hatte anspannen lassen, begab sich sofort zum König, den er kraft seines Amtes jederzeit sehen konnte.

So sollten sich die verschiedenen miteinander verknoteten Interessen aus den oberen und unteren Schichten der Gesellschaft alle im Zimmer des Oberstaatsanwalts begegnen; die Not führte sie zusammen, und vertreten wurden sie von drei Männern: die Justiz von Herrn von Granville; die Familie von Corentin, und der furchtbare Gegner Jakob Collin stellte in seiner wilden Energie das soziale Böse dar.

Was für ein Kampf, in dem sich die Gerichtsbarkeit und die Willkür wider das Bagno und seine List verbündeten! Wider das Bagno, jenes Symbol der Verwegenheit, die Berechnung und Überlegung ausschaltet, der alle Mittel recht sind, die nicht die Heuchelei der Willkür hat und die in scheußlicher Weise den ausgehungerten Bauch, den blutigen raschen Protest des Hungers symbolisiert! Ist es nicht Angriff und Abwehr? Diebstahl und Besitz? Die furchtbare Frage des sozialen Zustandes und des Naturzustandes, zusammengedrängt auf den engsten Raum, der nur möglich ist? Kurz, es war ein furchtbares lebendes Bild jener antisozialen Kompromisse, wie sie die zu schwachen Vertreter der Macht mit wilden Meuterern schließen.

Als man dem Oberstaatsanwalt Herrn Camusot meldete, gab er einen Wink, ihn einzulassen. Herr von Granville, der diesen Besuch vorausgeahnt hatte, wollte sich mit dem Richter über die Art verständigen, wie man die Angelegenheit Luciens beenden könnte. Jetzt konnte der Abschluß nicht mehr der sein, den er am Tage zuvor, ehe der arme Dichter gestorben war, mit Camusot zusammen gefunden hatte.

»Setzen Sie sich, Herr Camusot,« sagte Herr von Granville, indem er sich in einen Sessel fallen ließ. Als der Oberstaatsanwalt sich mit dem Richter allein sah, verbarg er nicht, in welchem Zustand der Erschöpfung er sich befand. Camusot sah Herrn von Granville an und erkannte auf diesem so festen Gesicht eine fast fahle Blässe und die höchste Ermüdung: einen vollständigen Zusammenbruch, der auf vielleicht grausamere Leiden schließen ließ, als sie der zum Tode Verurteilte durchmachen mußte, nachdem der Kanzlist ihm gemeldet hatte, daß seine Berufung verworfen war. Und doch bedeutet die Verlesung dieses Beschlusses im Brauch der Gerichtsbarkeit so viel wie: ›Rüste dich, dies sind deine letzten Augenblicke.‹

»Ich werde wiederkommen, Herr Graf,« sagte Camusot, »obwohl die Angelegenheit dringend ist . . .« »Bleiben Sie,« versetzte der Oberstaatsanwalt mit Würde. »Echte Richter müssen ihre Ängste hinnehmen und zu verbergen wissen. Ich habe unrecht, wenn Sie Besorgnisse an mir bemerken konnten . . .« Camusot machte eine Geste. »Gott gebe, Herr Camusot, daß Sie diese entscheidenden Nöte unseres Lebens nie kennen lernen! Man könnte Geringerem erliegen! Ich habe die Nacht bei einem meiner vertrautesten Freunde verbracht: ich habe nur zwei Freunde, den Grafen Octavius von Bauvan und den Grafen von Sérizy. Wir drei, Herr von Sérizy, Graf Octavius von Bauvan und ich, sind seit gestern abend sechs Uhr bis heute früh sechs Uhr immer abwechselnd vom Salon an das Bett der Frau von Sérizy gegangen; und jedesmal fürchteten wir, sie tot oder für immer wahnsinnig vorzufinden! Desplein, Bianchon und Sinard haben mit zwei Krankenwärterinnen das Schlafzimmer nicht verlassen. Der Graf betet seine Frau an. Stellen Sie sich vor, was für eine Nacht ich zwischen einer vor Liebe wahnsinnigen Frau und einem vor Verzweiflung wahnsinnigen Freund verbracht habe. Ein Staatsmann verzweifelt nicht wie ein Dummkopf. Sérizy war ruhig wie auf seinem Stuhl im Ministerrat, und er wand sich in seinem Sessel, um uns ein unbesorgtes Gesicht zu zeigen, während der Schweiß dieses von so viel Arbeit gebeugte Haupt krönte. Ich habe, vom Schlummer übermannt, von fünf bis halb acht geschlafen, und um halb neun mußte ich hier sein, um Befehl zu einer Hinrichtung zu geben. Glauben Sie mir, Herr Camusot, wenn ein Mann die ganze Nacht hindurch in den Abgründen des Schmerzes geschwebt hat, wenn er Gottes Hand schwer auf den Dingen der Menschen lasten und edle Herzen gewaltsam schlagen fühlte, so wird es ihm nicht leicht, sich hier vor seinen Schreibtisch zu setzen und kühl zu sagen: ›Lassen Sie um vier Uhr einen Kopf fallen! Vernichten Sie ein Geschöpf Gottes, das voll Leben, Kraft und Gesundheit ist!‹ Und doch ist das meine Pflicht! Vom Schmerz übermannt, soll ich Befehl erteilen, daß man das Schafott errichte . . . Der Verurteilte weiß nicht, daß der Richter Qualen erduldet, die den seinen gleich sind. In diesem Augenblick sind wir, ich, die Gesellschaft, die sich rächt, und er, das zu sühnende Verbrechen, durch ein Blatt Papier verbunden; wir sind dieselbe Pflicht, von zwei Seiten gesehen, zwei Existenzen, die auf einen Augenblick durch das Henkerbeil des Gesetzes zusammengeschweißt sind. Wer beklagt diese tiefen Schmerzen des Richters? Wer tröstet ihn? . . . Es ist unser Ruhm, daß wir sie in der Tiefe unseres Herzens vergraben. Der Priester mit seinem gottgeweihten Leben und der Soldat mit seinen tausend Toden für das Land scheinen mir glücklicher als der Richter mit seinen Zweifeln, seinen Befürchtungen und seiner furchtbaren Verantwortlichkeit. Sie wissen, wen man hinrichten soll?« fuhr der Oberstaatsanwalt fort: »Einen jungen Mann von siebenundzwanzig Jahren, der schön ist wie unser Toter von gestern, blond wie er, dessen Kopf uns wider Erwarten zum Opfer gefallen ist, denn gegen ihn lagen nur die Beweise der Hehlerei vor. Dieser Bursche ist verurteilt worden, und er hat nichts gestanden! Seit siebzig Tagen wehrt er sich gegen alle Beweise, indem er seine Unschuld beteuert. Seit zwei Monaten trage ich zwei Köpfe auf den Schultern! Oh, ich würde sein Geständnis mit einem Jahr meines Lebens bezahlen, denn man muß die Geschwornen beruhigen! . . . Urteilen Sie selbst, was für ein Hieb wider die Rechtsprechung es wäre, wenn man eines Tages entdeckte, daß das Verbrechen, um dessentwillen er sterben soll, von einem andern begangen wurde! In Paris nimmt alles eine furchtbare Bedeutung an, die kleinsten juristischen Zwischenfälle werden zu politischen Ereignissen. Die Jury, diese Einrichtung, die die Gesetzgeber der Revolution für so stark hielten, ist ein Element des sozialen Verderbens; denn sie erfüllt ihre Misston nicht, sie schützt die Gesellschaft nicht genügend. Die Jury spielt mit ihren Funktionen. Die Geschwornen teilen sich in zwei Lager, von denen das eine die Todesstrafe nicht mehr will; es ergibt sich daraus ein völliger Umsturz der Gleichheit vor dem Gesetz. Ein so furchtbares Verbrechen wie der Vatermord erlangt in einem Departement einen Freispruch,Es gibt in den Bagnos dreiundzwanzig Vatermörder, denen man die Wohltat der ›mildernden Umstände‹ hat zuteil werden lassen. Anmerkung Balzacs. während in einem anderen ein sozusagen gewöhnliches Verbrechen mit dem Tode bestraft wird. Was sollte daraus werden, wenn man in unserm Sprengel, in Paris, einen Unschuldigen hinrichtete!« »Es ist ein entsprungener Sträfling,« bemerkte Herr Camusot schüchtern. »Er würde in den Händen der Opposition und der Presse zu einem Osterlamm werden!« rief Herr von Granville, »und die Opposition hätte leichtes Spiel, wenn sie ihn reinwaschen wollte; denn es handelt sich um einen Korsen, der ein Fanatiker der Ideen seines Landes ist; seine Morde sind die Wirkungen der Vendetta! Auf dieser Insel tötet man seinen Feind, und man hält sich für einen sehr ehrenwerten Menschen und wird auch dafür gehalten. Ach, echte Richter sind sehr unglücklich! Sehen Sie, sie müßten wie ehedem die Priester von aller Gesellschaft abgeschlossen leben. Die Welt müßte sie nur zu bestimmten Stunden ernst, alt und ehrwürdig aus ihren Zellen hervortreten sehen; und dann müßten sie Recht sprechen wie in den alten Gesellschaften die Hohenpriester, die die Rechtsgewalt und die Priestergewalt in sich vereinigten! Man müßte uns nur auf unsern Sitzen sehen . . . Heute sieht man uns, wie wir gleich anderen leiden und uns amüsieren! Man sieht uns in den Salons, in der Familie, als Bürger, als Leute mit Leidenschaften, und es kann sein, daß wir grotesk wirken statt furchtbar . . .«

Dieser qualvolle Schrei, der durch Pausen und Ausrufe unterbrochen und von Gesten begleitet wurde, die ihm eine auf dem Papier schwer wiederzugebende Beredsamkeit verliehen, jagte Camusot einen Schauder durch den Körper. »Auch ich, Herr Graf,« sagte er, »habe gestern die Lehrjahre in den Leiden unseres Standes angetreten! . . . Ich wäre fast gestorben an dem Tode dieses jungen Mannes; er hatte meine Parteilichkeit nicht verstanden, der Unglückliche hat sich selber aufgespießt . . .« »Ach, Sie durften ihn nicht verhören!« rief Herr von Granville; »es ist so leicht, durch eine Unterlassung Dienste zu erweisen . . .« »Und das Gesetz?« fragte Camusot; »er war seit zwei Tagen verhaftet! . . .« »Das Unglück ist geschehen,« erwiderte der Oberstaatsanwalt. »Ich habe nach Kräften wieder gutgemacht, was nicht wieder gutzumachen ist. Mein Wagen und meine Leute begleiten den Leichenzug dieses armen schwachen Dichters. Sérizy hat es gemacht wie ich; ja noch mehr, er nimmt das Amt an, das dieser unglückliche junge Mann ihm übertragen hat; er wird sein Testamentsvollstrecker sein. Er hat für dieses Versprechen von seiner Frau einen Blick erhalten, in dem der Verstand aufblitzte. Und der Graf Octavius schließlich wohnt dem Begräbnis persönlich bei.« »Nun, Herr Graf,« sagte Camusot, »vollenden wir unser Werk. Es bleibt noch ein recht gefährlicher Untersuchungsgefangener übrig. Sie wissen so gut wie ich, daß es Jakob Collin ist. Der Elende wird als das erkannt werden, was er ist . . .« »Dann sind wir verloren!« rief Herr von Granville. »Er ist in diesem Augenblick bei Ihrem zum Tode Verurteilten, der ehemals im Bagno für ihn das war, was Lucien ihm in Paris gewesen ist . . .sein Schützling! Bibi-Lupin hat sich als Gendarm verkleidet, um der Unterredung beizuwohnen.« »Um was kümmert sich die Kriminalpolizei?« sagte der Oberstaatsanwalt; »sie darf nur auf meinen Befehl hin arbeiten.« »Die ganze Conciergerie wird erfahren, daß wir Jakob Collin haben . . . Nun, ich komme, um Ihnen zu sagen, daß dieser große und verwegene Verbrecher die gefährlichsten Briefe der Frau von Sérizy, der Herzogin von Maufrigneuse und des Fräuleins Klotilde von Grandlieu besitzen muß.« »Sind Sie dessen sicher?« fragte Herr von Granville, indem er auf seinem Gesicht eine schmerzliche Überraschung sehen ließ. »Urteilen Sie selbst, Herr Graf, ob ich recht habe, wenn ich dieses Unglück befürchte. Als ich das Bündel Briefe entfaltete, das man bei diesem unglücklichen jungen Mann beschlagnahmt hat, warf Jakob Collin einen scharfen Blick darauf, und ihm entschlüpfte ein befriedigtes Lächeln, über dessen Bedeutung sich ein Untersuchungsrichter nicht täuschen kann. Ein so tiefgründiger Halunke wie Jakob Collin hütet sich wohl, solche Waffen fahren zu lassen. Was sagen Sie dazu, wenn diese Briefe in den Händen eines Verteidigers sind, den der Schlingel sich natürlich unter den Feinden der Regierung und der Aristokratie aussuchen wird! Meine Frau, für die die Herzogin von Maufrigneuse eine Schwäche hat, ist zu ihr gegangen, um sie zu warnen, und in diesem Augenblick werden sie bei den Grandlieus sein, um zu beraten . . .« »Der Prozeß dieses Menschen ist ganz unmöglich!« rief der Oberstaatsanwalt, indem er aufstand und mit großen Schritten durch sein Zimmer ging. »Er wird die Briefe in Sicherheit gebracht haben . . .« »Ich weiß wo« sagte Camusot.

Durch dieses einzige Wort tilgte der Untersuchungsrichter die ganze Voreingenommenheit des Oberstaatsanwalts gegen ihn. »Lassen Sie sehen! . . .« sagte Herr von Granville, indem er sich wieder setzte. »Als ich von Hause in den Palast kam, habe ich mir diese trostlose Angelegenheit gründlich überlegt. Jakob Collin hat eine Tante, eine wirkliche, keine künstliche Tante; eine Frau, über die die politische Polizei der Präfektur eine Notiz geschickt hat. Er ist der Schüler und Abgott dieser Frau, der Schwester seines Vaters; sie heißt Jakobine Collin. Dieses Weib hat einen Kleiderhandel, und mit Hilfe der Beziehungen, die sie sich durch dieses Gewerbe verschafft hat, dringt sie in viele Familiengeheimnisse ein. Wenn Jakob Collin diese Papiere, die ihm zur Rettung werden können, irgend jemandem anvertraut hat, so hat er sie der Obhut dieses Geschöpfes übergeben; lassen Sie uns dieses Weib verhaften . . .«

Der Oberstaatsanwalt warf einen feinen Blick auf Camusot, einen Blick, der etwa sagen sollte: ›Dieser Mensch ist nicht so dumm, wie ich gestern glaubte; nur ist er noch jung, er weiß mit den Zügeln der Justiz noch nicht umzugehen.‹

»Aber«, fuhr Camusot fort, »damit es gelingt, müssen wir alle Maßregeln, die wir gestern getroffen haben, abändern, und ich komme, um Sie um Ihren Rat, um Ihre Befehle zu bitten . . .«

Der Oberstaatsanwalt nahm sein Papiermesser und schlug leise damit auf den Tischrand: eine Geste, wie sie allen Denkern vertraut ist, wenn sie sich völlig der Überlegung hingeben. »Drei hohe Familien in Gefahr!« rief er aus. »Hier darf man keinen einzigen Schnitzer machen! Sie haben recht, wir müssen Fouchés Grundsatz befolgen: ›Verhaften wir!‹ Wir müssen Jakob Collin auf der Stelle wieder in Geheimhaft bringen.« »So geben wir zu, daß er der Sträfling ist! Damit beflecken wir das Andenken Luciens . . .« »Was für eine furchtbare Angelegenheit!« sagte Herr von Granville; »alles ist gefährlich!«

In diesem Augenblick trat der Direktor der Conciergerie ein; nicht freilich, ohne zuvor anzuklopfen, aber ein Zimmer wie das des Oberstaatsanwalts wird so genau bewacht, daß nur solche, die mit dieser Behörde vertraut find, an die Tür klopfen können.

»Herr Graf,« sagte Herr Gault, »der Untersuchungsgefangene, der den Namen Carlos Herrera führt, wünscht Sie zu sprechen.« »Hat er mit irgend jemandem Verkehr gehabt?« fragte der Oberstaatsanwalt. »Mit den Gefangenen, denn er ist seit ungefähr halb acht auf dem Hof. Er hat den zum Tode Verurteilten gesehen, der ihm gegenüber ›geredet‹ zu haben scheint.«

Herr von Granville erkannte auf ein Wort des Herrn Camusot, das ihm wie ein Lichtstrahl aufging, wieviel Nutzen man für die Herausgabe der Briefe aus einem Geständnis der Freundschaft Jakob Collins mit Theodor Calvi ziehen konnte. Er war glücklich, daß er einen Grund hatte, die Hinrichtung zu verschieben, und rief Herrn Gault durch eine Geste zu sich zurück. »Es ist meine Absicht,« sagte er, »die Hinrichtung auf morgen zu verschieben; aber in der Conciergerie darf man von dieser Verzögerung nichts merken. Absolutes Schweigen! Der Scharfrichter soll tun, als ginge er, um die Zurüstungen zu überwachen. Schicken Sie uns diesen spanischen Priester unter guter Bewachung hierher; die spanische Gesandtschaft verlangt seine Auslieferung. Die Gendarmen mögen Ihren Herrn Carlos über Ihre Privattreppe führen, damit er niemanden sehen kann. Warnen Sie die Leute, damit sie ihn zu zweit festhalten, jeder an einem Arm, und daß sie ihn erst an der Tür meines Zimmers loslassen. Sind Sie sicher, Herr Gault, daß dieser gefährliche Ausländer nur mit den Gefangenen hat reden können?« »Nein; in dem Augenblick, als er aus der Kammer des zum Tode Verurteilten kam, erschien eine Dame, um ihn zu sprechen.«

Die beiden Richter tauschten einen Blick aus, und was für einen Blick!

»Was für eine Dame?« fragte Camusot. »Eins seiner Beichtkinder . . . eine Marquise,« erwiderte Herr Gault. »Immer schlimmer!« rief Herr von Granville, indem er Camusot ansah. »Die Gendarmen und Aufseher haben Kopfschmerzen bekommen durch sie,« sagte Herr Gault bestürzt. »In Ihrem Amt ist nichts bedeutungslos,« sagte der Oberstaatsanwalt streng. »Die Conciergerie ist nicht umsonst so vermauert, wie sie es ist. Wie ist diese Dame hereingekommen?« »Mit einem ordnungsmäßigen Erlaubnisschein, Herr Graf,« erwiderte der Direktor. »Diese vollkommen gut gekleidete Dame kam in einer Equipage, begleitet von einem Jäger und einem Lakaien, um ihren Beichtvater zu sehen, ehe sie zur Beerdigung des unglücklichen jungen Mannes ging, den Sie wegschaffen ließen.« »Bringen Sie mir den Erlaubnisschein der Präfektur,« sagte Herr von Granville. »Er ist auf Empfehlung Seiner Exzellenz des Grafen von Sérizy erteilt worden.« »Wie sah diese Frau aus?« fragte der Oberstaatsanwalt. »Sie schien uns eine vornehme Dame zu sein.« »Haben Sie ihr Gesicht gesehen?« »Sie trug einen schwarzen Schleier.« »Was hat sie gesprochen?« »Nun, eine Fromme mit einem Gebetbuch . . . was sollte die wohl sagen? . . . Sie bat um den Segen des Abbés, sie kniete nieder . . .« »Haben sie sich lange unterhalten?« fragte der Richter. »Keine fünf Minuten; aber verstanden haben wir alle nicht, was sie sagten, sie haben wahrscheinlich spanisch gesprochen.« »Sagen Sie uns alles, Herr Direktor,« fuhr der Oberstaatsanwalt fort; »ich wiederhole Ihnen, die geringste Einzelheit ist für uns von entscheidender Bedeutung. Möge Ihnen dies als Warnung dienen!« »Sie weinte, Herr Graf.« »Weinte sie wirklich?« »Das konnten wir nicht sehen, sie bedeckte ihr Gesicht mit dem Taschentuch. Sie hat dreihundert Franken in Gold für die Gefangenen zurückgelassen.« »Dann ist sie es nicht!« rief Camusot. »Bibi-Lupin«, fuhr Herr Gault fort, »rief aus: ›Das ist eine Gaunerin!‹« »Er kennt sich darin aus,« sagte Herr von Granville. »Erlassen Sie den Haftbefehl,« fügte er mit einem Blick auf Camusot hinzu, »und schnell bei ihr überall die Siegel angelegt! . . . Aber vor allem, wie hat sie sich die Empfehlung des Herrn von Sérizy verschaffen können? . . . Bringen Sie mir den Erlaubnisschein der Präfektur . . . Eilen Sie, Herr Gault! Und schicken Sie mir gleich den Abbé. Solange wir ihn da haben, kann die Gefahr nicht größer werden. Und in einer zweistündigen Unterredung macht man schon einige Fortschritte in der Kenntnis einer Menschenseele.« »Vor allem ein Oberstaatsanwalt wie Sie,« sagte Camusot fein. »Wir sind zu zweit,« erwiderte der Oberstaatsanwalt höflich. Und er sank in seine Überlegungen zurück. »Man müßte in allen Sprechzimmern der Gefängnisse ein Aufseheramt einrichten, das mit einem guten Gehalt den geschicktesten und ergebensten Polizeiagenten verliehen würde,« sagte er nach einer langen Pause. »Da müßte Bibi-Lupin sein Leben beschließen. Dann hätten wir ein Auge und ein Ohr an einer Stelle, die eine geschicktere Überwachung verlangt, als jetzt vorhanden ist. Herr Gault hat nichts Entscheidendes sagen können.« »Er ist so in Anspruch genommen,« sagte Camusot; »aber zwischen den Geheimzellen und uns liegt eine Lücke. Um von der Conciergerie zu uns zu kommen, geht man durch Gänge, Höfe und über Treppen. Die Aufmerksamkeit unserer Gendarmen ebbt ab, während der Gefangene immer nur an seine Sache denkt. Es hat schon einmal, wie man mir sagte, eine Dame auf seinem Weg gestanden, als Jakob Collin aus seiner Zelle zum Verhör kam. Diese Frau ist bis zu dem Gendarmenposten vorgedrungen, oben über der kleinen Treppe von der Souricière her; die Gerichtsdiener haben es mir gesagt, und ich habe die Gendarmen deswegen ausgescholten.« »Oh, der Palast müßte ganz und gar neu gebaut werden,« sagte Herr von Granville; »aber das ist eine Ausgabe von zwanzig bis dreißig Millionen! . . . Verlangen Sie doch von der Kammer dreißig Millionen für die Bequemlichkeit der Richter!«

Man hörte die Schritte mehrerer Personen und das Geräusch von Waffen. Es mußte Jakob Collin sein. Der Oberstaatsanwalt legte sich eine Maske der Würde über das Gesicht, unter der der Mensch verschwand. Camusot ahmte darin dem Leiter der Staatsanwaltschaft nach. In der Tat öffnete der Bureaudiener die Tür, und Jakob Collin trat ruhig und ohne jedes Staunen ein.

»Sie haben mich sprechen wollen,« sagte der Oberstaatsanwalt, »ich höre Sie.« »Herr Graf, ich bin Jakob Collin, ich ergebe mich!« Camusot erzitterte, der Oberstaatsanwalt blieb ruhig. »Sie werden sich denken können, daß ich meine Gründe habe; so zu handeln,« fuhr Jakob Collin fort, indem er einen spöttischen Blick über die beiden Richter gleiten ließ. »Ich muß Ihnen ungeheure Verlegenheiten bereiten; denn wenn ich spanischer Priester bleibe, lassen Sie mich von der Gendarmerie bis zur Grenze bei Bayonne begleiten, und da befreien die spanischen Bajonette Sie von mir!« Die beiden Richter verharrten reglos und stumm. »Herr Graf,« fuhr der Sträfling fort, »die Gründe, die mich treiben, so zu handeln, sind noch ernsterer Natur, obgleich sie verteufelt persönlich sind; aber ich kann sie nur Ihnen sagen . . . Sollten Sie Furcht haben?« »Furcht! Wovor, vor wem?« sagte der Graf von Granville.

Haltung, Ausdruck, Kopfneigung, Geste und Blick machten in diesem Augenblick aus dem großen Oberstaatsanwalt ein lebendes Bild des Richterstandes, der die schönsten Beispiele bürgerlichen Mutes zeigen muß. In diesem so flüchtigen Augenblick stand er auf der Höhe der alten Richter des einstigen Parlaments zu Zeiten der Bürgerkriege, als die Präsidenten dem Tode gegenüber den Statuen gleich, die man ihnen errichtet hat, wie aus Marmor dastanden.

»Nun, Furcht, mit einem entsprungenen Sträfling allein zu bleiben.« »Verlassen Sie uns, Herr Camusot,« sagte der Oberstaatsanwalt schnell. »Ich wollte Ihnen vorschlagen, mir Hände und Füße fesseln zu lassen,« fuhr Jakob Collin kühl fort, indem er den beiden Richtern einen furchtbaren Blick zuwarf. Er machte eine Pause und sagte dann ernst: »Herr Graf, Sie hatten erst nur meine Achtung, aber Sie haben in diesem Augenblick meine Bewunderung.« »So, halten Sie sich für so furchtbar?« fragte der Oberstaatsanwalt mit einer Miene voller Geringschätzung. »Mich für furchtbar halten?« erwiderte der Verbrecher; »wozu? Ich bin es, und ich weiß es.«

Jakob Collin nahm einen Stuhl und setzte sich mit der ganzen Unbefangenheit eines Mannes, der weiß, daß er seinem Gegner in einer Unterredung, bei der eine Macht mit der andern verhandelt, gewachsen ist.

In diesem Augenblick kam Herr Camusot, der schon auf der Schwelle stand, ins Zimmer zurück; er trat zu Herrn von Granville heran und überreichte ihm zwei gefaltete Papiere. »Sehen Sie,« sagte der Richter zu dem Oberstaatsanwalt, indem er ihm das eine der Papiere zeigte. »Rufen Sie Herrn Gault zurück,« rief der Graf, sowie er den Namen der Kammerfrau der Herzogin von Maufrigneuse gelesen hatte; denn sie war ihm bekannt.

Der Direktor der Conciergerie trat ein. »Schildern Sie uns«, sagte ihm der Oberstaatsanwalt ins Ohr, »die Frau, die den Untersuchungsgefangenen gesprochen hat.« »Klein, stark, dick, untersetzt,« erwiderte Herr Gault. »Die Person, für die der Erlaubnisschein gegeben wurde, ist groß und schlank,« sagte Herr von Granville. »Und welches Alter?« »Sechzig Jahre.«

»Es handelt sich um mich, meine Herren?« fragte Jakob Collin. »Lassen Sie sehen,« fuhr er gutmütig fort, »suchen Sie nicht. Diese Person ist meine Tante, eine wahrhaftige Tante, eine Frau, eine Alte. Ich kann Ihnen viele Verlegenheiten ersparen . . . Sie werden meine Tante nur dann finden, wenn ich es will . . . Wenn wir so schwätzen, werden wir kaum vorwärts kommen.« »Der Herr Abbé spricht nicht mehr wie ein Spanier Französisch,« sagte Herr Gault, »er radebrecht nicht mehr.« »Weil die Dinge schon verwickelt genug sind, mein lieber Herr Gault!« erwiderte Jakob Collin mit einem bittern Lächeln, indem er den Direktor bei seinem Namen nannte.

In diesem Augenblick stürzte Herr Gault auf den Oberstaatsanwalt zu und sagte ihm ins Ohr: »Nehmen Sie sich in acht, Herr Graf, dieser Mensch ist rasend.«

Herr von Granville sah Jakob Collin langsam an und fand ihn ruhig; aber er erkannte alsbald die Wahrheit dessen, was der Direktor sagte. Diese trügerische Haltung verbarg die kalte und furchtbare Erregung der Nerven des Wilden. In Jakob Collins Augen brütete ein vulkanischer Ausbruch; seine Fäuste waren geballt. Es war wirklich der Tiger, der sich zusammenkrümmt, um auf eine Beute loszuspringen. »Lassen Sie uns allein,« sagte der Oberstaatsanwalt mit ernster Miene zu dem Direktor der Conciergerie und dem Richter.

»Sie haben gut daran getan, Luciens Mörder wegzuschicken! . . .« sagte Jakob Collin, ohne sich darum zu kümmern, ob Herr Camusot ihn hören konnte oder nicht, »ich konnte mich nicht mehr halten, ich wollte ihn erwürgen . . .«

Herrn von Granville schauderte es. Nie hatte er so viel Blut in den Augen eines Menschen gesehen, nie so viel Blässe in den Wangen, so viel Schweiß auf einer Stirn, noch eine solche Muskelspannung. »Wozu hätte Ihnen dieser Mord genützt?« fragte der Oberstaatsanwalt den Verbrecher ruhig. »Sie rächen die Gesellschaft jeden Tag, oder glauben sie zu rächen, Herr Graf, und Sie fragen mich nach dem Grunde einer Rache! Haben Sie denn nie in Ihren Adern gefühlt, wie da die Rachsucht ihre Wogen schlug? Wissen Sie denn nicht, daß dieser Dummkopf von Richter ihn uns getötet hat? Denn Sie haben ihn geliebt, meinen Lucien, und er liebte Sie! Ich kenne Sie auswendig, Herr Graf. Das liebe Kind erzählte mir alles, wenn er abends nach Hause kam; ich brachte ihn zu Bett, wie eine Bonne ihren Balg zu Bett bringt, ich ließ ihn alles berichten . . . Er vertraute mir alles an, bis hinab zu seinen geringsten Empfindungen . . . Ach, nie hat eine gute Mutter ihren einzigen Sohn so geliebt, wie ich diesen Engel liebte. Wenn Sie wüßten! Das Gute wuchs in diesem Herzen auf, wie die Blumen sich auf den Wiesen erheben. Er war schwach, das war sein einziger Fehler, schwach wie die Saite der Leier, die so stark ist, wenn sie sich spannt . . . Das sind die schönsten Naturen, ihre Schwäche ist ganz einfach Zärtlichkeit, Bewunderung, die Fähigkeit, in der Sonne der Kunst, der Liebe, des Schönen, das Gott unter tausend Formen für den Menschen erschuf, emporzublühen! . . . Kurz, Lucien war eine mißratene Frau. Ach, was habe ich dem blöden Tier, das eben hinausgegangen ist, nicht alles gesagt! . . . Ach, Herr Graf, ich habe in meinem Gesichtskreis als Untersuchungsgefangener vor dem Richter getan, was Gott getan hätte, um seinen Sohn zu retten, wenn er ihn vor Pilatus begleitet hätte! . . .«

Ein Tränenstrom brach aus den klaren und gelben Augen des Sträflings hervor, die noch eben wie die eines durch sechs Monate des Schnees in der Ukraine ausgehungerten Wolfes geflackert hatten.

»Dieser Tölpel wollte auf nichts hören, und er hat das Kind zugrunde gerichtet! . . . Herr Graf, ich habe die Leiche des Kleinen mit meinen Tränen gewaschen, und zu dem gefleht, den ich nicht kenne und der über uns allen ist! Ich, der ich nicht an Gott glaube! – Wenn ich kein Materialist wäre, wäre ich nicht ich! – Ich habe Ihnen da in einem Wort alles gesagt. Sie wissen nicht, kein Mensch weiß, was der Schmerz ist; ich allein, ich kenne ihn. Das Feuer des Schmerzes hat meine Tränen so sehr vertrocknet, daß ich heute nacht nicht habe weinen können. Ich weine jetzt, weil ich fühle, daß Sie mich verstehen. Ich habe Sie da eben als ›Gerechtigkeit‹ gesehen . . . Ach, Herr Graf, Gott – ich fange an, an ihn zu glauben – bewahre Sie davor, zu werden, was ich bin . . . Dieser verfluchte Richter hat mir meine Seele genommen. Herr Graf, Herr Graf! Man begräbt in diesem Augenblick mein Leben, meine Schönheit, meine Tugend, mein Gewissen, meine ganze Kraft! Stellen Sie sich einen Hund vor, dem ein Chemiker sein Blut entzieht . . . Dann haben Sie mich, ich bin dieser Hund . . . Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen: ›Ich bin Jakob Collin, ich ergebe mich!‹ . . . Ich hatte mich dazu heute morgen entschlossen, als man kam, mir diesen Leichnam zu entreißen, den ich wie ein Wahnsinniger, wie eine Mutter küßte, wie die Jungfrau Jesus im Grab geküßt haben muß . . . Ich wollte mich bedingungslos der Gerichtsbarkeit zur Verfügung halten . . . Jetzt muß ich Bedingungen stellen, Sie werden sehen, weshalb . . .« »Sprechen Sie zu Herrn von Granville oder zum Oberstaatsanwalt?« fragte der Richter.

Diese beiden Männer, das Verbrechen und die Gerechtigkeit, sahen sich an. Der Sträfling hatte den Staatsanwalt bis ins Innerste gerührt, und diesen faßte ein göttliches Mitleid mit dem Unglücklichen; er erriet sein Leben und seine Empfindungen. Schließlich glaubte der Staatsanwalt – ein Staatsanwalt bleibt immer Staatsanwalt –, dem das Leben Jakob Collins seit seinem Ausbruch unbekannt war, er könne sich zum Meister dieses Verbrechers machen, der schließlich nur einer Fälschung schuldig war. Und er wollte es dieser Natur gegenüber, die wie die Bronze aus verschiedenen Metallen zusammengesetzt war, aus Gutem und Bösem, mit Großmut versuchen. Und Herr von Granville, der dreiundfünfzig Jahre alt geworden war, ohne daß er je hatte Liebe einflößen können, bewunderte wie alle Männer, die nie geliebt worden sind, die zarten Naturen. Vielleicht war diese Verzweiflung, das Los vieler Männer, denen die Frauen nur ihre Achtung oder Freundschaft gewähren, das geheime Band in der tiefen Vertraulichkeit der Herren von Bauvan, von Granville und von Sérizy; denn das gleiche Unglück stimmt genau wie ein gegenseitiges Glück die Seelen auf die gleiche Oktave.

»Sie haben eine Zukunft!« sagte der Oberstaatsanwalt, indem er einen Inquisitorblick auf den zu Boden geworfenen Verbrecher fallen ließ. Der machte eine Geste, durch die er die tiefste Gleichgültigkeit gegen sich selber verriet. »Lucien hat ein Testament hinterlassen, durch das er Ihnen dreihunderttausend Franken vermacht . . .« »Der Arme! Der arme Kleine, der arme Kleine!« rief Jakob Collin; »immer zu ehrlich! Ich verkörperte alle schlimmen Empfindungen, er das Gute, das Edle, das Schöne, das Erhabene! So schöne Seelen kann man nicht verwandeln! Er hatte nur mein Geld von mir angenommen, Herr Graf!«

Diese tiefe, völlige Aufgabe der Persönlichkeit, die der Richter nicht wieder beleben konnte, bewies die furchtbaren Worte des Menschen so gut, daß Herr von Granville auf die Seite des Verbrechers trat. Es blieb noch der Oberstaatsanwalt übrig. »Wenn Sie nichts mehr interessiert,« fragte Herr von Granville, »was wollten Sie mir dann sagen?« »Ist es nicht schon viel, daß ich mich ergebe? Sie ›brannten‹, aber Sie hatten mich noch nicht; ich würde Ihnen außerdem zuviel zu schaffen machen! . . .« ›Was für ein Gegner!‹ dachte der Oberstaatsanwalt. »Herr Oberstaatsanwalt, Sie wollen einem Unschuldigen den Kopf abschlagen lassen, und ich habe den Schuldigen gefunden,« fuhr Jakob Collin ernst fort, indem er sich die Tränen abtrocknete. »Ich bin nicht um deretwillen hier, sondern um Ihretwillen. Ich wollte Ihnen einen Gewissensbiß ersparen, denn ich liebe alle, die Lucien irgendwelches Interesse entgegenbrachten, genau wie ich alle mit meinem Haß verfolgen werde, die ihn am Leben gehindert haben . . . Was macht mir das aus, mir, einem Sträfling?« fuhr er nach einer leichten Pause fort. »Ein Sträfling ist in meinen Augen kaum das, was für Sie eine Ameise ist. Ich bin wie die italienischen Räuber, die stolzen Kerle! Wenn ihnen der Reisende nur etwas mehr einbringt als den Preis des Schusses, strecken sie ihn zu Boden! Ich habe nur an Sie gedacht. Ich habe diesen jungen Menschen in die Beichte genommen; er konnte sich nur mir anvertrauen, er ist mein Kettengenosse! Theodor ist von Natur gut; er glaubte einer Geliebten einen Dienst zu leisten, wenn er es übernahm, gestohlene Dinge zu verkaufen oder zu verpfänden; aber in der Angelegenheit von Nanterre ist er als Verbrecher so wenig beteiligt wie Sie. Er ist Korse; es liegt in ihren Sitten, daß sie sich rächen, daß sie sich gegenseitig wie die Fliegen töten. In Italien und Spanien hat man nicht die Achtung vor dem Menschenleben, und das ist ganz in Ordnung. Man glaubt dort, daß wir eine Seele besitzen, ein Irgendetwas, ein Bild von uns, das uns überlebt, das ewig leben soll. Erzählen Sie doch unsern Analytikern von diesem Hirngespinst! Gerade die atheistischen und philosophischen Länder lassen das Menschenleben den, der es zerstört, teuer bezahlen, und sie haben recht, weil sie nur an die Materie, an die Gegenwart glauben! Wenn Calvi Ihnen die Frau angegeben hätte, von der die gestohlenen Gegenstände stammen, so hätten Sie zwar nicht den eigentlichen Schuldigen, denn der ist in Ihren Krallen, wohl aber eine Mitschuldige gefunden, die der arme Theodor nicht zugrunde richten will, denn es ist eine Frau . . . Was wollen Sie! Jeder Stand hat seine Ehre, das Bagno und die Halunken haben auch die ihre! Jetzt kenne ich den Mörder dieser beiden Frauen und die Urheber dieses verwegenen, merkwürdigen, unheimlichen Unternehmens; man hat es mir in allen Einzelheiten erzählt. Schieben Sie die Hinrichtung Calvis auf, so werden Sie alles erfahren; aber geben Sie mir Ihr Ehrenwort, ihn wieder ins Bagno zu schicken, indem sie seine Strafe umwandeln lassen in . . . Unter meinen Schmerzen kann man sich nicht die Mühe machen, zu lügen, das wissen Sie. Was ich Ihnen sage, ist die Wahrheit . . .« »Ihnen gegenüber, Jakob Collin, glaube ich, obwohl es die Rechtsprechung erniedrigen heißt, da sie solche Kompromisse niemals gutheißen könnte, von der Strenge meiner Obliegenheiten abweichen zu können, indem ich mich auf den beziehe, dem es dem Rechte nach zusteht.« »Gewähren Sie mir dieses Leben?« »Das wird möglich sein . . .« »Herr Graf, ich flehe Sie an, mir Ihr Wort zu geben, das soll mir genügen.« Herr von Granville machte eine Geste verletzten Stolzes. »Ich habe die Ehre dreier hoher Familien in der Hand, und Sie haben nur das Leben dreier Sträflinge,« fuhr Jakob Collin fort; »ich bin stärker als Sie.« »Man kann Sie wieder in strengen Gewahrsam werfen; was wollen Sie da machen? . . .« fragte der Oberstaatsanwalt. »Oh, spielen wir denn?« sagte Jakob Collin. »Ich sprach frei von der Leber weg! Ich sprach zu Herrn von Granville; aber wenn der Oberstaatsanwalt da ist, so nehme ich meine Karten wieder auf und lasse Sie nicht mehr hineinsehen . . . Und dabei wollte ich Ihnen, wenn Sie mir Ihr Wort gäben, die Briefe ausliefern, die Fräulein Klotilde von Grandlieu an Lucien geschrieben hat!«

Das wurde in einem Ton, mit einer Kaltblütigkeit und einem Blick gesagt, die Herrn von Granville einen Gegner offenbarten, bei dem der geringste Fehler gefährlich war. »Ist das alles, was Sie verlangen?« fragte der Oberstaatsanwalt. »Ich will Ihnen meine Vorschläge machen,« sagte Jakob Collin. »Die Ehre der Familie Grandlieu zahlt für die Umwandlung der Strafe Theodors: das nenne ich viel geben und wenig dafür erhalten. Was ist ein Sträfling, der auf Lebenszeit verurteilt ist? . . . Wenn er ausbricht, können Sie sich seiner so leicht entledigen! Es ist ein Wechsel auf die Guillotine. Nur müssen Sie mir, da man ihn in wenig liebenswürdiger Absicht nach Rochefort geschickt hatte, versprechen, daß Sie ihn nach Toulon überweisen, indem Sie Befehl erteilen, daß er dort gut behandelt wird. Jetzt ich selber; ich will mehr. Ich habe die Briefe der Frau von Sérizy und der Herzogin von Maufrigneuse, und was für Briefe! . . . Sehen Sie, Herr Graf, die öffentlichen Dirnen streben, wenn sie schreiben, nach Stil und schönen Empfindungen; nun, die hohen Damen, die den ganzen Tag im Stil und in großen Empfindungen schweben, schreiben so, wie die Dirnen handeln. Die Philosophen mögen die Gründe dieses Stellungswechsels suchen; mir liegt nichts daran, sie zu finden. Die Frau ist ein minderwertiges Wesen, sie gehorcht zu sehr ihren Organen. Für mich ist die Frau nur schön, wenn sie einem Manne gleicht. So haben denn auch diese kleinen Herzoginnen, die mit dem Kopf männlich sind, Meisterwerke geschrieben . . . Oh, das ist von einem bis zum andern Ende herrlich wie Pirons berühmte Ode . . .« »Wirklich?« »Wollen Sie sie sehen?« fragte Jakob Collin lächelnd. Der Richter schämte sich. »Ich kann Ihnen eine Probe zu lesen geben . . . Aber keine Possen! Wir spielen offenes Spiel? Sie werden mir die Briefe zurückgeben, und Sie werden auch verbieten, daß man spioniert und daß man die Person, die sie bringen wird, verfolgt oder ansieht.« »Wird das lange dauern?« fragte der Oberstaatsanwalt. »Nein, es ist halb zehn,« sagte Jakob Collin, indem er auf die Stutzuhr sah; »nun, in vier Minuten haben wir je einen Brief dieser beiden Damen; und wenn Sie sie gelesen haben, werden Sie die Guillotine widerrufen! Wenn all das nicht wäre, wie es ist, so würden Sie mich nicht so ruhig sehen. Die Damen sind übrigens gewarnt.« Herr von Granville machte eine Geste der Überraschung. »Sie werden in diesem Augenblick in heller Bewegung sein, sie werden den Justizminister ins Feld schicken, sie werden, wer weiß, wohl gar bis zum König gehen! . . . Lassen Sie sehen, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nicht zu beachten, wer kommen wird, und die Person eine Stunde lang nicht zu verfolgen noch verfolgen zu lassen?« »Ich verspreche es Ihnen.« »Gut, Sie werden nicht einen entsprungenen Sträfling betrügen wollen. Sie sind aus dem Holz, aus dem die Turennes geschnitzt waren, und Sie halten den Dieben Ihr Wort . . . Nun, im Vorsaal steht in diesem Augenblick eine Bettlerin in Lumpen, ein altes Weib, mitten im Saal, Sie wird mit einem der kleinen Advokaten über irgendeinen Prozeß um eine Grenzmauer reden; schicken Sie Ihren Bureaudiener zu ihr und lassen Sie ihr sagen: ›Dabor ti mandana.‹ Dann wird sie kommen . . . Aber seien Sie nicht unnötig grausam . . . Entweder nehmen Sie meine Vorschläge an, oder Sie wollen sich nicht mit einem Sträfling kompromittieren . . . Ich bin nur ein Fälscher, beachten Sie das wohl! . . . Nun, lassen Sie Calvi nicht in den furchtbaren Qualen der Toilette . . .« »Die Hinrichtung ist bereits widerrufen . . . Ich will nicht,« sagte Herr von Granville zu Jakob Collin, »daß die Justiz Ihnen nachsteht!«

Jakob Collin blickte den Oberstaatsanwalt mit einem gewissen Staunen an und sah, wie er die Schnur seiner Schelle zog. »Wollen Sie nicht entschlüpfen? Geben Sie mir Ihr Wort, ich begnüge mich damit. Suchen Sie diese Frau selbst auf . . .« Der Gerichtsdiener trat ein. »Felix, schicken Sie die Gendarmen fort . . .« sagte Herr von Granville.

Jakob Collin war besiegt. In diesem Zweikampf mit dem Staatsanwalt wollte er der Größere, der Stärkere, der Großmütigere sein, und der Richter zermalmte ihn. Nichtsdestoweniger aber fühlte der Sträfling sich überlegen, weil er die Justiz nasführte, weil er sie überredete, daß der Schuldige unschuldig sei, und weil er ihr siegreich einen Kopf streitig machte; aber diese Überlegenheit mußte stumm bleiben, geheim, verborgen, während der ›Storch‹ ihn majestätisch in vollem Licht überwältigte.

In dem Augenblick, als Jakob Collin das Zimmer Herrn von Granvilles verlassen hatte, stellte sich der Generalsekretär des Vorsitzes im Ministerrat, ein Deputierter, der Graf Des Lupeaulx ein, begleitet von einem kleinen leidenden Greisen. Diese Persönlichkeit, die sich in einen flohfarbenen wattierten Mantel hüllte, als herrschte der Winter noch, zeigte gepudertes Haar und ein kaltes, blasses Gesicht; sie ging wie ein Gichtbrüchiger unsicher auf den Füßen einher, die durch kalblederne Schuhe dick gemacht waren, und stützte sich, barhaupt, den Hut in der Hand, das Knopfloch geschmückt mit einer Schnalle, an der sieben Kreuze hingen, auf einen Stock mit goldenem Knauf.

»Was gibt es, mein lieber Des Lupeaulx?« fragte der Oberstaatsanwalt. »Der Fürst schickt mich,« erwiderte leise der Graf. »Sie haben Generalvollmacht, um die Briefe der Damen von Sérizy und von Maufrigneuse und die des Fräuleins Klotilde von Grandlieu loszukaufen. Sie können sich mit diesem Herrn verständigen . . .« »Wer ist das?« fragte der Oberstaatsanwalt flüsternd. »Ich habe keine Geheimnisse vor Ihnen, mein lieber Oberstaatsanwalt, es ist der berühmte Corentin. Seine Majestät läßt Ihnen sagen, Sie möchten ihm selbst alle Einzelheiten dieser Angelegenheit mitteilen, sowie auch die Bedingungen für einen Erfolg.« »Leisten Sie mir den einen Dienst,« erwiderte der Oberstaatsanwalt, »und gehen Sie zu dem Fürsten, um ihm zu sagen, daß alles bereits erledigt ist; ich habe diesen Herrn nicht erst nötig gehabt,« fügte er hinzu, indem er auf Corentin deutete. »Ich werde mir die Befehle Seiner Majestät in betreff des Abschlusses dieser Angelegenheit holen; sie geht den Justizminister an, denn es sind zwei Begnadigungen zu gewähren.« »Sie haben klug gehandelt, daß Sie schon vorgingen,« sagte Des Lupeaulx, indem er dem Oberstaatsanwalt die Hand drückte. »Der König will am Vorabend eines großen Unternehmens nicht zusehen, wie die Pairie und die großen Familien an den Pranger gestellt und besudelt werden . . . Es ist nicht mehr ein gewöhnlicher Strafprozeß, es ist eine Staatsangelegenheit . . .« »Aber sagen Sie dem Fürsten, als Sie gekommen wären, sei alles schon erledigt gewesen!« »Wirklich?« »Ich glaube es.« »Dann werden Sie Justizminister, wenn der gegenwärtige Justizminister Kanzler wird, mein Lieber . . .« »Ich habe keinen Ehrgeiz,« erwiderte der Oberstaatsanwalt. Des Lupeaulx wandte sich lachend zum Gehen. »Bitten Sie den Fürsten, mir vom König gegen halb drei Uhr zehn Minuten Audienz zu erwirken,« fügte Herr von Granville hinzu, indem er den Grafen Des Lupeaulx hinausgeleitete. »Und Sie sind nicht ehrgeizig!« sagte Des Lupeaulx, indem er Herrn von Granville einen feinen Blick zuwarf. »Was! Sie haben zwei Kinder, Sie wollen doch mindestens Pair von Frankreich werden . . .«

»Wenn der Herr Oberstaatsanwalt die Briefe hat, so wird meine Vermittlung überflüssig,« bemerkte Corentin, als er sich mit Herrn von Granville allein sah und der ihn mit sehr begreiflicher Neugier musterte. »Ein Mann wie Sie ist in einer so heiklen Angelegenheit niemals überflüssig,« erwiderte der Oberstaatsanwalt, als er sah, daß Corentin alles begriffen oder gehört hatte. Corentin dankte durch eine fast gönnerhafte Kopfneigung. »Kennen Sie die Persönlichkeit, um die es sich handelt?« »Ja, Herr Graf, es ist Jakob Collin, der Führer der Gesellschaft der ›Zehntausend‹, der Bankier der drei Bagnos, ein Sträfling, der sich seit fünf Jahren unter der Soutane des Abbé Carlos Herrera zu verstecken verstanden hat. Wie er vom König von Spanien mit einer Mission an den verstorbenen König hat betraut werden können, darüber die Wahrheit herauszubekommen, zerbrechen wir uns alle vergeblich den Kopf. Ich erwarte eine Antwort aus Madrid, wohin ich einen meiner Leute mit den Notizen entsandt habe. Dieser Sträfling ist im Besitz der Geheimnisse zweier Könige . . .« »Er ist ein Mann von starkem Geist! Wir können nur eins von zwei Dingen tun: ihn an uns fesseln oder uns seiner entledigen,« sagte der Oberstaatsanwalt. »Da haben wir denselben Gedanken gehabt, und das ist eine große Ehre für mich,« erwiderte Corentin; »ich bin genötigt, für so viel Leute so viel Einfälle zu haben, daß ich schließlich einmal mit einem Mann von Geist zusammentreffen muß.«

Das wurde so trocken und in so eisigem Ton gesagt, daß der Oberstaatsanwalt Schweigen bewahrte und ein paar eilige Sachen zu erledigen begann.

Man kann sich nicht vorstellen, von welchem Staunen Fräulein Jakobine Collin erfaßt wurde, als Jakob Collin im Vorsaal erschien. Sie stand wie angewurzelt, die Hände auf die Hüften gestützt, denn sie war als Obsthändlerin verkleidet. So sehr sie auch an die Kraftstreiche ihres Neffen gewöhnt war, so übertraf doch dieser alles.

»Nun, wenn du mich noch lange anstaunst wie ein naturgeschichtliches Kabinett,« sagte Jakob Collin, indem er seine Tante beim Arm nahm und aus dem Vorsaal führte, »wird man uns für zwei Kuriositäten halten und uns vielleicht verhaften; damit wäre Zeit verloren.«

Und er stieg die Treppe zur Händlergalerie hinab, die in die Rue de la Barillerie führt. »Wo ist Paccard?« »Er erwartet mich bei der ›Roten‹ und geht auf dem Blumenkai spazieren.« »Und Prudentia?« »Die ist im Hause als mein Patenkind.« »Laß uns dorthin . . .« »Sieh dich um, ob wir verfolgt werden . . .«

Die ›Rote‹, eine Kurzwarenhändlerin des Blumenkais, war die Witwe eines berühmten Mörders, eines ›Zehntausenders‹. 1819 hatte Jakob Collin diesem Mädchen im Namen ihres Liebhabers nach dessen Hinrichtung getreulich zwanzig und einige tausend Franken eingehändigt. Betrüg-den-Tod allein wußte um den vertrauten Verkehr dieses jungen Mädchens, das damals Modistin war, mit seiner ›Spitze‹.

›Ich bin der Dab deines Mannes‹, hatte damals der Bewohner des Hauses Vauquer zu der Modistin gesagt, die er in den Jardin des Plantes bestellt hatte. ›Er wird dir von mir gesprochen haben, meine Kleine. Wer mich verrät, stirbt innerhalb desselben Jahres; wer mir treu ist, hat von mir nie etwas zu fürchten. Ich bin ein Freund, der eher stirbt, als daß er ein Wort sagt, wodurch die, die er liebt, kompromittiert werden können. Gehöre mir, wie eine Seele dem Teufel gehört, und du wirst deinen Nutzen davon haben. Ich habe deinem armen August, der dich reich machen wollte und der sich um deinetwillen hat sensen lassen, versprochen, daß du glücklich sein sollst. Weine nicht; höre mich an! Außer mir weiß niemand in der Welt, daß du die Geliebte eines Sträflings warst, eines Mörders, den man Sonnabend kaltgemacht hat; ich werde nie ein Wort davon sagen. Du bist zweiundzwanzig Jahre alt, du bist hübsch und hast sechsundzwanzigtausend Franken Vermögen; vergiß August, verheirate dich und werde eine anständige Frau, wenn du es kannst. Für diese Ruhe verlange ich von dir, daß du mir dienst, mir und denen, die ich dir schicke, und zwar ohne zu zögern. Ich werde nie etwas von dir fordern, was dich oder deine Kinder oder deinen Mann, wenn du einen findest, oder deine Familie kompromittieren könnte. Ich brauche in meinem Gewerbe oft einen sichern Ort, um mich zu besprechen oder mich zu verstecken. Ich brauche eine verschwiegene Frau, die einen Brief überbringt oder einen Auftrag übernimmt. Du sollst einer meiner Briefkästen sein, eine meiner Portierlogen, eine meiner Abgesandten, nicht mehr, nicht minder. Du bist ganz blond. August und ich, wir nannten dich ›die Rote‹; den Namen sollst du behalten. Meine Tante, die Händlerin vom Trödelmarkt, mit der ich dich bekannt machen werde, soll die einzige Person in der Welt sein, der du zu gehorchen hast. Sag ihr alles, was dir widerfährt; sie wird dich verheiraten, sie wird dir sehr nützlich sein.‹

So wurde einer jener Teufelspakte nach Art dessen, der ihm Prudentia Servien so lange untertan gemacht hatte, abgeschlossen, und wie sie dieser Mensch abzuschließen niemals versäumte, denn wie der Teufel frönte er der Leidenschaft der Rekrutierung.

Jakob Collin hatte ›die Rote‹ um 1821 mit dem ersten Kommis eines Großeisenhändlers verheiratet. Dieser erste Kommis, der das Haus seines Brotherrn erstanden hatte, war eben jetzt als Vater zweier Kinder und als Adjunkt der Bürgermeisterei seines Viertels auf dem Weg zum Wohlstand. Nie hatte ›die Rote‹, seit sie Frau Prélard geworden war, im geringsten Grund gehabt, sich über Jakob Collin oder seine Tante zu beklagen; aber sooft man einen Dienst von ihr verlangte, zitterte Frau Prélard an allen Gliedern. Daher wurde sie auch blaß und fahl, als sie diese beiden furchtbaren Persönlichkeiten in ihren Laden eintreten sah.

»Wir haben Ihnen von Geschäften zu reden,« sagte Jakob Collin. »Mein Mann ist da«, erwiderte sie. »Nun, wir haben Sie im Augenblick nicht allzu nötig; ich störe die Leute niemals unnötigerweise.« »Lassen Sie einen Fiaker holen, meine Kleine,« sagte Jakobine Collin, »und sagen Sie meiner Patin, sie soll herunterkommen; ich hoffe, ihr eine Stelle als Zofe bei einer großen Dame verschaffen zu können, und der Haushofmeister des Hauses will sie mitnehmen.«

Paccard, der einem Gendarmen in Zivil glich, plauderte eben mit Herrn Prélard über eine bedeutende Lieferung von Eisendraht für eine Brücke.

Ein Kommis ging, um einen Fiaker zu holen, und ein paar Minuten darauf saßen Europa oder, um ihr den Namen, unter dem sie Esther gedient hatte, zu nehmen, Prudentia Servien, Paccard, Jakob Collin und seine Tante zur großen Freude der Roten zusammen in einem Fiaker, dessen Kutscher Betrüg-den-Tod Befehl gab, zur Barrière d'Ivry zu fahren.

Prudentia Servien und Paccard, die vor dem Dab zitterten, glichen schuldbeladenen Seelen vor dem Angesicht Gottes. »Wo sind die siebenhundertfünfzigtausend Franken?« fragte der Dab, indem er einen jener starren und klaren Blicke auf sie richtete, die das Blut dieser verdammten Seelen, wenn sie schuldig waren, so sehr trübten, daß sie ebensoviel Nadeln, wie Haare, im Kopf zu haben meinten. »Die siebenhundertdreißigtausend Franken«, erwiderte Jakobine Collin ihrem Neffen, »sind in Sicherheit: ich habe sie heute morgen der Romette übergeben, in einem versiegelten Paket . . .« »Wenn ihr sie nicht Jakobine ausgehändigt hättet,« sagte Betrüg-den-Tod, »wäret ihr geradenwegs dahin marschiert . . .« sagte er, indem er auf den Richtplatz zeigte, vor dem der Wagen eben vorüberfuhr.

Prudentia Servien machte nach der Sitte ihres Landes das Zeichen des Kreuzes, als hätte sie den Blitz fallen sehen. »Ich vergebe euch«, erwiderte der Dab, »unter der Bedingung, daß ihr keine solchen Fehler mehr macht und daß ihr für mich in Zukunft seid, was mir diese beiden Finger meiner rechten Hand sind;« dies sagte er, indem er den Zeige- und den Mittelfinger hob, »denn der Daumen, das ist das gute Weib da.« Und er schlug seine Tante auf die Schulter. »Hört mich an,« fuhr er fort; »du, Paccard, hast in Zukunft nichts mehr zu fürchten, und du kannst in Pantin nach Belieben deiner Nase folgen! Ich erlaube dir, Prudentia zu heiraten.« Paccard ergriff Jakob Collins Hand und küßte sie ehrfurchtsvoll. »Was habe ich zu tun?« fragte er. »Nichts, du sollst Renten und Weiber haben, dein eigenes nicht zu zählen, denn du bist sehr ›Regentschaft‹, mein Alter! . . . Das kommt davon, wenn man als Mann zu schön ist!«

Paccard errötete, als er dieses spöttische Lob seines Sultans hörte. »Du, Prudentia,« fuhr Jakob fort, »brauchst eine Laufbahn, einen Stand, eine Zukunft, und mußt in meinen Diensten bleiben. Höre mir genau zu. Es gibt in der Rue Sainte-Barbe ein sehr gutes Haus, das jener Frau von Saint-Estève gehört, der meine Tante bisweilen den Namen entlehnt . . . Es ist ein gutes Haus mit guter Kundschaft, das jährlich fünfzehn- bis zwanzigtausend Franken einbringt. Die Saint-Estève läßt dieses Haus von der . . .« »Der Gonore verwalten,« sagte Jakobine. »Dem Weib des armen La Pouraille,« sagte Paccard; »da habe ich mich mit Europa versteckt, als die arme Frau van Bogseck, unsere Herrin, starb . . .« »Schwätzt man, wenn ich rede?« sagte Jakob Collin. Im Fiaker trat tiefstes Schweigen ein, und Prudentia und Paccard wagten nicht mehr sich anzusehen. »Das Haus also wird von der Gonore verwaltet,« fuhr Jakob Collin fort. »Wenn du dich da mit Prudentia versteckt hast, Paccard, so sehe ich, daß du Geist genug besitzt, um die Polizei hineinzulegen, daß du aber doch noch nicht schlau genug bist, der ›Darbonne‹ etwas weiszumachen,« sagte er, indem er seiner Tante das Kinn streichelte. »Jetzt errate ich, wie sie dich hat finden können . . . Das trifft sich gut. Ihr kehrt zu der Gonore zurück. Ich fahre fort. Jakobine wird mit Frau Nourrisson über die Erwerbung ihres Ladens in der Rue Sainte-Barbe unterhandeln, und du kannst da reich werden, wenn du dich zu benehmen weißt, meine Kleine!« sagte er, indem er Prudentia ansah. »In deinem Alter Hurenwirtin, das ist etwas für eine königliche Prinzessin,« fügte er mit beißender Stimme hinzu.

Prudentia sprang Betrüg-den-Tod an den Hals und umarmte ihn; aber mit einem kurzen Stoß, der seine außerordentliche Kraft verriet, warf der Dab sie so jäh zurück, daß das Mädchen, wäre nicht Paccard gewesen, mit dem Kopf in die Wagenscheibe gefallen wäre und sie zerbrochen hätte. »Die Pfoten weg! Solche Manieren mag ich nicht!« sagte der Dab trocken; »das nenne ich, es mir gegenüber an Achtung fehlen lassen.« »Er hat recht, meine Kleine,« sagte Paccard. »Siehst du, das ist dasselbe, wie wenn der Dab dir hunderttausend Franken schenkte. Soviel ist der Laden wert. Er liegt auf dem Boulevard, dem Gymnase gegenüber. Da gehen alle Leute vorüber, wenn sie aus dem Theater kommen . . .« »Ich werde noch mehr tun, ich werde auch das Haus kaufen,« sagte Betrüg-den-Tod. »Dann sind wir in sechs Jahren Millionäre!« rief Paccard.

Da Betrüg-den-Tod der Unterbrechungen müde war, versetzte er Paccard einen solchen Fußtritt gegen das Schienbein, daß er es ihm fast zerschlagen hätte; aber Paccard hatte Nerven aus Kautschuk und Knochen aus Eisen. »Genug, Dab! Wir schweigen!« sagte er. »Glaubt ihr, ich rede hier Albernheiten?« erwiderte Betrüg-den-Tod, der jetzt merkte, daß Paccard ein paar Gläschen zuviel getrunken hatte. »Hört zu! Im Keller des Hauses liegen zweihundertfünfzigtausend Franken in Gold – . . .« Wiederum herrschte im Fiaker tiefstes Schweigen. »Dieses Gold liegt unter einer sehr harten Vermauerung, und ihr habt nur drei Nächte, um zu ihm zu gelangen. Jakobine wird euch helfen . . . Hunderttausend Franken werden dazu benutzt, den Laden zu bezahlen, fünfzigtausend für den Ankauf des Hauses, und den Rest laßt ihr liegen.« »Wo?« fragte Paccard. »Im Keller?« fragte Prudentia. »Ruhe!« sagte Jakobine. »Ja, aber für die Übertragung des Besitzes braucht man die Erlaubnis der Polizei,« warf Paccard ein. »Die wird man erhalten,« sagte Betrüg-den-Tod trocken; »in was mischst du dich ein?«

Jakobine sah ihren Neffen an, und ihr fiel auf, wie sehr dieses Gesicht hinter der reglosen Maske, unter der dieser so starke Mensch gewöhnlich seine Empfindungen verbarg, verändert war.

»Meine Tochter,« sagte Jakob Collin zu Prudentia Servien, »meine Tante wird dir die siebenhundertfünfzigtausend Franken zurückgeben.« »Siebenhundertdreißig,« sagte Paccard. »Meinetwegen siebenhundertdreißig,« fuhr Jakob Collin fort. »Du mußt unter irgendeinem Vorwand noch einmal in das Haus der Freundin Luciens gehen. Du wirst durch die Dachluke steigen und übers Dach durch den Kamin in das Schlafzimmer deiner verstorbenen Herrin eindringen; da wirst du das Paket, das sie gemacht hatte, in der Matratze ihres Bettes verstecken . . .« »Und weshalb nicht durch die Tür?« fragte Prudentia Servien. »Dummkopf! Die Siegel liegen davor!« versetzte Jakob Collin. »In ein paar Tagen wird das Inventar aufgenommen, dann seid ihr an dem Diebstahl unschuldig . . .«

»Es lebe der Dab!« rief Paccard. »Ach, welche Güte!«

»Kutscher, halt! . . .« rief Jakob Collin mit seiner gewaltigen Stimme. Der Fiaker war eben vor der Droschkenhaltestelle des Jardin des Plantes angelangt. »Fort, meine Kinder,« sagte Jakob Collin, »und macht mir keine Dummheiten! Seid heute abend um fünf Uhr auf dem Pont des Arts, da wird meine Tante euch sagen, ob kein Gegenbefehl erlassen ist . . . Man muß alles voraussehen,« flüsterte er seiner Tante leise zu. »Jakobine wird euch morgen auseinandersetzen, wie ihr es anfangen müßt, um das Gold gefahrlos aus dem Keller zu holen. Das ist eine sehr heikle Sache . . .«

Prudentia und Paccard sprangen auf das Pflaster des Königs hinaus, glücklich wie zwei begnadigte Diebe. »Ach, was für ein wackerer Mann der Dab ist!« sagte Paccard. »Er wäre der König der Männer, wenn er die Frauen nicht so sehr verachtete!« »Ei, liebenswürdig ist er!« rief Paccard; »hast du gesehen, was für einen Fußtritt er mir versetzte? Wir verdienten, ad patres geschickt zu werden, denn schließlich haben wir ihn in Verlegenheit gebracht . . .« »Wenn er uns nicht«, sagte die geistreiche und schlaue Prudentia, »in irgendein Verbrechen verwickelt, um uns auf ›die Wiese‹ zu schicken . . .« »Er! Wenn er das wollte, würde er es uns sagen, da kennst du ihn nicht! . . . Wie hübsch er dich versorgt! Jetzt sind wir Bürger. Was für Aussichten! Oh, wenn er einen liebt, dieser Mensch, dann hat er an Güte nicht seinesgleichen!«

»Mein Liebchen,« sagte Jakob Collin zu seiner Tante, »übernimm du die Gonore, du mußt sie einschläfern; sie wird in fünf Tagen verhaftet werden, und man wird in ihrem Schlafzimmer hundertfünfzigtausend Franken in Gold finden, die dann noch von einem andern Anteil aus der Ermordung der alten Crottats, des Vaters und der Mutter des Notars, übrigbleiben.« »Dann erhält sie ihre fünf Jahre Weiberhaus,« sagte Jakobine. »Ungefähr,« erwiderte Jakob Collin. »Also ist das ein Grund für die Nourrisson, ihr Haus loszuschlagen; selbst kann sie es nicht führen, und man findet nicht so leicht Vertreterinnen, wie man sie will. Du kannst die Geschichte leicht in Ordnung bringen. Wir werden dort ein Auge haben . . . Aber diese Angelegenheiten sind alle drei nicht so wichtig wie die Unterhandlungen, die ich wegen unserer Briefe anknüpfen will. Trenne also deinen Rock auf und gib mir die Muster der Ware. Wo sind die drei Pakete?« »Ei, bei der Roten.« »Kutscher!« rief Jakob Collin, »fahren Sie wieder zum Justizpalast, und flott! – Ich habe Eile versprochen, und ich bin schon eine halbe Stunde fort, das ist zuviel! Bleib bei der Roten und gib die versiegelten Pakete dem Bureaudiener, der nach Frau von Saint-Estève fragt. Das ›von‹ ist die Parole; dann muß er dir sagen: ›Gnädige Frau, ich komme vom Herrn Oberstaatsanwalt; Sie wüßten weshalb.‹ Stell dich vor der Tür der Roten auf und gib acht, was auf dem Blumenmarkt vorgeht, damit Prélard keinen Verdacht schöpft. Sowie du die Briefe aus der Hand gegeben hast, kannst du Paccard und Prudentia arbeiten lassen.« »Ich errate,« sagte Jakobine, »du willst Bibi-Lupin verdrängen. Der Tod dieses Burschen hat dich ganz auf den Kopf gestellt!« »Und Theodor, den man die Haare schneiden wollte, um ihn heute um vier zu sensen!« rief Jakob Collin. »Nun, das ist ein Gedanke! Wir enden als ehrliche Leute und Bürger mit einem schönen Besitz in einem schönen Lande, in der Touraine.« »Was sollte aus mir werden! Lucien hat meine Seele, mein ganzes glückliches Leben mitgenommen; ich sehe noch dreißig Jahre der Langweile vor mir, und ich habe keinen Mut mehr. Statt der Dab des Bagnos zu sein, werde ich der Figaro der Justiz, und ich werde Lucien rächen. Nur in der Haut der Polizei kann ich Corentin mit Sicherheit vernichten. Das heißt noch einmal leben, wenn ich einen Menschen zu fressen habe. Der Stand, den man im Leben hat, ist nur ein Schein; die Realität, das ist der Gedanke!« fügte er hinzu, indem er sich vor die Stirn schlug. »Wieviel hast du jetzt in unserm Schatz?« »Nichts,« sagte die Tante, erschreckt durch den Ton und das Wesen ihres Neffen. »Ich habe alles für deinen Kleinen gegeben. Die Romette hatte nicht mehr als zwanzigtausend Franken für ihren Handel. Frau Nourrisson habe ich alles abgenommen; sie besaß etwa sechzigtausend Franken für sich . . . Ach, wir liegen in Laken, die seit einem Jahr nicht mehr gebleicht worden sind. Der Kleine hat die Gelder der Spitzen, unsern Schatz und alles, was die Nourisson besaß, verzehrt.« »Das machte?« »Fünfhundertsechzigtausend Franken . . .« »Wir haben Hundertfünfzigtausend in Gold, die Paccard und Prudentia uns schuldig werden. Ich werde dir sagen, woher du weitere zweihunderttausend nehmen kannst . . . Der Rest kommt aus Esthers Nachlaß. Wir müssen die Nourrisson auszahlen. Mit Theodor, Paccard, Prudentia, der Nourrisson und dir werde ich das heilige Bataillon, das ich brauche, bald zusammen haben . . . Höre, wir sind gleich da . . .« »Hier sind die drei Briefe,« sagte Jakobine, die eben zum letztenmal die Schere an das Futter ihres Rockes gehoben hatte. »Gut,« erwiderte Jakob Collin, indem er die drei kostbaren Autographe entgegennahm: drei noch duftende Velinpapiere. »Theodor hat das Ding in Nanterre gemacht.« »Ah, er!« »Schweig, die Zeit ist kostbar. Er wollte einen kleinen korsischen Vogel namens Ginetta füttern . . . Du wirst die Nourrisson benutzen, um sie zu finden; ich werde dir die nötigen Anweisungen durch einen Brief zukommen lassen, den Gault dir überreichen wird. Du wirst in zwei Stunden an das Portal der Conciergerie kommen. Es handelt sich darum, dieses kleine Mädchen auf eine Wäscherin loszulassen, die Schwester Godets, da soll sie sich einnisten . . . Godet und Ruffard sind Mitschuldige La Pourailles bei dem Raubmord an den Crottats. Die vierhundertfünfzigtausend Franken sind unberührt; ein Drittel im Keller der Gonore, das ist La Pourailles Anteil; das zweite Drittel im Schlafzimmer der Gonore, das gehört Ruffard; das letzte Drittel ist bei der Schwester Godets. Wir werden zunächst hundertfünfzigtausend Franken von La Pourailles Anteil nehmen, dann hunderttausend von dem Godets und hunderttausend von dem Ruffards. Sowie Ruffard und Godet im Loch sind, haben sie selbst beiseitegebracht, was an ihren Anteilen fehlt. Wir werden ihnen weismachen: Godet, daß wir hunderttausend für ihn auf die Seite gebracht haben, Ruffard und La Pouraille, daß die Gonore das für sie gerettet hat! . . . Prudentia und Paccard haben bei der Gonore zu arbeiten, du und Ginetta, die mir ein schlaues Ding zu sein scheint, ihr werdet das bei Godets Schwester besorgen. Zu meinem Debüt als Komiker lasse ich den Storch von dem Raub bei den Crottats vierhunderttausend Franken nebst den Schuldigen wiederfinden. Dem Anschein nach kläre ich auch den Mord in Nanterre auf. Wir haben unsern Kies wieder und sitzen im Herzen der Polizei! Wir waren das Wild, und wir werden die Jäger, das ist alles. Gib dem Kutscher drei Franken.«

Der Fiaker hielt vor dem Palast. Jakobine bezahlte verblüfft. Betrüg-den-Tod stieg die Treppe hinauf, um zum Oberstaatsanwalt zu gehen.

Ein vollständiger Wechsel im Lebenswandel bedeutet einen so gewaltsamen Umschlag, daß Jakob Collin, trotz seiner Entschlossenheit, die Stufen der Treppe, die von der Rue de la Barillerie zur Händlergalerie hinaufführt, wo sich im Säulenhof des Schwurgerichts der düstere Eingang zur Staatsanwaltschaft befindet, nur langsam emporstieg. Ein politischer Prozeß verursachte am Fuß der Doppeltreppe, die ins Schwurgericht führt, ein gewisses Gedränge, so daß der Sträfling, der in seine Gedanken versunken war, dort von der Menge eine Weile aufgehalten wurde. Links von dieser Doppeltreppe steht ein ungeheurer Pfeiler einer Strebemauer des Palastes, und in diesem Mauermassiv bemerkt man eine kleine Tür. Diese kleine Tür führt zu einer Wendeltreppe, die die Verbindung mit der Conciergerie herstellt. Sie darf benutzt werden von dem Oberstaatsanwalt, dem Direktor der Conciergerie, den Vorsitzenden der Schwurgerichte, den Staatsanwälten und dem Chef der Sicherheitspolizei. Durch eine heute vermauerte Abzweigung dieser Treppe wurde Marie Antoinette, die Königin von Frankreich, vor das Revolutionstribunal geführt, das, wie man weiß, im großen Saal der Prunksitzungen des Kassationshofes tagte.

Beim Anblick dieser grauenhaften Treppe krampft sich einem das Herz zusammen, wenn man bedenkt, daß die Tochter Maria Theresias, die mit Gefolge, Frisur und Reifrock die große Treppe von Versailles ausfüllte, dort durch mußte! . . . Vielleicht sühnte sie das Verbrechen ihrer Mutter, die scheußliche Teilung Polens. Offenbar denken die Herrscher, die solche Verbrechen begehen, nicht an das Lösegeld, das die Vorsehung dafür verlangt.

In dem Augenblick, als Jakob Collin unter das Gewölbe der Treppe trat, um sich zum Oberstaatsanwalt zu begeben, kam Bibi-Lupin aus dieser in der Mauer verborgenen Tür.

Der Chef der Sicherheitspolizei kam aus der Conciergerie, um gleichfalls zu Herrn von Granville zu gehen. Man kann sich vorstellen, wie groß Bibi-Lupins Staunen war, als er den Rock Carlos Herreras vor sich erkannte, den er erst am Morgen so genau studiert hatte; er lief, um an ihm vorbeizukommen; Jakob Collin drehte sich um. Die beiden Feinde standen sich gegenüber. Beide blieben auf der Stelle stehen, und der gleiche Blick sprang aus den so verschiedenen Augen hervor, wie wenn in einem Duell zwei Pistolen im gleichen Augenblick losgehen.

»Diesmal habe ich dich, du Räuber!« sagte der Chef des Sicherheitsdienstes. »Aha! . . .« erwiderte Jakob Collin mit ironischer Miene. Er überlegte sich rasch, daß Herr von Granville ihn hätte verfolgen lassen; und seltsam! es machte ihm Schmerz, diesen Mann weniger groß zu finden, als er ihn sich vorstellte.

Bibi-Lupin sprang Jakob Collin mutig an die Kehle; der aber versetzte ihm, das Auge auf den Gegner gerichtet, einen scharfen Stoß und schleuderte ihn, alle viere in der Luft, drei Schritt entfernt zu Boden. Dann ging Betrüg-den-Tod ruhig auf Bibi-Lupin zu und hielt ihm die Hand hin, um ihm beim Aufstehen zu helfen; genau wie ein englischer Boxer, der, seiner Kraft gewiß, nichts lieber wünscht, als von vorn zu beginnen . . . Bibi-Lupin war viel zu gewandt, um zu schreien; er sprang auf, lief an den Eingang des Ganges und winkte einem Gendarmen, sich dort aufzustellen. Dann kehrte er mit der Geschwindigkeit des Blitzes zu seinem Feinde zurück, der ihm ruhig zusah. Jakob Collin hatte seinen Entschluß gefaßt: ›Entweder hat mir der Oberstaatsanwalt sein Wort gebrochen, oder er hat Bibi-Lupin nicht ins Vertrauen gezogen, und dann gilt es, meine Stellung aufzuklären.‹ »Willst du mich verhaften?« fragte er seinen Feind. »Sag es ohne lange Umschweife. Weiß ich nicht, daß du im Herzen des Storches stärker bist als ich? Dich könnte ich mit einem Fußtritt töten, aber mit den Gendarmen und dem Militär werde ich nicht fertig. Laß uns keinen Lärm machen; wohin willst du mich führen?« »Zu Herrn Camusot.« »Laß uns zu Herrn Camusot gehen,« erwiderte Jakob Collin. »Weshalb sollten wir nicht gleich zum Oberstaatsanwalt gehen? . . . Das ist näher,« fügte er hinzu.

Bibi-Lupin, der wußte, daß er in den oberen Regionen der Gerichtsbarkeit in Ungnade war und beargwöhnt wurde, auf Kosten der Verbrecher und ihrer Opfer reich geworden zu sein, war keineswegs traurig darüber, daß er sich mit einem solchen Fang bei der Staatsanwaltschaft zeigen konnte. »Laß uns hingehen,« sagte er, »das paßt mir gerade! Aber da du dich ergibst, so laß mich dich fesseln; ich fürchte deine Ohrfeigen!« Und er zog die Handschellen aus der Tasche. Jakob Collin hielt seine Hände hin, und Bibi-Lupin legte ihm die Schellen an. »Ah, da du so gemütlich bist,« fuhr er fort, »so sag mir doch, wie du aus der Conciergerie gekommen bist?« »Genau, wie du herauskamst, über die kleine Treppe.« »Du hast also den Gendarmen einen neuen Streich gespielt?« »Nein, Herr von Granville hat mich auf mein Ehrenwort freigelassen.« »Scherzest du?« »Du wirst ja sehen! . . . Vielleicht wird man dir die Handschellen anlegen.«

In eben diesem Augenblick sagte Corentin zum Oberstaatsanwalt: »Nun, Herr Graf, es ist jetzt genau eine Stunde her, seit unser Mann ging; fürchten Sie nicht, daß er sich über Sie lustig gemacht hat? Er ist vielleicht auf dem Wege nach Spanien, wo wir ihn nicht wiederfinden werden, denn sein Spanien ist ein Märchenland.« »Entweder verstehe ich mich nicht auf Menschen, oder er kommt zurück; all seine Interessen zwingen ihn dazu; er hat mehr von mir zu erhalten, als er mir gibt . . .«

Da trat Bibi-Lupin ein. »Herr Graf,« sagte er, »ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu bringen: Jakob Collin, der entsprungen war, ist wieder ergriffen.« »So«, rief Jakob Collin dem Oberstaatsanwalt zu, »halten Sie Ihr Wort! Fragen Sie Ihren doppelgesichtigen Agenten, wo er mich gefunden hat.« »Wo?« fragte der Oberstaatsanwalt, »Ein paar Schritte von hier, unter dem Gewölbe,« erwiderte Bibi-Lupin. »Nehmen Sie diesem Menschen Ihre Bindfäden ab,« sagte Herr von Granville streng. »Merken Sie sich, daß Sie diesen Mann, bis man Ihnen von neuem befiehlt, ihn festzunehmen, in Ruhe zu lassen haben . . . Und gehen Sie hinaus! . . . Sie gewöhnen sich an, zu handeln und einzuschreiten, als wären Sie allein Rechtsprechung und Polizei.« Und der Oberstaatsanwalt wandte dem Chef der Sicherheitspolizei den Rücken; Bibi-Lupin wurde fahl, als er obendrein noch einen Blick Jakob Collins auffing, in dem er seinen Sturz las.

»Ich habe mein Zimmer nicht verlassen, ich wartete auf Sie, und Sie zweifeln nicht daran, daß ich mein Wort gehalten habe, wie Sie Ihres hielten,« sagte Herr von Granville zu Jakob Collin. »Im ersten Augenblick habe ich gezweifelt, Herr Graf, und vielleicht hätten Sie an meiner Stelle gedacht wie ich; aber die Überlegung hat mir schon gezeigt, daß ich ungerecht war. Ich bringe Ihnen mehr, als Sie mir geben, Sie hatten kein Interesse daran, mich zu täuschen . . .«

Der Richter tauschte einen kurzen Blick mit Corentin. Dieser Blick, der Betrüg-den-Tod nicht entgehen konnte, da seine ganze Aufmerksamkeit auf Herrn von Granville gerichtet war, zeigte ihm den kleinen wunderlichen Alten, der in einer Ecke auf einem Sessel saß. Jakob Collin wurde sofort von jenem so lebhaften und schnellen Instinkt gewarnt, der die Anwesenheit eines Feindes verrät, und musterte diese Persönlichkeit; er sah auf den ersten Blick, daß die Augen nicht so alt waren, wie das Kostüm glauben machen wollte, und so erkannte er die Verkleidung. In einer Sekunde nahm er Revanche an Corentin für die schnelle Beobachtung, mit der der Spion ihn bei Peyrade demaskiert hatte.

»Wir sind nicht allein! . . .« sagte Jakob Collin zu Herrn von Granville. »Nein,« erwiderte der Oberstaatsanwalt trocken. »Und der Herr«, fuhr der Sträfling fort, »ist einer meiner besten Bekanntschaften . . . glaube ich! . . .« Er tat einen Schritt und erkannte Corentin, den wirklichen, eingestandenen Urheber von Luciens Sturz. Jakob Collin, dessen Gesicht ziegelrot war, wurde für einen raschen, unmerklichen Augenblick blaß, ja fast weiß; sein ganzes Blut drang ihm zum Herzen; so glühend und wahnsinnig war sein Verlangen, sich auf dieses gefährliche Tier zu stürzen und es zu zermalmen; aber er drängte den brutalen Wunsch zurück und unterdrückte ihn vermöge der Kraft, die ihn so furchtbar machte. Er nahm einen liebenswürdigen Ausdruck, den Ton diensteifriger Höflichkeit an, an den er sich gewöhnt hatte, seit er die Rolle eines höheren Geistlichen spielte, und grüßte den kleinen Greisen. »Herr Corentin,« sagte er, »verdanke ich dem Zufall das Vergnügen, Ihnen zu begegnen, oder wäre ich glücklich genug, der Gegenstand Ihres Besuches in der Staatsanwaltschaft zu sein?«

Das Staunen des Oberstaatsanwalts erreichte seinen Höhepunkt, und er konnte sich nicht enthalten, diese beiden Leute, die sich gegenüberstanden, zu mustern. Jakob Collins Bewegungen und der Ton, in dem er seine Worte sprach, deuteten auf eine Krisis, und er war neugierig, ihre Ursachen zu durchschauen. Als Corentin sich so plötzlich und wunderbar erkannt sah, richtete er sich wie eine Schlange auf, der man auf den Schwanz getreten hat.

»Ja, ich bin es, mein lieber Abbé Carlos Herrera.« »Kommen Sie,« sagte Betrüg-den-Tod, »um zwischen mich und den Herrn Oberstaatsanwalt zu treten? . . . Sollte ich das Glück haben, der Gegenstand einer jener Unterhandlungen zu sein, in denen Ihre Talente glänzen? – Hier, Herr Graf,« sagte der Sträfling, indem er sich an den Oberstaatsanwalt wandte, »lesen Sie, damit Sie keine so kostbaren Minuten verlieren, wie die Ihren es sind; hier ist ein Muster meiner Ware . . .« Und er reichte Herrn von Granville die drei Briefe, die er aus der Tasche seines Rockes hervorzog, »Während Sie von ihnen Kenntnis nehmen, werde ich, wenn Sie es erlauben, mit diesem Herrn plaudern.«

»Das ist viel Ehre für mich,« sagte Corentin, der sich eines Schauders nicht erwehren konnte. »Sie haben in unserm Kampf einen vollständigen Sieg erfochten,« sagte Jakob Collin. »Ich bin geschlagen worden,« fügte er leichthin und wie ein Spieler, der sein Geld verloren hat, hinzu; »aber auch Sie haben ein paar Leute auf dem Kampfplatz gelassen . . . Es ist ein kostspieliger Sieg . . .« »Ja,« erwiderte Corentin, indem er den Scherz aufgriff; »wenn Sie Ihre Königin einbüßten, so habe ich meine beiden Türme eingebüßt . . .« »Oh, Contenson war nur ein Bauer,« versetzte Jakob Collin spöttisch. »Dafür läßt sich Ersatz finden. Sie sind, erlauben Sie mir Ihnen diesen Lobspruch ins Gesicht zu sagen, auf Ehrenwort, ein fabelhafter Mensch!« »Nein, nein, ich neige mich vor Ihrer Überlegenheit,« erwiderte Corentin, der den Eindruck eines professionellen Spaßmachers machte, der etwa sagt: ›Du willst aufschneiden, also schneiden wir auf!‹ »Wie! Ich verfüge über alles, und Sie, Sie sind sozusagen ganz allein! . . .« »Oh! oh!« sagte Jakob Collin. »Und fast hätten Sie gesiegt,« sagte Corentin, indem er von dem Ausruf Notiz nahm. »Sie sind der außerordentlichste Mann, dem ich in meinem Leben begegnet bin, und ich habe viele Außerordentliche gesehen; denn die Leute, mit denen ich kämpfe, zeichnen sich alle durch ihre Verwegenheit und ihre kühnen Unternehmungen aus. Ich war zum Unglück sehr intim mit Seiner Durchlaucht dem verstorbenen Herzog von Otranto; ich habe für Ludwig XVIII, gearbeitet, als er herrschte; und als er noch verbannt war, für den Kaiser und das Direktorium . . . Sie haben die Konstitution Louvels, des schönsten Werkzeuges der Politik, das ich je gesehen habe; aber Sie haben zugleich auch die Geschmeidigkeit des Fürsten der Diplomaten. Und welche Hilfskräfte! . . . Ich könnte viele Köpfe unters Henkerbeil liefern, wenn ich die Köchin dieser armen kleinen Esther in meinen Diensten hätte . . . Wo finden Sie so schöne Geschöpfe, wie das Mädchen, auf das Herr von Nucingen im Glauben, es sei jene Jüdin, eine Zeitlang Jagd machte? . . . Ich weiß nicht, woher ich sie nehmen soll, wenn ich sie brauche.« »Herr Corentin, Herr Corentin!« erwiderte Jakob Collin, »Sie überwältigen mich . . . Aus Ihrem Munde könnten einem solche Lobsprüche den Kopf verdrehen . . .« »Sie sind verdient. Wie! Sie haben Peyrade getäuscht, er hat Sie für einen Polizeibeamten gehalten, Peyrade! . . . Sehen Sie, wenn Sie nicht den kleinen Dummkopf zu verteidigen gehabt hätten, hätten Sie uns durchgewalkt.« »Ah, Herr Corentin, Sie vergessen Contenson, der sich als Mulatte verkleidete . . . und Peyrade als Engländer. Die Schauspieler haben alle Hilfsmittel des Theaters, aber am hellen Tage, zu jeder Stunde so vollkommen sein, das können nur Sie und die Ihren . . .« »Nun, lassen Sie sehen,« sagte Corentin, »wir sind der eine wie der andere von unserm Wert und unsern Verdiensten überzeugt. Wir stehen jetzt beide recht allein da, ich bin ohne meinen alten Freund, Sie ohne ihren jungen Schützling. Ich bin im Augenblick der Stärkere, weshalb sollten wir es nicht machen wie in der ›Spelunke von Adrets‹Roman von Rabou. Ich reiche Ihnen die Hand und sage: Umarmen wir uns, und all das sei zu Ende! Ich biete Ihnen in Gegenwart des Herrn Oberstaatsanwalts die volle und rückhaltlose Begnadigung, und Sie werden einer der Meinen, der Erste nach mir, vielleicht mein Nachfolger.« »Also bieten Sie mir eine Stellung? . . .« erwiderte Jakob Collin. »Eine hübsche Stellung! Ich war bei der Braunen und geh zur Blonden . . .« »Sie werden in einer Sphäre wirken, in der Ihre Talente wohl gewürdigt und gut belohnt werden, und Sie sollen ganz nach Belieben handeln. Die politische Polizei, die Regierungspolizei hat auch ihre Gefahren. Ich selber bin schon, wie Sie mich hier sehen, zweimal im Gefängnis gewesen. Ich befinde mich darum nicht schlechter. Aber man reist, man ist, was man sein will . . . Man wird zum Maschinisten der politischen Dramen, man wird von den großen Herren höflich behandelt . . . Sagen Sie mir, mein lieber Jakob Collin, paßt Ihnen das?« »Haben Sie Befehle in dieser Richtung?« fragte der Sträfling. »Ich habe Vollmacht . . .« sagte Corentin, der über diese Eingebung ganz glücklich war. »Sie scherzen, Sie sind ein schlauer Mensch, Sie werden wohl erlauben, daß man Ihnen mißtraut. Sie haben mehr als einen verkauft, indem Sie ihn in einen Sack einbanden, in den Sie ihn freiwillig hineinsteigen ließen . . . Ich kenne Ihre schönen Siege, die Angelegenheit Montauran, die Angelegenheit Simeuse . . . Ah, das sind die Schlachten bei Marengo der Spionage.« »Nun,« sagte Corentin, »Sie achten den Herrn Oberstaatsanwalt?« »Ja,« sagte Jakob Collin, indem er sich achtungsvoll verneigte; »ich bewundere seinen schönen Charakter, seine Festigkeit und seinen Adel, und ich würde mein Leben dafür geben, damit er glücklich wird. Daher werde ich auch zunächst einmal der Gefahr, in der Frau von Sérizy schwebt, ein Ende machen.« Dem Oberstaatsanwalt entschlüpfte eine freudige Geste. »Nun, fragen Sie ihn,« fuhr Corentin fort, »ob ich nicht Vollmacht habe, Sie Ihrem schmählichen Gewerbe zu entreißen und Sie an meine Person zu fesseln.« »Das ist wahr,« sagte Herr von Granville, indem er den Sträfling beobachtete. »Freilich! Ich erhielte Absolution für meine Vergangenheit und das Versprechen, Ihr Nachfolger zu werden, wenn ich Ihnen Beweise meiner Geschicklichkeit gäbe?« »Zwischen zwei Männern wie uns kann kein Mißverständnis walten,« erwiderte Corentin mit einer Miene der Seelengröße, die jedermann getäuscht hätte. »Und der Preis für dieses Geschäft ist ohne Zweifel die Auslieferung der drei Briefpakete?« fragte Jakob Collin. »Ich glaubte, das brauchte ich Ihnen nicht erst zu sagen . . .« »Mein lieber Herr Corentin,« sagte Betrüg-den-Tod mit einer Ironie, die jener würdig war, mit der Talma in der Rolle des Nikomedes triumphierte, »ich danke Ihnen; ich bin Ihnen dafür verpflichtet, daß ich meinen ganzen Wert kenne und weiß, wieviel Wert man darauf legt, mich meiner Waffen zu berauben . . . Ich werde es niemals vergessen . . . Ich werde Ihnen stets und jederzeit zu Diensten stehen, und statt wie Robert Macaire zu sagen: ›Lassen Sie uns umarmen!‹ umarme ich meinerseits Sie.«

Er griff Corentin mit solcher Geschwindigkeit um die Hüften, daß der sich nicht gegen die Umarmung wehren konnte; er drückte ihn wie eine Puppe gegen die Brust, küßte ihn auf beide Wangen, hob ihn mit der einen Hand wie eine Feder auf, öffnete mit der andern die Tür des Zimmers und setzte ihn, der von dem kräftigen Druck wie zermalmt war, hinaus. »Adieu, mein Lieber,« flüsterte er ihm leise ins Ohr. »Uns trennen drei Leichenlängen; wir haben die Schwerter gekreuzt; sie sind von gleich gutem Stahl und gleicher Länge . . . Wir wollen einander achten; aber ich will Ihresgleichen sein, nicht Ihr Untergebener . . . Mit Ihren Waffen würden Sie mir als ein für Ihren Leutnant zu gefährlicher General erscheinen. Wir wollen einen Graben zwischen uns legen. Weh Ihnen, wenn Sie auf mein Gebiet herüberkommen! . . . Sie nennen sich den Staat, wie sich die Lakaien die Namen ihrer Herren beilegen; ich will mich die Gerechtigkeit nennen; wir werden uns oft sehen; wir wollen uns auch ferner mit um so mehr Würde, mit um so mehr Anstand behandeln, als wir immer . . . wilde Kanaillen bleiben werden; flüsterte er. »Ich habe Ihnen das Beispiel gegeben, indem ich Sie umarmte.«

Corentin stand zum erstenmal in seinem Leben als der Dumme da, und er ließ sich von seinem furchtbaren Gegner die Hand schütteln. »Wenn es so ist,« sagte er, »glaube ich, liegt es in unser beider Interesse, daß wir Freunde bleiben . . .« »Wir werden stärker sei wenn wir jeder auf seiner Seite bleiben, aber zugleich auch gefährlicher,« fügte Jakob Collin leise hinzu. »Deshalb werden Sie mir auch erlauben, morgen ein Handgeld auf unser Geschäft zu verlangen . . .« »Nun,« sagte Corentin gutmütig, »Sie nehmen mir Ihre Angelegenheit aus der Hand, um sie dem Oberstaatsanwalt zu geben; Sie werden ihm Beförderung verschaffen; aber ich kann mich nicht enthalten, Ihnen zu sagen, daß Sie gut daran tun: Bibi-Lupin ist zu bekannt, er hat seine Zeit gedient; wenn Sie an seine Stelle treten, so werden Sie in dem einzigen Stand leben, der für Sie paßt; ich bin entzückt, Sie darin zu sehen . . . auf Ehre . . .« »Auf Wiedersehen in Bälde,« sagte Jakob Collin.

Als Betrüg-den-Tod sich umwandte, sah er den Oberstaatsanwalt, den Kopf in die Hände gestützt, am Schreibtisch sitzen.

»Wie! Sie könnten verhindern, daß die Gräfin von Sérizy wahnsinnig wird? . . .« fragte Herr von Granville. »In fünf Minuten,« erwiderte Jakob Collin. »Und Sie können mir alle Briefe dieser Dame ausliefern?« »Haben Sie die drei gelesen? . . .« »Ja,« sagte der Oberstaatsanwalt; »ich schäme mich für die; die sie geschrieben haben . . .« »Nun, wir sind allein: verbieten Sie jedem den Eintritt und lassen Sie uns unterhandeln,« sagte Jakob Collin. »Erlauben Sie! . . . Die Justiz muß vor allem tun, was ihres Amtes ist, und Herr Camusot hat Befehl, Ihre Tante zu verhaften.« »Er wird sie niemals finden,« sagte Jakob Collin. »Man wird auf dem Trödelmarkt bei einem Fräulein Paccard, das ihr Geschäft verwaltet, Haussuchung halten.« »Man wird nur Lumpen, Kostüme, Diamanten und Uniformen finden. Immerhin muß man dem Eifer Herrn Camusots ein Ziel stecken.«

Herr von Granville schellte seinem Bureaudiener und befahl ihm, zu Herrn Camusot zu gehen und ihn auf ein paar Worte zu sich zu bitten.

»Nun also,« sagte er dann zu Jakob Collin, »machen wir ein Ende! Ich möchte gern Ihr Rezept für die Heilung der Gräfin kennen lernen . . .« »Herr Oberstaatsanwalt,« sagte Jakob Collin, indem er ernst wurde, »ich bin, wie Sie wissen, wegen Fälschung zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Ich liebe meine Freiheit! . . . Diese Liebe hat wie jede andere Liebe ihrem Ziel genau zuwidergewirkt; denn wenn die Liebenden sich allzusehr anbeten wollen, so veruneinigen sie sich. Dadurch, daß ich ausgebrochen bin und immer wieder ergriffen wurde, habe ich sieben Jahre im Bagno zugebracht. Sie brauchen mich also nur wegen der Zusatzstrafen begnadigen zu lassen, die ich mir ›auf der Wiese‹ zugezogen habe – Verzeihung, im Bagno. In Wirklichkeit habe ich meine Strafe abgebüßt, und bis man mir irgendeine schlimme Geschichte nachweist – und das zu tun, fordere ich die Justiz und selbst Corentin heraus –, müßte ich in meine Rechte als französischer Bürger wieder eingesetzt werden. Aus Paris verbannt und der Polizeiaufsicht unterstellt, ist das wohl ein Leben? Wohin kann ich gehen? Was kann ich anfangen? Sie kennen meine Fähigkeiten. Sie haben gesehen, wie Corentin, dieses Magazin von Listen und Verrätereien, vor mir fahl wurde und meinen Talenten Gerechtigkeit widerfahren ließ . . . Dieser Mensch hat mir alles geraubt! Denn er allein hat, ich weiß nicht durch welche Mittel und aus welchen Motiven, den Bau von Luciens Glück zertrümmert . . . Corentin und Camusot haben alles getan . . .« »Klagen Sie nicht an,« sagte Herr von Granville, »kommen Sie zur Sache.« »Nun, die Sache ist die. Als ich heute nacht die eisige Hand des jungen Toten gefaßt hielt, habe ich mir selbst versprochen, auf den sinnlosen Kampf zu verzichten, den ich seit zwanzig Jahren gegen die ganze Gesellschaft führe. Sie halten mich nach dem, was ich Ihnen über meine religiösen Anschauungen gesagt habe, nicht für imstande, Kapuzinerreden zu halten . . . Nun, ich habe seit zwanzig Jahren die Gesellschaft von ihrer Rückseite aus gesehen, in ihren Kellern, und ich habe erkannt, daß es im Gang der Dinge eine Macht gibt, die Sie ›die Vorsehung‹ nennen, die ich den ›Zufall‹ nannte und die meine Genossen ›das Unglück‹ nennen. Jede schlimme Handlung wird von irgendeiner Rache erreicht, so schnell sie sich ihr auch entziehe. Man mag in diesem Kampfgewebe das schönste Spiel in der Hand haben: die Vierzehn und die Quinte und die Vorhand: die Kerze fällt um, und die Karten verbrennen, oder den Spieler trifft der Schlag! . . . Das ist Luciens Geschichte. Dieser Junge, dieser Engel hat nicht den Schatten eines Verbrechens begangen; er hat alles mit sich geschehen lassen, er hat alles geschehen lassen! Er war auf dem Wege, Fräulein von Grandlieu zu heiraten, zum Marquis ernannt zu werden, er hatte ein Vermögen; nun, eine Dirne vergiftet sich, sie versteckt den Erlös einer Rente, und der so mühsam errichtete Bau dieses schönen Vermögens bricht im Nu zusammen. Und wer führt den ersten Schwertstreich wider uns? Ein Mann, der von heimlichen Gemeinheiten bedeckt ist, ein Ungeheuer, das in der Welt des Geldes solche Verbrechen begangen hat (siehe ›Das Haus Nucingen‹), daß jeder Taler seines Vermögens mit den Tränen einer Familie benetzt ist: ein Nucingen, der ein gesetzlicher Jakob Collin war, nur in der Welt der Taler. Nun, Sie kennen die Geschäftsabwicklungen, die Galgenstreiche dieses Menschen genau so gut wie ich. Meine Ketten werden meine Handlungen immer brandmarken, selbst die tugendhaftesten. Wenn man der Ball zwischen zwei Schlägern, dem Bagno und der Polizei, ist, so ist das ein Leben, in dem der Triumph unablässiges Mühen bedeutet, in dem mir Ruhe unmöglich scheint. Jakob Collin, Herr von Granville, wird in diesem Augenblick mit Lucien begraben, den man eben jetzt mit Weihwasser besprengt und der nach dem Père-Lachaise aufbricht. Ich aber brauche eine Stelle, wo ich nicht leben, sondern sterben kann . . . Beim gegenwärtigen Stand der Dinge haben Sie, die Gerechtigkeit, sich nicht mit dem bürgerlichen und sozialen Zustand des entlassenen Sträflings befassen wollen. Wenn das Gesetz befriedigt ist, ist es die Gesellschaft noch nicht; sie bewahrt ihr Mißtrauen, und sie tut alles, um es vor sich selbst zu rechtfertigen; sie will ihm all seine Rechte zurückgeben, aber sie verbietet ihm, innerhalb eines bestimmten Kreises zu leben. Die Gesellschaft sagt zu diesem Elenden: ›Paris, den einzigen Ort, an dem du dich verbergen kannst, sollst du mitsamt seiner Bannmeile bis zu dem und dem Radius nicht bewohnen!‹ . . . Und ferner unterstellt sie den entlassenen Sträfling der Aufsicht der Polizei. Und Sie glauben, es sei unter diesen Verhältnissen möglich, zu leben? Um zu leben, muß man arbeiten, denn mit Renten verläßt man das Bagno nicht. Sie sorgen dafür, daß der Sträfling deutlich gekennzeichnet wird, so daß man ihn wiedererkennen und einpferchen kann; und dann glauben Sie, die Bürger werden Vertrauen zu ihm haben, während die Gesellschaft, die Justiz, die Welt, die ihn umgibt, keins hat. Sie verurteilen ihn zum Hunger oder zum Verbrechen. Er findet keine Arbeit, er wird mit Notwendigkeit dazu getrieben, sein altes Gewerbe wieder aufzunehmen, und das führt ihn aufs Schafott. So habe auch ich, obwohl ich auf meinen Kampf mit dem Gesetz verzichten wollte, keinen Platz an der Sonne gefunden. Ein einziger behagt mir, der, auf dem ich mich zum Diener dieser Macht machen kann, die auf uns lastet; und als mir dieser Gedanke kam, zeigte sich rings um mich deutlich die Kraft, von der ich sprach. Drei große Familien sind in meiner Hand. Glauben Sie nicht, daß ich an ihnen eine Erpressung begehen will . . . Die Erpressung ist einer der feigsten Morde. Sie ist in meinen Augen ein Verbrechen, das einen größeren Schurken verlangt als der Mord. Der Mörder braucht einen wilden Mut. Ich betätige meine Meinungen; denn die Briefe, die meine Sicherheit bilden, die mir erlauben, so mit Ihnen zu reden, die mich in diesem Augenblick mit Ihnen auf gleichen Fuß stellen, mich, das Verbrechen, mit Ihnen, der Gerechtigkeit, diese Briefe stehen Ihnen zur Verfügung . . . Ihr Bureaudiener kann sie in Ihrem Namen holen, sie werden ihm ausgehändigt werden . . . Ich verlange nichts dafür, ich verkaufe sie nicht! Ach, Herr Oberstaatsanwalt, als ich sie auf die Seite brachte, dachte ich nicht an mich, ich dachte an die Gefahr, in der Lucien sich eines Tages befinden konnte! Wenn Sie meinem Verlangen nicht willfahren, habe ich mehr Mut, mehr Ekel vor dem Leben, als nötig ist, um mir selber eine Kugel in den Kopf zu schießen und Sie von mir zu befreien . . . Ich kann mit einem Paß nach Amerika gehen und in der Einsamkeit leben; ich habe alle Voraussetzungen, die den Wilden ausmachen . . . Das sind die Gedanken, in denen ich diese Nacht hingebracht habe. Ihr Sekretär wird Ihnen ein Wort hinterbracht haben, das ich ihn Ihnen zu sagen bat . . . Als ich erkannte, welche Vorsichtsmaßregeln Sie trafen, um Luciens Andenken vor jeder Schmach zu bewahren, habe ich Ihnen mein Leben geschenkt, eine armselige Gabe! Mir lag nichts mehr daran; ich sah, daß es unmöglich war ohne das Licht, das es beleuchtete, ohne das Glück, das es belebte, ohne den Gedanken, der sein Sinn war, und ohne das Gedeihen dieses jungen Dichters, der seine Sonne war; und ich wollte Ihnen diese drei Briefpakete überreichen lassen . . .« Herr von Granville neigte den Kopf. »Als ich auf den Hof hinunterkam, habe ich die Schuldigen des Verbrechens zu Nanterre gefunden, und meinen Kettengenossen fand ich unter dem Fallbeil, weil er unfreiwillig teilgenommen hatte an diesem Verbrechen,« fuhr Jakob Collin fort. »Ich habe erfahren, daß Bibi-Lupin die Justiz täuscht, daß der eine seiner Agenten der Mörder der Crottats ist; war das nicht, wie Sie es ausdrücken, das Wirken der Vorsehung? . . . Da sah ich die Möglichkeit, Gutes zu tun, die Fähigkeiten, mit denen ich begabt bin, die traurigen Kenntnisse, die ich erworben habe, im Dienst der Gesellschaft zu verwenden, nützlich zu sein statt schädlich, und ich wagte es, auf Ihr Verständnis, auf Ihre Güte zu zählen.«

Der Ton der Offenheit, der Naivität und der Einfalt dieses Menschen, der ohne Bitterkeit beichtete, ohne jene Philosophie des Lasters, die seine Worte bis dahin so furchtbar gemacht hatte, konnte den Glauben an eine Verwandlung erwecken. Er war nicht mehr der alte.

»Ich glaube so sehr an Sie, daß ich Ihnen ganz zur Verfügung stehen will,« fuhr er mit der Demut eines Büßenden fort. »Sie sehen mich zwischen drei Wegen: dem Selbstmord, Amerika und der Straße nach Jerusalem. Bibi-Lupin ist reich, er hat seine Zeit gedient; er ist ein Beamter mit doppeltem Gesicht, und wenn Sie erlauben wollten, daß ich gegen ihn wirke, so würde ich ihn innerhalb von acht Tagen auf frischer Tat ertappen. Wenn Sie mir die Stellung dieses Halunken geben, so werden Sie der Gesellschaft den größten Dienst geleistet haben. Ich brauche nichts mehr – ich werde ehrlich sein. Ich habe alle Eigenschaften, die für dieses Amt nötig sind. Ich habe mehr als Bibi-Lupin, nämlich Bildung; man hat mich die Schule durchmachen lassen, ich werde nicht so dumm sein wie er, ich kann mich benehmen, wenn ich will. Ich habe keinen andern Ehrgeiz, als ein Element der Ordnung und der Unterdrückung der Verderbnis, anstatt diese selbst zu sein. Ich werde niemanden mehr für das große Heer des Lasters anwerben. Wenn man im Krieg einen feindlichen General gefangen nimmt, sehen Sie, Herr Graf, dann erschießt man ihn nicht; man gibt ihm sein Schwert zurück und weist ihm eine Stadt als Gefängnis an; nun, ich bin der General des Bagnos, und ich ergebe mich . . . Nicht die Justiz, der Tod hat mich niedergeworfen . . . Die Sphäre, in der ich handeln und leben will, ist die einzige, die mir zusagt, und ich werde in ihr die Kraft entfalten, die ich in mir fühle . . . Entscheiden Sie . . .« Und Jakob Collin blieb in unterwürfiger und bescheidener Haltung stehen. »Sie haben mir diese Briefe zur Verfügung gestellt?« fragte der Oberstaatsanwalt. »Sie können sie holen lassen, sie werden der Person, die Sie schicken wollen, ausgehändigt werden . . .« »Und wie?« Jakob Collin las im Herzen des Oberstaatsanwalts und setzte dasselbe Spiel fort. »Sie haben mir versprochen, daß die Todesstrafe für Calvi in zwanzig Jahre Zwangsarbeit verwandelt wird. Oh, ich erinnere Sie nicht daran, um einen Vertrag zu schließen,« sagte er schnell, als er sah, daß der Oberstaatsanwalt eine Geste machte; »aber dieses Leben muß aus andern Gründen gerettet werden, dieser Bursche ist unschuldig . . .« »Wie kann ich die Briefe bekommen?« fragte der Oberstaatsanwalt. »Ich habe das Recht und die Pflicht, zu erproben, ob Sie der sind, für den Sie sich ausgeben. Ich will sie ohne Bedingungen . . .« »Schicken Sie einen Vertrauensmann auf den Blumenkai; er wird auf der Schwelle zum Laden eines Eisenhändlers, des Ladens ›Zum Schild des Achilles‹ . . .« »Zum Haus des ›Schildes‹? . . .« »Eben dort«, sagte Jakob Collin mit bitterm Lächeln, »liegt mein Schild. Ihr Bote wird dort ein altes Weib finden; sie ist, wie ich Ihnen schon sagte, als Fischweib gekleidet, das Renten hat, mit Ohrringen in den Ohren und dem Kostüm einer reichen Frau aus der Markthalle; er muß nach Frau von Saint-Estève fragen. Vergessen Sie nicht das ›von‹. Und er muß sagen: ›Ich komme vom Oberstaatsanwalt; Sie wüßten schon weshalb.‹ Und auf der Stelle erhalten Sie drei versiegelte Pakete . . .« »Es sind das alle Briefe?« fragte Herr von Granville. »Nun, Sie sind gut! Sie haben Ihre Stellung nicht gestohlen,« sagte Jakob Collin mit einem Lächeln. »Ich sehe, Sie halten mich für imstande, Sie nur zu prüfen und Ihnen weißes Papier zu geben . . . Sie kennen mich nicht!« fügte er hinzu, »Ich vertraue mich Ihnen an, wie ein Sohn sich seinem Vater anvertraut.« »Man wird Sie in die Conciergerie zurückführen,« sagte der Oberstaatsanwalt, »und Sie werden dort die Entscheidung abwarten, die man über Ihr Schicksal fällen wird.« Der Oberstaatsanwalt schellte, sein Bureaudiener trat ein, und er sagte zu ihm: »Bitten Sie Herrn Garnery, wenn er da ist.«

Außer den achtundvierzig Polizeikommissaren, die gleich achtundvierzig Vorsehungen im kleinen über Paris wachen, die Sicherheitspolizei nicht zu zählen, gibt es zwei Kommissare, die zugleich zur Polizei und zur Gerichtsbarkeit gehören; sie haben heikle Missionen auszuführen und in vielen Fällen den Untersuchungsrichter zu ersetzen. Das Bureau dieser beiden Beamten, denn die Polizeikommissare sind Beamte, heißt das Delegationsbureau, denn sie werden in der Tat jedesmal regelrecht ›delegiert‹, um entweder Haussuchungen oder Verhaftungen vorzunehmen. Diese Stellungen verlangen reife Leute von erprobter Tüchtigkeit, unbedingter Moral und absoluter Verschwiegenheit, und es ist eins der Wunder, die die Vorsehung für Paris tut, daß man stets solche Naturen findet. Die Schilderung des Palastes wäre ungenau, wenn man nicht diese ›vorbeugenden‹ Ämter, um mich so auszudrücken, erwähnte, denn sie sind die mächtigsten Helfer der Justiz. Wenn die Justiz durch die Macht der Verhältnisse ihren alten Pomp, ihren alten Reichtum eingebüßt hat, so muß man anerkennen, daß sie materiell gewonnen hat. Vor allem in Paris hat sich der Mechanismus wunderbar vervollkommnet.

Herr von Granville hatte Herrn von Chargeboeuf, seinen Sekretär, zu Luciens Begräbnis geschickt; es galt, ihn während dieser Mission durch einen zuverlässigen Menschen zu ersetzen, und Herr Garnery war einer der beiden Delegationskommissare.

»Herr Oberstaatsanwalt,« sagte Jakob Collin, »ich habe Ihnen bereits den Beweis gegeben, daß ich meine Ehre habe . . . Sie haben mich freigelassen, und ich bin zurückgekommen . . . Es ist bald elf Uhr . . . Eben ist die Totenmesse für Lucien zu Ende, der Zug bricht zum Kirchhof auf . . . Erlauben Sie mir, statt mich in die Conciergerie zu schicken, daß ich die Leiche dieses Kindes bis zum Père-Lachaise begleite; ich werde wiederkommen und mich im Gefängnis stellen . . .« »Gehen Sie,« sagte Herr von Granville mit einer Stimme nicht ohne Güte. »Ein letztes Wort, Herr Oberstaatsanwalt. Das Geld dieses Mädchens, der Geliebten Luciens, ist nicht gestohlen worden . . . In den wenigen Augenblicken der Freiheit, die Sie mir gewährt hatten, habe ich die Leute verhören können . . . Ich bin ihrer sicher, wie Sie Ihrer Delegationskommissare sicher sind. Man wird also den Erlös der von Fräulein Esther van Gobseck verkauften Rente in ihrem Zimmer finden, sobald die Siegel abgenommen werden. Die Kammerfrau hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß die Verstorbene, wie man sagt, eine Geheimniskrämerin war und sehr mißtrauisch; sie wird die Banknoten in ihrem Bett versteckt haben. Man möge das Bett sorgfältig durchsuchen, man möge es auseinandernehmen, die Matratzen, die Unterlagen aufschneiden, und man wird das Geld finden . . .« »Sind Sie dessen sicher?« »Ich bin der relativen Ehrlichkeit meiner Halunken sicher, sie führen mich niemals hinters Licht . . . Ich habe Macht über Leben und Tod, ich richte und verurteile und vollstrecke meine Wahrsprüche ohne all Ihre Formalitäten. Sie sehen ja die Wirkungen meiner Macht. Ich werde Ihnen die bei Herrn und Frau Crottat geraubten Summen wiederfinden; ich ertappe Ihnen einen der Agenten Bibi-Lupins, seinen rechten Arm, und ich werde das Geheimnis des zu Nanterre begangenen Verbrechens aufklären . . . Das ist doch ein Aufgeld! . . . Wenn Sie mich jetzt in den Dienst der Justiz und der Polizei einstellen, so werden Sie sich nach einem Jahr zu meiner Enthüllung beglückwünschen, ich werde redlich das sein, was ich sein soll; und in allen Angelegenheiten, die man mir anvertrauen wird, werde ich Erfolg haben.« »Ich kann Ihnen nur mein Wohlwollen versprechen. Was Sie von mir verlangen, hängt nicht von mir ab. Nur dem König steht das Recht zu, auf den Bericht des Justizministers hin zu begnadigen, und die Stellung, die Sie einnehmen wollen, hat der Herr Polizeipräfekt zu vergeben.«

»Herr Garnery,« sagte der Bureaudiener. Auf einen Wink des Oberstaatsanwalts trat der Delegationskommissar ein; er warf einen Kennerblick auf Jakob Collin und unterdrückte sein Staunen, als Herr von Granville zu Jakob Collin sagte: »Gehen Sie.« »Wollen Sie mir erlauben,« erwiderte Jakob Collin, »nicht eher zu gehen, als bis Herr Garnery Ihnen gebracht hat, was meine ganze Stärke ausmacht, damit ich ein Zeichen der Zufriedenheit von Ihnen mitnehmen kann?« Diese Demut, dieser vollkommene gute Wille rührte den Oberstaatsanwalt. »Gehen Sie,« sagte er, »ich bin Ihrer sicher.«

Jakob Collin verbeugte sich tief und mit der vollen Unterwürfigkeit des Untergebenen vor seinem Vorgesetzten. Zehn Minuten darauf hatte Herr von Granville die in drei versiegelten und unberührten Paketen enthaltenen Briefe in seinem Besitz. Aber über der Bedeutung dieser Angelegenheit, über Jakob Collins Beichte hatte er das Versprechen der Heilung Frau von Sérizys vergessen.

Jakob Collin überschlich, sowie er draußen war, ein unglaubliches Gefühl des Wohlseins. Er fühlte sich frei und zu einem neuen Leben geboren; er ging rasch vom Palast bis zur Kirche Saint-Germain des Prés, wo die Messe beendet war. Man sprengte das Weihwasser über die Bahre, und er kam gerade noch rechtzeitig, um der sterblichen Hülle dieses so zärtlich geliebten Kindes das christliche Lebewohl zu sagen; dann stieg er in einen Wagen und begleitete die Leiche bis zum Friedhof.

Bei allen Pariser Begräbnissen vermindert sich, mit Ausnahme ungewöhnlicher Umstände und der ziemlich seltenen Fälle, daß eine Berühmtheit auf natürliche Weise gestorben ist, die Menge, die in die Kirche gekommen ist, in dem Maße, in dem man sich dem Père-Lachaise nähert. Man hat Zeit für eine Demonstration in der Kirche, aber jeder hat seine Geschäfte und geht ihnen so bald wie möglich wieder nach. Daher waren denn auch von den zehn Trauerwagen keine vier voll. Als der Leichenzug den Père-Lachaise erreichte, bestand das Gefolge nur noch aus etwa zwölf Personen, unter denen sich Rastignac befand. »Es ist hübsch, daß Sie ihm treu sind!« sagte Jakob Collin zu seinem einstigen Bekannten. Rastignac machte eine Bewegung der Überraschung, als er Vautrin erblickte. »Seien Sie ruhig,« sagte der ehemalige Bewohner des Hauses Vauquer, »Sie haben schon dadurch, daß ich Sie hier sehe, an mir einen Sklaven. Meine Stütze ist nicht zu verachten; ich bin, oder ich werde mächtiger als je. Sie haben Tau schießen lassen, Sie sind sehr geschickt gewesen; aber Sie werden mich vielleicht einmal nötig haben, ich werde Ihnen immer dienen.« »Aber was werden Sie denn?« »Der Lieferant des Bagnos, statt sein Mieter,« sagte Jakob Collin. Rastignac machte eine Bewegung des Abscheues. »Ach, wenn man Sie beraubte! . . .« Rastignac schritt lebhaft aus, um sich von Jakob Collin zu trennen. »Sie wissen nicht, in welche Lage Sie einmal kommen können.«

Man langte an der Grube an, die neben dem Grabe Esthers ausgeworfen worden war. »Zwei Geschöpfe, die sich liebten und glücklich waren!« sagte Jakob Collin; »sie sind vereinigt. Es ist noch ein Glück, daß man gemeinsam verwesen kann. Ich werde mich hier begraben lassen.«

Als man Luciens Leiche in die Grube hinabließ, fiel Jakob Collin starr in Ohnmacht zu Boden. Dieser so starke Mensch konnte das leichte Aufschlagen der Erde nicht vertragen, die die Totengräber mit Schaufeln hinabwarfen, um dann ihr Trinkgeld zu erbitten. In diesem Augenblick erschienen zwei Agenten der Sicherheitspolizei, sie erkannten Jakob Collin, ergriffen ihn und trugen ihn in einen Fiaker.

»Um was handelt es sich denn jetzt wieder? . . .« fragte Jakob Collin, als er wieder zu sich kam und sich im Wagen umgeblickt hatte. Er sah sich zwischen zwei Polizeiagenten, von denen der eine eben jener Ruffard war; daher warf er ihm einen Blick zu, der die Seele des Mörders bis zum Geheimnis der Gonore durchforschte. »Es handelt sich darum, daß der Oberstaatsanwalt nach Ihnen gefragt hat,« erwiderte Ruffard, »daß man Sie überall suchte und erst auf dem Friedhof fand, wo Sie gerade einen Kopfsprung in das Grab dieses jungen Mannes machen wollten.« Jakob Collin bewahrte einen Augenblick Schweigen. »Läßt Bibi-Lupin mich suchen?« fragte er den andern Agenten, »Nein, Herr Garnery hat uns ausgeschickt.« »Er hat Ihnen nichts gesagt?« Die beiden Agenten sahen sich an, indem sie sich durch ein ausdrucksvolles Mienenspiel berieten. »Sagen Sie, wie hat er Ihnen den Befehl erteilt?« »Er hat uns befohlen,« sagte Ruffard, »Sie auf der Stelle zu finden, indem er sagte. Sie wären in der Kirche Saint-Germain des Prés,– wenn aber der Leichenzug die Kirche schon verlassen hätte, wären Sie auf dem Friedhof.« »Der Oberstaatsanwalt hat nach mir verlangt?« »Vielleicht.« »So ist es,« erwiderte Jakob Collin; »er braucht mich . . .«

Und er versank wieder in sein Schweigen, das die beiden Agenten sehr beunruhigte. Gegen halb drei trat Jakob Collin in Herrn von Granvilles Arbeitszimmer, in dem er eine neue Persönlichkeit fand, Herrn von Granvilles Vorgänger, den Grafen Octavius von Bauvan, den einen der Vorsitzenden des Kassationshofes.

»Sie haben vergessen, in welcher Gefahr Frau von Sérizy sich befindet, die Sie zu retten versprochen hatten!« »Fragen Sie, Herr Oberstaatsanwalt,« sagte Jakob Collin, indem er die beiden Agenten hereinwinkte, »in welchem Zustand diese Schlingel mich gefunden haben.« »Bewußtlos, Herr Oberstaatsanwalt, am Rande des Grabes des jungen Mannes, den man beerdigte.« »Retten Sie Frau von Sérizy,« sagte Herr von Bauvan, »und Sie sollen alles haben, was Sie wollen.« »Ich will nichts,« erwiderte Jakob Collin; »ich habe mich auf Gnade und Ungnade ergeben, und der Herr Oberstaatsanwalt hat vermutlich . . .« »Alle Briefe!« sagte Herr von Granville, »aber Sie haben mir versprochen, Frau von Sérizy die Vernunft zu retten. Können Sie es? Ist es nicht nur eine Prahlerei?« »Ich hoffe es zu können,« erwiderte Jakob Collin bescheiden. »Nun, kommen Sie mit,« sagte der Graf Octavius. »Nein, Herr Graf,« sagte Jakob Collin, »ich werde mich nicht im Wagen neben Sie setzen . . . Ich bin noch ein Sträfling. Wenn ich den Wunsch habe, der Justiz zu dienen, werde ich nicht damit beginnen, daß ich Sie entehre . . . Gehen Sie zu der Frau Gräfin, ich werde einige Zeit nach Ihnen kommen . . . Melden Sie ihr Luciens besten Freund, den Abbé Carlos Herrera . . . Das Vorgefühl meines Besuches wird notwendigerweise Eindruck auf sie machen und die Krisis begünstigen. Sie werden mir vergeben, wenn ich noch einmal die lügnerische Maske des spanischen Stiftsherrn vornehme: es geschieht, um einen so großen Dienst zu leisten!« »Ich werde Sie dort gegen vier Uhr treffen,« sagte Herr von Granville, »denn ich soll den Justizminister zum König begleiten.«

Jakob Collin suchte seine Tante auf, die er auf dem Blumenkai traf. »Nun,« sagte sie, »du hast dich also dem Storch ausgeliefert?« »Ja.« »Das ist gewagt!« »Nein, ich war dem armen Theodor das Leben schuldig, und er wird begnadigt.« »Und du?« »Ich, ich werde, was ich werden muß! Alle unsere Leute werden immer vor mir zittern! . . . Aber wir müssen ans Werk! Geh und sage Paccard, er soll Karriere laufen, und Europa soll meine Befehle ausführen.« »Das ist nichts; ich weiß schon, wie es mit der Gonore zu machen ist! . . .« sagte die furchtbare Jakobine. »Ich habe meine Zeit nicht damit verloren, hier unter den Levkojen zu stehen!« »Die Ginetta, das korsische Mädchen, muß bis morgen gefunden sein; erwiderte Jakob Collin lächelnd seiner Tante. »Man müßte ihre Spur haben.« »Die wirst du von Manon der Blonden erfahren,« erwiderte Jakob. »Also für heute abend!« sagte die Tante. »Du hast es eiliger als ein Hahn . . . Gibt es denn zu verdienen?« »Ich will durch meine ersten Streiche Bibi-Lupins beste übertreffen. Ich habe eine kleine Unterredung mit dem Ungeheuer gehabt, das mir Lucien getötet hat, und ich lebe nur noch, um mich an ihm zu rächen. Wir werden dank unsern beiden Stellungen die gleichen Waffen haben und den gleichen Schutz! Ich werde mehrere Jahre brauchen, um den Elenden zu fassen; aber er soll den Hieb mitten in die Brust erhalten.« »Er wird dir desgleichen versprochen haben,« sagte die Tante, »denn er hat die Tochter Peyrades bei sich aufgenommen, du weißt doch, die Kleine, die wir Frau Nourrisson verkauft haben?« »Der erste Punkt ist der, daß wir ihm einen Bedienten geben.« »Das wird schwer sein, er wird sich darin auskennen!« sagte Jakobine. »Nun, der Haß erhält am Leben! Ans Werk!«

Jakob Collin nahm einen Fiaker und fuhr auf der Stelle nach dem Quai Malaquais, zu dem kleinen Zimmer, das er bewohnte und das mit Luciens Wohnung nicht zusammenhing. Der Pförtner, der sehr erstaunt war, ihn zu sehen, wollte ihm von den Ereignissen reden, die sich vollzogen hatten. »Ich weiß alles,« erwiderte der Abbé. »Ich bin trotz meines geistlichen Standes bloßgestellt worden; aber dank der Vermittlung der spanischen Gesandtschaft bin ich in Freiheit gesetzt worden.«

Und er stieg schnell in sein Zimmer hinauf, wo er aus dem Einband eines Breviers den Brief hervorzog, den Lucien an Frau von Sérizy geschrieben hatte, als er bei Frau von Sérizy in Ungnade gefallen war, weil sie ihn in der Italienischen Oper bei Esther gesehen hatte.

In seiner Verzweiflung hatte Lucien diesen Brief nicht abgeschickt, denn er hielt sich für auf immer verloren. Aber Jakob Collin hatte dieses Meisterwerk gelesen, und da ihm alles, was Lucien schrieb, heilig war, so hatte er den Brief wegen des poetischen Ausdrucks dieser Liebe aus Eitelkeit in sein Brevier gelegt. Als Herr von Granville ihm dann von dem Zustand sprach, in dem Frau von Sérizy sich befand, hatte dieser tiefgründige Mensch sich mit Recht gesagt, daß die Verzweiflung und der Wahnsinn dieser großen Dame die Folge des Zerwürfnisses wären, das sie zwischen sich und Lucien hatte bestehen lassen. Er kannte die Frauen, wie die Richter die Verbrecher kennen; er erriet die geheimsten Regungen ihrer Herzen, und er sagte sich auf der Stelle, daß die Gräfin Luciens Tod zum Teil ihrer eigenen Strenge zuschrieb und sich bittere Vorwürfe machte. Offenbar hätte ein Mann, meinte sie, den sie mit Liebe überschüttete, das Leben nicht verlassen. Wenn sie erfuhr, daß sie trotz ihrer Strenge immer noch geliebt wurde, so konnte ihr das die Vernunft zurückgeben.

Wenn Jakob Collin für die Sträflinge ein großer General war, so muß man zugeben, daß er nicht minder ein großer Arzt der Seelen war. Es bedeutete zugleich eine Schmach und eine Hoffnung, als dieser Mensch in die Räume des Hotels Sérizy trat. Mehrere Personen, der Graf und die Ärzte, saßen in dem kleinen Salon, der vor dem Schlafzimmer der Gräfin lag; um aber der Ehre seines Freundes jeden Makel zu ersparen, schickte der Graf von Bauvan jedermann davon, so daß er mit seinem Freund allein blieb. Es war schon ein empfindlicher Schlag für den Vizepräsidenten des Staatsrates, für ein Mitglied des Geheimen Rates, als er diese düstere und unheimliche Persönlichkeit eintreten sah.

Jakob Collin hatte die Kleider gewechselt, er trug Hose und Rock aus schwarzem Tuch, und sein Schritt, seine Blicke, seine Gesten, alles zeigte vollendeten Anstand. Er grüßte die beiden Staatsmänner und fragte, ob er in das Schlafzimmer eintreten dürfte.

»Sie werden voll Ungeduld erwartet,« sagte Herr von Bauvan. »Mit Ungeduld? . . . Dann ist sie gerettet,« sagte der furchtbare Beschwörer.

In der Tat öffnete Jakob Collin nach einer halbstündigen Besprechung die Tür und sagte: »Kommen Sie, Herr Graf, Sie haben keinen schlimmen Ausgang mehr zu befürchten.« Die Gräfin hielt den Brief auf ihrem Herzen; sie war ruhig und schien mit sich selbst versöhnt zu sein. Bei diesem Anblick entfuhr dem Grafen eine Geste der Zufriedenheit.

›Das sind nun die, die über unsere Geschicke und die des Volkes entscheiden!‹ dachte Jakob Collin, der die Achseln zuckte, als die beiden Freunde eingetreten waren. ›Der unwillige Seufzer eines Weibchens kehrt ihnen die Seele um wie einen Handschuh! Durch einen Blick verlieren sie den Kopf! Ein Kleiderrock wird ein wenig höher oder niedriger gehalten, und sie laufen in Verzweiflung durch ganz Paris. Die Launen einer Frau wirken auf den ganzen Staat! Oh, wieviel Kraft gewinnt der Mann, wenn er sich, wie ich, dieser Kindertyrannei, dieser von der Leidenschaft umgestürzten Redlichkeit, diesen aufrichtigen Bosheiten, diesen Listen einer Wilden entzogen hat. Die Frau ist und bleibt mit ihrem Henkergenie und ihren Foltertalenten das Verderben des Mannes. Oberstaatsanwalt und Minister, da werden sie alle blind und verdrehen alles, um der Briefe einer Herzogin oder eines kleinen Mädchens oder um der Vernunft einer Frau willen, die mit ihrem Verstand nur noch wahnsinniger sein wird, als sie es ohne ihn war.‹ Er begann hochmütig zu lächeln. ›Und‹, sagte er sich, ›sie werden meinen Enthüllungen gehorchen und mich in meiner Stellung lassen! Ich werde immer über diese Welt herrschen, die mir seit fünfundzwanzig Jahren gehorcht . . .‹

Jakob Collin hatte jene entscheidende Macht benutzt, die er einst über die arme Esther besessen hatte; denn er verfügte, wie man es manchmal gesehen hat, über jenes Wort, jene Blicke und jene Gesten, die die Wahnsinnigen zähmen, und er hatte Lucien geschildert als einen, der das Bild der Gräfin mit hinübergenommen hätte.

Keine Frau widersteht dem Gedanken, daß sie die einzige Geliebte war. »Sie haben keine Rivalin mehr!« das war das letzte Wort dieses kalten Spötters gewesen.

Eine volle Stunde lang blieb er dort vergessen allein im Salon. Herr von Granville kam und fand ihn stehend, düster in Träumereien versunken, wie sie jenen kommen mögen, die einen 18. Brumaire in ihrem Dasein erleben. Der Oberstaatsanwalt trat an die Schwelle des Schlafzimmers der Gräfin und ging einen Augenblick hinein. Dann kehrte er zu Jakob Collin zurück und fragte ihn: »Bleiben Sie bei Ihrer Absicht?« »Ja, Herr Graf.« »Nun, Sie werden an Bibi-Lupins Stelle treten, und der Verurteilte Calvi wird begnadigt.« »Er wird nicht nach Rochefort geschickt?« »Nicht einmal nach Toulon, Sie können ihn in Ihrem Dienst verwenden; aber seine Begnadigung und Ihre Ernennung hängen davon ab, wie Sie sich in den sechs Monaten führen, während derer Sie Bibi-Lupin beigeordnet werden.«

In acht Tagen verschaffte der Beigeordnete Bibi-Lupins der Familie Crottat vierhunderttausend Franken wieder, und er lieferte Ruffard und Godet aus.

Der Erlös der von Esther Gobseck verkauften Renten wurde im Bett der Kurtisane gefunden, und Herr von Sérizy ließ Jakob Collin die dreihunderttausend Franken anweisen, die ihm in Lucien von Rubemprés Testament vermacht worden waren.

Das von Lucien für Esther und sich verlangte Grabmonument gilt als eins der schönsten des Père-Lachaise, und der Boden gehört Jakob Collin.

Als Jakob Collin seinen Obliegenheiten etwa fünfzehn Jahre lang nachgekommen war, zog er sich gegen 1845 zurück.

 


 

 << Kapitel 4 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.