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Glanz und Elend der Kurtisanen

Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleGlanz und Elend der Kurtisanen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1926
translatorFelix Paul Greve
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20180315
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Der Weg des Bösen

Am folgenden Tage kamen um sechs Uhr zwei Wagen, die das Volk in seiner drastischen Redeweise ›Salatkutschen‹ nennt, in schneller Fahrt aus der ›Force‹, um die Richtung nach der ›Conciergerie‹ beim Justizpalast einzuschlagen.

Es gibt wenig Spaziergänger, die diesem rollenden Gefängnis noch nicht begegnet wären; aber obwohl die meisten Bücher einzig für die Pariser geschrieben werden, werden Fremde sich zweifellos freuen, hier eine Schilderung dieses furchtbaren Apparats unserer Kriminalpolizei zu finden. Wer weiß, vielleicht wird die russische, deutsche oder österreichische Polizei, vielleicht werden die Behörden der Länder, die noch keine Salatkutsche kennen, sie sich zunutze machen; und in mehreren fremden Ländern wird die Nachahmung der Transportweise sicherlich eine Wohltat für die Gefangenen bedeuten.

Dieser häßliche Wagen mit dem gelben Wagenkasten, der auf zwei Rädern ruht und innen mit Blech verkleidet ist, hat zwei Abteilungen. Vorn befindet sich eine mit Leder überzogene Bank, die mit einem Spritzleder bedeckt ist. Das ist der offene Teil der Salatkutsche; er ist bestimmt für einen Gerichtsdiener und einen Gendarmen. Ein starkes, netzartiges Eisengitter trennt dieses Kabriolett, denn das ist es gewissermaßen, in der ganzen Höhe und Breite des Wagens von der zweiten Abteilung, in der sich wie in den Omnibussen zu beiden Seiten des Wagenkastens je eine Holzbank hinzieht; auf diese beiden Bänke setzen sich die Gefangenen; sie kommen mit Hilfe eines Trittes durch einen fensterlosen Wagenschlag am hintern Ende hinein. Der Beiname ›Salatkutsche‹ kommt daher, daß ursprünglich der Wagen auf allen Seiten nur aus einem Gitterwerk bestand, so daß man die Gefangenen deutlich sehen konnte, wenn sie wie Salatköpfe im Korb durcheinander geschüttelt wurden. Der größeren Sicherheit halber folgt, um jedem Zufall vorzubeugen, diesem Wagen ein berittener Gendarm; vor allem, wenn zum Tode Verurteilte darin zum Richtplatz geführt werden. Ein Ausbruch ist also unmöglich. Da der Wagen innen mit Blech ausgelegt ist, läßt er sich mit keinem Werkzeug durchbohren, zumal die Gefangenen im Augenblick ihrer Verhaftung oder ihrer Eintragung in die Gefangenenliste höchstens noch Uhrfedern besitzen können, die wohl geeignet sind, Gitterstangen zu durchsägen, aber glatten Flächen gegenüber machtlos bleiben. So ist denn auch die durch die erfinderische Pariser Polizei vervollkommnete Salatkutsche schließlich zum Vorbild für den Zellenwagen geworden, der die Sträflinge ins Bagno bringt und der an die Stelle des grauenhaften Karrens getreten ist, jener Schmach vergangener Zivilisationen, den freilich auch eine Manon Lescaut geziert hatte.

Man befördert in der Salatkutsche die Angeklagten zunächst aus den verschiedenen Untersuchungsgefängnissen der Hauptstadt in den Justizpalast, damit sie dort vom Untersuchungsrichter verhört werden. In der Gefängnissprache nennt man das, ›zur Untersuchung gehen‹. Später führt man die Angeklagten aus denselben Gefängnissen noch einmal zur Aburteilung in den Palast, doch nur, wenn es sich um eine Anklage vor dem Zuchtpolizeigericht handelt; sobald es sich, wie man im Gericht sagt, um einen ›Schwerverbrecher‹ dreht, überführt man sie aus den Untersuchungsgefängnissen in die Conciergerie, das Gerichtsgebäude des Seine-Departements. Schließlich werden in der Salatkutsche auch die zum Tode Verurteilten von Bicêtre zum Sankt-Jakobs-Tor gebracht; dort finden seit der Julirevolution die Hinrichtungen statt. Dank den Bemühungen der Philanthropisten machen diese Unglücklichen nicht mehr die Folter der früheren Überführung von der Conciergerie zum Richtplatz durch, die auf einem Karren vor sich ging, wie ihn die Holzhändler benutzen. Dieser Karren wird heute nur noch zum Rücktransport vom Schafott benutzt. Ohne eine solche Erklärung würde man ein Wort nicht mehr verstehen, das ein berühmter Verurteilter zu seinem Mitschuldigen sagte, als er in die Salatkutsche stieg: ›Jetzt ist es nur noch Sache der Pferde!‹ Es ist nicht möglich, bequemer zur Hinrichtung zu kommen, als man heute in Paris hinfährt.

In diesem Augenblick dienten die beiden Salatkutschen, die so früh hatten aufbrechen müssen, ausnahmsweise dazu, zwei Angeklagte aus dem Untersuchungsgefängnis der Force in die Conciergerie zu überführen; und jeder dieser Angeklagten hatte eine Salatkutsche für sich.

Neun Zehntel der Leser, ja auch noch neun Zehntel des letzten Zehntels der Leser kennen sicherlich die beträchtlichen Unterschiede nicht, die zwischen folgenden Worten liegen: verdächtig, beschuldigt, angeklagt, gefangen; Gewahrsam, Untersuchungsgefängnis und Strafgefängnis; daher werden denn auch alle wahrscheinlich unter Staunen hören, daß es sich da um unser ganzes Strafgesetz handelt, dessen kurze und verständliche Erklärung ihnen gleich gegeben werden soll, und zwar ebensosehr um sie zu unterrichten, wie um die Entwicklung dieser Geschichte klarzumachen. Wenn man übrigens erfährt, daß die erste Salatkutsche Jakob Collin enthielt, die zweite aber Lucien, der in wenigen Stunden vom First sozialer Größe bis zum Kerker hinabgestiegen war, so wird die Neugier zur Genüge geweckt sein. Die Haltung der beiden Genossen war charakteristisch. Lucien von Rubempré versteckte sich, um den Blicken zu entgehen, die die Vorübergehenden auf das Gitter des unheimlichen und verhängnisvollen Wagens warfen, während er seine Fahrt durch die Rue Saint-Antoine nahm, um durch die Rue du Martroi und die Arcade Saint-Jean, die man damals passieren mußte, wenn man den Rathausplatz überqueren wollte, die Kais zu erreichen. Heute bildet jene Arkade die Einfahrt zum Hotel des Seinepräfekten im ungeheuren Stadtpalast. Der verwegene Verbrecher dagegen schmiegte das Gesicht an das Gitter des Wagens, und zwar genau zwischen dem Gerichtsdiener und dem Gendarmen, die ihrer Salatkutsche sicher waren und miteinander plauderten.

Die Julitage des Jahres 1830 und ihr furchtbarer Sturm haben die früheren Ereignisse mit ihrem Lärm so sehr in den Hintergrund gedrängt, das politische Interesse nahm Frankreich während der sechs letzten Monate dieses Jahres so sehr in Anspruch, daß sich heute niemand mehr oder kaum noch jemand jener privaten, gerichtlichen oder finanziellen Katastrophen entsinnt, so seltsam sie auch waren, wie sie die jährliche Zeche der Pariser Neugier bilden und wie sie auch in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nicht fehlten. Es ist also nötig, eigens darauf aufmerksam zu machen, wie sehr Paris momentan in Aufregung geriet, als sich die Nachricht von der Verhaftung eines spanischen Priesters, der bei einer Kurtisane gefunden worden sei, und von der des eleganten Lucien von Rubempré, des Verlobten des Fräuleins von Grandlieu, verbreitete, den man in dem kleinen Dorf Grez auf der Straße nach Italien verhaftet habe; beide seien sie eines Mordes angeklagt, dessen Erträgnis sich auf sieben Millionen belaufe. Der Skandal dieses Prozesses schwächte ein paar Tage lang das fabelhafte Interesse ab, das die letzten Wahlen unter Karl X. weckten.

Zunächst war dieser Kriminalprozeß zum Teil die Folge einer Klage des Barons von Nucingen. Dann erregte Luciens Verhaftung in dem Augenblick, als er Privatsekretär des ersten Ministers werden sollte, Aufsehen in der höchsten pariser Gesellschaft. In jedem Pariser Salon entsann sich mehr als ein junger Mann, daß er Lucien beneidet hatte, als er von der schönen Herzogin von Maufrigneuse ausgezeichnet wurde, und alle Frauen wußten, daß er eben jetzt Frau von Sérizy interessierte, die Frau eines der ersten Männer des Staates. Schließlich genoß die Schönheit des Opfers in den verschiedenen Gesellschaften, aus denen Paris besteht, einer merkwürdigen Berühmtheit: in der großen Gesellschaft, in der Finanzwelt, in der Gesellschaft der Kurtisanen, in der Gesellschaft der jungen Leute und bei den Literaten. Seit zwei Tagen sprach also ganz Paris von diesen beiden Verhaftungen, Der Untersuchungsrichter, Herr Camusot, dem die Angelegenheit zugefallen war, sah in ihr eine Möglichkeit der Beförderung, und um mit jeder nur erdenklichen Beschleunigung vorgehen zu können, hatte er angeordnet, daß die beiden Angeklagten von der Force in die Conciergerie überführt werden sollten, sowie Lucien von Rubempré aus Fontainebleau angekommen wäre. Da der Abbé Carlos nur zwölf Stunden, Lucien nur eine halbe Nacht in der Force zugebracht hatte, so ist es nicht nötig, dieses Gefängnis zu schildern, dessen Einrichtung heute eine ganz andere geworden ist; und was die Einzelheiten der Aufnahme angeht, so wären sie nur eine Wiederholung dessen, was sich in der Conciergerie abspielen sollte.

Aber bevor wir uns auf das furchtbare Drama der Untersuchung in diesem Strafprozeß einlassen, ist es, wie gesagt, unentbehrlich, den normalen Gang eines derartigen Prozesses zu schildern. Zunächst wird man seine verschiedenen Entwicklungsstufen in Frankreich wie im Ausland dann leichter verstehen, und ferner werden alle, die die Ordnung des Strafprozesses, wie sie die Gesetzgeber unter Napoleon festgestellt haben, nicht kennen, sie zu würdigen wissen. Es ist das um so wichtiger, als dieses schöne und große Werk in diesem Augenblick durch das sogenannte Besserungssystem mit der Vernichtung bedroht wird.

Ein Verbrechen wird begangen. Wenn die Verbrecher auf frischer Tat ertappt werden, so werden die ›Beschuldigten‹Hier und lm folgenden sind, soweit wir die gleichen Unterscheidungen nicht kennen, in der Übersetzung für die französischen Begriffe zum Teil Umschreibungen gewählt worden, die sich dem Sinn nach möglichst genau an das Original annähern: Inculpé = Beschuldigter; Prévenu = Untersuchungsgefangener; Accusé = Angeklagter. in den nächsten Polizeigewahrsam geführt und in jener Zelle untergebracht, die das Volk die ›Geige‹ nennt, vermutlich, weil man dort Musik macht: man schreit und weint. Von dort aus werden die Beschuldigten dem Polizeikommissar vorgeführt, der mit der Untersuchung beginnt und sie freilassen kann, wenn ein Irrtum vorliegt; schließlich werden die Beschuldigten in das Präfekturgefängnis gebracht, wo die Polizei sie dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter zur Verfügung stellt; und diese beiden kommen, je nach der Schwere des Falles mehr oder minder schnell benachrichtigt, und verhören die Leute, die sich in vorläufiger Haft befinden. Je nach Art der Mutmaßungen erläßt dann der Untersuchungsrichter einen Haftbefehl und läßt die Beschuldigten im Untersuchungsgefängnis unterbringen. Paris hat drei Untersuchungsgefängnisse: Sainte-Pélagie, die Force und die Madelonnettes.

Man beachte den Ausdruck ›die Beschuldigten‹. Unser Kodex hat im Strafrecht drei wesentliche Unterscheidungen geschaffen: die Beschuldigung, die Untersuchungshaft, die Anklage. Solange der Haftbefehl nicht unterschrieben ist, sind die vermutlichen Urheber eines Verbrechens oder eines schweren Vergehens ›Beschuldigte‹; unter der Last des Haftbefehls werden sie zu Untersuchungsgefangenen; Untersuchungsgefangene bleiben sie, solange die Untersuchung dauert. Wenn die Untersuchung abgeschlossen ist, werden sie, sobald das Gericht beschlossen hat, die Hauptverhandlung gegen den Untersuchungsgefangenen zu eröffnen, zu Angeklagten, genauer: nachdem das Gericht zweiter Instanz auf Antrag des Staatsanwalts bestätigt hat, daß genügende Verdachtsmomente vorliegen, um ihn vor ein Schwurgericht zu stellen. So machen die eines Verbrechens Verdächtigten drei verschiedene Zustände durch, sie gehen durch drei Siebe, ehe sie vor der sogenannten Landesjustiz erscheinen. Im ersten Zustand steht den Unschuldigen noch eine Fülle von Hilfsmitteln rechtlich zur Verfügung: das Publikum, die Wache und die Polizei. Im zweiten Zustand stehen sie vor einem Beamten, sie werden den Zeugen gegenübergestellt und in Paris von einer Gerichtskammer, in der Provinz von einem ganzen Gericht unter Anklage gestellt. Im dritten Zustand erscheinen sie vor zwölf Räten, und im Falle eines Rechtsirrtums oder eines Formfehlers kann der Angeklagte nach alledem noch beim Kassationshof die Rückverweisung vor das Schwurgericht beantragen. Die Jury weiß nicht, wieviel Volks-, Verwaltungs- und Gerichtsautoritäten sie ins Gesicht schlägt, wenn sie einen Angeklagten freispricht. Daher scheint es wenigstens uns in Paris – von den andern Gerichtssprengeln reden wir hier nicht – fast unmöglich, daß ein Unschuldiger sich je auf die Anklagebank vor dem Schwurgericht setzen sollte.

Der Strafgefangene ist der Verurteilte. Unser Strafrecht hat Untersuchungsgefängnisse, Gerichtsgefängnisse und Strafgefängnisse geschaffen; es sind das gerichtliche Unterscheidungen, die denen eines Untersuchungsgefangenen, eines Angeklagten und eines Verurteilten entsprechen. Das Haftgefängnis vollstreckt eine leichte Strafe zur Sühne eines geringen Vergehens; aber das Strafgefängnis vollstreckt eine Leibesstrafe, die unter Umständen entehrend ist. Wer also heute das Besserungssystem einführen will, stößt ein wundervolles Strafrecht um, in dem die Strafen in überlegener Weise abgestuft sind; und er wird dahin kommen, daß er kleine Vergehen fast ebenso schwer bestraft wie große Verbrechen. Man wird übrigens in den ›Erzählungen aus der Napoleonischen Sphäre‹ (siehe ›Eine dunkle Begebenheit‹) die merkwürdigen Unterschiede vergleichen können, die zwischen dem Strafkodex vom Brumaire des Jahres IV und dem des Napoleonischen Kodex herrschen, der jenen ersetzte.

In der Mehrzahl der großen Prozesse werden die Beschuldigten wie in diesem sofort zu Untersuchungsgefangenen. Der Richter erläßt auf der Stelle den Haftbefehl. In der Tat werden in der größeren Zahl der Fälle die Beschuldigten entweder flüchtig, oder sie werden auf der Stelle überrascht. Daher waren denn auch, wie man gesehen hat, die Polizei, die hier nur ein Werkzeug der Vollstreckung ist, und die Justiz mit der Geschwindigkeit des Blitzes in Esthers Wohnung erschienen. Selbst wenn keine Motive der Rache vorgelegen hätten, wie Corentin sie der Kriminalpolizei ins Ohr geflüstert hatte, so war doch noch die Anzeige des Barons von Nucingen über einen Diebstahl von siebenhundertfünfzigtausend Franken vorhanden.

In dem Augenblick, als der erste Wagen, der Jakob Collin enthielt, die Arcade Saint-Jean, eine enge und düstere Durchfahrt, erreichte, zwang den Postillion ein Hindernis, unter der Arkade haltzumachen. Die Augen des Untersuchungsgefangenen blitzten wie zwei Karfunkel durch das Gitter, obwohl er sich noch am Abend zuvor als ein Sterbender gestellt hatte, so daß es dem Direktor der Force notwendig erschienen war, einen Arzt zu rufen. Die Augen waren in dieser Minute frei, denn weder der Gendarm noch der Gerichtsdiener wandten sich, um nach ›ihrem Kunden‹ zu sehen; und diese flammenden Augen redeten eine so deutliche Sprache, daß ein geschickter Untersuchungsrichter, wie zum Beispiel Herr Popinot, in dem Kirchenschänder den Sträfling erkannt haben würde. Wirklich achtete Jakob Collin, seit die Salatkutsche das Tor der Force hinter sich hatte, auf alles am Wege. Trotz der schnellen Fahrt überflog er mit gierigem, umfassendem Blick die Häuser vom höchsten Stockwerk an bis zum Erdgeschoß. Er sah alle Vorübergehenden und analysierte sie. Gott durchschaut seine Schöpfung in ihren Mitteln und ihrem Ziel nicht genauer, als dieser Mensch die geringsten Nuancen in der Masse der Dinge und der Menschen unterschied. Mit einer Hoffnung bewaffnet, wie der Letzte der Horatier mit seinem Schwert bewaffnet war, so wartete er auf Hilfe. Jedem anderen außer diesem Machiavelli des Bagnos wäre die Verwirklichung dieser Hoffnung als so etwas Unmögliches erschienen, daß er mechanisch alles mit sich hätte machen lassen, wie es die Schuldigen tun. Keiner von ihnen denkt in der Lage, in die die Pariser Polizei und Justiz den Untersuchungsgefangenen bringen, an Widerstand, am wenigsten jene, die wie Lucien und Jakob Collin in strengem Einzelgewahrsam gehalten werden. Man kann sich die plötzliche Vereinsamung eines Untersuchungsgefangenen nicht vorstellen: die Gendarmen, die ihn verhaften, der Kommissar, der ihn verhört, jene, die ihn ins Gefängnis bringen, die Wächter, die ihn ins ›Loch‹ führen – man nennt es buchstäblich so –, jene, die ihn am Arm fassen, um ihn in die Salatkutsche zu heben, kurz, all diese Wesen, die ihn vom Augenblick seiner Verhaftung an umgeben, sind stumm oder merken sich seine Worte, um sie der Polizei oder den Richtern zu wiederholen. Diese absolute Scheidewand, die auf so einfache Weise zwischen die ganze Welt und den Untersuchungsgefangenen geschoben wird, hat einen vollständigen Umsturz seiner Fähigkeiten, eine ungeheure Bedrücktheit des Geistes zur Folge, und zwar vor allem dann, wenn es ein Mensch ist, der durch sein Vorleben noch nicht mit den Schritten, die die Justiz unternimmt, vertraut ist. Der Zweikampf zwischen dem Schuldigen und dem Richter ist um so furchtbarer, als die Justiz das Schweigen der Mauern und die unbestechliche Gleichgültigkeit ihrer Agenten zu Helfern hat.

Jakob Collin oder Carlos Herrera – es ist nötig, ihm je nach den Umständen den einen oder den andern Namen zu geben – aber kannte das Wesen der Polizei, des Kerkers und der Justiz schon von langer Hand her. Daher hatte denn auch dieser Koloß der List und Verderbtheit alle Kräfte seines Geistes und alle Hilfsmittel seiner Mimik aufgeboten, um täuschend die Überraschung, die Einfalt eines Unschuldigen zu spielen, während er den Beamten zugleich die Komödie seines Todeskampfes gab. Wie man gesehen hat, hatte ihm Asien, jene gelehrte Locusta, ein Gift gegeben, das genau abgestimmt war, um den Schein einer tödlichen Krankheit zu erwecken. Die Wirksamkeit des Herrn Camusot, die des Polizeikommissars und die forschende Regsamkeit des Staatsanwalts waren also durch die Vorspiegelung eines Schlaganfalls auf wirksame Weise lahmgelegt worden.

»Er hat sich vergiftet!« hatte Herr Camusot ausgerufen, entsetzt über die Leiden des angeblichen Priesters, als man ihn unter grauenhaften Krämpfen aus der Mansarde hinabgetragen hatte. Vier Agenten hatten den Abbé Carlos nur mit vieler Mühe über die Treppe in Esthers Schlafzimmer schaffen können, in dem sich die Richter und die Gendarmen versammelt hatten. »Das war das Beste, was er tun konnte, wenn er schuldig ist,« hatte der Staatsanwalt erwidert. »Halten Sie ihn tatsächlich für krank? . . .« hatte der Polizeikommissar gefragt.

Die Polizei zweifelt stets an allem. Diese drei Beamten hatten, wie man sich denken kann, flüsternd gesprochen; aber Jakob Collin hatte aus ihren Gesichtszügen erraten, um was sich ihre Mitteilungen drehten; und er hatte das ausgenutzt, um das summarische Verhör, das man im Augenblick einer Verhaftung immer vornimmt, unmöglich oder gänzlich bedeutungslos zu machen; er hatte Phrasen gestammelt, in denen sich das Spanische und das Französische in einer Weise verbanden, daß sie Unsinn ergaben.

In der Force hatte diese Komödie zunächst einen um so vollständigeren Erfolg davongetragen, als der ›Chef der Sicherheit‹ (Abkürzung für: Chef der Sicherheitspolizeibrigade), Bibi-Lupin, der Jakob Collin ehedem in der bürgerlichen Pension der Frau Vauquer verhaftet hatte, mit einer Mission in der Provinz beauftragt war, während ihn ein Agent vertrat, den man Bibi-Lupin zum Nachfolger bestimmt hatte und dem der Sträfling unbekannt war.

Bibi-Lupin, selbst ein Sträfling und ein Genosse Jakob Collins im Bagno, war sein persönlicher Feind. Diese Feindschaft entsprang Streitigkeiten, in denen Jakob Collin stets die Oberhand behalten hatte, und der von Betrüg-den-Tod über seine Gefährten ausgeübten Gewalt. Schließlich war Jakob Collin in Paris zehn Jahre hindurch die Vorsehung der freigelassenen Sträflinge, ihr Führer, ihr Ratgeber und ihr Schatzmeister und daher Bibi-Lupins Gegner gewesen.

Obwohl er also in Einzelhaft genommen wurde, zählte er auf die verständnisvolle und absolute Ergebenheit Asiens, seines rechten Arms, und vielleicht auch Paccards, seines linken Arms; denn er schmeichelte sich mit dem Gedanken, diesen sorgsamen Leutnant seinen Befehlen wieder gehorsam zu finden, sobald er nur die gestohlenen siebenhundertfünfzigtausend Franken in Sicherheit gebracht hätte. Das war der Grund der übermenschlichen Aufmerksamkeit, mit der er alles auf seinem Wege beachtete. Seltsam! Diese Hoffnung sollte sich vollkommen erfüllen.

Die beiden gewaltigen Mauern der Arcade Saint-Jean waren bis zu einer Höhe von sechs Fuß mit einer dauernden Schmutzschicht überkleidet, die aus den Spritzern der Gosse stammte; – die Fußgänger hatten damals, um sich vor dem unablässigen Hin und Her der Wagen und dem Spritzen der Karren zu schützen, nichts als die von den Radnaben seit langem angestoßenen Prellsteine. Mehr als einmal hatte dort die Karre eines Fuhrmanns unaufmerksame Leute totgefahren. So sah es lange Zeit in vielen Vierteln von Paris aus. Eine Einzelheit wird die Enge der Arkade vor Augen führen und erklären, wie leicht es war, sie zu sperren. Es brauchte nur ein Fiaker vom Richtplatz aus einbiegen zu wollen, während eine Gemüsehändlerin ihren kleinen Handwagen voller Äpfel durch die Rue du Martroi schob, so veranlaßte schon ein dritter Wagen, der hinzukam, eine Stauung. Die Fußgänger brachten sich erschreckt in Sicherheit, indem sie einen Prellstein suchten, der sie vor den alten Radnaben sichern konnte, denn diese Radnaben waren damals so maßlos lang, daß es eines Gesetzes bedurfte, um sie kürzer zu machen.

Als also die Salatkutsche ankam, war die Arkade von einer jener Gemüsehändlerinnen versperrt, deren Typus um so merkwürdiger ist, als es von ihm noch heute, trotz der wachsenden Zahl der Obstläden, einige Exemplare in Paris gibt. Sie glich so sehr der Straßenhändlerin, daß selbst ein Schutzmann, wenn diese Einrichtung damals schon getroffen gewesen wäre, sie trotz ihrer unheimlichen Physiognomie, die das Verbrechen verriet, hätte umherziehen lassen, ohne nach ihrem Gewerbeschein zu fragen. Der Kopf, der mit einem scheußlichen, zerfetzten baumwollenen Taschentuch bedeckt war, starrte von rebellischen Strähnen, deren Haare den Borsten des Wildschweins glichen. Der rote, faltige Hals erweckte Grauen, und das Brusttuch verdeckte eine von der Sonne, dem Staub und dem Schmutz gebräunte Haut nicht völlig. Das Kleid war wie ein Teppich. Die Schuhe schnitten Grimassen, daß man glauben konnte, sie machten sich über das Gesicht lustig, das ebenso große Löcher aufwies wie das Kleid, Und ein Brustlatz! . . . Ein Pflaster wäre weniger schmutzig gewesen. Auf zehn Schritte mußte dieser wandelnde, übelriechende Lumpen den Geruchssinn empfindlicher Leute beleidigen. Die Hände hatten hundert Ernten hinter sich! Entweder kam diese Frau von einem Hexensabbat her oder aus einem Bettlergefängnis. Und was für Blicke erst! Was für eine verwegene Intelligenz, welches verhaltene Leben, als sich die magnetischen Strahlen ihrer Augen und derer Jakob Collins begegneten, um einen Gedanken auszutauschen.

»Platz da, altes Lausspital!« rief der Postillion mit heiserer Stimme. »Willst mich wohl gleich zermalmen, du Henkershusar!« erwiderte sie; »deine Ware ist nicht soviel wert als meine!« Und indem die Händlerin versuchte, sich zwischen zwei Prellsteine zu drücken, damit der Wagen passieren konnte, versperrte sie den Weg genau so lange, wie sie brauchte, um ihren Plan auszuführen. ›O Asien! . . .‹ sagte Jakob Collin bei sich selber, denn er erkannte seine Helferin auf der Stelle; ›dann geht alles gut.‹

Der Postillion tauschte immer noch Liebenswürdigkeiten mit Asien aus, und die Wagen sammelten sich in der Rue du Martroi.

»Ahe! . . . Pecaire fermati. Souni là. Vedrem! . . .« rief die Alte in jenem wilden Tonfall, wie er den Straßenhändlerinnen eigen ist; sie entstellen ihre Worte so sehr, daß sie zu Tonmalereien werden, wie nur Pariser sie verstehen.

Im Wirrwarr der Straße und unter dem Geschrei aller Kutscher, die mittlerweile warteten, achtete niemand auf diesen wilden Ruf, der von der Händlerin auszugehen schien. Aber die Laute, die Jakob Collin deutlich hörte, warfen ihm in einem verabredeten Dialekt, der aus korrumpiertem Italienisch und Provenzalisch bestand, diesen furchtbaren Satz ins Ohr: »Dein armer Kleiner ist gefangen; aber ich bin da, um über euch zu wachen. Du wirst mich wiedersehen . . .«

Mitten in der unendlichen Freude, die ihm sein Triumph über die Justiz einflößte, denn er hoffte jetzt, mit der Außenwelt in Verbindung bleiben zu können, traf Jakob Collin ein Rückschlag, der jeden anderen als ihn getötet hätte. ›Lucien verhaftet!‹ . . . sagte er bei sich selber. Und er wäre fast ohnmächtig geworden. Diese Nachricht war für ihn furchtbarer als eine Abweisung der eingelegten Revision, wenn er zum Tode verurteilt gewesen wäre.

Jetzt, wo die beiden Salatkutschen über die Kais rollen, erfordert das Interesse dieser Geschichte ein paar Worte über die Conciergerie, die die Zeit ausfüllen werden, bis sie sie erreichen.

Die Conciergerie, ein historischer Name, ein furchtbares Wort, doch als Ding noch furchtbarer, ist eng verknüpft mit den französischen Revolutionen und vor allem mit denen von Paris. Sie hat die meisten der großen Verbrecher beherbergt. Wenn sie von allen Pariser Baudenkmälern das interessanteste ist, so ist sie auch das unbekannteste – wenigstens für die, die den oberen Klassen der Gesellschaft angehören; aber trotz des gewaltigen Interesses dieser historischen Abschweifung soll sie ebenso rasch vor sich gehen, wie die Salatkutschen fahren.

Wo wäre der Pariser, der Fremde oder der Provinziale, wenn sie auch nur zwei Tage in Paris gewesen sind, der nicht die schwarzen Gemäuer gesehen hätte, die von den drei starken Türmen mit den Spitzdächern flankiert werden, von denen zwei paarweise dicht nebeneinander stehen: jenen düstern und geheimnisvollen Schmuck des Quai des Lunettes? Dieser Kai beginnt am Fuß des Pont au Change und erstreckt sich bis zum Pont Neuf. Ein viereckiger Turm, genannt der Uhrturm, von dem herab das Signal der Bartholomäusnacht gegeben wurde, ein Turm, der fast ebenso hoch ist wie der von Saint-Jacques-la-Boucherie, markiert den Justizpalast und bildet die Ecke dieses Kais. Diese vier Türme, diese Mauern sind mit jenem schwärzlichen Leichentuch überkleidet, wie es in Paris alle nach Norden gerichteten Fassaden annehmen. Etwa in der Mitte des Kais beginnen mit einer engen Arkade die geheimen Bauten, deren Lage die Errichtung des Pont-Neuf unter Heinrich IV. bestimmte. Die Place Royale war nur eine Wiederholung der Place Dauphine. Es ist dasselbe Architektursystem, Ziegelstein mit Rahmen aus verzahnten Quadern. Diese Arkade und die Rue de Harlay bezeichnen im Westen die Grenzen des Palastes. Ehemals hing die Polizeipräfektur, das Hotel der ersten Parlamentspräsidenten, mit dem Palast zusammen. Die Oberrechnungskammer und das Obersteuergericht ergänzten dort die höchste Rechtsprechung, die des Souveräns. Man sieht, daß vor der Revolution der Justizpalast jene Abgeschlossenheit hatte, die man heute herzustellen sucht.

Dieses Viereck, diese Insel von Häusern und Monumenten, auf der sich die Sainte-Chapelle befindet, das herrlichste Juwel im Schmuckkästchen des heiligen Ludwig, dieser Raum ist das Heiligtum von Paris; er ist der geweihte Platz, seine Bundeslade. Und anfangs war dieser Raum für sich allein die ganze Stadt, denn das Gebiet der Place Dauphine war eine Wiese, die zum Krongut gehörte; dort befand sich ein Walzwerk, wo Geld geprägt wurde. Daher der Name der Rue de la Monnaie für die Straße, die zum Pont Neuf führt. Daher auch der Name des einen der drei runden Türme, des zweiten, der die Tour d'Argent heißt; und dieser Name scheint zu beweisen, daß man zuerst in ihm das Geld geprägt hat. Das berühmte Walzwerk, das man auf den alten Plänen von Paris sieht, wäre demnach wahrscheinlich später erbaut, als man nicht mehr im Palast selber prägte, und vermutlich verdankte es sein Entstehen einer Vervollkommnung in der Kunst der Münze. Der erste Turm, der sich fast an die Tour d'Argent anlehnt, heißt die Tour de Montgomery. Der dritte, der kleinste, aber am besten erhaltene von den dreien, denn er hat auch seine Zinnen bewahrt, heißt die Tour Bonbec. Die Sainte-Chapelle und diese vier Türme – einschließlich des Uhrturmes – umschreiben ausgezeichnet den Umriß, den Perimeter, wie ein Katasterbeamter sagen würde, des Palastes von der Zeit der Merowinger an bis zum ersten Hause von Valois; aber für uns stellt dieser Palast infolge seiner Umwandlungen des genauern die Epoche des heiligen Ludwig dar.

Karl V. überließ den Palast als erster dem Parlament,Gerichtshof letzter Instanz. einer damals neu geschaffenen Einrichtung, und zog selbst unter dem Schutz der Bastille in das berühmte Hôtel Saint-Pol, an das man später den Palais des Tournelles anbaute. Dann kehrte unter den letzten Valois die königliche Familie ins Louvre zurück, das ihre erste Bastille gewesen war. Die erste Wohnung der französischen Könige, der Palast des heiligen Ludwig, der kurzweg den Namen ›des Palastes‹ bewahrt hat, um ›den‹ Palast an sich zu bezeichnen, ist jetzt ganz und gar begraben unter dem Justizpalast; er bildet seine Keller, denn er war wie die Kathedrale in die Seine gebaut worden, und zwar so sorgfältig, daß der Fluß selbst bei Hochwasser kaum ihre ersten Stufen bedeckte. Etwa zwanzig Fuß unter dem Quai de l'Horloge liegen jetzt diese tausendjährigen Bauten. Die Wagen rollen auf dem Niveau der Kapitale jener starken Säulen der drei Türme, deren Höhe ehemals mit der Eleganz des Palastes in Einklang gestanden haben muß, als sie noch malerisch über dem Wasser standen; denn noch heute nehmen diese Türme es an Höhe mit den höchsten Monumenten von Paris auf. Wenn man diese ungeheure Stadt von der Höhe der Laterne des Pantheon herab betrachtet, so ist der Palast mit der Sainte-Chapelle noch immer das, was unter so viel Monumenten den monumentalsten Eindruck macht. Dieser Palast unserer Könige, auf den man tritt, wenn man den ungeheuren Vorsaal des Gerichts durchschreitet, war ein Wunder der Architektur; er ist es für die verständnisvollen Augen des Dichters, der ihn studiert, wenn er die Conciergerie untersucht, noch heute. Ach! die Conciergerie ist eingedrungen in den Palast der Könige. Es blutet einem das Herz, wenn man sieht, wie man Zellen, Nischen, Gänge, Wohnungen, Säle ohne Licht und Luft in diese große Komposition hineingeschnitten hat, in der das Byzantinische, das Romanische und das Gotische, diese drei Gesichter der alten Kunst, durch die Architektur des zwölften Jahrhunderts vereinigt wurden. Dieser Palast ist für die erste Epoche der Geschichte der französischen Baukunst, was das Schloß von Blois für die Geschichte ihrer zweiten Epoche ist. Wie man zu Blois (siehe »Étude sur Cathérine de Médicis«, »Études philosophiques«) in einem Hof das Schloß der Grafen von Blois, das Ludwigs XII., das Franz' I., und das Gastons bewundern kann, so findet man innerhalb desselben Umkreises in der Conciergerie den Charakter der ersten Geschlechter und in der Sainte-Chapelle die Architektur des heiligen Ludwig. Ihr Stadträte, wenn ihr Millionen hergebt, so stellt den Architekten einen oder zwei Dichter zur Seite, wenn anders ihr die Wiege von Paris, die Wiege der Könige retten wollt, während ihr euch überlegt, wie ihr Paris und eurem höchsten Gerichtshof einen Frankreichs würdigen Palast zu geben vermögt! Es ist das eine Frage, die ein paar Jahre lang überlegt sein will, ehe man irgend etwas beginnt. Noch ein oder zwei Gefängnisbauten gleich dem der Roquette, und der Palast des heiligen Ludwig ist gerettet.

An vielen Wunden leidet heute dieses riesenhafte Monument, das gleich einem jener vorsintflutlichen Tiere im Gips von Montmartre unter dem Palast und dem Kai vergraben liegt; aber die größte Wunde ist die, daß es als Conciergerie dienen muß! Man versteht dieses Wort.Es heißt etwa ›Vogtei‹. In den ersten Zeiten der Monarchie wurden die großen Schuldigen – denn die Bauern und Bürger unterstanden städtischer oder ritterschaftlicher Rechtsprechung –, wurden die Inhaber der großen oder kleinen Lehen dem König zugeführt und in der Conciergerie in Haft gehalten. Da man nur wenige solcher großen Schuldigen verhaftete, so genügte die Conciergerie für die Rechtsprechung des Königs. Es ist schwer, die Baustelle der ersten Conciergerie genau zu erkunden. Da jedoch die Küchen des heiligen Ludwig noch vorhanden sind und heute das ausmachen, was man die ›Souricière‹ nennt, so ist anzunehmen, daß die ursprüngliche Conciergerie da lag, wo sich vor 1825 die Conciergerie des Parlaments befand, nämlich unter der Arkade rechts von der großen Außentreppe, die zum zweitinstanzlichen Gericht hinaufführt. Dort kamen bis 1825 die Verurteilten heraus, wenn sie zum Tode gingen. Dort kamen alle großen Verbrecher, alle Opfer der Politik heraus, die Marschallin von Ancre wie die Königin von Frankreich, Semblançay wie Malesherbes; Damien wie Danton, Desrues wie Castaing. Das Zimmer Fouquier-Tinvilles war wie das Zimmer des heutigen Staatsanwalts so gelegen, daß der öffentliche Ankläger die Leute, die das Revolutionsgericht verurteilt hatte, auf ihren Karren vorbeiziehen sehen konnte. Dieser Mensch, der zum Schwert geworden war, konnte so einen letzten Blick auf seine Opfer werfen.

Seit 1825 hat unter dem Ministerium des Herrn von Peyronnet im Palast ein großer Wandel stattgefunden. Das alte Portal der Conciergerie, hinter dem die Zeremonien der Aufnahme und der letzten Toilette vor sich gingen, wurde geschlossen und dorthin verlegt, wo es sich heute befindet: zwischen den Uhrturm und die Tour de Montgomery, auf einen inneren Hof, den eine Arkade markiert. Links befindet sich die Souricière, rechts das Portal. Die Salatkutschen fahren in diesen ziemlich unregelmäßigen Hof hinein; sie können sich dort aufhalten, können wenden und sich im Fall einer Meuterei dort versammeln, geschützt gegen jeden Anschlag durch das starke Gitter des Arkadentores; ehemals hatten sie nicht die mindeste Möglichkeit, sich in dem engen Raum, der die große Außentreppe vom rechten Flügel des Palastes trennt, zu bewegen. Heute nimmt die Conciergerie, die kaum für die Angeklagten ausreicht – man müßte dort für dreihundert Menschen, Männer und Frauen, Platz haben –, nur noch bei seltenen Gelegenheiten Untersuchungsgefangene oder Strafgefangene auf; eine solche Ausnahme führte Jakob Collin und Lucien dorthin. Ausnahmsweise dulden die Behörden dort Schuldige aus der höchsten Gesellschaft, die schon genügend durch einen Spruch des Geschworenengerichts entehrt sind und über alle Grenzen hinaus bestraft wären, wenn sie ihre Strafe zu Melun oder zu Poissy abzubüßen hätten. Ouvrard zog den Aufenthalt in der Conciergerie dem in Sainte-Pélagie vor. Gegenwärtig verbüßen der Notar Lehon und der Fürst von Bergues ihre Gefangenschaft dort, und zwar vermöge einer willkürlichen, aber sehr menschlichen Nachsicht.

Im allgemeinen werden die Untersuchungsgefangenen, sei es, wenn sie, nach dem Fachausdruck, zur Untersuchung gehen, sei es, wenn sie vor dem Zuchtpolizeigericht erscheinen sollen, von den Salatkutschen direkt in die Souricière eingeliefert. Die Souricière, die dem Portal gegenüber liegt, setzte sich aus einer gewissen Menge von Zellen zusammen, die in die Küchen des heiligen Ludwig eingebaut sind; dort warten die Gefangenen, die man aus ihren Gefängnissen geholt hat, auf die Stunde, in der das Gericht zusammentritt oder in der ihr Untersuchungsrichter eintrifft. Die Souricière wird im Norden vom Kai begrenzt, im Osten vom Wachtgebäude der Munizipalgarde, im Westen vom Hof der Conciergerie und im Süden von einem ungeheuren gewölbten Saal – sicherlich dem ehemaligen Festsaal –, der noch keine Bestimmung hat. Oberhalb der Souricière erstreckt sich ein inneres Wachtlokal, das durch ein Fenster den Blick über den Hof der Conciergerie beherrscht; es ist das Lokal der Departementsgendarmerie, und die Treppe mündet dahinein. Wenn die Stunde der Aburteilung kommt, so rufen hier die Gerichtsdiener die Untersuchungsgefangenen auf; die Gendarmen steigen in gleicher Zahl mit den Untersuchungsgefangenen hinab, jeder Gendarm nimmt einen von ihnen unterm Arm; und so gepaart steigen sie die Treppe hinauf, durchschreiten das Wachtlokal und kommen durch lange Gänge in einen Raum neben dem Saal, in dem die berühmte sechste Kammer des Gerichts tagt, der die Rechtsprechung des Zuchtpolizeigerichts obliegt. Es ist der Weg, den auch die Angeklagten entlang gehen, wenn sie sich aus der Conciergerie zum Schwurgericht begeben oder aus ihm zurückkehren.

Im großen Vorsaal bemerkt man zwischen der Tür der ersten Kammer des erstinstanzlichen Gerichts und der Freitreppe, die zur sechsten führt, auf der Stelle, wenn man auch zum erstenmal hindurchgeht, einen türlosen Durchgang ohne jeden architektonischen Schmuck: ein wahrhaft unedles viereckiges Loch. Von da aus kommen die Richter und die Advokaten in jene Gänge, in das Wachtlokal und steigen dann in die Souricière und zum Portal der Conciergerie hinab. All die Zimmer der Untersuchungsrichter liegen in verschiedenen Stockwerken in diesem Teil des Palastes. Man erreicht ihn über scheußliche Treppen hinweg: ein Labyrinth, in dem sich alle, denen der Palast nicht bekannt ist, fast immer verirren. Die Fenster dieser Zimmer blicken zum Teil auf den Kai, zum Teil auf den Hof der Conciergerie. 1830 blickten auch einige Zimmer der Untersuchungsrichter auf die Rue de la Barillerie.

Wenn nun im Hof der Conciergerie eine Salatkutsche sich nach links wendet, so bringt sie Untersuchungsgefangene in die Souricière; wendet sie sich nach rechts, so liefert sie Angeklagte in die Conciergerie ein. Nach dieser Seite hin also wurde der Wagen gelenkt, in dem Jakob Collin sich befand, denn man sollte ihn am Portal abliefern. Nichts ist grauenhafter. Verbrecher wie Besucher sehen zwei schmiedeeiserne Gitter, die durch einen Zwischenraum von etwa sechs Fuß voneinander getrennt sind und die sich stets nur nacheinander öffnen; dort wird auf alles so peinlich geachtet, daß selbst die Leute, denen eine Besuchserlaubnis erteilt worden ist, erst diesen Raum zwischen den Gittern durchschreiten müssen, ehe sich der Schlüssel im Schloß umdreht. Selbst die Untersuchungsrichter, ja die Staatsanwälte kommen nicht hinein, ohne sich legitimiert zu haben. Und da spreche man noch von der Möglichkeit eines Verkehrs oder eines Ausbruchs! . . . Der Direktor der Conciergerie wird ein Lächeln auf den Lippen tragen, vor dem der verwegenste Romandichter in seinen Unternehmungen wider die Wahrscheinlichkeit den Zweifel fallen läßt. Man kennt in den Annalen der Conciergerie nur den Ausbruch La Valettes; aber die Gewißheit allerhöchster Nachsicht, die heute erwiesen ist, hat, wenn nicht die Aufopferung der Gattin, doch die Gefahr eines Mißerfolgs vermindert. Wer an Ort und Stelle über das Wesen der Hindernisse urteilt, wird, und sei er ein noch so großer Freund des Wunderbaren, anerkennen, daß diese Hindernisse zu allen Zeiten unüberwindlich waren, wie sie es noch heute sind. Keine Worte können die Gewalt der Mauern und Gewölbe malen, man muß sie sehen. Obgleich das Master des Hofes schon niedriger liegt als das des Kais, so muß man doch, wenn man das Portal passiert, noch mehrere Stufen hinabsteigen, um in einen ungeheuren gewölbten Saal zu gelangen, dessen gewaltige Mauern mit prachtvollen Säulen geschmückt und von der Tour de Montgomery, die heute einen Teil der Wohnung des Direktors der Conciergerie ausmacht, und der Tour d'Argent flankiert sind, die heute den Wächtern, Pförtnern oder Schließern, wie man sie nun nennen will, als Schlafgebäude dient. Die Zahl jener Angestellten ist nicht so hoch, wie man sich wohl denkt, es sind ihrer zwanzig; ihr Schlafraum und ihr Bettzeug unterscheidet sich nicht von dem der ›Pistole‹.Separatzimmer für solche Gefangene, die das Recht eigener Verpflegung haben. Dieser Name kommt ohne Zweifel daher, daß die Gefangenen ehemals für diese Unterkunft wöchentlich eine Pistole zahlten; die Nacktheit der Räume erinnert an die kahlen Mansarden, wie alle großen Leute ohne Vermögen sie in Paris zunächst bewohnen. Links von diesem ungeheuren Eingangssaal liegt die Kanzlei der Conciergerie, eine Art Bureau, das durch Glasscheiben abgetrennt ist; dort sitzen der Direktor und sein Kanzlist, dort befinden sich die Aufnahmeregister. Da wird der Untersuchungsgefangene oder der Angeklagte eingetragen, beschrieben und durchsucht; da wird die Frage der Unterbringung entschieden, deren Lösung vom Geldbeutel des Gastes abhängt. Gegenüber vom Portal dieses Saales sieht man eine Glastür; sie führt in einen Sprechraum, in dem Verwandte und Advokaten durch ein Fenster mit doppeltem Holzgitter mit den Angeklagten sprechen können. Dieses Sprechzimmer erhält sein Licht von dem Gefängnishof her, dem inneren Spaziergang, auf dem die Angeklagten zu bestimmten Stunden Luft schöpfen und sich Bewegung machen.

Der große Saal, der durch das zweifelhafte Licht dieser beiden Türen erhellt wird, denn das einzige Fenster, das auf den Anfahrtshof führt, wird vollständig von der Kanzlei in Anspruch genommen, die es umrahmt, zeigt den Blicken eine Beleuchtung und eine Atmosphäre, die vollkommen mit den von der Einbildungskraft vorgefaßten Bildern im Einklang steht. Das Ganze wirkt um so erschreckender, als man parallel mit den Türmen, der Tour d'Argent und der Tour de Montgomery, jene geheimnisvollen, gewölbten, furchtbaren, lichtlosen Krypten erkennt, die das Sprechzimmer umgeben und zu den Kerkern der Königin, der Frau ElisabethSchwester Ludwigs XVI. und den sogenannten Geheimzellen führen. Dieses Labyrinth von Quadern ist, nachdem es die Feste des Königreichs gesehen hat, zum Kellergeschoß des Gerichtspalastes geworden. Von 1825 bis 1832 nahm man in diesem ungeheuren Saal zwischen einem großen Ofen, der ihn heizt, und dem ersten Gitter die Zeremonie der Toilette vor. Noch jetzt schreitet man nicht ohne Zittern über diese Fliesen, die die Erschütterung und das Geständnis so vieler letzter Blicke aufgefangen haben.

Um seinen scheußlichen Wagen zu verlassen, bedurfte der Sterbende der Hilfe zweier Gendarmen, die ihn unter je einem Arm packten, ihn stützten und wie ohnmächtig in die Kanzlei trugen. Der Sterbende hob, als er so dahingeschleppt wurde, die Blicke in einer Weise zum Himmel, daß er dem vom Kreuze genommenen Heiland glich. Sicherlich zeigt Jesus auf keinem Gemälde ein leichenhafteres, entstellteres Gesicht, als dieser falsche Spanier es tat; er schien bereit, den Atem aufzugeben. Als er in der Kanzlei saß, wiederholte er mit versagender Stimme die Worte, die er seit seiner Verhaftung an jeden richtete: »Ich berufe mich auf Seine Exzellenz den spanischen Gesandten . . .« »Das«, erwiderte der Direktor, »können Sie dem Herrn Untersuchungsrichter sagen . . .« »Ah, Jesus!« rief Jakob Collin stöhnend. »Kann ich nicht ein Brevier bekommen? . . . Wird man mir immer noch einen Arzt verweigern? . . . Ich habe keine zwei Stunden mehr zu leben.«

Da Carlos Herrera in strengen Einzelgewahrsam gebracht werden sollte, so war es unnötig, ihn zu fragen, ob er auf die Wohltat der Pistole Anspruch machte, das heißt auf das Recht, eins jener Zimmer zu bewohnen, in denen man den einzigen Luxus genießt, den die Justiz erlaubt. Diese Zimmer liegen am Ende des Gefängnishofes, von dem später die Rede sein wird. Der Gerichtsdiener und der Kanzlist erfüllten gemeinsam und phlegmatisch die Formalitäten der Aufnahme.

»Herr Direktor,« sagte Jakob Collin in geradebrechtem Französisch, »ich liege im Sterben, Sie sehen es. Sagen Sie diesem Herrn Richter, wenn Sie es können, sagen Sie es vor allem so bald wie möglich, daß ich als eine Gunst erflehe, was ein Verbrecher am meisten fürchten müßte, nämlich vor ihm erscheinen zu dürfen, sowie er eintrifft; denn meine Leiden sind wirklich unerträglich; und sowie ich ihn sehe, muß jeder Irrtum sich aufklären . . .«

Es ist eine allgemeine Regel, daß alle Verbrecher von Irrtum reden. Man gehe ins Bagno und befrage die Verurteilten, sie sind fast stets das Opfer eines Justizirrtums. Daher entlockt denn auch dieses Wort allen, die mit Untersuchungsgefangenen, Angeklagten und Verurteilten in Berührung kommen, ein unmerkliches Lächeln.

»Ich kann mit dem Untersuchungsrichter über Ihr Begehren sprechen,« erwiderte der Direktor. »Ich werde Sie segnen! . . .« erwiderte der falsche Spanier, indem er die Augen gen Himmel hob.

Sowie Carlos Herrera aufgenommen war, ergriff ihn an jedem Arm ein Munizipalgardist; ein Aufseher, dem der Direktor die Einzelzelle bezeichnete, in der der Untersuchungsgefangene unterzubringen war, begleitete sie, und so wurde er durch das unterirdische Labyrinth der Conciergerie in eine, was gewisse Philanthropen auch sagen mögen, sehr trockene Zelle geführt, die jedoch keine Möglichkeit eines Verkehrs offen ließ.

Als er verschwunden war, sahen sich der Direktor des Gefängnisses, sein Kanzlist, der Gerichtsdiener und die Gendarmen an, als wollten sie einander nach ihrer Meinung fragen; und auf allen Gesichtern malte sich der Zweifel; aber beim Anblick des zweiten Untersuchungsgefangenen verfielen die Zuschauer von neuem in ihre gewohnte Ungewißheit, die unter einer gleichgültigen Miene verborgen wird. Wenn nicht außerordentliche Umstände vorliegen, so sind die Beamten der Conciergerie wenig neugierig, denn die Verbrecher sind für sie das, was für die Friseure die Kunden sind. Daher gehen denn auch all die Förmlichkeiten, vor denen die Einbildungskraft sich entsetzt, einfacher vonstatten als bei einem Bankier die Geldgeschäfte, und oft wird die Höflichkeit besser gewahrt. Lucien zeigte die Maske des niedergeschlagenen Schuldigen, denn er ließ alles mit sich geschehen, er hielt mechanisch still. Seit Fontainebleau dachte der Dichter über seinen Zusammenbruch nach, und er sagte sich, daß die Stunde der Sühne geschlagen hatte. Er war blaß und abgezehrt und hatte keine Ahnung von dem, was seit seiner Abreise bei Esther vorgefallen war; er wußte, daß er der vertraute Gefährte eines ausgebrochenen Sträflings war: und diese Lage genügte, ihm Katastrophen vorzuspiegeln, die schlimmer waren als der Tod. Wenn sein Gedanke sich mit einem Plan trug, so war es der des Selbstmordes. Er wollte um jeden Preis der Schmach entgehen, die er wie ein peinvolles Traumgesicht vor Augen hatte.

Jakob Collin wurde als der gefährlichere der beiden Untersuchungsgefangenen in eine Zelle gebracht, die ganz aus Quadern gebaut war und ihr Licht aus einem jener kleinen inneren Höfe bezog, wie man sie im Umkreis des Palastes findet; sie lag in dem Flügel, in dem der Staatsanwalt sein Zimmer hat. Dieser kleine Hof dient für die Abteilung der Frauen als Spaziergang. Lucien wurde auf demselben Wege in eine Zelle geführt, die den Pistolen benachbart war, denn nach den vom Untersuchungsrichter gegebenen Befehlen nahm der Direktor ein wenig Rücksicht auf ihn.

Im allgemeinen machen sich Leute, die niemals mit den Gerichten zu tun haben werden, die schwärzesten Vorstellungen über die Einzelhaft. Die Vorstellung von der Kriminalgerichtsbarkeit ist immer noch nicht frei von den alten Begriffen der ehemaligen Folter, der Ungesundheit der Gefängnisse, der kalten Steinmauern, aus denen Tränen sickern, der Grobheit der Schließer und der schlechten Ernährung, jener obligatorischen Zutaten des Dramas; aber es ist nicht unnötig, hier einmal zu sagen, daß diese Übertreibungen nur auf dem Theater vorhanden sind; Richter und Anwälte und alle, die die Gefängnisse aus Neugier besuchen oder sie studieren, lächeln darüber. Lange war es furchtbar. Es ist sicher, daß unter dem alten Obergericht, in den Jahrhunderten Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV., die Angeklagten wirr durcheinander in eine Art Zwischenstock über dem alten Portal geworfen wurden. Die Gefängnisse waren auch eins der Verbrechen der Revolution von 1789, und es genügt, den Kerker der Königin und den der Frau Elisabeth zu sehen, um einen tiefen Abscheu vor den ehemaligen Formen der Gerichtsbarkeit zu empfinden. Aber heute hat die Philanthropie, wenn sie der Gesellschaft auch unberechenbaren Schaden angetan hat, doch den Einzelwesen einigen Nutzen gebracht. Wir verdanken unsern Strafkodex Napoleon; und er wird in höherem Grade als der Zivilkodex, der in einigen Punkten dringend der Reform bedürftig ist, eins der größten Monumente dieser so kurzen Regierung bleiben. Dieses neue Strafrecht schüttete einen ganzen Abgrund voll Leiden zu. Daher kann man auch, abgesehen von den grauenhaften moralischen Foltern, denen die Angehörigen der oberen Klassen ausgesetzt sind, wenn sie sich in den Händen der Gerichtsbarkeit sehen, behaupten, daß die Handhabung dieser Macht von einer Milde und einer Einfachheit ist, die nur um so größer erscheinen, als sie unerwartet sind. Der Beschuldigte und der Untersuchungsgefangene wohnen sicherlich nicht wie zu Hause; aber alles Notwendige findet man in den Pariser Gefängnissen. Übrigens nimmt das Drückende der Empfindungen, denen man sich überläßt, den Nebendingen des Lebens ihre gewöhnliche Bedeutung. Nie leidet der Körper. Der Geist ist in einem so erregten Zustand, daß jedes Unbehagen, jede Brutalität – wenn man sie in dem Milieu, in dem man sich befindet, antrifft – leicht zu ertragen wäre. Und man muß zugeben, daß der Unschuldige, zumal in Paris, schnell in Freiheit gesetzt wird.

Lucien fand also, als er seine Zelle betrat, das genaue Abbild des ersten Zimmers vor, das er im Hotel Cluny in Paris bewohnt hatte. Ein Bett, ähnlich dem der armseligeren Logierhäuser des Quartier latin, Stühle mit geflochtenem Strohsitz, ein Tisch und ein paar Geräte bildeten die Einrichtung einer jener Kammern, in denen man oft zwei Angeklagte zusammentut, wenn sie sich ruhig benehmen und ihre Verbrechen, Fälschungen oder Bankrotte, nicht weiter beunruhigen. Diese Ähnlichkeit zwischen seinem unschuldsvollen Anfang und dem Ende, der letzten Stufe der Schmach und Erniedrigung, rührte mit einem letzten Aufblitzen so stark an sein poetisches Empfinden, daß der Unglückliche in Tränen ausbrach. Er weinte vier Stunden lang, scheinbar empfindungslos wie eine Steinfigur, in Wirklichkeit aber leidend unter all seinen gestürzten Hoffnungen, getroffen in all seinen zermalmten sozialen Eitelkeiten, in seinem vernichteten Stolz, in all den verschiedenen Ichs, die der Ehrgeizige, der Liebhaber, der Glückliche, der Dandy, der Pariser, der Dichter, der Lüstling und der Bevorrechtigte darstellten. Alles war bei diesem Ikarussturz in ihm zerbrochen.

Carlos Herrera seinerseits schweifte, sowie er allein war, in seiner Zelle umher wie der weiße Bär des Jardin des Plantes in seinem Käfig. Er untersuchte sorgfältig die Tür und überzeugte sich, daß, abgesehen von dem Guckloch, keine Öffnung darin angebracht war. Er prüfte alle Mauern, sah sich die Fensterblende an, durch deren Schlund ein schwaches Licht herabfiel, und sagte bei sich selber: ›Ich bin in Sicherheit!‹

Er setzte sich in einen Winkel, wo ihn das Auge eines Aufsehers von dem vergitterten Guckloch aus nicht sehen konnte. Dann nahm er die Perücke ab und entnahm ihr schnell ein Papier, das über ihren Boden hin angedrückt war. Die Seite dieses Papiers, die auf dem Kopf gelegen hatte, war so fettig, daß es die innere Oberfläche der Perücke zu sein schien. Wenn Bibi-Lupin auf den Gedanken gekommen wäre, diese Perücke abzunehmen, um die Identität des Spaniers mit Jakob Collin festzustellen, so hätte er dieses Papier nicht beargwöhnt, so sehr schien es zur Arbeit des Perückenmachers zu gehören. Die andere Seite des Papiers war noch weiß und sauber genug, um ein paar Zeilen aufzunehmen. Die schwierige und vorsichtige Arbeit des Loslösens hatte er schon in der Force begonnen; zwei Stunden hätten dazu nicht genügt, er hatte bereits den vorigen Tag zur Hälfte darauf verwandt. Der Gefangene schnitt zunächst von diesem kostbaren Papier einen Streifen von etwa acht bis zehn Millimeter Breite ab und teilte ihn in mehrere Stücke; dann legte er seinen Papiervorrat, nachdem er die Schicht von Gummiarabikum, mit deren Hilfe er die Klebkraft wieder herstellen konnte, befeuchtet hatte, in sein sonderbares Magazin zurück. In einer Strähne seines Haares suchte er einen jener Bleistifte, die so fein sind wie eine Nadel und deren neuerliche Erfindung man der Schweiz verdankte; er war dort mit Leim befestigt; er brach sich ein Stück ab, das lang genug war, um damit zu schreiben, und klein genug, um es im Ohr zu verbergen. Nachdem Jakob Collin diese Vorbereitungen mit der Geschwindigkeit und Sicherheit aller alten Sträflinge – sie sind behend wie die Affen – getroffen hatte, setzte er sich auf den Rand seines Bettes und begann, sich seine Anweisungen für Asien zu überlegen; denn er war überzeugt, daß er sie auf seinem Wege treffen würde, so sehr zählte er auf das Genie dieser Frau.

›In meinem vorläufigen Verhör‹, sagte er bei sich selber, ›habe ich den Spanier gespielt, der schlecht Französisch spricht, sich auf seinen Gesandten beruft, diplomatische Vorrechte geltend macht und nicht versteht, was man ihn fragt; all das wohl unterbrochen von Schwächeanfällen, Pausen und Seufzern, kurz von allen Schnurren eines Sterbenden. Bleiben wir auf diesem Gebiet! Meine Papiere sind in Ordnung. Asien und ich, wir werden schon mit Herrn Camusot fertig werden! Er ist nicht allzu stark. Denken wir also an Lucien; es handelt sich darum, ihm Mut zu machen; wir müssen auf jeden Fall zu diesem Kind durchdringen und ihm einen Feldzugsplan vorschreiben; sonst liefert er sich und mich aus und verdirbt alles! . . . Vor seinem Verhör muß man ihm das eingetrichtert haben. Dazu brauche ich Zeugen, die mir meinen Priesterstand bestätigen!‹

Das war die moralische und physische Verfassung der beiden Gefangenen, deren Schicksal in diesem Augenblick von Herrn Camusot abhing, dem Untersuchungsrichter der ersten Instanz im Seinedepartement; er war während der Zeit, die der Strafkodex ihm zuwies, der unumschränkte Richter über die kleinsten Einzelheiten in ihrem Dasein; denn er allein konnte erlauben, daß der Geistliche und der Arzt der Conciergerie, oder wer es auch war, mit ihnen in Verbindung trat.

Keine menschliche Macht, weder der König noch der Justizminister noch der Ministerpräsident, kann in die Befugnisse eines Untersuchungsrichters eingreifen; nichts kann ihn aufhalten, nichts ihm Vorschriften machen. Er ist ein Souverän, der einzig seinem Gewissen und dem Gesetz untersteht. In diesem Augenblick, in dem Philosophen, Philanthropen und Publizisten unablässig damit beschäftigt sind, alle sozialen Gewalten zu brechen, ist auch die Macht, die unsere Gesetze den Untersuchungsrichtern geben, zum Gegenstand von Angriffen geworden, die um so furchtbarer sind, als diese Macht sie fast rechtfertigt, weil sie, sagen wir es, ungeheuer ist. Nichtsdestoweniger muß für jeden verständigen Menschen diese Macht unangefochten bleiben; man kann in gewissen Fällen die Ausübung durch weitgehende Vorsicht mildern; aber die Gesellschaft, die schon durch die Verständnislosigkeit und Schwäche der Jury – einer erhabenen und höchsten Einrichtung, in der die Ämter nur ausgewählten Notabilitäten übertragen werden dürften – so stark erschüttert worden ist, würde vom Verderben bedroht sein, wenn man diese Säule bräche, die unser ganzes Strafrecht stützt. Die Untersuchungshaft ist eine jener furchtbaren, notwendigen Einrichtungen, deren soziale Gefahr durch eben ihre Großartigkeit aufgewogen wird. Übrigens ist ein Mißtrauen gegen die Rechtsprechung der Beginn der sozialen Auflösung. Man vernichte die Einrichtung, man baue sie auf anderer Grundlage wieder auf; man verlange wie vor der Revolution von den Richtern ungeheure Vermögensgarantien; aber man mache beileibe nicht aus der Rechtsprechung ein Abbild der Gesellschaft, um ihrer zu spotten! Heute hat der Richter, der bezahlt wird wie ein anderer Beamter, der meistens arm ist, seine ehemalige Würde vertauscht mit einem Amtsstolz, der all denen unerträglich scheint, die man ihm gleichgestellt hat; denn der Amtsstolz ist eine Würde, die keine Stützpunkte hat. Darin liegt der Fehler der gegenwärtigen Einrichtung. Wenn Frankreich in zehn Sprengel eingeteilt wäre, so könnte man den Richterstand heben, indem man von den Richtern ein großes Vermögen verlangt; bei sechsundzwanzig Sprengeln ist das nicht möglich. Die einzige Verbesserung, die man in der Ausübung der dem Untersuchungsrichter anvertrauten Macht verlangen kann, ist die Ehrenrettung des Untersuchungsgefängnisses. Die Untersuchungshaft dürfte keinerlei Wandel in die Gewohnheiten der Individuen bringen. Die Untersuchungsgefängnisse müßten in Paris so erbaut, möbliert und angelegt werden, daß sie die Vorstellungen des Publikums von der Lage der Untersuchungsgefangenen von Grund aus wandelten. Das Gesetz ist gut und notwendig; aber seine Handhabung ist schlecht, und die Leute beurteilen die Gesetze nach der Art, wie sie gehandhabt werden. Die öffentliche Meinung Frankreichs verurteilt in einem unerklärlichen Widerspruch die Untersuchungsgefangenen und rehabilitiert die Angeklagten. Vielleicht ist das das Ergebnis des wesentlich tadelsüchtigen Geistes des Franzosen. Diese Inkonsequenz des Pariser Publikums war eins der Motive, die zur Katastrophe dieses Dramas führten; sie war sogar, wie man sehen wird, eins der mächtigsten. Um die furchtbaren Szenen, die sich im Zimmer eines Untersuchungsrichters abspielen, zu verstehen, um die gegenseitige Lage der beiden kriegführenden Parteien, der Untersuchungsgefangenen und der Justiz, ganz zu erkennen – denn ihr Kampf dreht sich um das Geheimnis, das jene gegen die Neugier des Richters verteidigen, den man in der Gefängnissprache so treffend den ›Neugierigen‹ nennt –, darf man nie vergessen, daß die Untersuchungsgefangenen nichts von all dem ahnen, was die sieben oder acht Publikums sagen, die das Publikum ausmachen, nichts von all dem, was die Richter und die Polizei von den Einzelheiten des Verbrechens wissen, noch von dem Wenigen, was die Zeitungen darüber veröffentlichen. Daher bedeutet es, wenn man einem Gefangenen eine Nachricht zukommen läßt, wie Jakob Collin sie soeben durch Asien über Luciens Verhaftung erhalten hatte, etwa so viel, wie wenn man einem Ertrinkenden einen Strick zuwirft. Man wird daher sehen, wie ein Anschlag mißglückt, der den Sträfling ohne diese Mitteilung sicherlich zugrunde gerichtet hätte. Nachdem diese Voraussetzungen einmal festgestellt sind, werden die wenigst leicht zu rührenden Leute vor dem erschrecken, was diese drei Ursachen der Angst zur Folge haben: Abschließung, Schweigen und Gewissensbisse.

Herr Camusot, der Schwiegersohn eines der Diener des königlichen Kabinetts, der schon zu bekannt ist, als daß es nötig wäre, seine Verbindungen und seine Stellung zu beleuchten, befand sich in diesem Augenblick in betreff der Untersuchung, die ihm anvertraut worden war, in einer Ratlosigkeit, die der Carlos Herreras fast gleich war. Noch eben Präsident eines Gerichtshofes im Sprengel, war er dieser Stellung entrissen und zum Richter in Paris ernannt worden, zu einer der umworbensten Stellungen im ganzen Richterstand, und zwar vermöge der Empfehlung der berühmten Herzogin von Maufrigneuse, deren Gatte als Prügelknabe des Dauphins und Oberst eines der Kavallerieregimenter der königlichen Garde beim König ebenso hoch in der Gunst stand, wie sie bei der ›gnädigen Frau‹. Durch einen winzigen Dienst, der aber für die Herzogin von höchster Bedeutung war und den er ihr zur Zeit der Anklage wegen Fälschung, die damals ein Bankier in Alençon gegen den jungen Grafen von Esgrignon erhob, geleistet hatte(siehe ›Das Antiquitätenkabinett‹ [dritter Band dieser Ausgabe]), war er aus einem einfachen Provinzrichter zum Präsidenten geworden und aus einem Präsidenten zum Untersuchungsrichter in Paris. Während der achtzehn Monate, die er jetzt im wichtigsten Gericht des Königreichs saß, hatte er sich schon auf die Empfehlung der Herzogin von Maufrigneuse hin in den Gesichtskreis einer nicht weniger mächtigen Dame, der Marquise d'Espard, vorwagen können; doch ohne Erfolg. Lucien konnte, wie wir zu Beginn dieser Szene gesagt haben, um sich an Frau d'Espard, die ihren Gatten entmündigen lassen wollte, zu rächen, dem Oberstaatsanwalt und dem Grafen von Sérizy über den wahren Sachverhalt die Augen öffnen. Als diese beiden mächtigen Männer sich den Freunden des Marquis d'Espard anschlossen, war die Frau nur vermöge der Milde ihres Gatten einem Tadel von seiten des Gerichts entgangen. Als nun die Marquise d'Espard am Tage zuvor von Luciens Verhaftung hörte, hatte sie ihren Schwager, den Chevalier d'Espard, zu Frau Camusot geschickt. Frau Camusot hatte sich auf der Stelle zu der berühmten Marquise begeben. Vor dem Diner kam sie wieder nach Hause und nahm in ihrem Schlafzimmer ihren Mann beiseite.

»Wenn du diesen kleinen Gecken Lucien von Rubempré vors Schwurgericht bringen kannst und man seine Verurteilung durchsetzt, so wirst du königlicher Rat am Gericht der zweiten Instanz . . .« »Wieso?« »Frau d'Espard möchte es erleben, daß der Kopf dieses armen jungen Menschen fällt. Es lief mir kalt über den Rücken, als ich den Haß einer hübschen Frau reden hörte.« »Mische dich nicht in die Angelegenheiten des Justizpalastes,« erwiderte Camusot seiner Frau. »Ich, mich hineinmischen!« entgegnete sie. »Uns hätte ein Dritter hören können, und er hätte nicht gewußt, um was es sich handelte. Die Marquise und ich, wir waren alle beide ebenso entzückend heuchlerisch, wie du es in diesem Augenblick gegen mich bist. Sie wollte mir für deine guten Dienste in ihrer Sache danken und sagte, trotz des Mißerfolges sei sie dafür erkenntlich. Sie sprach mir von der furchtbaren Vollmacht, die das Gesetz euch gebe. Es ist furchtbar, einen Menschen aufs Schafott schicken zu müssen; aber den! das wäre nur Gerechtigkeit! und so weiter. Sie beklagte, daß es mit einem so schönen jungen Menschen, den ihre Cousine, Frau du Châtelet, nach Paris geführt habe, eine so schlimme Wendung genommen hätte. ›Dahin‹ sagte sie, ›führen schlechte Frauen wie diese Coralie und diese Esther junge Leute, die verderbt genug sind, den unsaubern Gewinn mit ihnen zu teilen!‹ Kurz, schöne Tiraden über die Barmherzigkeit und die Religion! Frau du Châtelet habe ihr gesagt, Lucien verdiene tausendmal den Tod, denn er habe seine Schwester und seine Mutter fast getötet . . . Sie sprach von einer Vakanz am Gericht der zweiten Instanz, sie kenne den Justizminister. ›Ihr Gatte, gnädige Frau, hat eine schöne Gelegenheit, sich auszuzeichnen!‹ sagte sie zum Schluß . . . Nun, also.« »Wir zeichnen uns tagtäglich aus, indem wir unsere Pflicht tun,« sagte Camusot. »Du wirst es weit bringen, wenn du überall Richter bist, selbst deiner Frau gegenüber,« rief Frau Camusot. »Sieh, ich hatte dich für einen Tropf gehalten; heute bewundere ich dich . . .« Der Richter hatte jenes Lächeln auf den Lippen, das nur Richter kennen und das ebenso seinen besonderen Charakter hat wie das der Tänzerinnen.

»Gnädige Frau, darf ich eintreten?« fragte die Kammerfrau. »Was wollen Sie?« fragte die Herrin. »Gnädige Frau, die erste Zofe der Frau Herzogin von Maufrigneuse war hier, während die gnädige Frau fort waren, und sie bittet die gnädige Frau im Namen ihrer Herrin, alles stehen und liegen zu lassen und ins Hotel Cadignan zu kommen.« »Man soll mit dem Diner warten,« sagte die Frau des Richters, da sie sich überlegte, daß der Kutscher des Fiakers, der sie nach Hause gefahren hatte, noch auf seine Bezahlung wartete.

Sie setzte ihren Hut wieder auf, stieg wieder in den Wagen und war in zwanzig Minuten im Hotel Cadignan. Frau Camusot, die durch die kleine Pforte eingeführt wurde, blieb zehn Minuten lang allein in einem Boudoir, das neben dem Schlafzimmer der Herzogin lag; die Herzogin erschien strahlend, denn sie wollte nach Saint-Cloud aufbrechen, wohin eine Einladung des Hofes sie rief.

»Meine Kleine, unter uns, zwei Worte genügen.« »Ja, Frau Herzogin.« »Lucien von Rubempré ist verhaftet; Ihr Gatte hat die Untersuchung. Ich bürge für die Unschuld des armen Kindes; er muß innerhalb von vierundzwanzig Stunden frei sein. Das ist nicht alles. Es will jemand Lucien heimlich in seinem Gefängnis sehen; Ihr Gatte kann, wenn er will, zugegen sein, wenn er sich nicht bemerklich macht . . . Ich bin denen, die mir dienen, treu, das wissen Sie. Der König erhofft viel vom Mut seiner Richter, denn er wird sich bald in ernsten Verhältnissen befinden; ich werde Ihren Gatten ins Licht rücken; ich werde ihn als einen Mann empfehlen, der dem König ergeben bleibt, und müßte er seinen Kopf aufs Spiel setzen. Unser Camusot wird zunächst königlicher Rat, dann Erster Präsident, einerlei wo . . . Adieu . . . man erwartet mich, Sie entschuldigen mich, nicht wahr? Sie verpflichten nicht nur den Generalstaatsanwalt, der sich in dieser Angelegenheit nicht aussprechen kann; Sie retten auch einer Frau, die dahin siecht, das Leben, der Frau von Sérizy. Also wird es Ihnen nicht an Stützen fehlen . . . Also Sie sehen, wie sehr ich Ihnen vertraue, ich brauche Ihnen nicht erst zu empfehlen, daß Sie . . . Sie wissen ja!« Sie legte einen Finger auf die Lippen und verschwand.

›Und ich habe ihr nicht einmal sagen können, daß die Marquise d'Espard Lucien auf dem Schafott sehen will! . . .‹ dachte die Frau des Richters, als sie zu ihrem Wagen zurückkehrte.

Sie kam in einer solchen Angst nach Hause, daß der Richter, als er sie erblickte, fragte: »Amelie, was hast du?« »Wir stehen zwischen zwei Feuern!«

Sie berichtete ihrem Gatten von ihrer Unterredung mit der Herzogin, doch flüsterte sie ihm alles ins Ohr, so sehr fürchtete sie, das Zimmermädchen möchte an der Tür lauschen.

»Welche von beiden ist die Mächtigere?« sagte sie zum Schluß. »Die Marquise hat dich bei ihrem dummen Antrag auf Entmündigung ihres Gatten fast kompromittiert, während wir der Herzogin alles verdanken. Die eine hat mir unbestimmte Versprechungen gemacht, während die andere sagte: Sie werden erst königlicher Rat, dann Erster Präsident! . . . Gott bewahre mich davor, daß ich dir einen Rat geben sollte! Ich werde mich nicht in die Angelegenheiten des Palastes mischen; aber ich muß dir getreulich berichten, was man am Hofe sagt und was sich dort vorbereitet . . .« »Du weißt nicht, Amelie, was mir der Polizeipräfekt heute morgen geschickt hat, und noch dazu durch wen! Durch einen der wichtigsten Männer der politischen Polizei des Königreichs, durch den Bibi-Lupin der Politik, der mir sagte, daß der Staat geheime Interessen an diesem Prozeß habe. Laß uns essen und in die Varietés gehen . . . Wir wollen heute abend in der Stille des Arbeitszimmers über all das reden, denn ich werde deine Klugheit brauchen; die des Richters genügt vielleicht nicht . . .«

Neun Zehntel der Richter werden leugnen, daß in solchen Lagen die Frau Einfluß auf den Gatten haben kann; aber wenn es eine der größten sozialen Ausnahmen ist, so kann man doch beobachten, daß sie vorkommt, wenn auch nur gelegentlich. Der Richter gleicht darin dem Priester, vor allem in Paris, wo man die Elite des Richterstandes findet; er redet selten von den Angelegenheiten des Palastes, wenn es sich nicht um bereits erledigte Dinge handelt. Die Frauen tun nicht nur so, als wüßten sie niemals etwas, sie haben auch alle genug Schicklichkeitsgefühl, um zu erraten, daß sie ihrem Gatten schaden würden, wenn sie es sich merken ließen, daß sie über irgendein Geheimnis unterrichtet sind. Nichtsdestoweniger haben bei den großen Gelegenheiten, wo es sich je nach dieser oder jener Entscheidung um ihre Beförderung handelt, viele Frauen wie Amelie bei der Überlegung des Richters mitgeholfen. Schließlich hängen diese Ausnahmen, die um so leichter zu leugnen sind, als sie immer unbekannt bleiben, völlig von der Art ab, wie der Kampf der zwei Charaktere im Schoße des Haushalts verlaufen ist. Nun beherrschte Frau Camusot ihren Gatten vollständig. Als alles im Hause schlief, setzten der Richter und seine Frau sich an den Schreibtisch, auf dem der Richter die Akten des Prozesses bereits geordnet hatte.

»Das sind die Notizen, die der Polizeipräfekt mir hat zustellen lassen; übrigens auf meine Bitte,« sagte Camusot.

»Der Abbé Carlos Herrera

Dieses Individuum ist sicherlich ein gewisser Jakob Collin, genannt Betrüg-den-Tod, dessen letzte Verhaftung bis ins Jahr 1819 zurückgeht; sie wurde vorgenommen im Hause einer Frau Vauquer, die in der Rue Neuve Sainte-Geneviève eine bürgerliche Pension besaß, in der er unter dem Namen Vautrin wohnte.«

Am Rande las man in der Handschrift des Polizeipräfekten:

»Bibi-Lupin, dem Chef der Sicherheit, ist telegraphisch Befehl erteilt worden, auf der Stelle zurückzukehren, um eine Konfrontation vorzunehmen; denn er kennt Jakob Collin persönlich, da er ihn 1819 unter Mitwirkung eines Fräuleins Michonneau verhaftet hat.« –

»Die Pensionäre, die im Hause Vauquer wohnten, leben noch und können geladen werden, um die Identität festzustellen.

Der angebliche Carlos Herrera ist der intime Freund und Ratgeber des Herrn Lucien von Rubempré, dem er drei Jahre hindurch beträchtliche Summen geliefert hat, die offenbar aus Diebstählen stammten.

Diese Solidarität wird, wenn man die Identität des angeblichen Spaniers mit Jakob Collin feststellen kann, über den Herrn Lucien von Rubempré das Urteil fällen.

Der plötzliche Tod des Agenten Peyrade ist die Folge einer Vergiftung, die Jakob Collin, Rubempré oder ihre Helfershelfer ausgeführt haben. Das Motiv dieses Mordes liegt darin, daß der Agent diesen beiden geschickten Verbrechern seit langem auf der Spur war.«

Am Rande zeigte der Richter auf diesen Satz, den der Polizeipräfekt selbst geschrieben hatte:

»Dies auf Grund meines persönlichen Wissens; und ich habe die Beweise dafür, daß der Herr Lucien von Rubempré mit seiner Herrlichkeit dem Grafen von Sérizy und dem Herrn Generalstaatsanwalt ein unwürdiges Spiel getrieben hat.«

»Was sagst du dazu, Amelie?« »Es ist beängstigend! . . .« erwiderte die Frau des Richters. »Lies doch weiter!«

»Die Verwandlung Jakob Collins in den spanischen Priester ist das Ergebnis irgendeines Verbrechens, das geschickter begangen worden ist als das, vermöge dessen Cogniard sich zum Grafen von Sankt Helena machte.«

»Lucien von Rubempré

Lucien Chardon, Sohn eines Apothekers in Angoulême, verdankt, da seine Mutter eine geborene von Rubempré war, einer Ordonnanz des Königs das Recht, den Namen ›von Rubempré‹ zu führen. Diese Ordonnanz ist erlassen worden auf die Bitte der Frau Herzogin von Maufrigneuse und des Herrn Grafen von Sérizy.

182. ist dieser junge Mann ohne alle Existenzmittel nach Paris gekommen, und zwar im Gefolge der Frau Gräfin Sixtus du Châtelet, damals Frau von Bargeton, einer Cousine der Frau d'Espard.

Undankbar gegen Frau von Bargeton, hat er in ehelicher Gemeinschaft mit einem Fräulein Coralie, einer verstorbenen Schauspielerin des Gymnase, gelebt, die um seinetwillen Herrn Camusot, einen Seidenhändler der Rue des Bourdonnais, verlassen hatte.

Als er bald darauf ins Elend geriet, weil die Zuschüsse, die diese Schauspielerin ihm gab, nicht ausreichten, stellte er seinen ehrenwerten Schwager, einen Drucker zu Angoulême, aufs schwerste bloß, indem er falsche Wechsel ausgab, für deren Zahlung David Séchard während eines kurzen Aufenthalts besagten Luciens in Angoulême verhaftet wurde.

Diese Angelegenheit führte zur Flucht Rubemprés, der plötzlich mit dem Abbé Carlos Herrera wieder in Paris auftauchte.

Ohne irgendwelche bekannte Existenzmittel hat der Herr Lucien von Rubempré während der ersten drei Jahre seines zweiten Aufenthalts in Paris etwa dreihunderttausend Franken ausgegeben, die er nur von dem angeblichen Abbé Carlos Herrera erhalten haben kann; aber auf Grund welchen Anspruchs?

Er hat außerdem in letzter Zeit mehr als eine Million auf den Ankauf der Güter von Rubempré verwandt, um eine Bedingung zu erfüllen, die man ihm für seine Heirat mit Fräulein Klotilde von Grandlieu gestellt hatte. Der Abbruch dieser Verlobung ist die Folge davon, daß die Familie von Grandlieu, der der Herr von Rubempré gesagt hatte, er habe diese Summen von seinem Schwager und seiner Schwester erhalten, bei den ehrenwerten Ehegatten Séchard Erkundigungen einziehen ließ, und zwar durch den Anwalt Derville; sie wußten jedoch nicht nur nichts von jenen Erwerbungen, sondern hielten Lucien sogar noch für außerordentlich verschuldet.

Übrigens besteht die Erbschaft, die den Ehegatten Séchard zugefallen ist, in Immobilien; und das bare Geld belief sich nach ihrer Erklärung nur auf zweihunderttausend Franken.

Lucien lebte insgeheim mit Esther Gobseck zusammen; es ist also sicher, daß all die verschwenderischen Aufwendungen des Barons von Nucingen, des Gönners dieser jungen Dame, besagtem Lucien zugeflossen sind.

Lucien und sein Genosse, der Sträfling, haben sich vor der Welt länger halten können als Cogniard, weil sie ihre Mittel aus der Prostitution besagter Esther bezogen, die ehemals unter Polizeiaufsicht stand.« –

 

Trotz der Wiederholungen, die diese Notizen in den Bericht über das Drama bringen, war es nötig, sie wörtlich anzuführen, um klarzumachen, welche Rolle die Polizei in Paris spielt. Die Polizei hat, wie man es übrigens schon aus der über Peyrade eingeforderten Notiz ersehen konnte, fast stets zuverlässige Akten über alle Familien und Einzelwesen, deren Leben verdächtig und deren Handlungsweise tadelnswert ist. Sie ist stets genau über alle Abweichungen vom geraden Wege unterrichtet. Dieses allgemeine Notizbuch, diese Bilanz der Gewissen wird ebenso sorgfältig geführt, wie die Bank von Frankreich ihre Bilanz über die Vermögensstände führt. Genau wie die Bank jede kleine Zahlungsverzögerung notiert, wie sie jeden Kredit abwägt, jeden Kapitalisten einschätzt und seine Transaktionen mit ihrem Blick verfolgt, so macht es die Polizei mit der Ehrlichkeit der Bürger. Dabei hat wie im Palast die Unschuld nichts zu befürchten; jene Wirksamkeit erstreckt sich nur auf die Fehltritte. Wie hoch eine Familie auch gestellt sein mag, so könnte sie sich doch nicht gegen diese soziale Vorsehung sichern. Dabei ist ihre Diskretion ebenso groß wie ihre Macht und ihre Ausdehnung. Die ungeheure Menge von Protokollen der Polizeikommissare, von Berichten, Notizen, Akten, dieser Ozean von Auskünften schläft regungslos, tief und ruhig wie das Meer. Wenn ein Krankheitssymptom ausbricht, wenn sich ein Vergehen oder ein Verbrechen erhebt, so wendet sich die Rechtsprechung an die Polizei; und gibt es Akten über die Beschuldigten, so nimmt der Richter alsbald Kenntnis von ihnen. Diese Akten, in denen das Vorleben analysiert wird, sind nur Auskünfte, die innerhalb der Mauern des Palastes ersterben; die Rechtsprechung kann von ihnen keinen gesetzmäßigen Gebrauch machen; sie läßt sich aufklären und bedient sich ihrer, weiter nichts. Diese Blätter zeigen gewissermaßen die Rückseite der Stickerei des Verbrechens, seine ersten und fast immer unbekannten Ursachen. Keine Jury würde daran glauben, das ganze Land würde sich in Empörung erheben, wenn man sich in der mündlichen Verhandlung vor dem Schwurgericht darauf berufen wollte. Kurz, sie enthalten die Wahrheit, die wie immer und überall in ihrem Brunnen zu bleiben verurteilt ist. Es gibt in Paris keinen Richter, der nicht nach zwölfjähriger Praxis wüßte, daß das Schwurgericht und Zuchtpolizeigericht die Hälfte all jener Gemeinheiten verbergen, die gleichsam das Bett sind, auf dem das Verbrechen seit langem gebrütet hat; keinen Richter, der nicht zugestände, daß die Rechtsprechung nur die Hälfte der begangenen Attentate bestraft. Wenn das Publikum wissen könnte, wie weit die Verschwiegenheit der Polizeibeamten, die doch immerhin ein Gedächtnis haben, geht, es würde diese wackern Leute ebensosehr verehren wie die Cheverus. Man hält die Polizei für verschlagen, für machiavellistisch: sie ist von höchster Güte; nur lauscht sie auf die Leidenschaften in ihren Paroxismen, sie nimmt Denunziationen entgegen und hebt alle ihre Notizen auf. Furchtbar ist sie nur auf der einen Seite. Was sie für die Justiz tut, das tut sie auch für die Politik. Aber in der Politik ist sie ebenso grausam, ebenso parteiisch wie die ehemalige Inquisition.

»Lassen wir das,« sagte der Richter, indem er die Notizen wieder in das Aktenheft legte, »das ist ein Geheimnis zwischen der Polizei und der Rechtsprechung; der Richter wird schon sehen, wieviel das wert ist; aber Herr und Frau Camusot haben davon niemals etwas erfahren.« »Mußt du mir das erst noch wiederholen?« fragte Frau Camusot. »Lucien ist schuldig,« fuhr der Richter fort, »aber wessen?« »Ein Mann, der von der Herzogin von Maufrigneuse, von der Gräfin von Sérizy, von Klotilde von Grandlieu geliebt wird, ist nicht schuldig,« erwiderte Amelie; »der andere muß alles getan haben.« »Aber Lucien ist mitschuldig!« rief Camusot. »Willst du mir glauben?« sagte Amelie. »Gib den Priester der Diplomatie zurück, deren schönste Zierde er ist; mache diesen kleinen Elenden unschuldig und suche andere Schuldige . . .« »Wie du vorgehst! . . .« erwiderte der Richter lächelnd. »Die Frauen laufen quer durch die Gesetze ans Ziel, wie die Vögel, die in der Luft nichts aufhält.« »Aber,« fuhr Amelie fort, »sei er nun Diplomat oder Sträfling, der Abbé Carlos wird dir schon jemanden bezeichnen, durch den du dich aus der Verlegenheit ziehen kannst.« »Ich bin nur die Mütze, du bist der Kopf,« sagte Camusot zu seiner Frau. »Nun also, die Beratung ist geschlossen, komm und umarme deine Melie, es ist ein Uhr . . .«

Und Frau Camusot ging zu Bett, indem sie ihren Gatten zurückließ, damit er für die Verhöre, die er am folgenden Tage mit den beiden Untersuchungsgefangenen vornehmen sollte, seine Papiere und seine Gedanken ordnen konnte.

Während also die beiden Salatkutschen Jakob Collin und Lucien in die Conciergerie brachten, durchquerte der Untersuchungsrichter nach seinem Frühstück Paris zu Fuß, wie es der Einfachheit der Sitten entsprach, die sich die Pariser Richter zu eigen gemacht haben, um sich in sein Arbeitszimmer zu begeben, wo bereits alle Akten des Prozesses eingetroffen waren. Und zwar auf folgende Weise.

Alle Untersuchungsrichter haben einen Kanzlisten, eine Art vereidigten Gerichtssekretärs, deren Geschlecht sich ohne Belohnungen und Ermutigungen fortpflanzt und ausgezeichnete Leute hervorbringt, die von Natur unverbrüchliches Schweigen bewahren. Im Palast ist seit der Gründung des Parlaments bis auf den heutigen Tag kein Beispiel einer von den Kanzlisten der Untersuchungsrichter begangenen Indiskretion bekannt geworden. Gentil hat die von Luise von Savoyen Semblançay erteilte Quittung verkauft, ein Schreiber des Kriegsministeriums hat Tschernitschew den Plan des russischen Feldzugs verkauft; all diese Verräter waren mehr oder minder reich. Hingegen genügen die Aussicht auf eine Stellung im Palast, in einer Kanzlei und das Amtsgewissen, um den Kanzlisten eines Untersuchungsrichters zum glücklichen Rivalen des Grabes zu machen; denn seit die Chemie ihre Fortschritte gemacht hat, ist selbst das Grab indiskret geworden. Dieser Beamte ist die Feder des Richters. Viele Leute werden es verstehen, wenn man die Achse einer Maschine bleibt, aber sie werden sich fragen, wie man deren Schraubenmutter sein mag; aber die Schraubenmutter ist glücklich; vielleicht hat sie Angst vor der Maschine? Camusots Kanzlist, ein Mensch von zweiundzwanzig Jahren names Coquart, war frühmorgens gekommen, um alle Akten und die Notizen des Richters zu holen, und er hatte in seinem Arbeitszimmer schon alles vorbereitet, als der Richter noch die Kais entlang schlenderte, sich die Kuriositäten in den Läden ansah und sich selber fragte:

›Was soll man mit einem so schlauen Burschen wie Jakob Collin anfangen, vorausgesetzt, daß er es ist? Der Chef der Sicherheit wird ihn wiedererkennen; ich muß tun, als täte ich, was meines Amtes ist, und wäre es nur um der Polizei willen! Ich sehe so viel Unmöglichkeiten, daß es das beste wäre, die Marquise und die Herzogin aufzuklären, indem ich ihnen die Polizeiakten zeigte; dabei würde ich noch meinen Vater rächen, dem Lucien Coralie genommen hat . . . Wenn ich so schwarze Verbrecher bloßstelle, wird meine Geschicklichkeit bekannt, und Lucien wird bald von seinen Freunden verleugnet werden. Nun, das Verhör wird darüber entscheiden.‹

Er trat, angelockt von einer Boule-Uhr, in einen Kuriositätenladen. ›Mein Gewissen nicht belügen und den beiden großen Damen einen Dienst erweisen, das ist ein Meisterwerk der Gewandtheit,‹ dachte er. »Ah, Sie auch da, Herr Oberstaatsanwalt« sagte Camusot mit lauter Stimme, »Sie suchen Medaillen?« »Das ist eine Liebhaberei fast aller Juristen,« erwiderte lachend der Graf von Granville, »der Rückseiten wegen.« Und nachdem er ein paar Minuten den Laden betrachtet hatte, als beende er seine Prüfung, führte er Camusot am Kai entlang, ohne daß Camusot an mehr als einen Zufall glauben konnte.

»Sie werden heute morgen Herrn von Rubempré verhören,« sagte der Oberstaatsanwalt. »Der arme junge Mann! Ich hatte ihn gern . . .« »Es liegt vieles gegen ihn vor,« sagte Camusot. »Ja, ich habe die Polizeiakten eingesehen; aber sie stammen zum Teil von einem Agenten, der nichts mit der Präfektur zu tun hat, von dem berüchtigten Corentin, einem Menschen, der mehr Unschuldigen den Hals abgeschnitten hat, als Sie Schuldige aufs Schafott schicken werden, und . . . Aber dieser Schlingel ist Ihnen nicht erreichbar. Ohne das Gewissen eines Richters, wie Sie es sind, beeinflussen zu wollen, kann ich mich doch nicht enthalten, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Sie die Überzeugung gewinnen können, Lucien habe von dem Testament dieses Mädchens nichts gewußt, daraus folgen würde, daß er an ihrem Tode kein Interesse hatte, denn sie gab ihm fabelhaft viel Geld . . .« »Wir haben die Gewißheit, daß er während der Vergiftung dieser Esther abwesend war,« sagte Camusot. »Er lauerte in Fontainebleau auf den Wagen des Fräuleins von Grandlieu und der Herzogin von Lenoncourt.« »Oh,« bemerkte der Oberstaatsanwalt, »er hoffte immer noch so sicher auf seine Heirat mit Fräulein von Grandlieu – ich habe es von der Herzogin von Grandlieu selber –, daß man unmöglich annehmen kann, ein so geistreicher Bursche werde alles durch ein unnötiges Verbrechen aufs Spiel setzen.« »Ja,« sagte Camusot, »vor allem, wenn diese Esther ihm alles gab, was sie verdiente . . .« »Derville und Nucingen sagen, sie sei gestorben, ohne etwas von der Erbschaft zu wissen, die ihr seit langem zugefallen war,« fügte der Oberstaatsanwalt hinzu. »Aber woran glauben denn Sie?« fragte Camusot; »denn irgend etwas liegt doch vor.« »An ein von den Dienstboten begangenes Verbrechen,« erwiderte der Oberstaatsanwalt. »Unglücklicherweise«, bemerkte Camusot, »entspricht es ganz dem Lebenswandel Jakob Collins – denn der spanische Priester ist sicherlich der entsprungene Sträfling –, die siebenhundertfünfzigtausend Franken, die den Erlös der von Nucingen geschenkten dreiprozentigen Rente darstellen, zu stehlen . . .« »Sie werden alles abwägen, mein lieber Camusot; seien Sie vorsichtig. Der Abbé Carlos Herrera hängt mit der Diplomatie zusammen . . . aber ein Gesandter, der ein Verbrechen beginge, würde natürlich in seiner Amtseigenschaft keinen Schutz finden. Ist er der Abbé Carlos Herrera oder nicht? Das ist die wichtigste Frage . . .« Und Herr von Granville grüßte wie ein Mensch, der keine Antwort wünscht.

›Der will also Lucien auch retten?‹ dachte Camusot, als er über den Quai des Lunettes ging, während der Oberstaatsanwalt durch die Cour de Harlay in den Palast eintrat.

Als Camusot den Hof der Conciergerie erreichte, sprach er bei dem Direktor dieses Gefängnisses vor und führte ihn in die Mitte des Raumes, wo kein Ohr sie hören konnte.

»Mein lieber Herr, tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie in die Force, um sich bei Ihrem Kollegen zu erkundigen, ob er etwa in der angenehmen Lage ist, augenblicklich ein paar Sträflinge dort zu haben, die zwischen 1810 und 1815 im Bagno von Toulon waren. Wir werden sie auf einige Tage aus der Force hierherbringen lassen, und Sie werden mir sagen, ob der angebliche spanische Priester Jakob Collin, genannt Betrüg-den-Tod, erkannt wird.« »Schön, Herr Camusot; aber Bibi-Lupin ist eingetroffen . . .« »Ah, schon!« rief der Richter aus. »Er war in Melun. Man hat ihm gesagt, es handle sich um Betrüg-den-Tod, er lächelte vor Vergnügen und erwartet Ihre Befehle . . .« »Schicken Sie ihn mir.«

Der Direktor der Conciergerie konnte jetzt dem Untersuchungsrichter Jakob Collins Bitte vortragen, indem er seinen beklagenswerten Zustand schilderte. »Ich hatte die Absicht, ihn zuerst zu verhören,« versetzte der Richter; »freilich nicht wegen seines Gesundheitszustandes. Ich habe heute morgen einen Brief des Direktors der Force erhalten: danach hat dieser Bursche, der angeblich seit vierundzwanzig Stunden im Todeskampf liegt, so gut geschlafen, daß man in seine Zelle eindringen konnte, ohne daß er den Arzt hörte, den der Direktor der Force hatte holen lassen, was beweist, daß sein Gewissen ebenso gut ist wie sein Befinden. Ich werde an diese Krankheit nur glauben, um das Spiel meines Burschen zu studieren,« sagte Herr Camusot lächelnd. »Man lernt jeden Tag bei den Untersuchungsgefangenen und den Angeklagten,« bemerkte der Direktor der Conciergerie.

Die Polizeipräfektur hängt mit der Conciergerie zusammen, und die Richter können, ebenso wie auch der Gefängnisdirektor, vermöge der Kenntnis jener unterirdischen Gänge mit größter Schnelligkeit dorthin kommen. So erklärt sich die wunderbare Leichtigkeit, mit der der Öffentliche Ankläger und die Vorsitzenden des Schwurgerichts während der Sitzung gewisse Auskünfte erhalten können. Und als Herr Camusot die Treppe erstiegen hatte, die zu seinem Zimmer führte, fand er oben also Bibi-Lupin schon vor; er war durch den Vorsaal herbeigeeilt.

»Welch ein Eifer!« sagte der Richter lächelnd. »Ah, falls er es ist,« erwiderte der Chef des Sicherheitsdienstes, »so werden Sie auf dem Gefängnishof einen furchtbaren Tanz erleben, wenn Retourpferde« (in der Bagnosprache: ehemalige Sträflinge) »vorhanden sind.« »Und weshalb?« »Betrüg-den-Tod ist mit der Sparkasse durchgebrannt, und ich weiß, daß sie geschworen haben, ihn zu vertilgen.« ›Sie‹ waren die Sträflinge, deren Schatz Betrüg-den-Tod seit zwanzig Jahren anvertraut worden war; wie man weiß, hatte Lucien ihn verzehrt. »Könnten Sie noch Zeugen seiner letzten Verhaftung ausfindig machen?« »Geben Sie mir zwei Zeugenladungen, und ich bringe sie Ihnen noch heute.« »Coquart,« sagte der Richter, während er sich die Handschuhe auszog und Stock und Hut in einen Winkel trug, »füllen Sie nach den Angaben des Herrn Agenten zwei Ladungen aus.«

Er blickte in den Spiegel des Kamins, auf dessen Sims statt der Uhr eine Waschschüssel und eine Wasserkanne standen. Ferner auf der einen Seite eine Flasche voll Wasser mit einem Glas, auf der andern eine Lampe. Der Richter schellte. Nach einigen Minuten kam der Gerichtsdiener.

»Habe ich schon Leute da?« fragte er den Gerichtsdiener, der die Zeugen in Empfang zu nehmen, ihre Vorladungen zu prüfen und die Reihenfolge ihres Eintreffens festzustellen hatte. »Ja, Herr Camusot.« »Nehmen Sie die Namen auf und bringen Sie mir die Liste.«

Die Untersuchungsrichter, die mit ihrer Zeit geizen müssen, sind bisweilen gezwungen, mehrere Untersuchungen zugleich zu führen. Deshalb müssen die Zeugen oft so lange in dem Zimmer warten, in dem sich die Gerichtsdiener aufhalten und in dem die Glocken der Untersuchungsrichter widerhallen.

»Nachher«, sagte Camusot zu seinem Gerichtsdiener, »werden Sie mir den Abbé Carlos Herrera holen.« »Ah, er spielt den Spanier, den Priester, hat man mir gesagt. Bah, das macht er Collet nach, Herr Camusot,« rief der Chef des Sicherheitsdienstes. »Es ist alles schon dagewesen,« erwiderte Camusot.

Und der Richter unterschrieb zwei jener furchtbaren Vorladungen, die jedermann besorgt machen, selbst die unschuldigsten Zeugen, wenn die Gerichtsbarkeit sie so unter Androhung schwerer Strafen im Fall des Ungehorsams zum Erscheinen auffordert.

In diesem Augenblick war Jakob Collin bereits seit etwa einer halben Stunde mit seiner gründlichen Überlegung fertig, und er stand unter Waffen. Nichts kann das Bild von dieser Gestalt aus dem Volk, das sich im Kampf mit den Gesetzen befindet, besser abrunden als die wenigen Zeilen, die er auf seine fettigen Papiere geschrieben hatte.

Der Inhalt des ersten war der folgende; denn geschrieben war er in der zwischen Asien und ihm vereinbarten Sprache:

»Geh zur Herzogin von Maufrigneuse oder zu Frau von Sérizy; die eine oder die andere muß Lucien vor seinem Verhör sprechen und ihm einliegendes Papier zu lesen geben. Schließlich mußt Du Europa und Paccard finden, – diese beiden Diebe müssen meiner Befehle harren und bereit sein, die Rolle zu spielen, die ich ihnen vorschreiben werde.

»Laufe zu Rastignac, sag ihm von seiten dessen, dem er auf dem Opernball begegnet ist, er müsse kommen und bezeugen, daß der Abbé Carlos Herrera in nichts dem Jakob Collin gleicht, der bei der Vauquer verhaftet wurde.

»Das gleiche beim Doktor Bianchon durchsetzen.

»Die beiden ›Lucien-Weiber‹ in diesem Sinne arbeiten lassen.«

Auf dem einliegenden Papier stand in gutem Französisch:

»Lucien, gib über mich nichts zu. Ich muß für Dich der Abbé Carlos Herrera sein. Das ist nicht nur Deine Rechtfertigung, sondern noch ein wenig Haltung, und Du hast auch sieben Millionen, außer der geretteten Ehre.«

Diese beiden Papiere klebte er auf der Schriftseite so zusammen, daß man glauben mußte, es sei ein Stück desselben Blattes; dann wurden sie mit einer jenen Sträflingen im Bagno eigenen Kunst zusammengerollt, die von den Mitteln und Wegen zur Freiheit geträumt haben. Das Ganze nahm die Form und die Konsistenz einer dicken Fettkugel an, ähnlich jenen Wachskugeln, die sparsame Frauen an die Nähnadeln setzen, wenn das Ohr zerbrochen ist.

›Wenn ich als erster zur Untersuchung gehe, so sind wir gerettet; wenn es aber der Kleine ist, so ist alles verloren,‹ sagte er während des Wartens.

Dieser Augenblick war so grausam, daß dem starken Menschen der helle Schweiß auf die Stirn trat. In dieser Weise erriet dieser fabelhafte Mann in seiner Sphäre des Verbrechens die Wahrheit, wie Molière es in der Sphäre der dramatischen Dichtung, Cuvier bei den Geheimnissen der Schöpfung tat. Das Genie ist bei allen Dingen Intuition. Unterhalb dieses Phänomens entspringen dem Talent bemerkenswerte Werke. Darin besteht der Unterschied zwischen den Leuten ersten Ranges und denen zweiten Ranges. Das Verbrechen kennt gleichfalls seine genialen Menschen, Jakob Collin hatte es jetzt, in seiner äußersten Bedrängnis, zusammen mit der ehrgeizigen Frau Camusot und mit Frau von Sérizy zu tun, deren Liebe unter dem Schlag der furchtbaren Katastrophe, die Lucien in den Abgrund riß, von neuem erwacht war. Das war der höchste Ansturm der menschlichen Intelligenz gegen den stählernen Panzer der Gerichtsbarkeit.

Als Jakob Collin das schwere Eisen der Schlösser und Riegel an seiner Tür kreischen hörte, nahm er die Maske des Sterbenden wieder vor. Ihm half dabei die berauschende Empfindung der Freude, die das Geräusch der Schuhe des Aufsehers auf dem Gang in ihm weckte. Er wußte nicht, durch welche Mittel Asien ihren Weg zu ihm finden würde; aber er rechnete damit, sie jetzt zu treffen, vor allem seit er in der Arcade Saint-Jean ihr Versprechen erhalten hatte.

Asien war nach dieser glücklichen Begegnung auf den Richtplatz zurückgekehrt. Vor 1830 war jener ganze Teil des Kais zwischen dem Pont d'Arcole und dem Pont Louis-Philippe noch so, wie die Natur ihn geschaffen hatte, nur den gepflasterten Fahrweg ausgenommen, der übrigens geneigt angelegt war. Daher konnte man auch bei Überschwemmungen im Boot an den Häusern entlang und in die abfallenden Straßen hineinfahren, die zum Fluß hinunterführten. Auf diesem Kai waren selbst die Erdgeschosse um einige Stufen erhöht. Wenn das Wasser den Fuß der Häuser bespülte, fuhren die Wagen durch die furchtbare Rue de la Mortellerie, die heute ganz und gar niedergelegt worden ist, um das Rathaus zu vergrößern. Es war also für die falsche Obsthändlerin ein leichtes, den kleinen Wagen rasch bis unten ans Ufer zu schieben und dort zu verbergen, bis die wirkliche Händlerin, die übrigens den Erlös ihres Pauschalverkaufs in einer jener furchtbaren Schenken der Rue de la Mortellerie vertrank, wiederkam, um ihn sich dort zu holen, wo die Käuferin ihn zurückzulassen versprochen hatte. Eben vollendete man die Verbreiterung des Quai Pelletier; der Eingang zum Bauplatz wurde von einem Invaliden bewacht, und der seiner Obhut anvertraute Karren lief keinerlei Gefahr.

Asien nahm alsbald auf dem Rathausplatz einen Fiaker und sagte zu dem Kutscher: »Zum Trödelmarkt, und Karriere; es gibt was zu verdienen!«

Eine Frau in Asiens Kleidung konnte sich, ohne die geringste Neugier zu erwecken, in der ungeheuren Halle verlieren, in der sich alle Lumpen von Paris aufschichten, in der tausend Hausierer wimmeln und in der zweihundert Trödlerinnen schwätzen. Die beiden Untersuchungsgefangenen waren kaum aufgenommen worden, so ließ sie sich schon in einem kleinen und feuchten Zwischenstock über einem jener grauenhaften Läden, in denen man alle von Schneiderinnen und Schneidern gestohlenen Stoffreste verkauft, umkleiden; dieser Laden gehörte einem alten Mädchen, das ›die Romette‹ hieß, ein Name, der sich von ihrem Vornamen Jeromette herleitete. Die Romette war für die Kleiderhändlerinnen, was diese in der Not für die sogenannten anständigen Frauen sind: eine Wucherin für hundert Prozent.

»Mein Kind,« sagte Asien, »es handelt sich darum, mich herauszustaffieren. Ich muß mindestens eine Baronin des Faubourg Saint-Germain sein. Und vor allen Dingen schneller!« fuhr sie fort; »ich stehe mit den Füßen in siedendem Öl. Du weißt, welche Kleider mir passen. Her mit dem Schminktopf; suche mir feine Spitzen und gib mir die auffallendsten Kinkerlitzchen. Schick die Kleine nach einem Fiaker; er soll an der Hintertür warten.« »Jawohl, gnädige Frau,« erwiderte das alte Mädchen mit der Unterwürfigkeit und dem Eifer einer Dienerin, die vor ihrer Herrin steht. Wenn diese Szene einen Zeugen gehabt hätte, er hätte leicht gesehen, daß die Frau, die sich unter dem Namen Asiens verbarg, hier zu Hause war.

»Man bietet mir Diamanten an . . .« sagte die Romette, während sie Asien frisierte. »Sind sie gestohlen?« »Ich glaube.« »Nun, wieviel du auch dabei verdienen kannst, liebes Kind, du mußt es dir versagen. Wir haben eine Weile die Neugierigen zu fürchten.«

Man versteht jetzt, wie Asien schon eine Viertelstunde, bevor der Richter eintraf, eine Vorladung in der Hand, im Vorsaal des Justizpalastes sein konnte, wo sie sich durch die Gänge und über die Treppen leiten ließ, die zu den Untersuchungsrichtern führen, und nach Herrn Camusot fragte.

Asien sah sich selber nicht mehr ähnlich. Nachdem sie das Gesicht der alten Händlerin wie eine Schauspielerin abgewaschen, Rot und Weiß aufgelegt hatte, hatte sie auch den Kopf noch in eine wundervolle blonde Perücke gesteckt. Gekleidet wie eine Dame des Faubourg Saint-Germain, die ihren verlorenen Hund sucht, so schien sie vierzig Jahre alt zu sein, denn sie verbarg ihr Gesicht unter einem wundervollen Schleier aus schwarzen Spitzen. Ein scharf geschnürtes Korsett stützte ihre Köchinnenfigur. Sie trug sehr gute Handschuhe und einen etwas starken Rückenwulst; und sie strömte den Geruch von Puder à la maréchale aus. Während sie mit einer Tasche spielte, die einen goldenen Bügel aufwies, teilte sie ihre Aufmerksamkeit zwischen den Mauern des Palastes, die sie offenbar zum erstenmal durchirrte, und der Leine eines hübschen ›Kingsdogs‹. Eine solche Witwe mußte den Scharen im schwarzen Amtskleid in der Vorhalle bald auffallen.

Außer den unbeschäftigten Advokaten, die diesen Saal mit ihrem Amtskleid fegen und ihre großen Kollegen bei ihren Vornamen nennen – wie die großen Herren es unter sich tun –, um anzudeuten, daß sie zur Aristokratie des Standes gehören, sieht man oft geduldige junge Leute, die sich in den Dienst der Anwälte stellen und hier um einer Sache willen stehen und warten, die als letzte angesetzt worden ist, aber vielleicht schon früher verhandelt wird; wenn nämlich die Advokaten in den früher angesetzten Sachen auf sich warten lassen. Es würde ein merkwürdiges Bild ergeben, wenn man die Unterschiede zwischen den verschiedenen schwarzen Amtskleidern malen wollte, die, immer zu dritt, bisweilen zu viert, in diesem ungeheuren Saal spazieren gehen und durch ihre Unterhaltungen das ungeheure Summen hervorrufen, das beständig in diesem Saal hallt, der seinen Namen mit Recht führt, denn ihr Hin und Her nimmt die Advokaten ebensosehr in Anspruch wie ihre außerordentlich lebhafte Unterhaltung; aber es wird erst in der Studie Platz finden, die die Advokaten von Paris schildern soll. Asien hatte auf die Müßiggänger des Palastes gezählt; sie lachte sich wegen einiger Scherze, die sie hörte, ins Fäustchen, und schließlich gelang es ihr, die Aufmerksamkeit Massols auf sich zu lenken, eines jungen pflichtgemäß anwesenden Anwalts, den die ›Gerichtszeitung‹ mehr in Anspruch nahm als seine Klienten und der einer so gut parfümierten und so reich gekleideten Frau mit lächelnder Bereitwilligkeit seine Dienste zur Verfügung stellte.

Asien nahm eine Fistelstimme an, um diesem liebenswürdigen Herrn auseinanderzusetzen, daß sie der Vorladung eines Richters namens Camusot folgte. »Ah, in der Sache Rubempré.« Der Prozeß hatte schon seinen Namen. »Oh, es handelt sich nicht um mich – um meine Kammerfrau, ein Mädchen mit dem Beinamen Europa, das ich vierundzwanzig Stunden gehabt habe und das die Flucht ergriff, als sie sah, daß mir mein Pförtner dieses gestempelte Papier brachte.«

Und wie alle alten Frauen, deren Leben mit Schwätzereien am Kamin verstreicht, machte sie, von Massol gedrängt, Parenthesen und berichtete, wie unglücklich sie mit ihrem ersten Gatten, einem der drei Direktoren der Assignatenkasse, gewesen sei. Sie konsultierte den jungen Advokaten darüber, ob sie mit ihrem Schwiegersohn, dem Grafen Groß-Narp, der ihre Tochter so unglücklich mache, einen Prozeß beginnen sollte, und ob das Gesetz ihn ermächtige, über ihr Vermögen zu verfügen. Massol konnte trotz seiner Bemühungen nicht herausbekommen, ob die Ladung der Herrin oder der Kammerfrau galt. Im ersten Augenblick hatte er sich damit begnügt, einen Blick auf dieses Aktenstück zu werfen, dessen Formular so wohlbekannt ist; denn um der Zeitersparnis willen ist es vorgedruckt, und die Kanzlisten der Untersuchungsrichter haben nur noch die Lücken auszufüllen, die für die Namen und die Wohnungen der Zeugen, für die Stunde der Ladung usw. ausgespart sind. Asien ließ sich den Palast erklären, den sie genauer kannte, als der Advokat selbst. Und schließlich fragte sie ihn, um welche Zeit dieser Herr Camusot käme.

»Nun, im allgemeinen beginnen die Untersuchungsrichter ihre Verhöre gegen zehn Uhr.« »Es ist ein Viertel vor zehn,« sagte sie, indem sie auf eine hübsche kleine Uhr blickte, ein wahres Meisterwerk der Goldschmiedekunst, bei dessen Anblick Massol dachte: ›Wo Zum Teufel der Reichtum sich doch einnistet!‹

In diesem Augenblick war Asien bis zu jenem dunkeln Saal gelangt, der auf den Hof der Conciergerie blickt und in dem sich die Gerichtsdiener aufhalten. Als sie durchs Fenster hin das Portal erblickte, rief sie aus: »Was für große Mauern sind das da?« »Das ist die Conciergerie.« »Ah, die Conciergerie, in der unsere arme Königin . . . Oh, ich möchte so gern ihren Kerker sehen . . .« »Das ist nicht möglich, Frau Baronin,« erwiderte der Advokat, an dessen Arm die falsche Witwe ging; »da muß man eine Erlaubnis haben, die sehr schwer zu erlangen ist.« »Man hat mir gesagt,« fuhr sie fort, »Ludwig XVIII. habe selbst die lateinische Inschrift verfaßt, die sich im Kerker Marie Antoinettes befindet.« »Jawohl, Frau Baronin.« »Ich wollte, ich könnte Lateinisch, um die Worte dieser Inschrift zu studieren!« erwiderte sie. »Glauben Sie, daß Herr Camusot mir die Erlaubnis geben kann?« »Das geht ihn nichts an; aber er kann Sie begleiten . . .« »Und seine Verhöre?« fragte sie. »Oh,« versetzte Massol, »die Untersuchungsgefangenen können warten.« »Ach ja, sie sind dann Untersuchungsgefangene, natürlich!« rief Asien naiv. »Aber ich kenne Herrn von Granville, Ihren Oberstaatsanwalt . . .«

Dieser Ausruf hatte eine magische Wirkung auf die Gerichtsdiener und den Advokaten. »Ah, Sie kennen den Herrn Oberstaatsanwalt?« sagte Massol, dem der Gedanke kam, sich den Namen und die Adresse der Klientin, die der Zufall ihm verschaffte, zu notieren. »Ich sehe ihn oft bei Herrn von Sérizy, seinem Freund. Frau von Sérizy ist durch die Ronquerolles mit mir verwandt . . .«

»Aber wenn die gnädige Frau in die Conciergerie hinuntergehen will,« sagte ein Gerichtsdiener, »so könnte sie . . .« »Ja,« sagte Massol.

Und die Gerichtsdiener ließen den Advokaten und die Baronin hinuntergehen; und bald befanden sie sich in dem kleinen Wachtlokal, in das die Treppe aus der Souricière einmündet, einem Lokal, das Asien genau kannte und das, wie man gesehen hat, zwischen der Souricière und der sechsten Kammer gleichsam einen Beobachtungsposten bildet, an dem jedermann vorbeischreiten muß.

»Fragen Sie doch diese Herren, ob Herr Camusot nicht schon gekommen ist,« sagte sie, als sie die Gendarmen erblickte, die Karten spielten. »Ja, gnädige Frau, er ist eben aus der Souricière heraufgekommen.« »Aus der Souricière!« sagte sie: »was ist das? . . . Oh, ich bin dumm, daß ich nicht gleich zum Grafen von Granville gegangen bin . . . Aber ich habe keine Zeit mehr . . . Führen Sie mich zu Herrn Camusot, damit ich ihn spreche, ehe er beschäftigt ist.« »Oh, gnädige Frau, Sie haben immer noch Zeit, mit Herrn Camusot zu sprechen,« sagte Massol. »Wenn Sie ihm Ihre Karte hineinreichen lassen, wird er Ihnen die Unannehmlichkeit ersparen, mit den Zeugen antichambrieren zu müssen . . . Man nimmt hier im Palast Rücksicht auf Frauen wie Sie . . . Sie haben doch Ihre Karte?«

In diesem Augenblick standen Asien und ihr Advokat genau vor dem Fenster des Wachtlokales, durch das die Gendarmen die Bewegung des Tores der Conciergerie sehen können. Die Gendarmen, die großgezogen werden in der Achtung vor den Verteidigern der Witwen und Waisen und außerdem die Vorrechte des Amtskleides kennen, duldeten einige Augenblicke die Anwesenheit einer Baronin im Geleit eines Advokaten. Asien ließ sich von dem jungen Anwalt die grauenhaften Dinge erzählen, die ein junger Anwalt über das Portal zu sagen hat. Sie wollte nicht glauben, daß man hinter den Gittern, die man ihr bezeichnete, den zum Tode Verurteilten das Haar schnitte, aber der Brigadier bestätigte es ihr. »Wie gern ich das einmal sähe!« sagte sie.

Sie blieb da schwätzend mit dem Brigadier und ihrem Advokaten stehen, bis sie Jakob Collin erblickte; zwei Gendarmen stützten ihn, und Herrn Camusots Gerichtsdiener ging vor ihm her, als er aus dem Portal kam.

»Ah, da ist der Anstaltsgeistliche, der sicherlich einen Unglücklichen vorbereiten soll . . .« »Nein, nein, Frau Baronin,« erwiderte der Gendarm, »das ist ein Untersuchungsgefangener, der zum Verhör geht.« »Und wessen ist er angeklagt?« »Er ist in diese Vergiftungsaffäre verwickelt . . .« »Oh, ich möchte ihn so gern sehen! . . .« »Sie können nicht hier bleiben,« sagte der Brigadier, »denn er ist in Einzelgewahrsam, und er wird durch unser Wachtlokal kommen. Hier, gnädige Frau, diese Tür führt auf die Treppe . . .« »Danke, Herr Offizier,« sagte die Baronin, indem sie auf die Tür zuging, um sich dann auf die Treppe zu stürzen, wo sie laut ausrief: »Aber wo bin ich?«

Diese hallende Stimme drang bis zum Ohr Jakob Collins, und sie sollte ihn darauf vorbereiten, daß er Asien sehen würde. Der Brigadier lief der Frau Baronin nach, faßte sie mitten um den Körper und trug sie wie eine Feder in eine Schar von fünf Gendarmen, die wie ein Mann aufgesprungen waren; denn in diesem Wachtlokal ist man mißtrauisch gegen alles. Es war Willkür, aber notwendige Willkür. Der Advokat sogar hatte voll Schreck zwei Rufe ausgestoßen: »Gnädige Frau! Gnädige Frau!« so sehr fürchtete er, sich zu kompromittieren.

Der fast ohnmächtige Abbé Carlos Herrera mußte sich im Wachtlokal auf einen Stuhl setzen. »Der Arme!« sagte die Baronin. »Ist das ein Schuldiger?«

Diese Worte, die dem jungen Advokaten fast ins Ohr geflüstert wurden, verstand ein jeder, denn es herrschte in diesem scheußlichen Wachtlokal eine Totenstille. Ein paar bevorrechtigte Personen erhalten bisweilen die Erlaubnis, sich die berühmten Verbrecher anzusehen, während sie durch dieses Wachtlokal oder durch die Gänge gehen, so daß der Gerichtsdiener und die Gendarmen, die beauftragt waren, den Abbé Carlos Herrera zu führen, nicht darauf achteten. Übrigens lag zwischen beiden, dank der Aufopferung des Brigadiers, der die Baronin gepackt hatte, um jeden Verkehr zwischen dem in Einzelgewahrsam befindlichen Untersuchungsgefangenen und Fremden zu hindern, ein Zwischenraum, der in hohem Grade beruhigen konnte.

»Weiter,« sagte Jakob Collin, indem er eine Anstrengung machte, um aufzustehen.

In diesem Augenblick fiel ihm die kleine Kugel aus dem Ärmel; und die Baronin, der ihr Schleier erlaubte, den Blick frei zu gebrauchen, merkte sich die Stelle, wo sie liegen blieb. Die Kugel war feucht und fettig und war also nicht weitergerollt; denn diese Kleinigkeiten, die scheinbar so gleichgültig waren, hatte Jakob Collin mit unfehlbarer Sicherheit vorausberechnet. Als der Angeklagte auf den obern Teil der Treppe geführt wurde, ließ Asien auf sehr natürliche Weise ihre Tasche fallen und hob sie schnell wieder auf; aber als sie sich bückte, hatte sie die Kugel auch sofort ergriffen; ihre Farbe hatte sie unsichtbar gemacht, denn sie glich vollkommen der des Staubes und des Schmutzes.

»Ach,« sagte sie, »das hat mir im Herzen weh getan . . . Er liegt im Sterben!« »Oder er scheint es,« erwiderte der Brigadier. »Herr Anwalt,« sagte Asien zu dem Advokaten, »führen Sie mich schnell zu Herrn Camusot; ich komme in dieser Sache . . . Und vielleicht wird er froh sein, wenn er mich sehen kann, ehe er diesen armen Abbé verhört . . .«

Der Advokat und die Baronin verließen das Wachtlokal mit den ölichten und schwarzen Wänden; aber als sie oben auf der Treppe ankamen, stieß Asien einen Schrei aus: »Und mein Hund! . . . Oh, mein armer Hund!« Und wie eine Wahnsinnige stürzte sie in die Vorhalle, indem sie von jedermann ihren Hund verlangte. Sie erreichte die Händlergalerie und stürzte sich mit dem Ruf: »Da ist er! . . .« auf eine Treppe. Diese Treppe war die, die in die Cour de Harlay führt; von dort aus warf sie sich, als sie ihre Komödie ausgespielt hatte, in einen der Fiaker, die auf dem Quai des Orfèvres halten, und verschwand mit der gegen Europa, deren wahren Namen Justiz und Polizei noch nicht kannten, erlassenen Vorladung. »Rue Neuve Saint-Marc,« rief sie dem Kutscher zu.

Asien konnte auf die unverbrüchliche Verschwiegenheit einer Kleiderhändlerin zählen, die Frau Nourrisson hieß und unter dem Namen Frau von Saint-Estève bekannt war; sie lieh ihr nicht nur ihre Individualität, sondern auch ihren Laden, in dem Nucingen um Esthers Auslieferung verhandelt hatte. Asien war dort wie zu Hause, denn sie hatte ein Zimmer in der Wohnung der Frau Nourrisson inne. Sie bezahlte den Fiaker und stieg in ihr Zimmer hinauf, nachdem sie Frau Nourrisson auf eine Weise gegrüßt hatte, die ihr zu verstehen gab, daß sie nicht die Zeit hätte, auch nur zwei Worte zu wechseln.

Sowie sie vor jeder Spionage sicher war, begann Asien die Papiere mit der Sorgfalt auseinanderzufalten, die die Gelehrten aufwenden, wenn sie Palimpseste entrollen. Als sie diese Anweisungen gelesen hatte, hielt sie es für nötig, die für Lucien bestimmten Zeilen auf Briefpapier umzuschreiben; dann stieg sie zu Frau Nourrisson hinunter, die sie zum Plaudern brachte, während ein kleines Ladenmädchen auf den Boulevard des Italiens lief, um einen Fiaker zu holen. Auf diese Welse erhielt Asien die Adressen der Herzogin von Maufrigneuse und der Frau von Sérizy, die Frau Nourisson vermöge ihrer Beziehungen zu den Kammerfrauen kannte.

Diese verschiedenen Gänge, die sorgfältige Erledigung dieser Aufgaben nahmen mehr als zwei Stunden in Anspruch. Die Frau Herzogin von Maufrigneuse, die oben im Faubourg Saint-Honoré wohnte, ließ Frau von Saint-Estève eine Stunde lang warten, obgleich ihr die Kammerfrau, nachdem sie angeklopft hatte, durch die Tür des Boudoirs Frau von Saint-Estèves Karte reichte, auf die Asien geschrieben hatte: ›Kommt wegen eines eiligen Schrittes, der Lucien betrifft.‹

Auf den ersten Blick, den Asien auf das Gesicht der Herzogin warf, begriff sie, wie ungelegen ihr Besuch kam; sie entschuldigte sich daher auch, wenn sie im Hinblick auf die Gefahr, in der Lucien schwebe, die ›Ruhe‹ der Frau Herzogin gestört hätte.

»Wer sind Sie?« fragte die Herzogin ohne jede Höflichkeitsformel, indem sie Asien mit den Blicken maß; denn Asien konnte wohl im Vorsaal des Gerichts von Massol für eine Baronin gehalten werden, aber auf den Teppichen des kleinen Salons im Hotel Cadignan wirkte sie wie ein Fleck von Wagenschmiere auf einem weißen Satinkleid.

»Ich bin eine Kleiderhändlerin, Frau Herzogin; denn in solchen Lagen wendet man sich an die Frauen, deren Beruf auf unverbrüchlicher Verschwiegenheit beruht. Ich habe niemals jemanden verraten, und Gott weiß, wieviel große Damen mir auf einen Monat ihre Diamanten anvertraut haben, indem sie einen Schmuck aus falschen verlangten, der dem ihren völlig gleich war.« »Sie haben noch einen andern Namen?« fragte die Herzogin, indem sie über eine Erinnerung lächelte, die ihr bei dieser Antwort aufstieg, »Ja, Frau Herzogin, ich bin bei den großen Gelegenheiten Frau von Saint-Estève; aber in meinem Gewerbe nenne ich mich Frau Nourrisson.« »Schön, schön,« erwiderte die Herzogin lebhaft in verändertem Ton. »Ich kann«, sagte Asien fortfahrend, »große Dienste leisten, denn wir kennen ebenso genau die Geheimnisse der Ehemänner wie die der Frauen. Ich habe viele Geschäfte mit Herrn de Marsay gemacht, den die Frau Herzogin . . .« »Genug, genug!« rief die Herzogin; »reden wir von Lucien.« »Wenn die Frau Herzogin ihn retten will, müßte sie den Mut haben, keine Zeit mit dem Ankleiden zu verlieren, übrigens könnte die Frau Herzogin nicht schöner sein, als sie es in diesem Augenblick ist. Sie sind zum Anbeißen hübsch, auf das Ehrenwort einer alten Frau! Und schließlich, lassen Sie nicht anspannen, gnädige Frau, steigen Sie mit mir in den Fiaker. Kommen Sie zur Frau von Sérizy, wenn Sie schlimmeres Unheil vermeiden wollen, als es der Tod dieses Engels wäre . . .« »Gehen Sie, ich folge Ihnen,« sagte die Herzogin nach einem Augenblick des Zögerns, »Wir beide werden Leontine Mut machen . . .«

Trotz der wahrhaft höllischen Regsamkeit dieser Dorine des Bagnos schlug es zwei Uhr, als sie mit der Herzogin von Maufrigneuse bei Frau von Sérizy eintrat, die in der Rue de la Chaussée d'Antin wohnte. Aber dank der Herzogin wurde kein Augenblick mehr verloren. Sie wurden beide alsbald zu der Gräfin geführt, die sie mitten in einem von den seltensten Blumen durchdufteten Garten in einer winzigen Sennhütte auf einem Diwan liegend vorfanden.

»Das ist gut,« sagte Asien, indem sie sich umblickte, »hier kann uns niemand hören.«

»Ach, meine Liebe, ich sterbe! Sag, Diana, was hast du angefangen? . . .« rief die Gräfin, indem sie wie ein Reh aufsprang, die Herzogin an den Schultern faßte und in Tränen ausbrach. »Komm, Leontine, es gibt Augenblicke, in denen die Frauen nicht weinen dürfen, sondern handeln müssen,« sagte die Herzogin, indem sie die Gräfin zwang, sich mit ihr wieder auf den Diwan zu setzen.

Asien studierte diese Gräfin mit jenem Blick, der sittenlosen Alten eigen ist und den sie mit der Geschwindigkeit, mit der die Sonde der Chirurgen eine Wunde untersucht, über die Seele einer Frau schweifen lassen. Jakob Collins Genossin erkannte die Spuren des bei den Frauen der großen Welt seltensten Gefühls: eines wahren Schmerzes – jenes Schmerzes, der unauslöschliche Furchen ins Herz und Antlitz zeichnet. In der Kleidung nicht die geringste Koketterie. Die Gräfin zählte jetzt fünfundvierzig Lenze, und ihr ganz zerknittertes Hauskleid aus bedrucktem Musselin zeigte die Büste ohne jede Aufmachung, ja ohne Korsett! . . . Die von einem schwarzen Ring umgebenen Augen und die marmorierten Wangen zeugten von bitteren Tränen. Um das Kleid kein Gürtel. Die Stickereien des Unterrocks und des Hemdes waren gleichfalls zerknittert. Die Haare, die unter ihrer Spitzenhaube aufgenommen waren, hatten die Pflege des Kammes seit vierundzwanzig Stunden entbehrt und zeigten eine kurze, magere Flechte und all die gelockten Strähnen in ihrer Armut. Leontine hatte vergessen, ihre falschen Zöpfe anzulegen.

»Sie lieben zum erstenmal in Ihrem Leben . . .« sagte Asien sentenziös zu ihr.

Da bemerkte Leontine Asien und machte eine Bewegung des Schreckens. »Wer ist das, meine liebe Diana?« fragte sie die Herzogin von Maufrigneuse. »Wen sollte ich dir wohl zuführen außer einer Frau, die Lucien ergeben ist und die uns dienen will?«

Asien hatte die Wahrheit erraten. Frau von Sérizy, die als eine der leichtfertigsten Frauen der Gesellschaft galt, hatte zehn Jahre lang am Marquis von Aiglemont gehangen. Seit der Marquis in die Kolonien gegangen war, hatte sie sich wahnsinnig in Lucien verliebt, und sie hatte ihn der Herzogin von Maufrigneuse entrissen, ohne Luciens Liebe zu Esther zu kennen, von der übrigens ganz Paris nichts wußte. In der großen Welt verdirbt ein eingestandener Liebhaber den Ruf einer Frau mehr als zehn heimliche Abenteuer; und erst zwei Liebhaber nacheinander! Da jedoch niemand mit Frau von Sérizy abrechnete, so kann auch der Historiker sich nicht dafür verbürgen, daß ihre Tugend nur zwei zerstoßene Stellen hatte. Sie war eine mittelgroße Blondine, die sich konserviert hatte, wie sich eben Blonde konservieren; das heißt, sie schien kaum dreißig Jahre alt zu sein; sie war schmächtig, ohne mager zu sein, weiß und aschblond; die Füße, die Hände, der Körper waren von aristokratischer Feinheit; sie war geistreich, wie eben eine Ronquerolles es ist, und also ebenso boshaft gegen die Frauen wie gut zu den Männern. Sie war durch ihr großes Vermögen, durch die hohe Stellung ihres Gatten und durch die ihres Bruders, des Marquis von Ronquerolles, vor dem Katzenjammer bewahrt geblieben, der sicherlich jede andere Frau verbittert hätte. Sie hatte ein großes Verdienst: sie war in ihrer Verderbtheit offen: sie gab zu, daß sie die Sitten der Regentschaft anbetete. Nun war diese Frau, mit fünfundvierzig Jahren, der die Männer bisher nur angenehme Spielzeuge gewesen waren, denen sie, seltsam! viel gewährt hatte, ohne in der Liebe etwas anderes zu sehen als ein Opfer, das man bringen mußte, um sie zu beherrschen, bei Luciens Anblick von einer Liebe ergriffen worden, die der des Barons von Nucingen zu Esther glich. Sie hatte jetzt, wie Asien es ihr gesagt hatte, zum ersten mal in ihrem Leben geliebt! Diese Verschiebungen der Jugend sind bei den Pariserinnen und großen Damen häufiger, als man glaubt, und sie sind schuld an dem unerklärlichen Fall mancher tugendhaften Frau, die gerade den Hafen der Vierzig erreicht. Die Herzogin von Maufrigneuse war die einzige Vertraute dieser furchtbaren und unbedingten Leidenschaft, deren Glück von den kindlichen Empfindungen der ersten Liebe an bis zu den riesenhaften Narrheiten der Wollust Leontine rasend und unersättlich machte.

Die wahre Liebe ist, wie man weiß, unerbittlich. Der Entdeckung von Luciens Verhältnis zu dieser Esther war eine von jenen cholerischen Entzweiungen gefolgt, bei denen die Raserei der Frauen bis zum Mord gehen kann; dann war die Periode der Feigheit gefolgt, denen sich die aufrichtige Liebe mit soviel Wonnen hingibt. Seit einem Monat hätte die Gräfin zehn Jahre ihres Lebens darum gegeben, wenn sie Lucien auf acht Tage hätte wiedersehen können. Schließlich war sie gerade so weit gekommen, daß sie die Nebenbuhlerschaft Esthers dulden wollte, als in ebendiese überströmende Zärtlichkeit gleich einer Posaune des Jüngsten Gerichts die Nachricht von der Verhaftung des Geliebten hineinklang. Die Gräfin war dem Tode nahe; der Gatte selbst hatte an ihrem Bette gewacht, da er fürchtete, sie könnte sich im Delirium verraten; und seit vierundzwanzig Stunden lebte sie mit einem Dolch im Herzen. Sie sagte im Fieber zu ihrem Gatten: »Befreie Lucien, und ich will nur noch für dich leben!«

»›Es gilt hier nicht die Augen zu verdrehen, wie eine tote Ziege‹, sagt die Frau Herzogin,« rief die furchtbare Asien, indem sie die Gräfin am Arm schüttelte. »Wenn Sie ihn retten wollen, ist keine Minute zu verlieren. Er ist unschuldig, ich schwöre es bei dem Gebein meiner Mutter!« »O ja, nicht wahr?« rief die Gräfin, indem sie die scheußliche Gevatterin voll Güte ansah, »Aber«, fuhr Asien fort, »wenn Herr Camusot ihn schlecht verhört, so kann er in zwei Sätzen einen Schuldigen aus ihm machen; und wenn es in Ihrer Macht steht, sich die Conciergerie öffnen zu lassen und mit ihm zu reden, so brechen Sie sofort auf und geben Sie ihm dieses Papier . . . Dann ist er morgen frei, dafür verbürge ich mich . . . Ziehen Sie ihn wieder heraus, denn Sie haben ihn hineingestürzt.« »Ich?« »Ja, Sie! . . . Die großen Damen haben nie einen Heller, selbst wenn sie Millionärinnen sind. Als ich mir noch den Luxus leistete, meine Bürschchen zu haben, hatten sie die Taschen immer voll Gold! Mich amüsierte ihr Vergnügen. Es ist so hübsch, zugleich Mutter und Geliebte zu sein! Sie aber lassen die Leute, die Sie lieben, vor Hunger verenden, ohne sie nach ihren Verhältnissen zu fragen. Esther machte keine langen Redensarten; sie gab ihm um den Preis der Verderbnis ihres Leibes und ihrer Seele die Million, die man von ihrem Lucien verlangte; und das hat ihn in die Lage gebracht, in der er sich befindet . . .« »Das arme Mädchen! Das hat sie getan? Ich liebe sie! . . .« sagte Leontine. »Ach, jetzt . . .« sagte Asien mit eisiger Ironie. »Sie war schön, aber jetzt, mein Engel, bist du schöner als sie . . . Und Luciens Heirat mit Klotilde ist so vollständig abgebrochen, daß nichts sie wieder zusammenstücken könnte,« sagte die Herzogin ganz leise zu Leontine.

Dieser Gedanke und diese Aussichten hatten eine solche Wirkung auf die Gräfin, daß sie nicht mehr litt; sie strich sich mit der Hand über die Stirn, sie war wieder jung. »Los, meine Kleine, hoch das Bein, und rasch! . . .« sagte Asien, die diese Verwandlung sah und die Triebfeder erriet.

»Aber«, sagte Frau von Maufrigneuse, »wenn wir Herrn Camusot vor allem daran hindern müssen, Lucien zu verhören, so können wir das tun, indem wir ihm zwei Worte schreiben, die wir durch deinen Kammerdiener in den Palast schicken werden, Leontine.« »Laß uns ins Haus gehen,« sagte Frau von Sérizy.

Während Luciens Gönnerinnen den Befehlen gehorchten, die Jakob Collin vorgeschrieben hatte, ging im Palast folgendes vor.

Die Gendarmen trugen den Sterbenden auf einen Stuhl, der in Herrn Camusots Zimmer dem Fenster gegenüber stand. Der Richter saß in seinem Sessel vor dem Schreibtisch. Coquart saß, die Feder in der Hand, ein paar Schritte von ihm entfernt an einem kleinen Tisch.

Die Lage des Zimmers eines Untersuchungsrichters ist nicht gleichgültig, und wenn sie nicht absichtlich gewählt wurde, so muß man zugeben, daß der Zufall die Gerechtigkeit wie eine Schwester behandelt hat. Diese Richter gleichen den Malern: sie brauchen das gleichmäßige und reine Licht, das von Norden kommt; denn das Gesicht ihrer Verbrecher ist ein Gemälde, das sie beständig studieren müssen. Deshalb stellen auch fast alle Untersuchungsrichter ihren Schreibtisch so auf, wie der Camusots stand; das heißt, sie selber wenden dem Licht den Rücken und haben also das Gesicht derer, die sie verhören, in voller Beleuchtung vor sich. Nicht einer von ihnen vergißt nach sechs Monaten der Übung, wenn er keine Brille trägt, solange ein Verhör dauert, eine gleichgültige, zerstreute Miene anzunehmen. Einem plötzlichen Wandel im Gesicht, der auf diese Weise beobachtet und durch eine unerwartete Frage veranlaßt wurde, verdankte man die Entdeckung des von Castaing begangenen Verbrechens, die in einem Augenblick eintrat, als der Richter nach langer Überlegung mit dem Oberstaatsanwalt diesen Verbrecher aus Mangel an Beweisen der Gesellschaft zurückgeben wollte. Diese kleine Einzelheit kann den wenigst verständnisvollen Leuten zeigen, wie lebhaft, interessant, merkwürdig, dramatisch und furchtbar der Kampf einer Kriminaluntersuchung ist; es ist ein zeugenloser Kampf, dessen Verlauf jedoch stets aufgeschrieben wird. Gott weiß, was von einer solchen glühenden Szene auf dem Papier noch übrigbleibt; einer Szene, in der die Blicke, der Tonfall, ein Beben im Gesicht, die leichteste Farbentönung, die eine Empfindung hinzufügt – in der alles schon einmal verderblich war, genau wie unter den Wilden, die einander beobachten, um eine Blöße zu entdecken und einander zu töten. Ein Protokoll ist nur noch die Asche eines Brandes.

»Welches sind Ihre wahren Namen?« fragte Camusot Jakob Collin. »Don Carlos Herrera, Stiftsherr des Königlichen Kapitels von Toledo, geheimer Gesandter Seiner Majestät Ferdinands VII.«

Wir müssen hier anmerken, daß Jakob Collin das Französische sprach wie eine spanische Kuh; er radebrechte in einer Weise, daß seine Antworten fast unverständlich wurden, und er ließ sich immer bitten, sie zu wiederholen. Die Germanismen des Herrn von Nucingen haben diesen Roman schon zu bunt durchwirkt, als daß wir noch weitere schwer lesbare Dialektzeilen hineinflechten könnten, die der Geschwindigkeit der Entwicklung schaden würden.

»Sie haben Papiere, die die Eigenschaften belegen, von denen Sie reden?« fragte der Richter. »Ja, einen Paß und einen Brief Seiner Katholischen Majestät, der mir Vollmacht für meine Mission erteilt . . . Schließlich können Sie auf der Stelle zwei Worte in die spanische Gesandtschaft schicken, die ich vor Ihren Augen schreiben werde, und man wird meine Auslieferung verlangen. Wenn Sie ferner noch weitere Beweise brauchen, so werde ich an Seine Eminenz den Großalmosenpfleger von Frankreich schreiben, und er würde alsbald seinen Privatsekretär hierher schicken.« »Geben Sie sich immer noch für einen Sterbenden aus?« fragte Camusot. »Wenn Sie die Leiden, über die Sie sich seit Ihrer Verhaftung beklagen, wirklich durchgemacht hätten, so sollten Sie tot sein,« fügte der Richter ironisch hinzu. »Sie machen dem Mut eines Unschuldigen und der Kraft seines Temperaments den Prozeß,« erwiderte der Gefangene sanft.

»Coquart, schellen Sie! Lassen Sie den Arzt der Conciergerie mit einem Krankenwärter kommen . . . Wir werden uns genötigt sehen, Ihnen den Rock auszuziehen und zur Feststellung der Male auf Ihrer Schulter zu schreiten,« fuhr Camusot fort. »Ich bin in Ihrer Hand.«

Der Gefangene fragte, ob sein Richter die Güte haben wollte, ihm zu erklären, was für ein Mal das wäre und warum man es auf seiner Schulter suchte. Der Richter hatte diese Frage erwartet. »Sie stehen im Verdacht, Jakob Collin zu sein, ein entsprungener Sträfling, dessen Verwegenheit vor nichts zurückweicht, selbst nicht vor der Kirchenschändung! . . .« sagte der Richter lebhaft, indem er mit seinem Blick in die Augen des Gefangenen hinuntertauchte.

Jakob Collin erzitterte nicht, er errötete nicht; er blieb ruhig und zeigte eine naiv neugierige Miene, während er Camusot ansah. »Ich, mein Herr, ein Sträfling? . . . Der Orden, dem ich angehöre, und Gott mögen Ihnen einen derartigen Fehlgriff verzeihen! Sagen Sie mir, was ich tun muß, um zu verhindern, daß Sie bei einer so schweren Beschimpfung des Völkerrechts, der Kirche und des Königs, meines Herrn, verharren.«

Der Richter erklärte dem Gefangenen, ohne ihm eine Antwort zu geben, daß, wenn er das Brandmal erhalten habe, das die Gesetze damals für die zur Zwangsarbeit Verurteilten vorschrieben, die Buchstaben durch Schläge auf die Schulter alsbald wieder sichtbar zu machen seien. »Ach, Herr Richter,« sagte Jakob Collin, »es wäre ein rechtes Unglück, wenn meine Aufopferung für die Sache des Königs mir verhängnisvoll werden sollte.« »Erklären Sie sich,« sagte der Richter, »dazu sind Sie hier.« »Nun, Herr Richter, ich muß viele Narben auf dem Rücken haben, denn ich bin als Verräter des Landes, während ich meinem König treu war, von den Konstitutionellen füsiliert worden; und sie ließen mich für tot liegen.« »Sie sind füsiliert worden, und Sie leben! . . .« sagte Camusot. »Ich stand in einem gewissen Einverständnis mit den Soldaten, denen fromme Leute Geld gegeben hatten; da haben sie mich in solcher Entfernung aufgestellt, daß ich nur noch matte Kugeln erhielt; die Soldaten haben auf den Rücken gezielt. Das ist eine Tatsache, die Seine Exzellenz der Gesandte Ihnen wird bezeugen können . . .« ›Dieser Teufelsmensch hat auf alles eine Antwort! Um so besser übrigens!‹ dachte Camusot, der nur deshalb so streng schien, weil er der Gerichtsbarkeit und der Polizei genugtun wollte. »Wie kommt es, daß ein Mann Ihres Standes«, sagte er dann, indem er sich an den Sträfling wandte, »sich bei der Geliebten des Barons von Nuncingen befand; und bei was für einer Geliebten, einer ehemaligen Dirne!« »Der Grund, weshalb man mich im Hause einer Kurtisane fand, ist dieser,« erwiderte Jakob Collin; »aber ehe ich Ihnen sage, was mich dorthin führte, muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich in dem Augenblick, als ich die erste Stufe der Treppe betrat, von dem plötzlichen Anfall meiner Krankheit überfallen wurde; ich hatte also keine Zeit mehr, mit dem Mädchen zu sprechen. Ich hatte Kenntnis davon erhalten, daß Fräulein Esther mit der Absicht umging, in den Tod zu gehen; und da es sich um die Interessen des jungen Lucien von Rubempré handelte, für den ich eine besondere Liebe hege, deren Motive heilig sind, wollte ich versuchen, das arme Geschöpf von dem Wege abzubringen, auf den die Verzweiflung es führte: ich wollte ihr sagen, daß Luciens letzte Schritte bei Fräulein Klotilde gescheitert seien; und durch die Nachricht, daß sie sieben Millionen erbe, hoffte ich, ihr den Mut zum Leben zurückzugeben. Ich bin überzeugt, Herr Richter, daß ich das Opfer der mir anvertrauten Geheimnisse war. Nach der Art, wie ich zusammenbrach, denke ich mir, daß man mich schon am Morgen vergiftet hatte; aber die Kraft meiner Konstitution hat mich gerettet. Ich weiß, daß mich seit langem ein Agent der politischen Polizei verfolgt und mich in irgendeine schlimme Angelegenheit zu verwickeln sucht . . . Wenn Sie in der Stunde meiner Verhaftung auf meine Bitte einen Arzt hätten kommen lassen, so hätten Sie den Beweis für das erhalten, was ich Ihnen in diesem Augenblick über meinen Gesundheitszustand sage. Glauben Sie mir, Leute, die höher stehen als wir, haben ein heftiges Interesse daran, mich mit irgendeinem Verbrecher zu verwechseln, um sich meiner mit Recht entledigen zu können. Man gewinnt nicht immer dabei, wenn man den Königen dient, sie haben ihre Schwächen; die Kirche allein ist vollkommen.«

Es ist unmöglich, das Spiel der Gesichtszüge Jakob Collins wiederzugeben; er brauchte mit Absicht zehn Minuten zu dieser Tirade, die er Satz für Satz aussprach; alles war so wahrscheinlich, besonders die Anspielung auf Corentin, daß der Richter schwankend wurde. »Können Sie mir die Gründe Ihrer Liebe zu Herrn Lucien von Rubempré anvertrauen?« »Erraten Sie sie nicht? Ich bin sechzig Jahre alt, Herr Richter . . . Ich flehe Sie an, schreiben Sie dies nicht nieder . . . Es ist . . . Ist es unbedingt notwendig? . . .« »Es liegt in Ihrem Interesse und vor allem im Interesse Lucien von Rubemprés, daß Sie alles sagen,« erwiderte der Richter. »Nun . . . o mein Gott! . . . Er ist mein Sohn!« fügte er mit Anstrengung hinzu. Und er wurde ohnmächtig.

»Schreiben Sie das nicht auf, Coquart,« sagte Camusot ganz leise. Coquart stand auf und holte eine kleine Flasche Vierräuberessig. ›Wenn er Jakob Collin ist, so ist er ein großer Komödiant! . . .‹ dachte Camusot. Coquart gab dem alten Sträfling den Essig zu riechen, während der Richter ihn mit der Helläugigkeit des Luchses und des Richters überwachte. »Man wird ihm die Perücke abnehmen lassen müssen,« sagte Camusot, während er wartete, daß Jakob Collin wieder zu sich käme.

Der alte Sträfling hörte diesen Satz und erbebte vor Angst, denn er wußte, welchen scheußlichen Ausdruck seine Züge dann annahmen. »Wenn Sie selbst nicht die Kraft haben, die Perücke abzunehmen – ja, Coquart, nehmen Sie sie ab,« sagte der Richter zu seinem Kanzlisten.

Jakob Collin streckte dem Kanzlisten in wundervoller Ergebenheit den Kopf hin; jetzt aber bot sein Kopf, dieser Zierde beraubt, einen grauenhaften Anblick dar; er zeigte seinen wirklichen Charakter. Dieses Schauspiel stürzte Camusot in eine große Ungewißheit. Während er auf den Arzt und den Krankenpfleger wartete, begann er all die Papiere und Gegenstände, die in Luciens Wohnung beschlagnahmt worden waren, zu ordnen und zu studieren. Nachdem die Justiz in der Rue Saint-Georges bei Fräulein Esther ihre Arbeit verrichtet hatte, war sie auf den Quai Malaquais gegangen, um ihre Nachforschungen auch dort vorzunehmen.

»Sie legen Hand an die Briefe der Frau Gräfin von Sérizy,« sagte Carlos Herrera; »aber ich weiß nicht, ob Sie fast alle Papiere Luciens haben?« fügte er mit einem Lächeln hinzu, dessen Ironie den Richter niederschmetterte. Camusot, der dieses Lächeln auffing, begriff in vollem Umfang, was dieses ›fast‹ bedeutete.

»Lucien von Rubempré steht im Verdacht, Ihr Mitschuldiger zu sein, und er ist verhaftet,« erwiderte er, denn er wollte sehen, welche Wirkung diese Nachricht auf seinen Untersuchungsgefangenen haben würde. »Da haben Sie ein großes Unglück angerichtet, denn er ist ebenso unschuldig wie ich,« versetzte der falsche Spanier, ohne die geringste Bewegung zu verraten. »Wir werden ja sehen; vorläufig handelt es sich noch um Ihre Identität,« bemerkte Camusot, den die Ruhe des Gefangenen überraschte. »Wenn Sie wirklich Don Carlos Herrera sind, so würde diese Tatsache die Lage Lucien Chardons auf der Stelle ändern.« »Ja, es war Frau Chardon, geborene von Rubempré!« sagte Carlos murmelnd. »Ach, das ist einer der schlimmsten Fehler meines Lebens!« Er hob die Augen gen Himmel; und nach der Art, wie er die Lippen bewegte, schien er ein glühendes Gebet zu sprechen.

»Aber wenn Sie Jakob Collin sind, wenn er wissentlich der Genosse eines entsprungenen Sträflings, eines Kirchenschänders war, so werden all die Verbrechen, die die Justiz argwöhnt, mehr als wahrscheinlich.«

Carlos Herrera hörte diesen Satz, den der Richter geschickt hinwarf, als wäre er aus Bronze; und bei den Worten ›wissentlich‹ und ›entsprungenen Sträflings‹ hob er statt aller Antwort in einer Geste edlen Schmerzes die Hände. »Herr Abbé,« fuhr der Richter in äußerster Höflichkeit fort, »Sie werden uns alles verzeihen, was wir im Interesse der Justiz und der Wahrheit zu tun genötigt werden, wenn Sie Don Carlos Herrera sind . . .«

Jakob Collin erriet gleich an dem Ton des Richters die Falle, als jener die Worte ›Herr Abbé‹ aussprach: die Züge dieses Menschen blieben die gleichen; Camusot erwartete eine Bewegung der Freude, die ein erstes Zeichen dafür gewesen wäre, welche unsägliche Genugtuung der Sträfling und Verbrecher empfand, weil er seinen Richter täuschen konnte; aber der Heros des Bagno stand unter den Waffen der machiavellistischsten Verstellung.

»Ich bin Diplomat und gehöre einem Orden an, in dem man sehr strenge Gelübde ablegt; ich verstehe alles und bin daran gewöhnt, zu leiden. Ich wäre schon frei, wenn Sie bei mir das Versteck gefunden hätten, in dem meine Papiere liegen; denn ich sehe, Sie haben nur Blätter ohne jede Bedeutung beschlagnahmt . . .«

Das war für Camusot ein Gnadenstoß: Jakob Collin hatte bereits durch seine Ruhe und seine Einfachheit jeden Argwohn wieder ausgeglichen, den der Anblick seines Kopfes geweckt hatte. »Wo sind diese Papiere?« »Ich werde Ihnen das Versteck angeben, wenn Sie Ihren Boten von einem Sekretär der spanischen Gesandtschaft begleiten lassen wollen; der wird sie in Empfang nehmen, und ihm werden Sie dafür haften, denn es handelt sich um meinen Staat, um diplomatische Akten und um Geheimnisse, die den verstorbenen König Ludwig XVIII. bloßstellen. Ach, Herr Richter, es wäre besser . . . Nun, Sie sind Richter! . . . Übrigens wird der Gesandte, auf den ich mich in all dem berufe, entscheiden.«

In diesem Augenblick traten der Arzt und der Krankenwärter ein, nachdem der Gerichtsdiener sie gemeldet hatte. »Guten Tag, Herr Lebrun,« sagte Camusot; »ich habe Sie holen lassen, um festzustellen, in welchem Gesundheitszustand sich dieser Untersuchungsgefangene hier befindet. Er sagt, er sei vergiftet worden; er behauptet, seit vorgestern im Sterben zu liegen; sehen Sie zu, ob es gefährlich ist, ihn auszukleiden und zur Feststellung des Brandmals zu schreiten . . .«

Der Doktor Lebrun ergriff Jakob Collins Hand, fühlte ihm den Puls, ließ ihn die Zunge herausstrecken und sah ihn sehr aufmerksam an. Diese Untersuchung dauerte zehn Minuten.

»Der Untersuchungsgefangene«, sagte der Doktor, »hat schwer gelitten, aber er erfreut sich in diesem Augenblick großer Kraft . . .« »Diese trügerische Kraft, Herr Doktor, ist die Folge der nervösen Erregung, in die mich meine seltsame Lage versetzt,« erwiderte Jakob Collin mit der Würde eines Bischofs. »Das ist möglich,« sagte Herr Lebrun.

Auf einen Wink des Richters wurde der Gefangene entkleidet; man ließ ihm seine Hose, aber alles andere zog man ihm aus, selbst das Hemd; und nun konnte man einen behaarten Rumpf von zyklopischer Kraft bewundern. Es war der neapolitanische Herkules Farnese ohne seine riesenhafte Übertreibung. »Wozu bestimmt die Natur so gebaute Menschen! . . .« sagte der Arzt zu Camusot.

Der Gerichtsdiener kehrte mit jenem Ebenholzschlegel zurück, der seit unvordenklichen Zeiten das Wahrzeichen des Amtes ist und den man den Pedellenstab nennt; er schlug ein paarmal damit auf die Stelle, wo der Henker die schändenden Buchstaben aufgedrückt hatte. Siebzehn Löcher wurden sichtbar, alle launisch verteilt; aber trotz der Sorgfalt, mit der man den Rücken untersuchte, erkannte man nirgends die Form eines Buchstabens. Nur machte der Gerichtsdiener darauf aufmerksam, daß der Querstrich des T von zwei Löchern markiert wurde, deren Abstand so lang war, wie dieser Strich zwischen den beiden Kommas, die ihn an den Enden abschließen, sein müßte, während ein weiteres Loch das untere Ende des Hauptstrichs angab. »Das ist doch recht unbestimmt,« sagte Camusot, als er sah, wie sich auf dem Gesicht des Arztes der Conciergerie der Zweifel malte, Carlos verlangte, daß man den gleichen Versuch auf der andern Schulter und mitten auf dem Rücken wiederholte. Es wurden etwa fünfzehn weitere Narben sichtbar, die der Doktor auf Verlangen des Spaniers ansah; und er erklärte, der Rücken sei so tief von Wunden durchfurcht worden, daß das Mal selbst dann nicht wieder sichtbar werden könnte, wenn der Henker es aufgedrückt hätte.

In diesem Augenblick trat ein Bureaudiener der Polizeipräfektur ein, überreichte Herrn Camusot ein Schriftstück und bat um Antwort. Als der Richter es gelesen hatte, trat er zu Coquart und sprach mit ihm, doch flüsterte er ihm seine Worte so leise ins Ohr, daß niemand etwas hören konnte. Nur Jakob Collin erriet an einem Blick Camusots, daß soeben der Polizeipräfekt eine Auskunft über ihn übermittelt hatte. ›Ich habe immer noch Peyrades Freund auf den Fersen.‹ dachte Jakob Collin; ›wenn ich ihn kennte, würde ich mich seiner wie Contensons entledigen. Wenn ich nur Asien noch einmal sehen könnte! . . .‹

Als der Richter das von Coquart geschriebene Papier unterzeichnet hatte, tat er es in ein Kuvert und reichte es dem Boten des Kommissionsbureaus. Das Kommissionsbureau ist ein der Justiz unentbehrliches Hilfsmittel. Es wird geleitet von einem Polizeikommissar, der ad hoc ernannt wird, und setzt sich zusammen aus Polizeibeamten, die mit Hilfe der Polizeikommissare der einzelnen Quartiere die Haussuchungen und selbst Verhaftungen in den Häusern derer vornehmen, die in Verdacht stehen, an Verbrechen oder Vergehungen mitschuldig zu sein. Diese Kommissionäre der Gerichtsgewalt ersparen den Richtern, die mit einer Untersuchung betraut sind, kostbare Zeit.

Auf einen Wink des Richters wurde der Untersuchungsgefangene von Herrn Lebrun und dem Krankenwärter wieder angekleidet; dann zogen die beiden sich mit dem Gerichtsdiener zurück. Camusot setzte sich an seinen Schreibtisch und begann mit seiner Feder zu spielen. »Sie haben eine Tante,« sagte er dann unvermittelt zu Jakob Collin. »Eine Tante!« erwiderte Carlos Herrera erstaunt; »aber, Herr Richter, ich habe keine Verwandten; ich bin ein nicht anerkanntes Kind des verstorbenen Herzogs von Ossuna.« Und bei sich selber sagte er: ›Sie brennen!‹ eine Anspielung auf das Versteckspiel, das übrigens ein kindliches Bild des furchtbaren Kampfes zwischen der Justiz und dem Verbrecher ist.

»Bah!« sagte Camusot, »geben Sie's zu, Sie haben Ihre Tante noch, Fräulein Jacqueline Collin, die Sie unter dem wunderlichen Namen Asien bei der Fräulein Esther untergebracht haben.« Jakob Collin zuckte gleichgültig mit den Schultern, wie es vollkommen der neugierigen Miene entsprach, mit der er die Worte des Richters entgegennahm, während ihn der mit heimtückischer Aufmerksamkeit ansah. »Nehmen Sie sich in acht,« fuhr Camusot fort; »und hören Sie mir genau zu.« »Ich höre, Herr Richter.« »Ihre Tante hat einen Handel auf dem Trödelmarkt; er wird geführt von einem Fräulein Paccard, der Schwester eines Verurteilten, übrigens einem sehr ehrenwerten Mädchen, mit dem Beinamen ›die Romette‹. Die Justiz ist ihrer Tante auf der Spur, und in wenigen Stunden werden wir entscheidende Beweise in Händen haben. Diese Frau ist Ihnen sehr ergeben . . .« »Fahren Sie fort, Herr Richter,« sagte Jakob Collin ruhig, und zwar als Antwort auf die Pause, die Camusot machte, »ich höre Ihnen zu.« »Ihre Tante, die um etwa fünf Jahre älter ist als Sie, ist die Geliebte Marats, unseligen Angedenkens, gewesen. Aus dieser blutigen Quelle stammt der Kern des Vermögens, das sie besitzt . . . Sie ist nach den Auskünften, die ich erhalte, eine sehr gewandte Hehlerin, denn man hat noch keine Beweise gegen sie. Nach dem Tode Marats soll sie, wie man mir mitteilt – ich halte den Bericht hier in Händen – einem im Jahre XII wegen Falschmünzerei zum Tode verurteilten Chemiker angehört haben. Sie ist als Zeugin im Prozeß vernommen worden. Während dieses intimen Verkehrs soll sie sich Kenntnisse in der Toxikologie erworben haben. Vom Jahre XII bis 1806 ist sie Kleiderhändlerin gewesen. In den Jahren 1812 und 1816 hat sie zwei Jahre Gefängnis verbüßt, weil sie Minderjährige verkuppelt hatte . . . Sie selbst waren wegen Fälschung schon damals vorbestraft, Sie hatten das Bankhaus verlassen, in dem Ihre Tante Ihnen dank der Erziehung, die Sie genossen haben, und dank der Beziehungen, die sie zu Leuten hatte, deren Verderbtheit sie ihre Opfer lieferte, eine Stellung als Kommis verschafft hatte . . . All das, Gefangener, würde wenig zur Größe der Herzöge von Ossuna stimmen . . . Bleiben Sie bei Ihrem Leugnen?«

Während Jakob Collin Herrn Camusot anhörte, dachte er an seine glückliche Kindheit im Kloster der Oratorianer, das er verlassen hatte; diese Gedanken gaben ihm den wahrhaft erstaunten Ausdruck. Trotz der Gewandtheit seiner fragenden Redeweise entlockte Camusot diesen ruhigen Zügen nicht die geringste Bewegung.

»Wenn Sie die Erklärung, die ich Ihnen gleich zu Anfang gab, getreu niedergeschrieben haben, so können Sie sie wieder durchlesen,« erwiderte Jakob Collin; »ich kann mir nicht widersprechen . . . Ich habe bei der Kurtisane nicht verkehrt; wie sollte ich wissen, wen sie zur Köchin hatte? Ich bin den Personen, von denen Sie sprechen, völlig fremd.« »Wir werden trotz Ihres Leugnens zu Gegenüberstellungen schreiten, die Ihre Zuversicht erschüttern dürften.« »Ein schon einmal füsilierter Mann ist an alles gewöhnt,« erwiderte Jakob Collin sanft.

Camusot wandte sich wieder den beschlagnahmten Papieren zu, während er auf die Rückkehr des Chefs des Sicherheitsdienstes wartete; der hatte sich sehr beeilt, denn es war halb zwölf, gegen halb elf hatte das Verhör begonnen, und jetzt kam der Gerichtsdiener, um dem Richter mit leiser Stimme zu melden, daß Bibi-Lupin eingetroffen sei. »Er soll eintreten!« erwiderte Herr Camusot.

Beim Eintritt blieb Bibi-Lupin, von dem man ein ›Er ist es!‹ erwartete, überrascht stehen. Er erkannte den Kopf seines ›Kunden‹ nicht in diesem pockennarbigen Gesicht. Das Zögern machte tiefen Eindruck auf den Richter. »Es ist sein Wuchs, seine Korpulenz,« sagte der Agent. »Ah, du bist es, Jakob Collin,« fuhr er fort, indem er die Augen, den Schnitt der Stirn und die Ohren prüfte. »Es gibt Dinge, die man nicht verwandeln kann . . . Er ist es, Herr Camusot . . . Jakob trägt auf dem linken Arm die Narbe eines Messerstichs; lassen Sie ihm seinen Rock ausziehen, dann werden Sie sehen . . .«

Von neuem wurde Jakob Collin gezwungen, seinen Rock auszuziehen; Bibi-Lupin streifte ihm den Ärmel des Hemdes hoch und zeigte die genannte Narbe. »Das ist eine Kugel,« erwiderte Don Carlos Herrera; »hier sind viele Narben.« »Ah, das ist auch seine Stimme!« rief Bibi-Lupin. »Ihre Gewißheit«, sagte der Richter, »gilt nur als einfache Auskunft, nicht als Beweis.« »Ich weiß,« erwiderte Bibi-Lupin demütig, »aber ich werde Zeugen für Sie finden. Die eine der Pensionärinnen des Hauses Vauquer ist schon da . . .« sagte er mit einem Blick auf Collin.

Das ruhige Gesicht, das Collin bewahrte, zuckte nicht. »Lassen Sie diese Person eintreten,« sagte Herr Camusot sehr bestimmt; trotz seiner scheinbaren Gleichgültigkeit blickte seine Unzufriedenheit durch.

Diese Regung fiel Jakob Collin, der wenig mit der Sympathie seines Untersuchungsrichters rechnete, auf. Er versank in eine Apathie, die die Folge des angestrengten Nachdenkens war, dem er sich auf der Suche nach ihrem Grunde überließ. Der Gerichtsdiener führte Frau Poiret herein, deren unerwarteter Anblick bei dem Sträfling ein leichtes Zittern zur Folge hatte; aber dieses Erbeben wurde von dem Richter, der seine Entscheidung gefällt zu haben schien, nicht bemerkt.

»Wie heißen Sie?« fragte der Richter, indem er zur Erfüllung der Formalitäten schritt, die allen Aussagen und Verhören vorhergehen.

Frau Poiret, eine kleine weiße Greisin, runzlig wie eine Kalbsmilch, bekleidet mit einem Kleid aus grober blauer Seide, erklärte, sie heiße Christine Michelina Michonneau, Gattin des Herrn Poiret; sie sei einundfünfzig Jahre alt, in Paris geboren, wohne Rue des Poules, Ecke Rue des Postes, und treibe als Gewerbe das einer Zimmervermieterin. »Sie haben«, sagte der Richter, »1818 und 1819 in einem bürgerlichen Kosthaus gewohnt, das von einer Frau Vauquer gehalten wurde?« »Ja, Herr Richter, da habe ich die Bekanntschaft des Herrn Poiret, eines pensionierten Beamten, gemacht, der später mein Mann wurde; seit einem Jahr muß ich ihn im Bett hüten . . . Der Arme! er ist so krank. Deshalb kann ich auch nicht lange von zu Hause wegbleiben.« »Damals lebte in dieser Pension ein gewisser Vautrin?« fragte der Richter. »Oh, Herr Richter, das ist eine ganze Geschichte! Das war ein furchtbarer Galeerensträfling . . .« »Sie haben bei seiner Verhaftung mitgewirkt.« »Das ist nicht wahr . . .« »Sie stehen vor dem Richter, nehmen Sie sich in acht . . .« sagte Herr Camusot streng. Frau Poiret bewahrte Schweigen. »Suchen Sie Ihre Erinnerungen zusammen,« fuhr Camusot fort. »Entsinnen Sie sich dieses Menschen? . . . Würden Sie ihn wiedererkennen?« »Ich glaube.« »Ist es der Mann da?« fragte der Richter.

Frau Poiret setzte ihre Brille auf und sah den Abbé Carlos Herrera an. »Es sind seine Schultern, sein Wuchs; aber . . . nein . . . doch . . . Herr Richter,« erwiderte sie; »wenn ich seine Brust nackt sehen könnte, würde ich ihn auf der Stelle wiedererkennen.« (Siehe ›Vater Goriot‹.)

Der Richter und der Kanzlist konnten sich trotz des Ernstes ihrer Obliegenheiten eines Lachens nicht erwehren; Jakob Collin teilte ihre Heiterkeit, doch mit Mäßigung. Der Untersuchungsgefangene hatte den Rock, den Bibi-Lupin ihm ausgezogen hatte, noch nicht wieder angelegt, und auf einen Wink des Richters öffnete er gefällig sein Hemd. »Es ist seine Behaarung . . . Aber sie ist grau geworden, Herr Vautrin!« rief Frau Poiret aus.

»Was haben Sie darauf zu erwidern?« fragte der Richter den Untersuchungsgefangenen. »Das ist eine Wahnsinnige!« »Ach, mein Gott, wenn ich noch einen Zweifel hätte, denn dasselbe Gesicht hat er nicht mehr, so würde diese Stimme genügen . . . Er ist es, der mich bedroht hat . . . Ah, das ist sein Blick!«

»Der Agent der Kriminalpolizei und diese Frau«, fuhr der Richter fort, indem er sich an Jakob Collin wandte, »haben sich nicht verständigen können, um die gleichen Dinge über Sie auszusagen, denn weder der eine noch die andere hatten Sie vorher gesehen; wie erklären Sie sich das?« »Die Rechtsprechung hat wohl noch größere Irrtümer begangen, als der es ist, zu dem das Zeugnis dieser Frau, die einen Menschen an der Behaarung seiner Brust wiedererkennt, und der Verdacht eines Polizeiagenten führen würden,« erwiderte Jakob Collin. »Man findet bei mir Ähnlichkeiten mit einem großen Verbrecher, das ist schon recht unbestimmt. Was die Erinnerung angeht, die zwischen der Frau und meinem Doppelgänger Beziehungen beweisen würde, über die sie nicht errötet . . . so haben Sie selbst darüber gelacht. Wollen Sie, Herr Richter, im Interesse der Wahrheit, die ich für meine Rechnung lebhafter festzustellen wünsche, als Sie es für Rechnung der Justiz wünschen können . . . wollen Sie diese Frau . . . Foi–« »Poiret.« »Poiret – verzeihen Sie . . . ich bin Spanier – fragen, ob sie sich entsinnt, welche anderen Leute in dieser . . . Wie nennen Sie das Haus?« »Ein bürgerliches Kosthaus,« sagte Frau Poiret. »Ich weiß nicht, was das ist,« erwiderte Jakob Collin. »Das ist ein Haus, in dem man auf sein Frühstück und sein Mittagbrot abonniert.«

»Sie haben recht;« rief Camusot aus, indem er mit dem Kopf eine Jakob Collin günstige Bewegung machte; so sehr beeinflußte ihn der offenbar gute Wille, mit dem er ihm die Mittel angab, wie man zu einem Ergebnis kommen könnte. »Versuchen Sie, sich der Abonnenten zu entsinnen, die sich zur Zelt der Verhaftung Jakob Collins in der Pension befanden.« »Da wohnten Herr von Rastignac, der Doktor Bianchon, Vater Goriot, Fräulein Taillefer . . .« »Schön,« sagte der Richter, der Jakob Collin unablässig beobachtete; doch dessen Gesicht blieb unerschüttert. »Nun also, dieser Vater Goriot . . .« »Der ist tot,« sagte Frau Poiret.

»Herr Richter,« sagte Jakob Collin, »ich bin bei Lucien mehrmals einem Herrn von Rastignac begegnet, der, wie ich glaube, mit Frau von Nucingen befreundet ist; und wenn von ihm die Rede sein sollte, so hat er mich niemals für den Sträfling gehalten, mit dem man mich zu verwechseln sucht . . .« »Herr von Rastignac und Doktor Bianchon nehmen beide eine solche soziale Stellung ein, daß ihr Zeugnis, wenn es Ihnen günstig ist, genügen würde, damit man Sie freiläßt. – Coquart, stellen Sie die Vorladungen aus.«

In wenigen Minuten waren die Formalitäten der Aussage der Frau Poiret erledigt; Coquart las ihr das Protokoll der Szene, die sich eben abgespielt hatte, vor, und sie unterschrieb es; aber der Untersuchungsgefangene verweigerte die Unterschrift, indem er sich darauf berief, daß ihm die Formen der französischen Rechtsprechung unbekannt seien.

»Das dürfte wohl für heute genug sein,« sagte Herr Camusot; »Sie werden das Bedürfnis fühlen, einige Nahrung zu sich zu nehmen; ich werde Sie in die Conciergerie zurückführen lassen.« »Ach, ich leide zu sehr, als daß ich essen könnte,« erwiderte Jakob Collin.

Camusot wollte es so einrichten, daß der Augenblick der Rückkehr Jakob Collins zusammenfiel mit der Stunde des Spaziergangs der Angeklagten im Gefängnishof; aber er wollte zuvor eine Antwort des Direktors der Conciergerie auf den Befehl erwarten, den er ihm morgens gegeben hatte; er schellte also, um seinen Gerichtsdiener hinunterzuschicken. Der Gerichtsdiener kam und sagte, die Pförtnerin des Hauses auf dem Quai Malaquais habe ihm wichtige Akten zu übergeben, die sich auf Herrn Lucien von Rubempré bezögen. Dieser Zwischenfall nahm eine solche Bedeutung an, daß Camusot seine Absicht darüber vergaß. »Sie soll eintreten,« sagte er.

»Verzeihung, Entschuldigung, Herr Richter,« sagte die Pförtnerin, indem sie abwechselnd den Richter und den Abbé Carlos Herrera grüßte. »Wir waren in solcher Aufregung, mein Mann und ich, durch die Justiz; zweimal ist sie gekommen, daß wir in unserer Kommode einen Brief vergessen haben, der an Herrn Lucien gerichtet ist; und wir haben noch zehn Sous dafür bezahlt, obgleich er aus Paris ist; denn er ist sehr schwer. Wollen Sie mir das Porto ersetzen? Gott weiß, wann wir unsere Mieter wiedersehen!« »Dieser Brief ist Ihnen von dem Briefträger eingehändigt worden?« fragte Camusot, nachdem er das Kuvert sehr aufmerksam betrachtet hatte. »Ja, Herr Richter.« »Coquart, Sie werden diese Erklärung zu Protokoll nehmen. – Hier, gute Frau. Geben Sie Ihren Namen, Ihren Stand und so weiter an.« Camusot vereidigte die Pförtnerin; dann diktierte er das Protokoll.

Während er diese Förmlichkeiten erfüllte, untersuchte er den Poststempel, der die Aufgabe- und die Ausgabestunden trug, sowie das Datum angab, Nun war dieser Brief, der bei Lucien am Tage nach Esthers Tode abgegeben wurde, ohne jeden Zweifel am Tage der Katastrophe geschrieben und auf die Post gegeben worden.

Man wird sich also vorstellen können, wie verblüfft Herr Camusot war, als er diesen Brief las, der geschrieben und unterzeichnet war von dem Wesen, das die Justiz für das Opfer eines Verbrechens hielt.

»Montag, den 13. Mai 1830.
(Am letzten Tage meines Lebens, zehn Uhr morgens.)

Mein Lucien, ich habe keine Stunde mehr zu leben. Um elf Uhr werde ich tot sein, und ich werde ohne jeden Schmerz sterben. Ich habe fünfzigtausend Franken für eine hübsche kleine schwarze Johannisbeere bezahlt, die ein mit Blitzesgeschwindigkeit tötendes Gift enthält. Du kannst Dir also sagen, mein Liebchen: ›Meine kleine Esther hat nicht gelitten . . .‹ Ja, ich werde nur leiden, während ich Dir diese Seiten schreibe.

Dieses Ungeheuer, das mich so teuer bezahlte, obwohl er wußte, daß der Tag, an dem ich mich als ihm gehörig ansehen würde, kein Morgen für mich haben sollte, dieser Nucingen ist fort; er war berauscht wie ein Bär, den man betrunken gemacht hat. Zum ersten- und letztenmal in meinem Leben habe ich meinen ehemaligen Beruf als Freudenmädchen mit dem Leben der Liebe vergleichen, die Zärtlichkeit, die im Unendlichen aufblüht, über das Grauen der Pflicht decken können, die sich so sehr vernichten möchte, daß auch für einen Kuß kein Raum mehr bleibt. Es bedurfte dieses Ekels, damit ich den Tod anbetungswürdig fand . . . Ich habe ein Bad genommen; ich wollte, ich hätte den Beichtvater des Klosters, in dem ich die Taufe empfing, kommen lassen, beichten und mir die Seele reinwaschen können. Aber es ist an der Prostitution ohnehin genug; das hieße ein Sakrament profanieren, und ich fühle zudem, daß ich schon in den Wassern einer aufrichtigen Reue gebadet bin. Gott wird mit mir beginnen, was er will.

Lassen wir all dies Gewinsel, ich will für Dich bis zum letzten Augenblick Deine Esther sein, Dich nicht mehr mit meinem Tod, mit der Zukunft, mit dem lieben Gott langweilen, der auch nicht mehr lieb wäre, wenn er mich in der andern Welt folterte, nachdem ich in dieser schon so viel Schmerzen habe erleiden müssen.

Ich habe Dein entzückendes Bild vor mir, das Frau von Mirbel gemacht hat. Dieses Stück Elfenbein hat mich über Deine Abwesenheit hinweggetröstet; ich sehe es berauscht an, während ich Dir meine letzten Gedanken schreibe und Dir meine letzten Herzschläge schildere. Ich werde Dir das Bild in diesen Brief einlegen, denn ich will nicht, daß man es raube oder verkaufe. Der bloße Gedanke daran, daß das, was meine Freude ausgemacht hat, in der Auslage eines Händlers mit Bildern von Damen oder Offizieren des Kaiserreichs oder chinesischen Kuriositäten durcheinandergerät, jagt mir einen Schüttelfrost über den Körper. Mein Liebling, vernichte dieses Bild, gib es niemandem . . . es sei denn, daß dieses Geschenk Dir das Herz jener wandelnden und kleidertragenden Latte, jener Klotilde von Grandlieu, zurückerobert, die Dir Beulen stoßen wird des Nachts, so spitze Knochen hat sie . . . Ja, darein willige ich, da wäre ich Dir noch wie zu Lebzeiten zu etwas nütze. Ach, um Dir Vergnügen zu machen, oder wenn Du auch nur darüber gelacht hättest, wäre ich vor einem Kohlenbecken niedergekniet, einen Apfel im Munde, um ihn Dir zu rösten! Mein Tod wird Dir also noch nützlich sein . . . Ich hätte Dein Haus gestört . . . Oh, diese Klotilde! Ich verstehe sie nicht! Sie kann Deine Frau sein, Deinen Namen tragen, braucht Dich weder Tag noch Nacht zu verlassen, darf Dir gehören und macht Umstände! Dazu muß man aus dem Faubourg Saint-Germain sein! Und keine zehn Pfund Fleisch auf den Knochen haben . . .

Armer Lucien! Teurer gescheiterter Ehrgeiziger, ich denke an Deine Zukunft! Sieh, Du wirst mehr als einmal Deinen armen treuen Hund herbeisehnen, das gute Mädchen, das für Dich stahl, das sich hätte vors Schwurgericht schleppen lassen, um Dein Glück zu sichern; deren einzige Beschäftigung es war, an Deine Genüsse zu denken, Dir neue zu erfinden; der die Liebe zu Dir im Haar, in den Füßen, in den Ohren stak; kurz Deine ›ballerina‹, deren sämtliche Blicke ebensoviel Segenssprüche waren; die sechs Jahre hindurch nur an Dich gedacht hat, die so sehr Dein Eigentum war, daß sie stets nur einen Ausfluß Deiner Seele bildete, wie das Licht ein Ausfluß der Sonne ist. Aber schließlich, da mir Geld und Ehre fehlen, so kann ich, ach, Deine Frau nicht werden . . . Immerhin habe ich für Deine Zukunft gesorgt, indem ich Dir alles gab, was ich besitze . . . Komm, sowie Du diesen Brief erhalten hast, und nimm, was unter meinem Kopfkissen liegt, denn ich mißtraue den Leuten im Hause . . .

Siehst Du, ich will schön sein als Tote, ich werde mich legen und auf dem Bett ausstrecken; ich werde posieren! Dann werde ich die Johannisbeere gegen den Gaumenbogen drücken, und so werde ich weder durch Krämpfe noch durch eine lächerliche Haltung entstellt werden.

Ich weiß, daß Frau von Sérizy sich um meinetwillen mit Dir überworfen hat; aber siehst Du, Maus, wenn sie erfährt, daß ich tot bin, so wird sie Dir vergeben, Du wirst ihr wieder den Hof machen, und sie wird Dich gut verheiraten, wenn die Grandlieus bei ihrer Weigerung bleiben.

Mein Liebling, ich will nicht, daß Du lange Klagen erhebst, wenn Du von meinem Tode erfährst. Zunächst muß ich Dir sagen, daß die elfte Stunde am Montag des 13. Mai nur der Abschluß einer langen Krankheit ist, die begann, als Ihr mich auf der Terrasse von Saint-Germain in meine alte Laufbahn zurückstießet . . . Man leidet seelisch, wie man körperlich leidet. Nur kann die Seele das Leiden nicht so dumm über sich ergehen lassen wie der Körper; der Körper stützt die Seele nicht, wie die Seele den Körper stützt, und die Seele hat die Möglichkeit, sich in der Gedankenreihe Heilung zu suchen, aus der heraus die Näherinnen ihre Zuflucht zum Kohlenbecken nehmen. Du hast mir vorgestern ein ganzes Leben gegeben, als Du sagtest, wenn Klotilde Dich nochmals zurückstieße, würdest Du mich heiraten. Das wäre für uns beide ein großes Unglück geworden, ich wäre sozusagen nur um so mehr tot; denn es gibt Tode, die mehr oder minder bitter sind. Nie hätte die Gesellschaft uns aufgenommen.

Jetzt denke ich schon seit zwei Monaten über sehr viele Dinge nach. Ein armes Mädchen steckt im Schmutz, wie ich es tat, ehe ich ins Kloster eintrat; die Männer finden sie schön; sie machen sie ihren Genüssen dienstbar, indem sie sich jeder Rücksicht entbinden; sie schicken sie zu Fuß davon, nachdem sie sie im Wagen geholt hatten; wenn sie ihr nicht ins Gesicht speien, so liegt das daran, daß ihre Schönheit sie vor dieser Beschimpfung schützt; aber moralisch tun sie Schlimmeres. Nun, dieses Mädchen erbe fünf bis sechs Millionen, so werden Prinzen sie aufsuchen, man wird sie achtungsvoll grüßen, wenn sie im Wagen vorüberfährt; sie wird unter den ältesten Wappenschildern Frankreichs und Navarras wählen können. Diese Gesellschaft, die auf uns schimpfen würde, wenn sie zwei schöne Wesen im Glück vereint sähe, hat Frau von Staël beständig gegrüßt, trotz aller laufenden Romane, weil sie zweihunderttausend Franken Rente hatte. Die Gesellschaft, die sich vor dem Reichtum und dem Ruhm beugt, will sich nicht vor dem Glück noch vor der Tugend beugen, denn ich hätte auch Gutes getan . . . Oh, wie viel Tränen hätte ich getrocknet! Ebensoviel, wie ich vergossen habe! Ja, ich hätte nur für Dich und die Wohltätigkeit leben wollen.

Das sind die Gedanken, die mir den Tod anbetungswürdig machen. Also stimme keine Klagen an, mein Liebster! Sag Dir oft: ›Zwei gute Mädchen, zwei schöne Geschöpfe haben gelebt; beide sind für mich gestorben, ohne mir zu grollen, und sie beteten mich an!‹ Errichte in Deinem Herzen Coralie und Esther einen Gedenkstein und geh Deines Weges! Entsinnst Du Dich des Tages, an dem Du mir eine verschrumpfte Alte in melonengrünem Überwurf und flohbraunem Mantel mit schwarzen Fettflecken zeigtest, die vor der Revolution die Geliebte eines Dichters gewesen war; die Sonne wärmte sie kaum, obgleich sie sich wie eine Statistin in die Tuilerien gestellt hatte, während sie sich um einen grauenhaften Mops Sorge machte, um den letzten der Möpse? Du weißt, sie hatte Lakaien, Equipagen und ein Hotel gehabt! Ich sagte Dir damals: ›Es ist besser, man stirbt mit dreißig Jahren!‹ Nun, an jenem Tage fandest Du mich nachdenklich; Du machtest Narrheiten, um mich zu zerstreuen; und zwischen zwei Küssen sagte ich Dir noch: ›Jeden Tag verlassen die Frauen das Theater vor dem Schluß! . . .‹ Nun also, ich habe den letzten Akt nicht mehr sehen wollen, das ist alles . . .

Du wirst mich geschwätzig finden, aber es ist mein letztes Geplapper. Ich schreibe Dir, wie ich mit Dir sprach, und ich will lustig sprechen mit Dir. Die Schneiderinnen, die sich beklagen, habe ich immer verabscheut; Du weißt, ich habe schon einmal gut zu sterben verstanden, als ich zurückkehrte von jenem verhängnisvollen Opernball, wo man Dir sagte, ich sei eine Dirne gewesen!

O nein, mein Liebling, verschenke dieses Bild niemals! Wenn Du wüßtest, mit welchen Fluten der Liebe ich mich eben in Deine Augen versenkt habe, indem ich sie während einer Pause, die ich machte, berauscht ansah, so würdest Du glauben, wenn Du die Liebe wieder abnähmst, die ich auf dieses Elfenbein zu kristallisieren versucht habe, daß da die Seele Deines Liebchens liegt.

Eine Tote, die um ein Almosen bettelt, das ist doch Komik! . . . Doch man muß es verstehen, sich in seinem Grabe ruhig zu halten.

Du weißt nicht, wie heroisch mein Tod den Dummköpfen erscheinen würde, wenn sie wüßten, daß Nucingen mir heute nacht zwei Millionen geboten hat, wenn ich ihn lieben wollte, wie ich Dich liebe. Er wird sich hübsch gefoppt vorkommen, wenn er erfährt, daß ich ihm Wort gehalten habe, indem ich an ihm starb. Ich habe alles versucht, um auch fernerhin die Luft atmen zu können, die Du atmest. Ich habe diesem dicken Dieb gesagt: ›Wollen Sie geliebt werden, wie Sie es wünschen? Ich will mich sogar verpflichten, Lucien nie wiederzusehen . . .‹ ›Was muß ich tun?‹ fragte er. ›Geben Sie mir zwei Millionen für ihn!‹ Nein, wenn Du seine Grimasse gesehen hättest! . . . Ach, ich hätte darüber gelacht, wenn es für mich nicht so tragisch gewesen wäre. ›Ersparen Sie sich eine Abweisung,‹ sagte ich. ›Ich sehe, Ihnen liegt mehr an Ihren zwei Millionen, als an mir. Eine Frau ist immer froh, wenn sie weiß, was sie wert ist,‹ fügte ich hinzu, indem ich ihm den Rücken wandte.

Dieser alte Halunke weiß in ein paar Stunden, daß ich nicht scherzte.

Wer wird Dir wie ich den Scheitel ins Haar ziehen? Bah, ich will an nichts aus dem Leben mehr denken, ich habe nur noch fünf Minuten; die schenke ich Gott; sei nicht eifersüchtig auf ihn, mein lieber Engel, ich will ihm von Dir reden, Dein Glück als Preis für meinen Tod und meine Strafen in der andern Welt erbitten. Es langweilt mich, daß ich in die Hölle soll; ich hätte gern die Engel gesehen, um zu erfahren, ob sie Dir gleichen . . .

Adieu, mein Liebling, adieu! Ich segne Dich mit meinem ganzen Unglück. Bis ins Grab hinein bleibe ich

Deine Esther.

Es schlägt elf Uhr. Ich habe mein letztes Gebet verrichtet, ich will mich jetzt legen, um zu sterben. Noch einmal, adieu! Ich wollte, die Wärme meiner Hand ließe hier meine Seele zurück, wie ich einen letzten Kuß darauf drücke; und ich will Dich noch einmal mein reizendes Kätzchen nennen, obwohl Du die Ursache des Todes bist Deiner

Esther.«

Eine Regung von Eifersucht zog dem Richter das Herz zusammen, als er die Lektüre des einzigen Selbstmörderbriefes beendet hatte, den er je mit dieser Lustigkeit geschrieben fand, wenn es auch eine fieberische Lustigkeit und das letzte Ringen einer blinden Zärtlichkeit war. ›Was hat er nur so Besonderes, daß er so geliebt wird?‹ dachte er und wiederholte damit nur, was alle Männer sagen, denen die Gabe fehlt, den Frauen zu gefallen. »Wenn es Ihnen möglich ist, zu beweisen, daß Sie nicht nur nicht Jakob Collin sind, ein entsprungener Sträfling, sondern auch, daß Sie wirklich Don Carlos Herrera, der Stiftsherr von Toledo, der geheime Gesandte Seiner Majestät Ferdinands VII. sind,« sagte der Richter zu Jakob Collin, »so werden Sie in Freiheit gesetzt, denn die Unparteilichkeit, die mein Amt verlangt, verpflichtet mich, Ihnen zu sagen, daß ich in diesem Augenblick von dem Fräulein Esther Gobseck einen Brief erhalte, in dem sie die Absicht ausspricht, Selbstmord zu begehen, und über ihre Dienstboten einen Argwohn durchblicken läßt, der sie als die Urheber der Entwendung der siebenhundertfünfzigtausend Franken zu bezeichnen scheint.«

Während er sprach, verglich Herr Camusot die Schrift des Briefes mit der des Testamentes, und ihm wurde klar, daß der Brief von derselben Person geschrieben war wie das Testament. »Herr Richter, Sie haben zu voreilig an einen Mord geglaubt, glauben Sie nicht jetzt zu voreilig an einen Diebstahl!« »Ah! . . .« sagte Camusot, indem er einen Richterblick auf den Untersuchungsgefangenen warf. »Glauben Sie nicht, ich stellte mich bloß, wenn ich Ihnen sage, daß diese Summe sich wiederfinden kann,« fuhr Jakob Collin fort, indem er dem Richter zu verstehen gab, daß er seinen Argwohn begriffen habe. »Dieses arme Mädchen wurde von ihren Leuten herzlich geliebt; und wenn ich frei wäre, würde ich es übernehmen, das Geld zu suchen, das jetzt Lucien gehört, dem Wesen, das ich von allen in der Welt am meisten liebe . . . Würden Sie die Güte haben, mich diesen Brief lesen zu lassen? Ich werde schnell damit fertig sein . . . Es ist der Beweis für die Unschuld meines armen Kindes . . . Sie können nicht fürchten, daß ich ihn vernichte . . . noch auch, daß ich darüber rede: ich befinde mich in Einzelhaft.« »In Einzelhaft . . .« rief der Richter; »darin sollen Sie nicht bleiben. Ich selbst bitte Sie, Ihre Personalien so schnell wie möglich aufzuklären; nehmen Sie Ihre Zuflucht zum Gesandten, wenn Sie wollen . . .« Und er reichte Jakob Collin den Brief hin.

Camusot war glücklich, daß er aus der Verlegenheit kam, indem er den Oberstaatsanwalt und die Damen von Maufrigneuse und von Sérizy befriedigen konnte. Nichtsdestoweniger sah er sich das Gesicht seines Untersuchungsgefangenen kühl und neugierig an, während jener den Brief der Kurtisane las; und trotz der Aufrichtigkeit der Empfindungen, die sich darauf malten, sagte er sich: ›Und doch ist es eine Bagnophysiognomie!‹

»Das nenne ich Liebe! . . .« sagte Jakob Collin, indem er den Brief zurückgab. Und er zeigte Camusot ein von Tränen überströmtes Gesicht.

»Wenn Sie ihn kennten!« fuhr er fort. »Er ist eine so junge, so frische Seele, eine so wundervolle Schönheit, ein Kind, ein Dichter . . . Unwiderstehlich empfindet man das Bedürfnis, sich ihm zu opfern, seine geringsten Wünsche zu befriedigen. Dieser gute Lucien ist so entzückend, wenn er schmeichelt! . . .«

»Nun,« sagte der Richter mit einer letzten Anstrengung, die Wahrheit zu entdecken, »Sie können nicht Jakob Collin sein . . .« »Nein,« sagte der Sträfling. Und Jakob Collin wurde mehr als je zu Don Carlos Herrera. In dem Wunsch, sein Werk zu krönen, trat er auf den Richter zu, führte ihn in die Fensternische und gab sich das Ansehen eines Kirchenfürsten, während er einen vertraulichen Ton anschlug.

»Ich liebe dieses Kind so sehr, Herr Richter, daß, wenn ich der Verbrecher sein müßte, für den Sie mich halten, um diesem Idol meines Herzens eine Unannehmlichkeit zu ersparen, ich mich selbst anklagen würde,« sagte er mit leiser Stimme. »Ich würde das arme Mädchen nachahmen, das sich zu seinem Vorteil ermordet hat. Deshalb, Herr Richter, flehe ich Sie an, mir eine Gunst zu gewähren, und zwar die, daß Sie Lucien auf der Stelle in Freiheit setzen.« »Dem widersetzt sich meine Pflicht,« erwiderte Camusot gutmütig; »aber wenn man mit dem Himmel einen Vergleich schließen kann, so weiß die Justiz Rücksichten zu nehmen, und wenn Sie mir gute Gründe anführen können . . . Reden Sie, dies wird nicht niedergeschrieben.«

»Nun,« fuhr Jakob Collin fort, da die Gutmütigkeit Camusots ihn täuschte, »ich weiß, was dieses arme Kind in diesem Augenblick leidet; er ist imstande, etwas gegen sein Leben zu unternehmen, wenn er sich im Gefängnis sieht . . .« »Oh, was das angeht . . .« sagte Camusot mit einem Ruck des Oberkörpers. »Sie wissen nicht, wen Sie verpflichten, wenn Sie mich verpflichten,« fügte Jakob Collin hinzu, denn er wollte andere Saiten anschlagen. »Sie leisten einem Orden einen Dienst, der mächtiger ist als die Gräfin von Sérizy und die Herzogin von Maufrigneuse, die Ihnen nicht verzeihen werden, daß Sie ihre Briefe in Ihrem Zimmer hatten . . .« sagte er, indem er auf zwei parfümierte Bündel zeigte. »Mein Orden hat ein Gedächtnis . . .« »Genug,« sagte Camusot, »genug! Suchen Sie andere Gründe, die Sie mir angeben können. Ich bin ebensosehr für den Angeschuldigten da wie für die Wahrnehmung der öffentlichen Interessen.« »Nun, glauben Sie mir, ich kenne Lucien, er hat die Seele einer Frau, eines Dichters und Südländers, eine Seele ohne Halt und Willen,« fuhr Jakob Collin fort, denn er glaubte endlich erraten zu haben, daß der Richter auf seiner Seite stand. »Sie sind von der Unschuld dieses jungen Mannes überzeugt; quälen Sie ihn nicht, verhören Sie ihn nicht; übergeben Sie ihm diesen Brief, sagen Sie ihm, daß er Esthers Erbe ist, und setzen Sie ihn in Freiheit . . . Wenn Sie anders handeln, werden Sie einst darüber in Verzweiflung geraten; wenn Sie ihn dagegen ganz einfach freilassen, so werde ich Ihnen – behalten Sie mich in Einzelhaft – morgen, heute abend alles erklären, was Ihnen in dieser Angelegenheit noch geheimnisvoll erscheinen könnte, sowie auch die Gründe der erbitterten Verfolgung, die sich gegen mich richtet; aber ich setze dabei mein Leben aufs Spiel, man will mir seit fünf Jahren an den Kopf . . . Ist Lucien frei, reich und mit Klotilde von Grandlieu vermählt, so ist meine Aufgabe auf Erden erfüllt, und ich werde meine Haut nicht mehr verteidigen . . . Mein Verfolger ist ein Spion Ihres letzten Königs.« »Ah, Corentin!« »Ah, er heißt Corentin? . . . Ich danke Ihnen . . . Nun, Herr Richter, wollen Sie mir versprechen, um was ich Sie bitte?« »Ein Richter kann und darf nichts versprechen. – Coquart, beauftragen Sie den Gerichtsdiener und die Gendarmen, den Gefangenen in die Conciergerie zurückzuführen . . . Ich werde Befehl erteilen, daß Sie heute abend in die Pistole kommen,« fügte er sanft hinzu, indem er dem Gefangenen leicht mit dem Kopf zunickte.

Da Camusot die Bitte auffiel, die Jakob Collin soeben an ihn gerichtet hatte, und da er sich zugleich entsann, mit welcher Beharrlichkeit er verlangt hatte, als erster verhört zu werden, indem er sich auf seinen Krankheitszustand berief, so kehrte sein ganzes Mißtrauen zurück. Während er auf seinen unbestimmten Argwohn lauschte, sah er, wie der angeblich Sterbende gleich einem Herkules davonging, ohne all die gut gespielten Grimassen, die sein Auftreten begleitet hatten. »Herr Abbé?« Jakob Collin wandte sich um. »Mein Kanzlist wird Ihnen das Protokoll Ihres Verhörs trotz Ihrer Weigerung, es zu unterschreiben, vorlesen.«

Der Gefangene erfreute sich einer ausgezeichneten Gesundheit; die Bewegung, mit der er sich neben den Kanzlisten setzte, war für den Richter ein letzter Lichtstrahl. »Sie sind schnell genesen?« sagte Camusot. ›Ich bin gefaßt,‹ dachte Jakob Collin; dann antwortete er mit lauter Stimme: »Die Freude, Herr Richter, ist das einzige Allheilmittel, das es gibt . . . Dieser Brief, der Beweis einer Unschuld, an der ich nicht zweifelte . . . das ist die große Arznei.«

Der Richter folgte seinem Gefangenen, als ihn der Gerichtsdiener und die Gendarmen umringten, mit einem nachdenklichen Blick. Dann machte er die Bewegung eines Erwachenden und warf Esthers Brief auf den Tisch seines Kanzlisten. »Coquart, kopieren Sie diesen Brief.«

Wenn es schon in der Natur des Menschen liegt, allem zu mißtrauen, was zu tun man ihn bittet, sobald es gegen seine Interessen oder gegen seine Pflicht geht, oft sogar auch, wenn es ihm gleichgültig ist, so ist diese Empfindung für den Untersuchungsrichter Gesetz. Je mehr Wolken der Untersuchungsgefangene, dessen Personalien noch nicht feststanden, am Horizont ahnen ließ, falls Lucien verhört würde, um so notwendiger erschien Camusot dieses Verhör. Wäre diese Formalität auch nach dem Gesetz und dem Brauch nicht unentbehrlich gewesen, so wurde sie durch die Frage nach der Identität des Abbé Carlos Herrera erforderlich. In allen Laufbahnen gibt es ein Berufsgewissen. Wäre Camusot nicht neugierig gewesen, so hätte er Lucien aus Rücksicht auf seine Richterehre doch verhört, wie er eben Jakob Collin verhört hatte, nämlich unter Entfaltung der Listen, die sich selbst der rechtschaffenste Richter erlaubt. Der Dienst, den er leisten konnte, seine Beförderung, all das kam bei Camusot erst nach dem Wunsch, die Wahrheit zu erfahren, sie zu erraten, um sie dann vielleicht zu verschweigen. Er trommelte gegen die Fensterscheiben, indem er sich dem strömenden Lauf seiner Vermutungen überließ, denn in solchen Augenblicken gleicht das Denken einem Fluß, der tausend Gegenden durcheilt. Als Liebhaber der Wahrheit gleichen die Richter den eifersüchtigen Frauen; sie geben sich tausend Vermutungen hin und durchwühlen sie mit dem Dolch des Argwohns, wie etwa der antike Opferpriester den Opfern die Eingeweide herausnahm; dann machen sie halt, nicht bei der Wahrheit, sondern beim Wahrscheinlichen, und schließlich dämmert ihnen die Wahrheit auf. Eine Frau verhört einen geliebten Mann, wie ein Richter den Verbrecher verhört. In solcher Stimmung genügt ein Blitz, ein Wort, eine Biegung der Stimme, ein Zögern, um die Tatsache, den Verrat, das verborgene Verbrechen anzudeuten.

»Die Art, wie er mir seine Liebe zu seinem Sohn schilderte – wenn es sein Sohn ist –, könnte mir den Glauben eingeben, er habe sich ins Haus dieser Dirne begeben, um über das Geld zu wachen; und ohne zu ahnen, daß das Kopfkissen der Toten ein Testament verbarg, hat er ›zur Vorsicht‹ die siebenhundertfünfzigtausend Franken für seinen Sohn gestohlen . . . Deshalb versprach er, die Summe wieder herbeizuschaffen. Herr von Rubempré ist es sich selbst, ist es der Rechtsprechung schuldig, den Zivilstand seines Vaters aufzuklären . . . Und mir das Wohlwollen seines Ordens – seines Ordens! – zu versprechen, wenn ich Lucien nicht verhöre! . . .« Bei diesem Gedanken verweilte er.

Wie man soeben gesehen hat, leitet ein Untersuchungsrichter das Verhör ganz nach Belieben. Es steht ihm frei, gewandt zu sein oder nicht. Ein Verhör ist nichts und alles. Darin liegt die Begünstigung. Camusot schellte, der Gerichtsdiener war zurückgekommen. Er gab den Befehl, Herrn Lucien von Rubempré zu holen, doch schärfte er zugleich ein, ihn während der Überführung mit niemandem sprechen zu lassen, wer es auch sei. Es war gerade zwei Uhr nachmittags.

»Hier liegt ein Geheimnis verborgen,« sagte der Richter bei sich selber, »und dieses Geheimnis muß recht wichtig sein. Der Gedankengang meiner Amphibie, die weder Priester noch Weltmann, weder Sträfling noch Spanier ist, die aber aus dem Munde ihres Schützlings irgendein furchtbares Wort nicht herauslassen will, läuft so: ›Der Dichter ist schwach, er ist eine Frau; er ist nicht wie ich, denn ich bin der Herkules der Diplomatie; und Sie würden ihm unser Geheimnis leicht entreißen!‹ Nun, wir werden von dem Unschuldigen alles erfahren.«

Und er begann, mit seinem Elfenbeinmesser gegen den Tischrand zu klopfen, während sein Kanzlist Esthers Brief kopierte. Wieviel Wunderlichkeiten es im Gebrauch unserer Verstandeskräfte gibt! Camusot nahm alle nur möglichen Verbrechen an, und nur an dem einzigen, das der Untersuchungsgefangene begangen hatte, lief er vorbei: an der Testamentsfälschung zugunsten Luciens. Alle, deren Neid gegen die Stellung der Richter anrennt, mögen doch an dieses Leben denken, das in beständigem Argwohn verstreicht, an die Folter, der solche Leute ihren Geist unterwerfen, denn die Zivilprozesse sind nicht minder verwickelt als die Kriminalprozesse; dann werden sie sich vielleicht sagen, daß der Priester und der Richter einen Panzer tragen, der gleich schwer ist, gleichermaßen innen mit Spitzen versehen. Übrigens hat jeder Beruf sein Büßerhemd und sein Kopfzerbrechen.

Gegen zwei Uhr sah Herr Camusot Lucien von Rubempré eintreten: er war bleich und niedergeschlagen, die Augen rot und geschwollen, kurz, in einem Zustand des Zusammenbruchs, der dem Richter erlaubte, die Natur mit der Kunst zu vergleichen, den wahren Sterbenden mit dem Sterbenden des Theaters. Diese Überführung aus der Conciergerie bis zum Zimmer des Richters, zwischen zwei Gendarmen, denen ein Gerichtsdiener vorausschritt, hatte bei Lucien die Verzweiflung auf die Spitze getrieben. Es liegt im Geist eines Dichters, daß er die Marter dem Urteil vorzieht. Als Herr Camusot dieses Wesen sah, dem jener moralische Mut, wie er den Richter auszeichnet und wie der andere Gefangene ihn in so hohem Grade besaß, völlig fehlte, kam ihn ein Mitleid an ob seines leichten Sieges, und diese Geringschätzung erlaubte ihm, entscheidende Schläge zu führen, weil sie ihm jene furchtbare Freiheit des Geistes gab, die den Schützen auszeichnet, wenn er nur auf Puppen zielt.

»Beruhigen Sie sich, Herr von Rubempré; Sie stehen vor einem Richter, der sich beeilt, das Unrecht wieder gutzumachen, das die Justiz durch eine Untersuchungshaft wider ihren Willen begeht, falls sie grundlos ist. Ich halte Sie für unschuldig, Sie werden sofort in Freiheit gesetzt werden. Hier ist der Beweis für Ihre Unschuld: ein Brief, den Ihre Pförtnerin in Ihrer Abwesenheit angenommen hatte und den sie mir eben brachte. In der Aufregung, die die gerichtliche Haussuchung und die Nachricht von Ihrer Verhaftung zu Fontainebleau zur Folge hatten, hatte diese Frau den Brief vergessen; er ist von Fräulein Esther Gobseck . . . Lesen Sie!«

Lucien nahm den Brief, las ihn und brach in Tränen aus. Er schluchzte, ohne ein Wort formulieren zu können. Nach einer Viertelstunde, während derer Lucien seine Kraft mit Mühe sammeln mußte, reichte der Kanzlist ihm die Abschrift des Briefes und bat ihn, eine ›Abschrift wörtlich gleich der Urschrift; jederzeit auf Verlangen vorzuzeigen, solange die Untersuchung des Prozesses dauern wird‹ zu unterschreiben, indem er ihm anbot, die beiden Schriftstücke zunächst zu vergleichen; aber Lucien verließ sich natürlich in betreff der Richtigkeit auf Coquarts Wort.

»Mein Herr,« sagte der Richter mit einem Ton voller Gutmütigkeit, »immerhin ist es schwer, Sie in Freiheit zu setzen, ohne daß ich zuvor unsere Formalitäten erfüllt und Ihnen einige Fragen gestellt habe . . . Ich bitte Sie, gewissermaßen als Zeuge zu antworten. Einen Mann wie Sie, glaube ich, brauche ich nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß der Eid, die ganze Wahrheit zu sagen, hier nicht nur einen Appell an Ihr Gewissen bedeutet, sondern auch eine Notwendigkeit für die Klärung Ihrer Stellung, die für einige Augenblicke zweideutig ist. Die Wahrheit vermag nichts wider Sie, wie sie auch laute; aber die Lüge würde Sie vors Schwurgericht bringen, und ich wäre gezwungen, Sie in die Conciergerie zurückführen zu lassen. Wenn Sie mir meine Fragen offen beantworten, so werden Sie heute abend in Ihrem Hause schlafen, und Sie sind rehabilitiert, wenn die Zeitungen diese Nachricht veröffentlichen: ›Herr von Rubempré, der gestern in Fontainebleau verhaftet wurde, ist auf der Stelle nach einem sehr kurzen Verhör wieder entlassen worden.‹«

Diese Rede machte lebhaften Eindruck auf Lucien, und als der Richter die Bereitschaft seines Gefangenen sah, fügte er hinzu:

»Ich wiederhole es Ihnen, Sie stehen im Verdacht, bei der Vergiftung des Fräuleins Esther beteiligt zu sein: wir haben den Beweis für ihren Selbstmord, und alles ist in Ordnung; aber man hat die Summe von siebenhundertfünfzigtausend Franken entwendet, die zum Nachlaß gehört, und Sie sind der Erbe: da liegt unglücklicherweise ein Verbrechen vor. Dieses Verbrechen liegt vor der Eröffnung des Testaments. Nun hat die Justiz Gründe zu der Annahme, daß eine Persönlichkeit, die Sie liebt, und zwar ebensosehr wie dieses Fräulein Esther Sie liebte, sich dieses Verbrechen zu Ihrem Nutzen erlaubt hat . . . Unterbrechen Sie mich nicht,« sagte Camusot, indem er Lucien, der reden wollte, durch eine Geste Schweigen auferlegte, »ich verhöre Sie noch nicht. Ich will Ihnen nur begreiflich machen, wie sehr Ihre Ehre an dieser Frage interessiert ist. Lassen Sie den falschen, den elenden Ehrenpunkt fallen, der Mitschuldige untereinander verbindet, und sagen Sie die ganze Wahrheit.«

Man wird bereits bemerkt haben, wie ungleich die Waffen in diesem Kampf zwischen den Gefangenen und den Untersuchungsrichtern verteilt sind. Sicherlich hat ein geschickt gehandhabtes Leugnen das Absolute seiner Form für sich, und es genügt für die Verteidigung des Verbrechers; aber es ist gewissermaßen ein Rüstzeug, das zermalmt, wenn der Dolch des Verhörs eine Lücke darin findet. Sowie das Leugnen gewissen klärlichen Tatsachen gegenüber versagt, ist der Untersuchungsgefangene dem Richter vollständig ausgeliefert. Man nehme jetzt einen Halbschuldigen an, wie Lucien es war; vor einem ersten Schiffbruch seiner Tugend gerettet, könnte er sich bessern und seinem Lande nützlich werden: der wird in den Fallen der Untersuchung umkommen. Der Richter redigiert ein sehr trockenes Protokoll, eine getreue Analyse der Fragen und Antworten; aber von seinen heimtückisch väterlichen Reden, von seinen verfänglichen Ermahnungen – gleich dieser hier – bleibt dabei nichts übrig. Die Richter der höheren Rechtsprechung und die Geschwornen sehen nur die Resultate, ohne die Wege, die zu ihnen führten, zu kennen. Daher wäre nach einigen trefflichen Köpfen auch die Jury ausgezeichnet für die Untersuchung geeignet, wie sie sie ja in England führt. Frankreich hat dieses System während einer gewissen Zeit gleichfalls gehabt. Unter dem Kodex vom Brumaire des Jahres IV nannte man diese Jury im Gegensatz zur Urteilsjury die Anklagejury. Was den eigentlichen Prozeß angeht, so müßte der, wenn man auf die Anklagejury zurückgriffe, an die zweitinstanzlichen Gerichte fallen, bei denen keine Geschwornen mitzuwirken hätten.

»Also,« sagte Camusot nach einer Pause, »wie heißen Sie? – Achtung, Herr Coquart,« fügte er für den Kanzlisten hinzu. »Lucien Chardon von Rubempré.« »Sie sind geboren?« »Zu Angoulême.« Und Lucien gab Tag, Monat und Jahr an. »Geerbt haben Sie nichts?« »Nein.« »Trotzdem haben Sie während eines ersten Aufenthalts in Paris im Vergleich zu Ihrem geringen Vermögen sehr beträchtliche Ausgaben gemacht.« »Ja; aber zu jener Zeit hatte ich in Fräulein Coralie eine äußerst ergebene Freundin, die ich zu verlieren das Unglück hatte. Der Schmerz über diesen Tod trieb mich in meine Heimat zurück.« »Schön,« sagte Camusot, »ich lobe Ihre Offenheit, wir werden sie zu würdigen wissen.« Lucien nahm, wie man sieht, einen Anlauf zu einer Generalbeichte.

»Sie haben seit Ihrer Rückkehr aus Angoulême in Paris noch beträchtlichere Aufwendungen gemacht,« fuhr Camusot fort, »Sie haben gelebt wie ein Mann, der etwa sechzigtausend Franken Rente hat.« »Ja.« »Wer lieferte Ihnen dieses Geld?« »Mein Gönner, der Abbé Carlos Herrera.« »Wo haben Sie den kennen gelernt?« »Ich bin ihm auf der Landstraße begegnet, und zwar in einem Augenblick, als ich mich meines Lebens durch einen Selbstmord entledigen wollte . . .« »Sie haben in Ihrem Hause niemals von ihm gehört? Etwa von Ihrer Mutter?« »Nie.« »Ihre Mutter hat Ihnen nie gesagt, daß sie dem Spanier einmal begegnet ist?« »Nie.« »Können Sie sich entsinnen, in welchem Jahr und welchem Monat Sie die Bekanntschaft des Fräuleins Esther machten?« »Es war Ende 1823, in einem kleinen Theater des Boulevards.« »Sie hat Ihnen zunächst Geld gekostet?« »Ja.« »Sie haben letzthin in der Absicht, Fräulein von Grandlieu zu ehelichen, die Reste des Schlosses Rubempré gekauft; Sie haben noch für eine Million Ländereien hinzuerworben, Sie haben der Familie Grandlieu gesagt, Ihre Schwester und Ihr Schwager hätten eine beträchtliche Erbschaft gemacht, und Sie verdankten ihrer Freigebigkeit diese Summen? Haben Sie der Familie Grandlieu das gesagt?« »Ja.« »Den Grund des Abbruches der Beziehungen kennen Sie nicht?« »Nein.« »Nun, die Familie von Grandlieu hat einen der angesehensten Anwälte von Paris zu Ihrem Schwager geschickt, um Einkünfte einzuholen. Zu Angoulême hat der Anwalt durch das Geständnis eben Ihrer Schwester und Ihres Schwagers erfahren, daß sie Ihnen nicht nur sehr wenig geliehen haben, sondern daß auch die Erbschaft lediglich aus freilich bedeutenden Immobilien bestanden habe; die Summe der Kapitalien belief sich auf kaum zweihunderttausend Franken . . . Sie werden es nicht merkwürdig finden, daß eine Familie wie die der Grandlieus sich vor einem Vermögen scheut, dessen Ursprung sich nicht feststellen läßt . . . Dahin hat eine Lüge Sie geführt . . .«

Lucien erstarrte vor dieser Offenbarung, und die geringe Geisteskraft, die er noch besaß, verließ ihn.

»Die Polizei und die Justiz erfahren alles, was sie erfahren wollen,« sagte Camusot, »bedenken Sie das wohl. Nun,« fuhr er fort, da ihm einfiel, daß Jakob Collin sich die Eigenschaft als Vater beigelegt hatte, »wissen Sie, wer dieser angebliche Carlos Herrera ist?« »Ja, aber ich habe es zu spät erfahren.« »Wieso zu spät? Erklären Sie sich.« »Er ist kein Priester, er ist kein Spanier, er ist . . .« »Ein entsprungener Sträfling?« fragte der Richter lebhaft. »Ja,« erwiderte Lucien. »Als mir das verhängnisvolle Geheimnis enthüllt wurde, war ich in seiner Schuld; ich hatte geglaubt, ich schlösse mich einem ehrenwerten Geistlichen an . . .« »Jakob Collin . . .« sagte der Richter, der einen Satz beginnen wollte. »Ja, Jakob Collin,« wiederholte Lucien, »das ist sein Name.« »Gut. Jakob Collin«, fuhr Herr Camusot fort, »ist eben von jemandem erkannt worden, und wenn er seine Identität noch leugnet, so geschieht es, glaube ich, in Ihrem Interesse. Aber ich fragte Sie nur, ob Sie wüßten, wer dieser Mensch ist, um einen weiteren Betrug Jakob Collins aufzudecken.«

Lucien fühlte, als er diese beängstigende Bemerkung hörte, sofort etwas wie ein rotglühendes Eisen in seinen Eingeweiden.

»Sie wissen wohl nicht,« sagte der Richter fortfahrend, »daß er sich, um die außerordentliche Liebe, die er für Sie hegt, zu erklären, als Ihren Vater ausgibt?« »Er mein Vater! . . . Oh! das hat er gesagt?« »Haben Sie einen Verdacht, woher die Summen kamen, die er Ihnen einhändigte? Denn wenn man dem Brief, den Sie in der Hand halten, glauben kann, so hätte Ihnen das Fräulein Esther, das arme Mädchen, später dieselben Dienste geleistet wie das Fräulein Coralie; aber Sie haben, wie Sie selber sagen, ein paar Jahre hindurch gelebt, und zwar sehr großartig gelebt, ohne etwas von ihr zu erhalten.« »Ich muß Sie bitten, mir zu sagen,« rief Lucien, »woher Sträflinge Geld nehmen! . . . Ein Jakob Collin mein Vater! . . . O meine arme Mutter! . . .« Und er brach in Tränen aus.

»Kanzlist, lesen Sie dem Untersuchungsgefangenen die Stelle aus dem Verhör des angeblichen Carlos Herrera vor, an der er sich den Vater Lucien von Rubemprés nennt.« Der Dichter hörte in einem Schweigen und einer Haltung zu, die zu sehen schmerzlich war.

»Ich bin verloren!« rief er aus. »Man verliert sich nicht auf dem Wege der Ehre und Wahrheit,« sagte der Richter. »Aber Sie werden Jakob Collin vor das Schwurgericht bringen?« fragte Lucien. »Sicherlich,« sagte Camusot, der Lucien noch weiter zum Reden bringen wollte. »Vollenden Sie Ihren Gedanken.«

Aber trotz der Bemühungen und Ermahnungen des Richters antwortete Lucien nicht mehr. Die Überlegung war zu spät gekommen, wie sie bei allen Männern zu spät kommt, die Sklaven ihrer Empfindungen sind. Darin liegt der Unterschied zwischen dem Dichter und dem Mann der Tat: der eine überläßt sich dem Gefühl, um es in lebhaften Bildern darzustellen, und er urteilt erst nachher; der andere fühlt und urteilt zugleich. Lucien blieb finster und blaß; er sah sich auf dem Boden des Abgrundes, in den der Untersuchungsrichter ihn gestürzt hatte, da er, der Dichter, sich von seiner Gutmütigkeit hatte fangen lassen. Er hatte nicht nur seinen Wohltäter, sondern auch seinen Mitschuldigen verraten, der ihre Stellung seinerseits mit dem Mut eines Löwen und mit lückenlosem Geschick verteidigt hatte. Da, wo Jakob Collin durch seine Verwegenheit alles gerettet hatte, hatte Lucien, der Mann von Geist, durch seine Verständnislosigkeit und seinen Mangel an Überlegung alles zugrunde gerichtet. Diese gemeine Lüge, die ihn entrüstete, diente dazu, eine noch gemeinere Wahrheit zu verhüllen. Verwirrt durch den Scharfblick des Richters, entsetzt ob seiner grausamen Gewandtheit, ob der Geschwindigkeit der Hiebe, die er gegen ihn geführt hatte, indem er sich der Fehltritte seines ans Licht gezogenen Lebens wie einer Sonde bediente, mit der er sein Gewissen durchforschte, so glich Lucien dem Tier, das der Hauklotz des Schlachthauses gefehlt hat. Als er in dieses Zimmer eintrat, war er frei und unschuldig gewesen; jetzt sah er sich auf Grund seiner eigenen Geständnisse als Verbrecher. Zuletzt machte der Richter ihn – ein letzter ernsthafter Scherz – noch ruhig und kühl darauf aufmerksam, daß seine Enthüllungen das Ergebnis eines Irrtums waren. Camusot dachte an die Vaterschaft, die Jakob Collin sich zugeschrieben hatte, während Lucien, ganz beherrscht von der Angst, sein Bündnis mit einem entsprungenen Sträfling bekannt werden zu sehen, die berühmte Unachtsamkeit der Mörder des Ibykus nachgeahmt hatte.

Es ist einer der Ruhmestitel Royer-Collards, daß er den beständigen Triumph der natürlichen Empfindungen über die aufgezwungenen Empfindungen verkündet, daß er die Sache der Eidespriorität vertreten hat, indem er behauptete, daß zum Beispiel das Gesetz der Gastfreundschaft bis zu einem Grade bindend sei, der den Gerichtseid aufhebe. Er hat diese Theorie der ganzen Welt und der französischen Kanzel gegenüber bekannt; er hat mutig die Verschwörer gerühmt, er hat gezeigt, daß es menschlich ist, eher den Gesetzen der Freundschaft zu gehorchen als den tyrannischen Satzungen, die für diese oder jene Gelegenheit aus dem sozialen Arsenal hervorgeholt werden. Kurz, das natürliche Recht kennt Gesetze, die niemals verkündet worden und die doch wirksamer sind und besser bekannt als die, welche die Gesellschaft erfunden hat. Lucien hatte, und zwar zu seinem Schaden, das Gesetz der Solidarität verkannt, das ihn verpflichtete, zu schweigen und Jakob Collin sich verteidigen zu lassen; mehr noch, er hatte ihn belastet! In seinem eigenen Interesse mußte dieser Mensch für ihn immer Carlos Herrera bleiben.

Herr Camusot genoß seinen Triumph, er hatte zwei Schuldige gefangen: er hatte einen der Lieblinge der Mode mit der Hand der Justiz zu Boden geschlagen und den unauffindbaren Jakob Collin gefunden. Man mußte ihn als einen der geschicktesten Untersuchungsrichter anerkennen. Daher ließ er seinen Gefangenen denn auch in Ruhe; aber er studierte dieses bestürzte Schweigen; er sah, wie die Schweißtropfen auf diesem fassungslosen Gesicht anwuchsen und schließlich niederfielen, untermischt mit zwei Tränenströmen.

»Weshalb weinen, Herr von Rubempré? Sie sind, wie ich schon sagte, der Erbe des Fräuleins Esther, die weder Seitenerben noch direkte Erben hat, und ihr Nachlaß beläuft sich auf nahezu acht Millionen, wenn man die vermißten siebenhundertfünfzigtausend Franken wiederfindet.«

Das war für den Schuldigen der letzte Schlag. Zehn Minuten lang Haltung, wie Jakob Collin in seinen Zeilen sagte, und Lucien hatte das Ziel all seiner Wünsche erreicht! Er setzte sich mit Jakob Collin auseinander, trennte sich von ihm, wurde reich und heiratete Fräulein von Grandlieu. Nichts spricht beredter als diese Szene für die Macht, die die Untersuchungsrichter durch die Isolierung und Trennung der Angeschuldigten in Händen haben, und für den Wert einer Mitteilung, wie es die Asiens an Jakob Collin war.

»Ach, Herr Richter,« erwiderte Lucien mit der Bitterkeit und der Ironie des Mannes, der sich aus seinem Unglück ein Piedestal macht, »wie recht hat man, wenn man in Ihrer Sprache sagt: ein Verhör ›durchmachen‹! . . . Zwischen der körperlichen Folter von ehedem und der moralischen Folter von heute würde ich für mein Teil niemals schwanken; ich würde die Leiden vorziehen, die früher der Henker vollstreckte . . . Was wollen Sie noch von mir?« fuhr er voll Stolz fort. »Hier«, sagte der Richter, der heimtückisch dünkelhaft wurde, um den Hochmut des Dichters abzuwehren, »habe nur ich das Recht, Fragen zu stellen.« »Ich hatte das Recht, keine Antwort zugeben,« sagte der arme Lucien murmelnd, denn ihm war der Verstand in seiner ganzen Klarheit zurückgekehrt.

»Kanzlist, lesen Sie dem Untersuchungsgefangenen sein Verhör vor . . .« ›Ich werde wieder zum Untersuchungsgefangenen!‹ sagte Lucien bei sich selber.

Während der Schreiber las, faßte Lucien einen Entschluß, der ihn zwang, Herrn Camusot zu schmeicheln. Als das Murmeln der Stimme Coquarts verstummte, durchlief den Dichter das Zittern dessen, der bei einem Geräusch schläft, an das seine Sinne sich gewöhnt haben, und den die Stille weckt.

»Sie haben das Protokoll Ihres Verhörs zu unterschreiben,« sagte der Richter. »Und setzen Sie mich in Freiheit?« fragte Lucien, der jetzt seinerseits ironisch wurde. »Noch nicht,« sagte Camusot; »aber morgen nach Ihrer Gegenüberstellung mit Jakob Collin werden Sie ohne Zweifel frei sein. Die Justiz muß jetzt untersuchen, ob Sie an den Verbrechen, die dieses Individuum seit seinem Ausbruch im Jahre 1820 begangen hat, mitschuldig sind oder nicht. Freilich sind Sie nicht mehr im strengen Gewahrsam. Ich werde dem Direktor schreiben, er möge Sie im besten Zimmer der Pistole unterbringen.« »Werde ich dort Schreibmaterialien finden?« »Man wird Ihnen dort geben, was Sie verlangen; ich werde den Befehl durch den Gerichtsdiener übermitteln, der Sie führen wird.«

Lucien unterschrieb mechanisch das Protokoll und setzte seine Initialen unter die Randbemerkungen, indem er mit der Sanftmut des ergebenen Opfers den Anweisungen Coquarts gehorchte. Eine kleine Einzelheit wird mehr über seinen Zustand sagen, als es die genaueste Schilderung zu tun vermöchte. Die Aussicht auf seine Gegenüberstellung mit Jakob Collin hatte die Schweißtropfen auf seinem Gesicht getrocknet, und seine brennenden Augen glänzten in unerträglichem Glanz. Kurz, er wurde in einem blitzschnellen Augenblick, was Jakob Collin war: ein Mensch aus Bronze.

Bei Leuten, deren Charakter dem Luciens gleicht und die Jakob Collin so gut analysiert hatte, sind diese plötzlichen Übergänge aus einem Zustand vollständiger Demoralisation in einen gewissermaßen metallischen Zustand – so sehr spannen sich die menschlichen Kräfte an – die hervorstechendsten Erscheinungen ihres Geisteslebens. Der Wille kehrt zurück wie das versiegte Wasser einer Quelle; er strömt in den Apparat hinein, den das Spiel seiner unbekannten Wesensmaterie vorbereitet hat; und dann wird der Leichnam zum Menschen, und der Mensch stürzt sich voll Kraft in letzte Kämpfe.

Lucien legte Esthers Brief mit dem Bild, das sie ihm geschickt hatte, aufs Herz. Dann grüßte er Herrn Camusot geringschätzig und schritt zwischen zwei Gendarmen festen Schrittes durch die Korridore.

»Das ist ein gemeiner Halunke!« sagte der Richter zu seinem Kanzlisten, um sich für die zermalmende Verachtung zu rächen, die der Dichter ihm gezeigt hatte. »Er glaubte sich zu retten, indem er seinen Mitschuldigen auslieferte.« »Von den beiden«, sagte Coquart schüchtern, »ist der Sträfling der Stärkere . . .«

»Ich schenke Ihnen für heute Ihre Freiheit, Coquart,« sagte der Richter. »Das ist wohl genug. Schicken Sie die Leute, die da warten, fort und lassen Sie sie morgen wiederkommen. Ah, gehen Sie gleich einmal zum Herrn Oberstaatsanwalt, um zu sehen, ob er noch in seinem Zimmer ist; wenn er dort ist, bitten Sie ihn um einen Augenblick Gehör für mich. Oh, er wird noch da sein,« fuhr er fort, indem er auf eine scheußliche grüngestrichene und mit vergoldeten Leisten versehene Holzuhr blickte. »Es ist ein Viertel nach drei.«

Diese Verhöre, die sich so schnell lesen, müssen in Fragen und Antworten vollständig niedergeschrieben werden und nehmen deshalb eine ungeheure Zeit in Anspruch. Das ist einer der Gründe der Langsamkeit aller Kriminaluntersuchungen und der Dauer der Untersuchungshaft. Für die Kleinen bedeutet das den Ruin, für die Reichen die Schmach; denn für sie macht eine sofortige Freilassung das Unheil einer Verhaftung wieder gut, soweit es sich wieder gutmachen läßt. So hatten denn die beiden Szenen, die soeben getreulich wiedergegeben worden sind, die ganze Zeit in Anspruch genommen, die Asien gebraucht hatte, um die Befehle des Gebieters zu entziffern, um eine Herzogin aus ihrem Boudoir hervorzulocken und Frau von Sérizy Mut zu verleihen.

Camusot, der aus seiner Geschicklichkeit Nutzen zu ziehen gedachte, nahm die beiden Protokolle, las sie noch einmal durch und beschloß, sie dem Oberstaatsanwalt zu zeigen und ihn um seine Meinung zu befragen. Während der Überlegung, der er sich hingab, kehrte sein Gerichtsdiener zurück, um ihm zu sagen, daß der Kammerdiener der Frau Gräfin von Sérizy ihn durchaus sprechen wollte. Auf einen Wink Camusots trat ein Diener, der gekleidet war wie ein Herr, ein, sah abwechselnd auf den Gerichtsdiener und den Richter und sagte: »Ich habe doch die Ehre, mit Herrn Camusot . . .?« »Ja,« erwiderten Richter wie Gerichtsdiener.

Camusot nahm einen Brief, den der Bedienstete ihm reichte, und las, was folgt:

Im Interesse vieler Dinge, die Sie kennen, mein lieber Camusot, dürfen Sie Herrn von Rubempré nicht verhören; wir bringen Ihnen die Beweise für seine Unschuld, damit er sofort freigelassen werde.

D. von Maufrigneuse. L. von Sérizy.

P. S. Verbrennen Sie diesen Brief.

Camusot begriff, daß er einen ungeheuren Fehler begangen hatte, indem er Lucien Fallen stellte; und zunächst gehorchte er einmal den beiden großen Damen: er entzündete eine Kerze und verbrannte den Brief, den die Herzogin geschrieben hatte. Der Kammerdiener grüßte ehrfurchtsvoll. »Frau von Sérizy wird also kommen?« fragte Camusot. »Man spannte an,« versetzte der Kammerdiener.

In diesem Augenblick meldete Coquart Herrn Camusot, daß der Oberstaatsanwalt ihn erwartete.

Unter der Last des Fehlers, den er zugunsten der Gerechtigkeit wider seinen eigenen Vorteil begangen hatte, wollte sich der Richter, bei dem sieben Jahre der Übung jene Schlauheit entwickelt hatten, mit der jeder bewehrt ist, der sich während des Studiums mit Grisetten gemessen hat, Waffen gegen den Groll der beiden großen Damen verschaffen. Die Kerze, an der er den Brief verbrannt hatte, war noch nicht verlöscht, und also bediente er sich ihrer, um die dreißig Billette der Herzogin von Maufrigneuse an Lucien und die ziemlich umfangreiche Korrespondenz der Frau von Sérizy zu versiegeln. Dann begab er sich zu dem Oberstaatsanwalt.

Der Justizpalast ist ein wirrer Haufe übereinandergetürmter Bauten, von denen die einen voll Größe sind, die andern aber ärmlich; durch den Mangel an Einheit schaden sie sich gegenseitig. Der Vorsaal ist der größte aller bekannten Säle; aber seine Kahlheit stößt ab und befremdet die Augen. Diese ungeheure Kathedrale der Rechtsverdrehung erdrückt das zweitinstanzliche Gericht. Schließlich führt die Händlergalerie zu zwei Kloaken. In dieser Galerie bemerkt man eine Doppeltreppe, die ein wenig größer ist als die des Zuchtpolizeigerichts; unten führt sie zu einer großen doppelflügligen Tür. Die Treppe geht zum Schwurgericht, und die untere Tür öffnet sich in einen zweiten Schwurgerichtssaal. Es gibt Jahre, in denen die im Departement der Seine begangenen Verbrechen zwei Tagungen erforderlich machen. Dort unten befinden sich auch die Räume des Oberstaatsanwalts, die Anwaltskammer, die Bibliothek der Anwälte, die Zimmer der Staatsanwälte und der stellvertretenden Oberstaatsanwälte. All diese Räume – denn man muß sie doch unter einem Gattungsnamen zusammenfassen – stehen durch kleine Wendeltreppen und durch düstere Gänge miteinander in Verbindung, wie sie für die Architektur und die Stadt Paris und Frankreich eine Schmach sind. In seinen Innenräumen übertrifft der erste unserer höchsten Gerichtshöfe die Gefängnisse im Scheußlichsten, was sie haben. Der Sittenschilderer würde vor der Notwendigkeit zurückweichen, den elenden Gang von einem Meter Breite, wo sich die Zeugen für das erste Schwurgericht aufhalten, zu schildern. Was den Ofen angeht, der dazu dient, den Sitzungssaal zu heizen, so würde er einem Café des Boulevard Montparnasse Unehre machen.

Das Zimmer des Oberstaatsanwalts ist in einen achteckigen Pavillon eingebaut, der den Bau der Händlergalerie flankiert und der im Verhältnis zum Alter des Palastes erst kürzlich vom Gebiet des Gefängnishofes in der Frauenabteilung abgetrennt wurde. Dieser ganze Teil des Palastes wird beschattet von den hohen und prachtvollen Bauten der Sainte-Chapelle. Daher ist es dort düster und still.

Herr von Granville, ein würdiger Nachfolger der großen Richter des alten Parlaments, hatte den Palast nicht verlassen wollen, ohne daß in Luciens Angelegenheit eine Lösung eingetreten war. Er erwartete Nachricht von Camusot, und die Botschaft des Richters tauchte ihn in jene unwillkürliche Träumerei, die die Erwartung selbst bei den festesten Geistern zur Folge hat. Er saß in der Fensternische seines Zimmers, stand auf und begann hin und her zu gehen, denn er hatte Camusot morgens, als er sich ihm in den Weg gestellt hatte, wenig verständnisvoll gefunden; er spürte eine unbestimmte Unruhe, er litt. Der Grund war dieser. Die Würde seines Amtes erlaubte ihm nicht, die absolute Unabhängigkeit des untergebenen Richters zu verletzen, und es handelte sich in diesem Prozeß um die Ehre und das Ansehen seines besten Freundes, eines seiner wärmsten Fürsprecher, des Grafen von Sérizy, eines Staatsministers, des Vizepräsidenten des Staatsrates, des künftigen Kanzlers von Frankreich, falls der edle Greis, der dieses erhabene Amt zurzeit ausfüllte, sterben sollte. Herr von Sérizy hatte das Unglück, seine Frau trotz allem anzubeten; er deckte sie stets mit seiner Person. Nun erriet der Oberstaatsanwalt sehr wohl, welches furchtbare Aufsehen in der Gesellschaft und bei Hofe die Schuld eines Mannes machen mußte, dessen Name so oft boshaft mit dem der Gräfin zusammen genannt worden war.

›Ach!‹ sagte er bei sich selber, indem er die Arme kreuzte, ›ehemals hatte die Macht die Möglichkeit, eine höhere Instanz eingreifen zu lassen . . . Unsere Gleichheitsmanie‹ – er wagte nicht zu sagen ›Gesetzlichkeitsmanie‹, wie es kürzlich in der Kammer ein Dichter mutig zugegeben hat – ›wird diese Zeit töten . . .‹

Dieser würdige Richter kannte die fortreißende Kraft und das Unglück ungesetzlicher Verbindungen. Esther und Lucien hatten, wie man weiß, die Wohnung genommen, in der der Graf von Granville heimlich mit Fräulein von Bellefeuille ein eheliches Leben geführt hatte und aus der sie eines Tages, entführt von einem Elenden, entflohen war.

In dem Augenblick, als der Oberstaatsanwalt sich sagte: ›Camusot wird uns irgendeine Dummheit angerichtet haben!‹ pochte der Untersuchungsrichter zweimal an die Tür des Zimmers. »Nun, mein lieber Camusot, wie steht es mit der Angelegenheit, von der ich Ihnen heute morgen sprach?« »Schlecht, Herr Graf; lesen Sie und urteilen Sie selber . . .«

Er reichte die beiden Protokolle Herrn von Granville hin, der seinen Kneifer nahm und in die Fensternische trat, um zu lesen. Er überflog die Blätter nur. »Sie haben Ihre Pflicht getan,« sagte der Oberstaatsanwalt mit bewegter Stimme. »Es ist entschieden, die Gerichtsbarkeit wird ihren Lauf nehmen . . . Sie haben zuviel Geschick bewiesen, als daß man sich je eines solchen Untersuchungsrichters berauben könnte . . .«

Hätte Herr von Granville zu Camusot gesagt: ›Sie werden Ihr Leben lang Untersuchungsrichter bleiben!‹ so hätte er nicht deutlicher gesprochen als in jenem Kompliment. Camusot wurde es im Innersten kalt.

»Die Frau Herzogin von Maufrigneuse, der ich viel verdanke, hatte mich gebeten . . .« »Ah, die Herzogin von Maufrigneuse, das ist die Freundin der Frau von Sérizy,« sagte Granville, indem er den Richter unterbrach; »freilich . . . Sie sind, wie ich sehe, vor keiner Beeinflussung gewichen. Sie haben wohl daran getan, Herr Camusot, Sie werden ein großer Richter werden . . .«

In diesem Augenblick öffnete der Graf von Bauvan, ohne anzuklopfen, und sagte zum Grafen von Granville: »Mein Lieber, ich bringe dir eine hübsche Frau, die nicht wußte, wohin sie sich wenden sollte; sie war dabei, sich in unserm Labyrinth zu verirren.« Und der Graf Octavius hielt die Gräfin von Sérizy an der Hand, die seit einer Viertelstunde im Palast umherirrte. »Sie hier, gnädige Frau?« rief der Oberstaatsanwalt, indem er ihr seinen eigenen Sessel hinrückte, »und in welchem Augenblick! . . . Das ist Herr Camusot, gnädige Frau,« fügte er hinzu, indem er auf den Richter zeigte. »Bauvan,« fuhr er fort, indem er sich an den berühmten Ministerialredner der Restauration wandte, »erwarte mich beim Ersten Präsidenten, er ist noch da. Ich stoße dort zu dir.« Der Graf Octavius von Bauvan begriff, daß er nicht nur überflüssig war, sondern daß auch der Oberstaatsanwalt einen Grund haben wollte, sein Zimmer zu verlassen.

Frau von Sérizy hatte nicht den Fehler begangen, in ihrem prachtvollen Coupé mit dem blauen Wappen, dem betreßten Kutscher und den beiden Dienern in weißseidener Hose und gleichen Strümpfen in den Palast zu kommen. Im Augenblick des Aufbruchs hatte Asien den beiden großen Damen begreiflich gemacht, wie notwendig es sei, daß sie den Fiaker nähmen, in dem sie mit der Herzogin gekommen war; schließlich hatte sie der Geliebten Luciens auch jene Toilette aufgezwungen, die für die Frauen ist, was ehemals der mauerfarbene Mantel für die Männer war. Die Gräfin trug einen braunen Überrock, einen alten schwarzen Schal und einen Samthut, dessen abgerissene Blumen durch einen sehr dichten schwarzen Schleier ersetzt waren.

»Sie haben unsern Brief erhalten? . . .« fragte sie Camusot, dessen stumpfsinnige Miene sie für einen Beweis bewundernder Achtung hielt. »Leider zu spät, Frau Gräfin,« erwiderte der Richter, der Takt und Geist nur in seinem Zimmer den Untersuchungsgefangenen gegenüber besaß. »Wieso zu spät? . . .« Sie sah Herrn von Granville an und sah die Bestürzung auf seinem Gesicht. »Es kann nicht, es darf nicht zu spät sein,« fügte sie im Ton der Despotin hinzu.

Die Frauen, die hübschen Frauen in der Stellung der Frau von Sérizy sind die verzogenen Kinder der französischen Zivilisation. Wenn die Frauen der andern Länder wüßten, was in Paris eine elegante und reiche Frau mit einem Titel bedeutet, so würden sie alle nur daran denken, herzukommen und diese herrliche Königswürde zu genießen. Die Frauen, die sich einzig den Fesseln der Schicklichkeit fügen, jener Sammlung kleiner Gesetze, die wir in der ›Menschlichen Komödie‹ schon oft genug den weiblichen Kodex genannt haben, lachen über die von den Männern geschaffenen Gesetze. Sie sagen alles, sie weichen vor keinem Fehltritt zurück, vor keiner Dummheit; denn sie haben es alle wundervoll begriffen, daß sie für nichts im Leben verantwortlich sind, außer für ihre weibliche Ehre und für ihre Kinder. Lachend sagen sie die größten Ungeheuerlichkeiten. Bei jeder Gelegenheit wiederholen sie jenes Wort, das in den ersten Tagen ihrer Ehe die hübsche Frau von Bauvan zu ihrem Gatten gesagt hatte, als sie ihn im Palast aufsuchte: ›Sprich schnell das Urteil und komm!‹

»Gnädige Frau,« sagte der Oberstaatsanwalt, »Herr Lucien von Rubempré ist weder eines Diebstahls noch einer Vergiftung schuldig; aber Herr Camusot hat ihn zum Geständnis eines weit größeren Verbrechens getrieben . . .« »Welches?« fragte sie. »Er hat zugegeben,« sagte Herr von Granville ihr ins Ohr, »daß er der Freund, der Schüler eines entsprungenen Sträflings war. Der Abbé Carlos Herrera, jener Spanier, der seit etwa sieben Jahren mit ihm zusammenlebte, soll unser berühmter Jakob Collin sein . . .«

Frau von Sérizy erhielt ebensoviel Schläge mit einer Eisenstange, wie dieser Richter Worte sprach, aber dieser berühmte Name war der Gnadenstoß. »Und die Moral von all dem?« sagte sie mit einer Stimme, die nur noch ein Hauch war. »Ist,« erwiderte Herr von Granville, indem er den Satz der Gräfin flüsternd fortsetzte, »daß der Verbrecher vors Schwurgericht gestellt wird; und wenn Lucien dort nicht an seiner Seite steht, weil er wissentlich aus den Verbrechen dieses Menschen Nutzen gezogen hat, so wird er als schwer kompromittierter Zeuge erscheinen müssen.« »Ah, niemals! . . .« rief sie laut mit unglaublicher Festigkeit. »Was mich angeht, so würde ich nicht schwanken zwischen dem Tode und der Aussicht, einen Mann, den die Welt als meinen besten Freund angesehen hat, gerichtlicherseits zum Kameraden eines Sträflings stempeln zu lassen . . . Der König liebt meinen Gatten . . .« »Gnädige Frau,« sagte der Oberstaatsanwalt lächelnd mit lauter Stimme, »der König hat nicht die geringste Macht über den kleinsten Untersuchungsrichter seines Reiches oder über die Verhandlungen eines Schwurgerichts. Darin liegt die Größe unserer neuen Einrichtungen. Ich selber habe eben Herrn Camusot zu seiner Geschicklichkeit beglückwünscht . . .« »Zu seinem Ungeschick,« verbesserte die Gräfin lebhaft; denn Luciens Verkehr mit einem Banditen machte ihr weit weniger Sorge als seine Verbindung mit Esther. »Wenn Sie die Verhöre läsen, denen Herr Camusot die beiden Untersuchungsgefangenen unterworfen hat, so würden Sie sehen, daß alles von ihm abhängt . . .«

Nach diesem Satz, dem einzigen, den der Oberstaatsanwalt sich erlauben konnte, und nach einem Blick von weiblicher oder, wenn man will, richterlicher Feinheit ging er zur Tür seines Zimmers; auf der Schwelle fügte er, indem er sich umwandte, hinzu: »Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich habe Bauvan ein paar Worte zu sagen.« Das hieß für die Gräfin in der Sprache der Gesellschaft: ›Ich darf bei dem, was zwischen Ihnen und Camusot vorgehen wird, nicht Zeuge sein.‹

»Was für Verhöre sind denn das?« fragte Leontine Camusot sanft; er stand wie ein Armersünder vor der Frau eines der größten Staatsmänner. »Gnädige Frau,« erwiderte Camusot, »ein Kanzlist schreibt die Fragen des Richters und die Antworten des Gefangenen auf; das Protokoll wird von dem Kanzlisten, dem Richter und dem Untersuchungsgefangenen unterschrieben. Diese Protokolle bilden die Grundlage für das Verfahren, sie entscheiden darüber, ob die Anklage erhoben wird und die Angeklagten vor das Schwurgericht gestellt werden.« »Also,« fuhr sie fort, »wenn man nun diese Verhöre unterschlüge?« »Ach, gnädige Frau, das wäre ein Verbrechen, wie es kein Richter begehen kann; ein soziales Verbrechen!« »Es ist ein noch größeres Verbrechen gegen mich, daß Sie sie geschrieben haben; aber in diesem Augenblick bilden sie den einzigen Beweis für Luciens Schuld. Lassen Sie sehen, lesen Sie mir sein Verhör vor, damit ich sehe, ob noch ein Mittel bleibt, uns alle zu retten: es handelt sich nicht nur um mich, denn ich würde kalten Blutes in den Tod gehen, es handelt sich auch um das Glück des Herrn von Sérizy.« »Gnädige Frau,« sagte Camusot, »glauben Sie nicht, daß ich vergessen hätte, welche Rücksicht ich Ihnen schuldig bin. Wenn zum Beispiel Herr Popinot mit dieser Untersuchung betraut worden wäre, so wären Sie noch unglücklicher gewesen, als Sie es bei mir sind; denn er hätte nicht den Oberstaatsanwalt um Rat gefragt; man würde nichts erfahren. Sehen Sie, gnädige Frau, man hat bei Lucien alles beschlagnahmt, selbst Ihre Briefe . . .« »O meine Briefe!« »Hier sind sie, versiegelt,« sagte der Richter.

Die Gräfin schellte in ihrer Aufregung, als wäre sie zu Hause, und der Bureaudiener des Oberstaatsanwalts trat ein. »Licht,« sagte sie.

Der Diener entzündete eine Kerze und stellte sie auf den Kamin, während die Gräfin ihre Briefe durchsah, zählte, zerriß und in den Kamin warf. Dann entzündete die Gräfin diesen Papierhaufen, indem sie den letzten Brief zusammendrehte und als Fidibus benutzte. Camusot sah wie ein Tropf zu, während die Papiere aufflammten; er hielt seine beiden Protokolle in der Hand. Die Gräfin, die einzig damit beschäftigt schien, die Beweise ihrer Zärtlichkeit zu vernichten, beobachtete den Richter aus den Augenwinkeln heraus. Sie wartete ihren Augenblick ab; sie berechnete seine Bewegungen und ergriff dann mit Katzenbehendigkeit die beiden Protokolle und warf sie ins Feuer. Aber Camusot riß sie zurück, die Gräfin stürzte sich auf den Richter und ergriff die brennenden Papiere von neuem. Es folgte ein Kampf, während dessen Camusot rief: »Gnädige Frau! Gnädige Frau! Sie begehen ein . . . Gnädige Frau!«

Ein Mann stürzte ins Zimmer hinein, und die Gräfin konnte einen Schrei nicht unterdrücken, als sie den Grafen von Sérizy erkannte, dem die Herren von Granville und von Bauvan folgten, Nichtsdestoweniger ließ Leontine, die Lucien um jeden Preis retten wollte, die furchtbaren gestempelten Papiere, die sie mit der Kraft einer Zange festhielt, nicht los, obgleich die Flamme bereits auf ihrer zarten Haut Brandflecke hervorgerufen hatte. Schließlich schien Camusot, dessen Finger gleichfalls schon Brandwunden trugen, sich dieser Situation zu schämen und gab die Papiere preis; es war nur noch das wenige von ihnen übrig, was die Hände der beiden Kämpfenden bedeckt hatten; dahin war die Flamme noch nicht gedrungen. Diese Szene hatte sich in kürzerer Zeit abgespielt, als man den Bericht darüber lesen kann.

»Um was konnte es sich zwischen Ihnen und Frau von Sérizy handeln?« fragte der Staatsminister Camusot.

Ehe der Richter antwortete, hielt die Gräfin die Papiere an die Kerze und warf sie auf die Fragmente ihrer Briefe, die das Feuer noch nicht völlig verzehrt hatte. »Ich könnte«, sagte Camusot, »Klage führen gegen die Frau Gräfin.« »Ah, was hat sie getan?« fragte der Oberstaatsanwalt, indem er abwechselnd die Gräfin und den Richter ansah. »Ich habe die Protokolle verbrannt,« erwiderte lachend die elegante Frau, die über ihren Streich so glücklich war, daß sie ihre Brandwunden noch nicht spürte. »Wenn das ein Verbrechen ist, nun, so kann der Herr ja seine scheußliche Kritzelei von neuem beginnen.« »Freilich,« erwiderte Camusot mit einem Versuch, seine Würde wiederzufinden.

»Nun, da steht ja alles zum besten,« sagte der Oberstaatsanwalt. »Aber, teure Gräfin, Sie dürfen sich nicht oft den Richtern gegenüber solche Freiheiten erlauben, denn die könnten sonst vergessen, wer Sie sind.« »Herr Camusot hat tapfer einer Frau widerstanden, der sonst nichts widersteht: die Ehre seines Amtskleides ist gerettet!« sagte lachend der Graf von Bauvan. »Ah, Herr Camusot hat Widerstand geleistet? . . .« fragte lachend der Oberstaatsanwalt; »er ist tapfer, denn ich würde es nicht wagen, der Gräfin Widerstand zu leisten.«

Im Augenblick wurde dieses ernste Attentat zum Scherz einer hübschen Frau, über den Camusot selber lachen mußte.

Der Oberstaatsanwalt aber bemerkte jetzt einen Mann, der nicht lachte. Mit Recht erschreckt über die Haltung und den Ausdruck des Grafen von Sérizy, nahm Herr von Granville ihn beiseite. »Lieber Freund,« sagte er ihm ins Ohr, »dein Schmerz bestimmt mich, mich zum ersten- und letztenmal in meinem Leben mit meiner Pflicht abzufinden.«

Er schellte; sein Bureaudiener trat ein. »Bitten Sie Herrn von Chargeboeuf, zu mir zu kommen.« Herr von Chargeboeuf, ein junger Advokat, war der Sekretär des Oberstaatsanwalts.

»Mein lieber Herr,« fuhr der Oberstaatsanwalt fort, indem er Camusot in die Fensternische zog, »gehen Sie in Ihr Zimmer und stellen Sie mit einem Kanzlisten das Verhör des Abbé Carlos Herrera wieder her; denn da er es nicht unterschrieben hat, so kann man es ohne Schwierigkeit neu schreiben. Morgen werden Sie diesen spanischen Diplomaten mit den Herren Rastignac und Bianchon konfrontieren; sie werden in ihm unsern Jakob Collin nicht wiedererkennen. Wenn er seiner Freilassung sicher ist, wird dieser Mensch die Protokolle unterschreiben. Was Lucien von Rubempré angeht, so lassen Sie ihn noch heute abend in Freiheit setzen, denn er wird schon nichts von dem Verhör sagen, dessen Protokoll unterschlagen wurde. Zumal ich ihm eine Ermahnung zuteil werden lasse. Die Gerichtszeitung wird morgen die sofortige Entlassung dieses jungen Mannes melden. Nun lassen Sie uns sehen, ob die Rechtsprechung unter diesen Maßnahmen leidet. Wenn der Spanier der Sträfling ist, so haben wir tausend Mittel, ihn von neuem zu fassen und ihm den Prozeß zu machen, denn wir werden uns auf diplomatischem Wege über seinen Lebenswandel in Spanien aufklären; Corentin, der Chef der Gegenpolizei, wird ihn überwachen; auch wir werden ihn übrigens nicht aus den Augen verlieren; behandeln Sie ihn also gut: keinen strengen Gewahrsam mehr. Können wir den Grafen und die Gräfin von Sérizy und Lucien vernichten, und das wegen eines noch obendrein hypothetischen Diebstahls von siebenhundertfünfzigtausend Franken, der zu Luciens Schaden begangen sein muß? Ist es nicht besser, er verliert diese Summe, als daß er seinen Ruf verliert? . . . Zumal er in seinem Sturz einen Staatsminister, dessen Frau und die Herzogin von Maufrigneuse mitreißt? . . . Dieser junge Mann ist eine Orange mit einem Fleck, machen Sie sie nicht ganz faul . . . Das ist die Sache einer halben Stunde. Gehen Sie, wir werden auf Sie warten. Es ist halb vier, Sie werden noch Richter vorfinden; melden Sie uns, ob Sie ein Ablehnungsurteil in aller Form durchsetzen können . . . Sonst muß Lucien bis morgen früh warten.«

Camusot grüßte und ging hinaus; aber Frau von Sérizy, die jetzt ihre Brandwunden scharf spürte, gab ihm seinen Gruß nicht zurück. Herr von Sérizy, der plötzlich aus dem Zimmer geeilt war, während der Oberstaatsanwalt mit dem Richter sprach, kehrte mit einem kleinen Gefäß voll reinem Wachs zurück und verband seiner Frau die Hände, indem er ihr ins Ohr flüsterte: »Leontine, wie konnten Sie hierher kommen, ohne mich zu benachrichtigen?« »Lieber Freund,« erwiderte sie flüsternd, »vergeben Sie mir! Ich scheine wahnsinnig zu sein, aber es handelte sich ebensosehr um Sie wie um mich.« »Lieben Sie diesen jungen Mann, wenn das Schicksal es so will, aber zeigen Sie Ihre Leidenschaft nicht jedermann,« sagte der arme Gatte.

»Nun, liebe Gräfin,« sagte Herr von Granville, nachdem er eine Weile mit dem Grafen Octavius geplaudert hatte, »ich hoffe, Sie werden Herrn von Rubempré heute abend zum Diner mitnehmen können.« Dieses halbe Versprechen übte eine solche Wirkung auf Frau von Sérizy aus, daß sie in Tränen ausbrach. »Ich glaubte keine Tränen mehr zu haben,« sagte sie lächelnd, »Könnten Sie Herrn von Rubempré nicht herkommen lassen?« fügte sie hinzu. »Ich will versuchen, Gerichtsdiener zu finden, um ihn Ihnen zuzuführen, damit er nicht von Gendarmen begleitet wird,« erwiderte Herr von Granville. »Sie sind gut wie Gott!« sagte sie zu Herrn von Granville mit überströmender Empfindung, die ihre Stimme zu einer göttlichen Musik machte. ›Immer‹, sagte der Graf Octavius bei sich selber, ›sind gerade solche Frauen entzückend und unwiderstehlich! . . .‹ Und ihn überkam, als er an seine Frau dachte, ein Anfall von Melancholie.

Herr von Granville wurde, als er hinausging, von dem jungen von Chargeboeuf angehalten; er sprach mit ihm und gab ihm seine Anweisungen über das, um was er Massol, einen der Redakteure der Gerichtszeitung, bitten sollte.

Während sich hübsche Frauen, Minister und Richter verschworen, um Lucien zu retten, ging in der Conciergerie mit ihm folgendes vor. Als er durchs Portal kam, hatte der Dichter in der Kanzlei gesagt, daß Herr Camusot ihm zu schreiben erlaubte, und er bat um Feder, Tinte und Papier; ein Aufseher erhielt, nachdem Camusots Gerichtsdiener dem Direktor ein Wort ins Ohr geflüstert hatte, sofort Befehl, ihm alles zu bringen. Während der kurzen Zeit, die der Aufseher brauchte, um, was er erwartete, zu suchen und zu Lucien hinaufzubringen, versank dieser arme junge Mann, dem der Gedanke an seine Gegenüberstellung mit Jakob Collin unerträglich war, in eine jener verhängnisvollen Betrachtungen, in denen der Gedanke an den Selbstmord, dem er schon einmal verfallen war, ohne ihn ausführen zu können, zur Manie wird. Nach einigen großen Psychiatern ist der Selbstmord bei gewissen Organisationen der Abschluß einer Geisteszerrüttung. Nun hatte Lucien seit seiner Verhaftung eine fixe Idee gehabt. Esthers Brief, den er mehrmals durchlas, steigerte noch die Intensität seines Verlangens nach dem Tode, da sie ihm die Katastrophe ins Gedächtnis rief, in der Romeo Julia folgte. Er schrieb folgendermaßen:

»Dies ist mein Testament.

In der Conciergerie, den 15. Mai 1830.

Ich, der Unterzeichnete, schenke und vermache den Kindern meiner Schwester, Eva Chardon, der Gattin David Séchards, die Gesamtheit der beweglichen und unbeweglichen Habe, die mir am Tage meines Todes gehören wird, abzüglich der Zahlungen und Legate, die ich meinen Testamentsvollstrecker zu leisten bitte.

Ich flehe Herrn von Sérizy an, das Amt der Vollstreckung meines Testaments zu übernehmen.

Es soll gezahlt werden: 1. an den Herrn Abbé Carlos Herrera die Summe von dreihunderttausend Franken; 2. an den Herrn Baron von Nucingen die Summe von vierzehnhunderttausend Franken, die um siebenhundertfünfzigtausend Franken zu kürzen ist, wenn die bei Fräulein Esther entwendete Summe sich wiederfindet.

Ich schenke und vermache als Erbe des Fräuleins Esther Gobseck die Summe von siebenhundertsechzigtausend Franken den Pariser Spitälern, und zwar zur Gründung eines Asyles, das eigens für solche öffentlichen Dirnen bestimmt sein soll, die ihre Laufbahn des Lasters und Verderbens verlassen möchten.

Außerdem hinterlasse ich den Spitälern die Summe, die nötig ist für den Ankauf einer fünfprozentigen Staatsschuldenrente von dreißigtausend Franken. Die jährlichen Zinsen sollen jedes halbe Jahr dazu verwandt werden, um Schuldgefangene in Freiheit zu setzen, deren Schuld sich auf höchstens zweitausend Franken beläuft. Die Spitalverwaltung wird die Auswahl unter den ehrenwertesten der Schuldgefangenen treffen.

Ich bitte Herrn von Sérizy, die Summe von vierzigtausend Franken für ein Monument zu verwenden, das auf dem östlichen Friedhof für Fräulein Esther zu errichten ist; ich wünsche neben ihr begraben zu werden. Dieses Grab soll die Form der antiken Gräber erhalten; es soll viereckig sein; auf dem Deckel sollen in weißem Marmor unsere beiden Gestalten ruhen, den Kopf auf Kissen, die Hände zum Himmel erhoben. Das Grab soll keine Inschrift tragen.

Ich bitte den Herrn Grafen von Sérizy, Herrn Eugen von Rastignac als Andenken das goldene Toilettegerät zu überreichen, das sich bei mir befindet.

Schließlich bitte ich meinen Testamentsvollstrecker, in gleichem Sinne zu erlauben, daß ich ihm meine Bibliothek zum Geschenk mache.

Lucien Chardon von Rubempré.«

Dieses Testament wurde eingehüllt in einen Brief an den Grafen von Granville, den Oberstaatsanwalt am Pariser zweitinstanzlichen Gericht, der so lautete:

»Herr Graf!

Ich vertraue Ihnen mein Testament an. Wenn Sie diesen Brief entfalten, werde ich nicht mehr sein. In dem Wunsch, mir die Freiheit zurückzugewinnen, habe ich auf die verfänglichen Fragen des Herrn Camusot so feige Antworten gegeben, daß ich, trotz meiner Unschuld, in einen schmählichen Prozeß verwickelt werden kann. Selbst wenn ich annehme, daß ich ohne Makel freigesprochen würde, so wäre mir das Leben bei der Strenge der Gesellschaft doch unerträglich.

Ich bitte Sie, einliegenden Brief, uneröffnet, dem Abbé Carlos Herrera zu übergeben; und lassen Sie bitte Herrn Camusot den förmlichen Widerruf zukommen, den ich beilege.

Ich glaube nicht, daß man das Siegel eines Briefes zu erbrechen wagt, der an Sie gerichtet ist. In dieser Zuversicht sage ich Ihnen Lebewohl, indem ich Ihnen zum letztenmal meine Achtung ausspreche und Sie bitte, zu glauben, daß ich Ihnen durch diesen Brief ein Zeichen meines Dankes für all die Güte gebe, mit der Sie Ihren verstorbenen Diener überhäuft hatten.

Lucien von R.«

An den Abbé Carlos Herrera

»Mein lieber Abbé! Ich habe von Ihnen nur Wohltaten empfangen, und doch habe ich Sie verraten. Dieser unfreiwillige Undank tötet mich, und wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich nicht mehr am Leben sein. Sie werden mich nicht mehr retten können.

Sie hatten mir vollauf das Recht gegeben, wenn ich meinen Vorteil dabei fände, Sie zugrunde zu richten, indem ich Sie zu Boden würfe wie einen Zigarrenrest; aber ich habe es dumm angefangen. Um sich aus der Verlegenheit zu ziehen, hat sich der Sohn Ihres Geistes, verlockt durch eine geschickte Frage des Untersuchungsrichters, auf die Seite derer gestellt, die Sie um jeden Preis vernichten wollen, indem sie den Glauben an eine Identität zwischen Ihnen und einem französischen Verbrecher wecken, deren Unmöglichkeit ich kenne. Das erledigt alles.

Zwischen einem Mann von Ihrer Gewalt und mir, aus dem Sie einen Größeren machen wollten, als ich sein konnte, ist im Augenblick einer letzten Trennung kein Raum für einen Austausch von Nichtigkeiten. Sie wollten mich mächtig und glorreich machen, Sie haben mich in den Abgrund des Selbstmords gestürzt; weiter nichts. Seit langem schon hörte ich die Riesenschwingen des Todes über mir sausen.

Es gibt den Nachwuchs Kains und den Abels, wie Sie bisweilen sagten. Kain ist im großen Drama der Menschheit die Opposition. Sie stammen in jener Linie von Adam ab, in der der Teufel das Feuer, dessen erster Funke auf Eva gesprungen war, weiter angefacht hat. Unter den Dämonen dieses Geschlechts finden sich von Zeit zu Zeit furchtbare Wesen von ungeheurer Konstitution, die alle menschlichen Kräfte in sich zusammenfassen und jenen fieberischen Tieren der Wüste gleichen, deren Leben der unermeßlichen Räume bedarf, die sie dort finden. Solche Menschen sind in der Gesellschaft so gefährlich, wie es Löwen in der offenen Normandie wären: sie brauchen ihren Fraß; sie verschlingen gewöhnliche Menschen und fressen das Geld der Tröpfe auf; ihr Spiel ist so gefährlich, daß sie den demütigen Hund, den sie zu ihrem Gefährten, zu ihrem Idol machten, schließlich töten. Wenn Gott es will, so werden diese geheimnisvollen Wesen zu einem Moses, Attila, Karl dem Großen, Mohammed oder Napoleon; aber wenn er diese riesenhaften Werkzeuge auf dem Grunde des Ozeans einer Generation verrosten läßt, so bleibt nur ein Pugatscheff, Fouché, Louval oder Abbé Carlos Herrera von ihnen übrig. Sie sind mit einer ungeheuren Macht über zarte Seelen begabt; sie locken sie an und zermalmen sie. Das ist in seiner Art groß, es ist schön. Es ist die Giftpflanze mit den reichen Farben, die die Kinder in den Wäldern berückt. Es ist die Poesie des Bösen. Menschen wie Sie müßten in Höhlen wohnen und sie nie verlassen. Du hast mich dieses Riesenleben leben lassen, und ich habe meinen Anteil am Dasein gehabt. So kann ich denn den Kopf aus dem gordischen Knoten Deiner Politik zurückziehen, um ihn in die Schlinge meiner Krawatte zu stecken.

Um meinen Fehler wieder gutzumachen, übergebe ich dem Oberstaatsanwalt einen Widerruf meiner Aussagen. Sie werden sehen, wie Sie aus diesem Aktenstück Nutzen ziehen können.

Auf Grund eines formgemäßen Testaments, Herr Abbé, wird man Ihnen die Ihrem Orden gehörigen Summen zurückgeben, über die Sie infolge der väterlichen Zärtlichkeit, die Sie mir entgegenbrachten, sehr unklugerweise zu meinen Gunsten verfügt haben.

Leben Sie also wohl, leben Sie wohl, grandioses Standbild des Bösen und der Verderbnis; leben Sie wohl, der Sie auf dem guten Wege mehr geworden wären als Ximenez, mehr als Richelieu! Sie haben Ihr Versprechen gehalten: ich bin wieder das, was ich am Ufer der Charente war; doch verdanke ich Ihnen inzwischen den Zauber eines Traumes; aber unglücklicherweise ist es nicht mehr der Fluß meiner Heimat, in dem ich die kleinen Sünden meiner Jugend ertränken wollte: es ist die Seine, und mein Loch ist eine Zelle der Conciergerie.

Sehnen Sie sich nicht nach mir zurück: meine Verachtung für Sie war meiner Bewunderung gleich.

Lucien.«

»Erklärung

Ich, der Unterzeichnete, erkläre, daß ich alles zurücknehme, was in dem Protokoll des Verhörs steht, dem mich heute Herr Camusot unterworfen hat.

Der Abbé Carlos Herrera nannte sich für gewöhnlich meinen geistigen Vater, und ich muß mich getäuscht haben, weil dieses Wort von dem Richter, zweifellos irrtümlicherweise, in einem andern Sinn verstanden wurde.

Ich weiß, daß zu einem politischen Zweck, um nämlich Geheimnisse zu vernichten, die die Kabinette von Spanien und die der Tuilerien angehen, niedere Agenten der Diplomatie den Abbé Carlos Herrera für einen Sträfling namens Jakob Collin auszugeben versuchen; aber der Abbé Carlos Herrera hat mir in dieser Hinsicht niemals andere Mittellungen gemacht als die über seine Bemühungen, sich die Beweise für den Tod oder das Dasein Jakob Collins zu verschaffen.

In der Conciergerie, am 15. Mai 1830.

Lucien von Rubempré.«

Das Fieber des Selbstmordes verlieh Lucien eine große Gedankenklarheit und jene Regsamkeit der Hand, die die Dichter kennen, wenn das Fieber des Schaffens sie packt. Die Bewegung war bei ihm so groß, daß er diese vier Aktenstücke in einer halben Stunde geschrieben hatte; er machte ein Paket daraus, schloß es mit Siegeln, drückte mit der Kraft, die das Delirium verleiht, das Wappen des Siegelrings, den er am Finger trug, hinein und legte es sehr sichtbar mitten auf den Boden. Sicherlich konnte man kaum mehr Würde bewahren in einer so falschen Situation, in die Lucien durch soviel Gemeinheit geraten war: er rettete sein Gedächtnis vor jedem Schimpf, und er machte das seinem Genossen angetane Unrecht wieder gut, soweit der Geist des Dandy die Wirkung des Vertrauens eines Dichters aufheben konnte.

Wenn Lucien in einer der Zellen des strengen Gewahrsams gewesen wäre, so hatte ihm dort die Unmöglichkeit, seinen Plan auszuführen, halt geboten; denn diese Kästen aus Quadern haben als Mobiliar nichts als eine Art Feldbett und einen Kübel für die dringendsten Bedürfnisse. Dort findet sich kein Nagel, kein Stuhl, nicht einmal ein Schemel. Das Feldbett ist so fest an den Boden geschraubt, daß es unmöglich ist, es ohne eine Arbeit von der Stelle zu bringen, was dem Aufseher auffallen müßte, denn das vergitterte Guckloch steht stets offen. Schließlich wird der Untersuchungsgefangene, wenn er zu Besorgnissen Anlaß gibt, auch noch von einem Gendarmen oder Agenten überwacht. In den Zimmern der Pistole also und in dem, in das man Lucien gebracht hatte, weil der Richter einem jungen Manne, der der höchsten Pariser Gesellschaft angehörte, Rücksicht erweisen wollte, können das bewegliche Bett, der Tisch und der Stuhl zur Ausführung eines Selbstmordes dienen, ohne ihn freilich darum leicht zu machen. Lucien trug eine lange blauseidene Krawatte; und schon, als er vom Verhör zurückkam, dachte er an die Art, wie Pichegru sich mehr oder minder freiwillig getötet hatte. Um sich jedoch aufzuhängen, galt es, einen Stützpunkt zu finden, der zwischen dem Körper und dem Boden einen Raum freiließ, groß genug, um zu verhindern, daß die Füße einen Ruhepunkt fänden. Nun hatte das Fenster seiner Zelle keinen Drehriegel, und die außen eingemauerten Eisengitter waren von Lucien um die ganze Dicke der Mauern getrennt, so daß er auch in ihnen keinen festen Punkt finden konnte.

Folgendes also ist der Plan, den Lucien rasch seine Erfindungsgabe eingab, um seinen Selbstmord zu vollziehen. Wenn die Blende vor der Fensteröffnung Lucien den Ausblick in den Gefängnishof nahm, so hinderte ebendiese Blende auch die Aufseher, zu sehen, was in seiner Zelle vorging. Nun waren zwar im untern Teil des Fensters die Scheiben ersetzt durch zwei starke Bretter, aber der obere Teil hatte auf jeder Seite zwei kleine Scheiben, die von den umrahmenden Querleisten getrennt und gehalten wurden. Wenn Lucien auf den Tisch stieg, so konnte er den verglasten Teil seines Fensters erreichen, zwei Gläser auslösen oder zerbrechen, und er fand dann in der ersten Querleiste einen festen Stützpunkt. Er wollte seine Krawatte darum schlingen, eine Drehung um sich selbst ausführen, damit sie sich ihm um den Hals legte, und den Tisch mit einem Fußtritt von sich stoßen.

Er stellte also den Tisch geräuschlos unter das Fenster, legte Rock und Weste ab, stieg ohne Zögern auf den Tisch und durchbrach die Scheiben über und unter der ersten Querleiste. Als er auf dem Tisch stand, konnte er den Blick in den Gefängnishof werfen: ein magisches Schauspiel, das er zum erstenmal genoß. Der Direktor der Conciergerie, der von Herrn Camusot den Befehl erhalten hatte, Lucien mit der größten Rücksicht zu behandeln, hatte ihn durch die inneren Gänge der Conciergerie führen lassen, deren Eingang in dem dunkeln Untergeschoß der Tour d'Argent gegenüberliegt; so vermied er es, der Masse der Angeklagten, die auf dem Gefängnishof spazieren gingen, einen eleganten jungen Mann zu zeigen. Man kann sich denken, ob der Anblick dieses Spaziergangs derart ist, daß er eine Dichterseele stark ergreift.

Der Gefängnishof der Conciergerie wird nach dem Kai zu von der Tour d'Argent und der Tour Bonbec begrenzt; der Zwischenraum zwischen ihnen also zeigt von außen genau die Breite des Hofes. Die Galerie, die den Namen des heiligen Ludwig trägt und die von der Händlergalerie zum Kassationshof und zur Tour Bonbec führt, in der sich, wie man sagt, noch heute das Zimmer des heiligen Ludwig befindet, kann den Wißbegierigen das Längenmaß des Hofes angeben, denn sie stimmt in dieser Dimension genau mit ihm überein. Die Geheimzellen und die Pistole liegen also unter der Händlergalerie. Daher wurde die Königin Marie Antoinette, deren Kerker unter den gegenwärtigen Geheimzellen lag, zum Revolutionsgericht, das seine Sitzungen in dem feierlichen Saal des Kassationshofes abhielt, über eine furchtbare Treppe geführt, die in die Dicke der Mauern unter der Händlergalerie eingebrochen worden war und heute vermauert ist. Die eine der Seiten des Gefängnishofes, die, deren erster Stock von der Galerie des heiligen Ludwig ausgefüllt wird, zeigt den Blicken eine Reihe gotischer Säulen, zwischen denen die Baumeister, ich weiß nicht welcher Epoche, zwei Stockwerke von Zellen angebracht haben, um möglichst viele Angeklagte unterzubringen; sie haben die Kapitäle, die Bogen und die Schäfte dieser prachtvollen Galerie mit Gips, Gittern und Verkittungen verdorben. Unter dem sogenannten Zimmer des heiligen Ludwig steigt in der Tour Bonbec eine Wendeltreppe empor, die zu diesen Zellen führt; diese Entweihung der größten Erinnerungen Frankreichs ist von scheußlicher Wirkung.

Von der Höhe herab, in der Lucien sich befand, schweifte sein Blick schräg auf diese Galerie und die Einzelheiten der Bauten, die die Tour d'Argent mit der Tour Bonbec verbinden; er sah die spitzen Dächer der beiden Türme. Er stand ganz starr; sein Selbstmord wurde durch seine Bewunderung verzögert. Heute sind die Erscheinungen der Halluzination so vollständig von der Heilkunde anerkannt, daß sich jene Spiegelung unserer Sinne, jene seltsame Fähigkeit unseres Geistes nicht mehr leugnen läßt. Der Mensch befindet sich unter dem Druck einer Empfindung, die einen solchen Grad erreicht, daß sie kraft ihrer Intensität zu einer Wahnvorstellung wird, oft in dem Zustand, in den ihn das Opium, das Haschisch, die salpetrige Säure versetzen. Dann erscheinen Gespenster und Phantome; dann nehmen die Träume körperliche Gestalt an, untergegangene Dinge leben in ihrem früheren Zustand wieder auf; was im Gehirn nur ein Gedanke war, wird ein beseeltes oder lebendes Wesen. Die Wissenschaft glaubt heute, daß das Gehirn sich unter dem Druck der Leidenschaften in ihrem Überschwang mit Blut vollsaugt und daß dieser Blutandrang die beängstigenden Spiele des Traumes im wachen Zustand hervorruft; so sehr wehrt man sich dagegen, das Denken als eine lebendige und zeugende Kraft anzusehen(siehe ›Louis Lambert‹). Lucien sah den Palast in seiner ganzen ursprünglichen Schönheit. Der Säulengang war schlank, jung und frisch. Der Wohnsitz des heiligen Ludwig stand wieder so da, wie er gewesen war; Lucien bewunderte seine babylonischen Verhältnisse und seine orientalischen Launen. Er nahm diese erhabene Vision als ein poetisches Lebewohl der zivilisierten Schöpfung hin. Während er seine Maßregeln traf, um zu sterben, fragte er sich, wie dieses Wunder in Paris unbekannt existieren konnte. Es waren zwei Luciens vorhanden: ein Dichter Lucien, der sich im Mittelalter erging, unter den Arkaden und den Türmchen des heiligen Ludwig, und ein Lucien, der sich zum Selbstmord rüstete.

In dem Augenblick, als Herr von Granville seinem jungen Sekretär seine Anweisungen gegeben hatte, stellte sich der Direktor der Conciergerie ein, und der Ausdruck seines Gesichts war derart, daß den Oberstaatsanwalt die Ahnung von einem Unglück überkam.

»Sind Sie Herrn Camusot begegnet?« fragte er ihn. »Nein, Herr Graf,« erwiderte der Direktor. »Sein Kanzlist Coquart hat mir befohlen, für den Abbé Carlos Herrera den strengen Gewahrsam aufzuheben und Herrn von Rubempré zu entlassen; aber es ist zu spät.« »Mein Gott! was ist geschehen?« »Hier, Herr Graf,« sagte der Direktor, »ist ein Briefpaket für Sie, das Ihnen die Katastrophe erklären wird. Der Aufseher des Gefängnishofes hatte das Geräusch zerbrechender Scheiben gehört, und der Nachbar des Herrn Lucien in der Pistole stieß ein gellendes Geschrei aus, denn er hörte das Todesröcheln des armen jungen Mannes. Der Aufseher kam ganz blaß zurück, ein solches Schauspiel hatte sich seinen Augen dargeboten; er sah den Gefangenen an seiner Krawatte am Fenster erhängt.«

Obgleich der Direktor mit gedämpfter Stimme sprach, bewies der furchtbare Schrei, den Frau von Sérizy ausstieß, daß unsere Organe unter entscheidenden Verhältnissen von unberechenbarer Feinheit sind. Die Gräfin hörte oder erriet. Aber ehe Herr von Granville sich noch umgewandt hatte, war sie, ohne daß weder Herr von Sérizy noch Herr von Bauvan sich so schnellen Bewegungen widersetzen konnten, wie ein Pfeil zur Tür hinaus und flog in die Händlergalerie, wo sie bis zu der Treppe lief, die in die Rue de la Barillerie hinabführt.

Ein Advokat legte an der Tür eines jener Läden, die so lange diese Galerie füllten und in denen man Schuhe verkaufte und Amtskleider und Barette verlieh, seinen Überwurf ab. Die Gräfin fragte nach dem Weg zur Conciergerie. »Gehen Sie hinunter und wenden Sie sich nach links; der Eingang liegt auf dem Quai de l'Horloge, erstes Tor.« »Diese Frau ist wahnsinnig!« sagte die Händlerin, »man sollte ihr folgen.«

Niemand hätte Leontine folgen können; sie flog. Ein Arzt könnte erklären, woher die Frauen der Gesellschaft, deren Kraft ungeübt ist, in den Krisen des Lebens solche Schwungkraft hernehmen. Die Gräfin stürzte sich mit solcher Geschwindigkeit durch die Arkade auf das Portal, daß der Gendarm, der Posten stand, sie nicht einmal eindringen sah. Sie warf sich wie eine Feder, die von einem wütenden Wind gejagt wird, wider das Gitter und rüttelte mit solcher Raserei an den Eisenstangen, daß sie die eine, die sie gepackt hielt, zerbrach. Sie bohrte sich die beiden Bruchstücke in die Brust, so daß das Blut hervorsprang, und brach zusammen, während sie mit einer Stimme, vor der die Aufseher erstarrten: »Öffnet! öffnet!« schrie.

Der Schließer eilte herbei. »Öffnen Sie! Mich schickt der Oberstaatsanwalt, um den Toten zu retten! . . .«

Während die Gräfin den Umweg über die Rue de la Barillerie und den Quai de l'Horloge machte, waren Herr von Granville und Herr von Sérizy, da sie die Absicht der Gräfin errieten, durch das Innere des Palastes zur Conciergerie hinabgeeilt; aber trotz ihrer Eile trafen sie erst in dem Augenblick ein, in dem sie am ersten Gitter ohnmächtig zusammenbrach und von den Gendarmen, die aus ihrem Wachtlokal herbeisprangen, aufgehoben wurde. Beim Anblick des Direktors der Conciergerie öffnete man das Portal und trug die Gräfin in die Kanzlei; sie aber richtete sich auf den Füßen empor und fiel mit gefalteten Händen auf die Knie.

»Ihn sehen! . . . Ihn sehen! . . . O meine Herren, ich werde nichts Arges tun! Aber wenn Sie nicht wollen, daß ich hier sterbe, so lassen Sie mich Lucien sehen, lebend oder tot. – Ah, du bist da, mein Freund. Wähle zwischen meinem Tod und . . .« Sie brach zusammen. »Du bist gut,« fuhr sie fort, »ich will dich lieben! . . .«

»Wir müssen sie forttragen!« sagte Herr von Bauvan. »Nein, wir wollen in die Zelle gehen, in der Lucien ist,« erwiderte Herr von Granville, da er in den verstörten Blicken des Herrn von Sérizy seine Absichten las. Und er ergriff die Gräfin, hob sie empor und faßte sie unterm einen Arm, während Herr von Bauvan sie unterm andern faßte. »Herr Direktor,« sagte Herr von Sérizy, »Todesschweigen über all das.« »Seien Sie unbesorgt,« versetzte der Direktor. »Sie haben das rechte Mittel gewählt. Diese Dame . . .« »Es ist meine Frau . . .« »Ah, Verzeihung, Herr Graf. Nun, sie wird sicherlich ohnmächtig werden, wenn sie den jungen Mann sieht, und während ihrer Ohnmacht kann man sie in einen Wagen tragen.« »Das war mein Gedanke,« sagte der Graf. »Schicken Sie einen Ihrer Beamten zu meinen Leuten in der Cour de Harlay, damit sie am Portal vorfahren; es ist nur mein Wagen da . . .«

»Wir können ihn retten,« sagte die Gräfin, indem sie mit einem Mut und einer Kraft ausschritt, die ihre Hüter überraschten. »Es gibt Mittel, ihn ins Leben zurückzurufen . . .« Und sie zog die beiden Richter mit sich fort, indem sie dem Aufseher zurief: »Gehen Sie doch schneller! . . . Eine Sekunde entscheidet über das Leben dreier Menschen!«

Als die Tür zur Zelle offen war und die Gräfin Lucien hängen sah, als hätte man seine Kleider an einen Kleiderhalter gehängt, machte sie zunächst einen Sprung auf ihn zu, als wollte sie ihn umarmen und ergreifen; aber gleich darauf stürzte sie mit dem Gesicht auf den Boden der Zelle, wobei sie Schreie ausstieß, die eine Art Röcheln erstickte. Fünf Minuten darauf wurde sie von dem Wagen des Grafen in sein Hotel entführt; sie lag auf einem Wagensitz ausgestreckt, und vor ihr kniete ihr Gatte. Der Graf von Bauvan war zu einem Arzt geeilt, der der Gräfin die erste Hilfe bringen sollte.

Der Direktor der Conciergerie untersuchte das äußere Gitter des Portales und sagte zu seinem Kanzlisten: »Man hat nichts gespart! Die Eisenstangen sind geschmiedet, sie sind einer Probe unterworfen worden; man hat schweres Geld dafür bezahlt, und doch war in dieser Stange eine Bruchstelle! . . .«

Der Oberstaatsanwalt sah sich, als er wieder in sein Zimmer trat, gezwungen, seinem Sekretär andere Anweisungen zu geben. Zum Glück war Massol noch nicht da gewesen.

Wenige Augenblicke nach Herrn von Granvilles Aufbruch – er beeilte sich, zu Herrn von Sérizy zu kommen – suchte Massol seinen Kollegen im Sitzungssaal der Staatsanwaltschaft.

»Mein Lieber,« sagte der junge Sekretär, »wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, so werden Sie, was ich Ihnen diktieren werde, in der morgigen Nummer Ihrer Zeitung bringen; die Überschrift des Artikels werden Sie selbst machen. Schreiben Sie.« Und er diktierte:

»Es hat sich herausgestellt, daß das Fräulein Esther Gobseck freiwillig in den Tod gegangen ist. – Das sicher nachweisbare Alibi des Herrn Lucien von Rubempré und seine Unschuld lassen seine Verhaftung um so bedauerlicher erscheinen, als der junge Mann in dem Augenblick, in dem der Untersuchungsrichter Befehl gab, ihn zu entlassen, plötzlich verstorben ist.«

»Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen,« sagte der Sekretär zu Massol, »daß Sie über den kleinen Dienst, den man von Ihnen verlangt, die größte Verschwiegenheit bewahren müssen.« »Da Sie mir die Ehre antun, Vertrauen zu mir zu haben,« erwiderte Massol, »so werde ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen eine Bemerkung zu machen. Diese Notiz wird schimpfliche Kommentare über die Gerichtsbarkeit zur Folge haben . . .« »Die Gerichtsbarkeit ist stark genug, um sie zu ertragen,« versetzte der junge Gehilfe der Staatsanwaltschaft mit dem Stolz eines künftigen Richters aus der Schule des Herrn von Granville. »Erlauben Sie, mein lieber Herr Kollege, mit zwei Sätzen kann man diesem Unglück vorbeugen.« Und der Advokat schrieb:

»Die Formen der Rechtsprechung haben mit diesem schlimmen Ausgang nicht das geringste zu tun. Die Leichenschau, die man auf der Stelle vornahm, ergab, daß der Tod infolge des Aufbruchs einer im letzten Stadium stehenden Pulsadergeschwulst eingetreten ist. Hätte Herrn Lucien von Rubempré seine Verhaftung erschüttert, so wäre der Tod weit früher eingetreten. Nun glauben wir behaupten zu können, daß dieser bedauernswerte junge Mann, statt sich wegen seiner Verhaftung zu bekümmern, vielmehr darüber lachte und zu denen, die ihn von Fontainebleau nach Paris brachten, sagte, sowie er vor den Richter träte, würde seine Unschuld ans Licht kommen.«

»Rettet man damit nicht alles?« fragte der Advokat und Journalist. »Sie haben recht.« »Der Oberstaatsanwalt wird Ihnen morgen dafür Dank wissen,« fuhr Massol mit leisem Sticheln fort.

Vielleicht scheint jetzt weder den Vielen noch auch den wenigen Auserwählten diese Studie mit Esthers und Luciens Tod völlig abgeschlossen; vielleicht interessieren Jakob Collin, Europa und Paccard trotz ihres ehrlosen Daseins genügend, damit man wissen möchte, welches ihr Ende war. Dieser letzte Akt des Dramas kann übrigens das Sittengemälde, das diese Studie einschließt, vervollständigen, und er gibt die Lösung in allerlei noch ungelösten Verwicklungen, in die sich Luciens Leben so merkwürdig verschlungen hatte, indem er ein paar der unedlen Gestalten des Bagnos unter die der höchsten Persönlichkeiten mischt.

So werden, wie man sieht, die größten Ereignisse des Lebens in mehr oder minder wahren Zeitungsnotizen gespiegelt. Ebenso geht es mit vielen weit erhabeneren Dingen, als diese es waren.

 

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