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Glanz und Elend der Kurtisanen

Honoré de Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleGlanz und Elend der Kurtisanen
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1926
translatorFelix Paul Greve
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Von der Liebe der Dirnen

Beim letzten Opernball des Jahres 1824 fiel mehreren Masken die Schönheit eines jungen Mannes auf, der in den Gängen und im Foyer auf und ab ging; und zwar in der Haltung eines Menschen, der eine durch unvorhergesehene Umstände in ihrem Hause zurückgehaltene Frau sucht. Das Geheimnis dieses bald eiligen, bald lässigen Schritts ist nur alten Frauen und einigen ausgedienten Pflastertretern bekannt. Bei jenem ungeheuren Stelldichein beobachtet die Masse die Masse nur wenig; die Interessen sind leidenschaftlich, selbst der Müßiggang ist beschäftigt. Der junge Dandy wurde von seiner unruhigen Suche so sehr in Anspruch genommen, daß er seinen Erfolg gar nicht bemerkte: die spöttisch bewundernden Rufe gewisser Masken, das ernsthafte Erstaunen, die beißenden ›lazzi‹, die süßesten Worte hörte und sah er nicht. Obgleich seine Schönheit ihn unter die Ausnahmepersonen einreihte, die den Opernball besuchen, um dort ein Abenteuer zu verfolgen, und die es erwarteten, wie man zu Lebzeiten Frascatis einen Glücksfall beim Roulette erwartete, so schien er doch seines Abends sicher wie ein Bürger; er mußte der Held eines jener Mysterien sein, die sich unter drei Personen abspielen, jener Mysterien, aus denen der ganze Opernball besteht und die nur denen bekannt sind, die eine Rolle darin haben; denn für junge Frauen, die hingehen, um sagen zu können: ›Ich habe es gesehen‹, für Provinzialen, für unerfahrene junge Leute und Fremde muß die Oper an diesen Abenden der Palast der Ermüdung und der Langweile sein. Für sie ist diese schwarze, langsame und gedrängte Masse, die kommt und geht, sich schlängelt und wendet und wieder wendet, hinauf und hinab steigt und sich mit nichts vergleichen läßt als mit Ameisen auf ihrem Haufen, ebensowenig verständlich, wie die Börse einem bretonischen Bauern verständlich ist, der nichts vom Dasein der Staatspapiere weiß. Mit seltenen Ausnahmen tragen die Männer in Paris keine Maske; ein Mann im Domino macht einen lächerlichen Eindruck. Darin zeigt sich das Genie der Nation. Leute, die ihr Glück verbergen wollen, können auf den Opernball gehen, ohne erkannt zu werden, und die Masken, die unbedingt gezwungen sind einzutreten, verlassen ihn alsbald wieder.Dieser Satz ist selbst Franzosen und Philologen ebenso unverständlich wie dem Übersetzer. Eins der amüsantesten Schauspiele bietet das Gedränge, das, sowie der Ball eröffnet wird, beim Eingang die Flut der Gehenden im Kampf mit denen, die kommen, hervorruft. Maskierte Männer sind also entweder eifersüchtige Gatten, die ihre Frauen beobachten wollen, oder Gatten, die ein galantes Abenteuer haben und sich von ihren Frauen nicht beobachten lassen wollen: beide Situationen fordern gleichermaßen den Spott heraus. Nun folgte dem jungen Mann, ohne daß er es merkte, einem Mörder gleich, eine kurze, dicke Maske, die wie eine Tonne in sich selbst zurückzulaufen schien. Für jeden Stammgast der Oper glich dieser Domino einem Verwaltungsbeamten, einem Geldwechsler, einem Bankier, einem Notar, kurz, irgendeinem Bürger, der seine Ungetreue in Verdacht hat; denn in der höchsten Gesellschaft läuft niemand demütigenden Beweisen nach. Schon hatten sich mehrere Masken lachend diese mißgestaltete Persönlichkeit gezeigt; andere hatten ihn angesprochen, ein paar junge Leute hatten sich über ihn lustig gemacht. Seine Schulterbreite und seine Haltung aber deuteten auf eine ausgesprochene Verachtung für diese bedeutungslosen Pfeile; er folgte dem jungen Manne, wohin der ihn führte, wie ein verfolgter Eber dahinläuft und sich weder um die Kugeln kümmert, die seine Ohren umpfeifen, noch um die Hunde, die hinter ihm bellen. Obwohl es auf den ersten Blick hätte scheinen können, daß die Suche nach dem Genuß und die Besorgnis dasselbe Kostüm, jenes berühmte venezianische schwarze Gewand, angelegt hätten, und obwohl auf dem Opernball alles durcheinander wogt, so finden, kennen und beobachten sich doch die verschiedenen Kreise, aus denen die Pariser Gesellschaft besteht. Einzelne Eingeweihte haben so scharfumrissene Begriffe, daß ihnen dieses wirre Buch der Interessen lesbar wird wie ein amüsanter Roman. Für die Stammgäste konnte dieser Mann sich also nicht der Gunst einer Frau erfreuen; er hätte unfehlbar irgendein verabredetes Kennzeichen getragen, ein rotes, weißes oder grünes, wie es ein von langer Hand vorbereitetes Glück verrät. Handelte es sich um eine Rache? Ein paar Müßiggänger kamen, als sie diese Maske einem von Frauengunst beglückten Mann so dicht folgen sahen, auf das schöne Gesicht zurück, dem der Genuß seine göttliche Aureole aufgesetzt hatte. Der junge Mann interessierte: je länger er so hin und her schritt, um so mehr Neugier weckte er. Alles deutete übrigens an ihm auf die Gewohnheiten eines eleganten Lebens. Nach einem Gesetz, das unserem Zeitalter verhängnisvoll eigen ist, besteht, sei es im Moralischen, sei es im Physischen, kaum ein Unterschied zwischen dem vornehmsten, dem besterzogenen Sohn eines Herzogs und Pairs und einem reizenden Burschen, den mitten in Paris noch eben das Elend mit seinen ehernen Händen drosselte. Jugend und Schönheit können tiefe Abgründe verbergen; bei ihm wie bei vielen jungen Leuten, die in Paris eine Rolle spielen wollen, ohne das für ihre Ansprüche nötige Kapital zu besitzen, und die mit jedem Tage alles für alles aufs Spiel setzen, indem sie dem Gotte opfern, dem in dieser königlichen Stadt am meisten geschmeichelt wird: dem Zufall. Nichtsdestoweniger waren seine Kleidung und seine Manieren einwandfrei; er bewegte sich auf dem klassischen Parkett des Foyers wie ein Stammgast der Oper. Wer hat noch nicht bemerkt, daß es dort wie in allen Zonen von Paris ein Auftreten gibt, das offenbart, wer man ist, was man tut, woher man kommt und was man will?

»Was für ein hübscher junger Mann! Hier kann man sich umdrehen und ihn ansehen,« sagte eine Maske, in der die Stammgäste des Balls eine anständige Frau erkannten. »Sie entsinnen sich seiner nicht?« antwortete der Herr, der ihr den Arm reichte. »Und doch hat Frau du Châtelet ihn Ihnen vorgestellt . . .« »Wie! das ist der Apothekerssohn, in den sie sich vernarrt hatte und der Journalist wurde, der Liebhaber des Fräulein Coralie?« »Ich glaubte, er wäre zu tief gefallen, um je wieder in die Höhe zu kommen, und ich verstehe nicht, wie er in der Pariser Gesellschaft wieder auftreten kann?« sagte der Graf Sixtus du Châtelet. »Er sieht aus wie ein Prinz,« sagte die Maske; »und nicht die Schauspielerin, mit der er lebte, wird ihn so verwandelt haben; meine Cousine, die ihn entdeckt hatte, hat ihn nicht herauszuputzen verstanden; ich möchte wohl die Geliebte dieses Sargino kennen. Sagen Sie mir etwas aus seinem Leben, was mich instand setzt, ihn zu beunruhigen.«

Dieses Paar, das dem jungen Manne flüsternd folgte, wurde eben jetzt von der breitschultrigen Maske scharf beobachtet.

»Lieber Herr Chardon,« sagte der Präfekt der Charente, indem er den Dandy am Arm nahm, »erlauben Sie mir, Ihnen jemanden vorzustellen, der seine Bekanntschaft mit Ihnen wieder anknüpfen möchte . . .« »Lieber Graf Châtelet,« erwiderte der junge Mann, »ebendiese Dame hat mich gelehrt, wie lächerlich der Name war, den Sie mir geben. Eine Verordnung des Königs hat mir den meiner Vorfahren mütterlicherseits, der Rubemprés, verliehen. Wenn auch die Zeitungen diese Tatsache gemeldet haben, so geht sie doch nur eine so dürftige Persönlichkeit an, daß ich nicht erröte, sie meinen Freunden, meinen Feinden und den Gleichgültigen ins Gedächtnis zurückzurufen: Sie werden sich rechnen, worunter Sie wollen; aber ich bin überzeugt, Sie werden nicht eine Maßregel mißbilligen, die Ihre Frau mir anriet, als sie nur erst eine Frau von Bargeton war.«

Dieser hübsche Stachel, über den die Marquise lächeln mußte, verursachte dem Präfekten ein nervöses Zittern.

»Sie werden ihr sagen,« fügte Lucien hinzu, »daß ich jetzt den roten Schild mit dem wütenden Silberstier im grünen Felde führe.« »Dem Silberstier . . .« wiederholte Châtelet. »Die Frau Marquise wird Ihnen erklären, weshalb dieses alte Wappenschild etwas Besseres ist als der Kammerherrnschlüssel und die goldenen Bienen des Kaiserreichs, die sich in dem Ihren befinden, und zwar zur großen Verzweiflung der Frau Châtelet, gebornen Nègrepelisse d'Espard . . .« sagte Lucien lebhaft. »Da Sie mich erkannt haben, kann ich Sie nicht mehr beunruhigen; und ich könnte Ihnen nicht erklären, wie sehr Sie mich beunruhigen,« sagte die Marquise d'Espard mit leiser Stimme zu ihm, ganz erstaunt über die Unverschämtheit und Sicherheit, die dieser einst von ihr verachtete Mann sich erworben hatte. »Erlauben Sie also, gnädige Frau, daß ich mich nicht der einzigen Möglichkeit beraube, Ihre Gedanken zu beschäftigen; lassen Sie mich in diesem geheimnisvollen Halbschatten,« sagte er mit dem Lächeln eines Mannes, der ein sicheres Glück nicht gefährden will. Die Marquise konnte eine kleine, herbe Bewegung nicht unterdrücken, als sie sich, nach einem englischen Ausdruck, von Luciens Schärfe so ›geschnitten‹ sah. »Ich mache Ihnen mein Kompliment zu Ihrem Standeswechsel,« sagte der Graf du Châtelet zu Lucien. »Ich nehme es an, wie Sie es geben,« erwiderte Lucien, indem er die Marquise mit unendlicher Anmut grüßte. »Der Geck!« sagte der Graf leise zu Frau d'Espard, »endlich hat er seine Vorfahren erobert!« »Bei jungen Leuten deutet die Geckerei, wenn sie sich gegen uns wendet, fast immer auf ein sehr hoch stehendes Glück; denn unter Ihnen deutet sie auf Unglück. Deshalb möchte ich diejenige unserer Freundinnen kennen, die diesen schönen Vogel in ihren Schutz aufgenommen hat; vielleicht sähe ich dann eine Möglichkeit, mich heute abend zu amüsieren. Mein anonymer Brief ist zweifellos eine von einer Rivalin vorbereitete Bosheit, denn es ist von diesem jungen Mann darin die Rede; seine Unverschämtheit wird ihm diktiert worden sein: spionieren Sie ihm nach. Ich will den Arm des Herzogs von Navarreins nehmen; Sie werden mich schon wiederfinden können.«

In dem Augenblick, als Frau d'Espard ihren Verwandten anreden wollte, trat die geheimnisvolle Maske zwischen sie und den Herzog, um ihr ins Ohr zu sagen: »Lucien liebt Sie; er hat den Brief geschrieben; Ihr Präfekt ist sein größter Feind; konnte er sich vor ihm erklären?«

Der Unbekannte ging und ließ Frau d'Espard in doppelter Überraschung zurück. Die Marquise kannte keinen Menschen auf der Welt, der imstande gewesen wäre, die Rolle dieser Maske zu spielen; sie fürchtete eine Falle, setzte und versteckte sich.

Der Graf Sixtus du Châtelet, dessen ehrgeiziges ›du‹ Lucien mit einer Absichtlichkeit unterdrückt hatte, die nach lange erträumter Rache roch, folgte dem wunderbaren Dandy aus einiger Ferne; bald traf er auf einen jungen Mann, dem er sein Herz ausschütten zu können vermeinte. »Nun, Rastignac, haben Sie Lucien gesehen? Er hat sich gehäutet.« »Wenn ich ein ebenso hübscher Junge wäre wie er, wäre ich noch reicher als er,« erwiderte der junge Lebemann in leichtem, aber feinem Ton, der eine attische Spötterei verriet. »Nein,« sagte ihm die dicke Maske ins Ohr, und durch den Ton, mit dem sie das eine Wort aussprach, gab sie ihm tausend Spöttereien für seine eine zurück. Rastignac, der nicht der Mann dazu war, eine Beleidigung hinunterzuschlucken, stand da wie vom Blitz getroffen und ließ sich von einer Eisenhand, die abzuschütteln ihm unmöglich war, in die Nische eines Fensters führen. »Sie junger Hahn aus Mama Vauquers Hühnerstall, Sie, dem es an Herz fehlte, die Millionen des Papa Taillefer zu packen, als der größte Teil der Arbeit schon getan war, erfahren Sie zu Ihrer persönlichen Sicherheit dies: wenn Sie sich gegen Lucien nicht wie gegen einen Bruder verhalten, den Sie lieben, so sind Sie in unserer Hand, ohne daß wir in Ihrer wären. Schweigen und Ergebenheit! Sonst mische ich mich in Ihr Spiel ein und stoße Ihnen die Kegel um. Lucien von Rubempré steht im Schutz der größten Macht von heute, der Kirche. Wählen Sie zwischen Leben und Tod. Ihre Antwort?«

Rastignac schwindelte es wie einen Menschen, der im Walde eingeschlafen ist und an der Seite einer ausgehungerten Löwin erwacht. Er fürchtete sich, und er hatte keine Zeugen: in solchen Fällen überlassen sich die mutigsten Männer der Furcht. »Nur er kann wissen . . . und wagen . . .« sagte er halblaut vor sich hin. Die Maske drückte ihm die Hand, um ihn zu verhindern, daß er seinen Satz aussprach. »Handeln Sie, als wäre er es,« sagte sie. Rastignac tat, was ein Millionär auf der Landstraße täte, wenn er einen Räuber auf sich anschlagen sähe: er kapitulierte.

»Mein lieber Graf,« sagte er zu du Châtelet, als er zu ihm zurückkehrte, »wenn Ihnen an Ihrer Stellung liegt, so behandeln Sie Lucien von Rubempré wie einen Menschen, den Sie eines Tages viel höher gestellt sehen werden, als Sie es sind.«

Die Maske ließ sich eine unmerkliche Geste der Befriedigung entschlüpfen und nahm die Spur Luciens wieder auf.

»Mein Lieber, Sie haben Ihre Meinung über ihn gar schnell geändert,« erwiderte der mit Recht erstaunte Präfekt. »Genau so schnell wie die, welche im Zentrum sitzen und mit der Rechten abstimmen,« antwortete Rastignac diesem Präfekt-Deputierten, dessen Stimme seit einigen Tagen im Ministerium fehlte. »Gibt es heute noch Meinungen? Es gibt nur noch Interessen,« fiel Des Lupeaulx, der sie hörte, ein; »um was handelt es sich?« »Um den Herrn von Rubempré, den Rastignac als eine Persönlichkeit ausgeben will,« sagte der Deputierte zu dem Generalsekretär. »Mein lieber Graf,« erwiderte Des Lupeaulx mit ernsthafter Miene, »Herr von Rubempré ist ein junger Mann von höchstem Verdienst; und er hat so gute Stützen, daß ich mich glücklich schätzen würde, wenn ich meine Bekanntschaft mit ihm wieder anknüpfen könnte.« »Da wird er gleich in das Wespennest der Wüstlinge unserer Zeit hineingeraten,« sagte Rastignac.

Die drei Teilnehmer des Gesprächs wandten sich einem Winkel zu, in dem ein paar Schöngeister, mehr oder minder berühmte Leute, und einige Elegants standen. Diese Herren teilten sich ihre Beobachtungen, ihre Witze und ihre Bosheiten mit, indem sie versuchten, sich zu amüsieren, oder indem sie auf ein Vergnügen warteten. In dieser so wunderlich zusammengesetzten Gruppe befanden sich auch Leute, zu denen Lucien Beziehungen gehabt hatte und unter deren scheinbar gutem Verhältnis zu ihm sich schlimme Dienste verbargen.

»Nun, Lucien, mein Kind, mein Liebchen, da sind Sie ja wieder ausgestopft und ausstaffiert. Woher kommen wir? Sind wir endlich mit Hilfe der Geschenke aus Florines Boudoir wieder in den Sattel gekommen? Bravo, mein Junge!« sagte Blondet, indem er Finots Arm losließ, um Lucien vertraulich um die Hüften zu fassen und ans Herz zu drücken.

Andoche Finot war der Besitzer einer Zeitschrift, an der Lucien fast unentgeltlich mitgearbeitet hatte und die Blondet durch seine Artikel, seine klugen Ratschläge und die Tiefe seiner Gesichtspunkte reich machte. Finot und Blondet personifizierten Bertrand und Raton,Die Katze Raton holt dem Affen Bertrand die Kastanien aus dem Feuer. doch mit dem Unterschied, daß Lafontaines Kater schließlich merkt, wie er betrogen wird, während Blondet, obwohl er wußte, daß er betrogen wurde, Finot weiterdiente. Dieser glänzende Kondottiere der Feder sollte noch lange Sklave bleiben. Finot verbarg unter schwerfälligen Formen, unter der Schläfrigkeit einer unverschämten Dummheit, die etwa so am Geist gerieben worden war, wie ein Handlanger sein Brot an Knoblauch reibt, einen brutalen Willen. Er verstand das, was er auf den Feldern des wüsten Lebens, wie es Literaten und Politiker führen, mähte, die Ideen und die Taler, auch in die Scheuer zu bringen. Blondet hatte zu seinem Unglück seine ganze Kraft in den Sold seiner Laster und seiner Trägheit gestellt. Da ihn immer von neuem die Not überfiel, so gehörte er zu dem armen Geschlecht der hervorragenden Leute, die für das Glück anderer alles vermögen, nichts aber für ihr eigenes Glück: zum Geschlecht der Aladdins, die sich ihre Lampe abborgen lassen. Das Urteil dieser wundervollen Ratgeber ist scharfsinnig und treffend, wenn es nicht vom persönlichen Interesse hin und her gezerrt wird. Bei ihnen handelt der Kopf und nicht der Arm. Daher das Lockere ihrer Sitten, daher der Tadel, mit dem minderwertige Geister sie überhäufen. Blondet teilte seine Börse mit dem Kameraden, den er am Abend zuvor verwundet hatte; er speiste, trank und schlief mit dem zusammen, den er am folgenden Tage umbringen wollte. Seine amüsanten Paradoxe rechtfertigten alles. Wie er die ganze Welt als einen Scherz nahm, wollte er nicht ernst genommen werden. Er war jung, beliebt, fast berühmt und glücklich, und also dachte er nicht wie Finot daran, sich das für den Bejahrten nötige Vermögen zu erwerben.

Es gehörte für Lucien vielleicht der schwierigste Mut dazu, um in diesem Augenblick Blondet zu schneiden, wie er soeben Frau d'Espard und Châtelet geschnitten hatte. Zu seinem Unglück hemmte bei ihm die Genußsucht der Eitelkeit die Entfaltung des Ehrgeizes, der sicherlich der Ausgangspunkt vieler großen Dinge ist. Seine Eitelkeit hatte in jenem ersten Waffengang triumphiert; er hatte sich vor zwei Leuten, die ihn einst in seiner Armut und seinem Elend verachtet hatten, reich, glücklich und geringschätzig gezeigt; aber konnte ein Dichter gleich einem ergrauten Diplomaten zwei sogenannten Freunden die Spitze bieten, die ihn in seinem Elend aufgenommen, die während der Tage seiner Not ihr Bett mit ihm geteilt hatten? Finot, Blondet und er hatten sich gemeinsam weggeworfen; sie hatten sich in Orgien gewälzt, die nicht nur das Geld ihrer Gläubiger auffraßen. Gleich jenen Soldaten, die ihren Mut nicht am rechten Ort anzubringen wissen, tat Lucien jetzt das, was sehr viele Leute in Paris tun: er kompromittierte sich von neuem, indem er Finots Händedruck annahm und sich gegen Blondets Liebkosung nicht wehrte. Wer sich je mit dem Journalismus befaßt hat oder noch befaßt, sieht sich in der grausamen Notwendigkeit, Leute, die er verachtet, begrüßen, seinen besten Feinden zulächeln, mit den übelriechendsten Gemeinheiten paktieren und, wenn er seine Angreifer mit ihrer eigenen Münze bezahlen will, sich die Finger beschmutzen zu müssen. Man gewöhnt sich daran, zuzusehen; wenn Schlimmes geschieht, es geschehen zu lassen; man billigt es erst, man tut es schließlich selbst. Auf die Dauer wird die Seele, die durch schmähliche und dauernde Kompromisse unablässig befleckt wird, kleiner, die Sprungfeder edler Gedanken verrostet, die Angeln der Banalität nutzen sich ab und drehen sich von selber. Alzesten werden zu Philinten; Charaktere erschlaffen, Talente werden zu Bastardbegabungen, der Glaube an schöne Werke entfliegt. Wer einst auf die beschriebenen Blätter stolz sein wollte, verschwendet seine Kraft auf traurige Artikel, die sein Gewissen ihm früher oder später als ebenso viel schlimme Handlungen vorwirft. Man war gekommen, wie es bei Lousteau, bei Vernou ging, um ein großer Schriftsteller zu werden, und man erkennt in sich selbst den ohnmächtigen Libellisten. Deshalb kann man jene, bei denen der Charakter auf der Höhe ihres Talents steht, niemals genug loben: die d'Arthez, die sichern Fußes durch die Klippen des literarischen Lebens zu schreiten wissen, Lucien wußte auf Blondets Schmeicheleien nichts zu erwidern, denn dessen Geist übte auf ihn eine unwiderstehliche Verführung aus, er bewahrte noch immer die Gewalt des Wüstlings über seinen Schüler, und außerdem nahm er durch seine Liaison mit der Gräfin von Montcornet in der Gesellschaft eine gute Stellung ein.

»Haben Sie einen Onkel beerbt?« fragte Finot mit spöttischer Miene. »Ich habe wie Sie begonnen, die Dummen systematisch zu schröpfen,« erwiderte Lucien im gleichen Ton. »Hätte der Herr eine Zeitschrift, irgendein Journal?« fragte Andoche Finot mit der unverschämten Selbstzufriedenheit, die der Ausbeutende dem Ausgebeuteten gegenüber entfaltet. »Ich habe Besseres,« versetzte Lucien, dessen durch die gespielte Überlegenheit des Chefredakteurs verwundete Eitelkeit ihm den Geist seiner neuen Stellung zurückgab. »Und was haben Sie, mein Lieber? . . .« »Ich habe eine Partei.« »Es gibt eine Partei Lucien?« fragte Vernou lächelnd. »Finot, da hat dich dieser Bursche in Schatten gestellt, ich habe es dir vorhergesagt, Lucien hat Talent, du hast ihn nicht richtig behandelt, du hast ihn gerädert. Bereue, grober Tölpel!« rief Blondet.

Blondet war schlau wie ein Bisam und sah also in Luciens Geste, Ton und Miene mehr als ein Geheimnis; indem er ihn aufheiterte, verstand er es, ihm mit ebendiesen Worten die Kinnkette des Zügels straffer zu fassen. Er wollte wissen, weshalb Lucien nach Paris zurückgekehrt war, wollte seine Pläne und seine Existenzmittel erforschen. »Auf die Knie vor einer Überlegenheit, die du niemals haben wirst, wenn du auch FinotFinot heißt, wörtlich übersetzt, etwa ›pfiffig‹. bist!« fuhr er fort. »Nimm den Herrn, und zwar auf der Stelle, in die Zahl der ganz Starken auf, denen die Zukunft gehört; er ist einer von uns! Er ist geistreich und schön: muß er nicht durch dein Quibuscunque viis Erfolg haben? Da steht er in seiner guten Mailänder Rüstung, den gewaltigen Dolch halb gezückt und sein Panier gehißt! Tausend Wetter, Lucien, wo hast du denn diese hübsche Weste gestohlen? Nur die Liebe kann solche Stoffe ausfindig machen. Haben wir einen Wohnsitz? Ich muß im Augenblick gerade die Adressen meiner Freunde kennen, ich weiß nicht, wo ich schlafen soll. Finot hat mich für heute abend unter dem vulgären Vorwand eines galanten Abenteuers vor die Tür gesetzt.« »Mein Lieber,« erwiderte Lucien, »ich habe einen Grundsatz in die Praxis umgesetzt, mit dem man eines ruhigen Lebens sicher ist: Fuge, late, tace. Ich verlasse Sie.« »Aber ich verlasse dich nicht, wenn du nicht mir gegenüber eine heilige Schuld tilgst: jenes kleine Souper, he?« sagte Blondet, der das Wohlleben ein wenig zu sehr liebte und sich bewirten ließ, wenn er gerade ohne Geld war. »Welches Souper?« fragte Lucien, während ihm eine ungeduldige Geste entschlüpfte. »Du entsinnst dich nicht? Daran erkenne ich, wenn es einem Freund gut geht: er hat kein Gedächtnis mehr.« »Er weiß, was er uns schuldig ist, ich verbürge mich für sein Herz,« sagte Finot, indem er Blondets Scherz aufgriff. »Rastignac,« sagte Blondet, indem er den jungen Lebemann in dem Augenblick am Arm faßte, als er das obere Ende des Foyers erreichte und in die Nähe der Säule kam, bei der die sogenannten Freunde standen, »es handelt sich um ein Souper: Sie werden dabei sein . . . wenn nicht der Herr«, fuhr er ernsthaft fort, indem er auf Lucien zeigte, »darauf besteht, eine Ehrenschuld zu leugnen; er kann es.« »Herr von Rubempré, dafür bürge ich, ist dessen nicht fähig,« sagte Rastignac, der an etwas ganz anderes dachte als eine Mystifikation. »Da ist Bixiou,« rief Blondet, »er kommt auch: ohne ihn ist nichts vollständig. Ohne ihn macht mir der Champagner die Zunge schwer, und ich finde alles fad, selbst den Pfeffer der Epigramme.« »Meine Freunde,« sagte Bixiou, »ich sehe, ihr seid um das Wunder des Tages versammelt. Unser teurer Lucien erneuert die Metamorphosen Ovids. Wie die Götter sich, um Frauen zu verführen, in seltsame Gemüse und so weiter verwandelten, so hat er den ChardonChardon = Distel. verwandelt in einen Edelmann, um – wen? – zu verführen . . . Karl X.! . . . Mein kleiner Lucien,« sagte er, indem er ihn an einem Knopf seines Rockes faßte, »ein Journalist, der zum großen Herrn wird, verdient eine hübsche Katzenmusik. An deren Stelle«, sagte der unerbittliche Spötter, indem er auf Finot und Vernou zeigte, »würde ich dich in ihrem kleinen Blatt vornehmen: du würdest ihnen einige hundert Franken einbringen: zehn Spalten guter Witze.« »Bixiou,« sagte Blondet, »ein Amphitryo ist uns vierundzwanzig Stunden vor und zwölf Stunden nach dem Gastmahl heilig: unser erlauchter Freund gibt uns ein Souper.« »Wie, wie!« fuhr Bixiou fort; »aber was ist notwendiger, als einen großen Mann vor der Vergessenheit zu bewahren und die dürftige Aristokratie eines talentvollen Mannes mit einer Aussteuer zu versehen? Lucien, du besitzt die Achtung der Presse, deren schönste Zierde du gewesen bist, und wir werden dich stützen. Finot, ein paar Zeilen im Leitartikel! Blondet, ein verfängliches Artikelchen auf der vierten Seite deines Blattes! Wir wollen das Erscheinen des schönsten Buches der Zeit, des ›Bogenschützen Karls IX.‹ melden. Wir wollen Dauriat anflehen, uns bald die ›Margueriten‹ zu bescheren, jene göttlichen Sonette des französischen Petrarka! Erheben wir unsern Freund auf den Schild des Stempelpapiers, das einen Ruf schafft oder vernichtet!« »Wenn du ein Souper willst, sagte Lucien zu Blondet, um diese Truppe, die immer größer zu werden drohte, abzuschütteln, »so scheint mir, hattest du es einem alten Freund gegenüber nicht nötig, Hyperbeln und Parabeln anzuwenden, als wäre er ein Tropf. Auf morgen abend, bei Lointier!« sagte er lebhaft, als er eine Frau kommen sah, auf die er zueilte. »Oh! oh! oh!« sagte Bixiou in dreimal wechselndem Ton und mit spöttischer Miene, während es schien, als erkennte er die Maske, der Lucien entgegenging; »das verdient eine Bestätigung.« Und er folgte dem hübschen Paar, ging an ihm vorbei, prüfte es mit scharfblickendem Auge und kehrte zur großen Befriedigung all dieser Neider zurück, die nur zu gern wissen wollten, woher der Wechsel in Luciens Vermögensumständen kam. »Meine Freunde, ihr kennt seit langem das Glück des Herrn von Rubempré,« sagte Bixiou zu ihnen: »es ist die alte Ratte Des Lupeaulx'.«

Eine der jetzt vergessenen Verderbtheiten, die jedoch im Anfang dieses Jahrhunderts sehr verbreitet war, bestand in dem Luxus der ›Ratten‹. Eine Ratte – das Wort ist schon veraltet – nannte man ein Kind von zehn bis elf Jahren, eine Statistin an irgendeinem Theater, vor allem an der Oper, die irgendein Wüstling für das Laster und die Gemeinheit erzog. Eine Ratte war eine Art Höllenpage, ein weiblicher Gassenbube, dem man gute Streiche verzieh. Die Ratte konnte alles nehmen, man mußte ihr mißtrauen wie einem gefährlichen Tier; sie führte ein Element der Lustigkeit in das Leben ein, wie es in der alten Komödie die Scapins, die Sganarelles und die Frontins taten. Die Ratte war zu teuer: sie trug weder Ehre noch Nutzen noch Vergnügen ein; die Mode der Ratten verschwand so vollständig, daß heute nur wenige Menschen dieses intime Detail des eleganten Lebens vor der Restauration noch kannten, bis ein paar Schriftsteller sich der Ratte als eines neuen Themas bemächtigten.

»Wie, sollte uns Lucien, nachdem ihm Coralie unter dem Leibe getötet wurde, die TorpilleTorpille heißt wörtlich ›Zitterrochen‹; der Beiname spielt auf die Eigenschaft des Fisches an, daß, wer ihn berührt, einen elektrischen Schlag erhält. entführen?« fragte Blondet. Als die Maske mit den athletischen Formen diesen Namen hörte, entschlüpfte ihr eine Bewegung, die Rastignac sah, obwohl sie verhalten war. »Das ist nicht möglich!« erwiderte Finot; »die Torpille hat keinen Heller zu geben: sie hat sich, wie mir Nathan sagte, von Florine tausend Franken geborgt.« »O meine Herren, meine Herren! . . .« sagte Rastignac, indem er Lucien gegen so gehässige Beschuldigungen zu verteidigen suchte. »Nun,« rief Vernou, »ist denn der ausgehaltene Geliebte Coralies so tugendhaft geworden? . . .« »O, gerade diese tausend Franken«, sagte Bixiou, »beweisen mir, daß unser Freund Lucien mit der Torpille zusammenlebt . . .« »Welchen unersetzlichen Verlust erlebt die Elite der Wissenschaft, der Kunst und der Politik!« rief Blondet. »Die Torpille ist das einzige Freudenmädchen, in dem man das Zeug zu einer schönen Kurtisane fand; kein Unterricht hatte sie verdorben, sie konnte weder lesen noch schreiben: sie hätte uns verstanden. Wir hätten unserer Zeit eine jener prachtvollen Aspasiafiguren geschenkt, ohne die es kein großes Jahrhundert gibt. Sehen Sie doch, wie gut die Dubarry dem achtzehnten Jahrhundert steht, Ninon de Lenclos dem siebzehnten, Marion de Lorme dem sechzehnten, Imperia dem fünfzehnten, Flora der römischen Republik, die sie zu ihrer Erbin machte und die mit ihrem Nachlaß ihre Staatsschuld tilgen konnte! Was wäre Horaz ohne Lydia, Tibull ohne Delia, Katull ohne Lesbia, Properz ohne Cynthia, Demetrius ohne Lamia, die noch heute seinen Ruhm ausmacht?« »Wenn Blondet im Foyer der Oper von Demetrius redet, so scheint das doch ein wenig zu sehr Leitartikel,« sagte Bixiou seinem Nachbar ins Ohr. »Und was wäre ohne all jene Königinnen das Kaiserreich der Cäsaren?« fuhr Blondet immer noch fort; »Lais und Rhodope sind Griechenland und Ägypten. Alle übrigens sind die Poesie der Jahrhunderte, in denen sie lebten. Diese Poesie, die Napoleon fehlt – denn seine Witwe, die große Armee, ist ein Kasernenscherz –, hat auch der Revolution nicht gefehlt, denn sie hat Frau Tallien besessen. Jetzt, wo es sich in Frankreich darum handelt, wer auf dem Thron sitzen soll, steht sicherlich ein Thron leer. Wir alle, wir können eine Königin schaffen. Ich selbst hätte der Torpille eine Tante gegeben, denn ihre Mutter ist zu offenkundig auf dem Felde der Unehre gefallen; du Tillet hätte ihr ein Hotel bezahlt, Lousteau einen Wagen, Rastignac ihre Lakaien, Des Lupeaulx einen Koch, Finot die Hüte (Finot konnte eine Bewegung nicht unterdrücken, als er aus nächster Nähe diesen Stich erhielt); Vernou hätte für sie Reklame gemacht, Bixiou ihr ihre Witze geliefert! Die Aristokratie wäre zu unserer Ninon gekommen, um sich bei ihr zu amüsieren, und die Künstler hätten wir durch Androhung todbringender Artikel zu ihr gelockt. Ninon II. wäre wunderbar unverschämt, zermalmend luxuriös geworden. Sie hätte Ansichten gehabt. Man hätte bei ihr irgendein verbotenes dramatisches Meisterwerk vorgelesen, das man im Notfall eigens hätte machen lassen. Liberal wäre sie nie geworden, denn eine Kurtisane ist wesentlich monarchisch gesinnt. Ach, welch ein Verlust! Sie hätte ihr ganzes Jahrhundert umarmen müssen und liebt einen kleinen jungen Mann! Lucien wird einen Jagdhund aus ihr machen.« »Keine der weiblichen Großmächte, die du genannt hast, ist durch die Straße gewatet,« sagte Finot, »und diese hübsche Ratte hat sich im Kot gewälzt.« »Wie das Samenkorn einer Lilie in ihrer Düngererde,« erwiderte Vernou, »ist sie dadurch nur schöner geworden; sie hat geblüht. Daher kommt ihre Überlegenheit. Muß man nicht alles kennen gelernt haben, um das Lachen und die Freude zu schaffen, die sich an alles heften?« »Er hat recht,« sagte Lousteau, der bisher beobachtet hatte, ohne zu reden, »die Torpille versteht zu lachen und lachen zu machen. Diese Wissenschaft der großen Schriftsteller und der großen Schauspieler gehört nur denen, die in alle sozialen Tiefen eingedrungen sind. Mit achtzehn Jahren hat dieses Mädchen schon den höchsten Wohlstand, das tiefste Elend und Menschen aller Stufen gekannt. Sie hält etwas wie einen Zauberstab in Händen, mit dem sie die brutalen Begierden entkettet, die bei den Männern so gewaltsam zurückgedrängt sind, wenn sie noch ein Herz haben, obgleich sie sich mit der Politik, der Wissenschaft, der Literatur oder der Kunst beschäftigen. Es gibt in Paris keine zweite Frau, die so wie sie zum Tier sagen kann: Komm hervor! Und das Tier verläßt seinen Stall und wälzt sich in Ausschweifungen: bis an das Kinn setzt sie einen zu Tisch, sie hilft einem trinken und rauchen. Kurz, diese Frau ist das Salz, das Rabelais besingt und das, auf die Materie gestreut, die Dinge belebt und bis in die Wunderregionen der Kunst erhebt: ihr Kleid entfaltet unerhörte Pracht, ihre Finger lassen zur rechten Zelt ihre Geschmeide fallen, wie ihr Mund sein Lächeln; sie gibt jedem Ding den Geist des Augenblicks; ihre Rede glitzert von stechenden Pfeilen; sie kennt das Geheimnis der Onomatopöien in den schönsten Farben, die auch am kräftigsten malen . . .« »Du vergeudest für fünf Franken Feuilleton,« sagte Bixiou, indem er Lousteau unterbrach, »die Torpille ist unendlich viel mehr als all das; ihr alle seid mehr oder minder ihre Liebhaber gewesen, aber keiner von euch kann behaupten, sie sei seine Geliebte gewesen; sie kann euch immer besitzen, ihr werdet sie nie besitzen. Ihr erbrecht ihre Tür, ihr habt sie um einen Dienst zu bitten . . .« »Oh! sie ist großmütiger als ein Räuberhauptmann, der seine Sache recht macht, und ergebener als der beste Schulkamerad,« sagte Blondet; »man kann ihr seine Börse und sein Geheimnis anvertrauen. Aber das, weswegen ich sie zur Königin wählen würde, ist ihre bourbonische Gleichgültigkeit gegen den gefallenen Günstling.« »Sie ist wie ihre Mutter viel zu teuer,« sagte Des Lupeaulx. »Die schöne Holländerin hätte die Einkünfte des Erzbischofs von Toledo verschlungen, sie hat zwei Notare aufgezehrt . . .« »Und Maxime von Trailles ernährt, als er Page war,« sagte Bixiou. »Die Torpille ist zu teuer, wie Raffael, wie Carême, wie Taglioni, wie Lawrence, wie Boulle, wie alle genialen Künstler zu teuer waren . . .« sagte Blondet. »Nie hat Esther so sehr nach einer anständigen Frau ausgesehen,« sagte jetzt Rastignac, indem er auf die Maske zeigte, der Lucien den Arm gereicht hatte. »Ich wette auf Frau von Sérizy.« »Da ist kein Zweifel möglich,« rief du Châtelet; »der Wohlstand des Herrn von Rubempré ist erklärt.« »Ach, die Kirche weiß sich ihre Leviten auszuwählen; was für einen hübschen Gesandtschaftssekretär wird er abgeben!« sagte Des Lupeaulx. »Um so mehr,« fuhr Rastignac fort, »als Lucien ein Mann von Talent ist. Diese Herren haben mehr als einen Beweis dafür erlebt,« fügte er hinzu, indem er Blondet, Finot und Lousteau ansah. »Ja, der Bursche ist dazu geschaffen, um es weit zu bringen,« sagte Lousteau, der vor Eifersucht barst, »um so mehr, als er das hat, was wir ›Unabhängigkeit in den Ideen‹ nennen . . .« »Du hast ihn zu dem gemacht, was er ist,« sagte Vernou. »Nun,« versetzte Bixiou, indem er Des Lupeaulx ansah, »ich appelliere an die Erinnerungen des Herrn Generalsekretärs und Berichterstatters über die Bittschriften; diese Maske ist die Torpille, ich wette ein Souper . . .« »Ich halte die Wette,« sagte du Châtelet, der gern die Wahrheit wissen wollte. »Auf! Des Lupeaulx,« sagte Finot, »sehen Sie zu, daß Sie die Ohren Ihrer alten Ratte wiedererkennen.« »Es ist nicht nötig, einen Verstoß gegen die Maskenfreiheit zu begehen,« erwiderte Bixiou; »die Torpille und Lucien werden bis zu uns herkommen, wenn sie das Foyer wieder heraufgehn; ich mache mich anheischig, euch dann zu beweisen, daß sie es ist.« »Er ist also wieder übers Wasser gekommen, unser Freund Lucien?« sagte Nathan, der sich der Gruppe anschloß; »ich glaubte, er wäre für den Rest seiner Tage nach Angoulême zurückgekehrt. Hat er irgendein Geheimnis wider die Manichäer entdeckt?« »Er hat getan, was du so bald nicht tun wirst,« erwiderte Rastignac, »er hat alles bezahlt.« Die dicke Maske nickte beistimmend mit dem Kopf. »Wenn ein Mann in seinem Alter ein ordentlicher Mensch wird, gerät er auf Abwege; er hat keine Kühnheit mehr, er wird Rentier,« versetzte Nathan. »Oh, der wird stets ein großer Herr bleiben, und er wird innerlich stets eine Höhe der Gedanken besitzen, die ihn über viele sogenannte überlegene Menschen erhebt,« gab Rastignac zurück.

In diesem Augenblick sahen die Journalisten, Dandys und Müßiggänger, wie sich etwa Pferdehändler ein Pferd ansehen, das verkauft werden soll, prüfend den reizenden Gegenstand ihrer Wette an. Diese in der Kenntnis der Pariser Verkommenheiten gealterten Richter, lauter Leute von überlegenem Geist, und zwar alle auf verschiedenem Gebiet, alle gleich verderbt und gleichermaßen Verführer, alle wahnsinnigem Ehrgeiz verfallen, daran gewöhnt, alles anzunehmen und alles zu erraten, hefteten die Augen auf eine maskierte Frau, eine Frau, die nur von ihnen entziffert werden konnte. Nur sie und noch ein paar Stammgäste des Opernballs vermochten unter dem langen Leichentuch des schwarzen Dominos, unter der Kapuze und dem herabhängenden Kragen, wie sie alle Frauen unerkennbar machen, die Rundung der Formen, die Besonderheiten der Haltung und des Schritts, die Bewegung der Hüften, die Stellung des Kopfes und all jene Dinge zu erkennen, die gewöhnlichen Augen am wenigsten wahrnehmbar, ihren Augen aber am leichtesten sichtbar waren. Trotz dieser formlosen Hülle konnten sie also das rührendste Schauspiel sehen, das einer von echter Liebe belebten Frau. Mochte es nun die Torpille, die Herzogin von Maufrigneuse oder Frau von Sérizy sein, die letzte oder die erste Sprosse der sozialen Leiter, auf jeden Fall war dieses Geschöpf eine wunderbare Schöpfung, eine Vision glücklicher Träume. Diese alten jungen Leute und diese jungen Greise hatten eine so lebhafte Empfindung, daß sie Lucien um das erhabene Vorrecht der Verwandlung dieser Frau in eine Göttin beneideten. Die Maske ging dort, als wäre sie mit Lucien allein; für diese Frau waren die zehntausend Personen, war die schwere Atmosphäre voller Staub nicht mehr vorhanden; nein, sie stand unter dem Himmelsgewölbe der Liebe da, wie Raffaels Madonnen unter ihrem ovalen Goldreif stehen. Sie fühlte nicht, wie man sie mit Ellbogen streifte; die Flamme ihres Blicks brach durch die beiden Löcher ihrer Maske hervor und entzündete sich an Luciens Augen, und schließlich schien das Zittern ihres Körpers von der Bewegung ihres Freundes auszugehen. Woher kommt diese Flamme, die eine liebende Frau umstrahlt und sie unter allen anderen auszeichnet? Woher kommt jene Leichtigkeit eines Luftgeistes, die die Gesetze der Schwere zu verwandeln scheint? Ist es die nach außen tretende Seele? Hat das Glück physische Kräfte? Die Harmlosigkeit einer Jungfrau, die Anmut der Kindheit verrieten sich unter dem Domino. Obgleich sie getrennt einhergingen, glichen diese beiden Wesen jenen Gruppen Floras und Zephyrs, die von den geschicktesten Bildhauern kunstvoll verschlungen sind; aber es war mehr als Skulptur, als die größte der Künste; Lucien und sein hübscher Domino erinnerten an jene mit Blumen oder Vögeln beschäftigten Engel, die der Pinsel Giovanni Bellinis unter die Bilder der Jungfrau-Mutter setzte; Lucien und diese Frau gehörten der Phantasie an, die über der Kunst steht, wie die Ursache über der Wirkung steht.

Als diese Frau, die alles vergaß, nur noch einen Schritt von der Gruppe entfernt war, rief Bixiou: »Esther!« Die Unglückliche wandte sich lebhaft um, wie jemand, der sich rufen hört, erkannte den boshaften Menschen und senkte den Kopf gleich einem Sterbenden, der den letzten Seufzer ausgestoßen hat. Ein gellendes Gelächter brach aus, und die Gruppe zerstob in der Menge wie ein Trupp erschreckter Feldmäuse, die am Rande des Weges in ihre Löcher schießen. Nur Rastignac entfernte sich nicht weiter, als er mußte, damit es nicht aussah, als flöhe er vor den funkelnden Blicken Luciens; er konnte einen zwiefachen, gleich tiefen, wenn auch verschleierten Schmerz bewundern: zunächst die arme Torpille, die wie vom Blitz getroffen war; dann die unverständliche Maske, den einzigen Menschen der Gruppe, der geblieben war. Esther flüsterte Lucien in dem Moment, in dem ihr die Knie brachen, etwas ins Ohr, und Lucien verschwand mit ihr, indem er sie stützte. Rastignac folgte dem hübschen Paar mit dem Blick, versunken in seine Gedanken.

»Woher hat sie diesen Namen der Torpille?« fragte ihn eine düstere Stimme, die ihn bis ins Innerste traf, denn sie war nicht mehr verstellt. »Er ist es, und er ist wieder entkommen . . .« sagte Rastignac vor sich hin. »Schweig, oder ich bringe dich um,« erwiderte die Maske, indem sie eine andere Stimme annahm. »Ich bin mit dir zufrieden; du hast dein Wort gehalten, und also hast du mehr als einen Arm zu deinem Dienst. Bleibe hinfort stumm wie das Grab; aber ehe du verstummst, antworte auf meine Frage.« »Nun, dieses Mädchen ist so reizvoll, daß sie dem Kaiser Napoleon den Kopf benommen hätte und daß sie selbst einem, der noch schwerer zu verführen ist, den Kopf benehmen würde: dir!« erwiderte Rastignac, indem er fortging. »Einen Augenblick!« sagte die Maske. »Ich will dir zeigen, daß du mich niemals irgendwo gesehen zu haben brauchst.«

Der Fremde nahm die Maske ab; Rastignac zögerte einen Augenblick, da er nichts von der scheußlichen Persönlichkeit erblickte, die er ehemals im Hause Vauquer gekannt hatte. »Der Teufel hat es Ihnen ermöglicht, sich ganz zu verwandeln, nur die Augen nicht, die man niemals vergessen könnte,« sagte er. Die Hand aus Eisen drückte ihm den Arm, um ihm ewiges Schweigen zu empfehlen.

Um drei Uhr morgens fanden Des Lupeaulx und Finot den eleganten Rastignac noch immer an derselben Stelle; er lehnte an der Säule, wo ihn die furchtbare Maske verlassen hatte. Rastignac hatte vor sich selbst gebeichtet: er war in einer Person Priester und Sünder, Richter und Angeklagter gewesen. Er ließ sich zum Frühstück davonführen, und als er nach Hause kam, war er vollständig berauscht, aber schweigsam.

Die Rue de Langlade verunziert mit den anstoßenden Straßen das Palais Royal und die Rue de Rivoli. Dieser Teil eines der glänzendsten Pariser Viertel wird noch lange den Makel tragen, den ihm die Kehrichthügel des alten Paris aufgedrückt haben, auf denen ehemals Mühlen standen. Diese engen, düstern und kotigen Straßen, in denen Industrien getrieben werden, die wenig für ihre äußere Erscheinung sorgen, nehmen nachts eine geheimnisvolle und kontrastreiche Physiognomie an. Wenn man von dem lichtreichen Pflaster der Rue Saint-Honoré, der Rue Neuve des Petits Champs und der Rue de Richelieu kommt, in denen sich eine nie ebbende Menge drängt und in denen die Meisterwerke der Industrie, der Mode und der Künste glänzen, so muß jeder, dem das abendliche Paris unbekannt ist, von einer traurigen Angst ergriffen werden, sobald er in das Gewirr der kleinen Straßen gerät, das diesen bis zum Himmel hinaufgespiegelten Glanz umschließt. Dichter Schatten folgt auf die Ströme von Gaslicht. Von Zeit zu Zelt wirft eine bleiche Laterne ihr ungewisses, rauchiges Licht, das gewisse schwarze Sackgassen nicht mehr beleuchtet. Selten sieht man einen Menschen gehen, und der geht schnell. Die Läden sind geschlossen, und wenn einer geöffnet ist, so macht er einen verdächtigen Eindruck; es ist eine dunkle, unsaubere Kneipe oder ein Wäscheladen, in dem man Eau de Cologne verkauft. Eine ungesunde Kälte legt einem den feuchten Mantel auf die Schultern. Es kommen wenig Wagen durch. Es gibt unheimliche Winkel, unter denen sich die Rue de Langlade, die Mündung der Saint-Guillaume-Passage und ein paar Straßenecken auszeichnen. Die Gemeindeverwaltung hat bislang wenig tun können, um dieses große Aussatzspital auszuspülen; denn seit langem hat hier die Prostitution ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Vielleicht ist es ein Glück für die Welt von Paris, wenn man diesen Gassen ihren Kotanblick läßt. Wenn man bei Tage durchkommt, so kann man sich nicht vorstellen, was bei Nacht aus all diesen Straßen wird; sie werden durchstreift von wunderlichen Wesen, die keiner Welt angehören; halbnackte weiße Gestalten stehen an den Mauern hin; der Schatten ist belebt. Zwischen dem Hausgemäuer und den Vorübergehenden gleiten Kleider, die gehen und reden. Gewisse angelehnte Türen brechen jäh in schallendes Gelächter aus. Worte fallen einem ins Ohr, die, wie Rabelais sagt, gefroren waren und jetzt schmelzen. Aus dem Pflaster tönen Refrains herauf. Es ist kein vages Geräusch, es bedeutet irgend etwas; wenn es heiser wird, so ist es eine menschliche Stimme; aber wenn es einem Singen gleicht, so hat es nichts Menschliches mehr und nähert sich einem Zischen. Oft wird plötzlich gepfiffen. Endlich haben die Stiefelabsätze irgend etwas Herausforderndes und Spöttisches. Einen schwindelt bei diesem Gesamteindruck der Dinge. Dort sind die atmosphärischen Verhältnisse verwandelt: man schwitzt im Winter und friert im Sommer. Aber welches Wetter auch herrsche, diese seltsame Natur bietet stets dasselbe Schauspiel dar: hier lebt die phantastische Welt des Berliners Hoffmann. Der am rechnerischsten veranlagte Kassierer findet hier nichts Wirkliches mehr, wenn er die Straßenengen hinter sich hat, die zu den anständigen Straßen führen, wo es Passanten, Läden und Lampen gibt. Wählerischer oder schamhafter als Könige und Königinnen vergangener Zeiten, die sich nie fürchteten, sich mit den Kurtisanen zu beschäftigen, wagt die moderne Verwaltung oder Politik es nicht mehr, dieser Wunde der großen Städte ins Gesicht zu sehen. Sicherlich müssen sich die Maßregeln mit den Zeiten wandeln, und solche, die das Individuum und seine Freiheit angreifen, sind heikel; aber vielleicht sollte man sich in den rein materiellen Dingen, in bezug auf Licht, Luft und Lokale, weitherzig und kühn zeigen. Der Moralist, der Künstler und der weise Verwalter werden die alten Holzgalerien des Palais Royal zurückersehnen, wo sich diese Schäflein drängten, die immer dahin kommen werden, wohin die Spaziergänger gehen: und ist es nicht besser, wenn die Spaziergänger dahin gehen, wo sie sich befinden? Was ist geschehen? Heute sind die glänzendsten Teile der Boulevards, ist diese Zauberpromenade am Abend der Familie entzogen. Die Polizei hat die Auskunftsmittel nicht zu benutzen verstanden, die ihr in dieser Hinsicht einige Durchgänge boten, so daß sie die öffentliche Straße hätte retten können.

Das auf dem Opernball von einem Wort gebrochene Mädchen wohnte seit einem oder zwei Monaten in der Rue de Langlade, in einem Hause von gemeinem Äußeren. Dieser Bau, der sich an die Mauer eines ungeheuren Hauses anlehnt, ist schlecht stuckiert, ohne Tiefe und von fabelhafter Höhe; er bezieht sein Licht von der Straße und hat nicht geringe Ähnlichkeit mit einer Hühnerstiege. In jedem Stockwerk liegt eine Wohnung von zwei Zimmern. Eine schmale Treppe führt hinauf, die an die Mauer angeklebt ist und wunderlich beleuchtet wird durch Fensterklappen; die geben außen den Gang des Gewindes an, und jeder Treppenabsatz wird markiert durch eine Abflußrinne, eine der scheußlichsten Eigentümlichkelten von Paris. Laden und Zwischenstock gehörten ehemals einem Blechschmied; der Besitzer des Hauses wohnte im ersten Stock; die vier andern Stockwerke hatten sehr anständige Grisetten inne, die vom Wirt und der Schließerin allerlei Rücksichten und Gefälligkeiten beanspruchen konnten, weil es schwer war, ein so sonderbar gebautes und gelegenes Haus zu vermieten. Der Charakter dieses Viertels findet seine Erklärung eben im Vorhandensein einer großen Menge solcher Häuser, die der Handel nicht will und die nur von verleugneten, anrüchigen oder würdelosen Industrien ausgebeutet werden können.

Um drei Uhr nachmittags hatte die Pförtnerin, die um zwei Uhr morgens gesehen hatte, wie Fräulein Esther sterbenskrank von einem jungen Mann nach Hause gebracht wurde, eben mit der Grisette vom obern Stockwerk beratschlagt; das Mädchen hatte ihr, ehe sie in den Wagen stieg, um sich zu einer Lustpartie zu begeben, gesagt, wie unruhig sie in betreff Esthers wäre: sie hätte sie sich nicht rühren hören. Esther schlief ohne Zweifel noch; aber dieser Schlummer schien verdächtig. Da die Pförtnerin in ihrer Loge allein war, bedauerte sie, nicht hinaufsteigen zu können, um sich zu erkundigen, was im vierten Stock, wo Fräulein Esther wohnte, vorging. In dem Augenblick, als sie sich entschloß, die Wache in ihrer Loge, einer Art Nische im Zwischenstock, wo die Mauer ein wenig einsprang, dem Sohn des Blechschmieds anzuvertrauen, hielt ein Fiaker vor der Tür. Ein Mann, der vom Kopf bis zu den Füßen in einen Mantel eingehüllt war, und zwar in der offenbaren Absicht, sein Kostüm oder seinen Stand zu verbergen, stieg aus und fragte nach Fräulein Esther. Die Pförtnerin war sofort vollkommen beruhigt; das Schweigen und die Ruhe bei der Eingeschlossenen schienen ihr jetzt ganz erklärlich. Als der Besucher die Stufen oberhalb der Loge hinaufstieg, bemerkte die Pförtnerin die silbernen Schnallen, die seine Schuhe verzierten; sie glaubte die Fransen des Gürtels einer Soutane zu sehen; sie ging hinunter und fragte den Kutscher, der wortlos Antwort gab, und die Pförtnerin begriff abermals. Der Priester pochte, erhielt keine Antwort, hörte leises Stöhnen und erbrach die Tür mit einem Schulterhub, und zwar mit einer Kraft, wie sie ihm zweifellos die Wohltätigkeit verlieh, die aber bei jedem andern die Gewohnheit verraten hätte. Er eilte in das zweite Zimmer und sah die arme Esther vor einer heiligen Jungfrau aus farbigem Stuck knien; oder besser, sie war dort mit gefalteten Händen zusammengebrochen. Die Grisette lag in den letzten Zügen. Ein Becken mit verbrannter Kohle erzählte die Geschichte dieses furchtbaren Morgens. Die Kapuze und der Überwurf des Dominos lagen am Boden. Das Bett war nicht benutzt. Das arme Geschöpf, das im Herzen von tödlicher Wunde getroffen war, hatte ohne Zweifel bei der Rückkehr aus der Oper alles so gelassen. Ein Kerzendocht, der in dem Wasser, das der Leuchtereinsatz enthielt, erstarrt war, bewies, wie tief Esther in ihre letzten Gedanken versunken gewesen war. Ein von Tränen benetztes Taschentuch zeigte die Aufrichtigkeit dieser Reue einer Magdalena, deren klassische Haltung die der gottlosen Kurtisane war. Diese unbedingte Reue entlockte dem Priester ein Lächeln. In ihrer Ungeschicklichkeit hatte sie, als sie sterben wollte, ihre Tür offen gelassen, ohne zu berechnen, daß die Luft der beiden Zimmer eine größere Menge von Kohlen verlangte, um jedes Atmen unmöglich zu machen; das Kohlengas hatte sie nur betäubt; die frische Luft, die jetzt von der Treppe her eindrang, gab sie allmählich dem Gefühl für ihre Leiden zurück. Der Priester blieb stehen; er war in düstere Gedanken versunken, und ohne sich von der göttlichen Schönheit dieses Mädchens rühren zu lassen, beobachtete er ihre ersten Bewegungen, als wäre sie irgendein Tier. Seine Augen schweiften von diesem zusammengebrochenen Körper zu gleichgültigen Gegenständen hinüber, und zwar scheinbar in voller Gleichgültigkeit. Er sah sich das Mobiliar des Zimmers an, dessen roter, gescheuerter, kalter Boden von einem schlechten, fadenscheinigen Teppich kaum verdeckt war. Eine altmodische Bettstelle von gestrichenem Holz, verhängt mit Gardinen aus gelbem Kattun mit roten Rosetten; ein einziger Sessel und zwei Stühle, gleichfalls aus gestrichenem Holz und bezogen mit demselben Kattun, der auch die Vorhänge der Fenster geliefert hatte; eine mit Blumen getüpfelte Tapete, deren grauer Grund von Alter und Fett schwarz geworden war; ein Nähtisch aus Mahagoni; ein mit Küchengerät der gewöhnlichsten Art überladener Kamin, zwei angebrochene Holzbündel, ein Steingesims, auf dem hier und da, untermischt mit Schmuck und Scheren, ein paar Glassachen standen; ein schmutziges Nähkissen, weiße parfümierte Handschuhe, ein entzückender Hut, der auf die Wasserkanne geworfen war, ein Ternauxschal, der das Fenster verstopfte, ein elegantes Kleid, das an einem Nagel hing, ein kleines hartes Kanapee ohne Kissen; gemeine Überschuhe und reizende Schuhe, Stickereien, die den Neid einer Königin hätten erwecken können, Teller aus gewöhnlichem Porzellan, auf denen man die Reste der letzten Mahlzeit sah, die Stoßstellen zeigten und Messer und Gabeln aus Weißblech trugen, dem Silber des Pariser Armen; ein Korb voll Kartoffeln und schmutziger Wäsche, darüber eine frische Gazehaube, und ein schlechter, offen und verlassen dastehender Spiegelschrank, auf dessen Konsolen sich Pfandscheine zeigten: das war das Gesamtbild düsterer und heiterer, elender und reicher Dinge, das sich dem Blick darbot.

Diese Spuren des Luxus unter den Scherben, diese Einrichtung, die so gut zu dem Bohêmeleben des Mädchens paßte, das hier in seiner wirren Unterkleidung zusammengebrochen war, einem in seinem Geschirr verendeten und unter der zerbrochenen Deichsel in seine Leinen verwickelten Pferd vergleichbar: gab dieses seltsame Schauspiel dem Priester seine Gedanken ein? Sagte er sich, daß dieses verirrte Geschöpf wenigstens selbstlos sein mußte, um solche Armut mit der Liebe zu einem reichen jungen Mann zu paaren? Schrieb er die Unordnung des Mobiliars der Unordnung des Lebens zu? Empfand er Mitleid, Schrecken? Nährte sich sein Erbarmen? Wer ihn gesehen hätte, wie er mit untergeschlagenen Armen dastand, mit sorgenvoller Stirn, mit zusammengekniffenen Lippen und hartem Auge, hätte glauben müssen, er wäre mit finsteren, gehässigen Empfindungen beschäftigt, mit widerspruchsvollen Gedanken, mit unheimlichen Plänen. Auf jeden Fall war er unempfindlich für die hübschen Rundungen einer Brust, die unter der Last des vorgebeugten Oberkörpers fast erdrückt wurde, und für die entzückenden Formen der kauernden Venus, die unter dem schwarzen Unterrock sichtbar waren, so straff war die Sterbende in sich zusammengebrochen; die Hingeschmiegtheit dieses Kopfes, der, von hinten gesehen, dem Blick seinen weißen, weichen und biegsamen Nacken darbot, die schönen Schultern in ihrer kühn enthüllten Nacktheit rührten ihn nicht; er hob Esther nicht auf, er schien ihr herzzerreißendes Atmen, das die Rückkehr zum Leben verriet, nicht zu hören: es bedurfte eines grauenhaften Schluchzens und des beängstigenden Blicks, den ihm dies Mädchen zuwarf, damit er sie aufzuheben und zum Bett zu tragen geruhte, was er mit einer Leichtigkeit tat, die eine fabelhafte Kraft offenbarte.

»Lucien!« sagte sie murmelnd. »Die Liebe kehrt zurück, da ist die Frau nicht mehr fern,« sagte der Priester mit einer gewissen Bitterkeit.

Jetzt erkannte das Opfer Pariser Ausschweifungen das Kleid seines Retters, und mit dem Lächeln des Kindes, das endlich die Hand auf etwas lang Ersehntes legt, sagte sie: »Ich soll also nicht sterben, ohne mich mit dem Himmel versöhnt zu haben!« »Sie werden Ihre Fehler sühnen können,« sagte der Priester, indem er ihr die Stirn mit Wasser benetzte und sie an einem Essigkännchen riechen ließ, das er in einem Winkel fand. »Ich fühle, wie das Leben, statt mich zu verlassen, auf mich einströmt,« sagte sie, als sie diese Pflegerdienste von dem Priester erhielt, indem sie ihrem Dank durch Gesten voller Natürlichkeit Ausdruck gab. Diese reizvolle Pantomime, die die Grazien hätten spielen können, um zu verführen, rechtfertigte den Beinamen dieses seltsamen Mädchens vollkommen. »Fühlen Sie sich wohler?« fragte der Geistliche, indem er ihr ein Glas Zuckerwasser zu trinken gab.

Dieser Mensch schien solche merkwürdigen Hauswesen zu kennen; er wußte genau in ihnen Bescheid, er war wie zu Hause. Dieses Vorrecht, überall zu Hause zu sein, besitzen nur Könige, Dirnen und Diebe.

»Wenn Ihnen wieder ganz wohl ist,« fuhr der eigentümliche Priester nach einer Pause fort, »werden Sie mir sagen, welche Gründe Sie zu Ihrem letzten Verbrechen, diesem versuchten Selbstmord, trieben.« »Meine Geschichte ist ganz einfach, mein Vater,« erwiderte sie. »Vor drei Monaten lebte ich noch in der Einordnung, in der ich geboren wurde. Ich war das letzte und verworfenste Geschöpf; jetzt bin ich nur noch das unglücklichste auf der Welt. Erlauben Sie mir, Ihnen von meiner Mutter nichts zu erzählen, sie wurde ermordet . . .« »Und zwar von einem Hauptmann, in einem verdächtigen Hause,« sagte der Priester, indem er sein Beichtkind unterbrach. »Ich kenne Ihren Ursprung und weiß, daß, wenn je ein Wesen Ihres Geschlechts für einen schmählichen Lebenswandel eine Entschuldigung hatte, Sie es sind, denn Ihnen haben die guten Beispiele gefehlt.« »Ach, ich bin nicht einmal getauft; ich habe in keiner Religion Unterweisung erhalten.« »So ist also alles noch wieder gutzumachen,« fuhr der Priester fort, »vorausgesetzt, daß Ihr Glaube und Ihre Reue aufrichtig und ohne Hintergedanken sind.« »Lucien und Gott füllen mein Herz aus,« sagte sie mit rührender Naivität. »Sie hätten sagen können: Gott und Lucien,« gab der Priester lächelnd zurück. »Sie erinnern mich an den Zweck meines Besuchs. Lassen Sie nichts aus, was diesen jungen Mann betrifft.« »Sie kommen um seinetwillen?« fragte sie mit einem Ausdruck der Liebe, der jeden andern Priester gerührt hätte. »Oh, er hat alles geahnt!« »Nein,« erwiderte er, »nicht um Ihren Tod, sondern um Ihr Leben macht man sich Sorge. Reden Sie, erklären Sie mir Ihre Beziehungen.« »Mit einem Wort,« sagte sie.

Das arme Mädchen zitterte bei dem schroffen Ton des Geistlichen, aber doch als eine Frau, die die Brutalität seit langem nicht mehr überraschte.

»Lucien ist Lucien,« fuhr sie fort, »der schönste junge Mann und das beste aller lebenden Wesen; aber wenn Sie ihn kennen, so muß Ihnen meine Liebe sehr natürlich erscheinen. Ich habe ihn vor drei Monaten zufällig in der Porte Saint-MartinBekanntes Pariser Theater. getroffen, wohin ich an einem Ausgehtag gegangen war; denn im Hause der Frau Meynardie, in dem ich lebte, hatten wir einen Tag in der Woche frei. Sie begreifen wohl, daß ich mich am folgenden Tag ohne Urlaub frei machte. Die Liebe war in mein Herz gedrungen und hatte mich so sehr verändert, daß ich mich selbst nicht mehr erkannte, als ich aus dem Theater kam: mir graute vor mir selber. Nie hat Lucien irgend etwas erfahren dürfen. Statt ihm zu sagen, wo ich lebte, gab ich ihm die Adresse dieser Wohnung, die damals eine meiner Freundinnen inne hatte und die sie mir aus Gefälligkeit abtrat. Ich schwöre Ihnen auf mein heiliges Wort . . .« »Sie dürfen nicht schwören.« »Ist es denn ein Schwur, wenn ich Ihnen mein heiliges Wort gebe? Nun, seit jenem Tage habe ich in diesem Zimmer wie eine Verlorene gearbeitet und für achtundzwanzig Sous das Stück Hemden genäht, um von ehrlicher Arbeit leben zu können. Einen Monat lang habe ich nur Kartoffeln gegessen, um anständig und Luciens würdig zu bleiben; denn er liebt mich wie die Tugendhafteste der Tugendhaften. Ich habe der Polizei meine förmliche Erklärung abgegeben, um wieder in den Besitz meiner bürgerlichen Rechte zu gelangen, und man hat mir zwei Jahre der Überwachung auferlegt. Dieselben, die einen so leicht in die Register der Schmach eintragen, machen außerordentliche Schwierigkeiten, wenn sie einen streichen sollen. Ich bat den Himmel nur um eins, darum, meinen Entschluß zu festigen. Ich werde im April neunzehn Jahre alt: in diesem Alter hat man noch Möglichkelten. Mir wenigstens scheint es, als wäre ich erst vor drei Monaten geboren worden . . . Ich habe jeden Morgen zum lieben Gott gebetet und ihn angefleht, daß Lucien nie etwas von meinem früheren Leben erfahren möchte. Ich habe mir die Jungfrau gekauft, die Sie hier sehen; ich habe auf meine Art zu ihr gebetet, denn Gebete kenne ich nicht; ich kann weder lesen noch schreiben, ich bin nie in einer Kirche gewesen und habe mir den lieben Gott nur aus Neugier bei den Prozessionen angesehen.«

»Was sagen Sie denn zu der Jungfrau?« »Ich spreche zu ihr, wie ich zu Lucien spreche, in jenen Seelenergüssen, die ihm Tränen entlocken.« »Ach, er weint?« »Vor Freude,« sagte sie lebhaft. »Der arme Junge! Wir verstehen uns so gut, daß wir nur eine Seele haben! Er ist so zart, so einschmeichelnd, so sanft im Herzen, in seiner Gesinnung und seinen Manieren! . . . Er sagt, er sei ein Dichter; ich sage, er ist ein Gott . . . Verzeihen Sie, aber Sie als Priester wissen nicht, was die Liebe ist. Übrigens kennen nur wir die Männer genau genug, um einen Lucien zu würdigen. Ein Lucien, sehen Sie, ist ebenso selten wie eine Frau ohne Sünde; wenn man ihm begegnet, kann man nur ihn noch lieben: das ist es. Aber ein solches Wesen braucht seinesgleichen. Ich wollte also der Liebe meines Lucien würdig werden. Daher kam mein Unglück. Gestern wurde ich in der Oper von ein paar jungen Leuten wiedererkannt, die so wenig ein Herz haben, wie Tiger Mitleid kennen; aber mit einem Tiger wollte ich mich noch verständigen! Der Schleier der Unschuld, den ich trug, ist gefallen; ihr Lachen hat mir Kopf und Herz zerrissen. Glauben Sie nicht, Sie hätten mich gerettet; ich werde vor Kummer sterben.« »Ihr Schleier der Unschuld? . . .« fragte der Priester. »So haben Sie Lucien mit äußerster Strenge behandelt?« »O ehrwürdiger Vater, wie können Sie, der Sie ihn kennen, eine solche Frage stellen?« erwiderte sie, indem sie ihm ein wunderbares Lächeln zuwarf. »Einem Gott leistet man keinen Widerstand!« »Lästern Sie nicht,« sagte der Geistliche mit sanfter Stimme. »Niemand kann Gott gleichen: die Übertreibung steht der wahren Liebe schlecht, Sie haben für Ihr Idol noch keine reine und echte Liebe gefühlt. Wenn Sie den Wandel empfunden hätten, den durchgemacht zu haben Sie sich rühmen, so hätten Sie Tugenden erworben, wie sie das Erbteil der Jugend sind; Sie hätten die Wonnen der Keuschheit und die Feinheiten der Scham kennen gelernt, jene beiden Ruhmestitel des jungen Mädchens. Sie lieben nicht.«

Esther machte eine Bewegung des Schreckens, die der Priester sah, die jedoch die Gleichgültigkeit dieses Beichtvaters nicht erschütterte. »Ja, Sie lieben ihn um Ihretwillen und nicht um seinetwillen, wegen der weltlichen Genüsse, die Sie bezaubern, und nicht um der Liebe selber willen. Wenn Sie sich seiner so bemächtigt haben, so empfanden Sie nicht jenes heilige Zittern, wie es ein Wesen einflößt, auf das Gott den Stempel der anbetungswürdigsten Vollkommenheit gedrückt hat: haben Sie daran gedacht, daß Sie ihn durch Ihre vergangene Unreinheit erniedrigen, daß Sie ein Kind verderben wollen durch jene grauenhaften Verzückungen, die Ihnen Ihren glorreichen gemeinen Beinamen eingetragen haben? Sie sind in sich selbst und in Ihrer Leidenschaft eines Tages inkonsequent gewesen . . .« »Eines Tages!« wiederholte sie, indem sie die Augen hob. »Mit welchem Namen soll man eine Liebe nennen, die nicht ewig ist, die uns mit dem, was wir lieben, nicht bis in die Zukunft des Christen hinein vereinigt?« »Ach, ich will katholisch werden!« rief sie mit einem dumpfen und gewaltsamen Ton, der ihr die Gnade unseres Heilands erworben hätte. »Kann ein Mädchen, das weder die Taufe der Kirche noch die des Wissens empfangen hat, das weder zu lesen noch zu schreiben noch zu beten versteht, das keinen Schritt zu tun vermag, ohne daß das Pflaster aufsteht, um sie anzuklagen, das einzig bemerkenswert ist durch das vergängliche Vorrecht einer Schönheit, die vielleicht morgen schon eine Krankheit vernichtet: kann dieses verderbte, erniedrigte Geschöpf, das seine Erniedrigung kannte – ohne dieses Wissen und mit weniger Liebe wären Sie eher entschuldbar gewesen –, kann die künftige Beute des Selbstmords und der Hölle Lucien von Rubemprés Frau werden?«

Jeder Satz war ein Dolchstoß, der im innersten Herzen traf. Bei jedem Satz zeugten das immer sich steigernde Schluchzen und die reichlichen Tränen des verzweifelten Mädchens für die Gewalt, mit der das Licht hereinbrach in ihren Verstand, der unbelehrt war wie der eines Wilden, in ihre endlich erweckte Seele, in ihr eigentliches Wesen, über das die Verderbtheit eine Schicht kotigen Eises gebreitet hatte, die jetzt an der Sonne des Glaubens schmolz.

»Weshalb bin ich nicht gestorben!« das war der einzige Gedanke, dem sie mitten unter den Gedankenströmen, die ihr durch das Gehirn jagten und es verheerten, Ausdruck gab. »Liebes Kind,« sagte der furchtbare Richter, »es gibt eine Liebe, die sich vor Menschen nicht bekennen läßt und deren Geständnis mit glücklichem Lächeln Engel entgegennehmen.« »Welche?« »Die Liebe, die ohne Hoffnung ist, wenn sie Leben einhaucht, wenn sie den Keim der Hingebung hineinsenkt, wenn sie alle Handlungen veredelt durch den Gedanken, eine ideale Vollkommenheit zu erreichen. Ja, dieser Liebe spenden die Engel Beifall, sie führt zur Kenntnis Gottes. Sich unablässig vervollkommnen, um dessen, den man liebt, würdig zu werden, ihm tausend heimliche Opfer bringen, ihn aus der Ferne anbeten, Tropfen um Tropfen sein Blut hingeben, ihm seine Eigenliebe darbringen, keinen Stolz noch Zorn ihm gegenüber mehr kennen, ihm selbst die grauenhafte Eifersucht verhehlen, die er im Herzen entzündet, ihm alles geben, was er wünscht, und wäre es zum eigenen Schaden, lieben, was er liebt, stets das Gesicht zu ihm gewendet halten, um ihm zu folgen, ohne daß er es weiß: eine solche Liebe hätte die Religion Ihnen vergeben; sie hätte weder die menschlichen noch die göttlichen Gesetze verletzt und Sie einen andern Weg geleitet als den Ihrer schmutzigen Wollust.«

Als Esther diesen furchtbaren Spruch vernahm, der in einem einzigen Wort – und was für einem Wort, begleitet von was für einem Tonfall! – Ausdruck fand, fühlte sie sich von einem nicht unberechtigten Mißtrauen ergriffen. Dieses Wort wirkte wie ein Donnerschlag, der ein ausbrechendes Gewitter verrät. Sie sah den Priester an, und es ergriff sie jener innere Krampf, der den Mutigsten packt, wenn er sich einer drohenden Gefahr plötzlich gegenübersieht. Kein Blick hätte zu lesen vermocht, was jetzt in diesem Manne vorging; aber selbst der Verwegenste hätte eher gebebt als gehofft beim Anblick seiner Augen, die einmal wie die des Tigers klar und gelb gewesen waren und über die Kasteiung und Entbehrungen einen Schleier gelegt hatten, wie er mitten in den Hundstagen über den Horizonten liegt: die Erde ist heiß und leuchtet, aber der Nebel macht sie undeutlich, dunstig; sie wird fast unsichtbar. Ein geradezu spanischer Ernst und tiefe Falten, denen die tausend Narben einer scheußlichen Pockenkrankheit ihre Häßlichkeit und ihre Ähnlichkeit mit aufgewühlten Gleisen gaben, durchfurchten sein olivenfarbenes und von der Sonne gedunkeltes Gesicht. Die Härte dieser Züge trat um so mehr hervor, als es eingerahmt war von der dürftigen Perücke des Priesters, der sich um sein Äußeres nicht mehr kümmert, einer kahlen Perücke, deren Schwarz im Licht rot aussah. Sein athletischer Oberkörper, seine Hände, die denen eines alten Soldaten glichen, sein breiter Rücken und seine starken Schultern gehörten jenen Karyatiden an, die die Baumeister des Mittelalters bei einigen italienischen Palästen verwandten und an die noch jene der Fassade des Theaters der Porte Saint-Martin unvollkommen erinnern. Die wenigst klarblickenden Leute wären auf den Gedanken gekommen, daß nur die heißesten Leidenschaften oder recht ungewöhnliche Erlebnisse diesen Menschen in den Schoß der Kirche getrieben hätten; sicherlich hatten nur die erstaunlichsten Blitzschläge ihn wandeln können, wenn anders eine solche Natur einer Wandlung fähig war. Frauen, die ein Leben geführt haben, wie Esther es damals so heftig verabscheute, kommen zu einer absoluten Gleichgültigkeit gegen die äußeren Formen des Mannes. Sie gleichen dem literarischen Kritiker von heute, der sich in mancher Hinsicht mit ihnen vergleichen läßt und der zu einer großen Unbekümmertheit um die Kunstformen gelangt: er hat so viele Werke gelesen, er sieht ihrer so viele an sich vorüberziehen, er hat sich so sehr an geschriebene Seiten gewöhnt, er hat so viele Entwicklungen erfahren, so viele Dramen gesehen, er hat so viele Artikel geschrieben, ohne auszusprechen, was er dachte, er hat so oft die Sache der Kunst zugunsten seiner Freundschaften und Feindschaften verraten, daß er zum Ekel vor allem kommt; und doch übt er sein Richteramt weiter aus. Es bedarf eines Wunders, damit ein solcher Schriftsteller ein Werk hervorbringt, genau wie die reine und edle Liebe eines andern Wunders bedarf, um im Herzen einer Kurtisane aufzublühen. Der Ton und die Manieren dieses Priesters, der wie aus einer Leinwand Zurbarans hervorgetreten war, schienen diesem armen Mädchen, dem die Form wenig ausmachte, so feindselig, daß sie sich weniger wie der Gegenstand der Besorgnis vorkam, als vielmehr wie das für einen Plan notwendige Werkzeug. Ohne zwischen dem Schmeicheln des persönlichen Interesses und der Salbung der Wohltätigkeit unterscheiden zu können – denn man muß wohl auf der Hut sein, um das falsche Geld zu erkennen, das ein Freund gibt –, fühlte sie sich doch gleichsam zwischen den Fängen eines ungeheuren wilden Vogels, der sie lange umschwebt hatte und schließlich auf sie gestürzt war; und in ihrem Schrecken sagte sie mit beängstigter Stimme die Worte: »Ich glaubte, die Priester hätten die Aufgabe, uns zu trösten; – und Sie ermorden mich!«

Bei diesem Schrei der Unschuld entschlüpfte dem Geistlichen eine Bewegung, und er machte eine Pause; er sammelte sich, ehe er fortfuhr. Während dieser Sekunde sahen die beiden so sonderbar zusammengeführten Personen sich verstohlen prüfend an. Der Priester begriff das Mädchen, ohne daß das Mädchen den Priester begreifen konnte. Er verzichtete ohne Zweifel auf einen Plan, der die arme Esther bedrohte, und wandte sich zu seinen ersten Gedanken zurück.

»Wir sind die Ärzte der Seelen,« sagte er mit sanfter Stimme, »und wir wissen, welche Arzneien für ihre Krankheiten passen.« »Sie müssen dem Elend vieles vergeben,« sagte Esther. Sie glaubte sich getäuscht zu haben, glitt von ihrem Bett hinunter, warf sich diesem Menschen zu Füßen, küßte in tiefer Demut seine Soutane und hob von Tränen schwimmende Augen zu ihm auf, »Ich glaubte schon viel getan zu haben,« sagte sie. »Hören Sie, liebes Kind: Ihr arger Ruf hat Luciens Familie in Trauer gestürzt: man fürchtet, und nicht ohne Berechtigung, daß Sie ihn in die Zerstreuung hineinreißen werden, in eine Welt der Torheiten . . .« »Das ist wahr; ich hatte ihn auf den Ball geführt, um ihn zu necken.« »Sie sind schön genug, damit er durch Sie in den Augen der Welt triumphieren, Sie voll Stolz zeigen und gleichsam ein Paradepferd aus Ihnen machen will. Wenn er nur sein Geld ausgäbe! . . . Aber er wird seine Zeit und seine Kraft ausgeben; er wird den Geschmack an dem schönen Lose verlieren, das man ihm bereiten will. Statt eines Tages als Gesandter reich, bewundert und glorreich dazustehen, wird er wie so viele jener Wüstlinge, die ihr Talent im Pariser Schmutz ertränkten, der Liebhaber einer unreinen Frau gewesen sein. Sie selber werden später Ihr erstes Leben wieder aufnehmen, nachdem Sie einen Augenblick in eine Sphäre der Eleganz emporgestiegen waren; denn Sie haben nicht die Kraft in sich, die eine gute Erziehung verleiht, dem Laster zu widerstehen und an die Zukunft zu denken. Sie werden so wenig mit Ihren Gefährtinnen brechen, wie Sie mit den Leuten gebrochen haben, die heute morgen in der Oper Sie beschämten. Die wahren Freunde Luciens haben, erschreckt durch die Liebe, die Sie ihm einflößen, seine Schritte verfolgt und alles erfahren. Voller Angst haben sie mich zu Ihnen geschickt, um Sie zu sondieren und über Ihr Schicksal zu entscheiden; aber wenn sie auch mächtig genug sind, um diesem jungen Manne einen Stein des Anstoßes aus dem Wege zu räumen, so sind sie doch auch barmherzig. Erfahren Sie es, meine Tochter: ein Wesen, das Lucien liebt, hat Anspruch auf ihre Achtung, wie ein echter Christ noch den Kot anbetet, in dem vielleicht ein göttliches Licht erstrahlt. Ich bin gekommen, um mich zum Werkzeug des wohltätigen Gedankens zu machen; aber hätte ich Sie ganz verderbt gefunden, bewaffnet mit Frechheit und Scharfsinn, faul bis ins Mark und der Stimme der Reue taub, so hätte ich Sie ihrem Zorn preisgegeben. Jene bürgerliche und politische Freiheit, die so schwer zu erlangen ist, die die Polizei im Interesse der Gesellschaft mit Recht so lange verzögert und die ich Sie mit der Glut der echten Reue habe erflehen hören – hier ist sie,« sagte der Priester, indem er ein Papier in amtlichem Format aus dem Gürtel zog. »Gestern hat man Sie gesehen, diese Ankündigung ist von heute datiert: Sie sehen, wie mächtig die Leute sind, die sich für Lucien interessieren.«

Beim Anblick dieses Papiers schüttelte das krampfhafte Zittern, das einen bei einem unverhofften Glück überfällt, Esther so unverkennbar, daß ihr ein starres Lächeln, wie es die Irren zeigen, auf die Lippen trat. Der Priester hielt inne und blickte dieses Kind an, um zu sehen, ob es, der furchtbaren Kraft, die verdorbene Leute ihrer Verderbtheit selber entnehmen, beraubt und beschränkt auf seine gebrechliche und zarte ursprüngliche Natur, so vielen Eindrücken Widerstand leisten würde. Als betrügerische Kurtisane hätte Esther Komödie gespielt, war sie aber wieder unschuldig und wahr geworden, so konnte sie sterben, wie ein operierter Blinder das Gesicht wieder verlieren kann, weil ein zu scharfer Strahl in sein Auge fällt. Dieser Mensch tat also in diesem Augenblick einen tiefen Blick in das menschliche Wesen; aber er verharrte in einer durch ihre Starrheit furchtbaren Ruhe: wie eine kalte, weiße, dem Himmel benachbarte Alp, die unveränderlich und steil aufragt mit ihren granitenen Flanken und doch wohltätig ist. Dirnen sind wesentlich bewegliche Wesen, die aus stumpfestem Mißtrauen zum unbedingten Vertrauen übergehen. Sie stehen in dieser Hinsicht noch unter dem Tier. Sie sind in allem übertrieben: in ihren Freuden, in ihrer Verzweiflung, in ihrer Religiosität und ihrer Irreligiosität; und sie würden fast alle wahnsinnig werden, wenn nicht die ihnen eigene Sterblichkeit sie dezimierte und wenn nicht glückliche Zufälle einzelne von ihnen aus dem Schlamm, in dem sie leben, emporhöben. Um dem Elend dieses grauenhaften Lebens bis auf den Grund zu kommen, müßte man gesehen haben, wie weit das Geschöpf im Wahnsinn gehen kann, ohne darin zu verharren, indem man die gewaltsame Verzückung der Torpille zu Füßen dieses Priesters bewunderte. Das arme Mädchen betrachtete das Papier, das ihr die Freiheit brachte, mit einem Ausdruck, den Dante vergessen hat und der die Erfindung seiner Hölle übertraf. Aber mit den Tränen kam die Reaktion. Esther stand auf, schlang diesem Menschen die Arme um den Hals, senkte den Kopf auf seine Brust und küßte unter Tränen den groben Stoff, der dieses Herz aus Stahl bedeckte, so daß es aussah, als wollte sie hineindringen. Sie ergriff ihn und bedeckte ihm die Hände mit Küssen; sie wandte, freilich in heiligem Überströmen des Dankes, alle Schmeicheleien ihrer Liebkosungen an, überschüttete ihn mit den lieblichsten Namen und sagte tausend- und tausendmal mitten unter ihren süßlichen Phrasen: »Geben Sie her!« und zwar in ebensoviel verschiedenen Tonarten; sie hüllte ihn ein mit ihren Zärtlichkeiten und deckte ihn zu mit ihren Blicken, und all das in einer Geschwindigkeit, die ihn wehrlos übermannte; und endlich gelang es ihr, seinen Zorn einzuschläfern. Der Priester erkannte, wie dieses Mädchen seinen Beinamen erhalten hatte; er begriff, wie schwer es war, diesem reizenden Geschöpf zu widerstehen, er erriet plötzlich Luciens Liebe, und was den Dichter verlockt haben mußte. Eine derartige Leidenschaft verbirgt unter andern Reizen eine spitze Angel, die sich vor allem in die hochfliegende Seele der Künstler hakt. Solche Leidenschaften sind der großen Menge unverständlich, aber sie sind vollkommen durch jenen Durst nach der idealen Schönheit zu erklären, der alle Schaffenden auszeichnet. Heißt es nicht ein wenig den Engeln gleichen, die beauftragt sind, die Sünder zu besseren Gesinnungen zurückzuführen; heißt es nicht schaffen, wenn man ein derartiges Wesen reinigt? Wie verlockend, die moralische Schönheit mit der physischen Schönheit in Einklang zu bringen! Welcher Genuß des Stolzes, wenn es gelingt! Welche schöne Aufgabe, wenn man kein anderes Werkzeug besitzt als die Liebe! Solche Bündnisse, berühmt geworden durch die Beispiele des Aristoteles, des Sokrates, Platos, des Alkibiades, Cethegus und Pompejus, gründen sich auf die Empfindung, die Ludwig XIV, dazu trieb, Versailles zu erbauen, die die Menschen in alle verderblichen Unternehmungen stürzt: die Miasmen eines Sumpfes in eine Fülle köstlicher Wohlgerüche über lebendigen Wassern zu verwandeln; auf einem Hügel einen See anzulegen, wie es der Fürst von Conti zu Nointel tat, oder Schweizer Ansichten zu Cassan, wie es der Generalpächter Bergerat unternahm. Kurz, da bricht die Kunst in die Moral ein.

Der Priester schämte sich, weil er dieser Zärtlichkeit erlegen war, und stieß Esther heftig zurück; sie setzte sich, gleichfalls beschämt, denn er sagte zu ihr: »Sie sind immer noch Kurtisane!« Und er schob den Brief kühl in seinen Gürtel zurück. Wie ein Kind, das nur einen einzigen Wunsch im Kopf hat, ließ Esther nicht ab, die Stelle des Gürtels anzustarren, hinter der der Brief stak. »Liebes Kind,« fuhr der Priester nach einer Pause fort, »Ihre Mutter war Jüdin, und Sie sind nicht getauft; aber Sie sind auch nie in die Synagoge geführt worden: Sie sind in der Vorhölle, in die die kleinen Kinder kommen . . .« »Die kleinen Kinder! . . .« wiederholte sie mit gerührter Stimme. ». . . Wie Sie in den Listen der Polizei stehen, als eine Ziffer außerhalb der menschlichen Wesen,« sagte der unerschütterliche Priester, indem er fortfuhr: »Wenn die Liebe, die Sie flüchtig streifte, Ihnen vor drei Monaten den Eindruck gab, als würden Sie erst geboren, so müssen Sie von heute an das Gefühl haben, als ständen Sie wirklich in Ihrer Kindheit; Sie müssen sich völlig verwandeln, und ich übernehme es, Sie unkenntlich zu machen. Zunächst werden Sie Lucien vergessen.«

Dieses Wort brach dem armen Mädchen das Herz; sie hob die Augen auf den Priester und schüttelte den Kopf; sie war nicht imstande zu reden, als sie von neuem im Heiland den Henker fand.

»Sie werden wenigstens darauf verzichten, ihn zu sehen,« sagte er. »Ich werde Sie in ein Kloster führen, in dem die Töchter der besten Familien ihre Erziehung erhalten; Sie werden dort katholisch werden, man wird Sie in der Übung der christlichen Gebräuche unterweisen, in der Religion unterrichten; Sie können es als gebildetes, keusches, reines, wohlerzogenes junges Mädchen verlassen, wenn . . .« (dieser Mensch hob den Finger und machte eine Pause), »wenn Sie die Kraft in sich fühlen, die Torpille hier zurückzulassen.« »Ach!« rief das arme Kind, für das jedes Wort gleichsam der Ton einer Musik gewesen war, bei deren Klang sich langsam die Pforten des Paradieses öffneten, »ach, wenn es möglich wäre, hier mein ganzes Blut zu vergießen, um ein neues dafür zu erhalten! . . .« »Hören Sie mich an.« Sie verstummte. »Ihre Zukunft hängt von Ihrer Kraft, zu vergessen, ab. Denken Sie an den Umfang Ihrer Verpflichtungen! Ein Wort, eine Geste, die die Torpille verriete, tötet Luciens Frau. Ein im Traum gesprochenes Wort, ein unwillkürlicher Gedanke, ein zuchtloser Blick, eine Bewegung der Ungeduld, eine Erinnerung an die Ausschweifungen, eine Unterlassung, ein Kopfnicken, das enthüllte, was Sie wissen oder was Ihnen zu Ihrem Unglück bekannt geworden ist . . .« »Lassen Sie, lassen Sie, mein Vater,« sagte das Mädchen mit der Glut einer Heiligen; »müßte ich in Schuhen aus glühendem Eisen gehen und lächeln, müßte ich in einem mit Stacheln besetzten Mieder leben und die Anmut einer Tänzerin bewahren, müßte ich mit Asche bestreutes Brot essen und Absinth trinken – alles wäre süß und leicht!«

Sie sank wieder auf ihre Knie; sie küßte dem Priester die Schuhe, brach über ihnen in Tränen aus und benetzte sie, umschlang seine Beine und schmiegte sich an sie, indem sie unter Freudentränen sinnlose Worte murmelte. Ihre schönen, wundervollen blonden Haare rieselten herab und breiteten sich wie ein Teppich zu den Füßen dieses Himmelsboten aus, den sie düster und hart fand, als sie sich erhob und ihn ansah.

»Wodurch habe ich Sie beleidigt?« sagte sie ganz entsetzt. »Ich habe von einer Frau gleich mir gehört, die Jesu Christi Füße mit Wohlgerüchen wusch. Ach, die Tugend hat mich so arm gemacht, daß ich Ihnen nur noch meine Tränen bieten kann.« »Haben Sie mich nicht verstanden?« erwiderte er mit grausamer Stimme. »Ich sage Ihnen, Sie müssen das Haus, wohin ich Sie führen werde, physisch und moralisch so verwandelt verlassen, daß keiner und keine von denen, die Sie gekannt haben, Ihnen je wieder ›Esther!‹ zurufen kann und Sie den Kopf zu wenden zwingt. Gestern hatte Ihnen die Liebe noch nicht die Kraft gegeben, das Freudenmädchen so tief zu vergraben, daß es nicht wieder aufgetaucht wäre; es taucht noch in der Anbetung auf, die nur Gott gebührt.« »Hat er Sie nicht zu mir geschickt?« fragte sie. »Wenn Sie während Ihrer Erziehung von Lucien bemerkt würden, so wäre alles verloren,« fuhr er fort, »bedenken Sie das.« »Wer wird ihn trösten?« fragte sie. »Worüber haben Sie ihn hinweggetröstet?« fragte der Priester mit einer Stimme, in der zum erstenmal während dieser Szene ein nervöses Zittern durchklang. »Ich weiß es nicht; er war oft traurig, wenn er kam.« »Traurig?« sagte der Priester; »hat er Ihnen gesagt, worüber?« »Nie,« erwiderte sie. »Er war traurig, weil er ein Mädchen wie Sie liebte!« rief er. »Ach, er mußte es wohl sein,« erwiderte sie in tiefer Demut; »ich bin das verächtlichste Geschöpf meines Geschlechts, und ich konnte vor seinen Augen nur durch die Kraft meiner Liebe Gnade finden.« »Diese Liebe muß Ihnen den Mut geben, mir blind zu gehorchen. Wenn ich Sie auf der Stelle in das Haus führte, in dem Ihre Erziehung stattfinden soll, so würde hier jeder zu Lucien sagen, Sie seien heute, am Sonntag, mit einem Priester davongegangen; er könnte auf Ihre Spur geraten. In acht Tagen wird die Pförtnerin mich, da sie mich nicht wiederkommen sieht, für etwas halten, was ich nicht bin. Also werden Sie eines Abends – sagen wir, heute in acht Tagen – um sieben Uhr verstohlen hinausgehen und in einen Fiaker steigen, der unten in der Rue des Frondeurs auf Sie warten wird. Während dieser acht Tage werden Sie Lucien meiden; finden Sie Vorwände, lassen Sie ihm die Tür verbieten, und wenn er kommt, so steigen Sie zu einer Freundin hinauf; ich werde es erfahren, wenn Sie ihn wiedergesehen haben, und in diesem Fall wäre alles aus, ich würde nicht einmal wiederkommen. Diese acht Tage sind notwendig, damit Sie sich eine anständige Aussteuer verschaffen und Ihre Prostituiertenmiene ablegen,« sagte er, indem er eine Börse auf den Kamin legte. »In Ihrer Miene und Ihren Kleidern liegt jenes Etwas, das die Pariser so genau kennen und das ihnen sagt, was Sie sind. Sind Sie nie auf der Straße, auf den Boulevards einem bescheidenen und tugendhaften jungen Mädchen begegnet, das in Gesellschaft seiner Mutter war?« »O ja, zu meinem Unglück. Der Anblick einer Mutter mit ihrer Tochter gehört zu unsern schlimmsten Foltern; er weckt die Gewissensbisse, die in den innersten Falten unseres Herzens verborgen sind und die an uns zehren! . . . Ich weiß nur zu gut, was mir fehlt.« »Nun also wissen Sie, wie Sie nächsten Sonntag aussehen müssen,« sagte der Priester, indem er aufstand. »O lehren Sie mich«, sagte sie, »ein echtes Gebet, ehe Sie gehen, damit ich Gott anflehen kann.«

Es war rührend anzusehen, als dieser Priester dieses Mädchen das Ave-Maria und das Paternoster auf französisch hersagen ließ.

»Das ist herrlich!« sagte Esther, als sie diese beiden wunderbaren und beliebten Ausdrücke des katholischen Glaubens fehlerlos gesprochen hatte. »Wie heißen Sie?« fragte sie den Priester, als sie ihm Lebwohl sagte. »Carlos Herrera; ich bin Spanier und aus meinem Lande verbannt.« Esther ergriff seine Hand und küßte sie. Es war keine Kurtisane mehr, sondern ein Engel, der von einem Sturz aufstand.

In einem Hause, das wegen der aristokratischen und religiösen Erziehung, die dort erteilt wird, berühmt ist, bemerkten die Pensionärinnen im März des Jahres eines Montags morgens, daß ihre hübsche Schar um einen Ankömmling vermehrt war, dessen Schönheit nicht nur unbestreitbar über ihre Gefährtinnen triumphierte, sondern auch über die einzelnen Schönheiten, die eine jede von ihnen in vollkommenem Grade besaß. In Frankreich ist es äußerst selten, um nicht zu sagen unmöglich, daß man die berühmten dreißig Schönheiten beisammen findet, die, wie man sagt, eine in persischen Versen im Serail eingemeißelte Inschrift aufzählt und die notwendig sind, damit eine Frau vollkommen schön sei. In Frankreich gibt es wenig Gesamtschönheiten; es gibt nur entzückende Einzelheiten. Was die imponierende Gesamtschönheit angeht, wie die Skulptur sie wiederzugeben sucht und wie sie sie auch in einigen seltenen Schöpfungen, zum Beispiel der Diana und der Kallipyga, wiedergegeben hat, so ist sie das Vorrecht Griechenlands und Kleinasiens. Esther entstammte dieser Wiege des Menschengeschlechts, dieser Heimat der Schönheit: ihre Mutter war Jüdin. Die Juden zeigen, wiewohl sie so oft durch ihre Berührung mit andern Völkern entartet sind, unter ihren zahlreichen Stämmen Adern, in denen sich der erhabene Typ der asiatischen Schönheit erhalten hat. Wenn sie nicht von abstoßender Häßlichkeit sind, stellen sie den prachtvollen Charakter der armenischen Figuren dar. Esther hätte im Serail den Preis davongetragen; sie besaß die dreißig Schönheiten in harmonischer Verschmelzung. Weit davon entfernt, die Vollendung der Formen und die Frische der Hülle zu beeinträchtigen, hatte ihr seltsames Leben ihr einen unsagbaren Zauber von Fraulichkeit verliehen. Sie hatte nicht mehr das glatte und straffe Gewebe der unreifen Früchte, und sie hatte auch noch nicht den warmen Ton der Reife; es war noch etwas von der Blüte darin. Ein paar Tage mehr in der Ausschweifung, so wäre sie beim Embonpoint angelangt. Jener Reichtum der Gesundheit, jene Vollkommenheit des Tieres bei einem Geschöpf, für das die Wollust an die Stelle des Denkens trat, muß in den Augen der Physiologen eine hervorragende Tatsache bedeuten. Durch einen Umstand, der bei sehr jungen Mädchen selten, um nicht zu sagen unmöglich ist, waren ihre Hände, die von unvergleichlichem Adel waren, weich, durchsichtig und weiß, wie die Hände einer Frau, die mit ihrem zweiten Kind niederkommt. Sie hatte genau den Fuß und das Haar, die mit Recht bei der Herzogin von Bern so berühmt waren: ein Haar, das die Hand keines Friseurs halten konnte, so voll war es, und dabei so lang, daß es bis auf den Boden fiel und dort noch Ringe bildete; denn Esther war von jener mittlern Größe, die noch erlaubt, aus einer Frau ein Spielzeug zu machen, sie zu nehmen und zu verlassen und unermüdlich wieder zu greifen und umherzutragen. Ihre Haut war fein wie chinesisches Papier und von einem warmen Amberton, der nur durch rote Adern nuanciert war; sie leuchtete, ohne trocken zu sein, sie war weich, ohne feucht zu sein. Esther war äußerst kräftig, aber scheinbar zart; sie zog sofort die Aufmerksamkeit auf sich durch einen Zug, wie man ihn in den Gesichtern bemerkt, die Raffaels Zeichnung am künstlerischsten wiedergegeben hat; denn Raffael ist derjenige Maler, der die jüdische Schönheit am meisten studiert, am besten dargestellt hat. Dieser wundervolle Zug prägte sich aus in der Tiefe der Wölbung, unter der sich das Auge, wie von seinem Rahmen gelöst, bewegte und deren Kurve durch ihre Schärfe der Rippe eines wirklichen Gewölbebaues glich. Wenn die Jugend diesen schönen Bogen, den Brauen mit sich verlierenden Wurzeln überrahmen, in reine und durchsichtige Töne kleidet; wenn das Licht in die untere kreisrunde Furche gleitet und dort in hellem Rosa ruhen bleibt, so zeigen sich dort Schätze der Zärtlichkeit, die einen Liebhaber zufriedenstellen, Schönheiten, die die Maler zur Verzweiflung treiben können. Diese lichtvollen Fältchen, in denen der Schatten goldige Töne annimmt, dieses Gewebe, das die Festigkeit einer Sehne und die Biegsamkeit des zartesten Häutchens besitzt, sind die letzte Anstrengung der Natur. Das ruhende Auge liegt darin wie ein Wunderei in einem Nest aus Seidenfädchen. Aber später, wenn die Leidenschaften diese feinen Konturen geschwärzt, wenn die Schmerzen dieses Netzwerk von Fäserchen durchfurcht haben, nimmt dieses Wunder eine furchtbare Melancholie an. Esthers Ursprung verriet sich in jenem orientalischen Schnitt der Augen mit den türkischen Wimpern, deren schiefergraue Farbe im Licht die bläulichen Töne der schwarzen Flügel des Raben annahm. Nur die überschwengliche Zärtlichkeit ihres Blicks vermochte seinen Glanz zu mildern. Nur die aus Wüsten gekommenen Rassen besitzen im Auge die Macht, alle zu bezaubern; denn irgendeinen bezaubert jede Frau. Ihre Augen bewahren ohne Zweifel etwas von der Unendlichkeit, in die sie geschaut haben. Hat die Natur in ihrer Voraussicht ihre Retina mit einer spiegelnden Decke versehen, die es ihnen ermöglicht, die Spiegelungen des Sandes, die Sonnenströme und den glühenden Kobalt des Äthers zu ertragen? Oder nehmen die Menschen wie andere Wesen etwas von der Umwelt an, in der sie sich entwickeln, und bewahren sie die Eigenschaften, die sie so erwerben, durch Jahrhunderte? Diese große Lösung des Rassenproblems liegt vielleicht schon in der Frage selber. Die Instinkte sind lebendige Tatsachen, deren Ursache in einem erfahrenen Zwang besteht. Die tierischen Variationen sind das Ergebnis der Übung dieser Instinkte. Um sich von dieser so viel gesuchten Wahrheit zu überzeugen, genügt es, die Beobachtungen, die man kürzlich an den Herden spanischer und englischer Schafe gemacht hat, auf die Menschenherden auszudehnen. Auf den Weideebenen, wo das Gras in Fülle vorhanden ist, werden jene Schafe dicht aneinander gedrängt, und auf den Bergen, wo das Gras selten ist, zerstreuen sie sich. Man nehme diese beiden Schafgattungen aus ihren Ländern heraus und bringe sie nach Frankreich oder in die Schweiz: das Bergschaf wird dort einzeln werden, obwohl man es auf eine niedrig gelegene, dichte Wiese bringt, und die Schafe der Ebene werden selbst auf der Alm dicht aneinander gedrängt bleiben. Kaum vermögen mehrere Generationen die einmal erworbenen und ererbten Instinkte zu wandeln. Durch hundert Jahre hindurch verrät sich der Geist der Berge in einem widerspenstigen Lamm, wie noch nach achtzehnhundert Jahren der Verbannung der Orient in Esthers Gesicht und Augen glänzte. Ihr Blick übte keinen furchtbaren Zauber aus, er strahlte eine sanfte Wärme, er rührte, ohne zu erstaunen, und der härteste Wille schmolz unter seiner Flamme. Esther hatte den Haß besiegt, sie hatte die Entarteten von Paris erstaunt, kurz, dieser Blick und die Weichheit ihrer sanften Haut hatten ihr den furchtbaren Beinamen eingetragen, der ihr eben zu ihrem Grabe hatte Maß nehmen lassen. Alles stand bei ihr im Einklang mit diesen Eigenschaften der Fee des glühenden Sandes. Sie hatte eine feste Stirn von stolzem Umriß. Ihre Nase war wie die der Araber fein und dünn; die ovalen Nasenlöcher standen gut und waren an den Rändern aufgeworfen. Ihr roter und frischer Mund war eine Rose, die keine welke Narbe entstellte; die Orgien hatten keine Spur darauf zurückgelassen. Das Kinn, das modelliert war, als hätte ein verliebter Bildhauer seine Kontur poliert, zeigte die Weiße der Milch. Nur eins, dem sie nicht hatte abhelfen können, verriet die allzu tief gesunkene Kurtisane: ihre zerrissenen Nägel, die der Zeit bedurften, um wieder eine elegante Form anzunehmen, so entstellt waren sie von den niedrigsten Arbeiten des Haushalts. Zunächst waren die jungen Pensionärinnen eifersüchtig auf diese Wunder der Schönheit; aber schließlich bewunderten sie sie. Nicht einmal die erste Woche verstrich, ohne daß sie mit der naiven Esther Freundschaft geschlossen hatten, denn sie interessierten sich für das heimliche Unglück eines achtzehnjährigen Mädchens, das weder lesen noch schreiben konnte, dem jedes Wissen, jeder Unterricht neu war und das dem Erzbischof den Ruhm der Bekehrung einer Jüdin zum Katholizismus, dem Kloster aber das Fest seiner Taufe verschaffen sollte. Sie verziehen Esther ihre Schönheit, weil sie ihr durch ihre Erziehung überlegen waren. Esther hatte bald die Manieren, die sanfte Stimme, den Gang und die Haltung dieser so vornehmen Mädchen angenommen; schließlich fand sie ihre erste Natur zurück. Die Verwandlung war eine so vollständige, daß Herrera bei seinem ersten Besuch erstaunt war, er, den nichts in der Welt überraschen zu sollen schien; und die Oberin wünschte ihm Glück zu seinem Mündel. Diese Frauen waren in ihrer ganzen Unterrichtslaufbahn nie einem liebenswürdigeren Naturell, einer christlicheren Sanftmut, einer echteren Bescheidenheit und einer so großen Lernbegier begegnet. Wenn ein Mädchen die Leiden durchgemacht hat, die den armen Zögling überwältigt hatten, und wenn es dabei einen Lohn erwartet, wie der Spanier ihn Esther bot, so kann es kaum anders als jene Wunder der ersten Tage der Kirche verwirklichen, die die Jesuiten in Paraguay erneuerten.

»Sie ist erbaulich,« sagte die Oberin, indem sie ihr die Stirn küßte. Dieses so recht katholische Wort sagt alles.

Während der Erholungsstunden fragte Esther ihre Gefährtinnen taktvoll nach den einfachsten Dingen der großen Welt aus, und sie weckten in ihr etwas wie das erste Staunen eines Kindes über das Leben. Als sie erfuhr, daß sie am Tage ihrer Taufe und ihrer ersten Kommunion weißgekleidet gehen würde, daß sie ein Stirnband aus weißem Satin, weiße Bänder, weiße Schuhe und weiße Handschuhe erhalten und weiße Schleifen im Haar tragen sollte, da brach sie mitten unter ihren erstaunten Gefährtinnen in Tränen aus. Es war das Gegenteil der Szene Jephthas auf dem Berge. Die Kurtisane fürchtete, durchschaut zu werden; sie schob ihre furchtbare Melancholie auf die Freude, die dieses Schauspiel ihr schon im voraus bereitete. Da es sicherlich ebenso weit ist von den Sitten, die sie aufgab, bis zu den Sitten, die sie annahm, wie vom Zustand eines Wilden bis zur Zivilisation, so hatte sie die Anmut, die Naivität und Tiefe, die die wunderbare Heldin der Puritaner von Amerika auszeichnen. Sie trug auch, ohne es zu wissen, eine Liebe im Herzen, die an ihr nagte, eine seltsame Liebe, ein Verlangen, heftiger bei ihr, die alles wußte, als es je bei einer Jungfrau ist, die nichts weiß, wenn auch in beiden Fällen das Verlangen die gleiche Ursache und das gleiche Ziel hat. In den ersten Monaten diente alles: das Neue dieses Einsiedlerlebens, die Überraschungen des Unterrichts, die Arbeiten, die man sie lehrte, die Übungen der Religion, die Glut eines heiligen Entschlusses, die Süße der Neigung, die sie einflößte, und schließlich auch die Übung der Fähigkeiten des erwachten Verstandes – all das diente dazu, ihre Erinnerungen zurückzudrängen, selbst die Anstrengungen des neuen Gedächtnisses, das sie erwarb; denn sie hatte ebensoviel zu verlernen wie zu lernen. Es gibt mehrere Gedächtnisse in uns: Körper und Geist haben jeder das seinige; und das Heimweh ist zum Beispiel eine Krankheit des körperlichen Gedächtnisses. Während des dritten Monats sah sich die Heftigkeit dieser jungfräulichen Seele, die mit vollen Flügeln zum Paradiese strebte, daher denn auch, wenn nicht besiegt, so doch gehemmt von einen, dumpfen Widerstand, dessen Ursache Esther selbst nicht kannte. Gleich den schottischen Schafen wollte sie für sich weiden; sie konnte die Instinkte, die die Ausschweifung in ihr entwickelt hatte, nicht mehr besiegen. Riefen die kotigen Straßen des Paris, dem sie abgeschworen hatte, sie zurück? Hingen die Ketten ihrer durchbrochenen grauenhaften Gewohnheiten mit vergessenen Schlössern an ihr, und fühlte sie sie, wie nach Aussage der Ärzte Amputierte noch in den Gliedern Schmerzen spüren, die sie nicht mehr haben? Hatten die Laster und ihre Ausschweifungen sie so bis ins Mark durchdrungen, daß das heilige Wasser den dort verborgenen Dämon noch nicht erreichte? War der Anblick dessen, für den sie so engelhafte Anstrengungen unternahm, notwendig für die, der Gott vergeben sollte, weil sie die menschliche Liebe in die himmlische Liebe mischte? Die eine hatte sie zur anderen geführt. Ging in ihr eine Verschiebung der vitalen Kräfte vor, die notwendige Leiden mit sich brachte? Alles ist Zweifel und Finsternis in einer Lage, die die Wissenschaft zu studieren verschmäht hat, weil sie den Gegenstand zu unmoralisch und zu verfänglich fand; als ständen nicht Arzt und Schriftsteller, Priester und Politiker über jedem Argwohn! Ein Arzt freilich, den der Tod unterbrach, hat den Mut gehabt, unvollständig gebliebene Studien zu beginnen. Vielleicht lag die schwarze Melancholie, der Esther zur Beute fiel und die ihr glückliches Leben verdunkelte, in all diesen Ursachen zugleich begründet; und da sie sie nicht erraten konnte, so litt sie vielleicht, wie die Kranken leiden, die weder die Medizin noch die Chirurgie kennen. Die Sachlage ist wunderlich. Eine reichliche und gesunde Nahrung, die an die Stelle einer scheußlichen, aufreizenden Nahrung trat, konnte Esther nicht erhalten. Ein reines, regelmäßiges Leben, das geteilt war zwischen eigens gemilderten Arbeiten und Erholungspausen und das an die Stelle eines ungeordneten Lebens trat, dessen Genüsse ebenso grauenhaft waren wie seine Leiden, dieses Leben brach den jungen Zögling. Der gesundeste Schlummer, die stillen Nächte, die vernichtende Übermüdungen und grausamste Aufregungen verdrängten, erregten ein Fieber, dessen Symptome dem Finger und dem Auge der Krankenwärterin entgingen. Kurz, das Wohlsein, das Glück, die auf Leiden und Unglück folgten, die Sicherheit nach der Unruhe waren Esther ebenso verhängnisvoll, wie ihr vergangenes Elend es für ihre Gefährtinnen gewesen wäre. Da sie in die Verderbtheit hineingepflanzt worden war, hatte sie sich darin entwickelt. Ihre höllische Heimat übte immer noch ihre Herrschaft aus, den souveränen Anordnungen eines absoluten Willens zum Trotz. Was sie haßte, war für sie das Leben, was sie liebte, tötete sie. Sie hatte einen so glühenden Glauben, daß ihre Frömmigkeit ihre Seele erfreute. Sie liebte das Gebet. Sie hatte ihre Seele dem Licht der wahren Religion geöffnet, die sie ohne Mühen, ohne Zweifel hinnahm. Der Priester, der ihr Berater war, schwebte in Entzücken; aber bei ihr widersetzte der Leib sich der Seele jeden Augenblick. Man fing einst in einem schlammigen Teich Karpfen, um sie in ein Marmorbecken mit schönem, klarem Wasser zu setzen; man wollte damit einem Verlangen der Frau von Maintenon nachkommen, die sie mit den Brocken der königlichen Tafel speiste, Die Karpfen kamen um. Tiere können ergeben sein, aber der Mensch wird ihnen niemals die Lepra der Schmeichelei mitteilen. Ein Höfling machte eine Bemerkung über diesen stummen Widerstand in Versailles. »Sie sind wie ich,« erwiderte die ungekrönte Königin, »sie sehnen sich nach ihrem dunklen Schlamm zurück.« Dieses Wort enthält die ganze Geschichte Esthers. In einzelnen Augenblicken trieb es das arme Mädchen, durch die prachtvollen Gärten des Klosters zu laufen; sie ging verstört von Baum zu Baum und stürzte sich verzweifelt in die dunklen Winkel und suchte dort – was? Sie wußte es nicht, aber sie erlag dem Dämon, sie kokettierte mit den Bäumen, sie sagte ihnen Worte, die sie niemals aussprach. Bisweilen glitt sie abends wie eine Schlange die Mauern entlang, ohne Schal, mit nackten Schultern. Oft stand sie in der Kapelle während des Amtes da, die Augen aufs Kruzifix geheftet, und jeder bewunderte sie, wenn ihr die Tränen in die Augen traten. Sie aber weinte vor Wut; statt der heiligen Bilder, die sie sehen wollte, erhoben sich die flackernden Nächte, in denen sie die Orgie dirigierte, wie Habeneck im Konservatorium eine Beethovensche Symphonie dirigiert, jene lachenden und schlüpfrigen Nächte, durchschnitten von nervösen Bewegungen, von unerlöschlichem Lachen, mit gelöstem Haar, wütend und brutal vor ihrem Blick. Sie war äußerlich sanft wie eine Jungfrau, die nur durch ihre weibliche Gestalt mit der Erde zusammenhängt; in ihrem Innern wütete eine kaiserliche Messaline. Sie allein wußte um diesen Kampf des Dämons mit dem Engel, Wenn die Oberin sie schalt, weil sie künstlicher frisiert war, als die Regel es wollte, so veränderte sie ihre Frisur mit anbetungswürdigem und schnellem Gehorsam; sie wäre bereit gewesen, sich das Haar abzuschneiden, wenn die Mutter es ihr befohlen hätte. Dieses Heimweh hatte bei einem Mädchen, das lieber umgekommen wäre als zurückgekehrt in die unreinen Lande, eine rührende Anmut. Sie wurde blaß, verwandelte sich, wurde mager. Die Oberin verkürzte ihren Unterricht und zog das interessante Geschöpf in ihre Nähe, um sie auszufragen, Esther war glücklich; es gefiel ihr unendlich unter ihren Gefährtinnen; sie fühlte sich in keinem lebenswichtigen Teil angegriffen, aber ihre Lebenskraft selber war bedroht. Sie sehnte sich nach nichts zurück; sie wünschte nichts. Die Oberin war erstaunt über die Antworten ihres Zöglings, und sie wußte nicht, was sie von ihm denken sollte, als sie ihn einer verzehrenden Sehnsucht zur Beute fallen sah. Man rief den Arzt, als der Zustand des jungen Mädchens ernst zu werden schien, aber dieser Arzt kannte Esthers Vorleben nicht und konnte sie nicht beargwöhnen: er fand überall Leben, das Leiden war nirgends. Die Krankheit warf alle Hypothesen um. Es blieb noch eine Art und Weise, die Zweifel des Gelehrten, der einem furchtbaren Gedanken nachging, aufzuklären: doch Esther weigerte sich hartnäckig, sich der Untersuchung des Arztes zu unterwerfen. In dieser Gefahr appellierte die Oberin an den Abbé Herrera, Der Spanier kam, sah Esthers verzweifelten Zustand und plauderte einen Augenblick abseits mit dem Arzt. Nach diesem Gespräch erklärte der Mann der Wissenschaft dem Mann des Glaubens, das einzige Mittel sei eine Reise nach Italien. Der Abbé wollte nicht, daß diese Reise vor Esthers Taufe und erster Kommunion stattfände.

»Wieviel Zeit brauchen Sie noch?« fragte der Arzt. »Einen Monat,« erwiderte die Oberin. »Dann ist sie tot,« versetzte der Doktor. »Ja, aber im Stand der Gnade und als Gerettete,« sagte der Abbé.

Die Frage der Religion beherrscht in Spanien die Fragen der Politik, des bürgerlichen und physischen Lebens; der Arzt gab also dem Spanier keine Antwort, er wandte sich zu der Oberin; aber der furchtbare Abbé ergriff ihn am Arm, um ihn zu hindern. »Kein Wort, Herr Doktor!« sagte er.

Der Arzt warf, obwohl er religiös und monarchisch gesinnt war, einen Blick voll zärtlichen Mitleids auf Esther. Dieses Mädchen war schön wie eine Lilie, die sich auf ihren Stengel neigt. »Wie Gott will, also,« sagte er und ging.

Noch am Tage dieser Konsultation wurde Esther von ihrem Gönner in den Rocher de LancaleEin berühmtes Pariser Restaurant. geführt, denn der Wunsch, sie zu retten, hatte diesem Priester die seltsamsten Auskunftsmittel eingegeben; er versuchte es mit zwei Ausschweifungen: einem ausgezeichneten Diner, das das arme Mädchen an seine Orgien erinnern konnte, und der Oper, die ihr einige weltliche Bilder bot. Es bedurfte seiner überwältigenden Autorität, um die junge Heilige zu solchen Entweihungen zu überreden. Herrera verkleidete sich so vollkommen als Offizier, daß Esther ihn nur mit Mühe erkannte; er ließ seine Gefährtin einen Schleier nehmen und setzte sie in eine Loge, wo sie allen Blicken verborgen bleiben konnte. Dieses Linderungsmittel, das für eine so ernstlich zurückgewonnene Unschuld ungefährlich war, verlor bald seine Kraft. Der Zögling wurde von Ekel vor den Diners ihres Gönners, von religiösem Widerwillen gegen das Theater gepackt und sank in ihre Melancholie zurück.

›Sie stirbt vor Liebe zu Lucien,‹ sagte Herrera sich; er wollte die Tiefe dieser Seele sondieren und wissen, was man von ihr verlangen konnte.

Es kam also ein Augenblick, in dem dieses Mädchen nur noch durch seine moralische Kraft aufrechterhalten wurde und in dem der Körper versagen mußte. Der Priester berechnete diesen Augenblick mit dem grauenhaften Scharfsinn, den ehedem die Folterknechte entfalteten, wenn es galt, das Verhör zu beginnen. Er fand sein Mündel im Garten, wo sie am Gitter, das die Aprilsonne liebkoste, auf einer Bank saß; sie schien zu frieren und sich dort zu wärmen; ihre Gefährtinnen sahen voll Interesse auf diese Bleichheit welken Grases, auf diese Augen einer sterbenden Gazelle und auf ihre melancholische Haltung. Esther erhob sich und ging dem Spanier entgegen, und zwar mit einer Bewegung, die bewies, wie wenig Leben sie nur noch in sich hatte, und auch, sagen wir es, wie wenig Freude am Leben. Dieses arme Bohêmegeschöpf, diese verwundete wilde Schwalbe erregte zum zweitenmal Carlos Herreras Mitleid. Der düstere Priester, den Gott nur zur Erfüllung seiner Rache hätte verwenden dürfen, empfing die Kranke mit einem Lächeln, das ebensoviel Bitterkeit wie Süße enthielt, ebensoviel Rachsucht wie Erbarmen. Esther war seit ihrem nahezu klösterlichen Leben an das Nachdenken gewöhnt, an die Einkehr in sich selber, und jetzt empfand sie zum zweitenmal ein Gefühl des Mißtrauens beim Anblick ihres Gönners; aber wie beim erstenmal wurde sie von seinen Worten auf der Stelle beruhigt.

»Nun, mein liebes Kind,« sagte er, »weshalb haben Sie mir nie von Lucien gesprochen?« »Ich hatte Ihnen versprochen,« erwiderte sie, während sie in krampfhafter Bewegung vom Kopf bis zu den Füßen erbebte, »ich hatte Ihnen geschworen, diesen Namen nicht mehr auszusprechen.« »Trotzdem aber haben Sie nicht aufgehört, an ihn zu denken.« »Das ist mein einziger Fehler. In jeder Stunde denke ich an ihn; als Sie sich zeigten, sagte ich diesen Namen vor mich hin.« »Die Trennung tötet Sie?«

Statt aller Antwort neigte Esther den Kopf, wie es die Kranken tun, die schon die Grabesluft riechen. »Ihn wiedersehen?« fragte er. »Das wäre das Leben,« erwiderte sie. »Denken Sie nur mit der Seele an ihn?« »Ach, die Liebe läßt sich nicht teilen.« »Tochter des verfluchten Geschlechts! Ich habe alles getan, um dich zu retten; ich überlasse dich deinem Schicksal: du sollst ihn wiedersehen!« »Weshalb sollten Sie mein Glück schmähen? Kann ich nicht Lucien lieben und doch die Tugend üben, die ich ebensosehr liebe wie ihn? Bin ich nicht bereit, hier für sie zu sterben, wie ich bereit wäre, für ihn zu sterben? Will ich nicht umkommen in diesem doppelten Fanatismus: für die Tugend, die mich seiner würdig machte, für ihn, der mich der Tugend in die Arme warf? Ja, bereit zu sterben, ohne ihn wiederzusehen, bereit zu leben, wenn ich ihn wiedersehe. Gott wird mich richten.« Ihre Farbe war zurückgekehrt; ihre Blässe hatte einen goldigen Ton angenommen. Esther wurde noch einmal begnadigt.

»Am Tage nach jenem, an dem Sie im Wasser der Taufe gebadet werden, sollen Sie Lucien wiedersehen, und wenn Sie glauben, tugendhaft leben zu können, indem Sie für ihn leben, so sollen Sie sich von ihm nicht mehr trennen.«

Der Priester mußte Esther aufheben, da ihr die Knie versagten. Das arme Mädchen war gestürzt, als hätte der Boden unter ihren Füßen nachgegeben; der Abbé setzte sie auf die Bank, und als sie die Sprache wiederfand, sagte sie: »Weshalb nicht heute?« »Wollen Sie Seiner Hochwürden den Triumph Ihrer Taufe und Bekehrung rauben? Sie sind Lucien zu nah, um Gott nicht fern zu sein.« »Ja, ich dachte an nichts mehr!« »Sie werden nie irgendeiner Religion angehören,« sagte der Priester mit einer Regung tiefer Ironie. »Gott ist gut,« erwiderte sie; »er liest in meinem Herzen.«

Besiegt von der entzückenden Naivität, die in Esthers Stimme, Blick, Gesten und Haltung durchbrach, küßte Herrera sie zum erstenmal auf die Stirn. »Die Wüstlinge hatten dir mit Recht deinen Namen gegeben: du würdest Gott, den Vater, verführen. Noch ein paar Tage, es ist nötig, und nachher sollt ihr alle beide frei sein.« »Alle beide!« wiederholte sie in ekstatischer Freude.

Diese von ihnen aus der Ferne beobachtete Szene setzte die Zöglinge und die Oberin in Erstaunen; sie glaubten einer Zauberverwandlung beizuwohnen, als sie Esther mit ihrem früheren Selbst verglichen. Das völlig verwandelte Kind lebte jetzt. Sie zeigte sich in ihrer wahren Liebesnatur, zierlich, kokett, lockend und lustig: kurz, sie war auferweckt.

Herrera wohnte in der Rue Cassette, in der Nähe von Saint-Sulpice, der Kirche, der er sich angeschlossen hatte. Dieser Bau sagte dem Spanier mit seinem harten und trockenen Stil zu, denn seine Religion hatte viel von der der Dominikaner. Als ein verlorener Posten der verschlagenen Politik Ferdinands VII, leistete er der konstitutionellen Sache schlimme Dienste, obwohl er wußte, daß diese Ergebenheit niemals ihren Lohn finden konnte, es sei denn bei einer Wiedereinsetzung des Rey neto. Und Carlos Herrera hatte sich in dem Augenblick, als es schien, daß die Cortes nicht mehr zu stürzen waren, mit Leib und Seele der Kamarilla ergeben. Für die Welt verriet dieses Verhalten eine überlegene Seele. Der Feldzug des Herzogs von Angoulême war erfolgt, König Ferdinand herrschte, und Carlos Herrera ging nicht nach Madrid, um sich den Preis für seine Dienste zu holen. Gegen die Neugier verteidigte ihn ein diplomatisches Schweigen, und als Grund seines Aufenthalts in Paris führte er seine lebhafte Neigung zu Lucien von Rubempré an, der der junge Mann bereits die Verordnung des Königs bezüglich seines Namenswechsels verdankte. Herrera lebte übrigens, wie der Tradition nach alle Priester leben, die in geheimen Missionen Verwendung finden: nämlich sehr im Dunkeln. Er erfüllte seine religiösen Pflichten zu Saint-Sulpice, ging nur in Geschäften aus, und zwar auch das stets am Abend und im Wagen. Seinen Tag füllte die spanische Siesta aus, die den Schlaf zwischen die beiden Mahlzeiten legt und auf diese Weise die ganze Zeit in Anspruch nimmt, während derer Paris in geschäftigem Aufruhr lebt. Auch die spanische Zigarre spielte ihre Rolle und verzehrte ebensoviel Zeit wie Tabak. Die Faulheit ist wie der Ernst eine Maske; und auch der Ernst ist nur Faulheit. Herrera wohnte im zweiten Stock des einen Flügels des Hauses, und Lucien hatte den andern inne. Die beiden Wohnungen wurden durch einen großen Empfangssaal, dessen antiker Prunk ebensosehr zu dem ernsten Geistlichen wie zu dem jungen Dichter paßte, sowohl verbunden wie getrennt. Der Hof dieses Hauses war düster. Große, dichte Bäume beschatteten den Garten. Stille und Verschwiegenheit begegnen sich in den Häusern, die Priester wählen. Herreras Zimmer läßt sich mit zwei Worten beschreiben: eine Zelle. Das Luciens glänzte von Luxus und war mit ausgesuchten Bequemlichkelten versehen; es vereinigte alles, was das elegante Leben eines Dandys, Dichters und Schriftstellers erfordert, der ehrgeizig, lasterhaft, zugleich stolz und eitel und voller Nachlässigkeit ist, während er sich doch nach der Ordnung sehnt: eines jener unvollständigen Genies, die im Begehren und im Entwurf, was vielleicht dasselbe ist, einige Gewalt besitzen, aber zur Ausführung nicht die Kraft haben. Zusammen bildeten Lucien und Herrera einen Politiker. Darin lag ohne Zweifel das Geheimnis dieses Bundes. Greise, bei denen die Aktion des Lebens sich verschoben und in die Sphäre der Interessen verirrt hat, fühlen oft das Bedürfnis eines hübschen Dekorationsstücks, eines jungen und leidenschaftlichen Schauspielers für die Ausführung ihrer Pläne. Richelieu suchte zu spät nach einem schönen, weißen Gesicht mit Schnurrbart, um es den Frauen hinzuschieben, die er amüsieren mußte. Da ihn junge Leichtfüße nicht verstanden, war er gezwungen, die Mutter seines Herrn zu verbannen und der Königin Angst einzuflößen, nachdem er zuvor versucht hatte, beide in sich verliebt zu machen; freilich hatte er nicht die Statur, um Königinnen zu gefallen. Was man auch tue, in einem Leben des Ehrgeizes wird man stets in dem Augenblick, in dem man eine derartige Begegnung am wenigsten erwartet, auf eine Frau stoßen. So mächtig ein großer Politiker auch sei, er braucht eine Frau, um sie der Frau entgegenzustellen, genau wie die Holländer den Diamanten mit dem Diamanten schleifen. Rom gehorchte im Augenblick seiner Macht dieser Notwendigkeit. Man sehe sich doch an, wie viel reicher an Herrschgewalt das Leben Mazarins, des italienischen Kardinals, war, als das Richelieus, des französischen Kardinals! Richelieu findet Widerstand bei den großen Herren, er legt die Axt an; er stirbt in der Blüte seiner Macht, verbraucht von dem Zweikampf, in dem ihn nur ein Kapuziner unterstützte. Mazarin wird vom verbündeten, bewaffneten und zeitweise siegreichen Bürgertum und Adel, die das Königshaus zur Flucht zwingen, zurückgestoßen; aber der Diener Annas von Österreich nimmt niemandem das Leben, weiß ganz Frankreich zu besiegen und erzieht Ludwig XIV., der Richelieus Werk vollendet, indem er im großen Serail von Versailles den Adel mit vergoldeten Schnüren erdrosselt. Als Frau von Pompadour stirbt, ist Choiseul verloren. Hatte Herrera sich von dieser hohen Lehre durchdringen lassen? Hatte er früher als Richelieu sich selbst Gerechtigkeit widerfahren lassen? Hatte er in Lucien einen Cinq-Mars erwählt, aber einen treuen Cinq-Mars? Niemand konnte auf diese Fragen antworten noch den Ehrgeiz dieses Spaniers ermessen, wie man auch nicht voraussehen konnte, welches sein Ende sein würde. Diese Fragen derer, die einen Blick auf den lange verheimlichten Bund werfen konnten, strebten danach, ein furchtbares Geheimnis zu durchschauen, das auch Lucien erst seit wenigen Tagen kannte. Carlos war für zwei ehrgeizig; das zeigte sein Verhalten denen, die ihn kannten und die alle glaubten, Lucien sei ein natürliches Kind dieses Priesters.

Fünfzehn Monate nach seinem Erfolg in der Oper, der ihn zu früh in eine Gesellschaft hineinwarf, in der der Abbé ihn erst sehen wollte, wenn er ihn durchaus gegen die Welt gewaffnet hätte, standen drei schöne Pferde in Luciens Stall, ein Coupé für den Abend, ein Kabriolett und ein Tilbury für den Vormittag. Er speiste in der Stadt. Herreras Ahnungen hatten sich erfüllt: ein Leben der Zerstreuungen hatte sich seines Schülers bemächtigt; aber er hatte es notwendig gefunden, der sinnlosen Liebe, die dieser junge Mann für Esther im Herzen bewahrte, Ablenkung zu verschaffen. Nachdem er etwa vierzigtausend Franken ausgegeben hatte, hatte jede Torheit Lucien nur um so lebhafter zu der Torpille zurückgeführt, die er hartnäckig suchte; und da er sie nicht fand, so wurde sie für ihn das, was das Wild für den Jäger ist. Konnte Herrera wissen, welcher Art die Liebe eines Dichters ist? Hat sich einem dieser großen kleinen Leute diese Empfindung einmal in den Kopf gesetzt, wie sie das Herz versengt und die Sinne durchdrungen hat, so wird der Dichter der Menschheit ebensosehr durch seine Liebe überlegen, wie er es durch die Macht seiner Phantasie ist. Da er einer Laune der intellektuellen Zeugung die seltene Fähigkeit verdankt, die Natur durch Bilder auszudrücken, denen er zugleich Empfindung und Gedanken aufprägt, leiht er seiner Liebe die Flügel seines Geistes; er empfindet und er malt, er handelt und denkt, er vervielfältigt seine Empfindungen durch sein Denken, er verdreifacht die gegenwärtige Seligkeit durch das Sehnen nach der Zukunft und die Erinnerungen der Vergangenheit; er eint ihnen die erlesenen Genüsse der Seele, die ihn zum Fürsten unter den Künstlern machen. Die Leidenschaft eines Dichters wird dann zu einem großen Gedicht, das oft über menschliche Proportionen hinausgeht. Stellt nicht der Dichter seine Geliebte auf ein viel höheres Piedestal, als es die Frauen bewohnen wollen? Er verwandelt wie der wunderbare Ritter aus der Mancha ein Mädchen der Felder in eine Prinzessin. Er macht für sich selbst Gebrauch von dem Zauberstab, mit dem er alles berührt, um es wunderbar zu machen, und so erhöht er auch die Wollust durch die anbetungswürdige Welt des Idealen. Daher ist seine Liebe ein Musterbild der Leidenschaft: sie ist ausschweifend in allem, in ihren Hoffnungen, in ihrer Verzweiflung, in ihrem Zorn, ihrer Melancholie und ihren Freuden; sie fliegt, sie springt, sie kriecht, sie gleicht keiner der Erregungen, die der Durchschnitt der Menschen empfindet; sie ist im Vergleich zur Liebe des Bürgers, was der ewige Gießbach der Alpen im Vergleich zum Rinnsal der Ebenen ist. Diese schönen Genies werden so selten verstanden, daß sie sich in trügerischen Hoffnungen verschwenden; sie verzehren sich auf der Suche nach ihren idealen Geliebten, sie sterben fast immer wie schöne Insekten, die für Liebesfeste von der poetischsten aller Naturen nach Lust geschmückt werden und die der Fuß eines Vorübergehenden zermalmt; aber eine neue Gefahr: wenn sie die Form finden, die ihrem Geist entspricht, und oft ist es dann eine Bäckerin, so machen sie es wie Raffael, wie das schöne Insekt, sie sterben bei der Fornarina. Lucien war so weit. Seine poetische Natur, die notwendigerweise in allem, im Guten wie im Schlimmen, überschwenglich war, hatte den Engel in der Dirne erraten, die eher an der Verderbtheit abgefärbt hatte als verderbt war: er sah sie stets weiß, beflügelt, rein und geheimnisvoll, wie sie für ihn geworden war, da sie erriet, daß er sie so wollte.

Gegen Ende des Mai 1825 hatte Lucien seine ganze Lebhaftigkeit eingebüßt; er ging nicht mehr aus, er speiste mit Herrera, war nachdenklich, arbeitete, las die Sammlung diplomatischer Traktate, saß nach türkischer Weise auf einem Diwan und rauchte am Tage drei oder vier Hukas. Sein Groom hatte mehr damit zu tun, die Schläuche dieses schönen Werkzeugs zu reinigen und zu parfümieren, als das Fell der Pferde zu striegeln und sie für die Ausfahrten im Bois mit Rosen zu schmücken. An dem Tage, als der Spanier Luciens Stirn bleich sah, als er in den Torheiten der unterdrückten Liebe die Spuren der Krankheit erkannte, wollte er dieses Menschenherz ergründen, auf das er sein Leben gebaut hatte.

Eines schönen Abends, als Lucien, in einem Sessel liegend, mechanisch durch die Bäume des Gartens dem Sonnenuntergang zusah, indem er, wie es gedankenverlorene Raucher tun, in langen und gleichmäßigen Wolken den Schleier seines parfümierten Rauches ausbreitete, zog ihn ein tiefer Seufzer aus seiner Träumerei. Er wandte sich um und sah den Abbé mit untergeschlagenen Armen dastehen.

»Du hast dagestanden?« sagte der Dichter. »Seit langem,« sagte der Priester; »meine Gedanken sind dem Flug der deinen gefolgt . . .« Lucien verstand dieses Wort. »Ich habe mich nie für eine eherne Natur ausgegeben, wie du es bist. Für mich ist das Leben abwechselnd ein Paradies und eine Hölle; aber wenn es gerade einmal weder das eine noch das andere ist, so langweilt es mich; und ich langweile mich . . .« »Wie kann man sich langweilen, wenn man so viele großartige Hoffnungen vor sich hat? . . .« »Wenn man an diese Hoffnungen nicht glaubt, oder wenn sie zu verschleiert sind . . .« »Keine Dummheiten!« sagte der Priester, »Es ist deiner und meiner würdiger, wenn du mir dein Herz eröffnest. Zwischen uns steht, was nie zwischen uns stehen dürfte: ein Geheimnis! Dieses Geheimnis dauert schon seit sechs Monaten. Du liebst eine Frau.« »Und?« »Ein unsauberes Mädchen, das die Torpille genannt wird . . .« »Nun?« »Liebes Kind, ich hatte dir erlaubt, dir eine Geliebte zu nehmen, aber eine Frau vom Hofe, jung, schön, einflußreich; zum mindesten eine Gräfin. Ich hatte dir Frau d'Espard ausersehen, um sie ohne Bedenken zum Werkzeug des Glücks zu machen; denn sie hätte dir nie das Herz verdorben, sie hätte dir deine Freiheit gelassen . . . Eine Prostituierte der letzten Stufe zu lieben, ohne daß man wie die Könige die Macht besitzt, sie zu adeln, ist ein ungeheurer Fehler.« »Bin ich der erste, der auf den Ehrgeiz verzichtet hat, um dem Hang einer zügellosen Liebe zu folgen?« »Gut!« sagte der Priester, indem er das Bocchinetto des Huka aufhob, das Lucien hatte fallen lassen, und es ihm zurückgab, »ich verstehe deinen Spott. Kann man Ehrgeiz und Liebe nicht verbinden? Kind, du hast in dem alten Herrera eine Mutter, deren Ergebenheit unbedingt ist . . .« »Ich weiß es, mein Alter,« sagte Lucien, indem er seine Hand ergriff und schüttelte. »Du wolltest die Spielzeuge des Reichtums – du hast sie. Du willst glänzen – ich führe dich auf den Weg der Macht. Ich küsse recht schmutzige Hände, um dich vorwärts zu bringen, und du wirst vorwärts kommen. Noch einige Zelt, und dir wird nichts mehr fehlen von allem, was Männern und Frauen gefällt. Bist du durch deine Launen verweichlicht, so bist du männlich durch deinen Geist: ich habe dich ganz begriffen, ich vergebe dir alles. Du brauchst nur zu reden, um deine Eintagsleidenschaften zu befriedigen. Ich habe dein Leben erhöht, indem ich ihm aufprägte, was dir die Anbetung der großen Menge verschafft: das Siegel der Politik und der Herrschaft. Du sollst so groß werden, wie du klein bist; aber du darfst nicht den Prägstock zerbrechen, mit dem wir Geld münzen. Ich erlaube dir alles, ausgenommen die Fehler, die deine Zukunft zertrümmern würden. Wenn ich dir die Salons des Faubourg Saint-Germain öffne, so verbiete ich dir, dich in der Gosse zu wälzen. Lucien, ich werde in deinem Interesse wie eine Eisenschranke sein; ich will alles von dir, für dich erdulden. Und deshalb habe ich deinen Mangel an Fühlung mit dem Spiel des Lebens in die Finesse eines gewandten Spielers verwandelt . . .«

Lucien hob in einer Bewegung wütender Schroffheit den Kopf. »Ich habe die Torpille entführt!« »Du?« schrie Lucien auf. In einem Anfall tierischer Wut sprang der Dichter empor und warf dem Priester, den er so heftig zurückstieß, daß er den Athleten zu Boden schleuderte, das Bocchinetto aus Gold und Edelsteinen ins Gesicht. »Ich!« sagte der Spanier, indem er sich erhob, und ohne seine furchtbare Würde zu verlieren.

Die schwarze Perücke war gefallen. Ein Schädel, blank wie ein Totenkopf, gab diesem Manne seine wahre Physiognomie zurück; sie war grauenhaft. Lucien lag mit hängenden Armen und überwältigt auf seinem Diwan und starrte den Abbé mit stumpfer Miene an.

»Ich habe sie entführt,« wiederholte der Priester. »Was hast du aus ihr gemacht? Du hast sie am Morgen nach dem Maskenball entführt . . .« »Ja, am Morgen nach dem Tage, als ich sah, wie ein Wesen, das dir gehörte, von Schelmen beschimpft wurde, denen ich nicht den Fuß in den . . .« »Schelmen?« sagte Lucien, indem er ihn unterbrach, »sag Ungeheuern, neben denen die, die man guillotiniert, Engel sind. Weißt du, was die Torpille für drei unter ihnen getan hat? Einer von ihnen war zwei Monate lang ihr Liebhaber. Sie war arm und suchte sich ihr Brot in der Gosse; er hatte keinen Heller, er war wie ich, als du mir begegnetest, dem Abgrund recht nahe; mein Bürschchen stand nachts auf und ging zu dem Schrank, in dem sich die Reste der Mittagsmahlzeit dieses Mädchens befanden, und aß sie auf; sie entdeckte schließlich diese Kniffe und begriff seine Scham; sie sorgte dafür, daß viele Reste übrigblieben, und sie war glücklich; sie hat das niemandem als mir gesagt, in ihrem Fiaker, als wir aus der Oper kamen. Der zweite hatte gestohlen; aber ehe man den Diebstahl bemerken konnte, lieh sie ihm die Summe, die er wieder hinlegen konnte; und er hat stets vergessen, sie dem armen Mädchen zurückzugeben. Und was den dritten anbetrifft, so hat sie sein Glück gemacht, indem sie eine Komödie spielte, die dem Genie Figaros ebenbürtig war: sie hat sich für seine Frau ausgegeben und ist die Geliebte eines allmächtigen Mannes geworden, der sie für die naivste der Bürgerfrauen hielt. Dem einen das Leben, dem andern die Ehre, dem letzten sein Vermögen, und das bedeutet heute alles das gleiche! Und so wird es ihr von ihnen gelohnt . . .« »Willst du, daß sie sterben?« sagte Herrera, dem eine Träne in die Augen trat. »Nun, da bist du! Jetzt erkenne ich dich . . .« »Nein, erfahre alles, rasender Dichter,« sagte der Priester; »die Torpille lebt nicht mehr.«

Lucien warf sich so kräftig auf Herrera, um ihn an der Kehle zu packen, daß jeder andere gestürzt wäre; aber der Arm des Spaniers hielt den Dichter zurück.

»Höre doch zu,« sagte er kühl. »Ich habe eine keusche, reine, wohlerzogene, fromme Frau aus ihr gemacht, eine anständige Frau; sie ist auf dem Wege der Bildung. Sie kann, sie muß, unter der Herrschaft deiner Liebe, eine Ninon, eine Marion Delorme, eine Dubarry werden, wie dieser Journalist in der Oper sagte. Du wirst sie als deine Geliebte anerkennen oder hinter dem Vorhang deiner Schöpfung verborgen bleiben, was verständiger ist! Das eine wie das andere wird dir Vorteil und Ruhm, Genuß und Fortschritt eintragen. Aber wenn du ein ebenso großer Politiker wie Dichter bist, so wird dir Esther nur eine Dirne sein; denn später wird sie uns vielleicht aus der Verlegenheit ziehen, sie ist ihr Gewicht in Gold wert. Trinke, aber berausche dich nicht. Wenn ich deiner Leidenschaft nicht in die Zügel gefallen wäre, wo wärst du da heute? Du hättest dich mit der Torpille im Schlamm des Elends gewälzt, aus dem ich dich herausgezogen habe . . . Da, lies!« sagte Herrera so einfach wie Talma im ›Manlius‹, den er nie gesehen hatte.

Dem Dichter fiel ein Papier auf die Knie und entriß ihn der ekstatischen Verwunderung, in die ihn diese beängstigende Antwort gestürzt hatte; er nahm es und las den ersten je von Fräulein Esther geschriebenen Brief:

»An Herrn Abbé Carlos Herrera.

Mein teurer Gönner! Werden Sie nicht glauben, daß bei mir die Dankbarkeit den Vortritt vor der Liebe hat, wenn Sie sehen, daß ich die Fähigkeit, meine Gedanken schriftlich auszudrücken, zuerst dazu benutze, Ihnen zu danken, statt eine Liebe zu schildern, die Lucien vielleicht vergessen hat? Aber ich werde Ihnen sagen, göttlicher Mann, was ich ihm zu sagen nicht wagen würde, obwohl er zu meinem Glück noch im Dasein steht. Die gestrige Zeremonie hat Schätze der Gnade in mein Inneres gegossen, und also lege ich mein Schicksal in Ihre Hand. Müßte ich sterben, indem ich meinem Geliebten fernbleibe, so werde ich gereinigt sterben wie Magdalena, und meine Seele wird für ihn die Nebenbuhlerin seines Schutzengels werden. Werde ich je das gestrige Fest vergessen? Wie sollte ich dem glorreichen Thron entsagen, auf den ich gestiegen bin? Gestern habe ich all meine Besudelungen im Wasser der Taufe abgewaschen, und ich habe den heiligen Leib unseres Heilandes empfangen; ich bin zu einem seiner Tabernakel geworden. In jenem Augenblick habe ich den Gesang der Engel gehört, ich war mehr als eine Frau, ich wurde einem Leben des Lichts geboren, mitten unter den Zurufen des Irdischen, von der Welt bewundert, in einem Gewölk des Weihrauchs und der Gebete, das berauschte, geschmückt wie eine Jungfrau für einen himmlischen Gatten. Als ich mich, was ich niemals hoffen konnte, Luciens würdig fand, habe ich jede unreine Liebe abgeschworen, und ich will nicht mehr auf andern Wegen als denen der Tugend wandeln. Wenn mein Leib schwächer ist als meine Seele, so möge er zugrunde gehen! Seien Sie Richter über mein Schicksal, und wenn ich sterbe, so sagen Sie Lucien, daß ich für ihn gestorben bin, indem ich für Gott geboren wurde. Sonntag abend.«

Lucien hob seine tränenfeuchten Augen.

»Du kennst die Wohnung der dicken Caroline Bellefeuille, in der Rue Taitbout,« fuhr der Spanier fort. »Dieses Mädchen war, als sie von ihrem Richter verlassen wurde, in furchtbarer Not, sie sollte gepfändet werden; ich habe ihre Wohnung in Bausch und Bogen kaufen lassen, sie ist mit ihren Sachen ausgezogen. Esther, dieser Engel, der zum Himmel steigen wollte, ist dort niedergestiegen und wartet auf dich.«

In diesem Augenblick hörte Lucien im Hof seine stampfenden Pferde; er besaß nicht die Kraft, seine Bewunderung für eine Ergebenheit auszusprechen, die nur er zu würdigen wußte: er warf sich dem Menschen, den er beschimpft hatte, in die Arme und machte alles durch einen einzigen Blick und seine überströmende Empfindung wieder gut; dann eilte er die Treppe hinunter, warf seinem Groom Esthers Adresse ins Ohr, und die Pferde flogen davon, als belebte die Leidenschaft ihres Herrn ihre Beine.

Am folgenden Tage ging ein Mann, den die Vorübergehenden nach seinem Äußern für einen verkleideten Gendarmen hätten halten können, in der Rue Taitbout einem Hause gegenüber auf und ab, als wartete er, daß jemand herauskäme; sein Schritt verriet Erregung. Man kann in Paris oft solche leidenschaftliche Spaziergänger treffen: echte Gendarmen, die einen widerspenstigen Nationalgardisten belauern, Gerichtsdiener, die ihre Maßnahmen für eine Verhaftung treffen, Gläubiger, die darauf sinnen, ihren Schuldnern einen Schimpf anzutun, wenn sie sich eingeschlossen halten, eifersüchtige und argwöhnische Liebhaber oder Ehemänner, oder schließlich Freunde, die für Freunde Posten stehen; aber recht selten wird man einem Gesicht begegnen, das von den wilden, rauhen Gedanken entflammt ist, wie sie das Gesicht des düstern Athleten belebten, der unter den Fenstern Fräulein Esthers mit der gedankenverlorenen Eile eines Bären im Käfig hin und her ging. Gegen Mittag tat sich ein Fenster auf, aus dem die Hand einer Kammerfrau zum Vorschein kam, die die mit einer Polsterfütterung versehenen Läden aufstieß. Ein paar Augenblicke darauf trat Esther im Negligé vor, um frische Luft zu schöpfen; sie stützte sich auf Lucien. Wer sie gesehen hätte, hätte sie für das Original einer anmutigen englischen Vignette gehalten. Esther bemerkte sofort die Basiliskenaugen des spanischen Priesters, und wie von einer Kugel getroffen, stieß das arme Geschöpf einen furchtbaren Schrei aus.

»Da ist der schreckliche Priester,« sagte sie, indem sie ihn Lucien zeigte. »Der!« sagte er lächelnd, »der ist so wenig Priester wie du . . .« »Was ist er denn?« fragte sie beängstigt. »Nun, ein alter Schuft, der nur an den Teufel glaubt,« sagte Lucien.

Wäre dieser Lichtstrahl, der auf die Geheimnisse des falschen Priesters fiel, von einem weniger ergebenen Wesen aufgefangen worden, als Esther es war, so hätte er Lucien auf immer vernichten können. Als die beiden Liebenden sich vom Fenster ihres Schlafzimmers in das Eßzimmer hinüber begaben, wo ihnen eben das Frühstück serviert worden war, trafen sie auf Carlos Herrera.

»Was hast du hier zu tun?« fragte Lucien schroff. »Euch segnen,« sagte der verwegene Mensch, indem er das Paar anhielt und in den kleinen Salon der Wohnung zu treten zwang. »Hört mich an, meine Lieblinge! Amüsiert euch, seid glücklich, alles schön und gut! Das Glück um jeden Preis, das ist meine Lehre . . . Aber du,« sagte er zu Esther, »du, die ich aus dem Kot gezogen und an Seele und Leib abgeseift habe, du maßt dir doch nicht an, dich Lucien in den Weg zu stellen? . . . Was dich angeht, mein Kleiner,« fuhr er nach einer Pause fort, indem er Lucien ansah, »so bist du nicht mehr Dichter genug, um dich einer neuen Coralie preiszugeben. Wir schreiben Prosa. Was kann der Liebhaber Esthers werden? Nichts. Kann Esther Frau von Rubempré werden? Nein . . . Nun, die Welt, meine Kleine,« sagte er, indem er seine Hand auf die Esthers legte, so daß sie erzitterte, als hätte eine Schlange sie umringelt, »die Welt darf nicht wissen, daß Sie leben; die Welt muß vor allem darüber im unklaren bleiben, daß ein Fräulein Esther Lucien liebt und daß Lucien in sie vernarrt ist . . . Diese Wohnung wird Ihr Gefängnis sein, meine Kleine. Wenn Sie ausgehen wollen, und Ihre Gesundheit wird es erfordern, so werden Sie nachts spazieren fahren, in den Stunden, um die Sie nicht gesehen werden können; denn Ihre Schönheit, Ihre Jugend und die Vornehmheit, die Sie im Kloster erworben haben, würden in Paris zu schnell auffallen. Der Tag, an dem irgend jemand, wer es auch sei,« sagte er mit schrecklichem Nachdruck, den ein furchtbarer Blick begleitete, »erführe, daß Lucien Ihr Liebhaber oder Sie seine Geliebte sind, dieser Tag wäre der vorletzte Ihrer Tage. Man hat diesem jungen Grünschnabel eine Verordnung erwirkt, die ihm erlaubt, den Namen und das Wappen seiner mütterlichen Vorfahren zu führen. Aber das ist nicht alles. Der Titel ›Marquis‹ ist uns nicht zurückgegeben worden; und um ihn wiederzugewinnen, muß er ein Mädchen aus gutem Hause heiraten, zu deren Gunsten der König uns diese Gnade erweisen wird. Dieser Bund wird Lucien in die Welt des Hofes einführen. Dieses Kind, aus dem ich einen Mann zu machen verstanden habe, wird zunächst Gesandtschaftssekretär werden; später wird er an einem deutschen Hofe Botschafter, und mit Gottes oder meiner Hilfe – und meine ist mehr wert – wird er sich eines Tages auf die Bänke der Pairs setzen . . .« »Oder auf die Bänke . . .« sagte Lucien, indem er diesen Menschen unterbrach. »Schweig!« rief Carlos, indem er Lucien mit seiner breiten Hand den Mund zuhielt. »Ein solches Geheimnis einer Frau! . . .« flüsterte er ihm ins Ohr. »Esther eine Frau!« rief der Verfasser der ›Margueriten‹. »Immer noch Sonette?« sagte der Spanier, »oder besser Albernheiten! All diese Engel werden früher oder später wieder zu Frauen; nun hat die Frau immer Augenblicke, in denen sie zugleich Affe und Kind ist: zwei Wesen, die uns töten, weil sie lachen wollen . . . Esther, mein Juwel,« sagte er zu dem entsetzten jungen Zögling, »ich habe Ihnen zur Kammerfrau ein Geschöpf erlesen, das mir ergeben ist, als wäre es meine Tochter. Zur Köchin werden Sie eine Mulattin haben; das gibt einem Hause einen stolzen Ton. Mit Europa und Asien werden Sie hier für einen Tausendfrankenschein monatlich, alles eingeschlossen, wie eine Königin . . . des Theaters leben können. Europa ist Schneiderin, Modistin und Statistin gewesen; Asien hat einem Lord und Feinschmecker gedient. Diese beiden Geschöpfe werden für Sie zwei Feen sein.«

Als Esther Lucien vor diesem Wesen, das sich mindestens einer Entweihung und einer Fälschung schuldig gemacht hatte, sehr klein werden sah, empfand sie, die durch ihre Liebe geheiligt war, auf dem Grunde ihres Herzens einen tiefen Schrecken. Ohne etwas zu erwidern, zog sie Lucien ins Zimmer und sagte zu ihm: »Ist das der Teufel?« »Etwas Schlimmeres . . . für mich,« erwiderte er lebhaft. »Aber wenn du mich liebst, so versuche die Ergebenheit dieses Mannes nachzuahmen und gehorche ihm bei Todesstrafe . . .« »Bei Todesstrafe? . . .« sagte sie noch entsetzter. »Bei Todesstrafe!« wiederholte Lucien, »Ach, mein kleines Schäfchen, kein Tod ließe sich mit dem vergleichen, der mich ereilen würde, wenn . . .« Esther erblich, als sie diese Worte hörte, und fühlte, wie ihre Kräfte sie verließen.

»Nun,« rief ihnen der Fälscher und Kirchenschänder zu, »habt ihr denn eure Maßliebchen noch nicht kahl gezupft?«

Esther und Lucien kehrten zurück, und das arme Mädchen sagte, ohne daß sie es wagte, einen Blick auf den geheimnisvollen Menschen zu werfen: »Wir werden Ihnen gehorchen, wie man Gott gehorcht.« »Gut,« erwiderte er; »Sie können also eine Zeitlang sehr glücklich sein, und . . . Sie werden nur Haus- und Nachttoilette zu machen haben; das wird viel Geld ersparen.«

Und die beiden Liebenden wandten sich dem Eßzimmer zu; aber Luciens Gönner machte eine Geste, um das hübsche Paar aufzuhalten, so daß es stehen blieb. »Ich habe Ihnen eben von Ihren Leuten gesprochen, liebes Kind,« sagte er zu Esther, »ich muß sie Ihnen vorstellen.«

Der Spanier schellte zweimal. Die beiden Frauen, die er Europa und Asien nannte, erschienen, und jetzt war der Grund dieser Beinamen leicht zu erkennen.

Asien, die auf der Insel Java geboren zu sein schien, zeigte dem Blick, als wolle sie ihn erschrecken, jenes den Malaien eigene kupferfarbene Gesicht, das flach ist wie ein Brett und in das die Nase wie durch einen gewaltsamen Druck hineingepreßt zu sein scheint. Die wunderliche Stellung der Kieferknochen gab dem Untergesicht einige Ähnlichkeit mit dem Gesicht der großen Affen. Der wenn auch niedrigen Stirn fehlte es nicht an der, durch gewohnheitsmäßig angewandte List, entwickelten Intelligenz. Zwei kleine brennende Augen bewahrten die Ruhe eines Tigerauges, aber sie blickten einem nie ins Gesicht. Es sah aus, als fürchtete Asien, die Leute zu erschrecken. Die blaßblauen Lippen ließen Zähne von blendender Weiße sehen, die aber kreuzweis standen. Der allgemeine Ausdruck dieser tierischen Physiognomie war der der Feigheit. Die wie die Gesichtshaut glänzenden und fetten Haare umrandeten ein sehr reiches Kopftuch mit zwei schwarzen Streifen. Die äußerst hübschen Ohren zeigten als Schmuck zwei große Perlen. Klein, kurz, untersetzt, so glich Asien jenen närrischen Schöpfungen, die die Chinesen sich auf ihren Lichtschirmen erlauben; oder genauer, jenen indischen Idolen, deren Typus nicht mehr vorhanden sein zu sollen scheint, den aber die Reisenden schließlich doch noch finden. Als Esther dieses Ungeheuer sah, das über einem Kleid aus englischer Wolle mit einer weißen Schürze geziert war, durchlief sie ein Schauder.

»Asien,« sagte der Spanier, zu dem die Frau den Kopf mit einer Bewegung emporhob, wie sie sich nur mit der eines Hundes vergleichen läßt, der seinen Herrn ansieht, »das ist Eure Herrin.« Und er wies mit dem Finger auf die mit ihrem Hauskleid angetane Esther.

Asien sah diese junge Fee mit einem fast schmerzlichen Ausdruck an; aber zugleich flog zwischen ihren engen Wimpern hervor wie der Funke eines Brandes ein ersticktes Licht auf Lucien, der, bekleidet mit einem prachtvollen offenen Schlafrock, einem Hemd aus friesischer Leinwand und einer roten Hose, eine türkische Mütze auf dem Kopf, von dem seine blonden Haare in starken Locken herabfielen, ein göttliches Bild darbot. Das italienische Genie kann die Erzählung von Othello erfinden, das englische kann es in Szene setzen, aber die Natur allein hat das Recht, in einen einzigen Blick einen vollständigeren und großartigeren Ausdruck der Eifersucht hineinzulegen, als England und Italien zusammen. Vor diesem Blick, den Esther auffing, ergriff sie den Spanier beim Arm und preßte ihm ihre Nägel ins Fleisch, wie es eine Katze getan hätte, die sich festhält, um nicht in einen Abgrund zu fallen, dessen Boden sie nicht sieht. Der Spanier sagte in einer unbekannten Sprache drei oder vier Worte zu diesem asiatischen Ungeheuer, das herbeikam und kriechend vor Esthers Füßen niederkniete, um sie ihr zu küssen.

»Sie ist«, sagte der Spanier zu Esther, »keine Köchin, sondern ein Koch, der Carême vor Eifersucht wahnsinnig machen würde. Sie wird Ihnen eine einfache Schüssel Bohnen so bereiten, daß Sie zweifeln, ob nicht die Engel herabgestiegen sind, um die Kräuter des Himmels darunter zu mischen. Sie wird jeden Morgen selbst in die Markthallen gehen und sich wie der Teufel schlagen, der sie ist, um die Dinge zum angemessensten Preis zu erhalten; sie wird die Neugierigen durch ihre Verschwiegenheit ermüden. Da man aussprengen wird, Sie seien in Indien gewesen, so wird Asien viel dazu beitragen, diese Fabel wahrscheinlich zu machen, denn sie ist eine jener Pariserinnen, die geboren werden, um dem Lande anzugehören, das sie wollen; aber mein Rat ist nicht etwa der, daß Sie eine Fremde seien . . . Europa, was meinst du dazu? . . .«

Europa bildete einen vollkommenen Gegensatz zu Asien, denn sie war die zierlichste Soubrette, die sich Monrose je auf dem Theater als Partnerin hätte wünschen können. Schlank, scheinbar leichtfertig, mit einem Wiesellärvchen und runder Nase, so bot Europa dem Blick ein Gesicht dar, das von den Pariser Verderbtheiten ermüdet ist, das fahle Gesicht eines mit rohen Äpfeln ernährten Mädchens, bleichsüchtig und faserig, weich und zäh. Ihren kleinen Fuß vorgesetzt, die Hände in den Taschen ihrer Schürze, zitterte sie, obwohl sie reglos dastand, so voll Leben war sie. Sie war zugleich Grisette und Statistin und mußte trotz ihrer Jugend schon viele Berufe ausgeübt haben. Verdorben wie alle Insassinnen des Magdalenenstifts,Besserungsanstalt für gefallene Mädchen. konnte sie ihre Eltern bestohlen und die Bänke der Sittenpolizei gestreift haben. Asien flößte großen Schrecken ein, aber man kannte sie auf den ersten Blick ganz; sie stammte in gerader Linie von Locusta ab. Europa aber flößte eine Unruhe ein, die nur wachsen konnte, je mehr man mit ihr zu tun hatte; ihre Verderbtheit schien keine Grenzen zu haben; sie mußte, wie das Volk sagt, verstehen, Berge zum Wackeln zu bringen.

»Die gnädige Frau könnte aus Valenciennes sein,« sagte Europa mit leiser und trockener Stimme; »daher bin ich. Will der gnädige Herr«, wandte sie sich pedantisch an Lucien, »uns sagen, welchen Namen er der gnädigen Frau zu geben gedenkt?« »Frau van Bogseck,« erwiderte der Spanier, indem er auf der Stelle Esthers Namen ausgab. »Die gnädige Frau ist eine Jüdin aus Holland, die Witwe eines Kaufmanns und leidet an einer Leberkrankheit, die sie aus Java mitgebracht hat . . . Kein großes Vermögen, um keine Neugier zu wecken.« »Genug zum Leben, sechstausend Franken Rente; und wir werden uns über ihre Knickerei beklagen?« sagte Europa. »Ganz recht,« sagte der Spanier mit einer Neigung des Kopfes. »Ihr verteufelten Possenspielerinnen!« fuhr er in beängstigendem Tone fort, da er zwischen Asien und Europa Blicke auffing, die ihm mißfielen, »ihr wißt, was ich euch gesagt habe? Ihr dient einer Königin, ihr schuldet ihr die Achtung, die man einer Königin schuldet; aber ihr werdet sie hegen, als hegtet ihr eine Rache; ihr werdet ihr ebenso ergeben sein wie mir. Weder der Pförtner, noch die Nachbarn, noch die Mieter, kurz, niemand in der Welt darf erfahren, was hier vorgeht. Es ist eure Sache, jede Neugier zu vereiteln, wenn sie erwacht. Und die gnädige Frau«, fügte er hinzu, indem er seine große behaarte Hand auf Esthers Arm legte, »darf nicht die geringste Unvorsichtigkeit begehen; ihr werdet sie im Notfall daran hindern, aber . . . immer achtungsvoll. Europa, du wirst wegen der Toilette der gnädigen Frau mit der Außenwelt in Berührung bleiben, und du wirst selbst daran arbeiten, um zu sparen. Kurz, niemand, nicht einmal die unbedeutendsten Leute setzen den Fuß in die Wohnung. Ihr beide werdet hier alles machen müssen . . . Meine kleine Schöne,« sagte er zu Esther, »wenn Sie abends im Wagen ausfahren wollen, so werden Sie es Europa sagen, sie weiß, wo sie Ihre Leute suchen muß, denn Sie werden einen Jäger erhalten, der wie diese beiden Sklavinnen ebenfalls aus meiner Hand hervorgegangen ist.«

Esther und Lucien fanden keine Worte; sie hörten dem Spanier zu und sahen die beiden kostbaren Wesen an, denen er seine Befehle gab. Welchem Geheimnis verdankte er die Unterwürfigkeit und Ergebenheit, die sich auf diesen beiden Gesichtern malten, deren eines so boshaft eigensinnig und das andere von so tiefer Grausamkeit war? Er erriet Esthers und Luciens Gedanken; denn beide schienen erstarrt, wie Paul und Virginie es beim Anblick zweier furchtbarer Schlangen gewesen wären, und er sagte ihnen mit seiner guten Stimme ins Ohr: »Ihr könnt auf sie zählen wie auf mich; habt keinerlei Geheimnis vor ihnen, das wird ihnen schmeicheln . . . Trage auf! Asien, meine Kleine,« sagte er zu der Köchin; »und du, Liebchen, lege noch ein Gedeck hinzu,« sagte er zu Europa; »es ist doch das wenigste, daß diese Kinder Papa zum Frühstück einladen.«

Als die beiden Frauen die Tür geschlossen hatten und der Spanier Europa hin und her gehen hörte, sagte er zu Lucien und dem jungen Mädchen, indem er seine große Hand öffnete: »Ich habe sie in der Gewalt!« – ein Wort und eine Geste, vor denen man erbeben konnte. »Wo hast du sie nur gefunden?« rief Lucien aus. »Ah, bei Gott!« erwiderte der andere, »ich habe sie nicht am Fuß der Throne gesucht! Europa kommt aus dem Kot und fürchtet, dahinein zurückzusinken . . . Droht ihnen mit dem Herrn Abbé, wenn sie euch nicht zufriedenstellen, und ihr werdet sehen, daß sie erzittern wie eine Maus, der man von der Katze redet. Ich bin ein Tierbändiger,« fügte er lächelnd hinzu. »Sie machen mir den Eindruck eines Dämons!« rief Esther anmutig aus, indem sie sich gegen Lucien drängte.

»Liebes Kind, ich habe versucht, Sie dem Himmel zu schenken, aber die reuige Dirne wird für die Kirche stets eine Mystifikation bleiben; wenn sich je eine fände, so würde sie im Paradies wieder zur Kurtisane werden . . . Sie haben das dabei gewonnen, daß man Sie vergessen hat und daß Sie einer anständigen Frau ähnlich sehen; denn Sie haben da unten gelernt, was Sie in der ehrlosen Sphäre, in der Sie lebten, nie hätten lernen können . . . Sie schulden mir nichts,« sagte er, als er auf Esthers Gesicht einen entzückenden Ausdruck des Dankes sah, »ich habe alles für ihn getan . . .« und er zeigte auf Lucien. »Sie sind eine Dirne, Sie werden Dirne bleiben und als Dirne sterben; denn trotz der verführerischen Theorien der Tierzüchter kann man hier unten nur werden, was man ist. Der Mann mit den Schädelwölbungen hat recht. Sie haben die Schädelwölbung der Liebe.«

Der Spanier war, wie man sieht, Fatalist, ebenso wie Napoleon, Mohammed und viele große Politiker. Seltsam, fast alle Menschen der Tat neigen zum Fatalismus, genau wie die meisten Denker zum Glauben an die Vorsehung neigen.

»Ich weiß nicht, was ich bin,« erwiderte Esther mit der Sanftmut eines Engels, »aber ich liebe Lucien, und noch mit meinem letzten Atemzug werd ich ihn anbeten.« »Kommen Sie zum Frühstück,« sagte der Spanier schroff, »und beten Sie zu Gott, daß Lucien sich nicht zu schnell verheiratet, denn dann würden Sie ihn nicht wiedersehen.« »Seine Heirat wäre mein Tod,« sagte sie.

Sie ließ den Priester vortreten, um sich ungesehen zu Luciens Ohr emporheben zu können. »Ist es dein Wille,« sagte sie, »daß ich unter der Gewalt dieses Menschen bleibe, der mich von diesen beiden Hyänen bewachen läßt?«

Lucien neigte den Kopf. Das arme Mädchen unterdrückte ihre Trauer und schien lustig, aber sie fühlte sich furchtbar bedrückt. Es bedurfte mehr als eines Jahres beständiger und ergebener Pflege, damit sie sich an diese beiden furchtbaren Geschöpfe gewöhnte, die Carlos Herrera ›die beiden Wachhunde‹ nannte.

Luciens Verhalten trug seit seiner Rückkehr nach Paris das Gepräge einer so tiefen Politik, daß er die Eifersucht all seiner alten Freunde wecken mußte und weckte; er übte ihnen gegenüber keine andere Rache als die, daß er sie durch seine Erfolge, seine einwandfreie Haltung und seine Art, die Leute von sich fernzuhalten, wütend machte. Dieser so mitteilsame, so überströmende Dichter wurde kühl und zurückhaltend. De Marsay, jener von der Pariser Jugend nachgeahmte Typus, hielt in seinen Reden und Handlungen nicht mehr Maß als Lucien. Was den Geist angeht, so hatte der Journalist schon ehedem seine Proben geliefert. De Marsay, dem viele Leute schadenfroh Lucien entgegenhielten, indem sie dem Dichter den Vorzug gaben, war klein genug, sich darüber zu ärgern. Lucien stand in hoher Gunst bei denen, die im geheimen die Macht hatten, und er gab jeden Gedanken an literarischen Ruhm so vollständig auf, daß er unempfänglich blieb für den Erfolg seines Romans, der unter seinem ersten Titel ›Der Bogenschütze Karls IX.‹ neu herausgegeben wurde, und gegen das Aufsehen, das seine Sonettensammlung, die ›Margueriten‹, erregte; Dauriat verkaufte die Auflage in einer einzigen Woche. »Das ist ein posthumer Erfolg,« erwiderte er lachend, als Fräulein Des Touches ihn beglückwünschte.

Der furchtbare Spanier hielt sein Geschöpf mit ehernem Arm auf der Linie fest, an deren Ende die Fanfaren und die Beute des Sieges auf die geduldigen Politiker warten. Lucien hatte, um der Rue Taitbout näher zu sein, die Junggesellenwohnung Beaudenords am Quai Malaquais genommen, und sein Ratgeber hatte sich in drei Zimmern desselben Hauses, im vierten Stock eingemietet. Lucien hatte nur noch ein Reit- und Wagenpferd, einen Diener und einen Stallknecht. Wenn er nicht in der Stadt speiste, speiste er bei Esther. Carlos Herrera überwachte die Leute am Quai Malaquais so genau, daß Lucien im Jahr noch keine zehntausend Franken ausgab. Auch für Esther genügten, dank der beständigen unerklärlichen Ergebenheit Europas und Asiens, zehntausend Franken. Lucien wandte die größte Vorsicht auf, wenn er in die Rue Taitbout ging oder aus ihr kam. Er fuhr stets nur im Wagen hin, hatte die Vorhänge heruntergelassen und ließ den Kutscher stets in die Einfahrt hineinfahren. Daher schadeten auch seine Leidenschaft für Esther und die Existenz des Haushalts der Rue Taitbout, die der Welt völlig unbekannt blieben, keiner seiner Unternehmungen oder Beziehungen; nie entschlüpfte ihm ein unvorsichtiges Wort über diesen heiklen Gegenstand. Die Fehler, die er in dieser Hinsicht zur Zeit seines ersten Aufenthaltes in Paris mit Coralie begangen hatte, machten ihn klug. Sein Leben zeigte zunächst jene Regelmäßigkeit des guten Tons, unter der man viele Geheimnisse verbergen kann: er blieb jede Nacht bis ein Uhr in der Gesellschaft; man fand ihn von zehn bis ein Uhr nachmittags zu Hause; dann fuhr er ins Bois de Boulogne und machte bis fünf Uhr Besuche. Man sah ihn selten zu Fuß, und so vermied er seine alten Bekannten. Wenn ihn irgendein Journalist oder einer seiner alten Kameraden grüßte, antwortete er vorläufig mit einer Kopfneigung, die gerade höflich genug war, damit man sich nicht ärgern konnte, durch die aber doch jene tiefe Geringschätzung hindurchblickte, die die französische Vertraulichkeit tötet. Auf diese Weise entledigte er sich schnell der Leute, die er nicht mehr gekannt haben wollte. Ein alter Haß hinderte ihn, zu Frau d'Espard zu gehen, obwohl sie ihn mehrmals hatte bei sich sehen wollen. Wenn er ihr bei der Herzogin von Maufrigneuse begegnete oder bei Fräulein Des Touches, bei der Gräfin von Montcornet oder anderswo, so benahm er sich ihr gegenüber ausgesucht höflich. Dieser Haß, der bei Frau d'Espard ebenso groß war, zwang Lucien zur Vorsicht; denn man wird sehen, wie sehr er ihn belebt hatte, indem er sich eine Rache erlaubte, die ihm übrigens eine starke Predigt Herreras eintrug.

»Du bist noch nicht mächtig genug, um dich an irgend jemandem zu rächen,« hatte der Spanier zu ihm gesagt. »Wenn man bei brennender Sonne unterwegs ist, bleibt man nicht stehen, um die schönste Blume zu pflücken . . .«

Lucien hatte zuviel Zukunft und echte Überlegenheit, als daß nicht die jungen Leute, die seine Rückkehr nach Paris und sein unerklärlicher Wohlstand in Schatten stellten, entzückt gewesen wären, ihm einen schlimmen Streich spielen zu können. Lucien, der wußte, daß er viele Feinde hatte, übersah die arge Gesinnung seiner Freunde nicht. Daher warnte denn auch der Abbé seinen Adoptivsohn in ausgezeichneter Weise vor der Verräterei der Welt und der Unvorsichtigkeit, die der Jugend so verhängnisvoll wird. Lucien mußte dem Abbé jeden Abend die kleinsten Ereignisse des Tages erzählen und tat es stets. Dank den Ratschlägen dieses Mentors wich er der geschicktesten Neugier aus, der der Gesellschaft. Geschützt durch einen englischen Ernst, gedeckt durch die Schanzen, die die Umsicht der Diplomaten aufführt, gab er niemandem das Recht oder die Gelegenheit, einen Blick in seine Angelegenheiten zu werfen. Sein junges und schönes Gesicht war schließlich in der Gesellschaft so reglos geworden wie das einer Prinzessin während einer Zeremonie. Gegen Mitte des Jahres 1829 war von seiner Heirat mit der ältesten Tochter der Herzogin von Grandlieu die Rede, die damals nicht weniger als vier Töchter zu versorgen hatte. Niemand zweifelte daran, daß der König bei Gelegenheit dieses Bündnisses Lucien die Gunst erweisen würde, ihm den Titel ›Marquis‹ zu verleihen. Die Heirat sollte Luciens politisches Glück entscheiden, denn wahrscheinlich sollte er an einem deutschen Hofe zum Botschafter ernannt werden. Seit drei Jahren war Luciens Leben unangreifbar vorsichtig gewesen; daher hatte auch de Marsay dieses merkwürdige Wort über ihn gesagt: ›Dieser Bursche muß einen sehr starken Menschen hinter sich haben.‹

So war Lucien fast zu einer Persönlichkeit geworden. Seine Leidenschaft für Esther hatte ihm übrigens viel dabei geholfen, seine Rolle eines ernsten Mannes zu spielen. Eine derartige Gewöhnung schützt die Ehrgeizigen vor sehr vielen Dummheiten; da sie an keiner Frau festhalten, so lassen sie sich nicht durch die Reaktionen des Körperlichen auf das Geistige fangen. Was das Glück angeht, das Lucien genoß, so war es die Verwirklichung der Träume aller armen Dichter, die in einer Bodenkammer fasten. Esther, das Ideal der verliebten Kurtisane, erinnerte Lucien an Coralie, die Schauspielerin, mit der er ein Jahr lang gelebt hatte; aber sie löschte sie vollständig aus. Alle liebenden und hingebenden Frauen erfinden von neuem die Abschließung, das Inkognito, das Leben der Perle auf dem Meeresboden; aber bei den meisten unter ihnen ist es nur eine jener reizenden Launen, die einen Gesprächsgegenstand bilden, einen Beweis der Liebe, von dem sie nur träumen und den sie nicht geben; während Esther, die sich immer wie am Morgen nach ihrem ersten Glück bot und jederzeit wie unter Luciens erstem Liebesblick lebte, in vier Jahren keine Regung der Neugier empfand. Ihren ganzen Geist verwandte sie darauf, in den Grenzen des von der Schicksalshand des Spaniers vorgezeichneten Programms zu bleiben. Ja, noch mehr, mitten unter den berauschendsten Entzückungen mißbrauchte sie nicht die unbegrenzte Macht, die geliebten Frauen die wiedererwachenden Begierden eines Liebhabers geben, um Lucien eine Frage über Herrera zu stellen, der sie übrigens immer noch beängstigte: sie wagte nicht an ihn zu denken. Die klugen Wohltaten dieses Mannes, dem Esther auf jeden Fall ihre Klosterzöglingsanmut, ihr Benehmen als anständige Frau und ihre moralische Wiedergeburt verdankte, erschienen dem armen Mädchen als Vorschüsse der Hölle. »Ich werde für all das eines Tages zahlen,« sagte sie sich voll Grauen.

Während all der schönen Nächte fuhr sie im Mietswagen aus. Sie fuhr mit einer Schnelligkeit, die ohne Zweifel der Abbé anbefohlen hatte, in einen der entzückenden Wälder, die Paris umgeben: nach Boulogne, Vincennes, Romainville oder Ville d'Avray, oft mit Lucien, bisweilen allein mit Europa. Sie ging dort furchtlos spazieren, denn sie wurde, wenn Lucien nicht dabei war, von einem großen Leibjäger begleitet, der gekleidet war wie die elegantesten Leibjäger, bewaffnet mit einem wirklichen Weidfänger, und dessen Physiognomie und hagere Muskulatur auf einen furchtbaren Athleten deuteten. Dieser weitere Wächter war nach englischer Mode mit einem Stock bewaffnet, den man ›bâton de longueur‹ nannte, der den Stockfechtern wohlbekannt ist und mit dem sie mehreren Angreifern standhalten können. Gemäß einem Befehl, den der Abbé erteilt hatte, durfte Esther mit diesem Jäger niemals ein Wort wechseln. Europa stieß, wenn die gnädige Frau nach Hause fahren wollte, einen Schrei aus; der Jäger pfiff dem Kutscher, der sich stets in gebührender Nähe hielt. Wenn Lucien mit Esther spazieren ging, blieben Europa und der Jäger hundert Schritte hinter ihnen zurück, zweien jener Höllensklaven gleich, von denen die Tausendundeine Nächte reden, und die ein Zauberer seinen Schützlingen mitgibt. Die Pariser und vor allem die Pariserinnen kennen den Reiz eines Spaziergangs in den Wäldern während einer schönen Nacht nicht. Die Stille, die Spiele des Mondlichtes, die Einsamkeit, all das hat die beruhigende Wirkung eines Bades. Gewöhnlich brach Esther um zehn Uhr abends auf; sie ging von Mitternacht bis ein Uhr spazieren und kam um halb drei nach Hause. Den Tag begann sie nie vor elf Uhr. Sie nahm ihr Bad und machte sich an jene sorgfältige Toilette, die die meisten Frauen in Paris nicht kennen, weil sie zuviel Zeit in Anspruch nimmt, und die fast nur von den Kurtisanen, den Loretten und den großen Damen geübt wird, denen der ganze Tag gehört. Sie war erst fertig, wenn Lucien kam, und bot sich seinen Blicken stets wie eine neuaufgeblühte Blume dar. Sie sorgte sich nur um das Glück des Dichters; sie war für ihn etwas, was ihm gehörte; das heißt, sie ließ ihm die vollste Freiheit. Nie warf sie einen Blick über die Sphäre hinaus, in der sie glänzte: der Abbé hatte ihr das streng anempfohlen; denn es entsprach den Plänen dieses tiefen Politikers, daß Lucien galante Abenteuer hatte. Das Glück hat keine Geschichte, und die Erzähler aller Länder haben das so gut begriffen, daß der Satz: ›Sie wurden glücklich‹ alle Liebesabenteuer schließt. Daher kann man auch nur die Mittel erklären, durch die mitten in Paris dieses phantastische Glück zustande kam. Es war das Glück unter seiner schönsten Form: ein Gedicht, eine Symphonie von vier Jahren. Alle Frauen werden sagen: ›Das ist viel!‹ Weder Esther noch Lucien hatten gesagt: ›Es ist zu viel!‹ Schließlich war die Formel: ›Sie waren glücklich!‹ für sie noch vielsagender als in den Feenmärchen; denn sie hatten keine Kinder. So konnte Lucien in der Gesellschaft kokettieren, sich seinen Dichterlaunen und – sagen wir es – dem Zwang seiner Lage überlassen. Er leistete während der Zeit, in der er langsam seinen Weg machte, ein paar Politikern heimliche Dienste, indem er an ihren Arbeiten mitwirkte. Er war darin sehr verschwiegen. Er besuchte viel den Salon der Frau von Sérizy, mit der er sich nach den Reden der Gesellschaft ausgezeichnet stand. Frau von Sérizy hatte Lucien der Herzogin von Maufrigneuse entführt, die, wie sie sagte, keinen Wert mehr auf ihn legte: ein Wort, durch das sich die Frauen wegen eines Glückes rächen, das ihren Neid erweckt. Lucien stand sozusagen im Angelpunkt des Almosenpflegeramts, und er war intim mit einigen Frauen, die mit dem Erzbischof von Paris befreundet waren. Als bescheidener und verschwiegener Mann harrte er geduldig. Daher enthielt denn auch das Wort de Marsays, der sich damals verheiratet hatte und der seine Frau zwang; das Leben Esthers zu führen, mehr als eine Anmerkung. Aber die heimlichen Gefahren der Lage Luciens werden im Verlauf dieser Geschichte deutlich genug hervortreten.

So standen die Dinge, als in einer schönen Augustnacht der Baron von Nucingen vom Landgut eines in Frankreich ansässigen ausländischen Bankiers, bei dem er gespeist hatte, nach Paris zurückkam. Das Landgut liegt in der Brie, acht Stunden von Paris. Da nun der Kutscher des Barons sich gerühmt hatte, seinen Herrn mit seinen eigenen Pferden hin und zurück zu fahren, so nahm sich dieser Kutscher die Freiheit, als die Nacht gekommen war, langsam zu fahren. Beim Eintritt in den Wald von Vincennes waren Tiere, Leute und Herr in folgender Lage. Der Kutscher, dem man in der Küche des berühmten Geldautokraten freigebig zu trinken gespendet hatte, war vollständig betrunken und schlief, obwohl er, um die Vorübergehenden zu täuschen, die Zügel in der Hand hielt. Der Diener, der hinten saß, schnarchte wie ein deutscher Brummkreisel; denn Deutschland ist das Land der kleinen geschnitzten Holzfiguren, der großen Reinganum und der Kreisel. Der Baron wollte nachdenken, aber schon bei der Brücke von Gournay hatte ihm die Schläfrigkeit der Verdauung die Augen geschlossen. An der Schlaffheit der Zügel erkannten die Pferde den Zustand des Kutschers; sie hörten die dunkle Begleitmusik des Dieners, der hinten die Wache hatte; sie sahen, daß sie die Herren waren, und benutzten diese Viertelstunde der Freiheit, um nach eigenem Willen zu gehen. Als intelligente Sklaven gaben sie den Dieben Gelegenheit, einem der reichsten Kapitalisten Frankreichs die Taschen zu leeren, dem geschicktesten all derer, die man so derb ›Luchse‹ genannt hat. Und da sie die Herrschaft hatten und von jener Neugier angelockt wurden, die jeder bei Haustieren hat beobachten können, so blieben sie endlich auf einem Rondell stehen, und zwar vor andern Pferden, zu denen sie ohne Zweifel in ihrer Pferdesprache sagten: ›Wem gehört ihr? Was macht ihr? Gehts euch gut?‹ Als die Kalesche nicht mehr rollte, erwachte der entschlummerte Baron. Er glaubte im ersten Augenblick, daß er den Park seines Kollegen noch nicht verlassen hätte; dann überraschte ihn eine himmlische Vision, die ihn ohne seine gewohnte Waffe, die Berechnung, fand. Es herrschte so wunderbarer Mondschein, daß man hätte lesen können, selbst eine Abendzeitung. Im Schweigen der Wälder sah der Baron bei diesem reinen Licht eine einzelne Frau, die sich das Schauspiel dieser entschlafenen Kalesche ansah, während sie in einen Mietswagen stieg. Beim Anblick dieses Engels wurde der Baron von Nucingen wie von einem innern Licht getroffen. Als die junge Frau sah, daß sie bewundert wurde, zog sie mit einer erschreckten Handbewegung ihren Schleier herab. Der Jäger stieß einen heisern Schrei aus, dessen Sinn der Kutscher sofort verstand, denn der Wagen schoß wie ein Pfeil davon. Der alte Bankier war in furchtbarer Erregung: das Blut, das ihm aus den Füßen emporwallte, trieb ihm das Feuer in den Kopf, sein Kopf schickte Flammen ins Herz hinein; die Kehle schnürte sich ihm zu. Der Unglückliche fürchtete eine schlechte Verdauung, und trotz dieser großen Befürchtung erhob er sich auf seine Füße.

»Kalopp! Elländes Vieh, wer schläft!« rief er. »Hundert Franken, wann de einholst d'n Wagen.«Der Baron von Nucingen spricht im Original den Jargon des in Frankreich ansässigen deutsch-polnischen Juden; wir deuten ihn in der Übersetzung nur an, um den Text nicht zu schwer verständlich zu machen.

Bei den Worten ›hundert Franken‹ erwachte der Kutscher, der Diener hinten hörte sie zweifellos noch im Schlaf. Der Baron wiederholte den Befehl; der Kutscher trieb seine Tiere zum Galopp, und es gelang ihm auch am Throntor, einen Wagen einzuholen, der jenem, in dem Nucingen die göttliche Unbekannte gesehen hatte, einigermaßen ähnlich war; aber der erste Kommis irgendeines reichen Kaufhauses spreizte sich darin mit einer ›anständigen Frau‹ der Rue Vivienne.

Dieser Irrtum schlug den Baron nieder. »Wann ich hätt mitgenommen den Schorsch (sprich Georg) und nich dich, dummes Vieh, dann hätt er kefunden die Frau,« sagte er zu dem Diener, während die Zollbeamten den Wagen visitierten. »Ach, Herr Baron, ich glaube, der Teufel saß als Heiduck hinten auf, und er hat mir diesen Wagen untergeschoben,« »Teifel, gibt nix Teifel,« sagte der Baron.

Der Baron von Nucingen gab damals sechzig Jahre zu; die Frauen waren ihm völlig gleichgültig geworden, vor allem seine eigene Frau. Er rühmte sich, nie die Liebe kennen gelernt zu haben, um derentwillen man Dummheiten macht. Er sah es als ein Glück an, daß er mit den Frauen fertig war, von denen er, ohne sich zu genieren, sagte, die engelgleichste sei nicht wert, was sie koste, selbst wenn sie sich gratis gebe. Er galt als so vollkommen blasiert, daß er nicht mehr das Vergnügen, sich betrügen zu lassen, für ein paar tausend Franken im Monat erkaufte. Von seiner Loge in der Oper aus tauchten seine kalten Augen ungerührt auf das Ballettkorps hinab. Kein Blinzeln flog für den Kapitalisten empor aus diesem furchterregenden Schwarm alter junger Mädchen und junger alter Frauen der Elite der Pariser Genüsse. Die natürliche Liebe, die gefälschte Liebe, die Liebe aus Eigenliebe, die Liebe aus Schicklichkeit und aus Eitelkeit, die Liebe aus Geschmack an der Sache, die anständige und eheliche Liebe, die exzentrische Liebe, alles hatte der Baron gekauft, alles kennen gelernt, nur die echte Liebe nicht. Diese Liebe hatte sich jetzt auf ihn gestürzt wie ein Adler auf seine Beute, wie sie sich auf Gentz stürzte, den Vertrauten Seiner Hoheit des Fürsten Metternich. Man weiß, welche Dummheiten dieser alte Diplomat für Fanny Eisler machte, deren Proben ihn weit mehr in Anspruch nahmen als die europäischen Interessen. Die Frau, die diese eisengepanzerte Kasse namens Nucingen umgestoßen hatte, war ihm als eine jener Frauen erschienen, die in einer Generation nur einmal vorkommen. Er war nicht sicher, ob die Geliebte Tizians, ob die Mona Lisa Leonardo da Vincis und ob Raffaels Fornarina so schön waren wie die wundervolle Esther, in der das geübteste Auge des schärfsten pariser Beobachters nicht die geringste Spur entdeckt hätte, die an die Kurtisane erinnerte. Daher blendete den Baron auch vor allem jene Sphäre einer vornehmen und großen Frau, die die geliebte, die von Luxus, Eleganz und Liebe umgebene Esther im stärksten Grade einhüllte. Die glückliche Liebe ist für alle Frauen das heilige Salbgefäß der Krönung, das sie alle stolz macht wie Kaiserinnen, Der Baron ging acht Nächte hintereinander in den Wald von Vincennes, dann in den von Boulogne, dann in die Wälder von Ville d'Avray, dann in den Wald von Meudon, kurz, in alle Umgebungen von Paris, doch ohne daß er Esther finden konnte. Dieses wundervolle Jüdinnengesicht, das er ›piplisch‹ nannte, stand ihm immer vor Augen. Nach vierzehn Tagen verlor er den Appetit. Delphine von Nucingen und seine Tochter Augusta, die die Baronin eben auszuführen begann, bemerkten den Wandel, der sich in dem Baron vollzog, nicht gleich. Mutter und Tochter sahen Herrn von Nucingen nur morgens beim Frühstück und abends beim Diner, wenn sie alle im Hause speisten, was nur vorkam, wenn Delphine empfing. Aber nach zwei Monaten begann der Baron, den ein Fieber der Ungeduld gepackt hatte und der einer ähnlichen Krankheit zur Beute fiel, wie es das Heimweh ist, überrascht von der Ohnmacht der Millionen, abzumagern, und er schien so ernstlich angegriffen, daß Delphine im geheimen hoffte, Witwe zu werden. Sie hub an, ihren Gatten heuchlerisch zu beklagen, und schickte ihre Tochter in ihre Zimmer. Sie schlug ihren Gatten mit Fragen tot; er antwortete, wie die Engländer antworten, die vom Spleen befallen sind: er antwortete fast gar nicht. Delphine von Nucingen gab jeden Sonntag ein großes Diner. Sie hatte diesen Tag für ihre Empfänge ausersehen, als sie bemerkte, daß aus der großen Gesellschaft niemand ins Theater ging und daß dieser Tag ziemlich allgemein beschäftigungslos war. Der Ansturm der Kaufmanns- oder Bürgerklassen macht den Sonntag in Paris fast ebenso dumm, wie er in London langweilig ist. Die Baronin lud also den berühmten Desplein ein, um ihn, dem Kranken zum Trotz, konsultieren zu können, denn Nucingen sagte, er befände sich wundervoll. Keller, Rastignac, de Marsay, du Tillet und alle Freunde des Hauses hatten der Baronin zu verstehen gegeben, daß ein Mann wie Nucingen nicht unversehens sterben dürfte; seine ungeheuren Geschäfte erforderten Vorsichtsmaßregeln, man müßte unbedingt wissen, an was man sich zu halten hätte. Diese Herren wurden zu dem Diner eingeladen; ebenso der Graf von Gondreville, der Schwiegervater Franz Kellers, der Chevalier d'Espard, Des Lupeaulx, der Doktor Bianchon, derjenige unter Despleins Schülern, den er am meisten liebte, Beaudenord mit seiner Frau, der Graf und die Gräfin von Montcornet, Blondet, Fräulein Des Touches und Conti; schließlich auch Lucien von Rubempré, für den Rastignac seit fünf Jahren die lebhafteste Freundschaft empfand, wenn auch auf Befehl, wie man im Affichenstil sagt.

»Den da werden wir nicht so leicht loswerden,« sagte Blondet zu Rastignac, als er Lucien schöner als je und entzückend gekleidet in den Salon treten sah. »Es ist besser, man macht ihn sich zum Freunde, denn er ist zu fürchten,« sagte Rastignac. »Der?« sagte de Marsay. »Ich erkenne als furchtbar nur die Leute an, deren Stellung klar ist, und die seine ist eher unangegriffen als unangreifbar! Lassen Sie sehen, wovon lebt er? Woher hat er sein Vermögen? Ich bin überzeugt, er hat an die sechzigtausend Franken Schulden.« »Er hat in einem spanischen Priester einen sehr reichen Gönner gefunden, der ihm wohlwill,« erwiderte Rastignac. »Er heiratet das älteste Fräulein von Grandlieu,« sagte Fräulein Des Touches. »Ja, aber«, sagte der Chevalier d'Espard, »man verlangt, daß er einen Landsitz von dreißigtausend Franken Rente kauft, um das Vermögen sicherzustellen, das er seiner Zukünftigen zuerkennen muß, und dazu braucht er eine Million, die man unter dem Fuß keines Spaniers findet.« »Das ist teuer, denn Klotilde ist recht häßlich,« sagte die Baronin.

Frau von Nucingen nannte Fräulein von Grandlieu aus Affektiertheit bei ihrem Vornamen, als verkehrte sie, eine geborene Goriot, in dieser Gesellschaft.

»Nein,« erwiderte du Tillet, »die Tochter einer Herzogin ist für uns Männer niemals häßlich; besonders dann nicht, wenn sie uns den Titel ›Marquis‹ und einen diplomatischen Posten mitbringt; aber das größte Hindernis für diese Heirat ist die sinnlose Liebe der Frau von Sérizy zu Lucien: sie muß ihm viel Geld geben.« »Es wundert mich nicht mehr, daß ich Lucien so ernst sehe; denn Frau von Sérizy wird ihm sicherlich keine Million geben, damit er Fräulein von Grandlieu heiratet. Er weiß gewiß nicht, wie er sich aus der Verlegenheit ziehen soll,« sagte de Marsay. »Ja, aber Fräulein von Grandlieu betet ihn an,« sagte die Gräfin von Montcornet, »und mit Hilfe des jungen Mädchens wird er vielleicht bessere Bedingungen erlangen.« »Was wird er mit seiner Schwester und mit seinem Schwager in Angoulême machen?« fragte der Chevalier d'Espard. »Aber«, erwiderte Rastignac, »seine Schwester ist reich, und er nennt sie heute Frau Séchard von Marsac.« »Wenn auch Schwierigkeiten vorhanden sind, so ist er doch ein recht hübscher Bursche,« sagte Bianchon, indem er aufstand, um Lucien zu begrüßen. »Guten Tag, lieber Freund,« sagte Rastignac, indem er einen warmen Händedruck mit Lucien tauschte. De Marsay grüßte kühl, nachdem er zuerst von Lucien begrüßt worden war.

Vor dem Diner erkannten Desplein und Bianchon, die den Baron von Nucingen untersuchten, während sie mit ihm scherzten, daß seine Krankheit rein seelischer Natur war; aber niemand konnte die Ursache erraten, so unmöglich schien es, daß dieser tiefe Politiker der Börse verliebt sein sollte. Als Bianchon keine andere Erklärung für den leidenden Zustand des Bankiers mehr fand als die Liebe und als er Delphine von Nucingen ein paar Worte darüber sagte, lächelte sie wie eine Frau, die seit langem weiß, woran sie sich bei ihrem Manne zu halten hat. Als man jedoch nach dem Diner in den Garten hinunterging, umringten die Intimen des Hauses den Bankier; denn da sie Bianchon behaupten hörten, Nucingen müßte verliebt sein, so wollten sie diesen außerordentlichen Fall aufklären.

»Wissen Sie, Baron,« sagte de Marsay zu ihm, »daß Sie beträchtlich abgemagert sind? Und man hat Sie in Verdacht, daß Sie die Gesetze der Finanznatur vergewaltigen.« »Nimmals,« sagte der Baron. »Doch,« erwiderte de Marsay. »Man wagt die Behauptung, Sie seien verliebt.« »Recht hat mer,« erwiderte Nucingen jämmerlich. »Ich seifze um aine Unpegannte.« »Sie sind verliebt, Sie? . . . Sie sind ein Geck!« sagte der Chevalier d'Espard. »Wenn mer ist verliept in mainem Alter, ist mer lächerlich; kanz kewiß; aber was wollen Se! 's is so!« »In eine Frau aus der Gesellschaft?« fragte Lucien. »Aber«, sagte de Marsay, »der Baron kann nur durch eine hoffnungslose Liebe so abmagern; er hat die Mittel, alle Frauen zu kaufen, die sich verkaufen wollen und können.« »Kenn'n tu ich se nich,« erwiderte der Baron, »Und jetzt kann ich es Ihnen sagen, denn Frau von Rischinguen ist im Salon: ich hab noch nie gewußt, was die Liebe ist. Die Liebe? . . . Ich glaube, davon wird mer mager,« »Wo sind Sie dieser jungen Unschuld begegnet?« fragte Rastignac. »Im Wagen, nachts, im Wald von Vincennes.« »Ihre Personalbeschreibung?« sagte de Marsay. »Am Schabot aus weißer Kase, rotes Klaid, weißer Kürtel, weißer Schlaier . . . Ain Kesicht, piplisch einfach! Feieraugen, orientalischer Täng.« »Sie haben geträumt!« sagte Lucien lächelnd. »Recht haben Se, ich schlief wie ain Sack . . . ain voller Sack,« verbesserte er sich, »denn ich kam von ainem Tiner auf dem Landgut maines Freindes . . .« »War sie allein?« fragte du Tillet, indem er den Luchs unterbrach. »War se,« sagte der Baron mit leidender Stimme; »nur hintern Wagen ain Heiduck und aine Zofe.« »Lucien sieht aus, als kenne er sie,« rief Rastignac, da er ein Lächeln des Liebhabers der Fräulein Esther auffing. »Wer kennt nicht die Frauen, die imstande sind, um Mitternacht auszufahren und Nucingen zu begegnen?« sagte Lucien, indem er sich im Kreise umdrehte. »Auf jeden Fall ist es keine Frau, die in die Gesellschaft geht,« sagte der Chevalier d'Espard, »denn dann hätte der Baron den Heiducken wiedererkannt.« »Ich hab se kesehen noch nirgendwo,« erwiderte der Baron; »und ich laß se suchen seit anderthalb Monaten von der Bolizei, die se nich findet.« »Lieber soll sie Sie ein paar hunderttausend Franken kosten, als das Leben; und in Ihrem Alter ist eine Leidenschaft, die keine Nahrung findet, gefährlich,« sagte Desplein; »man kann daran sterben.« »Ja,« gab Nucingen Desplein zur Antwort; »was ich esse, ernährt mich nicht, die Luft schaint mir tödlich; ich fahre in den Wald von Vincennes, um ßu sehn die Stelle, wo ich se kesehen habe! . . . Un das is main Leben! Ich hab nich können mich kimmern um die letzte Anlaihe; ich hab mich missen verlassen auf maine Kollägen, die hatten Mitlaid mit mir . . . Um aine Million möcht ich die Frau kennen lernen; ich würd noch kewinnen dapei, denn ich keh nich mehr an die Pörse . . . Fragen Se ti Dilet.« »Ja,« bestätigte du Tillet, »er hat einen wahren Abscheu vor den Geschäften; er wird anders, das ist ein Vorzeichen des Todes.« »Ein Sseichen von Liebe,« erwiderte Nucingen; »für mich ist das ain und dasselbe!«

Die Naivität dieses Greises, der kein Luchs mehr war und der zum erstenmal in seinem Leben etwas Heiligeres und Geweihteres erkannte als das Gold, rührte diese Gesellschaft blasierter Leute: die einen tauschten ein Lächeln aus, die andern sahen sich mit einem Ausdruck an, als wollten sie sagen: ›Ein so starker Mensch, und dahin zu kommen!‹ Dann kehrten alle in den Salon zurück, indem sie von diesem Ereignis plauderten. Es war in der Tat ein Naturereignis, das die größte Sensation erregen mußte. Frau von Nucingen brach in Lachen aus, als Lucien ihr das Geheimnis des Bankiers entdeckte; aber als der Baron die Spöttereien seiner Frau hörte, nahm er sie am Arm und führte sie in eine Fensternische.

»Knädige Frau,« sagte er, »hab ich je kesagt ein spöttisches Wort ieber Ihre Laidenschaften, daß Sie sich machen lustik ieber maine? Aine kute Frau wirde helfen ihrem Mann, daß er sich ßieht aus der Verlegenheit, ohne ßu spotten, wie Sie es tun . . .«

Nach der Schilderung, die der alte Bankier entworfen hatte, erkannte Lucien seine Esther. Da er sich schon ärgerte, weil er sah, daß man sein Lächeln bemerkt hatte, so benutzte er den Augenblick allgemeinen Geplauders, während man den Kaffee servierte, um zu verschwinden.

»Wo ist denn Herr von Rubempré geblieben?« fragte die Baronin von Nucingen. »Er bleibt seiner Devise ›Quid me continebit?‹ treu,« erwiderte Rastignac. »Was ganz nach Belieben heißt: ›Was kann mich halten?‹ oder ›Ich bin unbezähmbar‹,« fuhr de Marsay fort. »In dem Augenblick, als der Herr Baron von seiner Unbekannten sprach, entschlüpfte Lucien ein Lächeln, aus dem ich schließen möchte, daß sie ihm bekannt ist,« sagte Horace Bianchon, ohne zu ahnen, wie gefährlich eine so natürliche Bemerkung war.

›Kut!‹ sagte der Luchs vor sich hin.

Wie alle verzweifelt Kranken griff der Baron nach allem, was eine Hoffnung zu sein schien; und er nahm sich vor, Lucien von andern Leuten überwachen zu lassen als denen Louchards, des gewandtesten Exekutors der Handelsgerichte, an den er sich vor vierzehn Tagen gewandt hatte.

Ehe Lucien sich zu Esther begab, mußte er ins Hotel der Grandlieus gehen, um dort die zwei Stunden zu verbringen, die Klotilde Friederike von Grandlieu zum glücklichsten Mädchen des Faubourg Saint-Germain machten. Die Klugheit, die das Verhalten dieses jungen Ehrgeizigen charakterisierte, riet ihm, Carlos Herrera alsbald darüber zu unterrichten, welche Wirkung das Lächeln gehabt hatte, das ihm entschlüpft war, als der Baron von Nucingen Esthers Bild entwarf. Die Liebe des Barons zu Esther und der Gedanke, der ihm gekommen war, sie durch die Polizei suchen zu lassen, waren übrigens als Ereignisse wichtig genug, daß sie einem Menschen mitgeteilt wurden, der unter der Soutane Zuflucht gesucht hatte, wie ehedem die Verbrecher in den Kirchen Zuflucht suchten. Und von der Rue Saint-Lazare, wo der Bankier damals wohnte, bis zur Rue Saint-Dominique, in der sich das Hotel Grandlieu befindet, führte Luciens Weg ihn bei seiner Wohnung auf dem Quai Malaquais vorbei. Lucien traf seinen furchtbaren Freund, wie er sein Brevier rauchte, das heißt eine Pfeife anbräunte, ehe er zu Bett ging. Dieser eher fremdartige als fremdländische Mensch hatte auf spanische Zigarren verzichtet, weil er sie zu milde fand.

»Das wird ernst,« erwiderte der Spanier, als Lucien ihm alles erzählt hatte. »Der Baron, der sich Louchards bedient, um die Kleine zu suchen, wird auch Geist genug haben, um dir einen Schergen auf die Fersen zu setzen, und alles würde bekannt. Die Nacht und der Morgen sind nicht zuviel, um die Karten für die Partie zu studieren, die ich gegen diesen Baron spielen will, um ihm vor allem die Ohnmacht der Polizei zu beweisen. Wenn unser Luchs jede Hoffnung aufgegeben hat, sein Lamm zu finden, so mache ich mich anheischig, sie ihm um den Preis zu verkaufen, den sie für ihn wert ist . . .« »Esther verkaufen?« rief Lucien, dessen erste Regung stets ausgezeichnet war. »Du vergißt unsere Lage!« rief Carlos Herrera.

Lucien senkte den Kopf. »Kein Geld mehr,« fuhr der Spanier fort, »und sechzigtausend Franken Schulden zu bezahlen! Wenn du Klotilde von Grandlieu heiraten willst, mußt du für eine Million ein Landgut kaufen, um die Mitgift dieser Scheuche sicherzustellen. Nun, Esther ist ein Wild, dem dieser Luchs mir so nachlaufen soll, daß er um eine Million entfettet wird. Das ist meine Sache . . .« »Esther wird niemals einwilligen . . .« »Das ist meine Sache.« »Sie wird daran sterben.« »Das ist die Sache der Begräbnisinstitute . . . Was übrigens dann? . . .« rief dieser Wilde, indem er Luciens Elegien durch die Art seiner Haltung zum Schweigen brachte. »Wie viele Generale sind in der Blüte ihres Lebens für den Kaiser Napoleon gestorben?« fragte er Lucien nach einem Augenblick des Schweigens. »Frauen findet man immer! 1821 hatte Coralie für dich nicht ihresgleichen; Esther hat gleichfalls nicht ihresgleichen gefunden. Nach diesem Mädchen kommt . . . weißt du, wer? . . . Die unbekannte Frau! Das ist von allen Frauen die schönste, und du wirst sie dir in der Residenz suchen, in der der Schwiegersohn des Herzogs von Grandlieu Botschafter sein und Frankreich vertreten wird . . . Und dann, sag mir doch, Herr Junge, wird Esther daran sterben? Kann der Gatte des Fräuleins von Grandlieu Esther behalten? Im übrigen laß mich nur machen, du brauchst dich nicht damit zu langweilen, daß du an alles denkst; das ist meine Sache. Nur wirst du Esther eine oder zwei Wochen entbehren, und in die Rue Taitbout wirst du trotzdem gehen. Auf! girre auf deiner Planke des Heils und spiele deine Rolle gut; schiebe Klotilde den Brandbrief in die Hand, den du heute morgen geschrieben hast, und bringe einen zurück, der auch ein wenig warm ist! Sie wird sich für ihre Entbehrungen schriftlich entschädigen. Das Mädchen paßt mir. Du wirst Esther ein wenig traurig finden, aber sag ihr, daß sie gehorchen muß. Es handelt sich um unsere Tugendlivree, um unsere Mäntel der Ehrlichkeit, um den Windschirm, hinter dem die Großen all ihre Infamien verbergen . . . Es handelt sich um mein fürtreffliches Ich, um dich, der du nie beargwöhnt werden darfst. Der Zufall hat uns einen bessern Dienst geleistet als mein Denken, das seit zwei Monaten im Leeren arbeitete.«

Während Carlos Herrera diese furchtbaren Sätze einen nach dem andern hinwarf, zog er sich an und machte sich zum Ausgang bereit. »Du freust dich sichtlich,« rief Lucien; »du hast die arme Esther nie geliebt, und du siehst mit Wonne den Augenblick kommen, in dem du dich ihrer entledigen kannst.« »Du bist der Liebe zu ihr nie müde geworden, nicht wahr? . . . Nun gut, ich bin es nie müde geworden, sie zu verfluchen. Aber habe ich nicht immer gehandelt, als hinge ich aufrichtig an diesem Mädchen, ich, der ich durch Asien ihr Leben in der Hand hielt? Ein paar schlechte Champignons in einem Ragout, und alles wäre getan gewesen . . . Aber Fräulein Esther lebt! . . . Sie ist glücklich! Weißt du, weshalb? Weil du sie liebst! Spiele nicht das Kind. Seit vier Jahren warten wir jetzt auf einen Zufall, der für oder wider uns ist; nun, es gilt, mehr als bloßes Talent zu entfalten, um das Gemüse auszuzupfen, das das Schicksal uns heute hinwirft: in diesem Rouletteschlag liegt Gutes und Schlimmes, wie in allem. Weißt du, woran ich in dem Augenblick dachte, als du eintratst?« »Nein . . .« »Daran, mich hier wie in Barcelona mit Hilfe Asiens zum Erben einer reichen Frömmlerin zu machen . . .« »Ein Verbrechen?« »Mir blieb nur noch dieser Ausweg, um dein Glück zu sichern. Die Gläubiger regen sich. Wärst du erst von den Gerichtsvollziehern verfolgt und aus dem Hotel Grandlieu verjagt, was wäre da aus dir geworden? Für den Teufel wäre der Tag des Verfalls gekommen.«

Carlos Herrera malte durch eine Geste den Selbstmord eines Mannes, der sich ins Wasser wirft; dann heftete er einen jener starren und durchdringenden Blicke auf Lucien, die dem Willen der Starken Eingang verschaffen in die Seele der Schwachen. Dieser Zauberblick, der die Wirkung hatte, daß er jeden Widerstand brach, verriet, daß Lucien und seinen Ratgeber nicht nur Geheimnisse um Leben und Tod verbanden, sondern auch Empfindungen, die ebenso hoch über den gewöhnlichen Empfindungen standen, wie dieser Mensch über der Gemeinheit seiner Stellung.

Er war gezwungen, außerhalb der Welt zu leben, in die wieder einzutreten das Gesetz ihm auf ewig verbot; das Laster und wütender, furchtbarer Widerstand hatten ihn erschöpft, aber er war mit einer Kraft der Seele begabt, die an ihm nagte; und so lebte diese unedle und große, obskure und berühmte Persönlichkeit, verzehrt vor allem von fieberhaftem Lebensdrang, im eleganten Körper Luciens wieder auf, dessen Seele die seine geworden war. Er ließ sich im sozialen Leben von diesem Dichter vertreten, dem er seine zähe Kraft und seinen ehernen Willen lieh. Für ihn war Lucien mehr als ein Sohn, mehr als eine geliebte Frau, mehr als eine Familie, mehr als sein Leben: er war seine Rache; und da starke Seelen mehr an einer Empfindung festhalten als am Dasein, so hatte er ihn durch unlösliche Bande an sich gefesselt.

Nachdem er in dem Augenblick, als der verzweifelte Dichter einen Schritt zum Selbstmord tat, Luciens Leben gekauft hatte, hatte er ihm einen jener Höllenpakte vorgeschlagen, die man fast nur aus Romanen kennt, deren furchtbare Möglichkeit aber durch berühmte Justizdramen oft vor Gericht erwiesen wurde. Indem er alle Freuden des Pariser Lebens über Lucien ausschüttete, indem er ihm bewies, daß er sich immer noch eine schöne Zukunft schaffen konnte, hatte er aus ihm sein Werkzeug gemacht. Kein Opfer fiel übrigens diesem seltsamen Menschen schwer, sobald es sich um sein zweites Selbst handelte. Trotz all seiner Kraft war er den Launen seines Geschöpfes gegenüber so schwach, daß er ihm schließlich seine Geheimnisse anvertraut hatte. Vielleicht war diese rein moralische Mitschuld nur ein Band mehr zwischen ihnen! Seit dem Tage, an dem Esther entführt worden war, wußte Lucien, auf welcher furchtbaren Grundlage sein Glück ruhte.

Die Soutane des spanischen Priesters verbarg Jakob Collin, eine der Berühmtheiten des Bagno, die vor zehn Jahren unter dem bürgerlichen Namen Vautrin im Hause Vauquer wohnte, in dem auch Rastignac und Bianchon in Pension waren. Jakob Collin, genannt ›Betrüg-den-Tod‹, der aus Rochefort fast unmittelbar nach seiner Wiedergefangennahme ausgebrochen war, machte sich das Beispiel des berühmten Grafen von Sankt Helena zunutze, doch vermied er alles, was an der verwegenen Aktion Coignards fehlerhaft gewesen war. Sich selbst an die Stelle eines ehrlichen Mannes setzen und dabei das Leben eines Sträflings fortführen, das ist eine Aufgabe, deren beide Ziele zu widerspruchsvoll sind, um nicht eine verhängnisvolle Entwicklung zu nehmen, vor allem in Paris; denn wenn ein Verurteilter sich in eine Familie verpflanzt, so verzehnfacht er die Gefahren dieser Unterschiebung. Muß man sich nicht, um vor jeder Nachforschung sicher zu sein, eine Stellung hoch über den gewöhnlichen Interessen des Lebens suchen? Ein Mann der Gesellschaft ist Zufällen ausgesetzt, die selten auf den Leuten lasten, die keine Fühlung mit der Gesellschaft besitzen. Deshalb ist die Soutane die sicherste Verkleidung, wenn man sie durch ein exemplarisches, einsames und tatenloses Leben ergänzen kann. ›Ich werde also Priester werden,‹ sagte sich dieser bürgerlich Tote, der durchaus unter einer sozialen Gestalt wiederaufleben wollte, um Leidenschaften zu befriedigen, die ebenso unheimlich waren wie er.

Der Bürgerkrieg, den die Verfassung von 1812 in Spanien entfachte, wohin dieser Mann der Tatkraft sich begeben hatte, lieferte ihm die Gelegenheit, den wirklichen Carlos Herrera in einem Hinterhalt zu töten. Dieser Priester, der Bastard eines großen Herrn, seit langem von seinem Vater im Stich gelassen, war von König Ferdinand VII., dem ein Bischof ihn empfohlen hatte, mit einer politischen Mission in Frankreich betraut worden. Der Bischof, der einzige Mensch, der sich für Carlos Herrera interessierte, starb, während dieser verlorene Posten die Reise von Cadiz nach Madrid und von Madrid nach Frankreich machte. Glücklich über die so lange ersehnte Begegnung mit dieser Individualität, die obendrein ein Amt bekleidete, wie er es wollte, brachte Jakob Collin sich auf dem Rücken Wunden bei, um die verhängnisvollen Brandmale auszulöschen; und sein Gesicht verwandelte er mit Hilfe chemischer Reagenzien. Indem er sich so vor dem Leichnam des Priesters entstellte, ehe er ihn vernichtete, konnte er sich einige Ähnlichkeit mit seinem Doppelgänger geben. Um diese Verwandlung, die fast ebenso wunderbar war wie jene in dem arabischen Märchen, wo der Derwisch die Macht erlangt hat, mit Hilfe magischer Worte in einen jungen Leichnam einzudringen, vollkommen zu machen, lernte der Sträfling, der Spanisch sprach, genau so viel Lateinisch, wie ein andalusischer Priester wissen mußte. Als Bankier der drei Bagnos war Collin reich, da man alle Depositen seiner bekannten Ehrlichkeit anvertraut hatte, die übrigens auch erzwungen war: denn unter solchen Partnern wird ein Irrtum mit Dolchstichen bezahlt. Mit diesen Geldern vereinigte er die Summe, die der Bischof Carlos Herrera gegeben hatte. Ehe er Spanien verließ, konnte er sich in Barcelona des Schatzes einer frommen Frau bemächtigen, der er die Absolution erteilte, indem er ihr versprach, die Summen zurückzuerstatten, die sie mit Hilfe eines von ihr begangenen Mordes gestohlen hatte und aus denen das Vermögen seines Beichtkindes stammte. So war Jakob Collin Priester geworden und mit einer geheimen Mission betraut, die ihm die einflußreichsten Empfehlungen in Paris eintragen mußte; er war entschlossen, nichts zu tun, was den Charakter, den er sich umgehängt hatte, kompromittieren konnte, und überließ sich also den Zufällen seines neuen Daseins, als er auf der Straße von Angoulême nach Paris Lucien traf. Dieser Junge schien dem falschen Abbé ein wundervolles Werkzeug der Macht zu sein; er rettete ihn vor dem Selbstmord, indem er zu ihm sagte: ›Überantworten Sie sich einem Manne Gottes, wie man sich dem Teufel überantwortet, und Sie sollen alle Aussichten eines neuen Lebens haben. Sie werden leben wie im Traum, und das schlimmste Erwachen ist höchstens der Tod, den Sie sich geben wollten . . .‹

Das Bündnis dieser beiden Wesen, die nur eins ausmachen sollten, beruhte auf dieser kraftvollen Gedankenreihe, die Carlos Herrera übrigens noch durch eine schlau herbeigeführte Mitschuld besiegelte. Da er mit dem Genie des Verführers begabt war, so vernichtete er Luciens Ehrlichkeit, indem er ihn in grausame Zwangslagen brachte und ihn daraus erlöste, indem er ihn stillschweigend in schlimme oder ehrlose Handlungen einwilligen ließ, bei denen er jedoch in den Augen der Welt stets rein, offenherzig und edel dastand. Lucien war der soziale Glanz, in dessen Schatten der Fälscher leben wollte. ›Ich bin der Verfasser, du sollst das Drama sein; wenn du keinen Erfolg hast, so wird man mich auszischen,‹ sagte er ihm an dem Tage, als er ihm die Kirchenschändung seiner Verkleidung anvertraute.

Carlos ging schlau von Zugeständnis zu Zugeständnis, indem er die Schmach seiner Mitteilungen genau der Wirkung seiner Fortschritte und Luciens Bedürfnissen anpaßte. Daher gab ›Betrüg-den-Tod‹ sein letztes Geheimnis denn auch erst preis, als die Gewöhnung an die Pariser Genüsse, die Erfolge und die befriedigte Eitelkeit ihm den so schwachen Dichter mit Leib und Seele zum Sklaven gemacht hatten. Da, wo einst Rastignac der Versuchung dieses Dämons standgehalten hatte, erlag Lucien, weil er vorsichtiger behandelt, schlauer kompromittiert und vor allem durch das Glück, sich eine hervorragende Stellung erobert zu haben, besiegt wurde. Das Übel, dessen poetische Verkörperung man den Teufel nennt, wandte diesem Manne gegenüber, der zur Hälfte eine Frau war, seine fesselndsten Verführungskünste an und verlangte zunächst nur wenig von ihm, während er ihm vieles gab. Herreras großes Argument war jenes ewige Stillschweigen, das Tartuffe Elmira anbietet. Die wiederholten Beweise unbedingter Ergebenheit, die der Saids für Mohammed glich, vollendeten das grauenhafte Werk der Eroberung Luciens durch einen Jakob Collin. In diesem Augenblick hatten nicht nur Esther und Lucien all die Summen aufgezehrt, die man der Ehrlichkeit des Bankiers der Galeeren anvertraut hatte, der sich um ihretwillen furchtbaren Abrechnungen aussetzte, sondern der Dandy, der Fälscher und die Kurtisane hatten auch noch Schulden. In dem Augenblick, als Luciens Erfolg winkte, konnte also der kleinste Stein unter dem Fuß eines dieser drei Wesen den Zusammenbruch des phantastischen Baues einer so verwegen errichteten Glücksstellung herbeiführen. Auf dem Opernball hatte Rastignac den Vautrin des Hauses Vauquer erkannt, aber er wußte, daß ihm, wenn er plauderte, der Tod bevorstand; daher tauschte der Liebhaber der Frau von Nucingen mit Lucien Blicke, in denen sich auf beiden Seiten unter scheinbarer Freundschaft die Furcht verbarg. Im Augenblick der Gefahr hätte Rastignac offenbar mit größtem Vergnügen den Wagen geliefert, der ›Betrüg-den-Tod‹ zum Schafott führen sollte. Jeder wird jetzt erraten, von welcher finstern Freude Carlos ergriffen wurde, als er von der Liebe des Barons von Nucingen erfuhr, denn er erkannte mit einem einzigen Blick, welchen Nutzen ein Mann seiner Art aus der armen Esther ziehen konnte.

»Geh,« sagte er zu Lucien, »der Teufel schützt seinen Almosenpfleger.« »Du rauchst auf einem Pulverfaß!« »Incendo per ignes!« erwiderte Carlos lächelnd, »das ist mein Beruf.«

Das Haus Grandlieu hat sich um die Mitte des letzten Jahrhunderts in zwei Zweige gespalten: erstens das herzogliche Haus, das dem Erlöschen geweiht ist, weil der gegenwärtige Herzog nur Töchter hat; zweitens die Vicomtes von Grandlieu, die Titel und Wappen ihrer älteren Linie erben werden. Der herzogliche Zweig führt im roten Felde drei in einer Reihe angeordnete goldene Streitäxte mit dem berühmten ›Caveo non timeo‹, das die ganze Geschichte dieses Hauses enthält. Der Schild der Vicomtes ist geviertelt und zeigt im roten Felde den zinnenbesetzten goldenen Balkenstreifen; er ist bekrönt mit dem Ritterhelm; die Devise lautet: ›Grands faits, Grand lieu!Grands faits = große Taten; Grand lieu = großer Ort. Die gegenwärtige Vicomtesse, die seit 1813 Witwe ist, hat einen Sohn und eine Tochter. Obwohl sie aus der Verbannung fast ruiniert zurückkam, hat sie doch infolge der Ergebenheit eines Anwalts, Dervilles, ein ziemlich beträchtliches Vermögen zurückgewonnen.

Der Herzog und die Herzogin von Grandlieu waren 1804 nach Frankreich heimgekehrt, und sie wurden alsbald zum Gegenstand der Koketterien des Kaisers; Napoleon gab denn auch, als er sie an seinem Hofe sah, alles, was vom Besitz des Hauses Grandlieu konfisziert worden war, zurück: es machte etwa vierzigtausend Franken Rente aus. Von allen Großen des Faubourgs Saint-Germain, die sich vom Kaiser verlocken ließen, waren der Herzog und die Herzogin – eine Ajuda der älteren Linie, die mit den Braganza verschwägert ist – die einzigen, die den Kaiser und seine Wohltaten nicht verleugneten. Ludwig XVIII. achtete diese Treue, als der Faubourg Saint-Germain sie den Grandlieus als Verbrechen auslegte; aber vielleicht wollte Ludwig XVIII. darin nur ›Monsieur‹›Monsieur‹ war der Titel des ältesten Bruders aller französischen Könige. ärgern. Man sah die Heirat des jungen Vicomte von Grandlieu mit Marie Athenais, er jüngsten, damals neunjährigen Tochter des Herzogs als wahrscheinlich an. Sabine, die vorletzte, heiratete nach der Julirevolution den Baron von Guénic. Josephine, die dritte, wurde Frau von Ajuda-Pinto, als der Marquis seine erste Frau, ein Fräulein Rochefide (alias Rochegude), verlor. Die älteste hatte 1822 den Schleier genommen. Die zweite, Fräulein Klotilde Friederike, die gegenwärtig in ihrem siebenundzwanzigsten Jahre stand, war sterblich in Lucien von Rubempré verliebt. Man braucht nicht erst zu fragen, ob das Hotel des Herzogs von Grandlieu, eins der schönsten in der Rue Saint-Dominique, tausend Zauber auf Luciens Geist ausübte; sooft sich die ungeheure Tür in ihren Angeln drehte, um seinen Wagen einzulassen, empfand er jene Genugtuung der Eitelkeit, von der Mirabeau spricht. ›Obgleich mein Vater nur ein einfacher Apotheker zu Houmeau war, habe ich hier Zutritt!‹ so lautete sein Gedanke. Daher hätte er auch noch tausend andere Verbrechen begangen als das seines Bundes mit einem Fälscher, um sich das Recht zu bewahren, daß er die wenigen Stufen der Freitreppe hinaufgehen durfte, um dann ›Herr von Rubempré‹ melden zu hören, und zwar in dem großen Salon im Stil Ludwigs XIV., der zur Zeit Ludwigs XIV. nach dem Muster derer von Versailles eingerichtet worden war, und in dem sich jene auserlesene Gesellschaft, die ›Creme‹ von Paris befand, die man damals ›le petit Château‹ nannte.

Die vornehme Portugiesin, eine der Frauen, die es am wenigsten liebten, ihr Haus zu verlassen, war meist von ihren Nachbarn, den Chaulieus, den Navarreins und den Lenoncourts, umgeben. Oft kamen die hübsche Baronin von Macumer (geborene von Chaulieu), die Herzogin von Maufrigneuse, Frau d'Espard, Frau von Camps und Fräulein Des Touches, die mit den Grandlieus – sie stammen aus der Bretagne – verschwägert war, zu Besuch, wenn sie zu einem Ball gingen oder aus der Oper kamen. Der Vicomte von Grandlieu, der Herzog von Rhétoré, der Marquis von Chaulieu, der eines Tages Herzog von Lenoncourt-Chaulieu werden sollte, seine Frau, Madeleine von Mortsauf, die Enkelin des Herzogs von Lenoncourt, der Marquis von Ajuda-Pinto, der Fürst von Blamont-Chauvry, der Marquis von Beauséant, der Stiftsamtmann von Piamiers, die Vandenesses, der alte Fürst von Cadignan und sein Sohn, der Herzog von Maufrigneuse waren die Stammgäste dieses großartigen Salons, in dem man Hofluft atmete und in dem sich die Manieren, der Ton und der Geist dem Adel der Hausherrn anpaßten, deren große, aristokratische Haltung ihre napoleonische Knechtschaft schließlich in Vergessenheit gesenkt hatte.

Die alte Herzogin von Uxelles, die Mutter der Herzogin von Maufrigneuse, war das Orakel dieses Salons, zu dem Frau von Sérizy nie hatte Zutritt erlangen können, obwohl sie eine geborene von Ronquerolles war.

Von Frau von Maufrigneuse eingeführt, die ihre Mutter zu einer Aktion zugunsten Luciens bewogen hatte, da sie zwei Jahre lang wahnsinnig in ihn vernarrt gewesen war, hielt dieser verführerische Dichter sich dort dank des Einflusses des Almosenpflegeramts von Frankreich und mit Hilfe des Erzbischofs von Paris. Freilich ließ man ihn erst nach der Verordnung zu, die ihm den Namen und das Wappen der Rubemprés zurückgab. Der Herzog von Rhétoré, der Chevalier d'Espard und ein paar andere, die auf Lucien eifersüchtig waren, nahmen den Herzog von Grandlieu von Zeit zu Zeit gegen ihn ein, indem sie ihm Anekdoten aus Luciens Vorleben erzählten. Aber die fromme Herzogin, die bereits von den Spitzen der Kirche umgeben war, und Klotilde von Grandlieu stützten ihn. Lucien erklärte jene Feindschaften übrigens durch sein Abenteuer mit der Cousine der Frau d'Espard, mit Frau von Bargeton, die seither Gräfin du Châtelet geworden war. Und da er empfand, wie notwendig es war, daß eine so mächtige Familie ihn aufnahm, zumal sein intimer Ratgeber ihn drängte, Klotilde zu verführen, so fand Lucien den Mut der Emporkömmlinge: er erschien an fünf Tagen von den sieben der Woche, schluckte artig die Beleidigungen des Neids hinunter, ertrug unverschämte Blicke und antwortete geistreich auf alle Spöttereien. Seine Beharrlichkeit, der Reiz seiner Manieren und seine Gefälligkeit stumpften schließlich die Bedenken ab und verringerten die Hindernisse. Als ein Mann, der mit der Herzogin von Maufrigneuse immer noch vortrefflich stand – die glühenden Briefe, die sie im Laufe ihrer Leidenschaft geschrieben hatte, bewahrte Carlos Herrera auf –, als Idol der Frau von Sérizy lernte Lucien, der bei Fräulein Des Touches gern gesehen wurde und zufrieden war, wenn man ihn in diesen drei Häusern empfing, von dem Abbé, in seinen Beziehungen die größte Vorsicht walten zu lassen.

›Man kann sich nicht mehreren Häusern zugleich widmen,‹ sagte ihm sein intimer Ratgeber. ›Wer überall hingeht, findet nirgends lebhaftes Interesse. Die Großen begönnern nur die, die mit ihren Möbeln wetteifern, die sie jeden Tag sehen und die für sie so notwendig zu werden wissen wie der Diwan, auf den man sich setzt.‹

Da Lucien sich daran gewöhnt hatte, den Salon der Grandlieus als sein Schlachtfeld anzusehen, so sparte er seinen Geist, seine Scherze, seine Neuigkeiten und seine Höflingsschmeicheleien für die Zeit auf, die er des Abends dort verbrachte. Er war einschmeichelnd und liebevoll, und Klotilde warnte ihn vor den Klippen, die er meiden mußte; so konnte er den kleinen Leidenschaften des Herrn von Grandlieu schöntun. Nachdem Klotilde zunächst die Herzogin von Maufrigneuse um ihr Glück beneidet hatte, verliebte sie sich sterblich in Lucien.

Da Lucien alle Vorteile einer derartigen Verbindung erkannte, so spielte er seine Liebhaberrolle, wie Armand, der letzte jugendliche Liebhaber der Comédie Française, sie gespielt hätte. Er schrieb Klotilde Briefe, die jedenfalls literarische Meisterwerke ersten Ranges waren, und Klotilde antwortete, indem sie danach rang, dieser wütenden Liebe auf dem Papier Ausdruck zu geben, denn sie konnte nur auf diese Weise lieben. Lucien ging jeden Sonntag in die Messe zu Saint-Thomas d'Aquin, er gab sich für einen glühenden Katholiken aus, er ergoß sich in monarchischen, religiösen Predigten, die Wunder wirkten. Er schrieb außerdem für die der CongregationEine politisch-religiöse Gesellschaft zur Zeit der Restauration. ergebenen Zeitungen äußerst bemerkenswerte Artikel, ohne irgendeine Zahlung annehmen zu wollen und ohne sie anders als mit einem L zu unterzeichnen. Er verfaßte politische Broschüren, wie entweder König Karl X. oder das Almosenpflegeramt sie verlangte, ohne die geringste Belohnung zu heischen. ›Der König‹, sagte er, ›hat schon so viel für mich getan, daß ich ihm mein Blut schuldig bin.‹

Daher war auch seit einigen Tagen die Rede davon, Lucien in der Eigenschaft als Geheimsekretär an das Kabinett des Premierministers zu fesseln; aber Frau d'Espard schickte so viel Leute gegen Lucien ins Feld, daß Karls X. Faktotum zögerte, diesen Entschluß zu fassen. Nicht nur Luciens Stellung war nicht klar genug, und die Worte: ›Wovon lebt er?‹ die, je höher er stieg, jeder um so öfter auf den Lippen hatte, verlangten eine Antwort, sondern auch die wohlwollende Neugier ging wie die boshafte in ihrer Nachforschung von Schritt zu Schritt weiter, und sie fand mehr als eine Lücke im Panzer dieses Ehrgeizigen. Klotilde von Grandlieu diente ihrem Vater und ihrer Mutter als argloser Spion. Vor ein paar Tagen hatte sie Lucien in eine Fensternische gezogen, um dort zu plaudern und ihn über die Einwände der Familie aufzuklären.

»Verschaffen Sie sich einen Landsitz im Wert von einer Million, und Sie erhalten meine Hand: das war die Antwort meiner Mutter,« hatte Klotilde gesagt. »Später werden sie dich fragen, woher dein Geld gekommen ist!« hatte Carlos zu Lucien gesagt, als der ihm dieses angebliche Ultimatum überbrachte. »Mein Schwager muß sein Glück gemacht haben,« bemerkte Lucien; »wir werden in ihm einen verantwortlichen Herausgeber finden.« »So fehlt also nur noch die Million,« rief Carlos aus; »ich werde darüber nachdenken.«

Luciens Stellung im Hotel Grandlieu erhellt am deutlichsten daraus, daß er nie dort gespeist hatte. Weder Klotilde noch die Herzogin von Uxelles, noch auch die Frau von Maufrigneuse, die sich stets ausgezeichnet zu Lucien stellte, hatten diese Gunst von dem alten Herzog erlangen können, so hartnäckig hing der Edelmann an seinem Mißtrauen gegen den Herrn von Rubempré. Lucien fühlte, daß er unter der ganzen Gesellschaft dieses Salons nur geduldet war. Die Gesellschaft hat das Recht, anspruchsvoll zu sein, sie wird so oft betrogen. In Paris eine Rolle zu spielen, ohne daß man ein bekanntes Vermögen oder eine eingestandene Erwerbsquelle besitzt, ist etwas, was sich vermöge keiner List lange durchführen läßt. Daher legte denn Lucien auch, je höher er stieg, dem Einwand: ›Wovon lebt er?‹ ein ganz besonderes Gewicht bei. Er hatte bei Frau von Sérizy, der er die Unterstützung des Generalstaatsanwalts Granville und eines Staatsministers, des Grafen Octavius von Bauvan, des Präsidenten eines Obertribunals, verdankte, sagen müssen: ›Ich stürze mich in furchtbare Schulden.‹

Als er den Hof des Hotels betrat, das die Rechtfertigung seiner Eitelkeit barg, sagte er mit Bitterkeit, indem er an die Überlegung Herreras dachte, bei sich selber: ›Ich höre alles unter meinen Füßen krachen.‹

Er liebte Esther, und er wollte Fräulein von Grandlieu zur Frau! Eine seltsame Lage! Es galt, die eine für die andere zu verkaufen. Ein einziger Mensch konnte diesen Schacher vornehmen, ohne daß Luciens Ehre darunter litt: dieser Mensch war der falsche Spanier; mußten sie nicht der eine wie der andere gleich vorsichtig sein, der eine dem andern gegenüber? Man findet im Leben nicht zwei Pakte dieser Art, in denen jeder abwechselnd Herrscher und Beherrschter ist.

Lucien verjagte die Wolken, die sein Gesicht umdunkelten; heiter und strahlend betrat er die Salons des Hotels Grandlieu. Die Fenster waren eben offen, die Wohlgerüche des Gartens durchdufteten den Salon; der Blumentisch, der die Mitte einnahm, zeigte dem Blick seine Blütenpyramide. Die Herzogin saß in einer Ecke auf einem Sofa und plauderte mit der Herzogin von Chaulieu. Mehrere Frauen bildeten eine Gruppe, die durch allerlei Haltungen auffiel, wie sie der verschiedene Ausdruck mit sich brachte, den eine jede unter ihnen einem gespielten Schmerz lieh. In der Gesellschaft interessiert sich niemand für ein Unglück oder ein Leiden, alles ist dort ein Wort. Die Männer gingen im Garten oder im Salon spazieren, Klotilde und Josephine waren um den Teetisch beschäftigt. Der Stiftsamtmann de Pamiers, der Herzog von Grandlieu, der Marquis von Ajuda-Pinto und der Herzog von Maufrigneuse spielten in einer Ecke ihren Whist. Als Lucien gemeldet wurde, durchschritt er den Salon und begrüßte die Herzogin, die er nach der Ursache der Betrübnis, die ihre Züge ausdrückten, fragte.

»Frau von Chaulieu hat soeben eine furchtbare Nachricht erhalten: ihr Schwiegersohn, der Baron von Macumer, der ehemalige Herzog von Soria, ist gestorben. Der junge Herzog von Soria und seine Frau, die nach Chantepleur gegangen waren, um ihren Bruder dort zu pflegen, haben das traurige Ereignis in einem Briefe gemeldet. Luise ist in einem herzzerreißenden Zustand.« »Eine Frau wird nicht zweimal in ihrem Leben so geliebt, wie Luise von ihrem Mann geliebt wurde,« sagte Magdalene von Mortsauf. »Sie ist eine reiche Witwe,« fuhr die Herzogin von Uxelles fort, indem sie Lucien ansah, dessen Gesicht seine Unbeweglichkeit bewahrte. »Die arme Luise!« sagte Frau d'Espard, »ich verstehe und beklage sie.«

Die Marquise d'Espard zeigte die versonnene Miene einer Frau von Seele und Herz. Obgleich Sabine von Grandlieu erst zehn Jahre alt war, hob sie das kluge Auge zu ihrer Mutter empor, die ihren fast spöttischen Blick sofort mit einem strafenden niederschlug. Das nennt man seine Kinder gut erziehen.

»Wenn meine Tochter diesen Schlag überlebt,« sagte Frau von Chaulieu mit der mütterlichsten Miene, »so macht ihre Zukunft mir Sorge. Luise ist sehr romantisch.« »Ich weiß nicht,« sagte die alte Herzogin von Uxelles, »woher unsere Töchter das haben! . . .« »Es ist heutzutage schwer,« sagte ein alter Kardinal, »das Herz und die Konvention zu versöhnen.«

Lucien, der kein Wort zu sagen hatte, ging zum Teetisch, um dem Fräulein von Grandlieu sein Kompliment zu machen. Als der Dichter sich ein paar Schritte von der Frauengruppe entfernt hatte, neigte die Marquise d'Espard sich herab, um der Herzogin von Grandlieu ins Ohr flüstern zu können. »Sie glauben also, daß dieser Bursche Ihre teure Klotilde sehr liebt?« sagte sie zu ihr.

Wie heimtückisch diese Frage war, kann man erst begreifen, wenn wir Klotilde skizziert haben. Dieses junge Mädchen von siebenundzwanzig Jahren stand am Tisch. Ihre Haltung erlaubte dem spöttischen Blick der Marquise d'Espard, Klotildes dürre und dünne Gestalt zu überfliegen, denn sie glich ziemlich genau einem Spargel. Der Busen des armen Mädchens war so flach, daß er nicht einmal die Ersatzmittel möglich machte, die die Modistinnen falsche Brüste nennen. Daher ließ denn auch Klotilde, die wußte, daß sie in ihrem Namen genügende Vorzüge besaß, diesen Fehler, statt sich die Mühe zu machen und ihn zu verkleiden, heroisch hervortreten. Indem sie sich eng in ihre Kleider einschnürte, erreichte sie die Wirkung der starren und scharfen Zeichnung, die die Holzschnitzer des Mittelalters für ihre Figuren suchten, deren Profil sich scharf vom Hintergrund der Nischen abhebt, vor die sie sie in den Kathedralen stellten. Klotilde war fünf Fuß und vier Zoll hoch. Wenn es erlaubt ist, sich einer familiären Wendung zu bedienen, die wenigstens das Verdienst hat, klar verständlich zu sein, so kann man sagen, sie war ganz Bein. Dieser Mangel an Proportion gab ihrem Oberkörper etwas Unförmliches. Sie hatte eine braune Gesichtshaut, hartes schwarzes Haar, sehr dichte Brauen, glühende Augen, die in schon gedunkelten Höhlen lagen, und ein Gesicht, krumm wie die Mondsichel im ersten Viertel und gekrönt von einer vorspringenden Stirn; so stellte sie die Karikatur ihrer Mutter dar, einer der schönsten Frauen Portugals. Die Natur gefällt sich in solchen Spielen. Man findet in vielen Familien eine Schwester von überraschender Schönheit, deren Züge bei dem Bruder zu vollendeter Häßlichkeit werden, obwohl alle beide sich ähneln. Klotilde trug auf ihrem stark eingezogenen Mund den stereotypen Ausdruck der Geringschätzung. Daher verrieten ihre Lippen mehr als jeder andere Zug ihres Gesichts die heimlichen Regungen ihres Herzens, denn die Liebe gab ihnen einen reizenden Ausdruck, der um so mehr auffiel, als ihre Wangen, die zu braun waren, um zu erröten, und ihre stets harten schwarzen Augen nie etwas sagten. Aber trotz so vieler Nachteile und trotzdem sie wie ein Brett aussah, eignete ihr infolge ihrer Erziehung und ihrer Rasse ein Ausdruck von Größe, ein stolzer Zug, kurz, alles, was man mit so viel Recht ›jenes Etwas‹ genannt hat; vielleicht lag es an der Sicherheit ihres Kostüms, das die Tochter aus gutem Hause verriet. Sie machte sich ihre Haare zunutze, deren Stärke, Fülle und Länge für eine Schönheit gelten konnte . . . Ihre Stimme, die sie gepflegt hatte, übte einen Zauber aus: sie sang entzückend. Klotilde war eben das junge Mädchen, von dem man sagt: ›Sie hat schöne Augen!‹ oder ›Sie hat einen reizenden Charakter!‹ Irgend jemandem, der sie nach englischer Manier ›Euer Gnaden‹ anredete, erwiderte sie: ›Nennen Sie mich Euer Dünne.‹

»Weshalb sollte man meine arme Klotilde nicht lieben?« erwiderte die Herzogin der Marquise. »Wissen Sie, was sie gestern zu mir gesagt hat? ›Wenn man mich aus Ehrgeiz liebt, so nehme ich es auf mich, es dahin zu bringen, daß man mich um meiner selbst willen lieben soll.‹ Sie ist geistreich und ehrgeizig; es gibt Männer, denen diese beiden Eigenschaften gefallen. Was ihn angeht, meine Liebe, so ist er schön wie ein Traum; und wenn er den Landsitz der Rubemprés zurückkaufen kann, so wird der König ihm uns zu Gefallen den Titel ›Marquis‹ verleihen . . . Schließlich war seine Mutter die letzte Rubempré.« »Der arme Junge, woher soll er die Million nehmen?« sagte die Marquise. »Das ist nicht unsere Sache,« erwiderte die Herzogin; »aber sicherlich wird er sie nicht stehlen . . . Und übrigens würden wir Klotilde keinem Intriganten und keinem unehrlichen Menschen geben, und wäre er auch noch so schön, wäre er auch Dichter und ebenso jung wie Herr von Rubempré.«

»Sie kommen spät,« sagte Klotilde, indem sie Lucien mit unendlicher Anmut zulächelte. »Ja, ich habe in der Stadt gespeist.« »Sie gehen seit einigen Tagen viel in die Gesellschaft,« sagte sie, indem sie Eifersucht und Unruhe unter einem Lächeln barg. »In die Gesellschaft? . . .« erwiderte Lucien. »Nein, ich habe nur durch den größten Zufall die ganze Woche hindurch bei Bankiers gespeist, heute bei Nucingen, gestern bei du Tillet, vorgestern bei den Kellers . . .«

Man sieht, daß Lucien es gut verstanden hatte, den geistreich unverschämten Ton großer Herren anzunehmen.

»Sie haben sehr viele Feinde,« sagte Klotilde zu ihm, als sie ihm – und mit welcher Liebenswürdigkeit! – eine Tasse Tee anbot. »Man hat meinem Vater gesagt, Sie genössen sechzigtausend Franken Schulden und binnen kurzem würden Sie Sainte-PélagieGefängnis in Paris. zum Lustschloß haben. Und wenn Sie wüßten, was all diese Verleumdungen mir eintragen . . . All das fällt auf mich zurück. Ich rede Ihnen nicht von dem, was ich leide – mein Vater hat Blicke, die mich kreuzigen –, sondern von dem, was Sie leiden müssen, wenn das im geringsten wahr ist . . .« »Machen Sie sich keine Sorge um diese Albernheiten; lieben Sie mich, wie ich Sie liebe, und geben Sie mir ein paar Monate,« erwiderte Lucien, indem er seine leere Tasse auf das Tablett aus ziseliertem Silber zurückstellte. »Lassen Sie sich nicht vor meinem Vater sehen, er würde Ihnen eine Unverschämtheit sagen; und da Sie sie nicht hinnehmen würden, so wären wir verloren . . . Diese boshafte Marquise d'Espard hat ihm gesagt, Ihre Mutter habe bei Wöchnerinnen Krankenwache gehalten und Ihre Schwester sei Plätterin gewesen . . .« »Wir waren einmal im tiefsten Elend,« erwiderte Lucien, dem die Tränen in die Augen traten. »Das ist keine Verleumdung, sondern einfache Nachträgerei. Heute ist meine Schwester mehr als Millionärin, und meine Mutter ist seit zwei Jahren tot . . . Man hat diese Aufklärungen für den Augenblick aufgespart, in dem ich hier vor dem Erfolge stand . . .« »Aber was haben Sie Frau d'Espard getan?« »Ich habe die Unvorsichtigkeit begangen, bei Frau von Sérizy in Gegenwart der Herren von Bauvan und von Granville die Geschichte des Prozesses zu erzählen, den sie geführt hat, um die Entmündigung ihres Gatten, des Marquis d'Espard, durchzusetzen, und die Bianchon mir anvertraut hatte. Die Meinung des Herrn von Granville, den Bauvan und Sérizy unterstützten, hat damals die des Justizministers gewandelt. Der eine wie der andere wichen vor der Gerichtszeitung, vor dem Skandal zurück, und die Marquise bekam in der Begründung des Urteils, das dieser scheußlichen Angelegenheit ein Ende machte, ein wenig auf die Finger. Wenn Herr von Sérizy eine Indiskretion begangen hat, die die Marquise zu meiner Todfeindin machte, so habe ich doch seine Protektion, die des Generalstaatsanwalts und des Grafen Octavius von Bauvan dabei gewonnen, denn Frau von Sérizy hat ihnen gesagt, in welche Gefahr sie mich gestürzt haben, indem sie erraten ließen, aus welcher Quelle ihre Auskünfte stammten. Der Herr Marquis d'Espard war ungeschickt genug, mir einen Besuch zu machen, weil er mich als die Ursache ansah, durch die er diesen niederträchtigen Prozeß gewonnen hat.« »Ich werde Sie von Frau d'Espard befreien,« sagte Klotilde. »Und wie?« rief Lucien. »Meine Mutter wird die kleinen Espards einladen, sie sind entzückend und schon recht groß. Der Vater und seine beiden Söhne werden hier Ihr Lob singen, und wir sind sicher, ihre Mutter niemals wiederzusehen . . .« »Oh, Klotilde, Sie sind anbetungswürdig, und wenn ich Sie nicht um Ihrer selbst willen liebte, so würde ich Sie um Ihres Geistes willen lieben.« »Das ist kein Geist,« sagte sie, indem sie ihre ganze Liebe auf die Lippen legte. »Adieu. Kommen Sie ein paar Tage lang nicht. Wenn Sie mich in der Kirche mit einer roten Schärpe sehen, so hat die Laune meines Vaters gewechselt. Sie finden eine Antwort am Rücken des Sessels, auf dem Sie sitzen; die wird Sie vielleicht trösten, wenn Sie uns nicht sehen . . . Tun Sie den Brief, den Sie mir bringen, in mein Taschentuch . . .«

Dieses junge Mädchen war offenbar älter als siebenundzwanzig Jahre.

Lucien nahm in der Rue de la Planche einen Fiaker, verließ ihn auf den Boulevards, nahm bei der Madeleine einen andern und befahl ihm, in der Rue Taitbout die Einfahrt öffnen zu lassen.

Als er um elf Uhr zu Esther kam, fand er sie ganz in Tränen, aber sie war angezogen, wie sie sich anzog, um ihm ein Fest zu bereiten. Sie erwartete ihren Lucien und lag auf einem Diwan aus weißem, mit gelben Blumen besticktem Satin, bekleidet mit einem entzückenden Hauskleid aus indischem Musselin mit kirschfarbenen Schleifen; sie war ohne Korsett, hatte die Haare einfach auf dem Kopf aufgesteckt, die Füße in hübschen Samtpantoffeln, die mit kirschfarbenem Satin gefüttert waren; alle Kerzen brannten, und der Huka war bereit; aber den ihren hatte sie nicht geraucht, er lag unangezündet vor ihr, als wollte er ein Symbol ihrer Lage geben. Als sie die Türen öffnen hörte, wischte sie sich die Tränen ab, sprang wie eine Gazelle auf und umschlang Lucien mit den Armen, als wäre sie ein Gewebe, das sich, vom Wind erfaßt, um einen Baum schlingt.

»Getrennt,« rief sie, »ist es wahr? . . .« »Bah! Auf ein paar Tage,« erwiderte Lucien.

Esther ließ Lucien los und fiel wie tot auf den Diwan zurück. In solchen Lagen schwätzen die meisten Frauen wie Papageien! Ah, wie sie einen lieben! . . . Nach fünf Jahren stehen sie noch wie am Morgen nach dem ersten Tage des Glücks da, sie können einen nicht verlassen, sie sind wundervoll in ihrer Entrüstung, ihrer Verzweiflung, ihrer Liebe, ihrem Zorn, ihrer Reue, ihrer Angst, ihrem Kummer, ihren Ahnungen! Kurz, sie sind schön wie eine Szene von Shakespeare. Aber, das beachte man wohl, diese Frauen lieben nicht! Wenn sie all das sind, wofür sie sich ausgeben, so machen sie es, wie Esther es machte, wie es die Kinder machen, wie es die wahre Liebe macht: Esther sagte kein Wort; sie lag da, das Gesicht in den Kissen, und weinte heiße Tränen. Lucien seinerseits mühte sich, Esther aufzuheben, und sprach auf sie ein.

»Aber, Kind, wir werden nicht getrennt . . . Wie! Nach vier Jahren des Glücks nimmst du eine Trennung so auf?« . . . ›Ach, was habe ich denn all diesen Mädchen getan? . . .‹ sagte er bei sich selber, denn er entsann sich, daß auch Coralie ihn so geliebt hatte. »Ah, gnädiger Herr, Sie sind so schön!« sagte Europa.

Die Sinne haben ihr Ideal der Schönheit. Wenn sich mit dieser so verführerischen Schönheit die Sanftheit des Charakters und die Poesie verbinden, die Lucien auszeichneten, so kann man sich die wahnsinnige Leidenschaft jener Geschöpfe vorstellen, die für die äußeren Naturgaben so außerordentlich empfänglich und in ihrer Bewunderung so naiv sind. Esther schluchzte leise und verharrte in einer Pose, die höchsten Schmerz verriet.

»Aber, kleiner Dummkopf,« sagte Lucien, »hat man dir nicht gesagt, daß es sich um mein Leben handelt? . . .« Bei diesem Wort, das Lucien genau berechnet hatte, richtete Esther sich wie ein wildes Tier auf; ihr gelöstes Haar umgab ihr wundervolles Gesicht wie ein Laubwerk; sie sah Lucien mit starrem Auge an. »Um dein Leben! . . .« rief sie, indem sie mit einer Geste, die nur Dirnen in der Gefahr haben, die Arme hob und wieder fallen ließ. »Aber ja, der Brief dieses Wilden spricht von ernsten Dingen.« Sie zog ein elendes Papier aus dem Gürtel; aber sie erblickte Europa und sagte: »Laß uns allein, meine Tochter.«

Als Europa die Tür geschlossen hatte, fuhr sie fort: »Sieh, das hat er mir geschrieben,« und sie reichte Lucien einen Brief, den Carlos eben geschickt hatte und den Lucien mit lauter Stimme las:

»Sie werden morgen früh um fünf abreisen; man wird Sie zu einem Wildhüter im Herzen des Waldes von Saint-Germain bringen. Sie werden dort ein Zimmer im ersten Stock einnehmen. Verlassen Sie dieses Zimmer nicht, bis ich es Ihnen erlaube; es wird Ihnen dort nichts fehlen. Der Wildhüter und seine Frau sind zuverlässig. Schreiben Sie Lucien nicht. Gehen Sie während des Tages nicht ans Fenster; während der Nacht können Sie unter Führung des Wildhüters spazierengehen, wenn Sie Bewegung haben möchten. Halten Sie unterwegs die Vorhänge des Wagenschlags geschlossen: es handelt sich um Luciens Leben.

Lucien wird heute abend zu Ihnen kommen, um Ihnen Lebwohl zu sagen; verbrennen Sie dies vor seinen Augen.«

Lucien verbrannte das Billett sofort an der Flamme einer Kerze.

»Höre, mein Lucien,« sagte Esther, nachdem sie den Wortlaut dieses Briefes angehört hatte, wie ein Verbrecher den seines Todesurteils anhört, »ich will dir nicht sagen, daß ich dich liebe, das wäre eine Dummheit . . . Jetzt scheint es mir seit bald fünf Jahren so natürlich, daß ich dich liebe, wie daß ich atme und lebe. Schon an dem Tage, an dem unter dem Schutz dieses unerklärlichen Wesens, das mich hier eingesperrt hat, wie man ein kleines merkwürdiges Tier in einen Käfig einsperrt, mein Glück begann, wußte ich, daß du dich verheiraten müßtest. Die Heirat ist ein notwendiger Bestandteil deines Schicksals, und Gott verhüte, daß ich der Entwicklung deines Glücks in den Weg treten sollte. Diese Heirat ist mein Tod. Aber ich werde dich nicht langweilen: ich werde es nicht wie die Grisetten machen, die sich mit Hilfe eines Kohlenbeckens töten. Davon habe ich mit einemmal genug bekommen; zweimal, das wird ekelhaft, wie Mariette sagt. Nein, ich werde weit fort gehen, aus Frankreich fort. Asien kennt die Geheimnisse ihres Landes, sie hat mir versprochen, mich zu lehren, wie man ruhig stirbt. Man sticht sich, Schluß! Alles ist getan! Ich verlange nur eins, mein angebeteter Engel: nicht getäuscht zu werden. Ich habe meinen Anteil vom Leben gehabt: ich habe seit dem Tage, an dem ich dich zum erstenmal sah, im Jahre 1824, bis heute mehr Glück genossen, als das Dasein zehn glücklicher Frauen enthält. Nimm mich also als das, was ich bin, als eine Frau, die ebenso stark wie schwach ist. Sag mir: ›Ich verheirate mich.‹ Ich verlange nichts als einen zärtlichen Abschied von dir, und du wirst nicht mehr von mir hören.«

Nach dieser Erklärung, deren Aufrichtigkeit sich nur mit der Naivität der Gesten und des Tones vergleichen ließ, herrschte einen Augenblick Schweigen.

»Handelt es sich um deine Heirat?« fragte sie, indem sie einen jener bezaubernden und glänzenden Blicke, die der Klinge eines Dolches glichen, in Luciens blaue Augen warf. »Wir arbeiten jetzt seit achtzehn Monaten an meiner Heirat, und sie ist noch nicht zum Abschluß gekommen,« erwiderte Lucien; »ich weiß nicht, wann sie zum Abschluß kommen wird; aber es handelt sich nicht darum, meine liebe Kleine! . . . Es handelt sich um den Abbé, um mich, um dich . . . Wir sind ernstlich bedroht . . . Nucingen hat dich gesehen . . .« »Ja,« sagte sie, »in Vincennes; er hat mich also erkannt?« »Nein,« erwiderte Lucien, »aber er ist in dich so verliebt, daß er seine Kasse für dich geben würde. Als er nach Tisch von eurer Begegnung sprach und dich schilderte, ist mir ein unwillkürliches, unvorsichtiges Lächeln entschlüpft, denn ich lebe in der Gesellschaft, wie der Wilde mitten unter den Fallen eines feindlichen Stammes. Carlos, der mir die Mühe des Nachdenkens erspart, findet diese Situation gefährlich; er übernimmt es, Nucingen an der Nase herumzuführen, wenn Nucingen es sich einfallen läßt, uns nachzuspionieren, und der Baron ist sehr wohl dazu imstande; er hat mir schon von der Ohnmacht der Polizei gesprochen. Du hast in einem alten Schornstein voller Ruß einen Brand entfacht . . .« »Und was will dein Spanier beginnen?« fragte Esther ganz leise. »Ich weiß es nicht, er sagt, ich soll mich ruhig aufs Ohr legen,« erwiderte Lucien, ohne daß er es wagte, Esther anzusehen. »Wenn es so ist, gehorche ich mit jener Unterwürfigkeit des Hundes, zu der ich mich bekenne,« sagte Esther, die ihren Arm in den Luciens schob und ihn in ihr Schlafzimmer führte, indem sie zu ihm sprach: »Hast du, mein Lulu, gut gespeist bei diesem schändlichen Nucingen?« »Asiens Küche macht es einem unmöglich, noch ein Diner gut zu finden, wie berühmt der Koch des Hauses, in dem man speist, auch sei; aber wie jeden Sonntag hatte Carême das Diner bereitet.«

Unwillkürlich verglich Lucien Esther mit Klotilde. Die Geliebte war so schön, so unwandelbar reizend, daß ihr das Ungeheuer noch nicht hatte nahen dürfen, das selbst die dauerhafteste Liebe verschlingt: die Sättigung.

›Wie schade‹ sagte er bei sich, ›daß man seine Frau in zwei Bänden findet! Auf der einen Seite die Poesie, die Wollust, die Liebe, die Hingebung, die Schönheit, die Zartheit . . .‹

Esther stöberte umher, wie die Frauen umherstöbern, ehe sie zu Bett gehen; sie lief hin und wider; sie flatterte trällernd wie ein Schmetterling. Man hätte sie mit einem Kolibri vergleichen können.

›. . . Auf der andern den Adel des Namens, die Rasse, die Ehre, den Rang, die Kenntnis der Gesellschaft! . . . Und keine Möglichkeit, sie in einer einzigen Person zu vereinigen!‹ spann Lucien weiter.

Als der Dichter am andern Morgen um sieben Uhr in diesem reizenden rosa und weißen Zimmer erwachte, war er allein. Als er geschellt hatte, eilte die sogenannte Europa herbei.

»Was wünscht der gnädige Herr?« »Esther!« »Die gnädige Frau ist um dreiviertel fünf fortgefahren. Auf Befehl des Herrn Abbé habe ich gratis und franko ein neues Gesicht empfangen.« »Eine Frau? . . .« »Nein, gnädiger Herr, eine Engländerin . . . eine jener Frauen, die nachts auf Tagelohn gehen, und wir haben Befehl, sie zu behandeln, als wäre sie die gnädige Frau: was will der gnädige Herr mit diesem Frauenzimmer beginnen? . . . Die arme gnädige Frau! Wie hat sie geweint, als sie in den Wagen stieg! . . . ›Nun, es muß sein! . . .‹ rief sie. ›Ich habe den armen Liebling schlafend verlassen,‹ sagte sie, indem sie sich die Tränen abwischte; ›wenn er mich angesehen oder meinen Namen ausgesprochen hätte, so wäre ich geblieben, und hätte ich mit ihm sterben müssen!‹ Sehen Sie, gnädiger Herr, ich liebe die gnädige Frau so sehr, daß ich ihr ihren Ersatz nicht gezeigt habe, viele Kammerfrauen hätten ihr das auch noch angetan.« »Die Unbekannte ist da?« »Aber, gnädiger Herr, sie war in dem Wagen, der die gnädige Frau entführt hat; ich habe sie nach meinen Instruktionen in meinem Zimmer versteckt.« »Ist sie hübsch?« »So hübsch, wie eine Gelegenheitsfrau eben sein kann, aber es wird ihr nicht schwer werden, ihre Rolle zu spielen, wenn der gnädige Herr hilft,« sagte Europa, indem sie davonging, um die falsche Esther zu holen.

Am Abend zuvor hatte der allmächtige Bankier, ehe er zu Bett ging, einem Kammerdiener, der schon um sieben Uhr morgens den berühmten Louchard, den gewandtesten Schergen des Handelsgerichts, in einen kleinen Salon einführte, wohin der Baron im Schlafrock und in Pantoffeln kam, seine Befehle gegeben.

»Sie haben sich lustik kemacht ieber mich!« sagte er, statt den Gruß des Schergen zu erwidern. »Das konnte wohl nicht anders sein, Herr Baron. Ich hänge an meinem Amt, und ich hatte schon einmal die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich mich nicht in Dinge einlassen kann, die nichts mit meinen Obliegenheiten zu tun haben. Was habe ich Ihnen versprochen? Sie mit demjenigen unserer Agenten in Verbindung zu bringen, der mir am ehesten geeignet schien, Ihnen zu dienen. Aber der Herr Baron kennt die Grenzen, die zwischen den Leuten verschiedener Berufe existieren . . . Wenn man ein Haus baut, läßt man nicht vom Zimmermann machen, was den Schlosser angeht. Nun, es gibt eine doppelte Polizei: die politische Polizei und die Kriminalpolizei. Niemals lassen sich die Agenten der Kriminalpolizei in Dinge ein, die die politische Polizei angehen, und umgekehrt. Wenn Sie sich an den Chef der politischen Polizei wendeten, so brauchte der eine Ermächtigung des Ministers, um sich mit Ihrer Angelegenheit zu befassen; und Sie würden es nicht wagen, sie dem Generalpolizeidirektor des Königreichs auseinanderzusetzen. Ein Agent, der auf eigene Rechnung Polizeidienste leistete, würde sein Amt verlieren. Nun ist die Kriminalpolizei genau so vorsichtig wie die politische Polizei. Daher arbeitet im Ministerium des Innern wie in der Präfektur niemand anders, als im Interesse des Staates oder der Justiz. Handelt es sich um eine Verschwörung oder um ein Verbrechen, ja, mein Gott, da stehen Ihnen die Herren zur Verfügung; aber begreifen Sie doch, Herr Baron, daß sie ganz andere Dinge zu tun haben, als sich um die fünfzigtausend Liebeshändel von Paris zu kümmern. Was uns angeht, so dürfen wir uns nur mit der Verhaftung von Schuldnern befassen; und sobald es sich um etwas anderes handelt, setzen wir uns ungeheurer Gefahr aus, wenn wir die Ruhe irgend jemandes stören. Ich habe Ihnen einen meiner Leute geschickt, aber Ihnen auch gesagt, daß ich nicht für ihn bürgte. Sie haben ihm gesagt, er solle Ihnen eine Frau in Paris ausfindig machen, Contenson hat Ihnen einen Tausender ›abgeluchst‹, ohne sich auch nur zu rühren. Ebensogut könnte man eine Nadel im Fluß suchen, wie in Paris eine Frau, die verdächtig ist, in den Wald von Vincennes zu fahren, und deren Personalbeschreibung der aller hübschen Pariser Frauen glich.«

»Gondanzon«, sagte der Baron, »konnte doch sagen die Wahrheit, statt mir abzuluchsen ainen Tausender.« »Hören Sie, Herr Baron,« sagte Louchard, »wollen Sie mir tausend Taler geben? Ich will Ihnen einen Rat dafür geben . . . ihn Ihnen verkaufen,« »Is er wert tausend Taler, der Rat?« fragte Nucingen. »Ich lasse mich nicht fangen, Herr Baron,« erwiderte Louchard. »Sie sind verliebt, Sie wollen den Gegenstand Ihrer Leidenschaft entdecken, Sie dürsten nach ihr wie Lattich ohne Wasser. Gestern sind, wie mir Ihr Kammerdiener gesagt hat, zwei Ärzte bei Ihnen gewesen, die Ihren Zustand gefährlich finden; ich allein kann Sie in die Hand eines geschickten Menschen geben . . . Ja, zum Teufel, wenn Ihr Leben keine tausend Taler wert wäre . . .« »Sagen Se mir den Namen dieses keschickten Menschen, und zählen Se auf maine Großmut!« Louchard nahm seinen Hut, grüßte und ging. »Teifelsmensch!« rief Nucingen, »kommen Se . . . Ta . . .« »Geben Sie wohl acht,« sagte Louchard, ehe er das Geld nahm, »daß ich Ihnen ganz einfach eine Auskunft verkaufe. Ich werde Ihnen den Namen und die Adresse des einzigen Menschen angeben, der Ihnen dienen kann; aber er ist ein Meister . . .« »Keht ßum Teifel!« rief Nucingen; »nur Varschilds Name ist wert tausend Taler, und auch nur, wenn er am Fuß aines Schaines steht . . . Ich biete tausend Franken.«

Louchard, ein kleiner Schlaukopf, der noch um keine Notars-, Gerichtsvollziehers- oder Verteidigerskonzession hatte unterhandeln können, schielte den Baron bedeutsam an. »Für Sie tausend Taler oder nichts; Sie haben sie an der Börse in wenigen Sekunden wieder eingenommen,« sagte er. »Ich biete tausend Franken! . . .« wiederholte der Baron. »Sie würden um eine Goldmine feilschen!« sagte Louchard, indem er grüßte und sich zurückzog. »Ich werde haben die Atreß fier ainen Finfhündertfrankenschain!« rief der Baron, der seinem Kammerdiener befahl, ihm seinen Sekretär zu schicken.

Turcaret lebt nicht mehr. Heute entfaltet der größte wie der kleinste Bankier seinen Scharfsinn in den geringsten Dingen: er feilscht um die Künste, die Wohltätigkeit und die Liebe; er würde mit dem Papst um eine Absolution feilschen. Daher hatte Nucingen, während er Louchard zuhörte, sich schnell überlegt, daß Contenson als der rechte Arm des Exekutors die Adresse dieses Meisters der Spionage kennen müßte. Contenson würde für fünfhundert Franken hergeben, was Louchard nicht billiger verkaufen wollte als für tausend Taler. Diese rasche Überlegung beweist energisch, daß der Kopf dieses Menschen, wenn auch sein Herz von der Liebe überfallen war, noch der des Luchses blieb.

»Kehn Se selbst«, sagte der Baron zu seinem Sekretär, »ßu Gondanzon, dem Spion Licharts, des Exegutors; aber nähmen Se ainen Wagen und bringen Se'n her auf der Stell. Ich warte! . . . Sie werden kehn durch die Gartentier; hier haben Se d'n Schlüssel; denn niemand soll sehn den Menschen bei mir. Sie werden ihn fiehren in den glainen Kartenpavillon. Sehn Se ßu, daß Se mainen Auftrag ausfiehren mit Verstand.«

Es kam Besuch, um mit Nucingen von Geschäften zu reden; aber er wartete auf Contenson, er träumte von Esther, er sagte sich, daß er in kurzer Zeit die Frau wiedersehen würde, der er unerhoffte Erregungen verdankte, und er schickte alle Welt mit unbestimmten Worten und doppelsinnigen Versprechungen davon. Contenson schien ihm das wichtigste Wesen in Paris zu sein; er spähte fortwährend in den Garten hinunter. Und schließlich ließ er sich, nachdem er Befehl gegeben hatte, seine Tür zu schließen, sein Frühstück in dem Pavillon servieren, der in einer der Ecken des Gartens lag. In den Bureaus erschien das Verhalten und Zögern des schlauesten, klarblickendsten, politischsten aller Pariser Bankiers unerklärlich.

»Was hat denn der Chef?« fragte ein Wechselagent einen der ersten Kommis. »Man weiß nicht; es scheint, seine Gesundheit gibt zu Besorgnissen Anlaß; gestern hat die Frau Baronin die Doktoren Desplein und Bianchon berufen . . .«

Eines Tages wollten Fremde Newton sehen, und zwar in dem Augenblick, als er einem seiner Hunde namens Beauty Arznei eingab; Beauty – es war eine Hündin – brachte ihn, wie man weiß, um eine ungeheure Arbeit, und er sagte zu ihr nichts als: ›Ach, Beauty, du weißt nicht, was du eben vernichtet hast . . .‹ Die Fremden gingen voller Achtung vor den Arbeiten des großen Mannes davon. Im Leben aller hervorragenden Persönlichkeiten findet man eine kleine Hündin Beauty. Als der Marschall von Richelieu nach der Einnahme von Mahon, einer der größten Waffentaten des achtzehnten Jahrhunderts, Ludwig XV. beglückwünschte, sagte der König zu ihm: ›Wissen Sie schon die große Neuigkeit? . . . Der arme Lansmatt ist tot!‹ Lansmatt war ein Pförtner, der in die Intrigen des Königs eingeweiht war. Nie erfuhren die Pariser Bankiers, wie sehr sie Contenson verpflichtet waren. Dieser Spion war der Anlaß, daß Nucingen ein ungeheures Geschäft zum Abschluß kommen ließ, an dem er beteiligt war und das er ihnen ganz überließ. Sonst konnte der Luchs mit der Artillerie der Spekulation ein Vermögen aufs Korn nehmen, während der Mensch der Sklave des Glücks war.

Der berühmte Bankier nahm seinen Tee und nagte als ein Mensch, dessen Zähne seit langem nicht mehr vom Appetit geschärft wurden, an ein paar Butterbroten, als er an der kleinen Pforte seines Gartens einen Wagen halten hörte. Bald führte ihm sein Sekretär Contenson vor, den er erst in einem Café in der Nähe von Sainte-Pélagie hatte auffinden können, wo der Agent von dem Trinkgeld frühstückte, das ihm ein Schuldner gegeben hatte, weil er ihn unter gewissen Rücksichten, für die man bezahlt, ins Gefängnis brachte. Nun muß man wissen, daß Contenson ein ganzes Gedicht war, ein Pariser Gedicht. Bei seinem Anblick hätte man auf den ersten Blick erraten, daß Beaumarchais' Figaro, Molières Mascarillo, Marivaux' Frontins und Dancourts Lafleurs, jene großen Verkörperungen der verwegenen Schelmerei, mittelmäßig sind im Vergleich mit diesem Koloß des Geistes und des Elends. Wenn man in Paris einem Typus begegnet, so ist er kein Mensch mehr: er ist ein Schauspiel! Er ist nicht mehr ein Augenblick aus dem Leben, sondern ein Dasein, ein mehrfaches Dasein! Man brenne in einem Ofen eine Gipsbüste dreimal, und man erhält eine Art Bastardabbild florentinischer Bronze; nun, das Feuer unzähligen Unglücks, die Zwangslagen grauenhafter Situationen hatten Contensons Kopf bronziert, als hätte der Brodem eines Backofens dreimal auf sein Gesicht gewirkt. Die sehr tiefen Runzeln ließen sich nicht mehr glätten, sie bildeten ewige Falten, die im Innern weiß waren; das gelbe Gesicht bestand nur aus Runzeln. Der Schädel hatte gleich dem Voltaires die Empfindungslosigkeit eines Totenkopfes, und ohne die wenigen Haare ganz hinten hätte man daran gezweifelt, daß es der eines lebenden Menschen wäre. Unter einer regungslosen Stirn bewegten sich, ohne irgend etwas auszudrücken, Augen wie die der Chinesen, die man unter Glas an den Toren eines Teemagazins ausstellt, künstliche Augen, die das Leben nur spiegeln und deren Ausdruck sich niemals wandelt. Die Nase, stumpf wie die des Todes, verhöhnte das Schicksal; und der Mund, der dünn war wie der eines Geizhalses, stand immer offen und war trotzdem verschwiegen wie der Spalt eines Briefkastens. Contenson war ruhig wie ein Wilder, seine Hände waren braun; und so hatte dieser kleine und magere Mann jene vollkommen unbekümmerte Diogeneshaltung, die sich niemals den Formen der Achtung beugen kann. Und welche Kommentare über sein Leben und seine Sitten standen nicht für jeden, der ein Kostüm zu entziffern versteht, in seiner Kleidung geschrieben! . . . Was für eine Hose vor allem! . . . Eine Büttelhose, schwarz und glänzend wie der sogenannte ›Voile‹-Stoff, aus dem die Advokatenroben sind! Eine auf dem Trödelmarkt gekaufte Weste, aber eine Schalweste, und bestickt! . . . Ein Rock von rotem Schwarz! . . . Und all das gebürstet, fast sauber, geschmückt mit einer Uhr, die an einer Talmikette hing. Ein gefaltetes Hemd aus gelbem Perkal stand hervor, auf dem eine Nadel mit einem falschen Diamanten glänzte. Der Samtkragen glich einem Halseisen, und die roten Fleischfalten eines Karaiben hingen darüberhin. Der seidene Hut glänzte wie Satin, aber das Futter hätte zwei Lämpchen gespeist, wenn ein Krämer es gekauft hätte, um es auskochen zu lassen. Es ist nichts, wenn man diese Bestandteile nur aufzählt; man müßte schildern können, welche Bedeutung Contenson ihnen zu verleihen wußte. In dem Kragen des Rockes, in den frisch geputzten Stiefeln mit den klaffenden Sohlen lag jenes kokette Etwas, das kein französischer Ausdruck wiederzugeben vermag. Kurz, um diese Mischung so verschiedener Töne halbwegs klarzumachen, will ich sagen, daß ein Mann von Geist bei Contensons Anblick dieses eine begriffen hätte: wäre er statt eines Spitzels Dieb gewesen, so wäre man vor all diesen Lumpen, statt ein Lächeln auf den Lippen zu haben, vor Grauen erschaudert. Nach dem Kostüm hätte ein Beobachter sich gesagt: ›Das ist ein heimtückischer Mensch, er spielt, er trinkt, er hat Laster, aber er berauscht sich nicht, und er betrügt nicht; er ist weder Dieb noch Meuchelmörder.‹ Und Contenson blieb wirklich undefinierbar, bis einem das Wort Spion in den Sinn kam. Dieser Mann hatte so viele unbekannte Berufe ausgeübt, wie es ihrer bekannte gibt. Das schlaue Lächeln seiner blassen Lippen, das Zwinkern seiner grünlichen Augen, die kleine Grimasse seiner Stumpfnase verrieten, daß es ihm nicht an Geist fehlte. Er hatte ein Gesicht aus Weißblech, und die Seele mußte dem Gesicht gleich sein. Daher waren die Bewegungen seiner Züge eher Grimassen, die der Höflichkeit abgerungen waren, als der Ausdruck seiner inneren Regungen. Er hätte beängstigt, wenn er nicht zum Lachen gereizt hätte. Contenson, eins der seltsamsten Produkte des Schaums, der über der brodelnden Pariser Kufe schwimmt, in der alles Gärung ist, tat sich vor allem etwas darauf zugute, daß er Philosoph war. Er sagte ohne Bitterkeit: ›Ich habe große Talente; aber ich gebe sie umsonst, es ist, als wäre ich ein Kretin.‹ Und er verurteilte sich selbst, statt die Menschen anzuklagen. Man suche Spione, die nicht mehr Galle haben, als Contenson hatte. ›Die Umstände sind gegen uns,‹ sagte er immer von neuem zu seinen Chefs; ›wir könnten Kristall sein, aber wir bleiben Sandkörner, das ist alles.‹

Sein Zynismus in Dingen der Kleidung hatte einen Sinn, er legte auf seinen Straßenanzug ebensowenig Wert, wie es die Schauspieler tun: er glänzte in Verkleidungen, im Schminken. Er hätte Frédéric Lemaître unterrichten können, denn er konnte sich im Notfall zum Dandy machen. Er mußte in seiner Jugend zu der verfallenen Gesellschaft der Leute mit Häusern für geheime Vergnügungen gehört haben. Er legte die tiefste Antipathie gegen die Kriminalpolizei an den Tag, denn er hatte unter dem Kaiserreich der Polizei Fouchés angehört, den er als einen großen Mann ansah. Seit der Aufhebung des Polizeiministeriums hatte er als Ausweg die Verhaftung von Schuldnern erwählt; aber seine bekannten Fähigkelten, seine Schlauheit machten ihn zu einem kostbaren Werkzeug, und die unbekannten Leiter der politischen Polizei hatten seinen Namen in ihren Listen behalten. Contenson war ebenso wie seine Kameraden nur einer der Statisten des Dramas, dessen erste Rollen ihren Vorgesetzten zufielen, sobald es sich um eine politische Arbeit handelte.

»Kehn Se,« sagte Nucingen, indem er durch eine Geste seinen Sekretär fortschickte.

›Weshalb wohnt dieser Mensch in einem Hotel und ich in einem möblierten Zimmer? . . .‹ fragte Contenson sich selber. ›Er hat seine Gläubiger dreimal an der Nase herumgeführt, und er hat gestohlen; ich habe nie einen Heller genommen . . . Ich habe mehr Talent als er . . .‹

»Gondanzon, main Glainer,« sagte der Baron, »Sie haben mir abgeluchst ainen Tausendfrankenschain . . .« »Meine Geliebte war Gott und dem Teufel schuldig . . .« »Du hast aine Keliepte?« rief Nucingen aus, indem er Contenson mit einer Bewunderung ansah, in die sich Neid mischte. »Ich bin erst siebzig Jahre alt,« erwiderte Contenson als ein Mensch, den wie ein verhängnisvolles Beispiel das Laster jung erhalten hatte. »Und was macht se?« »Sie hilft mir,« sagte Contenson. »Wenn man Dieb ist und eine anständige Frau liebt einen, so wird sie entweder Diebin, oder man wird ein ehrlicher Mensch. Ich bin Spitzel geblieben.« »Du prauchst immer Keld?« fragte Nucingen. »Immer,« sagte Contenson lächelnd; »es ist mein Stand, daß ich mir welches wünsche, wie es der Ihre ist, welches zu verdienen; wir können uns verständigen: raffen Sie es zusammen, ich mache mich anheischig, es auszugeben. Sie sollen der Brunnen sein, ich der Eimer.« »Willste verdienen finfhündert Franken? . . .« »Schöne Frage! . . . Aber bin ich dumm! . . . Sie bieten sie mir nicht, um die Ungerechtigkeit des Schicksals mir gegenüber wieder gutzumachen.« »Was haißt! Ich lege sie ßu dem Tausender, den du mir stipitzt hast; das macht finfzehnhündert Franken, die ich dir keb.« »Gut, Sie geben mir die tausend Franken, die ich schon habe, und Sie legen fünfhundert Franken hinzu . . .« »Kanß recht,« sagte Nucingen mit einem Kopfnicken. »Das macht immer erst fünfhundert Franken,« sagte Contenson unerschütterlich. »Die ich kebe! . . .« erwiderte der Baron. »Die ich bekomme. Nun, gegen welche Werte will der Herr Baron sie eintauschen?« »Man hat mir kesagt, daß in Baris ain Mensch lebt, der kann finden die Frau, die ich liebe, und daß du seine Atreß hast . . . Kurz, ain Maister der Schbionasche!« »Allerdings . . .« »Kut, kieb mir die Atreß, und du hast die finfhündert Franken.« »Wo sind sie?« erwiderte Contenson lebhaft. »Hier,« sagte der Baron, indem er einen Schein aus der Tasche zog. »Schön, geben Sie her,« sagte Contenson, indem er die Hand ausstreckte. »Keben, keben! Laß uns kehen ßu suchen den Mann, und du hast das Keld, denn du könntest verkaufen viele Atressen um diesen Preis.«

Contenson brach in Lachen aus. »Wahrhaftig, Sie haben das Recht, so von mir zu denken,« sagte er, während es schien, als hielte er sich zurück. »Je hundsgemeiner unser Stand ist, um so mehr bedarf er der Ehrlichkeit. Aber lassen Sie sehen, Herr Baron, sagen Sie sechshundert Franken, und ich werde Ihnen einen guten Rat geben.« »Kieb und verlaß dich auf maine Kroßmut . . .« »Ich will es wagen,« sagte Contenson; »aber ich spiele gewagtes Spiel. In Dingen der Polizei, sehen Sie, muß man unterirdisch vorgehen. Sie sagen: Los, auf! . . . Sie sind reich; Sie glauben, alles weiche vor dem Geld. Das Geld ist ja auch etwas. Aber mit Geld hat man nach den zwei oder drei tüchtigen Leuten unseres Metiers immer erst die Menschen. Und es gibt Dinge, an die man nicht denkt, die sich nicht kaufen lassen! . . . Den Zufall nimmt man nicht in Sold. Daher macht man die Dinge im guten Polizeidienst auch nicht so. Wollen Sie sich mit mir im Wagen zeigen? Man wird uns begegnen. Man hat den Zufall ebensosehr für sich wie gegen sich.« »Wahr,« sagte der Baron. »Wahrhaftig, ja, Herr Baron. Ein Hufeisen, das der Polizeipräfekt in der Straße auflas, führte ihn zur Entdeckung der Höllenmaschine. Nun, wenn wir heute abend im Dunkeln zu Herrn von Saint-Germain führen, so würde ihm nicht mehr daran liegen, Sie bei sich zu sehen, als Ihnen, gesehen zu werden, wenn Sie zu ihm fahren.« »Das ist richtig,« sagte der Baron. »Ah, er ist der Stärkste der Starken, die Stütze des berühmten Corentin, des rechten Arms Fouchés, den manche für seinen natürlichen Sohn ausgeben; er soll ihn als Priester gezeugt haben; aber das sind Dummheiten: Fouché verstand es, Priester zu sein, wie er es verstanden hat, Minister zu sein. Nun, sehen Sie, diesen Mann werden Sie nicht unter zehn Tausendfrankenscheinen an die Arbeit bringen . . . Überlegen Sie sichs . . . Aber Ihre Angelegenheit wird erledigt, und gut erledigt. Nicht gesehen noch erkannt, wie man sagt. Ich werde den Herrn von Saint-Germain benachrichtigen müssen, und er wird Ihnen ein Stelldichein geben irgendwo, wo niemand etwas hören oder sehen kann; denn er setzt sich Gefahren aus, wenn er auf Rechnung Privater Polizeidienste leistet. Aber was wollen Sie! . . . Er ist ein braver Mensch, der König der Menschen, und ein Mensch, der große Verfolgungen durchgemacht hat, und obendrein, weil er Frankreich gerettet hatte! . . . Wie übrigens auch ich, wie alle, die es gerettet haben!«

»Kut; du kannst mir schraiben die Schäferstunde,« sagte der Baron, indem er über diesen vulgären Scherz lächelte. »Der Herr Baron schmiert mir nicht einmal die Pfote? . . .« sagte Contenson mit zugleich demütiger und drohender Miene.

»Schan,« rief der Baron seinem Gärtner zu, '»keh, laß dir von Schorsch ßwanßig Franken keben und bring se her . . .«

»Wenn freilich der Herr Baron keine andern Angaben machen kann, als er mir gegeben hat, so zweifle ich, ob ihm der Meister von Nutzen sein kann.« »Hab ich andre!« erwiderte der Baron mit schlauem Gesicht. »Ich habe die Ehre, dem Herrn Baron einen guten Tag zu wünschen,« sagte Contenson, indem er das Zwanzigfrankenstück nahm; »ich werde die Ehre haben, wiederzukommen und Georg zu sagen, wo der Herr Baron sich heute abend einfinden soll, denn man darf im guten Polizeidienst niemals etwas schreiben.«

›Gomisch, wieviel Keist diese Burschen haben!‹ sagte der Baron vor sich hin; ›es ist in der Bolißei kenau wie bei den Keschäften.‹

Als Contenson den Baron verließ, ging er ruhig von der Rue Saint-Lazare in die Rue Saint-Honoré und bis zum Café David; er blickte dort durch die Scheiben und bemerkte einen Greisen, der unter dem Namen Vater Canquoelle bekannt war.

Das Café David, das in der Rue de la Monnaie lag, genoß während der ersten dreißig Jahre dieses Jahrhunderts eine gewisse Berühmtheit, die freilich auf das sogenannte ›Quartier des Bourdonnais‹ beschränkt blieb. Dort versammelten sich die alten Händler, die sich zur Ruhe gesetzt hatten, und die Großkaufleute, die noch im Geschäft standen: die Camusots, die Lebas, die Pilleraults, die Popinots, und ein paar Grundbesitzer wie der kleine Vater Molineux. Man sah dort von Zeit zu Zeit auch den alten Vater Guillaume, der aus der Rue du Colombier dorthin kam. Man sprach dort unter sich von Politik, freilich vorsichtig, denn der Standpunkt des Café David war der Liberalismus. Man erzählte sich die Klatschereien des Quartiers, so stark empfinden die Menschen das Bedürfnis, sich übereinander lustig zu machen! . . . Dieses Café hatte, wie übrigens alle Cafés, seinen Sonderling, und zwar in eben jenem Vater Canquoelle, der dort seit dem Jahre 1811 verkehrte und der mit den ehrlichen Leuten, die sich dort versammelten, so sehr im Einklang zu stehen schien, daß niemand sich Zwang antat, wenn man in seiner Gegenwart von Politik sprach. Bisweilen war dieser Ehrenmann, dessen Einfalt den Stoff zu vielen Scherzen unter den Stammgästen hergab, auf einen oder zwei Monate verschwunden; aber sein Ausbleiben, das man stets seinen Krankheiten oder seinem Alter zuschrieb, denn er schien schon 1811 sein sechzigstes Jahr überschritten zu haben, erstaunte niemals irgend jemanden.

»Was ist denn aus dem Vater Canquoelle geworden? . . .« fragte man die Büfettdame. »Ich denke mir,« erwiderte sie, »wir werden eines schönen Tages durch die ›kleinen Anzeigen‹ von seinem Tod erfahren.«

Der Vater Canquoelle lieferte in seiner Aussprache einen beständigen Beweis seiner Herkunft; er sagte: estatue, especialle, le peuble und ture statt turc. Sein Name war der eines kleinen Landsitzes, der Les Canquoelles hieß, ein Wort, das in einigen Provinzen ›Maikäfer‹ bedeutet; dieses Landgut lag im Departement Vaucluse, aus dem er gekommen war. Man nannte ihn schließlich nur noch Canquoelle, ohne daß der Biedermann sich darüber ärgerte, der Adel schien ihm seit 1793 tot zu sein; übrigens gehörte ihm das Lehnsgut Les Canquoelles nicht, er war der jüngere Sohn einer jüngeren Linie. Heute würde der Anzug des Vaters Canquoelle seltsam erscheinen; aber zwischen 1811 und 1820 setzte er niemanden in Erstaunen. Dieser Greis trug Schuhe mit facettierten Stahlschnallen, seidene Strümpfe mit abwechselnd weißen und blauen wagerechten Streifen, eine Hose aus glattem Seidenstoff mit ovalen Schnallen, die der Form nach denen der Schuhe glichen. Eine weiße Weste mit Stickereien, ein alter Rock aus grünlich-braunem Tuch mit Metallknöpfen und ein Hemd mit gefälteltem Jabot vervollständigten dieses Kostüm. In halber Höhe des Jabots glänzte ein goldenes Medaillon, in dem man unter Glas einen kleinen Tempel aus Haaren sah: eine jener wundervollen Gefühlskleinigkeiten, die die Menschen beruhigen, genau wie eine Scheuche die Spatzen erschreckt. Die meisten Menschen lassen sich wie die Tiere durch ein Nichts erschrecken und beruhigen. Die Hose des Vaters Canquoelle wurde von einer Schnalle gehalten, die sie nach der Mode des letzten Jahrhunderts oberhalb des Bauches zusammenzog. Vom Gürtel hingen parallel zwei stählerne Ketten herab, die sich in mehrere kleine Ketten teilten und in allerlei Berlocken endeten. Seine weiße Krawatte wurde hinten von einer kleinen goldenen Schnalle gehalten. Sein schneeiger, gepuderter Kopf schließlich war noch 1816 mit dem städtischen Dreispitz geschmückt, den auch Herr Try, der Vorsitzende des Tribunals, trug. Diesen Hut, der dem Greisen so teuer war, hatte der Vater Canquoelle seit kurzem durch jenen unedlen runden Hut ersetzt, gegen den sich niemand zu empören wagt – der Biedermann hatte geglaubt, seiner Zeit dieses Opfer schuldig zu sein. Ein kleiner, von einem Band zusammengehaltener Zopf beschrieb auf dem Rücken des Rocks eine kreisförmige Spur, wo das Fett unter einer dünnen Puderschicht verschwand. Wenn man nur den beherrschenden Zug dieses Gesichts sah, die Nase, die voller Höcker war, rot und wohl würdig, in einer Schüssel voll Trüffel zu figurieren, so schloß man auf einen umgänglichen, albernen und gutmütigen Charakter, und man ließ sich von diesem ehrlichen Greise, der wesentlich Tropf war, genau so täuschen, wie sich das ganze Café David täuschen ließ; denn niemand hatte dort je die beobachtende Stirn, den sardonischen Mund und die kalten Augen dieses Greises beachtet, den die Laster eingelullt hatten und der ruhig geworden war wie ein Vitellius; und auch der kaiserliche Bauch war sozusagen durch eine Wiedergeburt bei ihm entwickelt. 1816 betrank sich dort ein junger Handlungsreisender zwischen elf Uhr und Mitternacht mit einem pensionierten Offizier. Er war unvorsichtig genug, von einer ziemlich ernsten Verschwörung gegen die Bourbonen zu sprechen, die eben vor ihrem Ausbruch stand. Im Café sah man nur noch den Vater Canquoelle, der eingeschlafen zu sein schien. Zwei schlummernde Kellner und die Büfettdame. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden war Gaudissart verhaftet, und die Verschwörung war entdeckt. Zwei Leute fanden den Tod auf dem Schafott. Weder Gaudissart noch irgend jemand sonst faßte je Verdacht, daß der Vater Canquoelle Lunte gerochen hätte. Man entließ die Kellner, man behielt einander ein Jahr lang im Auge, und man entsetzte sich über die Polizei, die mit dem Vater Canquoelle zusammen arbeitete, obwohl er davon sprach, das Café David zu verlassen: so sehr graue ihm vor der Polizei.

Contenson betrat das Café, verlangte ein kleines Glas Branntwein und sah den Vater Canquoelle, der damit beschäftigt war, die Journale zu lesen, nicht einmal an; nur nahm er, als er sein Glas Branntwein hinuntergegossen hatte, das Goldstück des Barons und rief den Kellner, indem er dreimal kurz auf den Tisch schlug. Die Büfettdame und der Kellner prüften das Goldstück mit einer Sorgfalt, die für Contenson sehr beleidigend war, aber ihr Mißtrauen rechtfertigte sich durch das Befremden, das allen Stammgästen das Aussehen Contensons erregte.

›Ist dieses Gold das Ergebnis eines Diebstahls oder eines Mordes? . . .‹ das war der Gedanke einiger starker und klarblickender Geister, die Contenson unter der Brille her ansahen, obwohl sie scheinbar ihre Blätter lasen. Contenson, der all das sah und nie über irgend etwas erstaunte, wischte sich mit einem Tuch, das nur dreimal gestopft worden war, geringschätzig den Mund ab, nahm sein Kleingeld in Empfang, schob all die Sous in seine Geldtasche, deren einst weißes Futter ebenso schwarz war wie das Tuch der Hose, und ließ dem Kellner keinen einzigen.

»Was für ein Galgenvogel!« sagte der Vater Canquoelle zu Herrn Pillerault, seinem Nachbar. »Bah!« gab Herr Camusot dem ganzen Café zur Antwort; er allein hatte nicht das geringste Erstaunen verraten; »das ist Contenson, der rechte Arm Louchards, unseres Exekutors am Handelsgericht. Die Schelme haben vielleicht einen im Quartier zu rupfen . . .«

Eine Viertelstunde darauf erhob sich der Biedermann Canquoelle, nahm seinen Schirm und ging ruhig davon.

Ist es nicht nötig, hier aufzuklären, welcher furchtbare und tiefe Mensch sich unter dem Anzug des Vaters Canquoelle verbarg, genau wie der Abbé Carlos das Versteck Vautrins war? Dieser Südländer, der auf Les Canquoelles, dem einzigen Besitz seiner übrigens recht ehrenwerten Familie, geboren war, hieß Peyrade. Er gehörte in Wirklichkeit der jüngeren Linie des Hauses de la Peyrade an, einer alten, aber armen Familie der Grafschaft, die noch heute das kleine Gut La Peyrade besitzt. Er war als siebentes Kind mit sechs Franken in der Tasche zu Fuß nach Paris gekommen, und zwar im Jahre 1772, als er siebzehn Jahre alt war; ihn trieben die Fehler eines wilden Temperaments und das brutale Verlangen, es zu etwas zu bringen, das so viele Südländer in die Hauptstadt treibt, wie sie erkannt haben, daß das väterliche Haus ihnen nie die für ihre Leidenschaften nötige Rente geben kann. Wir haben die ganze Jugend Peyrades enthüllt, wenn wir sagen, daß er 1782 der Vertraute, der Heros des Generalpolizeiamts war, wo die Herren Lenoir und d'Albert, die beiden letzten Generalleutnants, ihn sehr hochschätzten. Die Revolution kannte keine Polizei, sie hatte sie nicht nötig. Die Spionage, wie sie damals verbreitet war, nannte sich Bürgersinn. Das Direktorium, dessen Regierung ein wenig regelmäßiger war als die des Wohlfahrtskomitees, sah sich gezwungen, von neuem eine Polizei einzurichten, und der erste Konsul vervollständigte die Schöpfung durch die Polizeipräfektur und das Ministerium der allgemeinen Polizei. Peyrade, der Mann der Traditionen, schuf gemeinsam mit einem Menschen namens Corentin, der übrigens, obwohl viel jünger, doch viel stärker war als Peyrade und Genie nur in den unterirdischen Abteilungen der Polizei bewies, das Personal. 1808 fanden die ungeheuren Dienste, die Peyrade leistete, ihren Lohn in seiner Berufung auf den hervorragenden Posten eines Generalpolizeikommissars zu Antwerpen. In Napoleons Vorstellung kam diese Polizeipräfektur einem Polizeiministerium gleich, das den Auftrag hatte, Holland zu überwachen. Als der Kaiser aus dem Feldzug von 1809 zurückkehrte, wurde Peyrade auf Grund einer Kabinettsorder in Antwerpen aufgehoben, zwischen zwei Gendarmen mit der Post nach Paris befördert und ins Untersuchungsgefängnis geworfen. Zwei Monate darauf verließ er seine Zelle, da sein Freund Corentin für ihn Bürgschaft leistete; aber er hatte doch drei Verhöre zu je sechs Stunden durchmachen müssen. Verdankte Peyrade seine Ungnade der fabelhaften Regsamkeit, mit der er Fouché in der Verteidigung der französischen Küsten unterstützt hatte, die durch den mittlerweile sogenannten Feldzug von Walcheren angegriffen worden waren, wobei der Herzog von Otranto Talente entfaltete, die den Kaiser beängstigten? Es war damals schon für Fouché wahrscheinlich; aber heute, da jedermann weiß, was damals in dem von Cambacérès berufenen Ministerrat vorging, ist es zur Gewißheit geworden. Die Minister waren alle zu Boden geschmettert von der Nachricht über das Attentat Englands, das Napoleon den Feldzug von Boulogne zurückgeben wollte, und sie sahen sich überrumpelt ohne den Meister, der auf der Insel Lobau verschanzt war, wo ganz Europa ihn für verloren hielt; und also wußten sie nicht; welchen Entschluß sie fassen sollten. Die allgemeine Meinung ging dahin, dem Kaiser einen reitenden Boten zu schicken, aber Fouché allein wagte es, den Feldzugsplan zu entwerfen, den er auch ausführte, »Handeln Sie, wie Sie wollen,« sagte Cambacérès zu ihm; »mir aber ist mein Kopf zu lieb, und ich schicke dem Kaiser einen Bericht.«

Man weiß, welchen absurden Vorwand der Kaiser ergriff, als er bei seiner Rückkehr vor versammeltem Staatsrat seinem Minister die Gnade entzog und ihn dafür bestrafte, daß er Frankreich ohne ihn gerettet hatte. Seit jenem Tage stand dem Kaiser außer der Feindschaft des Fürsten von Talleyrand auch die des Herzogs von Otranto im Wege, und sie waren die beiden einzigen großen Politiker, die aus der Revolution hervorgegangen waren und die Napoleon 1813 vielleicht hätten retten können. Um Peyrade zu beseitigen, ergriff man den vulgären Vorwand der Veruntreuung; er hatte den Schmuggel begünstigt, indem er mit dem Großhandel ein paar Gewinste teilte. Diese Behandlung war hart für einen Mann, der den Marschallstab des Generalkommissariats großen Diensten verdankte, die er geleistet hatte. Dieser inmitten der Geschäfte gealterte Mann kannte die Geheimnisse aller Regierungen, die sich seit 1775 gefolgt waren; denn in diesem Jahre war er in das Generalpolizeiamt eingetreten. Der Kaiser, der sich für stark genug hielt, sich Menschen zu seinem Gebrauch zu schaffen, achtete nicht auf die Vorstellungen, die man ihm zugunsten eines Mannes machte, der als eines der verläßlichsten, der geschicktesten und schlauesten jener unbekannten Genies galt, die die Aufgabe haben, über die Sicherheit der Staaten zu wachen. Er glaubte, Peyrade durch Contenson ersetzen zu können; aber Contenson wurde damals von Corentin in Anspruch genommen, und zwar zu dessen Nutzen. Peyrade war um so grausamer getroffen, als er, ein Wüstling und Schlemmer, sich den Frauen gegenüber in der Lage eines Zuckerbäckers befand, der Naschwerk liebt. Seine lasterhaften Gewohnheiten waren ihm zur Natur geworden: er konnte es nicht mehr entbehren, gut zu speisen, zu spielen, kurz, jenes Leben eines prunklosen großen Herrn zu führen, dem sich alle Menschen von großen Fähigkeiten ergeben, wenn ihnen übermäßige Zerstreuungen zum Bedürfnis geworden sind. Dann hatte er bisher im großen Stil gelebt, ohne je zur Repräsentation verpflichtet zu sein, aus dem Vollen speisend, denn man rechnete nie mit ihm oder seinem Freund Corentin. Als ein zynisch geistreicher Mensch liebte er seinen Stand, er war Philosoph. Schließlich kann ein Spion, auf welcher Stufe der Leiter der Polizei er auch stehe, ebensowenig wie ein Sträfling in einen sogenannten ehrlichen oder freien Beruf zurückkehren. Spione wie Sträflinge haben, wenn sie einmal auf der Liste stehen, gleich den Kirchendienern einen unauslöschlichen Charakter. Es gibt Wesen, denen ihr sozialer Stand ihr Schicksal unweigerlich aufprägt. Zu seinem Unglück hatte Peyrade sich in ein hübsches kleines Mädchen vernarrt, in ein Kind, das er selbst mit einer berühmten Schauspielerin gezeugt hatte, der er einen Dienst erwies und die ihm drei Monate lang dankbar war. Peyrade sah sich also, als er sein Kind aus Antwerpen kommen ließ, in Paris ohne Mittel, abgesehen von einer Unterstützung in Höhe von jährlich zwölfhundert Franken, die die Polizeipräfektur dem alten Schüler Lenoirs zukommen ließ. Er nahm in der Rue des Moineaux in einem vierten Stock eine kleine Wohnung von fünf Zimmern, für die er zweihundertfünfzig Franken zahlte.

Wenn je ein Mensch, muß da nicht der moralisch Aussätzige, den die Masse einen Spion, das Volk einen Spitzel und die Verwaltung einen Agenten nennt, fühlen, wie nützlich, wie angenehm die Freundschaft ist? Peyrade und Corentin also waren Freunde, wie Orest und Pylades es waren. Peyrade hatte Corentin zu dem gemacht, was er war; genau wie Vien David zu dem gemacht hat, was er wurde; aber der Schüler übertraf den Meister gar bald. Sie hatten zusammen mehr als einen Feldzug unternommen (siehe ›Eine dunkle Begebenheit‹). Peyrade, der glücklich war, weil er Corentins Begabung erraten hatte, lancierte ihn in seiner Laufbahn, indem er ihm einen Triumph bereitete. Er zwang seinen Schüler, sich einer Geliebten, die ihn verabscheute, als Angel zu bedienen, um einen Menschen zu fangen. Und Corentin war damals kaum fünfundzwanzig Jahre alt! . . . Corentin war einer der Generale geblieben, deren Konnetabel der Polizeiminister ist, und er hatte unter dem Herzog von Rovigo die hervorragende Stellung bewahrt, die er unter dem Herzog von Otranto eingenommen hatte. Nun war es damals bei der politischen Polizei genau so wie bei der Kriminalpolizei. Bei jeder ein wenig ausgedehnten Angelegenheit schloß man mit den drei, vier oder fünf tüchtigen Agenten einen Akkord. Wenn der Minister von irgendeiner Verschwörung unterrichtet oder vor irgendeinem Anschlag gewarnt wurde, einerlei, wie es geschah, so sagte er zu einem der Obersten seiner Polizei: ›Was brauchen Sie, um zu dem und dem Ergebnis zu kommen?‹ Corentin, Contenson antworteten dann nach reiflicher Erwägung! ›Zwanzig-, dreißig-, vierzigtausend Franken.‹

War dann einmal der Auftrag zum Vorrücken gegeben, so blieben alle anzuwendenden Mittel und Leute der Wahl und dem Urteil Corentins oder des gewählten Agenten überlassen. Die Kriminalpolizei arbeitete übrigens mit dem berühmten Vidocq in der Entdeckung der Verbrechen ebenso.

Die politische Polizei wählte wie die Kriminalpolizei ihre Leute hauptsächlich unter den bekannten, registrierten, eingewöhnten Agenten, wie sie gleichsam die Soldaten dieser Streitmacht bilden, die für die Regierungen so notwendig ist, was auch die Philanthropen oder die Moralisten mit ihrer kleinen Moral dagegen einwenden mögen. Aber das ungeheure Vertrauen, das den zwei oder drei Generalen von der Art Peyrades und Corentins gebührte, brachte für sie das Recht mit sich, unbekannte Personen zu verwenden, freilich stets unter der Bedingung, daß sie in ernsten Fällen dem Minister Bericht erstatten mußten. Nun waren Peyrades Erfahrung und Schlauheit für Corentin zu kostbar, und sowie der Sturm von 1810 vorüber war, verwandte er seinen alten Freund; er zog ihn stets zu Rate und sorgte reichlich für seine Bedürfnisse. Corentin fand Mittel und Wege, Peyrade etwa tausend Franken im Monat zu geben, Peyrade seinerseits leistete Corentin ungeheure Dienste. 1816 versuchte Corentin anläßlich der bonapartistischen Verschwörung, an der Gaudissart teilnehmen sollte, Peyrade in die politische Polizei wieder einzuführen; aber ein unbekannter Einfluß setzte sich ihm entgegen. Der Grund war dieser. In ihrem Wunsch, sich unentbehrlich zu machen, hatten Peyrade, Corentin und Contenson auf Anstiften des Herzogs von Otranto für Ludwig XVIII. eine Gegenpolizei organisiert, in der die Agenten ersten Ranges ihre Stellung fanden, Ludwig XVIII. starb, unterrichtet von Geheimnissen, die den bestunterrichteten Historikern Geheimnisse bleiben werden. Der Kampf der politischen Polizei des Königreichs mit der Gegenpolizei des Königs erzeugte grauenhafte Verwicklungen, deren Geheimnisse durch einige Hinrichtungen bewahrt worden sind. Es ist hier weder der Ort noch die Gelegenheit, uns in dieser Hinsicht in Einzelheiten einzulassen, denn die Szenen aus dem Pariser Leben sind nicht die Szenen aus dem politischen Leben; und es genügt, darauf aufmerksam zu machen, welches die Existenzmittel des Mannes waren, den man im Café David den Vater Canquoelle nannte, und durch welche Fäden er mit der furchtbaren und geheimnisvollen Macht der Polizei zusammenhing. Von 1817 bis 1822 hatten Corentin, Contenson, Peyrade und ihre Agenten oft genug den Auftrag, das Ministerium selbst zu überwachen. Darin liegt die Erklärung, weshalb das Ministerium es ablehnte, Peyrade und Contenson zu verwenden, auf die Corentin ohne ihr Wissen den Verdacht der Minister lenkte; denn als ihm die Wiedereinsetzung seines Freundes in sein Amt unmöglich schien, wollte er ihn wenigstens ausnutzen. Die Minister hatten hinfort auch wirklich Vertrauen zu Corentin und beauftragten ihn, Peyrade zu überwachen, was Ludwig XVIII. ein Lächeln entlockte. So wurden Corentin und Peyrade zu Herren des Terrains. Contenson, der seit langem an Peyrade hing, diente ihm immer noch. Er war auf Befehl Corentins und Peyrades in den Dienst der Exekutoren des Handelsgerichts getreten. In jener Wut nämlich, die ein mit Liebe ausgeübter Beruf einflößt, machte es diesen beiden Generalen Freude, ihre gewandtesten Soldaten überall da anzustellen, wo Auskünfte in Fülle zu erwarten waren. Übrigens erforderten Contensons Laster und seine entarteten Gewohnheiten, die ihn tiefer gestürzt hatten als seine beiden Freunde, viel Geld, und also mußte er viel Arbeit verrichten. Contenson hatte Louchard, ohne eine Indiskretion zu begehen, gesagt, er kenne den einzigen Mann, der imstande wäre, den Baron von Nucingen zufriedenzustellen. Peyrade war denn auch der einzige Agent, der ungestraft auf Rechnung eines Privatmannes Polizeidienste leisten konnte. Als Ludwig XVIII. starb, verlor Peyrade nicht nur seine ganze Bedeutung, sondern auch die Einkünfte seiner Stellung als regelmäßiger Spion Seiner Majestät. Da er sich für unentbehrlich hielt, so hatte er seine Lebensweise fortgesetzt. Die Frauen, das Wohlleben und der ›Cercle des Etrangers‹Name eines damals berühmten Klubs. hatten diesen Mann, der, wie alle für das Laster geschaffenen Leute, eine eiserne Konstitution besaß, vor jeder Sparsamkeit bewahrt. Von 1826 bis 1829 freilich, während welcher Zeit er nahezu sein vierundsiebzigstes Jahr erreichte, ließ er nach, wie er es ausdrückte. Von Jahr zu Jahr hatte Peyrade zusehen müssen, wie es mit seinem Wohlsein abwärts ging. Er erlebte das Begräbnis der Polizei, er erkannte mit Bedauern, daß die Regierung Karls X. ihre guten Traditionen verließ. In jeder neuen Sitzung beschnitt die Kammer die Bewilligungen ein wenig mehr, die für das Dasein der Polizei notwendig sind, denn man haßte dieses Regierungswerkzeug und wollte die ganze Einrichtung von vornherein demoralisieren. ›Das ist gerade, als wollte man in weißen Handschuhen kochen‹ sagte Peyrade zu Corentin.

Corentin und Peyrade hatten 1830 schon 1822 vorausgesehen. Sie kannten den heimlichen Haß, den Ludwig XVIII. seinem Nachfolger entgegenbrachte, der auch seine Nachgiebigkeit gegen die ältere Linie erklärte und ohne den seine Regierung und seine Politik ein Rätsel ohne Lösung wären.

Je mehr Peyrade alterte, um so größer war seine Liebe zu seiner natürlichen Tochter geworden. Für sie hatte er seine bürgerliche Gestalt angenommen, denn er wollte seine Lydia mit einem ehrlichen Mann verheiraten. Deshalb wollte er auch, vor allem seit den letzten drei Jahren, entweder in der Polizeipräfektur oder in der Direktion der politischen Polizei des Königreichs unterkommen, und zwar in irgendeiner Stellung, die er zeigen, die er eingestehen konnte. Er hatte schließlich selbst eine Stellung erfunden, deren Notwendigkeit sich, wie er zu Corentin sagte, früher oder später fühlbar machen würde. Es handelte sich darum, in der Polizeipräfektur ein sogenanntes ›Auskunftsbureau‹ zu schaffen, das ein Vermittler zwischen der Pariser Polizei im eigentlichen Sinne, der Kriminalpolizei und der Polizei des Königreichs werden sollte; auf diese Weise wollte er der Generaldirektion all diese zerstreuten Mächte dienstbar machen. Peyrade allein konnte in seinem Alter nach fünfundfünfzig Jahren der Verschwiegenheit das Ringglied bilden, das die drei Zweige der Polizei vereinigte, den Archivar, an den sich die Politik wie die Justiz wenden mußten, um in gewissen Fällen Aufklärung zu erhalten. Peyrade hoffte so mit Hilfe Corentins eine Gelegenheit zu finden, um der kleinen Lydia eine Mitgift und einen Gatten zu verschaffen. Corentin hatte schon mit dem Generaldirektor der Polizei des Königreichs darüber gesprochen, ohne aber Peyrade zu erwähnen; und der Generaldirektor, ein Südländer, hielt es für nötig, ein Gutachten der Präfektur einzuziehen.

In dem Augenblick, als Contenson dreimal mit seinem Goldstück auf den Tisch schlug – ein Signal, das bedeutete: ›ich habe mit Euch zu sprechen‹ –, dachte der Älteste der Polizeiagenten eben über folgendes Problem nach: ›Durch welche Persönlichkeit, durch welches Interesse soll ich den gegenwärtigen Polizeipräfekten gewinnen?‹ Und dabei sah er aus wie ein Dummkopf, der seinen ›Französischen Kurier‹ studierte.

›Unser armer Fouché,‹ sagte er bei sich selber, während er die Rue Saint-Honoré dahinschritt, ›dieser große Mann, ist tot! Unsere Vermittler mit Ludwig XVIII. sind in Ungnade. Übrigens glaubt man, wie Corentin mir gestern sagte, nicht mehr an die Regsamkeit und Findigkeit eines Siebzigers . . . Ach, weshalb habe ich mir angewöhnt, bei Véry zu speisen, köstliche Weine zu trinken . . . bei Mutter Godichon lustige Liedchen zu singen und zu spielen, wenn ich Geld habe? Um sich eine Stellung zu sichern, genügt es nicht, daß man Geist hat, wie Corentin sagt, sondern man muß auch noch den Geist der guten Haltung besitzen! Dieser teure Herr Lenoir hat mir mein Los ja vorausgesagt, als er bei Gelegenheit der Halsbandaffäre rief: ›Sie werden es nie zu etwas bringen!‹ sobald er erfuhr, daß ich nicht unter dem Bett der Dirne Oliva geblieben war.‹

Wenn der ehrwürdige Vater Canquoelle – man nannte ihn auch in seinem Hause Vater Canquoelle – im vierten Stock der Rue des Moineaux geblieben war, so kann man wohl glauben, daß er in der Verteilung der Räume Eigentümlichkeiten gefunden hatte, die die Ausübung seiner furchtbaren Obliegenheiten begünstigten. Sein Haus lag an der Ecke der Rue Saint-Roche und stand auf der einen Seite frei. Da es vermittelst einer Treppe in zwei Teile geteilt war, lagen in jedem Stockwerk zwei Zimmer, die absolut abgeschlossen waren. Diese beiden Zimmer blickten in die Rue Saint-Roche. Oberhalb des vierten Stocks erstreckten sich die Mansarden, deren eine als Küche diente, während die andere von der einzigen Dienerin des Vaters Canquoelle bewohnt wurde; es war eine Flamländerin namens Katt, die Lydia gesäugt hatte. Der Vater Canquoelle hatte das eine der abgetrennten Zimmer zu seinem Schlafzimmer gemacht, das andere zum Arbeitszimmer. Eine dicke Mauer schloß dieses Arbeitszimmer nach hinten ab. Das Fenster, das auf die Rue des Moineaux ging, blickte auf eine einspringende Mauer ohne Fenster. Da nun die ganze Breite des Schlafzimmers die beiden Freunde von der Treppe trennten, so fürchteten sie keinen Blick und kein Ohr, wenn sie in diesem für ihr furchtbares Gewerbe eigens geschaffenen Zimmer von Geschäften sprachen. Aus Vorsicht hatte Peyrade in das Zimmer der Flamländerin ein Strohbett und einen mit Kuhhaargewebe unterlegten sehr dicken Teppich getan, indem er sagte, er wolle die Amme seines Kindes damit erfreuen. Ferner hatte er den Kamin vermauert und bediente sich eines Ofens, dessen Rohr durch die Außenmauer auf die Rue Saint-Roche ging. Schließlich hatte er den Boden mit mehreren Teppichen bedeckt, um die Bewohner des untern Stockwerks daran zu hindern, daß sie das geringste Geräusch auffingen. Da er in allen Spionagemitteln bewandert war, so untersuchte er einmal in der Woche die hintere Mauer, die Decke und den Boden und durchforschte sie wie jemand, der lästige Insekten töten will. Die Gewißheit, daß er hier ohne Zeugen und Zuhörer war, hatte auch Corentin veranlaßt, dieses Arbeitszimmer als Beratungssaal zu wählen, wenn er nicht zu Hause beriet. Corentins Wohnung war nur dem Generalpolizeidirektor des Königreichs und Peyrade bekannt; er empfing dort diejenigen Persönlichkeiten, die das Ministerium oder die Krone in ernsten Sachen zu Vermittlern nahmen; aber kein Agent, kein Subalterner kam dorthin, und die Berufsangelegenheiten erledigte er bei Peyrade. In diesem unscheinbaren Zimmer wurden Pläne gesponnen, wurden Entschlüsse gefaßt, die wunderliche Annalen und seltsame Dramen ergeben würden, wenn die Mauern reden könnten. Dort wurden zwischen 1816 und 1826 ungeheure Interessen analysiert. Dort wurden die Keime der Ereignisse entdeckt, die so schwer auf Frankreich lasten sollten. Dort sagten sich Peyrade und Corentin, die ebenso klarblickend, aber besser unterrichtet waren als der Generalprokurator Bellart, schon 1819: ›Wenn Ludwig XVIII. den und den Schlag nicht führen, sich des und des Prinzen nicht entledigen will, so verabscheut er also seinen Bruder? Er will ihm also eine Revolution vermachen?‹

Peyrades Tür war mit einer Schiefertafel versehen, auf der er zuweilen, mit Kreide geschrieben, wunderliche Zeichen und Ziffern fand. Diese Höllenalgebra gab den Eingeweihten sehr klare Anweisungen. Lydias Wohnung lag der so kümmerlichen Peyrades gegenüber; sie bestand aus einem Vorzimmer, einem kleinen Salon, einem Schlafzimmer und einer Ankleidekammer. Lydias Tür bestand wie die zu Peyrades Schlafzimmer aus einer Eisenplatte von vier Zoll Dicke, die zwischen zwei starken Eichenplanken lag; sie war mit Schlössern und einem Angelsystem versehen, die einen Einbruch ebenso schwierig machten wie bei den Türen der Gefängnisse. Daher lebte Lydia dort auch, obwohl das Haus unten einen langen dunklen Treppenflur, einen Laden und keinen Pförtner hatte, ohne die geringste Furcht. Das Speisezimmer, der kleine Salon und das Schlafzimmer, deren Fenster alle schwebende Gärtchen hatten, waren von flämischer Sauberkeit und voller Luxus eingerichtet. Die flämische Amme hatte Lydia, die sie ihre Tochter nannte, nie verlassen. Beide gingen mit einer Regelmäßigkeit in die Kirche, die dem royalistischen Krämer unten im Hause an der Ecke der Rue des Moineaux und der Rue Neuve Saint-Roche, dessen Familie, Küche und Kommis den ersten Stock und den Zwischenstock inne hatten, eine ausgezeichnete Meinung von dem Biedermann Canquoelle gab. Im zweiten Stock wohnte der Hauseigentümer, und der dritte Stock war seit zwanzig Jahren an einen Steinmetz vermietet. Jeder der Mieter hatte einen Schlüssel zur Haustür. Die Frau des Krämers nahm Briefe und Pakete für die drei friedlichen Haushaltungen um so freundlicher an, als der Krämerladen mit einem Briefkasten versehen war. Ohne diese Einzelheiten hätten weder Fremde noch solche, denen Paris bekannt ist, die Heimlichkeit und Ruhe der Verlassenheit und Sicherheit begreifen können, die dieses Haus zu einer Ausnahme in Paris machten. Von Mitternacht an konnte der Vater Canquoelle alle Anschläge schmieden, Spione und Minister, Frauen und Dirnen empfangen, ohne daß irgend jemand in der Welt davon erfuhr. Peyrade, von dem die Flamländerin zu der Köchin des Krämers gesagt hatte: ›Der würde keiner Fliege etwas zuleide tun!‹ galt für den besten der Menschen. Für seine Tochter sparte er nichts. Lydia, die Schmucke zum Musiklehrer gehabt hatte, war so musikalisch, daß sie komponieren konnte. Sie verstand, in Sepia zu tuschen und mit Wasserfarben zu malen. Peyrade speiste jeden Sonntag mit seiner Tochter. An diesem Tag war der Biedermann ausschließlich Vater. Lydia war religiös, ohne Frömmlerin zu sein; und jeden Monat beichtete sie und nahm das Abendmahl. Nichtsdestoweniger erlaubte sie sich von Zeit zu Zeit das kleine Vergnügen, ins Theater zu gehen. Wenn das Wetter schön war, ging sie in den Tuilerien spazieren. Das waren all ihre Genüsse, denn sie führte eine völlig häusliche Lebensweise. Lydia, die ihren Vater anbetete, hatte keine Ahnung von seiner unheimlichen Begabung und seinen dunklen Beschäftigungen. Kein Verlangen hatte das reine Leben dieses so reinen Kindes getrübt. Schlank, schön wie ihre Mutter, begnadet mit einer entzückenden Stimme, im Besitz eines feinen Lärvchens, das von schönem, blondem Haar umrahmt war, glich sie jenen eher mystischen als realen Engeln, wie sie ein paar primitive Maler in den Hintergrund ihrer Heiligen Familie setzten. Der Blick ihrer blauen Augen schien einen Strahl des Himmels über den zu gießen, dem sie die Gunst erwies, ihn anzusehen. Ihre keusche Kleidung, die keine modischen Übertreibungen duldete, atmete ein reizendes Parfüm von Bürgerlichkeit aus. Man stelle sich einen alten Satan vor, der einen Engel zur Tochter hat und sich durch diese Berührung mit dem Göttlichen erfrischt, so hat man einen Begriff von Peyrade und seiner Tochter. Wenn irgend jemand diesen Diamanten beschmutzt hätte, so hätte der Vater, um diesen zu verschlingen, eine jener grauenhaften Fallen erfunden, in denen sich unter der Restauration die Unglücklichen fingen, die ihren Kopf aufs Schafott trugen. Tausend Taler im Jahr genügten für Lydia und Katt, die sie ihre Bonne nannte.

Als Peyrade oben in die Rue des Moineaux einbog, sah er Contenson; er ging an ihm vorbei, stieg als erster hinauf und führte seinen Agenten, als er seine Schritte auf der Treppe hörte, hinein, ehe noch die Flamländerin die Nase zur Küchentür hinausgesteckt hatte. Eine Glocke, die von einer Tür mit Guckfenster in Bewegung gesetzt wurde und die im dritten Stockwerk hing, da, wo der Steinmetz wohnte, meldete es den Mietern des dritten und vierten Stockwerks, wenn jemand zu ihnen hinaufging. Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß Peyrade stets um Mitternacht den Klöppel dieser Glocke umwickelte.

»Was gibt es denn so Eiliges, Philosoph?« ›Philosoph‹ war der Beiname, den Peyrade Contenson gegeben hatte und den dieser Epiktet unter den Spitzeln auch verdiente. Dieser Name ›Contenson‹ verbarg – ach! einen der ältesten Namen des normannischen Feudaladels (sieh ›Les Frères de la Consolation‹). »Nun, es gibt so gegen Zehntausend zu verdienen.« »Was ist es? Politik?« »Nein, eine Kinderei! Der Baron von Nucingen, Sie wissen, dieser alte patentierte Dieb wiehert einer Frau nach, die er im Wald von Vincennes gesehen hat; und man muß sie ihm auffinden, oder er stirbt vor Liebe . . . Man hat gestern eine ärztliche Konsultation abgehalten, nach dem, was mir sein Kammerdiener gesagt hat . . . Ich habe ihm unter dem Vorwand, ich wolle ihm das Liebchen suchen, schon tausend Franken aus der Nase gezogen.« Und Contenson erzählte die Begegnung Nucingens und Esthers, indem er hinzufügte, der Baron habe einige neue Angaben zu machen.

»Geh,« erwiderte Peyrade, »wir werden diese Dulzinea finden, sag dem Baron, er solle heute abend im Wagen auf die Champs Elysées kommen, in die Avenue Gabriel, an der Ecke der Allee von Marigny.«

Peyrade setzte Contenson vor die Tür und pochte bei seiner Tochter, wie man pochen mußte, um eingelassen zu werden. Er trat freudig ein, denn der Zufall hatte ihm ein Mittel zugeworfen, endlich die Stellung, nach der er sich sehnte, zu erhalten. Er warf sich in einen guten Voltairesessel und sagte zu seiner Tochter, nachdem er sie zuvor auf die Stirn geküßt hatte: »Spiele mir etwas vor.«

Lydia spielte ihm ein Stück vor, das Beethoven für das Piano geschrieben hatte. »Das hast du hübsch gespielt, mein kleines Schäfchen,« sagte er, indem er seine Tochter zwischen die Knie zog, »Weißt du, daß wir einundzwanzig Jahr alt sind? Wir müssen heiraten, denn unser Vater ist über siebzig alt . . .« »Ich bin hier glücklich,« erwiderte sie. »Du liebst nur mich? Aber ich bin doch so häßlich und alt!« sagte Peyrade. »Aber wen soll ich denn lieben?« »Ich speise bei dir, mein kleines Schäfchen; sag Katt Bescheid. Ich denke daran, uns anders einzurichten; ich will eine Stellung annehmen und dir einen Gatten suchen, der deiner würdig ist . . . irgendeinen guten jungen Mann, der Talent hat und auf den du eines Tages stolz sein kannst . . .« »Ich habe erst einen gesehen, der mir als Gatte gefallen hätte . . .« »Du hast schon einen gesehen? . . .« »Ja, in den Tuilerien,« erwiderte Lydia; »er ging vorüber, er hatte der Gräfin von Sérizy den Arm gereicht.« »Er heißt? . . .« »Lucien von Rubempré . . . Ich saß mit Katt unter einer Linde und dachte an nichts. Neben mir saßen zwei Damen, die untereinander sagten: ›Das ist Frau von Sérizy und der schöne Lucien von Rubempré.‹ Ich sah mir das Paar an, das auch die beiden Damen ansahen. ›Ah, meine Liebe‹ sagte die andere, ›es gibt Frauen, die recht glücklich sind. Der da läßt man alles hingehen, weil sie eine geborene von Ronquerolles ist und ihr Mann die Macht hat.‹ ›Aber, meine Liebe‹ erwiderte die erste, ›Lucien kostet sie recht viel.‹ . . . Was heißt das, Papa?« »Das sind Dummheiten, wie die Leute aus der Gesellschaft sie sagen,« gab Peyrade seiner Tochter mit gutmütiger Miene zur Antwort. »Vielleicht spielten sie auf politische Ereignisse an.« »Nun, du hast mich gefragt, ich antworte dir. Wenn du mich verheiraten willst, so suche mir einen Gatten, der diesem jungen Mann ähnlich sieht . . .« »Kind,« erwiderte der Vater, »beim Mann ist die Schönheit nicht immer ein Zeichen der Güte. Junge Leute mit angenehmem Äußern begegnen im Anfang ihres Lebens keinerlei Schwierigkeiten, sie entfalten keinerlei Talent, sie werden durch das Entgegenkommen der Welt verdorben, und sie müssen nachher die Zinsen für ihre Eigenschaften zahlen! . . . Ich möchte dir das suchen, was die Bürger, die Reichen und die Dummköpfe ohne Unterstützung und Schutz lassen . . .« »Wer ist das, Vater?« »Der unbekannte Mann von Talent . . . Aber geh, mein liebes Kind, ich bin imstande, alle Dachkammern von Paris zu durchstöbern und dein Programm zu erfüllen, indem ich dir einen Mann zu lieben gebe, der ebenso schön ist wie der schlechte Kerl, von dem du redest, der aber zugleich eine Zukunft hat, einen jener Leute, die vorbestimmt sind für den Ruhm und das Glück . . . Oh, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht! Ich muß eine Herde von Neffen haben, und unter ihrer Zahl findet sich vielleicht einer, der deiner würdig ist! . . . Ich will in die Provence schreiben oder schreiben lassen!«

Seltsam! In ebendiesem Augenblick kam ein junger Mann, der vor Hunger und Ermattung fast tot war, aus dem Departement Vaucluse, und er zog ein durch das Italienische Tor; es war ein Neffe des Vaters Canquoelle auf der Suche nach seinem Onkel. In den Träumen der Familie, der das Schicksal dieses Onkels unbekannt war, blieb Peyrade ein Text der Hoffnung: man glaubte, er sei mit Millionen aus Indien helmgekehrt! Von solchen Winterabendmärchen getrieben, hatte dieser Neffe namens Theodosius eine Entdeckungsreise unternommen, um den unbekannten Onkel zu suchen.

Als Peyrade ein paar Stunden lang sein Vaterglück gekostet hatte, schritt er mit ausgewaschenen und gefärbten Haaren – sein Puder war eine Maske –, bekleidet mit einem guten dicken, blauen Tuchrock, der bis zum Kinn hinauf zugeknöpft war, eingehüllt in einen schwarzen Mantel, die Füße in groben Stiefeln mit dicken Sohlen und versehen mit einer geheimen Karte, langsamen Schrittes die Avenue Gabriel entlang, wo ihm vor den Garten des Elysée Bourbon, als alte Obsthändlerin verkleidet, Contenson entgegentrat.

»Herr von Saint-Germain,« sagte Contenson, indem er seinem ehemaligen Chef seinen Kriegsnamen gab, »ich habe durch Sie fünfhundert Franken verdient; aber ich habe hier Posto gefaßt, um Ihnen zu sagen, daß der verdammte Baron sie mir nicht gegeben hat, ohne zuvor ins Haus – die Präfektur – zu fahren und Auskünfte einzuholen.« »Ich werde dich zweifellos nötig haben,« sagte Peyrade. »Sprich mit unsern Nummern sieben, zehn und einundzwanzig. Die Leute werden wir verwenden können, ohne daß man es bei der Polizei oder auf der Präfektur merkt.«

Contenson kehrte in die Nähe des Wagens zurück, in dem Herr von Nucingen auf Peyrade wartete.

»Ich bin Herr von Saint-Germain,« sagte der Südländer zu dem Baron, indem er sich bis zum Wagenschlag erhob. »Kut, staigen Se ain,« erwiderte der Baron, der Befehl gab, zum Triumphbogen hinzufahren. »Sie sind auf der Präfektur gewesen, Herr Baron? Das ist nicht recht . . . Darf man wissen, was Sie dem Herrn Präfekten gesagt haben und was er erwidert hat?« fragte Peyrade. »Ehe ich ainem Schelm wie Gondanzon sechshündert Franken kab, sollte ich doch wissen, ob er se hat verdient . . . Ich hab kesagt zum Bolißeibräfekten, daß ich wollte verwenden ainen Achenten namens Beirate fier aine telikate Mission im Ausland; und ob ich könnte haben unbekrenztes Vertrauen ßu ihm. Der Bräfekt hat mir kesagt, Sie wären ainer der keschicktesten und ehrlichsten Leite. Das ist alles.« »Will mir der Herr Baron sagen, um was es sich handelt, da man ihm meinen wahren Namen offenbart hat?«

Als der Baron in seinem scheußlichen Dialekt des polnischen Juden ausführlich und wortreich Auskunft gegeben hatte über seine Begegnung mit Esther, über den Schrei des Jägers, der hinter dem Wagen gestanden hatte, und über seine vergeblichen Bemühungen, schloß er damit, daß er erzählte, was sich am Tage zuvor bei ihm ereignet hatte; er berichtete von dem Lächeln, das Lucien von Rubempré entschlüpft war, und von dem Glauben Bianchons, den auch einige Dandys geteilt hätten, an einen Verkehr zwischen der Unbekannten und diesem jungen Mann.

»Hören Sie, Herr Baron, Sie werden mir zunächst zehntausend Franken auf die Kosten einhändigen; denn für Sie handelt es sich in dieser Angelegenheit um das Leben; und da Ihr Leben eine Geschäftsfabrik ist, so darf man nichts versäumen, damit Sie diese Frau finden. Ah! Sie sind erwischt!« »Ja, ich bin erwischt . . .« »Wenn mehr nötig ist, so werde ich es Ihnen sagen, Baron; verlassen Sie sich auf mich,« fuhr Peyrade fort. »Ich bin kein Spion, wie Sie vielleicht glauben . . . Ich war 1807 Generalpolizeikommissar in Antwerpen, und jetzt, da Ludwig XVIII. tot ist, kann ich Ihnen auch anvertrauen, daß ich sieben Jahre hindurch seine Gegenpolizei geleitet habe . . . Man handelt also nicht mit mir. Sie begreifen, Herr Baron, daß man keinen Voranschlag darüber machen kann, wieviel Gewissen man zu kaufen hat, ehe man eine Angelegenheit auch nur studiert hat. Seien Sie ohne Sorge, ich komme zum Ziel. Glauben Sie aber nicht, daß Sie mich mit irgendeiner Summe zufriedenstellen können; ich will etwas anderes als Lohn . . .« »Wenn es kain Gönigreich ist . . .« sagte der Baron. »Es ist für Sie weniger als ein Nichts.« »Das ist kut!« »Sie kennen die Kellers?« »Kenau.« »Franz Keller ist der Schwiegersohn des Grafen von Gondreville, und der Graf von Gondreville hat gestern mit seinem Schwiegersohn bei Ihnen gespeist.« »Wer Teifel kann Ihnen kesagt haben . . .?« rief der Baron. »Schorsch wird es sei; der schwatzt immer.« Peyrade brach in ein Lachen aus. Dem Bankier kam ein seltsamer Verdacht über seinen Bedienten, als er dieses Lächeln bemerkte.

»Der Graf von Gondreville ist ganz in der Lage, mir eine Stellung in der Polizeipräfektur zu verschaffen, die ich mir wünsche und über deren Einrichtung der Präfekt innerhalb von achtundvierzig Stunden eine Denkschrift haben wird,« sagte Peyrade, indem er fortfuhr. »Bitten Sie für mich um diese Stellung; sorgen Sie dafür, daß der Graf von Gondreville sich mit der Sache befaßt, und zwar warm; so werden Sie sich für den Dienst, den ich Ihnen leisten will erkenntlich zeigen. Ich verlange von Ihnen nur Ihr Wort; denn wenn Sie es brächen, so würden Sie den Tag verfluchen, an dem Sie geboren sind . . . Auf Peyrades Ehre!« »Ich keb Ihnen main Ährenwort, daß ich will tun das mögliche . . .« »Wenn ich für Sie nur das mögliche tun wollte, so wäre das nicht genug.« »Kut, ich will offen handeln.« »Offen . . . Das ist alles, was ich verlange; sagte Peyrade, »und die Offenheit ist das einzige ein wenig neue Geschenk, das wir einander machen können.« »Offen,« wiederholte der Baron. »Wo wollen Se, daß ich Se absetze?« »Am Ende des Pont Louis Seize.« »Ssur Kammerbricke,« sagte der Baron zu dem Diener, der an den Wagenschlag trat.

›Ich werd also pesitzen die Unpegannte,‹ sagte der Baron vor sich hin, als er davonfuhr.

›Was für ein wunderlicher Zufall!‹ sagte Peyrade bei sich selber, während er zu Fuß zum Palais Royal zurückkehrte, denn dort hoffte er die zehntausend Franken zu verdreifachen,Dort lagen die Lotteriebureaus. um Lydia eine Mitgift geben zu können. ›Da soll ich nun die kleinen Angelegenheiten des jungen Mannes untersuchen, der meine Tochter mit einem Blick bezaubert hat. Er gehört ohne Zweifel zu jenen Männern, die das ›Frauenauge‹ haben,‹ sagte er bei sich selber mit einem Wort aus der Geheimsprache, die er sich für seinen Gebrauch zurechtgelegt hatte und in der seine Beobachtungen wie die Corentins in Worte zusammengefaßt wurden, die zwar oft die Sprache vergewaltigten, aber ebendeshalb malerisch und energisch waren.

Als der Baron von Nucingen nach Hause kam, sah er sich selbst nicht mehr ähnlich; er setzte seine Leute und seine Frau in Erstaunen: er zeigte ihnen ein belebtes Gesicht voller Farbe; er war lustig.

»Weh unsern Aktionären!« sagte du Tillet zu Rastignac.

Man nahm eben nach der Rückkehr aus der Oper in Delphine von Nucingens kleinem Salon den Tee. »Ja,« erwiderte lächelnd der Baron, da er den Scherz seines Kollegen aufgefangen hatte, »ich habe das Bedürfnis, Keschäfte zu machen . . .« »So haben Sie Ihre Unbekannte gesehen?« fragte Frau von Nucingen. »Nain,« erwiderte er; »ich hab nur Hoffnung, sie ßu finden.«

»Liebt man je so seine Frau? . . .« rief Frau von Nucingen aus, während sie ein wenig Eifersucht empfand, weil sie sie heuchelte. »Wenn Sie sie für sich haben,« sagte du Tillet zu dem Baron, »so werden Sie uns mit ihr zum Souper einladen; denn ich bin begierig darauf, das Geschöpf zu sehen, das Sie so jung machen konnte, wie Sie es sind,« »Sie ist ain Meisterwerk der Nadur,« erwiderte der alte Bankier.

»Er wird sich fangen lassen wie ein Minderjähriger,« sagte Rastignac Delphine ins Ohr. »Bah, er verdient doch wohl Geld genug, um . . .« »Ein wenig wieder auszugeben, nicht wahr?« sagte du Tillet, indem er die Baronin unterbrach.

Nucingen ging im Salon spazieren, als stolperte er über seine Beine. »Das ist der Augenblick, um sich Ihre neuen Schulden von ihm bezahlen zu lassen,« sagte Rastignac der Baronin ins Ohr.

In ebendiesem Augenblick verließ Carlos die Rue Taitbout voller Hoffnung. Er war dorthin gekommen, um Europa die letzten Anweisungen zu geben; denn sie sollte die Hauptrolle in der Komödie spielen, die erfunden worden war, um den Baron von Nucingen zu betrügen. Bis zum Boulevard begleitete den Spanier Lucien, den es ziemlich stark beunruhigte, als er diesen Halbteufel so vollkommen verkleidet sah, daß er selbst ihn nur an der Stimme hatte erkennen können.

»Wo zum Teufel hast du eine Frau gefunden, die schöner ist als Esther?« fragte er seinen Verführer. »Mein Kleiner, so etwas findet man nicht in Paris. Ein solcher Teint wird nicht in Frankreich erzeugt.« »Ich will sagen, du siehst mich noch ganz starr . . . Die Venus Kallipyga ist nicht so schön gewachsen! Man könnte sich für sie dem Teufel verschreiben . . . Aber woher hast du sie?« »Sie ist die schönste Londoner Dirne. Im Ginrausch hat sie in einem Eifersuchtsanfall ihren Liebhaber getötet. Der Liebhaber ist ein Elender, den die Londoner Polizei glücklich los ist, und man hat dieses Geschöpf, damit die Sache in Vergessenheit gerät, auf einige Zeit nach Paris geschickt . . . Die Schelmin ist recht gut erzogen. Sie ist die Tochter eines Ministers; sie spricht Französisch, als wäre das ihre Muttersprache; sie weiß nicht und darf nie erfahren, was sie da macht. Wir haben ihr gesagt, wenn sie dir gefalle, so könne sie dir Millionen verzehren; aber du seiest eifersüchtig wie ein Tiger; und wir haben ihr das Programm nach Esthers Leben vorgeschrieben.« »Aber wenn Nucingen sie Esther vorzöge?« »Ah! da haben wir dich . . .« rief Carlos. »Du fürchtest heute, es könne nicht geschehen, was dich gestern so sehr erschreckte! Sei unbesorgt. Dieses blonde und weiße Mädchen hat blaue Augen: sie ist der Gegensatz der schönen Jüdin, und nur Esthers Augen können einen so verfaulten Menschen wie Nucingen aufstören. Du konntest doch keine Scheuche verstecken, zum Teufel! Wenn diese Puppe ihre Rolle ausgespielt hat, werde ich sie unter dem Geleit einer zuverlässigen Person nach Rom oder nach Madrid schicken, wo sie Leidenschaften entfachen wird.« »Da wir sie nur auf kurze Zeit haben,« sagte Lucien, »so kehre ich zu ihr zurück . . .« »Geh, mein Sohn, amüsiere dich . . . Morgen hast du noch einen Tag. Ich erwarte jemanden, dem ich den Auftrag gegeben habe, zu erkunden, was beim Baron von Nucingen vorgeht.« »Wen?« »Die Geliebte seines Kammerdieners; denn schließlich muß man fortwährend wissen, was beim Feind geschieht.«

Um Mitternacht fand Paccard, Esthers Jäger, Carlos auf dem Pont des Arts, dem günstigsten Ort in Paris, wenn man sich ein paar Worte zu sagen hat, die niemand hören darf. Während sie miteinander sprachen, sah der Jäger nach der einen Seite, während sein Herr in die entgegengesetzte Richtung spähte.

»Der Baron ist heute zwischen vier und fünf Uhr auf der Polizeipräfektur gewesen,« sagte der Jäger; »und heute abend hat er sich gerühmt, daß er die Frau, die er im Wald von Vincennes gesehen hat, finden würde; man hat sie ihm versprochen . . .« »So werden wir beobachtet werden!« sagte Carlos; »aber von wem?« »Man hat sich schon einmal Louchards bedient, des Exekutoren.« »Das wäre Kinderei,« erwiderte Carlos. »Wir haben nur das Sicherheitskorps und die Kriminalpolizei zu fürchten; und sowie die sich nicht regt, können wir uns regen! . . .« »Noch eins . . .« »Was?« »Die Freunde der Kette . . . Ich bin gestern Lapouraille begegnet . . . Er hat einen Haushalt kalt gemacht und zehntausend ›Thonen‹Hier beginnen die später in diesem Roman häufiger auftretenden Einsprengsel aus der Verbrechersprache. zu je fünf Rädern erbeutet . . . in Gold!« »Man wird ihn verhaften,« sagte Jakob Collin; »das ist der Mord in der Rue Boucher.« »Welches ist die Losung?« fragte Paccard mit der ehrfurchtsvollen Miene, die ein Marschall zeigen mochte, wenn er von Ludwig XVIII. die Losung entgegennahm. »Ihr werdet jeden Abend um zehn Uhr ausfahren. Ihr werdet in scharfer Fahrt in die Wälder von Vincennes, Meudon oder Ville d'Avray gehen. Wenn euch jemand beobachtet oder folgt, so laß mit dir reden, sei zugänglich, schwatzhaft, bestechlich. Sprich von der Eifersucht Rubemprés, der wahnsinnig verliebt ist in die ›gnädige Frau‹ und der vor allem nicht will, daß man in der Gesellschaft erfährt, daß er eine solche Geliebte hat . . .« »Genügt. Muß ich bewaffnet sein?« »Nie!« sagte Carlos lebhaft. »Eine Waffe! . . . Wozu dient die? Um Unglück anzurichten! Wenn man dem stärksten Menschen mit dem Hieb, den ich dir gezeigt habe, die Beine zerbrechen kann . . . wenn man sich gegen drei bewaffnete Stockmeister schlagen kann, und zwar mit der Gewißheit, zwei von ihnen zu Boden zu strecken, ehe sie noch ihr Seitengewehr gezogen haben – was fürchtet man da? Hast du nicht deinen Stock?« »Allerdings,« sagte der Jäger.

Paccard, beibenannt ›Alte Garde‹, ›Braver Kerl‹ und ›Festheran‹, ein Mann mit eisernen Kniekehlen, stählernem Arm, italienischem Backenbart, künstlerischer Haartracht und einem Gesicht, bleich und regungslos wie das Contensons, verbarg sein Feuer im Innern, und er erfreute sich einer Tambourmajorsstatur, die jeden Argwohn verbannte. Einer, der aus Poissy oder Melun entsprungen ist, hat nicht jene ernsthafte Geckerei und jenen Glauben an seine Vorzüge. Als Dschaafar des Harun al-Raschid des Bagnos bezeigte er ihm die freundschaftliche Bewunderung, die Peyrade für Corentin empfand. Dieser ungeheuer langbeinige Koloß, der keine starke Brust und nicht zuviel Fleisch auf den Knochen hatte, ging ernsten Schrittes auf seinen beiden Stelzen umher. Nie bewegte sich die Rechte, ohne daß auch das rechte Auge die äußern Umstände mit jener ruhigen Geschwindigkeit prüfte, wie sie dem Dieb und dem Spion eigen ist. Das linke Auge ahmte dem rechten nach. Dürr, beweglich, zu jeder Stunde zu allem bereit, so wäre nach Jakobs Worten Paccard ohne jenen vertrauten Feind, den man den Branntwein der Helden nennt, vollkommen gewesen, da er alle Talente, die ein Mensch, der mit der Gesellschaft im Kampf lebt, braucht, im höchsten Grade besaß; doch war es dem Meister gelungen, den Sklaven zu überreden, daß er dem Feuer nur einen Teil von sich preisgab und also nur abends trank. Wenn Paccard nach Hause kam, trank er das flüssige Gold hinunter, das ihm die dickbäuchige Steingutflasche aus Danzig eingoß.

»Man wird das Auge offen halten,« sagte Paccard, nachdem er den gegrüßt hatte, den er seinen Beichtvater nannte, und indem er seinen prachtvollen Federhut aufsetzte.

Durch diese Ereignisse kam es dahin, daß sich die Leute, die, jeder in seiner Sphäre, so stark waren wie Jakob Collin, Peyrade und Corentin, auf einem und demselben Boden in einen Kampf verwickelt sahen, in dem sie ihr Genie entfalten konnten und in dem ein jeder für seine Leidenschaft oder seine Interessen kämpfte. Es war eine jener furchtbaren Schlachten, von denen man nichts weiß, in denen aber an Talent, an Haß, an Gereiztheit, an Märschen und Gegenmärschen und Listen genau so viel Kraft aufgewandt wird, wie nötig ist, um ein Vermögen zu begründen. Menschen und Mittel, das alles war auf seiten Peyrades Geheimnis; sein Freund Corentin unterstützte ihn bei dem ganzen Feldzug, der für sie eine Kinderei war. Daher schweigt auch die Geschichte über diesen Gegenstand, wie sie über die wahren Ursachen vieler Revolutionen schweigt.

Aber dieses ist das Ergebnis: Fünf Tage nach der Unterredung des Herrn von Nucingen mit Peyrade stieg ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit jenem Bleiweißgesicht, das das Leben in der Gesellschaft den Diplomaten verleiht, bekleidet mit blauem Tuch, von ziemlich eleganter Haltung und annähernd der Erscheinung eines Staatsministers, aus einem prachtvollen Kabriolett, indem er seinem Bedienten die Zügel zuwarf. Er fragte den Kammerdiener, der auf einer Bank der Vorhalle gesessen hatte und ihm ehrerbietig die wundervolle Glastür aufhielt, ob der Baron von Nucingen zu sprechen wäre.

»Der Name des Herrn?« fragte der Bediente. »Sagen Sie dem Herrn Baron, ich käme aus der Avenue Gabriel,« erwiderte Corentin. »Wenn Gäste da sind, so hüten Sie sich, diesen Namen laut zu nennen; man würde Sie vor die Tür setzen.«

Eine Minute darauf kam der Kammerdiener zurück und führte Corentin durch die innern Gemächer in das Arbeitszimmer des Barons.

Corentin tauschte einen undurchdringlichen Blick gegen einen ebensolchen des Bankiers aus, und sie grüßten sich, wie es sich ziemte.

»Herr Baron,« sagte er, »ich komme im Namen Peyrades.« »Kut,« sagte der Baron, indem er aufstand, um die Riegel vor beide Türen zu schieben. »Die Geliebte des Herrn von Rubempré wohnt in der Rue Taitbout, in der ehemaligen Wohnung des Fräuleins von Bellefeuille, der ehemaligen Geliebten des Herrn von Granville, des Generalstaatsanwalts.« »Ah, so ticht bei mir!« rief der Baron, »wie gomisch!« »Es wird mir nicht schwer zu glauben, daß Sie wahnsinnig in diese prachtvolle Person verliebt sind; ich habe sie mit Vergnügen gesehen,« erwiderte Corentin. »Lucien ist so eifersüchtig auf dieses Mädchen, daß er ihr verbietet, sich zu zeigen; und er wird sehr von ihr geliebt, denn in den vier Jahren, seit sie der Bellefeuille in ihrem Mobiliar und ihrem Stand gefolgt ist, haben weder die Nachbarn noch der Pförtner noch die Mieter des Hauses sie je erblicken können. Das Liebchen fährt nur nachts spazieren. Wenn sie aufbricht, sind die Vorhänge des Wagenschlags herabgelassen, und die gnädige Frau ist verschleiert. Luciens Gründe, weshalb er diese Frau verbirgt, bestehen nicht nur in der Eifersucht: er soll Klotilde von Grandlieu heiraten, und er ist gegenwärtig der Günstling der Frau von Sérizy. Natürlich hängt er sowohl an seiner Prunkgeliebten wie an seiner Braut. Sie sind also Herr der Situation, denn Lucien wird sein Vergnügen seinen Interessen und seiner Eitelkeit aufopfern. Sie sind reich, es handelt sich wahrscheinlich um Ihr letztes Glück, also seien Sie freigebig. Sie werden durch die Kammerfrau ans Ziel gelangen. Geben Sie der Zofe etwa zehntausend Franken, so wird sie Sie in dem Schlafzimmer ihrer Herrin verstecken; und für Sie ist es das schon wert.«

Keine rhetorische Figur vermag die stoßweise, scharfe, apodiktische Redeweise Corentins zu malen; der Baron bemerkte sie, und er verriet Erstaunen; sein regungsloses Gesicht zeigte einen Ausdruck, den er ihm seit langem verwehrt hatte.

»Ich komme, um Sie für meinen Freund Peyrade um fünftausend Franken zu bitten; er hat einen Ihrer Scheine fallen lassen . . . ein kleiner Unfall,« fuhr Corentin im schönsten Befehlston fort. »Peyrade kennt sein Paris zu genau, um Anzeigekosten auf sich zu nehmen, und er hat auf Sie gezählt. Aber das ist nicht das Wichtigste,« sagte Corentin, indem er sich auf eine Art verbesserte, die der Geldforderung jede Bedeutung nahm. »Wenn Sie nicht auf Ihre alten Tage Kummer haben wollen, so verschaffen Sie Peyrade die Stellung, um die er Sie gebeten hat, und Sie können sie ihm leicht verschaffen. Der Generalpolizeidirektor des Königreichs wird gestern einen Bericht über diesen Gegenstand erhalten haben. Es handelt sich nur darum, daß Gondreville mit dem Polizeipräfekten darüber spricht. Nun, sagen Sie Malin, dem Grafen von Gondreville, es handle sich darum, einen von denen zu verpflichten, die ihn der Herren von Simeuse entledigt haben, so wird er sich regen.« »Ta, main Herr,« sagte der Baron, indem er fünf Tausendfrankenscheine nahm und Corentin hinreichte.

»Die Kammerfrau hat einen großen Jäger namens Paccard zum guten Freund. Er wohnt in der Rue de Provence bei einem Stellmacher, und er vermietet sich als Jäger an alle, die wie die Fürsten auftreten. Den Weg zu der Kammerfrau der Frau van Bogseck finden Sie durch Paccard, einen großen Piemonteser Schlingel, der den Wermut herzlich liebt.«

Offenbar war diese elegant als Postskriptum hingeworfene Auskunft die Quittung für die fünftausend Franken. Der Baron suchte zu erraten, welcher Rasse Corentin angehörte; seine Intelligenz sagte ihm, daß er in ihm eher einen Spionagedirektor vor sich hatte als einen Spion; aber Corentin blieb für ihn das, was für einen Archäologen eine Inschrift ist, an der mindestens drei Viertel der Buchstaben fehlen.

»Wie haißt die Gammerfrau?« fragte er. »Eugenie,« erwiderte Corentin, der den Baron grüßte und hinausging.

Der Baron von Nucingen verließ im Überschwang seiner Freude seine Geschäfte, seine Bureaus und stieg in dem glücklichen Fieber eines jungen Mannes von zwanzig Jahren, der in Gedanken ein erstes Stelldichein mit einer ersten Geliebten vorkostet, in seine Wohnung hinauf. Der Baron nahm alle Tausendfrankenscheine aus seiner Privatkasse, eine Summe, mit der er ein Dorf hätte glücklich machen können: fünfundfünfzigtausend Franken! Und er steckte sie in die Rocktasche. Denn die Verschwendung der Millionäre läßt sich nur mit ihrer Gewinngier vergleichen. Sowie es sich um eine Laune, eine Leidenschaft handelt, ist das Geld für einen Krösus nichts mehr. Es wird ihnen freilich auch schwerer, Launen zu finden, als Gold. Ein Genuß ist die größte Seltenheit ihres gesättigten Lebens, das voll ist von jenen Erregungen, wie die großen Anschläge der Spekulation sie geben, während doch diese trockenen Herzen gegen sie abgestumpft sind. Beispiel: Einer der reichsten Pariser Kapitalisten, der übrigens wegen seiner Wunderlichkeiten bekannt ist, begegnet eines Tages auf den Boulevards einer äußerst hübschen kleinen Arbeiterin. In Begleitung ihrer Mutter ging diese Grisette am Arm eines jungen Mannes von ziemlich zweifelhafter Kleidung und mit stutzerhaft wiegenden Hüften dahin. Auf den ersten Blick verliebt der Millionär sich in diese Pariserin; er folgt ihr bis in ihr Haus und tritt ein; er läßt sich ihr Leben erzählen, das gemischt ist aus Bällen bei Mabille, aus brotlosen Tagen, Theaterbesuchen und Arbeit. Er interessiert sich dafür und läßt unter einem Fünffrankenstück fünf Tausendfrankenscheine zurück: eine Großmut, die einen Schimpf in sich trägt. Am folgenden Tage kommt Braschon, ein berühmter Dekorateur, um die Befehle der Grisette entgegenzunehmen; er möbliert eine Wohnung, die sie selbst aussucht, und gibt dabei etwa zwanzigtausend Franken aus. Die Arbeiterin gibt sich phantastischen Hoffnungen hin: sie kleidet ihre Mutter anständig ein und schmeichelt sich mit dem Gedanken, ihren ehemaligen Geliebten in den Bureaus einer Versicherungsgesellschaft unterbringen zu können. Sie wartet . . . einen Tag, zwei Tage; dann eine Woche . . . zwei Wochen. Sie hält sich für verpflichtet, die Treue zu wahren, sie stürzt sich in Schulden. Der Kapitalist, den man nach Holland gerufen hat, vergißt die Arbeiterin; er geht nicht ein einziges Mal in das Paradies, in das er sie verpflanzt hat und aus dem sie von neuem so tief hinunterstürzt, wie man in Paris nur stürzen kann. Nucingen spielte nicht, Nucingen begönnerte keine Künste, Nucingen hatte keinerlei Launen: er mußte sich also in seine Leidenschaft für Esther mit einer Verblendung hineinstürzen, auf die Carlos Herrera gerechnet hatte.

Nach seinem Frühstück ließ der Baron Georg, seinen Kammerdiener, kommen und befahl ihm, in die Rue Taitbout zu gehen und Fräulein Eugenie, die Kammerfrau der Frau van Bogseck, zu bitten, daß sie in einer wichtigen Angelegenheit in seine Bureaus kommen möchte, »Du fiehrst sie selbst«, fügte er hinzu, »und läßt sie in main Ssimmer hinaufstaigen und sagst ihr, daß ihr Klück kemacht ist.«

Georg hatte große Mühe, Europa-Eugenie dazu zu bringen, daß sie mitkam. Die gnädige Frau, sagte sie, erlaubte ihr niemals, auszugehen; sie könnte ihre Stellung verlieren usw. Daher sang Georg denn auch dem Baron, der ihm zehn Louisdor gab, sein eigenes Lob in den höchsten Tönen. »Wenn die gnädige Frau heute nacht ohne sie ausfährt,« sagte Georg zu seinem Herrn, dessen Augen wie Karfunkeln blitzten, »so wird sie gegen zehn Uhr kommen,« »Kut; du kommst um nein, um mich anßußiehen und ßu vrisieren; denn ich will so kut aussehen wie möglich . . . Ich glaube, daß ich vor maine Keliepte treten werde, oder das Keld mißte nicht das Keld sein . . .«

Von zwölf bis ein Uhr mittags färbte der Baron sich Haar und Bart. Um neun Uhr machte er, nachdem er vor dem Diener ein Bad genommen hatte, wie ein Bräutigam Toilette; er parfümierte und putzte sich. Frau von Nucingen machte sich, als sie von dieser Verwandlung hörte, das Vergnügen, ihren Gatten zu besuchen.

»Mein Gott,« sagte sie, »wie lächerlich Sie sind! . . . Binden Sie doch wenigstens eine Krawatte aus schwarzem Satin um statt dieser weißen Krawatte, die Ihren Backenbart noch härter macht; außerdem ist das Empire, alter Biedermann, und Sie geben sich das Aussehen eines alten Parlamentsrats. Legen Sie doch Ihre Diamantknöpfe ab, die kosten das Stück hunderttausend Franken; die Äffin würde Sie darum bitten, und Sie könnten sie ihr nicht abschlagen; wenn Sie sie schon einer Dirne schenken wollen, stecken Sie sie lieber mir in die Ohren.«

Der arme Finanzier, dem die Richtigkeit dieser Bemerkungen einleuchtete, gehorchte seiner Frau mit sauertöpfischer Miene.

»Lächerlich! Lächerlich! . . . Ich habe Ihnen nie kesagt, daß Sie wären lächerlich, wenn Sie sich fain machten fier Ihren klainen Herrn von Rastignac.« »Ich hoffe sehr, daß Sie mich niemals lächerlich gefunden haben. Bin ich die Frau dazu, solche orthographischen Fehler in meiner Toilette zu machen? Lassen Sie sehen; drehen Sie sich um! . . . Knöpfen Sie den Rock bis oben zu, wie es der Herzog von Maufrigneuse macht, und lassen Sie mir die beiden obersten Knöpfe offen. Kurz, versuchen Sie, sich zu verjüngen!«

»Gnädiger Herr,« meldete Georg, »Fräulein Eugenie ist da.«

»Atiee, knädige Frau . . .« rief der Bankier. Er führte seine Frau bis über die Grenze ihrer Gemächer hinaus, um sicher zu gehen, daß sie der Unterredung nicht zuhören würde.

Als er zurückkam, nahm er Europa bei der Hand und führte sie mit einer gewissen ironischen Ehrfurcht in sein Zimmer. »Nun, maine Glaine, Sie haben Klück, denn Sie stehen im Tienst der schönsten Frau des Weltalls . . . Ihr Klück ist kemacht, wenn Sie wollen fier mich reden und fier maine Inderessen sorgen.« »Das würde ich nicht um zehntausend Franken tun,« rief Europa. »Sie begreifen, Herr Baron, daß ich vor allem ein anständiges Mädchen bin . . .« »Ja, ich will kut beßahlen Ihren Anschdand. Man nennt ihn im Keschäft aine Raridät.« »Und dann ist das nicht alles,« sagte Europa. »Wenn der gnädige Herr der gnädigen Frau nicht gefällt, und das ist möglich! so ärgert sie sich, und ich werde fortgeschickt . . . Meine Stellung bringt mir jährlich tausend Franken ein.« »Das Gapidal von tausend Franken bedrägt ßwanßigtausend; und wenn ich Ihnen die kebe, so verlieren Se nix.« »Meiner Treu, wenn Sie es so nehmen, Dickchen,« sagte Europa, »so ändert das die Sache sehr. Wo sind sie?« »Ta,« erwiderte der Baron, indem er die Banknoten einzeln hinzählte.

Er beachtete jeden Blitz, den jeder Schein aus Europas Augen lockte und der die Gier verriet, auf die er wartete. »Sie bezahlen die Stellung; aber die Ehrlichkeit und das Gewissen? . . .« sagte Europa, indem sie ihr verschlagenes Gesicht hob und dem Baron einen Seria-buffa-Blick zuwarf. »Das Kewissen ist nicht wert, was ist wert die Schdellung; aber sagen wir noch finftausend Franken«; und er fügte fünf weitere Tausendfrankenscheine hinzu, »Nein, zwanzigtausend Franken für das Gewissen und fünftausend für die Stellung, wenn ich sie verliere . . .« »Wie Se wollen,« sagte er. »Aber um se ßu vertienen, missen Se mich verstecken im Schlafzimmer Ihrer Herrin, nachts, wenn se ist allain . . .« »Wenn Sie mir versichern wollen, niemals zu sagen, wer Sie eingelassen hat, bin ich bereit. Aber ich warne Sie: die gnädige Frau ist stark wie ein Türke, sie liebt Herrn von Rubempré wie eine Wahnsinnige; und wenn Sie ihr auch eine Million in Banknoten geben, so würde sie doch keine Untreue begehen! . . . Es ist dumm, aber sie ist nun einmal so, wenn sie liebt; sie ist schlimmer als eine anständige Frau. Wenn sie mit dem gnädigen Herrn in die Wälder fährt, so bleibt der gnädige Herr nachher selten zu Hause; sie ist heute abend mit ihm ausgefahren, ich kann Sie also in meinem Zimmer verstecken. Wenn die gnädige Frau allein zurückkommt, so werde ich Sie holen; Sie werden in den Salon gehen, ich will die Schlafzimmertür nicht verschließen, und der Rest . . . wahrhaftig, der Rest ist Ihre Sache . . . Bereiten Sie sich vor!«

»Ich werde dir keben die finfundßwanzigtausend Franken im Salon . . . par, par.« »Ah!« sagte Europa, »mißtrauischer sind Sie nicht? . . . Entschuldigen Sie . . .« »Du wirst oft haben Kelegenheit, mich zu rupfen . . . Wir werden schließen Peganntschaft.« »Gut, seien Sie um Mitternacht in der Rue Taitbout; aber dann stecken Sie dreißigtausend Franken zu sich. Die Ehrlichkeit einer Kammerfrau ist, wie die Droschken, nach Mitternacht bedeutend teurer.« »Aus Vorsicht werde ich dir keben ainen Scheck auf die Pank . . .« »Nein, nein,« sagte Europa, »Banknoten, oder es gibt nichts . . .«

Um ein Uhr morgens war der Baron von Nucingen, den Europa in der Mansarde, wo sie schlief, versteckt hatte, allen Ängsten eines Mannes auf der Verfolgung galanter Abenteuer unterworfen. Er bebte, sein Blut schien ihm in den Zähnen zu kochen, und der Kopf war bereit, wie eine überheizte Dampfmaschine zu bersten. »Ich hatte moralisch fier mehr als hunderttausend Taler Kenüsse,« sagte er zu du Tillet, als er ihm dieses Abenteuer erzählte.

Er hörte die geringsten Geräusche der Straße, und um zwei Uhr vernahm er den Wagen seiner Geliebten schon vom Boulevard her. Als sich das große Tor in den Angeln drehte, pochte ihm das Herz so stark, daß es die Seide der Weste hob: er sollte also Esthers himmlisches, glühendes Gesicht wiedersehen! . . . Bis ins Herz hinein spürte er das Knirschen des Wagentritts und das Schlagen der Tür. Die Erwartung des höchsten Augenblicks regte ihn mehr auf, als wenn es sich um den Verlust seines Vermögens gehandelt hätte. »Ah!« rief er, »das haißt Leben! Ssu sehr sokar; ich werde sain imstand zu nix!«

»Die gnädige Frau ist allein, kommen Sie hinunter,« sagte Europa, die sich plötzlich zeigte, »machen Sie kein Geräusch, Sie dicker Elefant!« »Dicker Elewant!« wiederholte er lachend, indem er dahinging wie auf rotglühenden Eisenstangen. Europa führte ihn, einen Leuchter in der Hand.

»Ta, ßähl nach,« sagte der Baron, indem er Europa die Banknoten hinhielt, sowie sie im Salon waren. Europa nahm mit ernstem Gesicht die dreißig Scheine entgegen und ging hinaus, indem sie den Bankier einschloß.

Nucingen ging sofort zum Schlafzimmer, in dem er die schöne Engländerin fand, die zu ihm sagte: »Bist du es, Lucien?« »Nain, schönes Gind . . .« rief Nucingen, der seinen Satz nicht beendete.

Er blieb erstarrt stehen, als er eine Frau erblickte, die das gerade Gegenteil von Esther war: blond, wo er schwarz gesehen hatte; Schwäche, wo er Kraft bewunderte; eine liebliche britische Nacht, wo Arabiens Sonne gefunkelt hatte.

»Ah! woher kommen Sie? . . . Wer sind Sie? . . . Was wollen Sie? . . .« sagte die Engländerin, indem sie schellte, ohne daß die Glocken erklangen.

»Ich hab umfickelt die Klocken, aber haben Se kaine Ankst, ich kehe,« sagte er. »Ta sind treißigtausend Franken ins Wasser geworfen. Sie sind die Keliepte des Herrn von Ripembré?« »Ein wenig, lieber Neffe,« sagte die Engländerin, die geläufig Französisch sprach. »Aber wer pist du?« fragte sie, indem sie Nucingens Sprechweise nachahmte. »Ain Mensch, der schön herainkefallen ist!« sagte er jämmerlich. »Ist man herainkefallen, wenn man aine hibsche Frau hat?« fragte sie scherzend. »Erlauben Se mir, daß ich Ihnen schicke ainen Schmuck, als Antenken an den Paron von Nischinguen.« »Kenn ich nicht,« sagte sie, indem sie lachte wie eine Wahnsinnige; »aber der Schmuck soll wohl aufgenommen sein, mein dicker Einschleicher.« »Sie werden ihn lernen kennen! Atiee, knädige Frau. Sie sind ein Gönigsbissen; aber ich bin nur ein armer Bangier von ieber sechzig Jahren, und Sie haben mir geßaigt, wieviel Macht die Frau hat, die ich liebe; denn Ihre iebermenschliche Schönheit hat sie nicht in Verkessenheit kepracht . . .« »Ai, das ist hibsch, was Sie mir da sagen,« erwiderte die Engländerin. »Nicht so hibsch wie die, die es mir einkiebt . . .« »Sie sprachen von treißigtausend Franken . . . Wem haben Sie die kekeben?« »Ihrer Gammerfrau, der Halungin! . . .«

Die Engländerin rief; Europa war nicht fern. »Oh!« rief Europa aus, »ein Mann im Schlafzimmer der gnädigen Frau, und nicht der gnädige Herr! . . . Was für ein Greuel!« »Hat er dir dreißigtausend Franken gegeben, damit du ihn einließest?« »Nein, gnädige Frau, denn soviel sind wir beide zusammen nicht wert . . .«

Und Europa begann so energisch um Hilfe zu rufen, daß der erschreckte Bankier zur Tür eilte, von wo aus Europa ihn die Treppe hinunterstieß . . . »Dicker Halunke!« rief sie ihm nach, »Sie denunzieren mich bei meiner Herrin! . . . Diebe! Diebe!«

Der verliebte Baron war verzweifelt, aber er konnte unverletzt seinen Wagen erreichen, der auf dem Boulevard wartete, doch wußte er jetzt nicht mehr, welchem Spion er sich anvertrauen sollte.

»Wollte die gnädige Frau mir etwa meine Verdienste nehmen?« sagte Europa, als sie wie eine Furie zu der Engländerin zurückkehrte. »Ich kenne die französischen Sitten nicht,« erwiderte die. »Aber ich brauche dem gnädigen Herrn nur ein Wort zu sagen, so werden Sie morgen vor die Tür gesetzt,« sagte Europa unverschämt.

»Die vertammte Gammerfrau«, sagte der Baron zu Georg, der seinen Herrn natürlich fragte, ob er zufrieden sei, »hat mich um treißigtausend Franken kebrellt . . . Aber es ist maine eikene Schuld, maine kroße Schuld!« »Also hat dem gnädigen Herrn seine Toilette nichts genützt? Teufel, ich rate dem gnädigen Herrn nicht, seine Pastillen für nichts und wieder nichts zu nehmen . . .« »Schorsch, ich komme um vor Verßweiflung . . . Mich friert . . . Ich hab Aiß ums Herz . . . Kaine Esder, main Freind!« Georg war in allen großen Angelegenheiten der Freund seines Herrn.

Zwei Tage nach dieser Szene, die die junge Europa viel amüsanter spielte, als man sie erzählen kann, denn sie fügte ihre Mimik hinzu, frühstückte Carlos mit Lucien unter vier Augen.

»Weder die Polizei, mein Kleiner, noch irgend jemand sonst darf die Nase in unsere Angelegenheiten stecken;« sagte er leise, während er sich eine Zigarre an der Luciens anzündete, »Das bekommt nicht gut. Ich habe ein verwegenes, aber unfehlbares Mittel gefunden, um unsern Baron und seine Agenten zur Ruhe zu bringen. Du wirst zu Frau von Sérizy gehen und wirst sehr artig gegen sie sein. Du wirst ihr in der Unterhaltung sagen, daß du Herrn von Rastignac, um ihm gefällig zu sein, da er von Frau von Nucingen seit langem genug hat, als Deckmantel dienst, um eine Geliebte zu verbergen. Herr von Nucingen sei nun sterblich in die Frau verliebt, die Rastignac versteckt – darüber wird sie lachen müssen –, und er hat es sich einfallen lassen, dir durch die Polizei nachzuspionieren, dir, der du völlig unschuldig bist an den Ausschweifungen deines Landsmannes, und dessen Interessen bei den Grandlieus gefährdet werden könnten. Du wirst die Gräfin bitten, dir bei einem Gang auf die Polizeipräfektur die Stütze ihres Gatten zu verschaffen, der Staatsminister ist. Bist du einmal dort und stehst vor dem Herrn Präfekten, so beklage dich, aber wie ein Politiker, der bald in die ungeheure Staatsmaschine eintreten wird, um einer ihrer wichtigsten Kolben zu werden. Als Staatsmann wirst du die Polizei verstehen, und du wirst sie, einschließlich des Präfekten, bewundern. Die schönsten Maschinen machen Ölflecken oder spritzen. Werde nur im rechten Augenblick ärgerlich. Du grollst dem Herrn Präfekten keineswegs; aber ermahne ihn, seine Leute zu überwachen, und beklage ihn, daß er in die Notwendigkeit versetzt ist, ihnen Vorwürfe zu machen. Je milder und je mehr Edelmann du bist, um so furchtbarer wird der Präfekt gegen seine Agenten sein. Dann haben wir Ruhe, und wir können Esther zurückkehren lassen; sie wird röhren wie die Damhirsche in ihrem Walde.«

Der damalige Präfekt war ein ehemaliger Richter. Ehemalige Richter ergeben viel zu junge Polizeipräfekten. Sie laufen über von Recht, sie reiten auf der Gesetzmäßigkeit; ihre Hand ist nicht gewandt genug, wenn eine kritische Situation Entscheidungen nach eigenem Ermessen verlangt; denn oft muß das Handeln der Präfektur dem eines Feuerwehrmannes gleichen, der ein Feuer löschen soll. In Gegenwart des Vizepräsidenten des Staatsrats erkannte der Präfekt der Polizei mehr Nachteile zu, als sie hat; er beklagte die Mißbräuche und entsann sich des Besuches, den der Baron von Nucingen ihm gemacht hatte, um Auskünfte über Peyrade einzuziehen. Der Präfekt versprach, die Überschreitung der Befugnisse seiner Agenten zu ahnden, dankte Lucien dafür, daß er sich direkt an ihn gewandt hatte, und versprach ihm Schweigen; dabei machte er eine Miene, als verstände er die ganze Intrige. Schöne Worte über die individuelle Freiheit, über die Unverletzlichkeit des Hauses wurden zwischen dem Staatsminister und dem Präfekten ausgetauscht; und Herr von Sérizy bemerkte, wenn auch die großen Interessen des Königreichs zuweilen heimliche Ungesetzlichkeiten erforderten, so beginne das Verbrechen doch da, wo man diese Hilfsmittel des Staates in den Dienst privater Interessen stelle.

Als Peyrade am folgenden Morgen in sein teures Café David ging, um sich am Anblick der Bürger zu ergötzen, wie ein Künstler sich ein Vergnügen daraus macht, Blumen wachsen zu sehen, sprach ihn ein Gendarm in Zivilkleidung auf der Straße an. »Ich war auf dem Wege zu Ihnen,« sagte er ihm ins Ohr; »ich habe Befehl, Sie auf die Präfektur zu führen.«

Peyrade nahm einen Fiaker und stieg, ohne die geringste Bemerkung zu machen, mit dem Gendarmen ein.

Der Polizeipräfekt behandelte Peyrade, als wäre er der letzte Stockmeister des Bagnos, während er in einer Allee des kleinen Gartens der Polizeipräfektur auf und ab ging, der sich damals am Goldschmiedkai entlang zog.

»Nicht ohne Grund hat man Sie seit 1809 aus der Verwaltung entfernt . . . Wissen Sie nicht, welchen Möglichkeiten Sie uns aussetzen und sich selbst aussetzen?«

Der Verweis schloß mit einem Blitzschlag. Der Präfekt verkündete dem armen Peyrade in aller Härte, daß man ihm nicht nur seine jährliche Unterstützung entzöge, sondern daß er selbst sogar einer besonderen Polizeiaufsicht unterstellt würde. Der Greis nahm diesen Wasserstrahl mit der ruhigsten Miene von der Welt auf. Nichts ist so regungslos und gleichgültig wie ein vom Blitz getroffener Mensch. Peyrade hatte sein ganzes Geld im Spiel verloren. Lydias Vater zählte auf seine Stellung, und er sah sich, abgesehen von den Almosen seines Freundes Corentin, ohne alle Mittel.

»Ich bin selbst Polizeipräfekt gewesen, ich gebe Ihnen vollkommen recht,« sagte der Greis ruhig zu dem Beamten, der in seiner richterlichen Majestät posierte und mit dem Oberkörper eine bezeichnende Bewegung machte. »Aber erlauben Sie mir, Sie, ohne mich etwa entschuldigen zu wollen, darauf aufmerksam zu machen, daß Sie mich nicht kennen,« fuhr Peyrade fort, indem er dem Präfekten einen feinen Blick zuwarf. »Ihre Worte sind entweder für den ehemaligen Generalpolizeikommissar in Holland zu hart oder für einen einfachen Spitzel nicht streng genug . . . Nur, Herr Präfekt,« fügte Peyrade nach einer Pause hinzu, da er sah, daß der Beamte Schweigen bewahrte, »vergessen Sie nicht, was ich die Ehre haben werde, Ihnen jetzt zu sagen. Ohne daß ich mich im geringsten in ›Ihre Polizei‹ einmische oder meine Rechtfertigung versuche: Sie werden Gelegenheit haben, zu erkennen, daß in dieser Angelegenheit irgend jemand betrogen wird: in diesem Augenblick ist es Ihr Diener; später werden Sie sagen: ›Der war ich!‹«

Und er grüßte den Präfekten, der nachdenklich zurückblieb, um sein Staunen zu verbergen. Er ging nach Hause, an Armen und Beinen gebrochen, von kalter Wut gegen den Baron von Nucingen erfaßt. Dieser plumpe Finanzier allein konnte ein Geheimnis verraten haben, das sich auf die Köpfe Contensons, Peyrades und Corentins beschränkte. Der Greis beschuldigte den Bankier, er wolle sich, nachdem er sein Ziel erreicht hatte, von der Zahlung entbinden. Eine einzige Unterredung hatte ihm genügt, um die Verschlagenheit des verschlagensten aller Bankiers zu erraten.

›Er akkordiert mit jedermann, selbst mit uns; aber ich werde mich rächen,‹ sagte der Biedermann bei sich selber. ›Ich habe Corentin nie um etwas gebeten: ich werde ihn bitten, daß er mir hilft, mich an diesem bornierten Geldsack zu rächen. Verdammter Baron, du sollst erfahren, mit was für Holz ich einheize; du sollst deine Tochter eines Morgens geschändet vorfinden . . . Aber liebt er seine Tochter?‹

Am Abend nach dieser Katastrophe, die alle Hoffnungen des Greises umstieß, war er um zehn Jahre gealtert. Als er mit Corentin sprach, mischte er unter seine Beschwerden die Tränen, die ihm die Aussicht in die traurige Zukunft entlockte, wie er sie seiner Tochter, seinem Idol, seiner Perle, seinem Gottesopfer vermachte.

»Wir werden diese Angelegenheit verfolgen,« sagte Corentin zu ihm. »Wir müssen zunächst in Erfahrung bringen, ob der Baron dein Denunziant ist. Sind wir vorsichtig gewesen, indem wir uns auf Gondreville stützten? Dieser alte Malin verdankt uns zuviel, als daß er nicht versuchen sollte, uns überzuschlucken; deshalb lasse ich auch seinen Schwiegersohn Keller überwachen; der ist in der Politik ein Tropf und ganz imstande, an einer Verschwörung teilzunehmen, die die ältere Linke zugunsten der jüngeren stürzen will . . . Morgen werde ich erfahren, was bei Nucingen vorgeht, ob er seine Geliebte gesehen hat, und woher dieser Zügelzug kommt . . . Verzweifle nicht. Zunächst wird der Präfekt nicht lange in seiner Stellung bleiben . . . Die Zeit geht mit Revolutionen schwanger, und die Revolutionen, die sind unser trübes Wasser.«

In der Straße erscholl ein eigentümlicher Pfiff.

»Das ist Contenson,« sagte Peyrade, indem er ein Licht ins Fenster stellte, »und es gibt etwas, was mich persönlich angeht.«

Einen Augenblick darauf erschien der treue Contenson vor den beiden Polizeignomen, die er wie zwei Genies verehrte. »Was gibt es?« fragte Corentin. »Neues! Ich komme aus der Hundertdreizehn, wo ich alles verloren habe. Was sehe ich unter den Galerien? . . . Georg! Diesen Burschen hat der Baron fortgeschickt, weil er ihn für einen Spitzel hält.« »Das ist die Wirkung eines Lächelns, das mir entschlüpft ist,« sagte Peyrade. »Oh, wieviel Unheil, das durch ein Lächeln kam, habe ich erlebt!« sagte Corentin. »Nicht zu zählen, was durch einen Hieb mit der Gerte kommen kann,« sagte Peyrade mit einer Anspielung auf die Angelegenheit Simeuse (siehe ›Eine dunkle Begebenheit‹). »Aber laß sehen, Contenson, was geht vor?« »Dies,« fuhr Contenson fort: »Ich habe Georg zum Schwatzen gebracht, indem ich ihn kleine Gläschen in unendlich vielen Farben bezahlen ließ, die ihn betrunken machten; ich meinerseits muß wie ein Brennkolben sein! Unser Baron ist, gepfropft voll Serailpastillen, in die Rue Taitbout gegangen. Dort hat er die Schöne gefunden, die Sie kennen. Aber was für ein Possen! Diese Engländerin ist nicht seine ›Unpegannte‹! . . . Und er hat dreißigtausend Franken ausgegeben, um die Kammerfrau zu gewinnen . . . Eine Dummheit! Das hält sich für groß, weil es kleine Dinge mit großen Kapitalien macht; drehen Sie den Satz um, und Sie finden das Problem, das der Mann von Genie löst. Der Baron ist in einem erbarmungswürdigen Zustand nach Hause gekommen. Am folgenden Tage sagt Georg, um den ehrlichen Kerl zu spielen, zu seinem Herrn: ›Weshalb bedient der gnädige Herr sich solcher Galgenstricke? Wenn der gnädige Herr sich auf mich verlassen wollte, so würde ich ihm seine Unbekannte finden, denn die Beschreibung, die der gnädige Herr mir gegeben hat, genügt mir; ich werde ganz Paris umkehren.‹ ›Geh,‹ hat der Baron erwidert, ›ich werde dich gut belohnen!‹ Georg hat mir all das erzählt, vermischt mit den lächerlichsten Einzelheiten. Aber . . . man ist für den Regen geschaffen! Am folgenden Tage erhält der Baron einen anonymen Brief, worin man ihm etwa schreibt: ›Herr von Nucingen stirbt vor Liebe zu einer Unbekannten dahin; er hat bereits ohne jeden Zweck viel Geld ausgegeben; wenn er sich heute um Mitternacht am Ende der Brücke von Neuilly einfinden und in den Wagen steigen will, hinter dem er den Jäger aus dem Wald von Vincennes sieht, und zwar indem er sich die Augen verbinden läßt, so soll er die sehen, die er liebt. Da sein Reichtum ihm vielleicht Befürchtungen in betreff der Reinheit der Absichten derer, die so vorgehen, eingibt, so kann der Herr Baron sich von seinem treuen Georg begleiten lassen. Es wird übrigens niemand in dem Wagen sein.‹ Der Baron geht hin, und zwar ohne Georg etwas zu sagen, aber mit Georg. Beide lassen sich die Augen verbinden und den Kopf mit einem Schleier verhüllen. Der Baron erkannte den Jäger wieder. Zwei Stunden darauf macht der Wagen, der wie ein Wagen Ludwigs XVIII. gefahren war – Gott behüte seine Seele! das war ein König, der sich auf die Polizei verstand –, mitten in einem Walde halt. Der Baron, dem man seine Binde abnimmt, sieht in einem gleichfalls haltenden Wagen seine Unbekannte, die – hast du nicht gesehen! – verschwindet. Und der Wagen fährt ihn (Fahrt Ludwigs XVIII,) zur Brücke von Neuilly zurück, wo er seinen eigenen Wagen vorfindet. Georg hatte man ein kleines Billett dieses Inhalts in die Hand gedrückt: ›Wieviel Tausendfrankenscheine gibt der Herr Baron her, wenn man ihn mit seiner Unbekannten in Verbindung bringt?‹ Georg gibt das Billett seinem Herrn; und der Baron, der nicht daran zweifelt, daß Georg mit mir oder mit Ihnen, Herr Peyrade, im Einverständnis steht, um ihn auszubeuten, setzt Georg vor die Tür. Das ist mir ein Dummkopf von einem Bankier! Georg durfte er erst fortschicken, nachdem er ›bei der Unpegannten keschlafen hat‹.«

»Georg hat die Frau gesehen?« fragte Corentin. »Ja,« sagte Contenson. »Nun,« rief Peyrade, »wie sieht sie aus?« »Oh!« erwiderte Contenson, »er hat mir nur ein einziges Wort gesagt: eine wahre Sonne der Schönheit! . . .«

»Da machen sich stärkere Schelme über uns lustig, als wir es sind!« rief Peyrade. »Die Hunde werden ihr Weib dem Baron teuer verkaufen.« »Ja, mein Herr,« erwiderte Contenson auf Deutsch. »Deshalb habe ich auch, als ich erfuhr, daß man Sie auf der Präfektur geohrfeigt hat, Georg zum Schwätzen gebracht.« »Ich möchte wohl wissen, wer mich betrogen hat,« sagte Peyrade, »wir würden unsere Sporen messen!« »Müssen die Asseln spielen,« sagte Contenson. »Er hat recht,« rief Peyrade; »wir müssen in die Ritzen schlüpfen, um zu lauschen und abzuwarten . . .«

»Wir werden diese neue Lage studieren,« sagte Corentin; »für den Augenblick habe ich nichts zu tun. Halte dich vernünftig, Peyrade! Wir müssen dem Herrn Präfekten immerhin gehorchen . . .« »Herr von Nucingen ist gut zu schröpfen,« bemerkte Contenson, »er hat zuviel Tausendfrankenscheine im Blut . . .« »Und da war auch Lydias Mitgift!« sagte Peyrade Corentin ins Ohr. »Contenson, komm mit, wir wollen unsern Vater schlafen lassen . . . Bis morgen!«

»Herr Corentin,« sagte Contenson auf der Schwelle der Tür, »was für ein reizendes Geldgeschäft hätte der Biedermann da gemacht! . . . He? Seine Tochter verheiraten mit dem Erlös . . . Haha! Man könnte ein hübsches Moralstück daraus machen, mit dem Titel: ›Die Mitgift eines jungen Mädchens‹.« »Ah, was für Organe ihr habt, ihr! . . . Was für Ohren!« sagte Corentin zu Contenson. »Es ist klar, die soziale Natur bewaffnet all ihre Gattungen mit den Eigenschaften, die für die Dienste nötig sind, wie sie sie von ihnen erwartet! Die Gesellschaft – das ist eine zweite Natur!« »Was Sie da sagen, ist sehr philosophisch,« rief Contenson; »ein Professor würde ein System daraus machen!« »Erhalte dich«, fuhr Corentin fort, indem er lächelte und mit dem Spion durch die Straßen davonging, »über alles, was in betreff der Unbekannten bei Herrn von Nucingen vorgeht, auf dem laufenden . . . So im großen . . . keine Kniffe dabei . . .« »Man paßt auf, ob die Schornsteine rauchen!« sagte Contenson. »Ein Mann wie Baron von Nucingen kann nicht inkognito glücklich sein,« fuhr Corentin fort. »Übrigens dürfen wir, für die die Menschen Karten sind, uns niemals von ihnen foppen lassen!« »Bei Gott! Das wäre, als wollte der Verurteilte sich damit amüsieren, dem Henker den Hals abzuschneiden!« rief Contenson. »Du findest immer das Wörtchen, über das man lachen muß,« erwiderte Corentin, indem er sich ein Lächeln entschlüpfen ließ, das leise Falten in seine Gipsmaske zeichnete.

Diese Angelegenheit war an sich und abgesehen von ihren Ergebnissen von Wichtigkeit. Wenn nicht der Baron Peyrade verraten hatte, wer hatte dann ein Interesse daran gehabt, den Polizeipräfekten aufzusuchen? Es handelte sich für Corentin darum, zu erfahren, ob er nicht falsche Brüder unter seinen Leuten hatte. Als er zu Bett ging, sagte er bei sich selber, was auch Peyrade sich überlegte: ›Wer ist nur zum Präfekten gegangen, um sich zu beklagen? . . . Wem gehört diese Frau?‹

So kamen sich, ohne daß die einen etwas von den andern wußten, Jakob Collin, Peyrade und Corentin unbemerkt immer näher; und die arme Esther, Nucingen und Lucien mußten notwendig in den schon begonnenen Kampf, den die Eigenliebe, die alle Leute von der Polizei auszeichnet, furchtbar machen sollte, mit hineingezogen werden.

Dank der Gewandtheit Europas konnte der bedrohlichste Teil der sechzigtausend Franken Schulden, die auf Esther und Lucien lasteten, getilgt werden. Das Vertrauen der Gläubiger wurde nicht einmal erschüttert. Lucien und sein Verführer konnten einen Augenblick aufatmen. Wie zwei verfolgte wilde Tiere, die am Rande irgendeines Sumpfes ein wenig Wasser schlecken, konnten sie weiter an den Abgründen hinziehen, an denen entlang der Starke den Schwachen zum Galgen oder zum Glück leitete. »Heute«, sagte Carlos zu seinem Geschöpf, »spielen wir für alles um alles; aber zum Glück sind die Karten gestichelt, und die Gegner sind sehr jung!«

Während einiger Zeit bemühte Lucien sich auf Befehl seines furchtbaren Mentors emsig um Frau von Sérizy. Wirklich durfte Lucien nicht in den Verdacht kommen, daß er ein ausgehaltenes Mädchen zur Geliebten hatte. Er fand übrigens in dem Vergnügen, geliebt zu werden, in dem Schwung des gesellschaftlichen Lebens die Scheinkraft, sich zu betäuben. Er gehorchte Fräulein Klotilde von Grandlieu und sah sie nur noch im Bois und auf den Champs Elysées.

Einen Tag später, nachdem Esther im Hause des Wildhüters eingeschlossen worden war, kam das für sie rätselhafte und furchtbare Wesen, das ihr auf dem Herzen lastete, und verlangte, daß sie drei gestempelte Papiere unterschrieb, auf denen folgende Folterworte standen; auf dem ersten: ›Akzeptiert für sechzigtausend Franken‹; auf dem zweiten: ›Akzeptiert für einhundertundzwanzigtausend Franken‹; auf dem dritten: ›Akzeptiert für einhundertundzwanzigtausend Franken«. Im ganzen waren es für dreimalhunderttausend Franken Akzepte. Wenn man schreibt: ›Gut für‹, so stellt man eine einfache Anweisung aus. Das Wort ›Akzeptiert‹ macht den Wechsel aus und unterwirft einen der Schuldhaft. Dieses Wort bedroht den, der es unvorsichtig hinschreibt, mit fünf Jahren Gefängnis, einer Strafe, die das Zuchtpolizeigericht fast niemals auferlegt und die das Kriminalgericht nur über Verbrecher verhängt. Das Gesetz über die Schuldhaft ist ein Rest der barbarischen Zeiten, der mit seiner Borniertheit das seltene Verdienst verbindet, daß er nutzlos ist, weil er die Schelme niemals trifft (siehe »Verlorene Illusionen«).

»Es handelt sich«, sagte der Spanier zu Esther, »darum, Lucien aus der Verlegenheit zu ziehen. Wir haben sechzigtausend Franken Schulden, und mit diesen dreihunderttausend Franken kommen wir vielleicht aus.«

Carlos datierte die Wechselbriefe um sechs Monate zurück und ließ sie auf Esther ziehen, und zwar durch einen »von der Zuchtpolizei verkannten Menschen«, dessen Abenteuer trotz des Aufsehens, das sie erregten, bald vergessen wurden und versanken, zugedeckt von dem Lärm der großen Julisymphonie von 1830.

Dieser junge Mann, einer der verwegensten Industrieritter, der Sohn eines Gerichtsvollziehers in Boulogne bei Paris, heißt Georg Maria Destourny. Der Vater, der sich gezwungen sah, seine Stellung unter wenig gedeihlichen Umständen zu verkaufen, ließ seinen Sohn um 1824 ohne alle Mittel zurück, nachdem er ihm jene glänzende Erziehung gegeben hatte, auf die die kleinen Bürger für ihre Kinder versessen sind. Mit dreiundzwanzig Jahren hatte der junge, glänzende Student der Rechte seinen Vater bereits verleugnet, indem er seinen Namen auf der Visitenkarte also schrieb: »Georg d'Estourny«. Diese Karte gab seiner Persönlichkeit einen Hauch von Aristokratie. Der elegante junge Mann war verwegen genug, sich einen Tilbury und einen Groom zu halten und die Klubs zu besuchen. Ein Wort wird alles erklären: er spielte an der Börse mit dem Gelde der ausgehaltenen Frauen, deren Vertrauter er war. Schließlich unterlag er vor dem Zuchtpolizeigericht, wo man ihn beschuldigte, sich allzu glücklicher Karten bedient zu haben. Er hatte Mitschuldige, junge Leute, die er verdorben hatte, Sklaven, die ihm schuldpflichtig waren, Gevattern seiner Eleganz und seines Kredits. Zur Flucht gezwungen, vergaß er, seine Differenzen an der Börse zu begleichen. Ganz Paris, das Paris der Luchse und der Klubs, zitterte noch vor dieser doppelten Angelegenheit.

Zur Zeit seines Glanzes hatte Georg d'Estourny, ein hübscher Junge und vor allem ein guter Kerl, großmütig wie ein Räuberhauptmann ein paar Monate hindurch die Torpille begönnert. Der falsche Spanier begründete seine Spekulation auf Esthers Verkehr mit diesem berühmten Halunken, einen Verkehr, wie er den Frauen dieser Klasse eigen ist.

Georg d'Estourny, dessen Ehrgeiz mit dem Erfolg immer kühner geworden war, hatte einen Mann unter seinen Schutz genommen, der aus der tiefsten Provinz gekommen war, um in Paris Geschäfte zu machen, und den die liberale Partei entschädigen wollte, weil er in dem Kampf der Presse gegen die Regierung Karls X., dessen Fortgang sich während des Ministeriums Martignac verlangsamt hatte, mutig einige Verurteilungen auf sich nahm. Man hatte damals den Herrn Cérizet, jenen verantwortlichen Herausgeber mit dem Beinamen ›der mutige Cérizet‹, begnadigt.

Nun begründete Cérizet, den der Form halber die Spitzen der Linken begönnerten, ein Haus, das zugleich etwas von einer Geschäftsagentur, einer Bank und einem Kommissionshaus an sich hatte. Es war eine jener Stellungen, die im kaufmännischen Leben etwa jenen Dienstboten glichen, wie sie im »Kleinen Anzeiger« als »Mädchen für alles« annoncieren. Cérizet war sehr glücklich, sich mit Georg d'Estourny liieren zu können, und der bildete ihn aus.

Esther konnte kraft der Anekdote über Ninon ganz gut als getreue Bewahrerin eines Teiles der Habe Georg d'Estournys gelten. Ein Blanko-Indossament mit der Unterschrift »Georg d'Estourny« machte Carlos Herrera zum Herrn der Werte, die er selbst geschaffen hatte. Diese Fälschung war ganz gefahrlos, sobald nur Esther oder für sie ein anderer zahlen konnte oder zahlte. Als Carlos über das Haus Cérizet Auskünfte einzog, erkannte er in seinem Gründer eine jener dunklen Persönlichkeiten, die entschlossen sind, ihr Glück zu machen, aber . . . auf gesetzmäßige Weise. Cérizet, der wirkliche Vertrauensmann d'Estournys, hatte große Summen in der Hand, die an der Börse in Haussespekulationen engagiert waren und die ihm erlaubten, sich Bankier zu nennen. Derlei macht man in Paris; man verachtet einen Menschen, aber sein Geld verachtet man nicht.

Carlos begab sich zu Cérizet, und zwar in der Absicht, ihn auf seine Art zu bearbeiten, denn zufällig war er Herr aller Geheimnisse dieses würdigen Partners d'Estournys.

Der mutige Cérizet wohnte in einem Zwischenstock der Rue du Gros-Chenet; und Carlos, der sich geheimnisvoll melden ließ, als käme er von Georg d'Estourny, überraschte den sogenannten Bankier, wie er ob dieser Meldung ganz bleich war. Der Abbé sah in einem bescheidenen Arbeitszimmer einen kleinen Mann mit spärlichem blonden Haar, und er erkannte in ihm nach der Schilderung, die Lucien ihm entworfen hatte, den Judas David Séchards.

»Können wir hier reden, ohne fürchten zu müssen, daß man uns hört?« sagte der Spanier, der sich plötzlich in einen rothaarigen Engländer mit blauer Brille verwandelt hatte und so sauber und peinlich aussah wie ein Puritaner, der in die Predigt geht. »Und weshalb, mein Herr?« fragte Cérizet; »wer sind Sie?« »William Barker, ein Gläubiger des Herrn d'Estourny; aber da Sie es wünschen, will ich Ihnen zeigen, wie notwendig es ist, daß Sie Ihre Türen schließen. Wir wissen, Herr Cérizet, welches Ihre Beziehungen zu den Petit-Clouds, den Cointets und den Séchards in Angoulême waren.«

Bei diesen Worten stürzte Cérizet zur Tür, schloß sie, eilte zu einer zweiten Tür, die in ein Schlafzimmer führte, verriegelte sie und sagte dann zu dem Unbekannten: »Leiser, mein Herr!« Und er sah den falschen Engländer prüfend an, indem er zu ihm sagte: »Was wollen Sie von mir?«

»Mein Gott!« erwiderte William Barker, »jeder für sich in dieser Welt! Sie haben die Gelder dieses Schelms d'Estourny . . . Beruhigen Sie sich, ich komme nicht, um sie von Ihnen zu verlangen; aber da ich ihn drängte, hat mir der Halunke, der, unter uns, den Strick verdient, diese Werte gegeben, indem er mir sagte, es sei vielleicht Aussicht vorhanden sie einzulösen; und da ich nicht in meinem Namen pfänden will, so sagte er mir, Sie würden mir Ihren Namen nicht versagen.«

Cérizet sah die Wechsel an und sagte: »Aber er ist nicht mehr in Frankfurt . . .« »Ich weiß,« erwiderte Barker; »aber zur Zeit des Datums dieser Tratten kann er noch dort gewesen sein . . .« »Ich will keine Verantwortung tragen . . .« sagte Cérizet. »Dieses Opfer verlange ich nicht von Ihnen; Sie können beauftragt sein, Zahlung in Empfang zu nehmen. Quittieren Sie, und ich übernehme die Einziehung.« »Ich bin erstaunt, daß d'Estourny so viel Mißtrauen gegen mich zeigt,« sagte Cérizet. »In seiner Lage«, erwiderte Barker, »kann man ihm keinen Vorwurf daraus machen, wenn er seine Eier in mehrere Körbe legt.« »Sollten Sie etwa glauben . . .?« fragte der kleine Halsabschneider, indem er dem falschen Engländer die Wechselbriefe quittierte und völlig in Ordnung zurückgab. ». . . Ich glaube, daß Sie seine Gelder gut verwahren werden,« sagt Barker; »ich bin sogar davon überzeugt! Sie sind schon aufs grüne Tuch der Börse geworfen.« »Ich habe ein Interesse daran . . .« »Sie zum Schein zu verlieren,« unterbrach Barker. »Herr . . .!« rief Cérizet. »Halt, mein lieber Herr Cérizet,« sagte Barker kühl, indem er Cérizet unterbrach, »Sie würden mir einen Dienst leisten, wenn Sie mir die Einlösung erleichterten. Seien Sie so freundlich und schreiben Sie mir einen Brief, in dem Sie sagen, daß Sie mir diese für Rechnung d'Estournys quittierten Werte übergeben und daß der Gerichtsvollzieher den Inhaber des Briefes als Besitzer dieser drei Tratten ansehen soll.« »Wollen Sie mir Ihre Namen nennen?« »Keinen Namen!« erwiderte der englische Kapitalist. »Schreiben Sie: ›Der Inhaber dieses Briefes und der Werte‹. Sie sollen für diese Gefälligkeit gut bezahlt werden.« »Und wie? . . .« fragte Cérizet. »Durch ein einziges Wort. Sie bleiben in Frankreich, nicht wahr?« »Ja.« »Nun, Georg d'Estourny wird niemals nach Frankreich zurückkehren.« »Und weshalb nicht?« »Mehr als fünf Personen, die ich kenne, würden ihn ermorden; und er weiß es.« »Ich wundere mich nicht mehr, daß er Geld von mir verlangt, um eine Ladung für Westindien zu kaufen!« rief Cérizet. »Und er hat mich zum Unglück gezwungen, alles in Staatspapieren anzulegen. Wir sind schon für Differenzen in der Schuld des Hauses du Tillet. Ich lebe von der Hand in den Mund.« »Ziehen Sie den Kopf aus der Schlinge!« »Ach, wenn ich das früher gewußt hätte!« rief Cérizet. »Ich habe mein Glück versäumt . . .« »Ein letztes Wort! . . .« sagte Barker. »Verschwiegenheit! . . . Sie sind dazu imstande; und, was vielleicht weniger ist, Treue! Wir werden uns wiedersehen, und ich werde dafür sorgen, daß Sie Ihr Glück machen.«

Nachdem er in diese Kotseele eine Hoffnung gesenkt hatte, die auf lange hinaus ihre Verschwiegenheit sichern mußte, ging Carlos, immer noch als Barker, zu einem Gerichtsvollzieher, auf den er zählen konnte, und beauftragte ihn, die entscheidenden Urteile gegen Esther zu erwirken. »Man wird zahlen,« sagte er zu dem Gerichtsvollzieher, »es ist eine Ehrensache; wir wollen nur ordnungsgemäß vorgehen.«

Barker ließ Fräulein Esther beim Handelsgericht durch einen Prozeßagenten vertreten, damit die Urteile vollstreckbar wären. Der Gerichtsvollzieher, den man gebeten hatte, höflich vorzugehen, tat die Prozeßakten in seine Mappe und ging selbst in die Rue Taitbout, um das Mobiliar zu pfänden; er wurde von Europa empfangen. Als die Schuldhaft einmal verhängt worden war, stand Esther scheinbar unter dem Druck von dreihundert und einigen tausend Franken unbestreitbarer Schulden.

Carlos stürzte sich dabei nicht in große Erfindungskosten. Dieser Schwank der falschen Schulden wird in Paris sehr oft gespielt. Es gibt dort ›Unter‹-Gobsecks, ›Unter‹-Gigonnets, die gegen eine Provision zu diesem Kalauer bereit sind, denn sie scherzen über diesen ehrlosen Streich. Es ist das eine Erpressung gegen widerspenstige Eltern oder filzige Liebhaber, die angesichts einer brennenden Notwendigkeit oder einer angeblichen Entehrung ›in den sauren Apfel beißen‹. Maxime von Trailles hatte sich dieses Mittels sehr oft bedient; entnommen ist es den Komödien des alten Repertoires. Nur hatte Herrera, der die Ehre seines Gewandes und Luciens retten wollte, seine Zuflucht zu einer gefahrlosen Fälschung genommen, die freilich oft genug vorkommt, um eben jetzt die Justiz gegen sie ins Feld zu rufen. Es gibt, so sagt man, in der Umgebung des Palais Royal eine Börse falscher Werte, wo man eine Unterschrift für drei Franken erhält.

Ehe Carlos die Frage dieser hunderttausend Taler anschnitt, die an der Tür des Schlafzimmers Posten stehen sollten, nahm er sich vor, Herrn von Nucingen zunächst weitere hunderttausend Franken zahlen zu lassen. Die Art und Weise war diese.

Auf seinen Befehl gab Asien sich dem verliebten Baron gegenüber als alte Frau aus, die in den Angelegenheiten der schönen Unbekannten auf dem laufenden war. Bisher haben die Sittenschilderer zwar viele Wucherer auf die Szene gebracht; aber man hat die Wucherin, die heutige Kleiderhändlerin, vergessen, eine höchst merkwürdige Persönlichkeit, die die wilde Asien spielen konnte, denn sie besaß zwei Geschäfte, eins auf dem Trödelmarkt, das andere in der Rue Neuve Saint-Marc, die beide von ihr ergebenen Frauen geleitet wurden. »Du wirst dich wieder in die Haut der Frau von Saint-Estève stecken,« sagte Herrera zu ihr. Er wollte Asien in ihrem Kostüm sehen.

Die falsche Vermittlerin kam in einem Kleid aus geblümtem Damast, der von den Vorhängen irgendeines gepfändeten Boudoirs stammte, und mit einem jener altmodischen, abgenutzten, unverkäuflichen Kaschmirschals, die ihr Leben auf dem Rücken solcher Frauen beschließen. Sie trug eine Krause aus prachtvollen, aber gänzlich zerrissenen Spitzen und einen scheußlichen Hut; aber sie hatte Schuhe aus irischem Leder an den Füßen, über deren Rand ihr Fleisch den Eindruck eines Polsters aus durchbrochener schwarzer Seide machte. »Und die Schnalle meines Gürtels!« sagte sie, indem sie eine verdächtige Goldschmiedearbeit zeigte, die ihr Köchinnenbauch vordrängte. »He? Was für eine Arbeit! Und mein Umfang . . . wie mich der verhäßlicht! Oh, Frau Nourrisson hat mich famos angezogen!«

»Sei zunächst honigsüß,« sagte Carlos zu ihr, »fast furchtsam, mißtrauisch wie eine Katze; und vor allem muß der Baron darüber erröten, daß er die Polizei benutzt hat, ohne daß es aussehen darf, als hättest du vor den Agenten zu zittern. Kurz, gib dem Kunden in mehr oder minder klaren Worten zu verstehen, daß du jede Polizei der Welt herausforderst, in Erfahrung zu bringen, wo sich die Schöne befindet. Verbirg deine Spuren gut . . . Wenn der Baron dir das Recht gegeben hat, ihn auf den Bauch zu klopfen und ihn ›Dicker Wüstling‹ zu nennen, so werde unverschämt und laß ihn wie einen Lakaien abfahren.«

Da man Nucingen gedroht hatte, er werde die Vermittlerin nicht wiedersehen, wenn er sich einfallen ließe, ihr im geringsten nachzuspionieren, besuchte er Asien, indem er zu Fuß zur Börse ging, geheimnisvoll in einem elenden Zwischenstock der Rue Neuve Saint-Marc. Wie oft verliebte Millionäre diese kotigen Gassen gestreift haben und mit welcher Wonne, das wissen die Master von Paris. Frau von Saint-Estève brachte den Baron, indem sie Hoffnung mit Verzweiflung abwechseln ließ, so weit, daß er ›um jeden Preis‹ über alles, was die Unbekannte anging, aufgeklärt werden wollte.

Währenddessen arbeitete der Gerichtsvollzieher; und er arbeitete um so besser, als er bei Esther keinerlei Widerstand fand und also innerhalb der gesetzlichen Fristen vorgehen konnte, ohne vierundzwanzig Stunden zu verlieren.

Lucien besuchte nach der Anweisung seines Ratgebers die Einsiedlerin fünf- oder sechsmal in Saint-Germain. Der wilde Anstifter all dieser Ränke hatte diese Zusammenkünfte für notwendig gehalten, damit Esther nicht verfiel; denn ihre Schönheit war jetzt zum Kapital geworden. Als sie das Haus des Wildhüters verlassen sollte, führte Carlos Lucien und die arme Kurtisane am Rande eines verlassenen Weges an eine Stelle, von der aus man Paris sah, wo aber niemand sie hören konnte. Sie setzten sich alle drei unter der aufgehenden Sonne auf den Stamm einer gefällten Pappel und vor diese Landschaft, die eine der großartigsten der Welt ist und den Lauf der Seine, Montmartre, Paris und Saint-Denis umfaßt.

»Meine Kinder,« sagte Carlos, »euer Traum ist zu Ende, Du, meine Kleine, wirst Lucien nie wiedersehen; oder wenn du ihn wiedersiehst, so mußt du ihn vor fünf Jahren nicht länger als ein paar Tage gekannt haben.« »So ist also mein Schicksal gekommen!« sagte sie, ohne eine Träne zu vergießen. »Also! Jetzt bist du seit fünf Jahren krank,« fuhr Herrera fort. »Denke, du seiest schwindsüchtig, und stirb, ohne uns mit deinen Elegien zu langweilen. Aber du sollst sehen, daß du noch leben kannst, und sehr gut leben! . . . Laß uns, Lucien, geh und pflücke Sonette,« sagte er, indem er ihm in wenigen Schritten Entfernung ein Feld zeigte.

Lucien warf einen bettelnden Blick auf Esther, einen jener Blicke, wie sie solchen schwachen, gierigen Menschen eigen sind, deren Herz voller Zärtlichkeit und deren Charakter voller Feigheit ist. Esther antwortete ihm mit einem Kopfnicken, das etwa sagen sollte: ›Ich will den Henker anhören, um zu sehen, wie ich den Kopf unters Beil legen muß; ich werde den Mut haben, ruhig zu sterben.‹ Das war so anmutig und zugleich so grauenvoll, daß der Dichter weinen mußte; Esther lief zu ihm, schloß ihn in die Arme, trank seine Tränen und sagte zu ihm: »Sei ruhig!« – eines jener Worte, die man mit den Gesten, den Augen und der Stimme des Deliriums sagt.

Carlos begann, ohne Umschweife, klar und oft mit furchtbaren, treffenden Worten, Luciens kritische Lage, seine Stellung im Hotel Grandlieu, sein schönes Leben im Falle des Triumphes und schließlich die Notwendigkeit auseinanderzusetzen, die Esther zwänge, sich dieser herrlichen Zukunft zu opfern.

»Was muß ich tun?« rief sie voller Fanatismus. »Mir blind gehorchen,« sagte Carlos. »Und worüber könnten Sie sich beklagen? Es wird nur an Ihnen liegen, sich ein schönes Los zu schaffen. Sie werden das werden, was Tullia, Florine, Mariette und die Val-Noble, Ihre einstigen Freundinnen, sind: die Geliebte eines reichen Mannes, den Sie nicht lieben. Sind unsere Angelegenheiten einmal erledigt, so ist unser Verliebter reich genug, um auch Sie glücklich zu machen . . .« »Glücklich! . . .« sagte sie, indem sie die Augen gen Himmel hob. »Sie haben vier Jahre im Paradies gelebt,« fuhr er fort, »kann man nicht mit solchen Erinnerungen leben?« »Ich werde Ihnen gehorchen,« erwiderte sie, indem sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. »Machen Sie sich um das übrige keine Sorge! Sie haben es gesagt, meine Liebe ist eine tödliche Krankheit.« »Das ist nicht alles,« fuhr Carlos fort: »Sie müssen schön bleiben. Mit zweiundzwanzig und einem halben Jahr stehen Sie dank Ihrem Glück auf dem Gipfel Ihrer Schönheit. Vor allem werden Sie wieder zur Torpille. Seien Sie schelmisch, verschwenderisch, erbarmungslos gegen den Millionär, den ich Ihnen ausliefere. Hören Sie an! . . . Dieser Mensch ist ein Dieb der großen Geldbeutel; er ist gegen viele Leute mitleidslos gewesen, er hat sich gemästet mit dem Vermögen der Witwe und der Waise; Sie werden deren Rache sein! . . . Asien wird kommen und Sie in einem Fiaker abholen; heute abend sind Sie in Paris. Wenn Sie erraten ließen, daß Sie vier Jahre mit Lucien gelebt haben, so könnten Sie ihm ebensogut eine Pistolenkugel in den Kopf jagen. Man wird Sie fragen, was Sie getrieben haben. Sie werden antworten: ein äußerst eifersüchtiger Engländer habe Sie mit auf Reisen genommen. Sie haben ehedem Geist genug gehabt, um zu schwindeln; haben Sie von neuem diesen Geist . . .«

Hat man je einen strahlenden Papierdrachen gesehen, jenen Giganten unter den Schmetterlingen der Jugend, wie er, ganz mit Gold beladen, in den Himmeln schwebte? . . . Die Kinder vergessen einen Augenblick die Schnur, ein Vorübergehender schneidet sie ab: das Meteor ›schießt‹, in der Schülersprache, ›kopfüber‹ und stürzt mit erschreckender Geschwindigkeit . . . So ging es Esther, als sie Carlos zuhörte.

 

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