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Giftmischer und andre Detektivgeschichten

Mathias McDonnell Bodkin: Giftmischer und andre Detektivgeschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorM. Mc Donnell Bodkin
titleGiftmischer und andre Detektivgeschichten
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume21. Jahrgang. Band 4.
year1904
translatorMargarete Jacobi
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20100514
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Ein Wettlauf.

»Könnten Sie wohl einen Abstecher nach Irland machen, Herr Beck?«

»Warum nicht?«

»Vielleicht schon heute abend mit dem Postschiff?«

»Gewiß. Was soll ich denn aber tun, wenn ich drüben bin?«

»Es ist eine peinliche Angelegenheit,« sagte der gutherzige Herr Warmington, »Lassen Sie mich Ihnen alle Einzelheiten kurz erzählen, dann werden Sie selbst am besten beurteilen können, was für Schritte zu tun sind.«

Warmington war einer der reichsten und angesehensten Rechtsanwälte in London; ein großer, kräftiger Mann, für gewöhnlich die gute Stunde selbst und der beste Kamerad. Aber heute lag eine düstere Wolke auf seiner so heitern Stirn und man sah ihm die Unbehaglichkeit und Verlegenheit am Gesicht an, während er, auf den Kaminsims gelehnt, wo an dem schwülen Herbstabend noch kein Feuer brannte, nachdenklich mit seiner schweren goldenen Uhrkette spielte.

»Eine peinliche Angelegenheit, Herr Beck,« wiederholte er und tat einen Zug aus dem mit gutem altem Portwein gefüllten Glase, das neben ihm auf dem Kamin stand. »Sie kennen doch meinen Schwager, den Baron Burton?«

Beck nickte mit ernster Miene. Er hatte von Baron Burton wenig Vorteilhaftes gehört. »Ja, ja, er hat seiner Familie leider viel Sorge gemacht. Meine Frau erinnert sich noch von ihrer Kinderzeit her an manchen stürmischen Auftritt, der vorfiel, ehe er ins Ausland ging. Nach unsrer Heirat habe ich für ihn getan, was in meinen Kräften stand; es hat leider nur wenig genützt. Er war damals schon ein angehender Fünfziger, aber zügellos wie ein junges Füllen, wenn auch nicht geradezu schlecht. Doch wie's so geht – vor acht Jahren fiel ihm ganz unvermutet ein Glück in den Schoß: er heiratete eine junge, schöne Erbin, die sich sterblich in den schon ältlichen Tunichtgut verliebt hatte. Solange sie lebte, blieb er auf geraden Wegen, und als sie vor etwa einem Jahr starb, war er trostlos. Wie unbedingt sie ihm vertraut hatte, bewies sie durch ihr Testament, das ihn zum alleinigen Erben ihres Vermögens einsetzte. Sie hinterließ ihm nicht nur alles Geld, sondern auch den Grundbesitz, weil sie ›fest überzeugt war, daß er für ihr teueres Kind, Florence, aufs liebevollste sorgen werde‹, wie sie schreibt.

»Zuerst hatte er auch den besten Willen, seine Pflicht zu tun, das muß man ihm lassen. Kaum zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau kam er zu mir und bat mich, ihm eine Urkunde aufzusetzen, deren Bestimmungen sich nicht wieder umstoßen ließen; er wollte sein ganzes Besitztum in Wiltshire, das aus einer Jahresrente von fünftausend Pfund und einem schönen Haus mit Garten besteht, seiner kleinen Tochter verschreiben, während er für sich nur ein mäßiges Einkommen aus dem beweglichen Vermögen seiner Frau zurückbehielt. ›Ich kann mich nicht auf mich selbst verlassen, Warmington‹ sagte er, ›das ist das Kurze und Lange von der Geschichte. Wenn ich Geld habe, streue ich es gleich mit vollen Händen aus.‹ Natürlich trug ich Sorge, daß das Dokument von so bindender Kraft war, als das Gesetz es irgend zuläßt, und Burton unterschrieb es ohne ein Wort der Widerrede. Er schien sein kleines Mädchen wirklich sehr lieb zu haben; es mußte ihn überallhin begleiten, selbst ins Theater nahm er es mit. Meiner Frau – sie ist ihre Tante – ging die Kleine immer im Kopf herum, und da sie meinte, es würde ihr gut tun, eine Weile mit Kindern ihres Alters zusammen zu sein, lud sie sie letztes Jahr zum Weihnachtsfest ein; sie sollte die Bescherung und alle Freuden der Feiertage mit unsern Kindern teilen.

»Ihr Vater kam mit ihr von dem Landsitz in Wiltshire nach der Stadt herein und ließ sie bei uns; er selbst wollte jedoch nicht bleiben. Vielleicht war die Einsamkeit schuld, daß der alte Bummlergeist wieder in ihm erwachte. Er nahm seine früheren Gewohnheiten wieder von neuem auf, trieb sich in Winkeltheatern und Tingeltangeln herum, wo er öfters hinter als vor den Kulissen zu finden war. In einer Unglücksstunde machte er bei solcher Gelegenheit die Bekanntschaft von Fräulein Trixie Mordant, einer lebenslustigen und zugleich schlauen jungen Dame, die als Stern auf der Varietätenbühne glänzte. Sie werden Fräulein Trixie in rosa Trikot gewiß schon auf allen Plakatsäulen gesehen haben, Herr Beck.

»Wenn ein Mann, der nahe an Sechzig ist, sich noch einmal verliebt, so läßt er sich um den Finger wickeln. Das schlaue Geschöpf hatte ihn bald so weit, daß er ihr einen Heiratsantrag machte, und verlangte dann einen Ehevertrag, der ihr eine schöne Rente sicherte. Sie hatte ein Auge auf sein Besitztum in Wiltshire geworfen, aber er glaubte, daß er darüber nicht mehr verfügen könne, und ich hütete mich wohl, ihn darüber aufzuklären. Er war ganz außer sich, daß er so töricht gewesen war, das Gut seiner Tochter zu verschreiben. Dadurch war ihm die Möglichkeit geraubt, Fräulein Trixie, der Herrlichsten ihres Geschlechts, einen Beweis seiner Verehrung zu geben. Aber Fräulein Trixie zog ihrerseits Erkundigungen bei den Advokaten Sharkey & Snippit ein, den geriebensten Leuten in der ganzen City. Da kam denn natürlich alles zu Tage, und es dauerte nicht lange, so hatten sie meinen trefflichen Schwager über seine gesetzlichen Befugnisse genau unterrichtet. Wie ich erfahren habe, sind sie augenblicklich damit beschäftigt, den Ehevertrag aufzusetzen und das ganze Besitztum Fräulein Trixie Mordant zu verschreiben ›aus Anlaß ihrer Heirat mit dem Baron Pierce Burton.‹«

»Aber das kann das Gesetz doch unmöglich gestatten, nachdem er es einmal urkundlich an seine Tochter abgetreten hat,« sagte Beck.

Der Rechtsanwalt lächelte mit überlegener Miene. »Es paßt schlecht zu meiner Stellung,« sagte er, »wenn ich mich absprechend über unser Gesetz äußere; aber daß es recht sonderbare Bestimmungen enthält, läßt sich nicht leugnen. Sehen Sie, die Urkunde zu Gunsten der kleinen Flora ist nur eine ›freiwillige Zuwendung‹, wie man das nennt. Auf freiwillige Zuwendungen legt aber das Gesetz wenig Wert; ihm gilt natürliche Liebe und Zärtlichkeit nichts im Vergleich mit einem Ehevertrag, und würde er auch mit Trixie Mordant geschlossen. Wenn das Besitztum in Wiltshire dieser jungen Dame aus Anlaß ihrer Heirat mit dessen Eigentümer zugeschrieben wird, so ist nach einem alten Erlaß aus der Zeit der Königin Elisabeth die ›freiwillige Zuwendung‹ an die arme kleine Flora nicht das Pergament wert, worauf sie geschrieben steht.«

»Das ist ja ein recht spitzbübisches Gesetz.«

»Sie sind nicht der einzige Mensch, der dieser Ansicht ist, Herr Beck; Sie sprechen sich nur etwas kürzer und bündiger aus als der berühmte Lord, der neulich im Oberhaus äußerte: ›Es will uns nicht recht einleuchten, daß es mit redlichen Dingen zugehen kann, wenn jemand etwas verkauft, was ihm nicht gehört, und die Kaufsumme für sich behält und daß ein anderer, der alle Umstände kennt, ihm von Rechts wegen behilflich sein darf, den Eigentümer zu berauben. Ein solches Verfahren ist für einen Laienverstand schwer begreiflich und hat selbst für den juristisch Denkenden etwas Unbefriedigendes.‹«

»Aber der Mann wird sich doch nun und nimmermehr auf ein solches Gesetz berufen, um sein eigenes Kind zu berauben!« rief Beck.

»Das steht noch keineswegs fest. Ich glaube, über kurz oder lang wird er es doch tun, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet. Einstweilen kämpft sein Gewissen noch gegen seine Vernarrtheit, aber ich fürchte, es wird bald unterliegen. Die schlaue Dirne spielt mit ihm wie der Fischer mit dem Lachs, den er am Haken hält. Sie hat sich in ein Stranddorf an der Westküste von Irland geflüchtet und schwört hoch und teuer, daß sie ihm auch nicht einen Blick gönnen wolle, bis die Urkunde unterschrieben ist.«

»Und wo ist er?«

»Auch in Irland. Der Ort heißt Rathcool und liegt im Süden. Er kann es nicht aushalten, wenn das Meer zwischen ihm und seiner Göttin fließt, obgleich sie jetzt durch die ganze Breite der Insel voneinander getrennt sind. Täglich fliegen Briefe und Telegramme zwischen ihnen hin und her. Lange wird er nicht mehr widerstehen können, fürchte ich.«

»Was läßt sich denn aber in der Sache tun? In ein Irrenhaus könnte man ihn wohl nicht sperren?«

»Leider nein. Wenn jeder Mann, dem ein Weib den Kopf verdreht, ins Tollhaus käme, so würden bald mehr Leute eingesperrt als in Freiheit sein.«

»Könnten Sie sich nicht an das edlere Gefühl der jungen Dame wenden?«

»Es ist keins bei ihr vorhanden.«

»Und das Gesetz haben Sie gegen sich?«

»Jawohl – nach seinem jetzigen Wortlaut.«

»Dann scheint mir jeder Ausweg verschlossen.«

»Doch nicht so ganz. Wenn das Glück uns günstig ist, können wir das Gesetz ändern und der Dame Schach bieten. Ich komme jetzt auf den eigentlichen Kernpunkt der Sache. Daß ich im strengsten Vertrauen zu Ihnen rede, bedarf wohl nicht erst der Erwähnung. Schöpfen unsre Gegner auch nur den leisesten Verdacht, so haben wir das Spiel verloren und können die Karten nur gleich fortwerfen.«

Warmington beugte sich zu Beck nieder und sprach unwillkürlich in gedämpftem Ton: »Wir haben in aller Stille im Hause der Lords die Aufhebung jenes alten Erlasses aus der Zeit der Königin Elisabeth in Anregung gebracht. Der Großkanzler selbst befürwortet den Antrag. Sobald die königliche Zustimmung erfolgt, ist das Besitztum des Kindes gesichert. Im Oberhaus ist das Gesetz schon auf dem besten Wege und einer unsrer beliebtesten Juristen ist bemüht, es im Unterhaus durchzudringen. Wenn es dort in dritter Lesung angenommen worden ist, so hat der Großkanzler versprochen, uns am folgenden Tage die königliche Zustimmung zu verschaffen,«

»Es handelt sich also darum, was schneller zu stande kommt, das Gesetz oder der Erbvertrag – und der Preis des Wettrennens ist eine Jahresrente von fünftausend Pfund?«

»Ganz richtig.«

»Ich verstehe nur nicht, was ich dabei tun soll.«

»Sie sollen mir den Gefallen tun, sich nach Mount Eagle zu begeben, wo Fräulein Trixie ihr Lager aufgeschlagen hat, um sie im Auge zu behalten, bis unser Geschäft abgemacht ist. Sharkey & Snippit haben nämlich scharfe Augen und Ohren und sind verschwiegen wie das Grab. Kein Mensch kann wissen, ob sie Lunte gerochen haben oder nicht. Aber daß sie in fortwährender Verbindung mit Fräulein Trixie stehen, ist sicher. Wenn Sie nach Irland gehen, bekommen Sie vielleicht dort einen Einblick in die Karten, denn Fräulein Trixie ist ebenso lebhaft und mitteilsam, als jene beiden zugeknöpft sind.«

»Das ist mir nicht klar. Sie brauchen doch bloß Ihr eigenes Geheimnis zu bewahren; das Spiel der andern zu durchschauen hat für Sie keinen Zweck.«

»Doch, doch! Und wir rechnen auf Ihre Hilfe. Nicht wahr. Sie werden uns beistehen? Die Kosten kommen gar nicht in Betracht. Wir möchten nur, daß Sie – Herein, herein!«

Ein winziges Händchen hatte angeklopft. Jetzt ging die Wohnstubentür langsam auf und ein kleines, hübsches, etwa siebenjähriges Mädchen erschien auf der Schwelle. Goldene Locken fielen ihr wie eine Mähne über die Schultern, ihre Blauäuglein blitzten schelmisch, und reizende Grübchen spielten in den rosigen Wangen. Beim Anblick des fremden Mannes wollte sie die Flucht ergreifen, aber Herr Warmington rief ihr freundlich zu: »Komm nur her, Flora!« worauf sie schüchtern ins Zimmer trat.

»Dies ist Ihre Klientin, Herr Beck. Gib dem Herrn ein Händchen, Flora; er will viel für dich tun und dein guter Freund sein.«

Ein richtiger Instinkt mochte wohl der süßen kleinen Fee verraten haben, daß Beck alle Kinder liebhatte. Sie kletterte auf seine Kniee und spitzte ihr Mäulchen zu einem Kuß. »Danke schön,« sagte sie, »nicht wahr, es ist eine große Puppe?« darauf beschränkte sich offenbar ihr Begriff von Freundschaft. »Ich habe sieben Kinder und einen hübschen Negerjungen,« plauderte sie weiter, »aber gar keine Mama dazu. Weißt du, ich selber habe auch keine Mama, sie ist tot in der Erde und in den Himmel gegangen. Aber Papa wird immer für mich sorgen.«

Herr Warmington lächelte gutmütig, während Beck mit seiner großen starken Hand, die so ungeschickt aussah und doch weicher war als manche Frauenhand, das dichte Goldhaar der Kleinen streichelte. »So, Flora,« sagte ihr Onkel, »jetzt lauf fort und quäle Herrn Beck nicht länger. Du darfst dir eine Traube und zwei Biskuite vom Tisch mitnehmen, Schätzchen. Dann geh und spiele weiter. Mach auch die Tür hübsch hinter dir zu.«

Auf der Schwelle wandte sie sich noch einmal um. »Vergiß auch die Mama für meine Kinder nicht!« rief sie Beck mit warnend erhobenem Fingerchen zu. Und Tags darauf kam wirklich eine große Puppe für Fräulein Florence Burton aus dem Spielzeugladen an.

Die Tür schloß sich hinter dem weißen Kleidchen mit dem blauen Gürtel und dem goldenen Lockenhaar. »Ich will gehen,« sagte Beck entschlossen, »obgleich ich noch nicht weiß, was ich dort nützen kann. Es würde mir Freude machen, wenn ich im stande wäre, der niedlichen Kleinen einen Dienst zu erweisen.«

»Die Adresse der betreffenden Dame,« versetzte Warmington hocherfreut, »ist Hotel Royal in Mount Eagle, Grafschaft Clare. Das Hotel liegt dicht am Seestrand und etwa dritthalb Meilen von dem Städtchen entfernt.«

»So will ich machen, daß ich noch mit dem Blitzzug fortkomme, der in drei Viertelstunden abfährt. Von morgen an ist meine Adresse: ›Herrn Jerome Blood-Smith, Hotel Royal, Mount Eagle.‹ Schicken Sie mir eine Depesche, wenn Sie etwas zu sagen haben; ich werde auch telegraphieren.« –

Nach den ersten Tagen ihrer freiwilligen Verbannung in die Grafschaft Clare fühlte sich Fräulein Trixie Mordant recht abgespannt. Die leidenschaftlichen Gefühlsergüsse ihres ältlichen Verehrers fand sie ebenso einförmig als trübselig. »Fünftausend Pfund im Jahr wären weitaus nicht genug, wenn das ewig so fortgehen sollte,« murmelte das unromantische Fräulein Trixie, während sie den acht Seiten langen Brief zusammenballte und in den Kamin warf. »Nach der Hochzeit wird's anders werden.« Sie lächelte traumverloren, wenn sie an die lustigen kleinen Soupers dachte, die sie mit ihren Verehrern nach der Vorstellung einzunehmen pflegte. Diese Erinnerung machte ihr den jetzigen Zustand noch unerträglicher. Sie saß im Wohnzimmer in einem großen Lehnstuhl, hatte die Füße heraufgezogen und schaute mit unzufriedenen Blicken auf das blaue Meer hinaus, das sich in breiter Fläche bis zum Horizont ausdehnte. Nichts zu tun und keinen Menschen zur Unterhaltung, das war ihr Unglück. Im Hotel waren einige Prediger abgestiegen und ein reisender Engländer mit seiner steifen Gemahlin nebst drei wohlerzogenen Töchtern, doch diesen war die lebenslustige Trixie in ihrem schicken Radelanzug nur ein Gegenstand des Schreckens und des Abscheus. »Hätt' ich nur jemand, der mit mir über die Einfaltspinsel lacht, dann war's doch zum Aushalten!« seufzte sie voller Verzweiflung; dabei schweiften ihre Blicke von dem Meer, das vor ihr lag, nach dem Tennisplatz zur Linken und siehe da, das Schicksal hatte ihren Wunsch erfüllt und ihr Flehen sollte erhört werden.

Ein junger Mann, dessen auffallender Anzug auf einen Artisten der Spezialitätenbühne schließen ließ, schlenderte mit dem Jakett in der Hand auf dem Platz herum. Die roten und gelben Streifen seiner knappanliegenden Flanelljacke strahlten in der Mittagssonne; auf seinem flachsfarbenen Haupthaar saß ein rundes Strohhütchen, dessen Band in allen Regenbogenfarben schillerte; ein blonder Schnurrbart verhüllte seinen breiten Mund und aus dem runden Gesicht sprach fade Geistlosigkeit. Fräulein Trixie spürte sogleich eine Seelenverwandtschaft und ihr Herz schlug ihm warm entgegen. Fünf Minuten später wanderte sie auch in einem cremefarbenen kurzen Wollkleide, braunen Schuhen und durchbrochenen seidenen Strümpfen auf dem Tennisplatz umher. Als sie dem jungen Mann dort begegnete, wurde sie ganz verwirrt und warf ihm nur einen schüchternen Blick unter ihren langen Augenwimpern zu, als er es wagte, sie anzureden.

Trotzdem waren sie nach ein paar Minuten schon mitten im lebhaftesten Tennisspiel; nach ein paar Stunden nannten sie einander »Trix« und »Jer«, als hätten sie sich von klein auf gekannt, und schon nach den ersten Tagen war der Gigerl sterblich verliebt in das muntere Fräulein und folgte seiner Angebeteten überall hin wie eine große Bulldogge. »Er ist ganz nach meinem Geschmack,« schrieb sie an ihre Busenfreundin, Myrtle Monmorency vom Apollotheater, »Fein herausstaffiert, spart sein Geld nicht, ist ein so grüner Junge, wie man sich's kaum vorstellen kann, und ganz vernarrt in mein liebes Ich. Wir amüsieren uns zusammen wie die Götter, zum Entsetzen der alten Duckmäuser hier am Ort. Es kommt aber keiner dabei zu Schaden.«

So führte denn Fräulein Trixie ihren Jüngling wohin sie wollte, und er war glücklich, wenn er ihr dienen und ihrem Wink gehorchen durfte. Sie spielten Tennis miteinander, machten Ausflüge auf dem Fahrrad oder stolzierten zusammen am Seegestade entlang. Es war komisch und dabei fast traurig anzusehen, wie der kräftige junge Mann, der ein so albernes Gesicht machte, wenn seine großen, runden Augen vor Liebe strahlten, sich von der reizenden Theaterprinzessin so gänzlich umgarnen ließ.

»Morgen wollen wir zusammen baden gehen,« sagte sie zu ihrem Gefährten, der im Wohnzimmer des Hotels neben ihr auf dem Sofa saß. »Stellen Sie sich doch nicht, als wären Sie eben aus dem Mond gefallen; für den Schwimmanzug werde ich schon sorgen ... Na, was gibt's denn schon wieder? – Herein!«

Es war ein Telegramm für Fräulein Mordant. Ein Ausruf entfuhr ihren rosigen Lippen, während sie es las, dann zerriß sie ärgerlich das Papier und warf die Stücke in den leeren Torfkasten, der neben dem jetzt unbenützten Kamin stand. »Ach, das hätte ich nicht tun sollen!« rief sie gleich darauf erschrocken. »Der alte Sharkey hat mir's noch ganz besonders ans Herz gelegt, ich solle vorsichtig sein. Holen Sie mir die Fetzen wieder, Jer; Sie sind ja so'n guter Kerl.« Herr Jerome Blood-Smith steckte sofort seinen ganzen Kopf bis zu den Schultern in den Torfkasten, zog ruhig ein altes Telegramm aus der Tasche und riß es hinter dem Kasten verborgen in Stücke, ehe er Fräulein Trixies Papierfetzen herausnahm.

Sie zündete darauf ein Streichholz an und verbrannte die Stücke, die er ihr gab, in dem leeren Kamin. Eine halbe Stunde später machte Jerome Blood-Smith in seinem Schlafzimmer bei verschlossenen Türen ein Zusammensetzspiel aus dem zerrissenen Telegramm. Als es ausgebreitet auf dem Tisch lag, las er folgendes: »Entdecke eben, daß Freunde der Kleinen Gesetzesantrag beim Parlament durchbringen, ihren Besitz zu sichern. Hoffe ihnen Schnippchen zu schlagen. Müssen Erbvertrag beschleunigen. Hat der Alte eingewilligt? Sharkey.«

Er hatte kaum fertig gelesen, da sah er auch schon Fräulein Trixie auf ihrem Fahrrad über den Rasenplatz vor dem Hotel dahinjagen. Im Nu war er draußen auf seinem Rad und hinter ihr drein. Eine Viertelmeile vor dem Postamt hatte er sie eingeholt. »Machen wir 'ne Tour zusammen?« fragte er.

»Erst muß meine Depesche fort sein. Sie hat Eile und den Dummköpfen im Hotel könnt' ich sie nicht anvertrauen.«

»Warum haben Sie mich nicht geschickt?«

»Sie waren verschwunden. Ich dachte. Sie hätten sich schlafen gelegt. Na, jetzt bin ich jedenfalls hier, also ist's einerlei.« Behende glitt sie vor dem Postamt von ihrem Rad herunter und trat ins Telegraphenbureau, während Jerome Blood-Smith dienstfertig an der offenen Tür bei den Fahrrädern stehen blieb.

Der Telegraph war noch einer von den alten Apparaten die durch gewissenhaftes Ticken die Buchstaben der Depesche angeben. Daß Jerome Blood-Smith dies Ticken verstand, war eines seiner vielen Talente, durch die er sich in einem andern Lebensberuf auszeichnete. So hörte er denn die Botschaft heraus, die lautete: »Sharkey & Snippit, Rechtsanwälte, London – Schicken Sie Erbvertrag umgehend. Der Alte hat versprochen zu unterschreiben. – Mordant.«

Als die Drahtantwort abgeschickt war und Fräulein Trixie zum Bureau hinaussegelte, stand ihr Verehrer draußen in stummer Bewunderung. Sie wollte sich ausschütten vor Lachen über sein einfältiges Gesicht und tat in ihrer übermütigen Laune, als wolle sie ihm mit der Fußspitze sein Strohhütchen vom Kopfe stoßen, was ihr ein leichtes gewesen wäre. »Haha, Jer, Sie Mondkalb; sperren Sie doch nicht so den Schnabel auf, sonst halten die Leute am Ende Ihren Mund für den Briefkasten.«

Als sie zusammen den Abhang hinabradelten, fiel Herrn Blood-Smith plötzlich etwas ein. »Donnerwetter, ich wollte ja auch ein Telegramm vom Stapel lassen,« rief er. »Bitte, fahren Sie langsam, Trix. In einer Minute bin ich wieder hier.«

»Schon recht,« gab sie lachend zurück. »Grüßen Sie Ihr Liebchen von mir und sagen Sie, ich sei nicht eifersüchtig.«

Er wandte sein Rad auf dem steilen Abhang um – gar kein leichtes Kunststück – und jagte nach dem Postamte zurück. »Sie wissen alles, Eile tut not!« meldete er Herrn Warmington.

Dann folgte er wieder auf seinem Rad Fräulein Trixies Spuren. Unterdessen wurde in London das Spiel um den hohen Einsatz einer Jahresrente von fünftausend Pfund mit Eifer und Vorsicht betrieben. – – – –

Im Hause der Lords war das Gesetz über die »Freiwillige Zuwendung« glücklich durch alle drei Lesungen gelangt. An jenem Montag, als Herrn Blood-Smiths Depesche wie eine Bombe in Warmingtons Bureau eingeschlagen hatte, stand es gerade unter verschiedenen andern Gesetzesanträgen auf der Tagesordnung im Hause der Gemeinen. Es war daher kein Wunder, daß der gutherzige Rechtsanwalt sich in fieberhafter Aufregung befand. »Seien Sie nur ganz außer Sorge, werter Herr,« sagte Sir Robert Ridley, der Kronanwalt, mit dem Warmington während der Mittagspause in der Halle auf und ab ging, »Ihr Freund – wie heißt er doch? – Beck – muß auf dem Holzweg sein. Es weiß kein Mensch etwas von unsern Absichten. Sie sollen sehen, wir bringen das Gesetz heute abend noch durch, und dann hat Fräulein Trixie Mordant das Nachsehen.«

Die Parlamentsmitglieder hatten ihre Sitze wieder eingenommen; der Sprecher gebot Ruhe und der Sekretär schickte sich an, die auf der Tagesordnung stehenden Gesetzesanträge zu verlesen. Es ist der interessanteste, aber auch der sonderbarste Vorgang im Hause der Gemeinen; denn jedes Mitglied kann durch die Worte: »Ich erhebe Einspruch!« die Verhandlung über den vorliegenden Gegenstand hindern. Das Haus war an jenem Abend nur schwach besetzt; aber jedes einzelne Mitglied, das für oder gegen einen Antrag stimmen wollte, befand sich auf dem Posten, Zuerst ging alles glatt und einige Gesetze wurden glücklich durchgebracht; dann aber wandte sich das Blatt plötzlich.

»Das Gesetz gegen Verfolgung Andersgläubiger.«

»Ich erhebe Einspruch!«

»Das Lebensmittelfälschungsgesetz.«

»Ich erhebe Einspruch!«

»Das Gesetz über den ambulanten Milchverkauf.«

»Ich erhebe Einspruch!«

»Das Gesetz über den Vogelschutz.«

»Ich erhebe Einspruch!«

»Das Gesetz über Lohnerhöhung für die Straßenkehrer.«

Als keine Stimme dagegen laut wurde, lüftete das Mitglied, das den Antrag eingebracht hatte, seinen Hut, wie es die Parlamentssitte heischt, wenn eine zweite Lesung gewünscht wird. »Die Frage ist, ob über dieses Gesetz die zweite Lesung erfolgen soll,« verkündete der Sprecher.

»Ich erhebe Einspruch!«

Der Antragsteller beruhigte sich jedoch hierbei nicht. »Mit gütiger Erlaubnis des Hauses möchte ich das ehrenwerte Mitglied bitten, nicht auf seinem Einspruch zu beharren. Das Gesetz findet bei allen Parteien des Hauses Unterstützung. Es würde nicht nur für eine höchst verdienstvolle Arbeiterklasse die größte Wohltat sein, sondern auch dem Publikum im allgemeinen zu gute kommen. Deshalb ersuche ich das geehrte Mitglied angelegentlich –«

»Ich erhebe Einspruch!«

»Hol' Sie der Henker!« Der Ausdruck war im ganzen Hause vernehmbar; nur der Sprecher hatte wohlweislich taube Ohren. »Ruhe, Ruhe!« rief er, um dem schallenden Gelächter Einhalt zu tun. »Das Gesetz über freiwillige Zuwendungen.«

Der Kronanwalt Ridley lüftete seinen Hut. »Die Frage ist, ob die zweite Lesung dieses Gesetzes erfolgen soll. Ich bitte die Herren, mit Ja oder mit Nein zu stimmen.«

»Also Ja hat die Mehrheit,« verkündete der Sprecher, als alles still blieb.

Nun wurde die zweite Lesung der einzelnen Paragraphen vorgenommen und ohne Anstand beendet. Warmington, der seinen Platz unter der Zuschauergalerie hatte, strahlte vor Entzücken. Während sich der Sprecher abermals erhob, um die dritte Lesung zu beantragen, kam der Kronanwalt Hardy mit einem offenen Brief in der Hand eilig den Gang herunter und nahm nicht weit von Ridley seinen Platz ein.

»Die Frage ist, ob die dritte Lesung des Gesetzes erfolgen soll,« rief der Sprecher.

»Ich erhebe Einspruch!« tönte es kurz und scharf wie ein Pistolenschuß aus Hardys Munde.

»Vielleicht würde mein ehrenwerter und gelehrter Freund erwägen –« begann Ridley.

»Ich erhebe Einspruch!« rief der andre noch lauter als zuvor.

»Aber ich möchte das geehrte Mitglied doch bitten –«

»Ruhe! Ruhe!« unterbrach ihn der Sprecher. »Das Gesetz über den Fahrradverkehr,«

Von dem Gesetze über »Freiwillige Zuwendungen« durfte an jenem Abend nicht mehr die Rede sein.

»Warum in aller Welt haben Sie das getan?« fragte Ridley seinen Freund Hardy, als sie kurz darauf zusammen das Haus verließen.

»Sharkey hat mich darum gebeten. Ich konnte es ihm nicht gut abschlagen; bekomme immer einen Haufen Arbeit von ihm. Sein Brief wäre um ein Haar zu spät gekommen. In der nächsten Minute hätten Sie das Gesetz glatt durchgebracht.«

»Es ist jammerschade. Wissen Sie denn überhaupt, um was es sich dabei handelt?«

»Ich? Bewahre.«

»Hier ist die Abschrift des Gesetzes. Werfen Sie nur einen Blick darauf.«

»Kurz und bündig. Es scheint alles in Ordnung. Die Bestimmung über ›Freiwillige Zuwendungen‹ hätte schon längst geregelt werden sollen. Was hat den alten Sharkey nur geplagt, daß er mich angestiftet hat, Einspruch zu erheben?«

»Das kann ich Ihnen sagen.« Und er erzählte ihm die ganze Geschichte mit wenigen Worten.

Hardy pfiff ärgerlich vor sich hin. »Es tut mir herzlich leid, lieber Kollege,« sagte er: »Sharkey sollte sich schämen, daß er mir zumutet, sein schmutziges Zeug zu waschen. Dergleichen soll nicht wieder vorkommen, das verspreche ich Ihnen,«

»Besten Dank. Aber ich fürchte, Ihre Reue kommt zu spät. Der alte Sharkey wird uns schwerlich Zeit und Gelegenheit geben, einen zweiten Versuch anzustellen.« –

Um nächsten Morgen war Fräulein Trixie Mordant im fernen Mount Eagle schon frühzeitig auf und befand sich in großer Unruhe. Sie stand bereits vor dem Telegraphenbureau, als es geöffnet wurde, der unvermeidliche Jerome Blood-Smith natürlich dicht neben seiner Angebeteten. Die Botschaft, die der Vielgetreue in seinen ziemlich großen Ohren ticken hörte, während er an der Tür die Fahrräder bewachte und Fräulein Therese drinnen im Telegraphenbureau stand, lautete: »Alles nach Wunsch. Dritte Lesung gestern verhindert. Snippit fährt mit dem Frühzug nach Rathcool ab und bringt Erbvertrag zur Unterschrift. Sharkey.«

»Hurra!« jubelte Fräulein Trixie seelenvergnügt, als ihr das geschriebene Telegramm von dem höflichen Beamten eingehändigt wurde. Als sie jedoch, das Papier seelenvergnügt in der Hand schwingend, hinauseilte, sah sie nur noch den Rücken von Jerome Blood-Smith, der, über die Lenkstange seines Fahrrades gebeugt, den Hügel hinauf ins Hotel zurückjagte.

»Du meine Güte,« rief sie verwundert aus, »was ist denn dem Einfaltspinsel in die Krone gefahren? Vielleicht hat ihn eine Wespe gestochen. Und ich war gerade auch in der Laune, ihm ein bißchen aufzukratzen. Fünftausend Pfund Rente und ein Schloß, und alles nur meinem eigenen Scharfsinn zu verdanken? Es ist wirklich kolossal. Die Herzoginnen der Grafschaft werden sich umgucken. Ich muß jetzt ganz allein einen Extraritt auf dem Rad machen und tüchtig ausgreifen, um mir Luft zu schaffen, sonst platze ich.«

In seinem verschlossenen Zimmer saß unterdessen Herr Beck – denn der war er jetzt wieder, trotz seines blonden Schnurrbartes und seiner rosigen Wangen – und hatte das Kursbuch und eine große Eisenbahnkarte von Irland auf seiner Bettdecke ausgebreitet. Nachdem er gewisse Züge mit dem Blaustift angestrichen hatte, bezeichnete er auf der Karte einen Punkt der Südbahn am Anfang der steilsten Senkung, die auf der ganzen Linie vorkommt, wo die Landstraße diese mittels einer Brücke kreuzt. Dieser Punkt lag genau in der Mitte zwischen zwei Stationen. Bei der drittnächsten Station weiterhin schloß sich die Rathcool- und Knockcrany-Zweigbahn mit schmaler Spurweite an, die etwa dreißig Meilen lang war und in Rathcool endigte. Der Blitzzug fuhr um acht Uhr abends an dem bezeichneten Punkt vorbei und traf auf der Station Knockcrany den letzten Zug der Zweigbahn. Der nächste Lokalzug fuhr erst am andern Tage um halb drei Uhr nachmittags ab und kam um ein Viertel auf fünf in Rathcool an.

Nun maß Beck sorgfältig mit dem Zirkel die Entfernung zwischen dem mit Blaustift markierten Punkt auf der Karte und Mount Eagle in der Grafschaft Clare und berechnete die Meilen nach dem Maßstab.

»Etwas über hundert Meilen,« murmelte er. »Die Zeit würde hinreichen; aber verdammt gefährlich ist die Geschichte und so gesetzwidrig als nur möglich. Doch meinetwegen. Ich habe den Gerichten mein Lebtag so oft beigestanden, daß sie mir auch einmal etwas zu gute halten können. Auch führt ja Herr Blood-Smith den Streich aus und nicht Paul Beck. Für die niedliche kleine Flora ist es aber die allerletzte Chance. Also nur frisch ans Werk!«

Sobald sein Entschluß gefaßt war, verlor er keine Zeit mit Vorbereitungen. Er zog einen leichten, einfachen Radfahreranzug von dunkler Farbe an, in dem seine Arm- und Beinmuskeln mächtig hervortraten. An der Lenkstange befestigte er einen starken, mit Riemen versehenen Sack, der nichts enthielt, als zwei Blechkannen mit Brennöl für die Fahrradlampe und Schmieröl zum Einfetten der Reibungsstellen, Das war Herrn Becks ganzes Gepäck. Er wickelte die beiden vollen Kannen sorgfältig in ein paar von den großen seidenen Taschentüchern, die Blood-Smith gehörten, und stopfte sie dann in den Sack.

Vor der Hoteltür bestieg Beck rasch und in aller Stille sein Fahrrad und jagte mit einer Geschwindigkeit von zwölf Meilen in der Stunde davon. Aus Südosten blies ihm ein starker Wind ins Gesicht, aber er zog die Schultern in die Höhe und kämpfte hartnäckig dagegen an. »Der Bahnzug kann auch nicht so schnell vorwärts gegen den Wind,« sagte er sich zum Trost, »und auch die kleinste Hilfe ist von Wert bei der Arbeit, die vor mir liegt.«

Den ganzen Tag über fuhr Herr Beck auf seinem Fahrrad unermüdlich mit immer gleicher Schnelligkeit weiter. Nur einmal, als er bereits über die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, ließ er sich in einer Schenke ein Stück Brot und ein Glas Bier reichen. Jetzt brach der Abend herein. Sein Tourenzähler zeigte an, daß er bereits Vierundachtzig Meilen hinter sich habe.

Als er auf seine Uhr schaute, deren Ziffern sich im Dämmerlichte kaum noch erkennen ließen, sah er, daß ihm noch zwei Stunden zur Verfügung standen. Er mäßigte seine Eile ein wenig, denn es war sehr anstrengend, gegen den Wind zu fahren, der den ganzen Tag über nicht an Heftigkeit nachgelassen hatte. Kaum zehn Minuten später fühlte er aber unter sich die kurze, stoßende Bewegung, die allen Radfahrern nur zu, wohl bekannt ist. Er glitt augenblicklich von seiner Maschine herunter, mit der es ziemlich trostlos aussah; der Gummireifen des Hinterrades war ganz platt und schlaff geworden. Da das Ziel seiner Reise noch gute zwölf Meilen entfernt war, schien der Unfall alles vereiteln zu sollen. Aber Beck ließ sich nicht so leicht entmutigen. Er nahm eine starke Kneifzange aus dem Werkzeugbeutel, kehrte die Maschine um, den Sattel nach unten, die Räder in die Luft und tastete nach dem Verschluß des Ventils am Hinterrad. Die Schraubenmutter loszumachen machte keine Schwierigkeit; die Zange umfaßte sie mit eisernem Griff und im Nu war sie abgedreht.

Bei Becks Fahrrad hatten die Luftschläuche im Innern der Gummireifen eine besondere Konstruktion; sie waren lose eingefügt und glichen einer langen Wurst mit geschlossenen Enden. Einen Extraschlauch führte er immer im Beutel bei sich. So brauchte er also weder die Kette zu lösen, noch das Rad auseinander zu nehmen, auch nicht nach der beschädigten Stelle zu suchen, um sie auszubessern. Er zog einfach den alten Schlauch heraus, setzte einen neuen ein und das übrige besorgte die Luftpumpe. Das alles verrichtete Beck mit einer Schnelligkeit, wie man sie seinen dicken plumpen Fingern nun und nimmermehr zugetraut hätte. Kaum fünf Minuten waren vergangen, seit er den Schaden zuerst bemerkt hatte, und schon saß er wieder auf dem Fahrrad und die dunkeln Hecken auf beiden Seiten der einsamen Straßen flogen im Dämmerschein an ihm vorüber.

Endlich! Er konnte gerade noch den steilen Abhang erreichen, wo die Landstraße plötzlich in die Höhe führte und die Brücke im Bogen die Eisenbahn überspannte. An dieser Stelle stieg er ab, hob sein Fahrrad über das hölzerne Geländer und stellte es vorsichtig in den Schatten des Brückenpfeilers. Dann hob er den Sack von der Lenkstange und ging damit zu den Schienen hinunter. Durch den Nebel sah man einige Sterne funkeln und von den Schienen ging ein schwacher Metallglanz aus; sie liefen wie zwei helle Streifen immer weiter in die Dunkelheit hinein.

Jetzt nahm Beck eines der seidenen Taschentücher aus dem Sack, faßte es an einem Zipfel, zog dann mit den Zähnen den Kork aus einer der Kannen, tränkte die Seide so reichlich mit Öl, als er konnte, und beugte sich dann zu den glatten Schienen nieder, die er gründlich einzufetten begann. Rasch und sorgfältig verrichtete er dies Werk auf einer Strecke von mehr als hundert Meter, die steile Steige hinunter, bis das Öl der einen Kanne verbraucht war. Dann überschritt er die Bahn und arbeitete sich die Steige wieder hinauf, um auch die zweite Schiene ebenso reichlich mit dem Inhalt der andern Kanne einzuschmieren und zu tränken. Gerade unter der Brücke, auf dem höchsten Punkt der Steige, stellte er sich dann zwischen die Schienen hin, während der kalte Nachtwind an ihm vorbeisauste. Der Ausdruck seiner Mienen zeigte ein sonderbares Gemisch von gespannter Erwartung und Belustigung.

»Ich hoffe, hier mitten auf der Bahn, wo der Zug fahren soll, einen sicheren Stand zu haben. Es wird sich ja bald zeigen.« Kaum hatte er das gesagt, so sah er gerade vor sich tief unten in der Ferne einen weißen Stern auftauchen, der immer größer und heller wurde. Der Wind blies fast in gerader Richtung die Bahn hinunter und sein Heulen war eine Weile der einzige Ton, den Beck vernahm. Dann ging plötzlich ein seltsames Zittern durch die Luft, dem das Rasseln und Fauchen des Zuges folgte. Zuerst leise, schwoll es allmählich immer gewaltiger an, sich dem Brausen des Windes entgegenstemmend. Mit voller Dampfkraft kam die Lokomotive des Blitzzugs, eine lange Wagenreihe in der Dunkelheit hinter sich herziehend, mit Donnergetöse die Steige heraufgefahren. Als sie zur Höhe emporklomm, mäßigte sie ihre Geschwindigkeit etwas wie ein Pferd, dem der Atem ausgeht.

Jetzt hatten die Räder das Öl berührt. Sofort wurde das Brüllen des Zuges schwächer, das Kreischen und Rasseln verstummte. Noch zwang die starke Triebkraft die ungeheure Masse, in ihrem Lauf vorwärts zu eilen, doch fanden die Räder keinen Halt an dem eingefetteten Metall; sie glitten aus wie Pferdehufe auf schlüpfrigem Boden. Langsamer und immer langsamer kam die Lokomotive einher, bis sie vielleicht nur noch zwanzig Meter von der Stelle entfernt war, wo Beck zwischen den Schienen stand. Jetzt hielt sie eine Sekunde lang still, um gleich darauf geräuschlos und zuerst ganz allmählich, dann schneller und immer schneller die Steige wieder hinunterzugleiten. Gräßlich, wie das Gebrüll eines todwunden Ungeheuers klang das Kreischen der Lokomotive durch die Stille der Nacht, bis der Zug weit unten am Fuß der langen Steige endlich zum Stillstand kam. Das Öffnen und Schließen vieler Türen und ein erregtes Stimmengewirr schlug in schwachen Tönen an Becks lauschendes Ohr. Er wartete, bis der Bahnwärter, der um die nötigen Warnungszeichen aufzustecken heraufkam, ganz nahe bei ihm angelangt war. Nun wußte er, daß der Zug in dieser Nacht keine zweite Auffahrt versuchen werde.

Leichten Herzens holte er sein Fahrrad wieder herbei und segelte mit dem Wind im Rücken schnell und ohne Anstoß den Weg zurück, auf dem er gekommen war. Wie ein grauer Nebelstreifen dehnte sich die Landstraße vor ihm in die Nacht hinaus.

Am nächsten Tage, um halb vier Uhr, während Herr Snippit noch mit dem Ehevertrag in der schwarzen Ledertasche fünf Meilen weit von Rathcool entfernt war und nach Herzenslust auf die schlechte Eisenbahnbeförderung schimpfte, spielte sich in dem Haus der Lords ein sehr sonderbarer Vorgang ab.

Der Großkanzler mit dem dreieckigen Hut auf der ungeheuren Perücke saß auf seinem breiten scharlachroten Wollsack; neben ihm zwei andre Lords in Scharlach und Hermelin. Diese drei vertraten die abwesende Majestät von England. Auch noch viele andre hohe Herren in den verschiedensten Trachten waren zugegen. Am seltsamsten unter ihnen nahm sich jedoch ein großer Mann in schwarzem Talar und einer Perücke von besonders weißem Pferdehaar aus, der die feierlichste Miene zur Schau trug. Ein kleiner Mann verlas eine Liste derjenigen Gesetzesanträge, welche glücklich durch die Sturmflut der beiden Häuser gesegelt waren und sich jetzt dem friedlichen Hafen näherten.

Bei jedem Gesetzestitel, der verlesen wurde, machte der große Mann eine halbe Schwenkung wie ein aufgezogener Automat, verneigte sich vor dem leeren Thronsessel und sprach mit einförmigem Tonfall die Zauberworte, wodurch ein Gesetzesantrag in einen Parlamentsbeschluß verwandelt wird.

»Das Gesetz über freiwillige Zuwendungen,« las der kleine Mann.

»La reine le veut,« verkündigte der große Mann.

In diesem Augenblick war das Gesetz zum Beschluß erhoben; es bildete nun einen Teil der Landesgesetzgebung und die Rechte der kleinen Florence Burton waren gesichert. Den ganzen Nachmittag über warteten Trixie Mordant und Jerome Blood-Smith in Mount Eagle mit großer Ungeduld auf die Ankunft von Telegrammen. Gegen Abend trafen die beiden rosenfarbenen Kuverte endlich gleichzeitig ein. Jede der beiden Depeschen bestand nur aus einem einzigen Wort, Die ihrige lautet: »Verloren«, – die seinige: »Gewonnen«.

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