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Gewählte Gedichte

Jens Baggesen: Gewählte Gedichte - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorJens Baggesen
booktitleAnthologie aus den Gedichten von Baggesen und Oehlenschläger
titleGewählte Gedichte
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
seriesFamilien-Bibliothek der Deutschen Classiker
volumeVier und neunzigster Band
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidb3acd1c0
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An Bonaparte.

(Erdichtet auf der Spitze des großen Bernhards im Mai 1798.)

Welch' Getön durchfliegt den verstummten Aether
Hier auf Bernhards Kupp', an der Schöpfung Grenzstein,
Wo seit Ur-Jahrhunderten schwieg des Chaos
     Ewige Stille?

Wunderbar entschauert von selbst der Leier
Melodie helltönenden Klangs, wie wenn selbst
Foibos, leis' anrührend, im Schwung vorbeiging.
     Siehe, der Fels wankt!

Schone, furchtbar waltender Gott! Wie wird mir?
O, wie tobt aufschwellend mein Herz, durchbebt von
Angst und Wonnentzückung, so nah' der Gottheit-
     hüllenden Wolke!

Aus der Wolk' her scholl ein Gebot. Es rauschte
Lauter noch: Auf, auf zum Gesang! Vorüber
Schritt der Fernhertreffende; doch es klang noch
     Stets die Begleitung.

Wen begrüßt, unsterblicher Hauch, dein Odem?
Welchen Mann, Held, Gott, o du Stimm' Apollons,
Preisgesang lautfordernde, gilt dein Felsdurch-
     hallender Aufruf?

Wessen Lob soll tief in dem Schlund des Rhodan,
Hoch um Montblanc's Gipfel, und weit von Pol zu
Pol getönt, laut wiedergetönt, der Alpen
     Donner betäuben?

Welcher Nam', aufregend der Zeit und Zukunft
Stimmen, soll wach rufen der alten Vorwelt
Tief in Barbartrümmern verklung'ner Hallen
     Schlummernden Einklang?

Priam's Burg sank hin in der Zeiten Sturmmeer;
Hellas Macht, die jene gestürzt, zerfiel; und
Beider Schutt entwachs'ner Koloß! auch du sank'st,
     Thürmende Roma.

Zeus Geschlecht starb aus; das Geschlecht Herakles
Schwand; und ach! dein Himmel erlosch, o Vorwelt!
Selbst nicht Mondschein hellet das Meer, seit Friedrich
     Tauchte, der Letzte.

Rings ist Gram. Nicht Blitze der Nacht, nur Flämmchen
Schaut mein weitumspähendes Aug'. Europa
Deckt des Abgrunds todtester Dampf. Wohin durch
      Ragnaroks Schatten,

O Begeist'rung? Sieh', im Gebiet des Kamul
Unten fliegt durch Wolken mein Blick vergebens.
Zwischen unstät hüpfenden Schemen seh' ich
     After-Titanen,

Zwerg' auf Zwerg', hochthürmen das Haupt. Es dräun schon
Fünfe dort. Sin Hauch und in Schutt zertrümmert
Liegt der fünffach ragende Ries', ein Leichnam.
      Aber des Unsinns

Weint die ringsum blutende Erd', ein Kampfplan
Jenes Spuks, der stets sich erneut. O, nirgends
Naht, dem Blendwerk trotzend, ein Held; o, nirgends
      Strahlt ein Erretter. –

Wie doch, Luftstrom, säuselst du so? warum bebt
Immer noch hochfeierlich ihr, o Saiten?
Singe! tönt's noch tief in der Drance Sturz, noch
     Hoch um den Gipfel.

Milder Süd, duftathmender! welcher Gottheit
Hain entweht dein heiliger Hauch? O Zeus! dein
Adler rauscht nah, näher mir! ach, sein Raub schon
      Schweb' ich, o Wunder!

Meinem Fels entrafft, durch die Luft, hinab jetzt
Ueber Nereus Reich, das Ruin-umkränzte
Mittelmeer, hin über Calypsos Eiland,
      Aetna vorbei, hin

Ueber Minos heiliges Grab, im Sturmflug,
Ueber Küpros Bucht, wo vordem emportaucht'
Aphrodit', entgegen dem Strom des sieben-
     armigen Reilos.

Wo wird ruhn, sturmfliegender Aar, dein Klangflug?
Welche Höh'n empfangen mich hier? Mit einmal
Steh' ich, weitumschauenden Blicks, auf Memphis
     Ur-Pyramide.

O, der Schau! dort stürzet dem Blick ein neues
Ilion! Rings flammet die Luft! es brüllt der
Löwen Flucht durch Waffengetös' im Nachhall
     Rollender Donner!

Krokodilblut schwellet den Fluß; es hebt sein
Drachenhaupt, giftträufend, empor Aegyptos
Altes Stromscheusal, und durchbohrt verbrüllt' es
     Tief in dem Abgrund.

Ottmann's Bau fällt hier mit Gekrach, zertrümmernd
In der Pfort' Einsturz, was umher emporragt;
Aufgesprengt gähnt dort das verschloßne Grab des
     Blutenden Ninus!

Laut erbebt ringsum Katakomb' und Umland;
Und geschreckt steigt her aus der unterird'schen
Hallen Leichnamgruft der Dynasten Schaar, graun-
     drohendes Anblicks.

Welcher Held glänzt hier in Achilleus Rüstung,
Pallas Schild vorhaltend, die Keul' Herakles
Schwingend, rings umtönt von Triumphgesängen,
      Hoch auf dem Wagen,

Der einher durch Mumien rollt? – O Ares!
Ares? Nein, Zeus selbst auf Titanentrümmer
Strahl auf Strahl herschleudernd, erscheint der Sieger,
     Dem er dahin sank,

Jener Bau! dem sank in dem Strom das Scheusal!
Dem sie fliehn, lautbrüllend, die Leu'n; und ringsum
Stürzt, was kühn auftrotzt' in dem Meer, und kühn auf-
     trotzt' in den Landen.

Er, Er ist's! Ihm rief mich der Gott. – O, du, der
Helden Fürst, weltrettender! den umsonst ich
Sucht', auf Bernhards Kupp', in des weiten Umlands
      Höhen und Tiefen,

Kehre bald! bald! eile! dich ruft Europa's
Röcheln! Ach! eh' dieses erstickt des Abgrunds
Dampf, erschein' allmächtiges Zorns, und donn're
     Nieder den Kamul!

*

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