Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jens Baggesen >

Gewählte Gedichte

Jens Baggesen: Gewählte Gedichte - Kapitel 29
Quellenangabe
typepoem
authorJens Baggesen
booktitleAnthologie aus den Gedichten von Baggesen und Oehlenschläger
titleGewählte Gedichte
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
seriesFamilien-Bibliothek der Deutschen Classiker
volumeVier und neunzigster Band
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidb3acd1c0
Schließen

Navigation:

An die Furien.

Mehr als Lykaons Gericht, als Atreus blutiges Gastmahl,
    Mehr als orestische That,
Beispielloserer Frevel, als je das Maß der Empörung
    Gegen die Götter gefüllt,
Fordert euch auf; und ihr schlaft noch stets, Göttinnen der Rache!
    Schlaft! und der Donnerer schweigt!
Greuel, wie nie noch ersannen Caligule, stinkende Greuel,
    Denen verglichen der Rauch,
Welcher vom grausen Gelage der Anthropophagen gen Himmel
    Wirbelt, Ambrosia dampft.
Rufen euch, Schwestern der Rache: Was schnarchet ihr? reget die Flügel!
    Schüttelt die Schlangen! erwacht!
Bosheit selber befremdende Wuth, geisttötendes Würgen,
    Seelevergiftender Mord –
Nicht der Feinde – des eigenen Volks! des entwaffneten Freundes!
    Bloß um zu wüthen, aus Haß
Gegen was gut ist, oder nur scheint! aus Liebe zum Bösen –
    O, wie nenn' ich, was nie
Nannte die menschliche Sprache, wofür kaum Heulen der Hölle
    Name zu brüllen vermag?
Weltvergiften! im Schooß der Gebärerin Morden der Zukunft!
    Und, mit belachendem Hohn,
Anspei'n das, was knieend im Staub anbeteten alle
    Zonen und Zeiten mit Furcht –
Dies Unnennbare schreit, wie nie der Säuglinge Blut, selbst
    Nie des Greises, der sank
Unter der Keule des Sohns, aufschriee gen Himmel um Rache:
    Auf, ihr Erinnyen, auf!
Schaut, daß sich selbst das Entsetzen entsetze, was nie noch die Sonne
    Sah mit gewendetem Blick,
Grenzenlose, die Höll' empörende, gänzlich entstirnte
     Frechheit! Furien, schaut
Unscham, wie sich berauschet vom Blut der geschändeten Mutter,
     Selber geschändet, noch heiß
Glühend vom doppelten Kampf, im Wollustschlafe das Unthier
    Nero keinen geträumt!
Schaut die letzte, das Menschengeschlecht brandmarkende Schandthat
    Galliens! Galliens! Sie
Duldete, daß sie geschah, die scheußliche, nimmererhörte –
    Fluch der Dulderin! Fluch!
Daß so weit sie kommen es ließ, daß Herrscher der Hauptstadt
     Ward, und des Landes zugleich,
Der vom verworfensten Mörder sich nur auszeichnet durch Unscham,
     Den nur zu nennen, sich einst
Schämen wird die Geschichte der Menschheit! Fluch der Verdorbnen!
     Daß sie das Scheusal erzog!
Ekel und Schauder zugleich erregende Greuel auf Greuel
    Häufte die Rasende längst
Drei Jahrhunderte durch, in drei entsetzlichen Jahren,
    Mehr als verdoppelt, gepreßt;
Aber sie füllte das Maß erst jetzo! Hört's, Eumeniden,
    Hört es! Gefüllt ist das Maß!
Jener entstirnte Bandit, der Meuchelmörder der Freiheit,
    Hat es nunmehro gefüllt!
Sieh'! er stampft mit dem Fuße die Erd' und drohet den Göttern!
    Töchter der ewigen Nacht,
Horcht! es donnert bei heiterer Lust! es ruft euch der Donn'rer:
    Acherons Töchter, erwacht!
Auf, Alekto, Megära, Tisiphone, schreckliche Schwestern!
    Schwinget die Fackeln zum Brand!
Schüttelnd die zischenden Schlangen, Erinnyen, spreitet die Schwingen!
    Fleugt, wie die Rache nur fliegt,
Schneller als Blitze, heran! eilt, eilt, ergreifet, ergreift ihn!
    Peitschet zur Höll' ihn hinab!
Horcht! es rollt durch die heitere Luft noch lauter der Donner:
    Höret den Ruf, und gehorcht!
Auf, Alekto! Megära! Tisiphone! schreckliche Schwestern!
    Schwinget die Fackeln zum Brand!
Treibt ihn mit flammenden Geißeln herab, tief unter der Hölle
    Tiefste Behausung herab!
Daß nichts unter ihm sey! daß Alles über ihm rage,
    Höher, als über den Schlund
Acherons ragt der Olymp, den frech bestürmte sein Wahnsinn!
    Dann, wenn er unter sich nichts
(O, die Verzweiflung!) erblickt, und über ihm jauchzet das Weltall –
    Dann den verworfensten Knecht
Unter den blutigen Knechten, den er am tiefsten verachtet,
    Schleudert hinab auf sein Haupt!
Daß der, tretend mit Füßen ihn, heul' im ewigen Zuruf:
     »Tallien fehlte mein Dolch!»

*

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.