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Gewählte Gedichte

Jens Baggesen: Gewählte Gedichte - Kapitel 22
Quellenangabe
typepoem
authorJens Baggesen
booktitleAnthologie aus den Gedichten von Baggesen und Oehlenschläger
titleGewählte Gedichte
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
seriesFamilien-Bibliothek der Deutschen Classiker
volumeVier und neunzigster Band
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidb3acd1c0
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Die alte und neue Sehnsucht.

An Adam, Grafen von Moltke.

Der du, Schicksal theilend mit mir, Herz an Herz,
Arm in Arm, gleichschlängelnden Pfads, voll Andacht,
Bald des Gotthards Gipfel erklommst, bald tief ab
      Stiegst in den Abgrund

Der im Sturz dumpfdonnernden Aar, o Felsfreund!
Dir vertraut', aufseufzend, mein Herz die Sehnsucht
Nach der Heimath schöneren Blumen, ach! und
      Höheren Wonnen;

Wie verlangt', hinsterbend, mein Geist nach Rückkehr
In das Hochland, ach! an den Busen Thunas,
Wo, der Jungfrau nah, mir erschien der Jungfrau
      Schönste Gespielin;

Möchtest doch du, trautester Freund des Dulders!
In dem Nußbaumwald, wo Sophia's Schatten,
Von der Jungfrau Schimmer umglänzt, noch wandelt,
      Kränzen ein Grab mir!

Also seufzt' ich einst, und den Tod begehrt' ich.
Aber sieh'! holdlächelnd erschien, o Wunder!
Mir die längst entschwebete jüngst, zur Seit' ihr,
       Rosigen Aufblühns,

Diese ganz ihr ähnliche Braut, geträumt wie
Jen' in Sehnsuchtsstunden, wie jen', im Traumbild,
Mild mir Trost zulächelnd, und sanften Duldens
      Süße Belohnung;

Und sie ward mir, länger nicht Traum, noch eigner,
Als die gar zu himmlische, die mich Lieb' ihr
Lehrt, als ich sie Liebe dem Seraph lehrte,
       Den sie nun dort liebt.

Und doch liebt' unendlich ich sie; doch weint noch
Meine Seel' ihr nach! Wer erforscht die Tiefen
Jener All-Urkraft, die das Höchst' erhöht, Unendliches
      mehrend?

Reubelebt wünscht jetzo mein Herz, der Alpen
Stets gedenk, was Froheres. Dir vertraut's noch
Seiner Sehnsucht Schwung, und des neuen Heimwehs
       Sanftere Thränen:

Möcht' ich bald – ach bald! (denn es löscht der Nord sonst
Diese neuauflodernde Gluth des Dichters)
Hingepflanzt dort werden, wozu Natur mich
      Bildete! Möcht' ich

Dort, wo Montblancs glühende Stirn am Abend
In des See's Halbmonde sich kühlt, ein Altar
Unsrer Freundschaft weihn in der Hütt' erneuter
      Eh'licher Liebe!

Oder, wehrt feindseliger Parzen Spindel
Dies mir, o, möcht' endlich ich doch mit ihr, die
Jen' ersetzt, noch rosig, der schnell verblühten
       Blühenden Schwester,

An der Elb' Ausfluß, in der Näh' Jacobi's,
Neben Voß, treu dienend den Musen Hellas,
Meinem Reinhold nah, und mit dir, Herz an Herz,
      Selig mich preisen!

*

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