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Gestohlene Gedanken

Otto Berndt: Gestohlene Gedanken - Kapitel 9
Quellenangabe
authorOtto Berndt
titleGestohlene Gedanken
publisherMartin Boas
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Kommissar Schlüter saß in seinem Büro und wartete.

Geheimrat Wesendonk, der Chef der Kriminalabteilung auf dem Polizeipräsidium, war auf einige Tage verreist, und Dr. Schlüter als ältester Beamter vertrat ihn und mußte also im Amtszimmer sitzen, anstatt seinen Geschäften nachzugehen.

Zum Glück nur noch Stunden, denn Wesendonk sollte schon an diesem Vormittag zurückkommen, und Schlüter haßte nichts mehr, als Bürodienst.

So war er auch nicht allzu rosiger Laune, zumal nichts rechtes zu tun war und er auch in der Hellermannschen Sache nichts erreichte! Er saß im Lehnstuhl, rauchte seine Zigarre und blätterte das amtliche Blatt der Polizeidirektion in München durch, das, wie alle derartigen Blätter, regelmäßig ausgetauscht wurde, damit die Verbrecheralbums der verschiedenen Städte vervollständigt werden.

Ein anderer Beamter hatte es schon durchgeforscht und mit Rotstift die Namen angestrichen, die für Berlin besonders interessant waren.

Auch Schlüters Auge glitt über die Spalten, da stutzte er.

»Ottokar Schulz, Musiker, wiederholt vorbestraft, wurde wegen Notendiebstahls im Rückfall zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Schulz ist geboren in Berlin, am 5. Februar 1896.« Daneben hatte der andere Beamte schon mit Rotstift geschrieben: Band 678, Seite 529.

Da war Band und Seitenzahl des Berliner Verbrecheralbums, in das also bereits sine Eintragung gemacht war – also ein alter Bekannter, der schon im Buch »heimatsberechtigt« war!

Schlüter sann nach. Ottokar Schulz? Wieso fiel ihm der Name nur auf?

Schulz war doch eigentlich gar kein Name, sondern ein Gattungsbegriff, wie er scherzend zu sagen pflegte und – – halt – – da nahmen seine Züge für einen Augenblick einen gespannten Ausdruck an – er war gewohnt, jede noch so geringfügige Kleinigkeit nachzuprüfen – hieß nicht das Schreibmaschinenfräulein, bei der er gestern in der Albrechtstraße gewesen, Schulz, und hatte sie nicht einen Bruder erwähnt, der Ottokar hieß? Er lächelte, sein Gedächtnis arbeitete doch noch vorzüglich, daß ihm solche Kleinigkeit haften geblieben. Ein Gefühl der Teilnahme überkam ihn. Hatten die vergrämten, früh verblühten Züge des Mädchens vielleicht darin ihren Grund, daß ihr Bruder? Sein Interesse war einmal geweckt, und er rief die Ordonnanz.

»Bringen Sie mir einmal Band 678 vom Album.«

Der umfangreiche Band war schnell zur Stelle, und Schlüter blätterte nach – kaum hatte er die Seite gefunden, als die auffallende Ähnlichkeit mit der Schwester ihm sagte, daß sein Verdacht gerechtfertigt sei. Er las die Berichte – eigentlich kein Schwerverbrecher. Lauter kleine Schwindeleien – Zechprellereien um ein paar Groschen – Diebstahl von Kleinigkeiten, Roheitsdelikte im Rausch – jedes einzelne nicht schwerwiegend, das ganze das Bild eines verkommenen Menschen.

Zum letzten Male war er in Berlin in der Wohnung seiner Schwester am 19. Oktober 1917 verhaftet, allerdings wieder freigelassen. Er stand im Verdacht, einem »schweren Jungen« Hehlerdienste geleistet zu haben, mußte aber wegen Mangel von Beweisen wieder auf freien Fuß gesetzt werden – seitdem war er aus Berlin verschwunden.

Die Tür öffnete sich, und Geheimrat Wesendonk trat ein.

»So, lieber Doktor, da bin ich wieder –«

»Gott sei Dank, Herr Geheimrat, ich komme mir vor wie der Löwe im Käfig.«

Wesendonk lachte.

»Na, dann glaube ich, daß ich Ihnen gleich Gelegenheit geben kann, sich tüchtig die Füße zu vertreten. Ich habe eben, wie ich in das Präsidium trat, für Sie einen Auftrag bekommen. Der Untersuchungsrichter im Plagiatfall Hellermann gegen von Dahlen will Sie sprechen und bittet gleichzeitig, Sie nach der Schweiz senden zu dürfen.«

Schlüter nickte vergnügt.

Hatte der Richter sich endlich überzeugen lassen, daß es Pflicht des Gerichtes sei, Herrn Horst Wehler einmal gründlich zu verhören?

Er nahm das Dienstauto und fuhr nach Moabit.

»Schon da, Herr Doktor?«

»Natürlich, Herr Landgerichtsrat. Ich soll in die Schweiz?«

»Sie haben ja schon immer davon gesprochen – übrigens hat gestern der Staatsanwalt aus Greifswald geschrieben. Die Hauptverhandlung in der Mordaffäre Hellermanns steht dicht bevor – die Sache scheint ja nun vollkommen geklärt, aber der Staatsanwalt hält es für erwünscht, vorher noch eine recht genaue Aussage Horst Wehlers zu besitzen. Wenn es auch mit dem Mord nur weitläufig zusammenhängt – für die Beurteilung des Falles und eventuell die Abmessung der Strafe ist es doch wesentlich, ob die Tote wirklich mit dem Diebstahl des Manuskriptes in Zusammenhang steht oder nicht.

Da ist nun wieder so ein Bericht einer kommissarischen Vernehmung gekommen, der gar nichts besagt.

›Horst Wehler wiederholt unter Eid, daß er volles Verfügungsrecht über das Manuskript gehabt hat.‹

Nichts Näheres! Nichts von den gewünschten Einzelheiten – ich denke –«

»Es ist natürlich das einzig richtige, daß ich selbst hinunterfahre, und ich bin sofort bereit. Wo ist er denn jetzt?«

»In Zürich.«

»Also ich fahre mit dem Mittagszug.«

Dr. Schlüter war ordentlich vergnügt. Ohne Auftrag des Untersuchungsrichters hatte er ja nicht fahren können, und er brannte wirklich darauf, einmal den zweifelhaften Schriftsteller, der in diese seltsame Sache verwickelt war, kennen zu lernen.

Er ging in seine Wohnung und studierte den Fahrplan.

Wenn er mit dem Mittagszug fuhr – Nürnberg-Stuttgart-Zürich. – Wieder schritt er auf und nieder.

Ihm wollte Ottokar Schulz nicht aus dem Sinn. Er hatte manchmal so seltsame Eingebungen – kriminalistische Instinkte – pflegte er sie zu nennen, von denen er sich selbst keine Rechenschaft geben konnte und die ihn doch schon manchmal auf Spuren geleitet hatten.

Ottokar Schulz hatte ja jedenfalls einmal das Manuskript in der Hand gehabt, allerdings nur, um es in den Ofen zu stecken.

Er dachte nach – wenn er über München fuhr?

Groß war der Umweg nicht – sollte er dem Richter? Das war nicht nötig, und dazu war ja auch seine Kombination zu geringfügig.

Schon war er entschlossen. Fuhr er direkt, dann war er morgen nachmittag in Zürich – der Anschluß taugte nicht viel – er konnte ja ebenso erst mit dem Nachtzug reisen, fuhr er aber nach München, dann war er morgen ganz früh dort und konnte nachts noch immer in Zürich eintreffen.

Ob er vielleicht bei Fräulein Schulz vorbeifuhr und sie noch einmal fragte, ob sie wirklich gesehen hatte, wie der Bruder das Manuskript verbrannte? Es widerstand ihm, das arme Mädchen durch die Nachricht der abermaligen Bestrafung des Bruders zu betrüben – er mochte ohnehin der dunkle Punkt in ihrem sorgenvollen Leben sein.

Früh am Morgen stieg er nach einer im Schlafwagen gut durchgeschlafenen Nacht frisch in München aus und begab sich zum Präsidium.

Natürlich war er dort bekannt und wurde als alter Freund empfangen.

»Was bringen Sie uns neues?«

»Eigentlich sehr wenig oder gar nichts. Ich bin nur eigenmächtig und auf der Durchreise hier und möchte gern über einen gewissen Ottokar Schulz etwas näheres erfahren.«

»Ottokar Schulz?«

Schlüter zog das Fahndungsblatt aus der Tasche.

»Hier – ich meine –«

»Ach so.« Der Beamte sann nach.

»Hat der noch etwas anderes auf dem Kerbholz?«

»Vielleicht. Seit wann ist denn der Mann in München?«

»Einen Augenblick, das können wir aus den Akten leicht feststellen. Wenn Sie gleich mit in das Einwohnermeldeamt hinüberkommen wollen?«

Es war schnell zu ermitteln.

»Am 20. Oktober 1917 nach München zugezogen – von Berlin – wohnte damals in der Türkenstraße 76.«

»Und wann ist er hier mit dem Strafrichter zum ersten Male in Berührung gekommen?«

»April 1918, wegen einer Uhr, die er einem Kollegen gestohlen hatte.«

»Also hat er sich beinahe ein halbes Jahr gut gehalten?«

»Scheint so.«

»Ich möchte einmal auf das zuständige Revier, vielleicht spreche ich dann noch einmal vor.«

Er nahm einen Wagen und fuhr in die Polizeistation in der Türkenstraße, die unter einem älteren Beamten stand.

»Kriminalkommissar Schlüter aus Berlin – verzeihen Sie eine Frage – in der Zeit vom 20. Oktober 1917 bis März 1918 hat in der Türkenstraße 76 ein Musiker Ottokar Schulz gewohnt, der jetzt wegen eines Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt ist.«

»Ottokar Schulz?«

»Ich habe ein Duplikat aus dem Berliner Verbrecheralbum mitgebracht.«

»Ach ja, jetzt erinnere ich mich.«

»Ist vielleicht in der Zeit, die er hier wohnte, Ihnen irgend etwas zu Ohren gekommen, was Ihnen aufgefallen wäre?«

»Eigentlich nicht – das heißt – jetzt erinnere ich mich – eines Tages kam eine Anzeige, er soll eine Hochstapelei gemacht haben, für ein paar hundert Mark Sachen aus einem Geschäft entnommen haben auf eine Schwindelei hin, aber zwei Tage später kam der Mann, der die Anzeige gemacht hatte und nahm sie zurück, weil er bezahlt hatte. Sonst weiß ich nichts.«

»Können Sie mir vielleicht sagen, wer der Mann war, dem er das Geld schuldete?«

»Warten Sie mal, das muß in den Büchern stehen. Einen Augenblick.«

Der Beamte sah die alten Meldebücher durch.

»Ganz recht, hier habe ich's schon. Hofmusikalienhändler Obermichler, Ludwigstraße 3. Da steht es auch – es handelt sich um eine Violine.«

»Danke verbindlichst. Ich werde einmal hinfahren.«

Schlüter wußte eigentlich selbst nicht, warum er einer anscheinend so gar nicht mit seinen Wünschen zusammenhängenden Sache nachforschte, aber – sein »kriminalistischer Instinkt« ließ ihm keine Ruhe.

Herr Obermichler war verwundert, als er den Besuch des Kriminalkommissars aus Berlin erhielt.

»Ach ja, ich erinnere mich – der Mann kam zu mir und erzählte mir, er sei bei der Hofoper im Orchester angestellt und brauche eine Violine. Er machte mir einen guten Eindruck und verstand auch etwas von Instrumenten, denn es war eine vortreffliche Violine, die er sich aussuchte – kostete fünfhundert Mark, und ich glaubte ihm auf sein Spiel hin, daß er wirklich im Hoforchester angestellt sei, denn er hatte einen vorzüglichen Strich – kurz, er zahlte, ich glaube, es waren fünfzig Mark – an und wollte monatlich abzahlen. So etwas kommt ja bei uns alle Tage vor.

Dann aber blieb gleich die erste Rate aus. Ich wartete noch einen weiteren Monat, dann erkundigte ich mich – er war nicht im Hoforchester, sondern in einem ganz obskuren Kaffee und verdiente nur ein paar Pfennig.

Ich schickte einen Angestellten zu ihm – kurz – zahlen konnte er nicht, und die Geige wollte er irgendwo versetzt haben – jedenfalls hatte er nur ein schlechtes Jammerinstrument da. Ich wurde wütend und erstattete Anzeige, und dann geschah das merkwürdige. Er wurde auf der Polizei vernommen, und zwei Tage später – ich glaubte schon, ich sei mein Geld los – da kam er, bezahlte den ganzen Rest auf einmal und spielte noch den Gekränkten.

Na, ich war froh, daß ich mein Geld hatte, und zog die Klage zurück. Das ist alles.«

Schlüter fuhr noch einmal in das Präsidium.

»Verehrter Kollege, könnte ich den Schulz vielleicht einmal sprechen?«

»Haben Sie etwas in Erfahrung gebracht?«

»Eigentlich gar nichts, aber ich möchte ihn gern einmal sehen.«

»Das läßt sich leicht machen.«

Nach wenigen Minuten hatte Schlüter die Erlaubnis, Ottokar Schulz im Gefängnis sprechen zu dürfen und fuhr in das Gefängnis.

Ottokar Schulz saß in seiner Zelle und klebte Tüten. Wie die Tür geöffnet wurde, sah er dem Eintretenden mit ängstlichen Augen entgegen. Er war kein häßlicher Mensch – im Gegenteil – eigentlich ein richtiger Künstlerkopf, nur sah er viel älter aus, wie er war – ein wüstes Leben war deutlich auf seinem Gesicht zu lesen, das im übrigen große Ähnlichkeit mit der Schwester besaß.

»Kriminalkommissar Schlüter aus Berlin.«

Schulz schrak zusammen.

»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen – ich komme eigentlich nur als Privatmann.«

Jetzt trat ein Ausdruck der Verwunderung in sein Auge.

»Ich möchte von Ihnen nur eine kleine Auskunft. Nicht wahr, ehe Sie nach München übersiedelten, Herr Schulz, wohnten Sie bei Ihrer Schwester in der Albrechtstraße.«

»Ich habe nie da gewohnt.«

In seinen flackernden Augen lag unbestimmte Furcht, sicher hatte er in Berlin noch allerhand auf dem Kerbholz, wovon die Behörde nichts wußte.

»Aber Sie waren öfter bei ihr? Sie wurden ja auch dort verhaftet –«

»Unschuldig – ganz unschuldig.«

Er stieß es so heftig heraus, daß Schlüter lächelte und vom Gegenteil überzeugt war.

»Ich weiß, Sie sind ja auch gleich wieder entlassen und von der Sache ist mir auch so gut wie gar nichts bekannt. Aber – einige Tage vorher war doch der Geburtstag Ihrer Schwester? –«

Schulz sah ihn fragend an.

»Erinnern Sie sich vielleicht, daß diese damals einen Roman abgeschrieben hatte, und daß das eine Exemplar mit Petroleum begossen war?«

Es war Schlüter, als husche ein flüchtiges Rot über seine Wangen, er hielt den Kopf gesenkt, dann richtete er sich auf.

»Das weiß ich wirklich nicht – ich habe mich um die Arbeiten meiner Schwester nicht gekümmert.«

»Aber Herr Schulz, denken Sie doch einmal nach – Ihre Schwester wollte wohl Kaffee kochen, und da fiel die Petroleumflasche um, und dann sollen Sie das Manuskript genommen und verbrannt haben?«

Er lachte, etwas gezwungen.

»Ach ja – sie war ganz verzweifelt – jetzt erinnere ich mich – ich habe auch den Haufen Papier genommen und hab ihn verbrannt.«

»Gleich?«

»Nein, denn meine Schwester hat keinen Ofen, sondern Zentralheizung. Es ist doch ein Bürohaus, und am Abend hab ich's bei mir in den Ofen gesteckt.«

»War das ein Roman, der den Titel ›Der Werdende‹ hatte?«

»Das weiß ich wirklich nicht. Ich hab das fettige Ding gar nicht weiter angesehen. Ich hatte es in eine Zeitung gewickelt, und so hab ich's ins Feuer geworfen.«

Schlüter sah ihn durchbohrend an.

»Das ist die Wahrheit?«

»Warum sollte ich lügen?«

»Und woher hatten Sie eigentlich plötzlich das Geld, um Herrn Hofmusikalienhändler Obermichler zu bezahlen?«

Schulz wurde bleich.

»Ich bitte Sie in Ihrem Interesse, mir diese Frage zu beantworten.«

»Ich habe gespielt.«

»Gespielt?«

»Jawohl.«

»Und so viel gewonnen?«

»Sechshundert Mark.«

»Das ist ja merkwürdig.«

»Ich weiß nicht, was daran merkwürdig ist.«

»Wo war denn das?«

»Im Theresienkaffee.«

»Können Sie mir vielleicht sagen, mit wem Sie gespielt haben?«

»Ich kannte die Herren nicht – es waren Fremde.«

»Das ist die volle Wahrheit –«

»Natürlich.«

»Dann weiß ich nicht, warum Sie so verlegen werden.«

»Ich bin nicht verlegen.«

»Das sehe ich Ihnen doch an.«

Da kam es zögernd von seinen Lippen:

»Spielen ist doch – verboten.«

»Ach so –«

»Herr Kommissar –«

Jetzt bat er.

»Lassen Sie gut sein, ich bin kein Beamter der Münchener Polizei, und zudem ist das ja verjährt.«

»Nicht wahr?«

Schlüter trat einen Augenblick an das Fenster, dann drehte er sich um und sagte wieder ganz scharf:

»Sie haben nicht etwa das Manuskript verkauft?«

»Aber Herr Kommissar, ich hab es ja gar nicht gelesen.«

»Kennen Sie vielleicht Herrn Horst Wehler?«

»Wen soll ich kennen?«

»Den Schriftsteller Horst Wehler.«

Nun lag auf seinem Gesicht wirklich ein ganz offener Ausdruck.

»Ich habe den Namen nie gehört.«

»Es ist gut, ich danke Ihnen.«

Schlüter ging hinaus und fuhr wieder zurück – er trat in das jetzt leere Opernkaffee und dachte bei seiner Bouillon nach.

Er war ärgerlich – hier hatte er ohne Zweifel einen Mißerfolg, und sein berühmter Instinkt hatte ihn diesmal im Stich gelassen. Und doch – . Warum sollte Schulz nicht die Wahrheit gesprochen haben? Das heißt, das mit dem Spiel war nicht harmlos. Warum sollte ein verbummelter Musiker nicht auch einmal zum Bauernfänger werden und irgendeinem törichten Touristen, wie sie doch im Sommer zu Hunderten in München zu finden sind, ein paar hundert Mark im Kümmelblättchen abnehmen? So war es ja jedenfalls, und darum war er erschrocken. Sollte er jetzt noch Anzeige erstatten? Warum? Das war ja wirklich verjährt, denn es lag mehr als zwei Jahre zurück. Er sah nach der Uhr. Warum hatte er nun einen ganzen Tag verloren? Er fuhr noch einmal zur Polizei.

»Haben Sie etwas erfahren?«

»Ich war auf einem Holzweg.«

»Das kommt sogar bei Ihnen vor?«

In den Worten des Beamten lag eine leichte Schadenfreude.

»Irren ist menschlich – jedenfalls noch einmal besten Dank.«

»Sie wollen schon wieder abreisen?«

»Ich muß zu einer Vernehmung nach Zürich – übrigens, ist Ihnen der Schriftsteller Horst Wehler bekannt?«

»Sehr gut.«

»Was halten Sie von dem Mann?«

»Das allerbeste – er hat ja Jahre in München gelebt.«

»Auch 1917?«

»Natürlich, er hat ja ein eigenes Haus in der Maximilianstraße.«

»Donnerwetter!«

»Das Geld möchte ich haben, das der Mann verdient.«

Eine Stunde später sah Schlüter in dem Zuge, der ihn nach Stuttgart trug, um dort den Anschluß an den D-Zug nach Zürich zu erreichen, am nächsten Morgen war er an Ort und Stelle.

So früh es der Anstand irgend erlaubte, ging er in das Hotel National, in dem Horst Wehler wohnte.

»Herr Horst Wehler zu sprechen?«

Jetzt war er wirklich etwas erregt, denn nun stand er vor einer wichtigen Entscheidung. Wenn es der Zufall wollte, daß der Schriftsteller abgereist war ...

»Herr Horst Wehler sitzt beim Frühstück.«

Dem Kommissar fiel ein Stein vom Herzen.

»Bitte, geben Sie dem Herrn meine Karte.«

Natürlich stand auf derselben nichts als der Name Dr. Schlüter, und schon nach wenigen Minuten kam der Kellner zurück.

»Herr Horst Wehler läßt bitten.«

Mit seltsamen Gefühlen stieg er die teppichbelegte Treppe zum ersten Stockwerk hinan. Würde er klüger sein wie jetzt, wenn er wieder herabkam?

Horst Wehler war ein großer, schlanker Herr mit sorgfältig gepflegtem, schon ergrautem Haupthaar. Er trug einen eleganten Morgenrock, und in seiner ganzen Erscheinung lag nichts Künstlerisches, sondern eine gewisse gewollte Vornehmheit, verbunden mit den Manieren eines Weltmannes. Er war vom Frühstückstisch aufgestanden und sagte verbindlich:

»Darf ich bitten, Platz zu nehmen, Herr Doktor – womit kann ich Ihnen dienen?«

»Kriminalkommissar Dr. Schlüter aus Berlin.«

Er stellte sich nochmals vor, ehe er Platz nahm und sah, wie über des Schriftstellers Gesicht ein Schatten des Unmutes huschte.

»Dann kommen Sie jedenfalls wegen der langweiligen Geschichte mit dem sogenannten Plagiat. Ich habe doch schon mehrfach erklärt, daß das Manuskript durchaus und in jeder Weise mein Eigentum war. Ich verstehe überhaupt von Dahlen nicht. Wozu der Lärm? Mein Roman ist erschienen, hat seine Schuldigkeit getan, und wenn schon da etwas Ähnliches herauskommt – Herrgott, bei den vielen Romanen, die täglich erscheinen –«

»Haben Sie den Roman ›Der Werdende‹ gelesen?«

»Ich lese grundsätzlich keine Romane von anderen. Herrgott, wo sollte ich da die Zeit hernehmen. Ich selbst muß etwa in jedem Monat einen liefern –«

Schlüter kam es vor, als wolle er etwas abschütteln und als sei ihm das ganze Gespräch unangenehm.

»Die Sache liegt denn doch etwas anders. Die unglückliche Plagiatsache hat, wie Sie wohl gehört haben, den Tod einer Dame zur Folge gehabt und Herr Hellermann, der des Mordes angeklagt ist, glaubt, daß Fräulein von Dahlen, der er das Manuskript im Herbst 1917 anvertraute, vielleicht Ihnen davon Kenntnis gab –«

Horst Wehler war aufgesprungen und vergaß ganz seine vornehme Ruhe.

»Das ist denn doch unerhört! Jetzt wollen Sie vielleicht noch mich beschuldigen, daß ich das Werk gestohlen habe. Also – ich bin jeden Augenblick bereit zu beschwören, daß ich Fräulein von Dahlen in meinem ganzen Leben niemals gesehen habe und daß ich ebensowenig jemals mit ihr korrespondiert habe.«

»Das können Sie beschwören?«

»Selbstverständlich.«

»Dann scheidet also Fräulein von Dahlen aus.«

»Natürlich.«

»Aber nun noch eins. Die beiden Romane sind in der Tat vollkommen gleichlautend, und es wäre geradezu ein Wunder, wenn zwei Menschen so vollkommen dieselben Gedanken hätten. – Wir haben nun ganz genau nachgeprüft, und es hat sich herausgestellt, daß Hellermann in der Tat schon im Frühherbst 1917, also längere Zeit vor dem Erscheinen Ihres Romans, den seinen dritten Personen zugängig gemacht hat.«

Horst Wehler trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte.

»Es ist also nicht mehr als billig, daß das Gericht nunmehr auch von Ihnen gern wissen möchte, wann Sie den Gedanken zu Ihrem Roman faßten und wann Sie denselben niederschrieben?«

Einen Augenblick war Horst Wehler still, dann stand er auf.

»Der Gedanke des Romans ist überhaupt nicht von mir.«

»Nicht?«

»Herrgott, setzen Sie sich doch einmal in meine Lage! Ich schreibe seit fast dreißig Jahren! Immer neue Romane! Für Zeitungen, für Buchhändler – wo soll einem denn da immerzu der neue Stoff herkommen? Da ist es doch ganz natürlich, daß man hier und da auch fremde Ideen erwirbt.«

Schlüter sah ihn mit einem unwillkürlich triumphierenden Blick an.

»Nein, Herr Kommissar – deswegen schreibe ich noch lange nicht ab. Aber es gibt eine Menge Menschen, die Gedanken haben, aber sie nicht verwirklichen können, die Geld brauchen und von denen doch kein Verleger etwas gebrauchen oder gar annehmen würde. Da kommt denn so ein armer Teufel mit irgendeinem Exposee zu einem und fragt um Rat, und manchmal kauft man ihnen die ganze Geschichte ab.«

Schlüter war auch aufgestanden.

»Und so war es auch mit dem ›Kämpfer‹?«

»Aber deswegen kommt doch weder Fräulein von Dahlen, noch Herr Hellermann in Frage. Ich werde Ihnen die ganze Geschichte erzählen, denn wenn schließlich vielleicht da doch irgend etwas Unrichtiges vorliegt – – es liegt mir daran, auf das bestimmteste festzustellen, daß meine Hände rein sind.«

Er setzte sich wieder und nahm nervös eine Zigarre.

»Also – ich habe den Sommer 1917 in Tegernsee zugebracht und da auch in gewöhnlichen Kneipen verkehrt. Unsereins muß Studien machen, Sie verstehen. Ich bin sogar bis zum Spätherbst dageblieben, und da kam – es mag wohl so Anfang November gewesen sein – ein alter Mann zu mir – schien ein verbummelter Schauspieler zu sein oder was ähnliches – jedenfalls ein Mann, dem es dreckig ging und dem man doch ansah, daß er ein gebildeter Mensch war. Also, der Mann hatte oft in der einen Kneipe gesessen – er war an irgendeiner Schmiere auf irgendeinem Dorf, so von einer herumziehenden Truppe engagiert, und kam öfter nach Tegernsee, um wieder einmal Menschen zu sehen, wie er sagte. Ich habe oft ganze Stunden mit ihm verplaudert, weil er ein interessanter Kerl war. Von Geburt Norddeutscher, und trotzdem zum bayrischen Dialektschauspieler geworden! Sonst war er ziemlich verkommen – wartete, bis ihm jemand sein Bier bezahlte – rauchte Zigarrenstummel, die liegen geblieben – kurz eine Type, die einen Schriftsteller wohl interessieren kann. Und eines Tages kommt er damit heraus, daß er seit Jahren den Plan zu einem großen Roman im Kopf hätte – sogar zum Teil schon aufgeschrieben, daß er aber keine Verbindungen habe und so weiter.

Ich fordere ihn auf zu erzählen, und da kommt denn so ungefähr die ganze Geschichte, wie ich sie im ›Kämpfer‹ geschildert habe, zum Vorschein.

›Größtenteils mein eigenes Leben, nur mit einem versöhnenden Schluß, wie ihn das Publikum will,‹ sagte er bitter.

Der Stoff gefiel mir.

›Sagen Sie mal, was möchten Sie denn damit verdienen?‹

›Ach, wenn ich so einmal in meinem Leben Geld in die Finger kriegte – so tausend oder achthundert Mark, daß ich mal Schulden bezahlen und mich raffen könnte.‹

Ich wußte, daß ich was draus machen konnte – zudem quälte mich von Dahlen schon seit Jahren um ein Manuskript – wollte schlankweg zweitausend Mark zahlen, ich hatte aber keine Zeit wegen meiner anderen Verpflichtungen.

›Also schön,‹ sag ich ihm, ›wenn Sie mir den Stoff verkaufen wollen, natürlich als mein unbeschränktes Eigentum und mit allen Rechten, dann gebe ich Ihnen achthundert Mark. Ich will nicht handeln. Aber das sage ich Ihnen, ich muß das Recht haben, ihn unter meinem Namen zu verwerten, sonst nimmt ihn keiner.‹

›Aber mit tausend Freuden!‹

Der Kerl war ganz außer sich vor Glück.

›Dann müssen Sie sich hinsetzen und mir die Geschichte aufschreiben. Ganz so, wie Sie es sich gedacht haben.‹

›Das dauert doch mindestens zwei Wochen.‹

›Ja, die Arbeit müssen Sie sich machen.‹

›Wovon soll ich denn aber in der Zeit leben? Mein Engagement würde ich ja dann sowieso aufgeben, wenn ich das Geld kriege.‹

›Gut, ich gebe Ihnen auf Ihr ehrliches Gesicht gleich jetzt hundert Mark Vorschuß.‹

Wissen Sie, Herr Kommissar, was der alte Kerl für ein Gesicht machte – aufgesprungen ist er und hat einen Jodler ausgestoßen, daß das ganze Lokal aufschaute, und dann wollte er mir absolut um den Hals fallen und mir einen Kuß geben. Mir sind beinahe die Tränen in die Augen gekommen, ich kam mir vor, als hätte ich wirklich ein gutes Werk getan!

Na, also nach vierzehn Tagen kam er wieder und brachte mir das Manuskript. Ich hab es mir aufgehoben. So ein kurioses Ding hab ich nicht oft gesehen. Eine ganz gute Handschrift, ganze Kapitel, so daß ich sie einfach nehmen konnte, dann wieder Stellen in oberbayrischem Pfahlbauten-Dialekt und mit Ausdrücken, wie ein Schulkind. Aber, wie gesagt, in dem Stoff lag was drin. Schade um den Kerl, aus dem hätte was werden können.

Ich setze den Vertrag auf – er unterschreibt und – da hab ich richtig doch noch meinen Kuß bekommen, wie ich ihm die achthundert Mark gab, denn in meiner Rührung über den armen Menschen hab ich's nicht fertig gebracht, ihm die hundert Mark Vorschuß abzuziehen.«

Er lachte.

»Offen gestanden, von Dahlen hat dafür fünfhundert mehr zahlen müssen, denn wie ich ihn ein bißchen gefeilt hatte und den Dialekt und die kindischen Szenen ausgemerzt, da wars wirklich was.

So, das ist die ganze Geschichte, und nun werden Sie wohl glauben, daß es mit dem Hellermannschen Ding nichts gemein hat, und wenn Sie nun auch noch den Vertrag sehen wollen – da ist er.«

Herr Horst Wehler holte aus seiner schönen Mappe aus grünem Saffianleder einen umfangreichen Vertrag, den Dr. Schlüter sorgfältig durchlas. Er war auf einem Stempelbogen und besagte, daß der Schauspieler Loisl Vernbacher sein Romanmanuskript mit dem Titel »Ein Genie« – der Kommissar lächelte – schon der dritte Titel für dasselbe Buch – mit allen Rechten an den Schriftsteller Horst Wehler verkaufe, daß er volle und jede Garantie dafür übernehme, daß das Manuskript sein unbeschränktes geistiges und von ihm selbst erdachtes Eigentum sei und er daher zu einem solchen Verkaufe berechtigt. Er gestand Horst Wehler das Recht zu, das Manuskript beliebig umzuändern oder auch wörtlich zu benutzen und unter dem Namen Horst Wehlers herauszugeben und erklärte sich durch die einmalige Zahlung von achthundert Mark für alle Zeiten für abgefunden und versprach ehrenwörtlich, zu niemandem sich als den eigentlichen Erfinder des Romans zu bekennen.

Ein sehr gründlich abgefaßter Vertrag.

»Nun?«

»Sie haben jedenfalls in gutem Glauben gehandelt, und Sie kann ein juristischer Vorwurf nicht treffen.«

Horst Wehler war eigentlich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Schlüter hatte sich nicht so in der Gewalt, daß er seine innere Mißbilligung eines solchen Vertrages, der doch im besten Falle eine Ausnutzung fremder Notlage und ein Sichschmücken mit fremden Federn war, nicht unterdrücken. Warum auch – Horst Wehler gefiel ihm gar nicht.

»Nun habe ich nur nach eine Bitte.«

»Die wäre?«

»Könnten Sie mir vielleicht das Manuskript einmal zeigen?«

Er nahm eigentlich mit Bestimmtheit an, daß er erwidern würde, dieses sei längst vernichtet, aber der Schriftsteller stand auf.

»Sehr gern. Meine eigenen Manuskripte pflege ich ja nach dem Druck zu vernichten, aber der brave Vernbacher hat mich so interessiert – ich habe es sogar hier bei mir, denn da ich noch nicht weiß, wann und ob ich nach München zurückkehre, habe ich alles Literarische mitgenommen.« Er schloß einen großen Koffer auf und brachte eine braune Mappe zum Vorschein, der er das Heft entnahm. Nicht etwa das mit Petroleum durchtränkte verlorene Manuskript Hellermanns, sondern ein mit einer ungelenken, großzügigen Handschrift beschriebenes Heft.

Schlüter warf einen Blick hinein, dann sah er auf.

»Also, Herr Kommissar, sind Sie überzeugt?«

Horst Wehler hatte fast etwas Herausforderndes in seiner Stimme.

»Jawohl, ich bin überzeugt, daß Sie einem abgefeimten Schwindler in das Garn gegangen sind.«

Der Schriftsteller sprang auf.

»Aber ich bitte Sie!«

Schlüter war wieder ganz der ruhige, liebenswürdige Beamte.

»Ich glaube sogar, die Fäden in der Hand zu haben. Ich bitte Sie, mir das Manuskript auf einige Tage anzuvertrauen.«

Horst Wehler sah ihn zweifelnd an.

»Ach so – ich habe Ihnen ja meine Legitimation noch gar nicht gezeigt.«

Horst Wehler warf nur einen flüchtigen Blick darauf.

»Ich habe durchaus nicht gezweifelt.«

»Es war Ihr gutes Recht.«

»Was wollen Sie mit dem Manuskript?«

»Ich hoffe, einen Schwindler zu entlarven.«

Er hatte es vorsichtshalber bereits in der tiefsten Tasche seines Sommerüberziehers versenkt.

»Und nun gestatten Sie, daß ich mich empfehle – nein, noch eins – um Ihnen weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen, erlauben Sie, daß ich von dem Vertrage eine Abschrift nehme.«

»Bitte.«

Auch das war in kurzer Zeit, während Horst Wehler nervös auf- und niederschritt, geschehen, dann unterschrieben Horst Wehler und Schlüter beide, daß die Abschrift wörtlich mit dem Original übereinstimme.

»Ich denke, Sie werden bald Dinge von mir hören, die auch Sie interessieren.«

Eine kurze gegenseitige Verbeugung, und Dr. Schlüter ging mit sehr vergnügtem Gesicht die Treppe hinunter. Das übertraf ja seine kühnsten Erwartungen. Ob er gleich nach Berlin telegraphierte? Nein – erst noch einmal nach München. Lieber den Untersuchungsrichter noch etwas in Ungewißheit lassen und ihm dann ein fertiges Bild bringen.

Er ging zum Bahnhof und erfuhr, daß er erst abends fahren könne und am nächsten Morgen um acht in München sei.

Er wars zufrieden, in der Nacht hätte er doch nichts unternehmen können. Er speiste gut und mit Appetit im Hotel »Baur au Lac« und fuhr dann mit der Bergbahn auf den Uetliberg. Warum sollte man nicht Kriminalkommissar sein und trotzdem Sinn für die Schönheiten der Welt haben? Und Schlüter war gewiß nicht der Mann, der mit blinden Augen durch die Lande fuhr. Er saß oben bei einer guten Flasche Wein und feierte mit dem Rigi und dem Pilatus, mit den Schneehäuptern des Schreckhorns und des Wetterhorns und allen den lieben, ihm so vertrauten Alpenriesen, die ihm das Panorama enthüllte, ein freudiges Wiedersehen.

Dann ging es in schneller Nachtfahrt nach München zurück.

»Nanu, Herr Kollege, schon wieder?«

»Aber diesmal hoffentlich auf bestimmter Spur. Wollen wir aufs Einwohnermeldeamt?«

»Wen haben Sie denn jetzt auf dem Kieker?«

Der süddeutsche Beamte versuchte seinem norddeutschen Gast zu Liebe zu berlinern.

»Einen alten Schauspieler Loisl Vernbacher. Es liegt mir daran, zu wissen, ob und wann der in München gemeldet war.«

Der Beamte suchte nach.

»Sie haben Glück, Herr Kollege, da ist er schon. Loisl Vernbacher, Schauspieler, geboren 2. März 1867 zu Northeim, gemeldet 13. Oktober bis 1. November in München, Türkenstraße 76 bei Frau Witwe Hellerkamp.«

»Da habe ich das letzte Glied.«

Jetzt hatte sogar Dr. Schlüter laut gejubelt.

»Herr Kollege –«

»Ich erkläre Ihnen gleich – nur noch eine Frage – wo ist der jetzt?«

»Er ist noch eine ganze Anzahl von Malen gemeldet – natürlich – so ein Schauspieler kommt nach München, geht, sucht sich ein Engagement und reist ab.

Halt – da – vor vierzehn Tagen war er hier.«

»Wohin abgemeldet?«

»Steht nicht da.«

»Was gibt es hier für Theateragenturen?«

Er erhielt Adressen und wollte auf und davon.

»Aber Ihre Geschichte –«

»Hab jetzt keine Zeit, aber kommen Sie mit, Kollege, es wird ein paar Verhaftungen geben – das heißt Vernbachers Mitschuldiger brummt schon.«

»Hier?«

»Natürlich! Er heißt Ottokar Schulz.«

»Der Tausend – einen Augenblick – nur Bescheid sagen – ich komme mit.«

»Ist mir auch sehr angenehm, Herr Kollege.«

Sie stiegen in ein Auto, und nach einer mehrstündigen Rundfahrt hatte Dr. Schlüter erfahren, daß der Schauspieler Loisl Vernbacher in Zerneding bei München bei einer Wandertruppe engagiert sei.

»Auf nach Zerneding.«

»Mit der Bahn?«

»Unsinn, mit dem Auto.«

»Kostet eine Stange Gold, Herr Kollege.«

»Schadet nichts, lohnt sich auch.«

Kommissar Schlüter war ordentlich übermütig. So war er immer, wenn er einen Sieg sicher in der Tasche hatte. Er bot dem Kollegen eine gute Havanna an, entzündete sich ebenfalls eine und lehnte sich behaglich zurück.

»Aber nun erzählen Sie doch.«

»Warum – Sie werden ja miterleben.«

Sie fuhren vor einem kleinen Wirtshause vor.

»Da sind wir schon recht. Halten Sie, Kutscher, und klappen Sie den dritten Sitz herunter, zurück sind wir einer mehr.«

Sie traten durch das Tor direkt in einen großen Saal. Schlüter tat, als sei er hier seit Jahren zu Hause – die Plakate vor dem Hause, die er in der Schnelle gelesen, hatten ihm alles Nötige gesagt.

Ein öder, schmutziger Saal, der nach abgestandenen Bierneigen roch, an der einen Schmalseite eine kleine primitive Bühne und auf dieser eine Gruppe Mimen bei der Probe. Ein alter Mann sah im Regiestuhl und drehte ihnen den Rücken zu.

Das Eintreten der Herren hatte natürlich Aufmerksamkeit erregt.

»Die Gaststube ist beim zweiten Eingang.«

Der Regisseur, der über die Störung ärgerlich war, rief es nicht allzu freundlich.

»Danke schön, Herr Vernbacher, wir wissen Bescheid, aber wir möchten zu Ihnen.«

»Sie kennen mich?«

Jetzt war er schon von der Bühne herunter. So ein paar feine Herren und kamen ihn besuchen? Da fiel doch sicher eine Freimaß ab.

»Allerdings, wir kennen uns sehr gut, Herr Vernbacher, und möchten Sie gern ein paar Augenblicke sprechen – alte Erinnerungen auffrischen – aber unser Auto wartet – ich weiß nicht, ob Sie die Probe einen Augenblick unterbrechen könnten?«

»Mir san ohnehin prat. Alsdann – auf Morgen in der Fruh. B'hüt eng Gott!«

Während die Mitglieder je nach ihrer Veranlagung über die jähling abgebrochene Probe lachten, brummten oder schimpften, stand Vernbacher schon neben den Herren.

»Ist hier vielleicht ein Extrastübchen, wo wir bei einer Flasche Wein –«

Vernbachers Gesicht strahlte.

»Aber ja, wenn ich bitten darf.«

Nun bediente er sich wieder des reinsten Hochdeutsch. Schlüter machte ein Gesicht, als sei er eben im Begriff, auf den Karneval zu gehen.

»Ist es den Herren hier vielleicht recht?«

Er hatte die Tür zu einem kleinen Stübchen, offenbar zu einem Privatzimmer des Wirtes, geöffnet.

»Gibt es hier einen guten Wein?«

»Das will ich meinen.«

»Na, lieber Vernbacher, dann bestellen Sie mal eine Flasche und drei Gläser vom besten – wissen Sie, von dem, den Sie selber am liebsten trinken, denn ich weiß, Sie sind Kenner. Kostenpunkt spielt keine Rolle.«

Des guten Vernbacher etwas ins Knollenhafte übergegangene Nase hatte Schlüter geleitet. Der alte Komödiant schwamm in Seligkeit.

»Befehlen die Herren noch einen Imbiß?«

»Danke, vielleicht später, jetzt erst einen Willkommensgruß.«

Vernbacher verschwand.

»Sagen Sie mal, Kollege, was wollen Sie eigentlich hier? Ich denke, Sie sind auf der Spur eines Verbrechers?«

»Bin ich auch, nur abwarten.«

Während der Münchener Kommissar den Kopf schüttelte, denn Schlüters ausgelassene Art stimmte ihn durchaus nicht zur Würde eines Beamten, der auf einem Berufsgang ist, da kam auch schon der Wirt mit einer Flasche und drei Gläsern, und Vernbacher folgte mit glücklichem Schmunzeln.

»Gesegens eahna Gott!«

Der Wirt schenkte ein, wartete einen Augenblick, ob man ihn nicht auch zum Mittrinken einlud, dann ging er langsam. Schlüter erhob sein Glas.

»Also, lieber Vernbacher, ich soll Ihnen einen recht herzlichen Gruß bestellen.«

»Mir einen Gruß?«

Der Schauspieler kam sich ganz verwunschen vor.

»Jawohl, von Ihrem alten Freunde Ottokar Schulz aus München.«

Einen Augenblick wurde Vernbacher blaß, dann lächelte er.

»Das muß wohl ein Irrtum sein.«

»Durchaus nicht, und Herr Schulz läßt Sie bitten, mir doch einmal ganz genau zu erzählen, wie das eigentlich war, als Sie damals zusammen den Horst Wehler hineinlegten und ihm das Manuskript verkauften, das Schulz gestohlen hatte und von dem Sie behaupteten, daß Sie es geschrieben hätten.

Schulz hat mir ja schon so manches erzählt, aber er hat ein schwaches Gedächtnis für Einzelheiten.«

Während Schlüter dies alles im gemütlichsten Tone von der Welt sagte, ging auf dem Gesicht des alten Komödianten ein wahres Schnellfeuer der wechselnden Stimmungen vor sich. Schreck – Staunen – Zorn – Verlegenheit – Versuche zu lachen – Schlüter lächelte innerlich – eine Gratisstunde in Mimik.

Dann sprang Vernbacher auf, aber der Kommissar kam ihm zuvor.

Mit einem Schritt war er an der Tür und schloß den Schlüssel herum.

»Keine Dummheiten.«

Jetzt sprach er ernst und scharf.

»Das einzig Richtige ist ein offenes Geständnis. Ich weiß von Herrn Horst Wehler, daß Sie diesem das Manuskript ›Ein Genie‹ als Ihr Eigentum verkauft haben, und ich weiß von Schulz, daß er Ihnen das Manuskript gegeben hat und daß er selbst es in Berlin seiner Schwester gestohlen hat. Ich bin der Kriminalkommissar Dr. Schlüter aus Berlin, und dies hier ist der Kriminalkommissar Vegglhuber aus München, also seien Sie verständig und machen Sie weiter keine Schwierigkeiten. Sie müssen ja doch gleich mit nach München.«

Vernbacher brach vollkommen zusammen.

»Ich bin ein alter Mann und ehrlich mein ganzes Leben –

»Umso schlimmer, daß Sie sich als Graukopf zu einer solchen Betrügerei hergaben.«

»Ich hab wirklich nicht gewußt, daß der Schulz das Manuskript gestohlen hatte. Er hat mir doch gesagt, daß es ihm gehört –«

Schlüter nickte befriedigt. Jetzt wußte er ja, was er wollte.

»Wieviel haben Sie Schulz eigentlich gegeben?«

»Sechshundert – nur zweihundert hat er mir gelassen, und ich habe doch abschreiben müssen –«

»Und den schönen bayrischen Dialekt in den Roman hineinbringen, der in Hannover spielt – übrigens haben Sie dreihundert gekriegt, denn Sie vergessen den Vorschuß.«

»Und mitnehmen wollen Sie mich wirklich?«

Jetzt mischte sich Vegglhuber ein.

»Ich erkläre Sie für verhaftet.«

Vernbacher fing an zu heulen – Schlüter goß den Rest Wein in die Gläser.

»Anstoßen tu ich nicht mehr mit Ihnen, aber trinken dürfen Sie noch einmal. Werden wohl so bald keinen Wein mehr bekommen.«

Zögernd sah der Alte das Glas an. Scham und Verzweiflung spielten in seinem Gesicht, dann goß er den Trunk hinunter.

Schlüter klingelte nach dem Wirt.

»Zahlen – Herr Vernbacher fährt mit uns nach München –«

»Aber das geht doch nicht – heut abend ist doch Vorstellung.«

»Tut mir leid, Sie werden sich wohl überhaupt einige Zeit ohne ihn behelfen müssen.«

»Das geht nicht – Herr Vernbacher, Sie bleiben da – ich verklag eahna auf Kontraktbruch.«

»Geht nicht, mein Lieber, wir sind von der Polizei – Herr Vernbacher ist wegen Betruges verhaftet.«

»So ein Gauner, so ein elendiger Halodri! Als wenn ih's not geahnt hätt.«

Während der Wirt lamentierte und die Schauspieler mit verwunderten, nicht verstehenden Gesichtern umherblickten, wurde Vernbacher zum Auto geführt, und die Rückfahrt begann. Der Alte saß ganz zusammengesunken und versteckte das Gesicht in der Hand. Schlüter nickte dem Kollegen zu. »Hab ich Wort gehalten? Jetzt bringen wir den auf Nummer Sicher, und dann muß ich Sie schon bitten, mit mir zu Herrn Schulz zu kommen. Noch besser, wir lassen uns beim diensttuenden Richter melden, besser, wenn der gleich zuhört.«

Ottokar Schulz war nicht wenig verwundert, wie die Herren eintraten.

»Nicht wahr, da staunen Sie, daß ich schon wieder da bin.«

Er sah den Kommissar lauernd an.

»Ist Ihnen inzwischen vielleicht eingefallen, mit wem Sie gespielt haben?«

Der Gauner wurde ruhig und lächelte.

»Sie haben mir doch selber gesagt, daß das verjährt ist.«

»Da hab ich mich eben geirrt. Diebstahl und grober Betrug verjähren nicht so schnell.«

»Diebstahl?«

»Jawohl. Sie haben das Romanmanuskript damals nicht verbrannt, sondern es dem Schauspieler Loisl Vernbacher gegeben und mit diesem gemeinsam an den Schriftsteller Horst Wehler verkauft, nachdem Vernbacher es abgeschrieben und allerhand Dummheiten hineingebracht hat. Sie haben neunhundert Mark dafür bekommen, von denen Sie sechs und Vernbacher drei behielten. Wollen Sie noch leugnen? Vernbacher ist schon verhaftet und hat gestanden.«

Ein böser Blick schoß aus seinem Auge.

»Gestohlen hat er's mir, der Halunke. Ich weiß von keinem Verkauf – nicht einen Pfennig hat er mir gegeben.«

»Aha, wenigstens haben Sie schon zugegeben, daß Sie es nicht verbrannt haben.«

Schulz erschrak sichtlich, dann zuckte er die Achseln.

»Ich wollte erst lesen und warfs in meinen Koffer, nachher tat mir's zu leid. Dann hab ich's mal Vernbacher zu lesen gegeben, und der hat's behalten. Was er damit gemacht hat, weiß ich nicht.«

Schlüter hatte dem Richter und dem Kommissar zugewinkt.

»Sie bleiben dabei, daß Sie nichts von dem Verkauf wissen und nichts bekommen haben? Nicht die sechshundert Mark – merkwürdig, daß es auch gerade sechshundert sind –, die Sie im Spiel gewonnen haben wollen?«

»Ich weiß nichts davon.«

Vegglhuber ging hinaus.

»Dann seien Sie froh, und dann kann Ihnen ja auch nichts geschehen.«

Schlüter hatte wieder sein diabolisches Lächeln.

»Aber sagen Sie das bitte auch diesem Herrn hier.«

Eben trat der Münchener Kommissar mit Vernbacher ein.

»Loisl?«

Er starrte ihn an.

»Denken Sie, Herr Vernbacher, Schulz behauptet, er habe keinen Pfennig von dem Geld bekommen, und Sie hätten ihm das Manuskript gestohlen.«

»Was sagst, Lump elendiger?«

Der baumlange Schauspieler wollte sich in plötzlicher Wut auf den schmächtigen Menschen stürzen.

»Ich denke, wir wissen genug.«

Der Amtsgerichtsrat stand auf.

»Sind Sie bereit, ein volles Geständnis abzulegen? Sie sehen, es ist das einzig richtige, denn Ihr Spiel ist vollkommen verloren.«

Nach einer halben Stunde war das ganze Geständnis protokolliert. Sie überboten sich in edlem Wetteifer ordentlich, einander gegenseitig anzuschwärzen.

Es war, wie Schlüter kombiniert. Schulz hatte das Manuskript zuerst ohne besondere Absicht mitgenommen. Er hatte die ersten Seiten gelesen und der Inhalt ihn gefesselt, dann hatte er in München Vernbacher kennen gelernt und auch diesem das Manuskript gegeben. Darauf kam dann die Sache mit der Violine, und schon ehe der Hoflieferant Obermichler die Sache angezeigt hatte, faßte Vernbacher, der Horst Wehler in Tegernsee kennen gelernt hatte, den Plan, ihm das Manuskript als seine Erfindung zu verkaufen. Zuerst hatte er ihm, ohne daß Schulz davon wußte, den Inhalt erzählt, dann ging dieser freudig auf den Gedanken ein. Gerade als Schulz verhaftet werden sollte, bekam Vernbacher das Geld.

Noch in derselben Nacht reiste Dr. Schlüter mit der Abschrift des Protokolls nach Berlin, Vernbacher blieb vorläufig in München in Untersuchungshaft – er war ja obdachlos und, da er sein Engagement verloren, ohne Existenzmittel.

Es war ganz früh am Morgen, als Schlüter beim Landgerichtsrat eintrat und diesem ausführlich berichtete.

»Dann wäre also dieser eine Fall wenigstens restlos geklärt. Auch gegen Horst Wehler kann man nicht vorgehen, denn er hat sich ja rechtlich gesichert. Das heißt, die Einnahmen aus dem Buch muß er herausgeben und von Dahlen ebenso, sie können sich ja an Herrn Vernbacher dafür schadlos halten.«

Er lachte, denn Vernbacher war ja vollkommen mittellos.

Herr von Dahlen saß in seinem Zimmer und las die Mitteilung, die er vom Gericht erhalten. Er hätte sich selbst backpfeifen mögen. Warum hatte er den ganzen Blödsinn begangen! Er war wütend auch auf Horst Wehler. Wie konnte der ihm einen Roman verkaufen, der nicht von ihm war! Natürlich! Seine rechten Romane, die blieben bei Eyßler in München, für ihn war der Schwindel gut genug. Nun zum wenigsten würde er es an die Öffentlichkeit bringen. Blamiert war der gute Horst Wehler bis auf die Knochen. Wer weiß – vielleicht hatte er es mit allen seinen Romanen so gemacht! Lauter Schwindel!

Dann dachte er an das schöne Geld. Sein Geschäft ging in der letzten Zeit weiß Gott nicht glänzend. Der Verlag Freia riß alles an sich. Nur mit dem »Kämpfer« hatte er noch verdient, und das sollte er nun alles einfach herausgeben. Der Freia und Hellermann!

Ha! Er konnte sich wenigstens an Horst Wehler halten! Das war ja sein Hintermann, mochte der sehen, wo er blieb. Der war wenigstens zahlungsfähig!

Dann aber sank er zusammen. Was war alles Geld gegen seine Tochter, die an dieser Sache gestorben war!

Der alte Mann war vollkommen gebrochen!

Inzwischen hatte Rechtsanwalt Dr. Rintel einen langen Brief von Dr. Schlüter bekommen.

Da in den nächsten Tagen die Hauptverhandlung in der Mordsache stattfinden sollte, war er auf einige Wochen ganz nach Greifswald übergesiedelt.

Es war ja die erste große Verteidigung; die er in seinem Leben führen sollte, und wenn auch kein großer pekuniärer Verdienst zu erhoffen war, so dachte er doch Ehre einzulegen.

Wie er Schlüters Schreiben bekam, trat eben Lisa Fahren in sein Büro. Auch sie war in Greifswald. Sie mußte ja dort sein, weil sie als Zeugin geladen war, und sie hatte sich schon früher frei gemacht. Sie hoffte ja noch immer, daß ein glücklicher Zufall ihnen zu Hilfe kam.

Jetzt las ihr der Anwalt den Brief vor.

»Sehen Sie, Herr Doktor, der eine Verdacht ist von ihm genommen, und so wird sich auch bei dem anderen in letzter Stunde noch ein Wunder einstellen.«

»Dann müßte es rasch kommen, Fräulein Fahren. Übermorgen ist der Termin.«

»Sie haben keine Hoffnung?«

»Wer kann wissen, wie die Geschworenen urteilen.«

»So halten Sie, sein Verteidiger, ihn selber für schuldig?«

Lisa schrie fast.

»Was heißt schuldig. Daß er die Tat begangen hat, daran zweifelt wohl niemand mehr – auch er selbst nicht – ob er aber schuldig ist? Ist man für eine Tat verantwortlich, die man ohne Bewußtsein beging? Es kommt alles darauf an, wie sich die Herren medizinischen Sachverständigen dazu stellen.«

Lisa weinte. Der Gedanke, daß Gerhart vielleicht gar für geisteskrank erklärt werden sollte, war ihr unfaßbar.

»Aber, Sie entschuldigen – ich muß zu ihm und ihn von diesem Brief in Kenntnis setzen.«

»Ich bitte Sie nicht, mich mitzunehmen – ich könnte ihm jetzt nicht gegenübertreten.«

»Ich würde es auch nicht dürfen. Haben Sie Mut. Vielleicht kommt das Wunder.«

Sie nickte. Was sollte sie sagen. Sie wußte, daß der Anwalt am wenigsten daran glaubte. Es glaubte ja niemand an seine Unschuld, als sie ganz allein.

Dr. Rintel ging zu Gerhart. Er war schon vor Wochen wieder aus der Anstalt zurück und saß in seiner alten Zelle.

»Heut bringe ich eine gute Nachricht.«

Gerhart lächelte bitter – er sprach schon seit langem fast gar nichts mehr.

Der Anwalt las ihm den ausführlichen Brief Schlüters vor.

»Nun ist dieser Fall wenigstens vollkommen geklärt.«

Gerhart stand mit glühenden, flackernden Augen, die wie im Fieber glänzten, vor ihm.

»Also hat Ada es nicht getan?«

»Nein, das Fräulein ist vollkommen unschuldig.«

»Aber das ist ja furchtbar! Das nennen Sie eine gute Nachricht! Also nicht einmal schuldig war sie! Und ich! Dann war ja schon jedes harte Wort, das ich ihr gesagt, ein Verbrechen!

Nicht einmal schuldig, und ich – ich hab sie ermordet!«

Er warf sich auf sein Lager. Ratlos stand der junge Anwalt vor ihm. Er verstand, was in Gerhart vorging – aber wie sollte er ein Wort des Trostes finden bei solchem Jammer?

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