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Gestohlene Gedanken

Otto Berndt: Gestohlene Gedanken - Kapitel 4
Quellenangabe
authorOtto Berndt
titleGestohlene Gedanken
publisherMartin Boas
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Es war schon ziemlich dunkel, als Gerhart noch einmal in das Restaurant zur Ostsee trat. Er hatte überlegt, daß es Torheit wäre, nach Binz zurückzugehen. Neumucran liegt auf dem halben Wege nach Saßnitz, also konnte er lieber gleich hinüber. Umso besser, daß es so spät war. In Saßnitz schlief dann schon alles, und er konnte unbemerkt in sein Hotel, aber in Binz? Ein Motorboot fuhr kaum noch und in ein Hotel gehen, so, wie er aussah? Vielleicht gar ins Kurhaus? Der Tante von Dahlen gegenübertreten? In seiner Verfassung? Ihm war so wirr und so wüst im Kopf – er erinnerte sich kaum an das was kurz zuvor gewesen – er wußte nur, daß er brutal geworden, daß er seine Beherrschung verloren hatte, und wenn er an Ada dachte, an ihr höhnisches kaltes, abweisendes Lachen, dann stieg wieder die Wut auf. Nein, er bereute nicht! Mochte er gehandelt haben nicht wie ein moderner Formenmensch – sie hatte verdient, daß er sie züchtigte und – mit ihm war es ja doch vorbei. Daß Ada den Roman aus der Hand gegeben hatte, daß von Dahlen mit ihr und Horst Wehler unter einer Decke stak, war ja vollkommen sicher – was sollte er dagegen tun? Wenn sie so weit gingen, dann war ihnen auch kein Meineid im Wege und – wem glaubte man mehr? Dem großen Verleger, dem bekannten Schriftsteller oder ihm? Seine nervöse Natur, die immer zwischen Extremen schwankte, brach vollkommen zusammen.

Die Wirtin in Neumucran, die eben schließen wollte, weil kein Gast mehr da war, erkannte ihn natürlich wieder und erschrak.

»Sind Sie krank?«

Er sah wirklich schlimm aus. Sein jetzt bleiches, verzerrtes Gesicht, dazu hatte er mit seinem Anzug achtlos – vielleicht stundenlang irgendwo auf der Erde gelegen und war schmutzig.

Er sah ihr mit einem irren Blick in das Gesicht.

»Ich möchte etwas trinken. Nicht Bier – starken Wein.«

Die Frau, die ganz allein war, fürchtete sich.

»Bedaure – ich will eben schließen.«

»Dann also nicht.«

Er zuckte die Achseln und wollte fort.

»Entschuldigen Sie, ich bekomme noch von vorhin ein Glas Bier bezahlt.«

»So?«

Er lachte laut und schrill auf.

»Also Zechpreller bin ich auch schon geworden? Warum nicht? Auf ein Verbrechen mehr oder weniger kommt es ja nicht an.«

Er steckte ihr das Geld in die Hand und ging eilig fort – sie sah ihm mit einem geradezu entsetzten Gesicht nach. War das ein Wahnsinniger?

Gerhart war einfach aufs Geratewohl losgeschritten, ohne den Weg zu kennen, aber bald sah er, daß die Straße vom Meere abbog. Er war hier noch nie gegangen, selbst als Kind nicht, und ein Mensch, den er fragen konnte, war natürlich auch nicht da. Es war eine dunkle Nacht ohne Mondlicht – er beschloß, weglos am Ufer zu gehen – dann mußte er doch nach Saßnitz kommen.

Es hatte sich ein leiser Wind aufgemacht, das Meer schlug mit größeren Wellen an das Ufer, und in den Bäumen rauschte es.

Der Pfad, der unten entlang führte und eigentlich gar kein richtiger Pfad war, wurde oft so schmal, daß das Wasser seine Füße bespülte. Er stapfte vorwärts, ohne überhaupt auf seinen Weg zu achten, er sah nicht die Scheinwerfer, die draußen die Mole von Saßnitz ableuchteten, sah nicht die Schiffe, die von, Meere dem Hafen zustrebten, das ganze trauliche Bild des ruhigen nächtlichen Meeres, sein Geist war verdüstert.

Dann bot ein unerwartetes Hindernis ihm plötzlich Halt. Der Schloßpark von Dwasieden, der sich bis an das Meer hinabzog. Einen Augenblick überlegte er, dann sprang er mit kühnem Sprung auf die Mauer und lief darauf weiter. Wen störte er? Er wußte ja, daß es kaum zehn Minuten waren, dann war er vorüber, und deshalb einen Umweg machen? Jetzt war ihm die Gegend schon bekannt, denn im Schloßpark von Dwasieden hatte er als Kind gespielt. Er hastete also weiter. Plötzlich hörte er sich angerufen – ein Wächter kam eine der Parkalleen herauf.

»Halt! Steh!«

Er hielt ihn sicher für einen Dieb. Gerhart überlegte nicht weiter. Seine Nerven waren von den Erlebnissen des Tages geschwächt – er erschrak, als habe er in der Tat kein gutes Gewissen und fing an zu laufen. Was sollte er auch dem Manne sagen? Und wie er aussah? Vertrauenerweckend wohl kaum. Er rannte auf der Mauer entlang, der Wächter auf dem Wege an der Mauer hinter ihm her, laut rufend – da antworteten hinten im Park auch andere Stimmen – einen Augenblick trat dichtes Gebüsch an die Mauer, und der Verfolger schien stehen zu bleiben, wohl um den anderen etwas zuzurufen – er sprang hinunter – die Mauer bog jetzt um und rannte quer über das Feld Saßnitz entgegen. Noch hörte er hinten rufen, aber er war jetzt schon auf der Chaussee, die hier in einen kleinen Hohlweg eintrat, und man konnte ihn nicht mehr sehen.

Er war vollkommen außer Atem und setzte sich auf einen Stein, um Luft zu schöpfen. Jetzt lachte er. Was er doch für ein kindischer Mensch war! Anstatt stehen zu bleiben, dem Wärter zu sagen, wer er war und daß er sich verirrt habe, ließ er sich wie ein Dieb jagen!

Jetzt ging er nach Saßnitz hinab und in das Hotel. Der Portier musterte ihn erstaunt, und er fühlte, daß er eine Erklärung geben mußte.

»Ich habe mich verirrt, und schließlich haben mich ein paar Strolche verfolgt.«

Der Mann schüttelte den Kopf. Strolche? Hier in der Nähe? Das war doch wohl nicht gut möglich.

Gerhart war in seinem Zimmer und sank erschöpft auf das Sofa. Seine Augen fielen fast augenblicklich zu, aber es war nur für kurze Zeit, dann fuhr er wieder auf. Er schaute sich um und mußte sich sammeln – dann fühlte er, daß der kurze Schlummer ihn wieder vollkommen munter gemacht hatte, daß es vollkommen zwecklos war, schlafen zu gehen, weil er doch keine Ruhe mehr finden würde.

Nun war also all sein schöner Traum zerstört – sein Leben vernichtet. Es kam zum Prozeß und – wie sollte er gewinnen?

Wie würde der Herr Eckart vom Verlag Freia über ihn denken? Was würde seine Mutter sagen, die gestern noch so stolz auf ihn war? Wie mußten die guten Freunde und Nachbarn in Eberswalde schwatzen, denn von Dahlen sorgte natürlich dafür, daß es in alle Zeitungen kam – und nicht einmal der Volksbote würde ihn mehr haben wollen.

Und dazu heut abend – das Zusammentreffen mit Ada! Wie würde man ihm das vor Gericht auslegen?

Ada! Ihn packte schon wieder die Wut, wenn er nur an sie dachte, an sie, die die Schuldige war! Nein – mochte geschehen, was wollte, das bereute er nicht.

Endlich wurde er etwas ruhiger und hörte auf, im Zimmer auf und nieder zu schreiten. Von unten hatte sowieso schon ein Gast mit dem Stock gegen die Decke geklopft – dann setzte er sich und schrieb an Lisa.

Ganz früh war er schon unten – er hatte den Brief an Lisa zerrissen – er mußte sie sprechen, das war das einzig richtige. Sie war immer sein Verstand, wenn er selbst wieder einmal mit seinen Nerven zu Rande war.

»Wünschen Sie Frühstück?«

»Danke, nur meine Rechnung, ich reise ab.«

Der Kellner sah ihn verwundert an. Er war übernächtig und blaß, und sein Anzug trug noch die Spuren des gestrigen Marsches, auch die Stiefel hatte er gar nicht zum Putzen herausgestellt – an solche Äußerlichkeiten dachte er jetzt nicht.

Er gab ein tüchtiges Trinkgeld und ging hinaus.

»Wenn noch Briefe kommen?«

»Schicken Sie zurück, ich weiß selbst noch nicht, wohin ich gehe.«

Schon war er, den Koffer in der Hand, ein Stück weiter. Immer noch sah ihm der Kellner kopfschüttelnd nach.

An der Dampferstation erfuhr er, daß das Schiff nach Stettin, das er benutzen wollte, erst um zwölf Uhr mittags fuhr. Er überlegte. Sollte er in das Hotel zurück? Dann machte er sich doch nur lächerlich, und wer weiß, vielleicht kam heut wieder so ein unangenehmer Brief. Nur Ruhe! Er wollte nichts sehen, nichts hören, bis er mit Lisa gesprochen. Er war ja so zerbrochen!

Wenn er durch den Wald nach Stubbenkammer ginge? Da erreichten ihn keine Briefe, da war er wenigstens allein. Der kleine Handkoffer hinderte ihn nicht, er konnte ja das Schiff auch dort schon besteigen.

Er nahm also das kleine Gepäck und schritt dem Walde zu.

Er ging unten am Ufer – es war eben sechs Uhr. Vor dem Kurhaus rüstete man sich zu einem Morgenkonzert – auf den Terrassen der Hotels erschienen langsam die ersten Gäste und verlangten schläfrig ihr Frühstück.

Jetzt fühlte er, wie schwach er war. Er hatte seit gestern mittag nichts zu sich genommen und hatte ein brennendes Verlangen nach starkem Kaffee, aber hier wollte er nicht einkehren – er entsann sich, daß nicht weit von Saßnitz mitten in der Stubbnitz die Waldhalle lag – bis dahin mußte er schon gehen, und so schritt er bis zu den Badeanstalten am Meere und stieg dann durch den Wald zum Steilufer empor.

Frau von Dahlen war gestern abend auch erst sehr spät zur Ruhe gegangen. Wie exzentrisch doch Ada war. Diese einsamen Spaziergänge und dann dieses späte Heimkommen!

Jetzt saß die alte Dame allein am Frühstückstisch. Natürlich, wer abends so spät zur Ruhe ging, fand morgens nicht aus den Federn. Sie war verletzt und empfand Adas Ausbleiben als persönliche Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Aber es wurde zehn Uhr, und Ada kam noch immer nicht. Frau von Dahlen winkte dem Kellner.

»Schicken Sie doch einmal das Mädchen nach Zimmer neun, und lassen Sie das gnädige Fräulein bitten, herunterzukommen.«

Nach einigen Minuten kam der Kellner zurück.

»Das gnädige Fräulein ist gar nicht im Zimmer.«

»Dann ist meine Nichte wohl schon baden gegangen.«

Innerlich war sie noch empörter.

»Das Zimmermädchen sagt, daß sie gar nicht daheim war, das Bett war heut morgen unberührt und der Schlüssel in der Portierloge.«

Die alte Dame erschrak, aber sie hatte sich in der Gewalt. – Nur vor den Leuten nichts merken lassen.

»Dann ist sie wohl über Nacht in Neumucran geblieben.«

Auch solche Streiche hatte ihr Ada schon öfter gespielt, aber dann hatte sie stets am frühen Morgen antelephoniert. Sie zwang sich, ruhig zu warten, wie es aber zwölf Uhr wurde, ohne daß eine Nachricht kam, hielt sie es nicht mehr aus und ging in das Hotelbüro.

»Meine Nichte ist gestern abend nicht heimgekommen, würden Sie einmal die Güte haben, in Neumucran anzufragen?«

Nach einigen Minuten schon kam der Bescheid.

»Die Besitzerin des Restaurants zur Ostsee glaubt, die Dame gestern nachmittag bei sich gesehen zu haben. Sie ging gegen acht Uhr auf dem Binzer Wege zurück, übrigens hat gestern abend auch ein Herr nach ihr gesucht, der sie aber wohl nicht getroffen hat, denn er ging allein nach Saßnitz zurück.«

Noch immer zwang sich Frau von Dahlen zur Ruhe.

»Wo kann sie sein?«

»Sollte sie im Kurhaus Prora geblieben sein?«

Sie sah dem Hotelier an, daß er selbst besorgt war.

»Ich werde sofort weitere Erkundigungen einziehen.«

Wieder eine qualvolle Viertelstunde.

»Ich habe überall angefragt. Daß das gnädige Fräulein etwa zu Fuß nach Sagard hinüber und von dort abgereist ist, ist doch wohl ausgeschlossen?«

»Vollkommen.«

»Es wird doch nicht ein Unglück – es war immerhin dunkel gestern abend. Das gnädige Fräulein hätte auch nicht so allein –«

Nun der Hotelier ausgesprochen, was sie selbst dachte, ließ sie die Maske fallen.

»Das fürchte ich ja so sehr – Herr Direktor, helfen Sie mir.«

»Ich werde sofort die Polizei benachrichtigen, damit alles abgesucht wird, aber ich bitte herzlich, lassen Sie es nicht öffentlich werden – Sie wissen, gnädige Frau –«

»Ich komme selbst nicht gern in der Menschen Münder.«

Eine halbe Stunde später war schon ein Trupp unterwegs. Man suchte das Ufer ab und die Wege – es war schon Nachmittag, als man in Neumucran ankam – nichts war gefunden.

Polizeikommissar Wolff, der in Zivil die Streife selbst leitete, war ärgerlich.

»Es wäre ja immerhin möglich, daß sie ins Wasser gefallen wäre und fortgeschwemmt, aber bei dem geringen Wind gestern abend. Ich denke, sie ist einfach der Alten durchgebrannt.«

Einer der Gendarmen warf ein:

»Wir hätten den Hund mitnehmen sollen.«

»Richtig, Petzold, wir wollen auch das noch.«

Das Tier wurde geholt, und abermals ging es auf die Suche. Tante von Dahlen lag daheim in Nervenzuständen, aber sie gab ein Kleidungsstück Adas zur Witterung. Der Hund nahm von Neumucran aus die Spur auf und führte in den Wald. Sie kamen auf einen Platz, wo der Hund unruhig wurde.

»Hallo!«

Petzold rief den Kommissar.

»Hier liegt im Gebüsch ja ein Sonnenschirm?«

»Alle Wetter, und hier sind ein paar Zeugfetzen, wie von einem hellen Kleide?«

Der Hund hatte inzwischen die Spur wieder gefunden – sie ging jetzt ein Stück durch Schonung, und dann endete sie an einem kleinen verfallenen Gehöft, das vor Jahren abgebrannt und nicht wieder aufgebaut war. Der Hund blieb direkt vor dem alten Brunnenloch stehen und bellte hinunter. Der Kommissar warf den anderen Männern einen bedeutsamen Blick zu.

»Dort unten?«

Er selbst war in hochgradiger Erregung. Seit Jahren war nichts passiert – sollte jetzt mitten in der Saison hier dicht in der Nähe des Bades etwa ein Mord geschehen sein? Denn daß die Dame hierhergekommen und in den Brunnen gestürzt, das war doch wohl ausgeschlossen.

Inzwischen hatte Petzold schon ein Seil um den Leib geschlungen, und man schickte sich an, ihn hinabzulassen.

Vorsichtig, denn es konnten giftige Gase im Brunnen sein.

»Hallo!«

Dumpf klang es herauf.

»Hier liegt sie.«

Den Kommissar und die Männer durchzuckte doch ein jäher Schreck.

Wieder angstvolle Minuten, dann zogen sie Adas Leiche herauf.

Ihr Kleid war beschmutzt und zerrissen, das schöne lange Haar voll Schlamm und hing lang aufgelöst herunter.

»Also ein Mord!«

Ein Schauer ging durch die Männer. Ein Mord! Hier in der Nähe des Bades.

»Schnell eine Tragbahre – nichts sagen – es kann ja auch ein Unglück. – Nur die Ruhe behalten – die Kurgäste würden ja panikartig abreisen.«

Die Männer nickten verständnisvoll, und während einige nach Neumucran liefen, um ganz in der Stille eine Bahre zu besorgen, suchte der Kommissar alles ab. Hier fand sich nichts. Irgendwelche Fußspuren waren auf dem steinigen Waldboden auch nicht zu erkennen.

»Der Mord hat hier auch nicht stattgefunden, sondern da, wo wir den Schirm fanden. Augenscheinlich hat der Mörder dann die Leiche hierhergeschleppt und sie dann in den Brunnen gestürzt.«

Die Leute kamen mit der Bahre. Der Brunnen hatte nur noch sehr wenig schlammiges Wasser enthalten und Ada nicht ganz bis hinunter gefallen, sondern an einem Baumast, der inzwischen durch die zerbröckelte Brunnenwand gewachsen war, hängen geblieben. So war sie nicht vollkommen durchnäßt.

Sie deckten die Tote zu.

»Auf Umwegen, so daß es möglichst niemand sieht, zur Leichenhalle.«

Der traurige Transport ging ab. Arme Ada, die so stolz und so schön aus dem Hotel gegangen – wie war die Rückkehr!

Der Kommissar war in Neumucran und saß im Hinterzimmer bei der Wirtin, um sie vorsichtig zu vernehmen.

»Wirklich ein Mord?«

»Leider!«

»Aber das ist ja furchtbar!«

»Wenn man nur einen Anhalt hätte!«

Die Wirtin sprang auf und stieß einen kleinen Schrei aus, dann schüttelte sie den Kopf:

»Nein, das ist ja nicht möglich – so ein feiner Herr –«

»Sie haben einen Verdacht?«

»Ach nein, aber –«

»Sprechen Sie nur.«

»Da kam gestern abend ein feiner Herr – ich weiß noch ganz genau, er war dunkel und trug einen neuen hellgrauen Anzug und einen weißen Strohhut, wissen Sie, so einen runden, so eine Sonnenblume, wie man sie nennt, und der Herr war sehr erhitzt und stürzte rasch ein Glas Bier hinunter. Ich hatte noch Angst, daß es ihm schadet und – der frug nach einer Dame mit rötlichem Haar. Da gab ich ihm Auskunft, daß sie eben zurück nach Binz gegangen sei, und er lief sofort hinterher – hat in der Eile sogar vergessen, das Bier zu bezahlen. Dann kam er viel später – es mochten wohl drei Stunden vergangen sein, und es war in der elften Stunde, wieder –«

Die Wirtin war ganz weiß geworden, und ihre Lippen bebten, so daß sie kaum sprechen konnte, dabei weinte sie –

»Herr Kommissar, wenn das nur nicht der Mörder war – er sah ja ganz verstört aus, und der Anzug war beschmutzt, und er wollte schweren Wein haben. Ich hatte Angst vor ihm, denn ich glaubte, es sei ein Verrückter und hab ihm auch den Wein nicht gegeben, aber an das Bier hab ich ihn erinnert, das er nicht bezahlt hat, und da – Herr Kommissar – er war es sicher – da hat er gesagt – jetzt fällt es mir ja ganz deutlich ein:

Auf ein Verbrechen mehr oder weniger käme es ihm jetzt nicht mehr an. Ich hab's für einen Scherz gehalten, und er hatte eine ganz eiskalte zittrige Hand, wie er mir das Geld gab, und ist dann nach Saßnitz zu weiter gegangen. Ich hab gedacht, es ist nur ein Verrückter, und nun war es der Mörder! Herrgott im Himmel – ich hab einem Mörder die Hand gegeben –«

»Aber so seien Sie doch ruhig – jedenfalls ist das eine sehr wichtige Aussage. Nun halten Sie aber reinen Mund – Sie sind ja so aus dem Häuschen und sprechen so laut – da schauen schon ein paar Gäste herüber.«

Er hatte durch die Glastür geblickt, und die Geschäftsfrau erwachte wieder in der Wirtin.

»Sie haben ja recht, Herr Kommissar, aber ich bin so außer mir – ich kann mich gar nicht blicken lassen heut abend –«

»Schon gut – ich telegraphiere sofort noch nach Bergen an das Amtsgericht, und dann werden Sie ja wohl Ihre Aussage wiederholen müssen!«

»Ach Gott, ach Gott, der Schreck!«

Der Kommissar ging hinaus und schickte einen der Gendarmen, die nicht mit vor dem Hause gewesen, sondern draußen verborgen gewartet hatten, damit es kein Aufsehen gab, nach Saßnitz, um dort die Polizei zu verständigen. Dann kehrte er so schnell er konnte nach Binz zurück – hier harrte seiner eine schwere Pflicht – Frau von Dahlen!

Aber zuerst gab er noch das Telegramm nach Bergen auf.

Frau von Dahlen hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen – wie der Kommissar ihr gegenüberstand wurde sie totenbleich.

»Herrgott, der Skandal!«

Es war ihr erstes Wort – kein Schmerz über die Nichte – sie hatte sie nie gemocht – mit Gefühlen gab sich die gute Dame überhaupt nicht weiter ab – sie hatte den Bruder und seine Tochter das ganze Leben hindurch beneidet – sie, die Witwe eines Kaufmanns, der alles im Spiel verloren und sich dann selbst getötet hatte. Dann lebte sie von dem Gelde, das der reiche Bruder ihr freigebig zukommen ließ und spielte bei Ada die Rolle einer Anstandsdame – immer innerlich neidisch, unzufrieden und gekränkt. Auch jetzt hatte sie wenig Trauer.

»Das kommt von den einsamen Spaziergängen! Das kommt, wenn man das Schicksal herausfordert!«

Unwillkürlich dachte sie schon daran, daß ihr Sohn, der in Meseritz als Referendar am Gericht ein kümmerliches Dasein führte, durch dieses Ereignis nun plötzlich der alleinige Erbe der von Dahlenschen Millionen geworden sei.

Der Kommissar, der natürlich von diesen Gedankengängen nichts ahnte, ließ ihr Zeit, sich zu sammeln.

»Könnten gnädige Frau uns vielleicht einen Fingerzeig geben. Wahrscheinlich sind wir dem Täter schon auf den Fersen –«

»Was soll ich denn wissen? Glauben Sie, Herr Kommissar, daß ich Bekanntschaft mit Mördern habe?«

Sie war so entrüstet, daß dem Kommissar unwillkürlich ein Lächeln auf die Lippen trat, aber er ließ sich nicht beirren.

»Da sagt nämlich die Wirtin in Neumucran, daß ein junger, eleganter Herr ganz atemlos in das Lokal gekommen sei und nach dem Fräulein gefragt habe. Drei Stunden später kam er dann ganz verstört und beschmutzt noch einmal vorbei, und die Wirtin glaubt, das sei der Täter. Er hatte einen hellgrauen Anzug und einen großen, weißen Strohhut und soll dunkles Haar haben –«

»Gerhart Hellermann – natürlich – der hat's getan!«

Mit vollkommener Bestimmtheit und wie selbstverständlich sagte es Frau von Dahlen.

Ihre Art war geradezu grotesk, aber der Kommissar blieb ganz ruhig.

»Sie kennen den Herrn?«

»Ich denke nicht daran! Wie werde ich solche Menschen kennen! Das ist ja geradezu beleidigend, wenn Sie so etwas denken. Aber meine Nichte schien ihn zu kennen. Ein verbummelter Schriftsteller aus Berlin. Soll so Reporter oder wie man das nennt an einer ganz kleinen Zeitung sein, und vorgestern kommt er mit uns nach Binz, das heißt, er traf uns zufällig in der Bahn und ging einfach mit in das Kurhaus und nahm sich ein Zimmer! Ich bitte Sie, Herr Kommissar, was hat so ein verbummelter Kerl im Kurhaus zu suchen? Auch Ada, so heißt nämlich meine Nichte, war ganz verwundert, denn sie wußte, daß der Mensch ganz arm ist. Da erzählt er uns, er hat einen Roman geschrieben und damit fünftausend Mark verdient. Natürlich, die müssen gleich verpraßt werden. Aber es kam noch anders – am Morgen ist er abgereist, und meine Nichte erhält einen Brief von ihrem Vater – wissen Sie – den Geheimen Kommerzienrat von Dahlen, der das große Verlagshaus in Berlin hat, und da kommt der Schwindel schon raus. Der Hellermann hat den ganzen Roman einfach gestohlen! Abgeschrieben, wörtlich! Von einem Roman, der schon vor einem Jahre bei von Dahlen erschienen ist. Natürlich hat der ihn sofort bei der Staatsanwaltschaft angezeigt.

Ich hab es ja gleich gewußt! Wissen Sie, Herr Kommissar, ich habe eine gute Nase – ich rieche es förmlich, wenn ein schlechter Mensch neben mir sitzt, und dieser Hellermann war mir gleich gräßlich!

Na, also, meine Nichte lacht laut auf und amüsiert sich über den Schwindel, und dann macht sie eben am Nachmittag diesen Ausflug.

Wie sie so eine Stunde vielleicht weg ist, kommt plötzlich der Hellermann – ganz aufgeregt – kommt einfach an meinen Tisch – denken Sie – so ganz formlos und redet mich an. Er müsse absolut meine Nichte sprechen – sein ganzes Leben hängt davon ab. Der Kerl sah ganz toll aus. Ich dachte, jetzt ist der übergeschnappt und will Ada eine Liebeserklärung machen oder so was – denn wenn er schon gewußt hätte, daß Ada seinen Schwindel schon kennt, dann hätte er doch nicht gewagt – kurz, ich sage ihm, daß Ada nach Neumucran gegangen sei, und schon war er weg – ich glaube, er hat nicht einmal Adieu gesagt –

Herrgott des Himmels –«

Jetzt schrie sie auf –

»Da hab ich ihn ja auf ihre Spur gebracht – da bin ich ja wohl schuld, Herr Kommissar, das dürfen Sie nicht von mir denken, wenn ich geahnt hätte, daß der Kerl so eine Schlechtigkeit im Sinne hat – ich hätt ihm sicher nicht gesagt –«

Der Kommissar mußte sich wirklich zusammennehmen, um ruhig zu bleiben.

»Nur noch eine Frage – der Herr trug einen grauen Anzug?«

»Natürlich, hellgrau und weißen Strohhut und breiten, dunkelblauen Selbstbinder und schwarze Stiefel – sehen Sie, daran hab ich ja gleich erkannt, daß er kein wirklich feiner Mann war. Zu einem so hellen Anzug gehören doch gelbe Stiefel und keine schwarzen –«

»Ich danke, jetzt weiß ich genug.«

»Ich bin auch wirklich vollkommen erschöpft.«

»Gräßliches Frauenzimmer,« dachte der Kommissar, aber in Wirklichkeit sagte er noch:

»Wir haben die arme Ermordete in die Leichenhalle gebracht, wenn Sie vielleicht –«

»Um Gottes willen – ich kann keine Toten sehen –«

»Aber an den Vater werden Sie doch –«

»Ich bitte, besorgen Sie das doch – ich weiß ja gar nicht, was ich telegraphieren soll und – ich bin so erregt – ich –«

»Guten Abend, gnädige Frau.«

Wäre er jetzt nicht gegangen, er hätte grob werden müssen, so empörte ihn das herzlose Wesen der Frau.

»Armes Mädchen!«

Er ging in sein Amtszimmer – der Hoteldirektor hatte ihm schon das nötige mitgeteilt – er war sehr dienstfertig, denn es lag ihm doch viel daran, daß seine Gäste nichts merkten, und bisher war alles gut gegangen.

Also der Kommissar telegraphierte an Herrn von Dahlen, daß seiner Tochter ein Unglück zugestoßen sei, und daß er so schnell wie möglich kommen sollte.

Dringendes Diensttelegramm. – Er sah in das Kursbuch. Morgen abend konnte er da sein. Während er noch darüber nachdachte, fuhr ein Auto vor. Die Herren vom Gericht in Bergen – Amtsgerichtsrat Zollern, Gerichtsarzt Dr. Pfannschmidt und ein Assessor als Protokollführer.

Eine kurze Beratung.

»Selbstverständlich muß hinter den Hellermann sofort ein Steckbrief geschickt werden – haben Sie in Saßnitz schon etwas erfahren?«

»Werde anfragen.«

»Polizeibüro Saßnitz. – Wie heißt der Mann? Hellermann? Ja, ist im Ostseehotel gemeldet. Ist heute früh wieder abgereist. Wollte mit dem Schiff fort und ist, da dieses erst später fährt, zu Fuß nach dem Walde zu, voraussichtlich nach Stubbenkammer.«

Eben kam Gendarm Eberlein atemlos herein.

»Bitte gehorsamst um Entschuldigung.«

Er sah die Herren vom Gericht.

»Kommen Sie nur – bringen Sie vielleicht etwas Neues?«

»Zu Befehl, Herr Amtsgerichtsrat. Der Herr Kommissar hatte mich nach Saßnitz entsandt –«

»Polizeikommissar Schultz in Saßnitz hat uns soeben berichtet, aber Sie wissen vielleicht näheres?«

»Ich war im Hotel, wo Hellermann gewohnt hat. Er soll in ganz verstörtem Zustand gestern abend angekommen sein und ist dann die ganze Nacht in seinem Zimmer auf- und niedergelaufen – die Gäste haben sich beschwert. Heut früh ist er ohne Frühstück fluchtartig fort. Zum Dampfschiff und dann, den Koffer in der Hand in den Wald. Ich bin auf seiner Spur gewesen – in der Waldhalle hat er Kaffee getrunken – auch da soll er sehr zerfahren gewesen sein, dann ist er auf der Chaussee nach Stubbenkammer und dort gleich auf das Schiff gestiegen, das nach Stettin fährt.«

»Da hätte er doch in Saßnitz einsteigen können?«

»Das böse Gewissen, Herr Amtsgerichtsrat – hat wohl gefürchtet, daß wir inzwischen auf seiner Spur sind.«

»Jedenfalls haben Sie Ihre Sache gut gemacht. Also, dann telegraphieren wir mal sofort ausführlich nach Stettin, und Sie, Herr Kommissar Wolff – wann geht denn das Abendschiff?«

»In einer halben Stunde.«

»Sie müssen sofort nach Stettin und sehen, ob Sie ihn kriegen – die Polizei wird ja vorarbeiten.«

Das dringende Telegramm war schon unterwegs, als draußen im Vorzimmer ein Lärm hörbar wurde.

»Da ist jemand.«

Ein alter Fischer stand draußen.

»Sie, Jörns, was führt Sie denn her?«

»Ach, ich wollte man, Herr Kommissar –«

Er beugte sich vor und flüsterte:

»Es is man wegen die Mordgeschichte.«

»Da kommen Sie nur herein. Herr Amtsgerichtsrat, der Mann hier, der Fischer Jörns vom Ort scheint etwas aussagen zu können.«

»Na, dann schießen Sie los.«

»Ich bin nämlich der Schwager von dem alten Uhl was nämlich und hat die Leiche mit rausgeholt und da hab ich sie mir angesehen. – Ne, Herr Kommissar, sein Sie ganz ruhig – ich red da nicht über – also, da ist mir eingefallen. Wie ich gestern und ich geh von Neumucran nach Binz, da seh ich eine Dame und neben ihr stand ein Herr, und der schien mir ganz wütend und redete auf sie ein und schließlich, da war es mir so, als wollte er sie packen. Ich ging schon näher, da waren die beiden ruhig und sprachen zusammen. Da dacht ich, was geht's mich an – ist eben halt ein Pärchen, das zankt sich –«

»Haben Sie sich den Herrn angesehen? Trug er vielleicht einen grauen Anzug?«

»Ganz hell und einen Strohhut.«

»Und sonst wissen Sie nichts?«

»Ne, Herr Amtsgerichtsrat.«

»Jedenfalls danke ich Ihnen, es ist wertvoll, was Sie uns gesagt haben.«

Der Kommissar hatte sich fertig gemacht.

»Ich muß dann zum Schiff.«

»Glückliche Reise. Gendarm Eberlein, haben Sie noch etwas?«

»Allerdings. Ich war gleich im Hotelzimmer. Er scheint in der Nacht Briefe geschrieben zu haben, wenigstens lag dies hier im Papierkorb, und das Mädchen sagt, daß er leer gewesen sei.«

»Haben Sie schon gelesen?«

»Hatte noch keine Zeit, es scheinen Briefe.«

»Sie sind wirklich ein umsichtiger Mann, ich danke Ihnen.«

Der Gendarm lächelte geschmeichelt, und der Richter wandte sich an den Arzt.

»Dann können wir wohl inzwischen die Leichenschau vornehmen, Herr Doktor?«

Sie gingen hinüber. Die arme Ada, die im Leben so viel auf jede Äußerlichkeit gegeben hatte, lag nun auf der Bahre, ihr schönes rotes Haar hing zerzaust zur Erde herab, das helle modische Sommerkleid war zu einem zerlumpten und mit Schlamm besudelten Fähnchen geworden und auf der einen Seite vollkommen zerrissen, so daß der Arm und die rechte Schulter nackt hervorschauten.

Der Arzt beugte sich über die Tote.

»Erwürgt, deutliche Strangulationsmarken am Hals – Eindrücke von Fingern sind nicht sichtbar. Der Erstickungstod scheint durch einen Strick – vielleicht auch ein zusammengedrehtes Taschentuch – hervorgerufen zu sein. Es hat auch unzweifelhaft ein Kampf stattgefunden, dafür sprechen die Kratzwunden am Arm und im Gesicht.

Hallo – Herr Amtsgerichtsrat – sehen Sie hier auf dem Ärmelfetzen – der Mörder hat augenscheinlich eine schweißige und schmutzige Hand gehabt – ein tadelloser Daumenabdruck.«

Weiter gab die Obduktion keinen Anhalt, dagegen wurde festgestellt, daß der Leiche die Uhr fehlte – ein Stückchen der Kette war im Kleide festgeblieben, sie schien mit Gewalt abgerissen, ebenso war kein Portemonnaie bei der Toten zu finden, auch hatte sie keine Ringe auf den Fingern.

»Ein Raubmord.«

»Wahrscheinlich.«

»Hallo!«

Der Amtsgerichtsrat hatte mit den Fingern durch das lang herabhängende Haar gegriffen, um es mit auf die Bahre zu legen, jetzt fühlte er einen kleinen harten Gegenstand zwischen den Fingern. Ein Steinchen, das er schon wegwerfen wollte, als er ein Glitzern bemerkte.

»Ein Brillant – offenbar aus einem Ringe.«

Weiter war im Augenblick nichts festzustellen, und die Tante mußte es sich gefallen lassen, daß der Amtsgerichtsrat trotz der späten Stunde noch einmal Auskunft haben wollte.

»Ja, die Uhr war sehr kostbar – mit Brillanten und anderen Edelsteinen besetzt – die Ringe? Sie trug niemals viel Ringe – ich weiß nicht, wieviel sie besaß und ob sie welche an hatte. Geld? Ich weiß wirklich nicht, aber sie pflegte ziemlich viel Geld mit sich herumzuschleppen. Natürlich – sie hatte es ja dazu!«

Der Amtsgerichtsrat ging ganz vergnügt in die Pension, in der er Wohnung genommen hatte. Er konnte zufrieden sein. Zwar, das arme junge Geschöpf, das ermordet war, hatte sein junges Leben lassen müssen, aber er hatte den Täter schon so gut wie überführt, und was die Hauptsache war – es kam nur ebenfalls ein Fremder in Frage – nicht etwa ein Einheimischer, und also konnte der Ruf des Bades nicht geschädigt werden.

Die drei Herren saßen noch lange gemütlich und im Bewußtsein ihrer getanen Arbeit beisammen.

Während der Arzt und der Assessor sich zurecht machten und dann zum Speisen hinuntergingen, setzte sich Amtsgerichtsrat Zollern in seinem Zimmer nochmals an den Schreibtisch. Er hatte ja die Brieffetzen vergessen. Eine mühselige Arbeit, denn Gerhart hatte sie ganz fein zerrissen – endlich gab der Richter die Arbeit auf. Mochten daheim Beamte einen ganzen Tag opfern, er hatte aus den wenigen Buchstaben, die er entziffern konnte, genug gesehen. Der Brief war an eine Dame in Kolberg gerichtet, und es kamen Worte darin vor, wie: Ada hat unzweifelhaft den Diebstahl begangen, oder – ich habe mich gerächt wenigstens –

Zollern nickte – das Band zog sich immer enger zusammen.

Er überlegte. Nach Stettin war Hellermann gefahren – nach Kolberg hatte er geschrieben, aber nicht abgesandt. An eine Dame – natürlich! Schade, daß von ihrem Namen auch nicht ein Tüpfelchen mehr zu finden war. Jedenfalls hatte er sich entschlossen, gar nicht zu schreiben, sondern zu fahren. Ein guter Wink – möglicherweise ein Irrtum, aber doch wahrscheinlich. Nach Kolberg führte der Weg über Stettin. Jedenfalls mußte er den Kommissar Wolff benachrichtigen. Schade, daß er den Zettel nicht vorher in der Hand hatte. Wenn er nur ahnte, was für eine Dame.

Er überlegte, gern hätte er Wolff noch einen Wink gegeben.

Noch einmal ging er Fetzen für Fetzen durch.

»Ehe du in dein Eng–«

Den Zettel hatte er vorher gar nicht beachtet, weil er ja nach Anhaltspunkten für die Tat suchte – jetzt lag ihm daran, die Adressatin zu finden, da war es anders.

»Den Eng–«

Amtsgerichtsrat Zollern war als Rätsellöser bekannt. War dies nicht auch ein Rätsel? Eng– Enge – Deine Enge ist Unsinn – Engagement? Unwillkürlich kam ihm das Wort auf die Lippen. »Dein Engagement!« Natürlich, das war es – sie war also engagiert – in Stellung. Wieder dachte er nach. Was war doch sein Beruf? Schriftsteller. Und sie – merkwürdig, wie ihm so manches zufiel – er war ganz stolz auf seine Kombinationsgabe. In Kolberg war doch ein bekanntes Sommertheater, und gerade bei Schauspielern ist das Wort Engagement gebräuchlich. Eine Gesellschafterin würde eher von ihrer Stellung sprechen.

Eine Schauspielerin! Sehr wahrscheinlich! Er nahm einen Briefbogen und setzte ein Telegramm auf an den Kommissar, der ja sicherlich zuerst in Stettin zur Polizei ging.

»Wenn Hellermann in Stettin nicht aufgefunden, voraussichtlich nach Kolberg zu einer Dame – wahrscheinlich Mitglied dortigen Sommertheaters weitergereist.«

Er tat das Telegramm in ein Couvert und klingelt« dem Kellner.

»Sofort auf das Telegraphenamt.«

»Ist leider geschlossen.«

»Wichtiges, gerichtliches Diensttelegramm. Postvorsteher muß geweckt werden.«

»Sehr wohl, Herr Amtsgerichtsrat.«

Nun ging auch Zollern im Bewußtsein gut erfüllter Pflicht an sein Abendessen, und noch lange saßen die drei Herren gemütlich plaudernd bei einer Flasche Wein beisammen, und niemand von den übrigen Gästen ahnte etwas, daß sich ein grausiges Verbrechen am Orte ereignet hatte und daß die drei vergnügten Herren die Mordkommission waren.

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