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Gestohlene Gedanken

Otto Berndt: Gestohlene Gedanken - Kapitel 3
Quellenangabe
authorOtto Berndt
titleGestohlene Gedanken
publisherMartin Boas
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Ein wundervoller Morgen! Gerhart hatte vortrefflich geschlafen, gut gefrühstückt – nun ging er – den Handkoffer in der Hand – was kümmerte ihn jetzt noch der hochnäsige Ober aus dem Kurhaus oder gar Ada, die sicher den halben Vormittag verschlief, dem Strande zu und bestieg das Motorboot nach Saßnitz. Jetzt sollte die wirkliche Erholung kommen. Am Strande herrschte schon regstes Leben. Scharen von Kindern bauten bereits an ihren »Sandburgen« und ließen die Fähnlein darauf im Frühwinde wehen, im Familienbad tummelten sich Männlein und Weiblein beim Klange des vom Kurplatz herüberschallenden Konzertes, an dem weit in das Meer hinaus gebauten Steg lag schon der Dampfer aus Stettin, und eben gab das Motorboot Abfahrtssignal.

Er lehnte sich behaglich zurück. Wie herrlich doch der Morgen war. Die weite Binzer Bucht glänzte und gleißte wie ein Spiegel. Die weißen Möwen tummelten sich in den Lüften – Fischerboote und Vergnügungsjachten kreuzten auf die offene See hinaus, und drüben erstrahlten die weißen Kreidefelsen der Steilküste in der jungen Sonne. Bald stiegen die terrassenförmig aufgebauten Hotels und Villen von Saßnitz deutlich herauf.

Hier fühlte er sich zu Haus. Hier hatte er als Knabe mit den Eltern so manche Sommerferien verlebt – hier war es nicht ganz so vornehm wie in Binz, aber dafür behaglicher und stiller. Es lockte ihn, ein Wiedersehen zu feiern mit allen den Strandpartien, auf denen er als Knabe herumgeklettert war – hier wollte er für eine volle Woche sein Standquartier nehmen – hierher hatte er sich seine Post bestellt, denn der Ausflug nach Binz war ja programmwidrig im letzten Augenblick eingefügt.

Schnellfüßig sprang er an Land. Er winkte dem Portier vom Ostseehotel – da hatten die Eltern immer gewohnt und wahrhaftig – er erkannte die Mütze mit dem großen, grünen Schirm, als hätte er sie gestern zum letzten Male gesehen, und doch lagen zwölf Jahre dazwischen. Er gab ihm den Koffer.

»Gerhart Hellermann, ich hatte mir ein Zimmer bestellt.«

»Sehr wohl, und Post ist auch schon gekommen für den Herrn.«

Wie ihn das freute. Sicher ein Brief von der Lisa! Oder von Mutter oder einem der Berliner Freunde! Wie heimisch es anheimelt, wenn einen gleich ein Gruß aus Freundeskreis erwartet!

Er trat in das Hotel, und wirklich händigte ihm der Geschäftsführer nicht einen Brief, sondern gleich ein ganzes Päckchen aus – er ging auf sein Zimmer. Wie herrlich die Aussicht auf das Meer war. Das Hotel lag schon etwas höher, so hatte er freien Ausblick. Er setzte sich auf den kleinen Balkon vor seinem Zimmer und öffnete die Briefe.

Wie sich Lisa gefreut hatte! Das gute Ding! Herrgott, eigentlich war es doch undankbar, daß er nicht gleich von der Mutter zu ihr gefahren, daß er ihr nur ein kurzes Telegramm geschickt! Und dann der Brief seiner Mutter. Auch sie war so gut, hatte über seinen einen Erfolg gleich allen Kummer vergessen, den er ihr angetan!

Dann ein paar Karten von Freunden und schließlich zwei Briefe von fremden Verlagsanstalten, die ihn zur Mitarbeit aufforderten. Er lachte fröhlich. Ja, wenn erst einmal der Damm gebrochen ist! Wenn erst ein Werk Erfolg hatte. Dann ging er zum Baden, und wie er wieder zum Hotel kam, war es Mittagszeit. Er ging auf die Terrasse, um dort zu essen, da rief ihm der Geschäftsführer nach:

»Bleiben Sie nach Tisch zu Haus, Herr Hellermann?«

»Warum?«

»Ein eingeschriebener Brief war da, er kommt nachher noch einmal mit heran.«

Ein eingeschriebener Brief? Gerhart stutzte. Wer sollte ihm einen eingeschriebenen Brief senden? Ausgerechnet hierher? Aus seinen Kampfjahren hatte er ein unbehagliches Gefühl bei jedem eingeschriebenen Brief. So kamen eigentlich nur Mahnungen, aber jetzt? Seine kleinen Schulden hatte er doch bezahlt! Da fiel ihm ein. Verlag Freia wollte ihm den Vertrag noch senden. Natürlich! Und dort war auch seine Adresse bekannt!

Jetzt schmeckte ihm das Essen erst recht vortrefflich, und dann ließ er sich einen Kaffee hinaufbringen und legte sich mit einer Zigarre auf den schattigen Balkon, um den Brief zu erwarten.

Es wurde gegen vier, bis es klopfte, dann hielt er ihn in der Hand. Es war ein kleiner Geschäftsbrief, nicht der Vertrag – Absender Justizrat Werner Simon, Berlin.

Also doch etwas Unangenehmes! Er sann nach – ihm war doch gar nichts bekannt, daß er noch jemanden etwas schuldig war, und wieso kam der auf seine hiesige Adresse? Aha – der Brief war erst nach Berlin an seine dortige Wohnung gegangen und nachgeschickt.

Ärgerlich riß er auf. Was störte da seine Sommerfrische? Hatte der Hotelier vielleicht auch schon gesehen, daß er gleich eingeschriebene Briefe von Rechtsanwälten bekam?

»Gerhart Hellermann, Berlin!

Im Auftrag des Geheimen Kommerzienrates Ernst von Dahlen habe ich Ihnen das Folgende zu unterbreiten. Sie haben unter Ihrem Namen im Norddeutschen Kurier unter dem Namen »Ein Werdender« einen Roman veröffentlicht, der, wie mit vollkommener Sicherheit zu erweisen ist, ein geradezu mit unbegreiflicher Dreistigkeit angefertigtes Plagiat ist.

Bereits vor einem Jahre hat Herr von Dahlen von dem bekannten Schriftsteller Theodor Horst Wehler den Roman ›Der Kämpfer‹ erworben und als Buch herausgegeben. Ihr Roman ist nun nicht nur im Inhalt mit dem genannten Buch identisch, sondern erweist sich als fast vollkommen genaue Abschrift. Herr Horst Wehler ist zur Zeit auf Reisen und konnte daher noch keine Stellung zu Ihrem dreisten Vergehen gegen das gesetzliche Urheberrecht nehmen. Herr Kommerzienrat von Dahlen hat im Augenblick noch gezögert, die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft zu stellen, weil er annimmt, daß Sie sich vielleicht der Tragweite Ihrer Handlung, auf der unter Umständen Gefängnisstrafe steht, nicht bewußt waren. Ich ersuche Sie, sich innerhalb dreier Tage zu äußern.

Der Justizrat: Werner Simon

Gerhart war sprachlos! Zuerst glaubte er zu träumen, aber da war ja der Brief des Justizrates! Theodor Horst Wehler? Er kannte ihn nicht, hatte nie etwas von ihm gelesen, aber seinen Namen oft in den Buchhandlungen gesehen. Ein Massenfabrikant seichter Reiselektüre, und der sollte einen Roman geschrieben haben, der mit seinem fast wörtlich übereinstimmte? Ein Mann, der zwar voraussichtlich einen Haufen Geld verdiente, aber von niemanden ernst genommen wurde? Und der sollte so in ein paar Tagen ein Buch geschaffen haben, das seiner langen Arbeit, seiner von Eckart als genialisch bezeichneten eigensten Erfindung gleichlautend war? Gab es überhaupt solchen Zufall? Er kannte doch Horst Wehler gar nicht und wußte nur, daß dieser in München lebte, wohin er nie gekommen war!

Das konnte doch wohl gar nicht möglich sein. Vielleicht hatten einige Punkte eine oberflächliche Ähnlichkeit – vielleicht war das Grundmotiv dasselbe – die Konflikte der Romane wiederholen sich ja immer. Warum sollte Horst Wehler nicht auch einmal das Schicksal eines werdenden Einsamen geschildert haben? Sicher war das ganze ein plumpes Geschäftsmanöver von Dahlens, der sich nun ärgerte, daß Hellermann nicht unter seinen Fittichen an das Tageslicht gekommen war.

Was tun? Vorläufig nahm er im Bewußtsein seines guten Gewissens die Sache durchaus nicht tragisch – aber vor allem mußte er den Roman kennen. Er stülpte den Hut auf und lief hinab.

»Herr Ober, ist hier eine Buchhandlung?«

»Jawohl, gleich um die Ecke, eine Leihbibliothek.«

»Danke!«

»Haben Sie den ›Kämpfer‹ von Horst Wehler vorrätig?«

»Ist in meiner Leihbibliothek. Alle Werke von Horst Wehler sind so beliebt. Warten Sie einen Augenblick. Richtig, Sie haben Glück. Nicht verliehen. Das ist bei Horst Wehler immer Zufall.«

Er hörte gar nicht mehr hin, gab einen Zehnmarkschein, stopfte den Rest achtlos in die Westentasche und lief mit dem speckigen Bande nach Haus.

Der Buchhändler sah ihm lächelnd nach.

»Das ist ja ein sonderbarer Heiliger!«

Auch der Kellner schüttelte den Kopf, wie Gerhart an ihm vorbeilief.

Nun war er allein. Erst ein Blick auf den Titel. Richtig, vor einem Jahre bereits erschienen. Er begann zu lesen – sein Haar schien sich zu sträuben. Ja, war er denn wahnsinnig? Je weiter er las, desto erregter wurde er. Sein Roman! Einige Kleinigkeiten anders – der Stil glatter, nichtssagender, aber sonst – genau dieselbe Handlung! Derselbe Aufbau! Sogar dieselben Personennamen! Er zitterte vor Erregung. War es denn möglich, daß ein Schriftsteller vom Rufe Horst Wehlers so schamlos abschrieb?

Aber nein – er war ja beschuldigt, abgeschrieben zu haben! Er! Und dabei wußte er doch, wie sich die Gestalten langsam in seinem Hirn gebildet hatten, wie aus unzähligen anderen Fassungen und Entwürfen, die längst verbrannt waren, sich ganz allmählich die jetzige Fassung herausgebildet hatte.

Also war Horst Wehler der Plagiator!

Wieder schauderte ihm die Haut. Konnte er wirklich einen Mann, der solange schrieb, der, wenn er auch mit der eigentlichen Kunst nichts gemein hatte, doch zu den gelesensten Autoren gehörte, daß ein solcher Mann einfach einen ganzen Roman abschrieb? Aber auch das war ja unmöglich! Wo sollte er denn den Roman herkennen? Er hatte ihn doch nur in einem Exemplar geschrieben und nicht aus der Hand gegeben!

Allerdings blieb also nur der unbegreifliche Zufall übrig, daß eben wirklich sie beide nicht nur dieselben Ideen, sondern auch dieselbe Ausführung gefunden hatten, oder daß eben Horst Wehler der Dieb war.

Er lief im Zimmer auf und nieder und überlegte. Er mußte doch etwas tun, und zwar augenblicklich. Also dem Justizrat Simon schreiben, daß er die Anschuldigung auf das bestimmteste zurückweise!

Leicht gesagt! Er mußte beweisen. Horst Wehler war viel bekannter als er – plötzlich fiel ihm ein – er hatte ja den Roman vor anderthalb Jahren Ada von Dahlen gegeben, und sie hatte ihn gelesen! Das war ja die Zeugin, die er brauchte, sofort nahm er einen Briefbogen.

»Ich weise die Beschuldigungen auf das energischste zurück. Ich kenne Herrn Horst Wehler nicht, weiß aber, daß ich den Roman vollkommen selbständig erfunden habe. Wie Herr Horst Wehler zu der gleichen Idee gekommen ist, weiß ich nicht zu sagen, aber ich kann beweisen, daß ich den Roman in der vorliegenden Fassung bereits vor dem Erscheinen des ›Kämpfers‹ beendet hatte. Ich habe ihn vor anderthalb Jahren Fräulein Ada von Dahlen zum Lesen gegeben und kann diese, als doch sicher einwandfreie Zeugin, die Richtigkeit meiner Behauptung erhärten.«

Er hielt es für seine Pflicht, sofort auch ausführlich an seinen eigenen Verleger zu schreiben – dann brachte er die beiden Briefe auf die Post. Es war ihm ein Stein vom Herzen, aber nun blieb noch eines. Er mußte mit Ada sprechen. Sofort – er mußte aus ihrem eigenen Munde die Beruhigung hören.

Zwar – Ada war kokett – vielleicht jetzt neidisch – aber – sie mußte ja schwören! Er lief zum Strande und fuhr wieder nach Binz. Diesmal hatte er für die Schönheit des Meeres keinen Blick. Er war so nervös, daß sein erregtes Wesen sogar den Passagieren auffiel, und man beobachtete ihn, vielleicht hielt man ihn für einen Geisteskranken und fürchtete, daß er über Bord springen wollte.

Im Kurhaus kam er ziemlich erschöpft an. Der Ober wunderte sich. Gestern hat er so korrekt ausgesehen – heut war er erhitzt, bestaubt, die Krawatte verschoben.

»Ist Fräulein von Dahlen zu Haus?«

»Bedaure, nein, aber Frau von Dahlen sitzt in der Veranda.«

»Verzeihen, gnädige Frau – ich hätte gern Ihr Fräulein Nichte in einer wichtigen Angelegenheit um eine Unterredung gebeten.«

Die alte Dame sah ihn verwundert an. Wie kam ihr denn der Mensch nur vor? Ada hatte recht – das war ein Abenteurer, den man sich vom Halse schaffen mußte.

»Meine Nichte ist nicht hier. Hat einen einsamen Spaziergang nach Neumucran gemacht und kommt wohl erst spät zurück. Dabei reisen wir morgen weiter, es sagt uns hier nicht zu – schreiben Sie bitte.«

Sie hatte von oben herab gesprochen, wie man einen Bettler abweist, das Blut stieg ihm zu Kopf, aber er hatte Beherrschung genug, sich in der Gewalt zu behalten und ging.

Er überlegte. Sie war nach Neumucran gegangen – offenbar hatte sie am Tage den schattigen Waldweg gewählt und ging abends am Strande zurück. Was sollte er hier? Er wollte ihr entgegen. Vielleicht traf er sie, sonst konnte er abends noch immer den Versuch machen, eine Unterredung zu erzwingen. Sprechen mußte er Ada, und wenn er die Nacht hierbleiben sollte! Er ging am Strande entlang, aber seine ganze Nervosität war wieder zum Durchbruch gekommen – jetzt war er beim Kurhaus Prora und kam dann am »Fliegenden Holländer«, dem aus einem gelegentlich eines Sturmes ans Land geworfenen Zweimastschiff erbauten originellen Restaurant vorüber.

Er ahnte nicht, daß er längst nicht mehr ruhig lief, sondern geradezu dahinstürmte, daß seine Arme in der Luft schlenkerten, sein Gesicht dunkelrot war, von Schweiß triefend und daß ihm überall die Menschen nachschauten.

In kaum einer Stunde hatte er den Weg bis zu dem kleinen Fischerdorf und Badeort Neumucran, gerade in der Mitte zwischen Binz und Saßnitz durchmessen, der für einen normalen Fußgänger fast die doppelte Zeit erfordert.

Ada war ihm nicht begegnet. Jetzt trat er in das Restaurant zur Ostsee und blickte sich um.

»Ein Bier!«

Er stürzte es hastig hinunter.

»Um Gottes willen, Sie sind ja so erhitzt!«

Jetzt hörte er erst, daß jemand zu ihm sprach.

»Haben Sie vielleicht eine einzelne junge Dame mit rotblondem Haar gesehen?«

Die Wirtin lächelte vielsagend. Also daher die Eile.

»Allerdings. Vor fünf Minuten etwa ist eine rotblonde junge Dame fortgegangen. Sie hat hier Kaffee getrunken und wollte mit einem kleinen Umweg durch den Wald nach Binz.«

»Danke, dann muß ich eilen!«

Er rannte davon – die Wirtin lachte laut nach.

»So ein Verliebter! Aber schadet ihm jetzt nicht, wenn er läuft, dann bekommt ihm das kalte Bier besser.«

Nun fiel ihr erst ein, daß der stürmische Gast in der Eile gar nicht bezahlt hatte, aber das machte nicht viel. Fünfzehn Pfennig und schließlich, so ein Badegast kam wohl noch ein zweites Mal.

Gerhart war wieder, fast rennend, dem Walde zugeeilt, da sah er Ada hundert Schritt entfernt auf einem Stein sitzen und lief hinzu.

»Gnädiges Fräulein!«

Sie sah um und erschrak.

»Herr Hellermann!«

»Gnädiges Fräulein – entschuldigen Sie meinen Aufzug – ich bin Ihnen von Binz an nachgelaufen –«

»Mir?«

»Ich muß Sie sprechen – etwas ganz Furchtbares ist geschehen –«

Sie stand kühl, vornehm und fremd vor ihm und sah ihn mit einem geringschätzigen Blick an, den er übersah.

»Denken Sie an das Unglaubliche. Ich bekomme heut einen Brief von einem Justizrat aus Berlin, der im Auftrage Ihres Herrn Vaters mich beschuldigt, meinen Roman ›Ein Werdender‹ abgeschrieben zu haben –«

Ganz kalt und hart kam es von ihren Lippen.

»Mein Vater hat allerdings auch heut etwas Ähnliches geschrieben.«

»Aber gnädiges Fräulein, das ist doch heller Wahnsinn, und ich habe natürlich sofort geschrieben, daß es nicht wahr ist. Wenn er abgeschrieben ist, dann war es doch höchstens Horst Wehler –«

»Ich würde mich hüten, einen Mann von seiner Bedeutung zu verdächtigen.«

»Herrgott – ich verdächtige ihn ja auch nicht. Ich weiß aber doch nicht, ich weiß nur das Eine, daß ich den Roman vollkommen fertig hatte, ehe der andere erschienen ist, und ich habe auch Ihrem Vater geschrieben, daß Sie, gnädiges Fräulein, es mir bezeugen können.«

»Ich?«

»Aber natürlich – Sie wissen doch, daß ich Ihnen vor anderthalb Jahren das Manuskript gab. Sie wollten es lesen und eventuell Ihrem Herrn Vater empfehlen –«

Sie lächelte.

»Ich erinnere mich allerdings, daß Sie mir einmal ein Manuskript gegeben haben und daß es einige Zeit wohlverschlossen in meinem Schreibtisch gelegen hat, aber wie dieses Manuskript hieß und was darin gestanden hat, weiß ich wirklich nicht, denn ich habe es gar nicht gelesen.«

Er taumelte unwillkürlich zurück.

»Sie haben es nicht gelesen?«

»Wirklich nicht.«

»Aber Sie haben es mir doch dann zurückgegeben und mir geschrieben, es sei noch zu anfängerhaft für den Verlag Ihres Herrn Vaters.«

»Das habe ich vielleicht geschrieben – als Vorwand, aber – gelesen habe ich es wirklich nicht, das kann ich Ihnen mit gutem Gewissen beschwören und darum bedaure ich, Ihnen jetzt nicht dienen zu können.«

Sie lächelte wieder ihr häßliches, geringschätziges Lachen, neigte ganz flüchtig den Kopf und schickte sich an, weiter zu gehen.

Gerhart war seiner kaum selbst mächtig. Er haßte dies falsche Weib, das gestern so freundlich gewesen und ihn heute einfach beiseite schob. Nicht einmal gelesen hatte sie sein Werk. Abgeurteilt und nicht gelesen. Plötzlich zuckte ein furchtbarer Gedanke durch sein Hirn.

Nie hatte er das Manuskript aus der Hand gegeben. Nur sie hatte es gehabt. Sie und Lisa, und von der konnte doch gar nicht die Rede sein. Im Verlage ihres Vaters war der andere Roman erschienen – sie – hatte vielleicht gar den Roman weitergegeben – ihn Horst Wehler in die Hände gespielt.

Einen Augenblick packte ihn der Verdacht, schon wurde er zur Gewißheit.

»Fräulein von Dahlen –«

Er packte mit einer schnellen Bewegung ihren Arm – sie stieß ihn von sich.

»Was erlauben Sie sich? Soll ich um Hilfe rufen? Benehmen Sie sich manierlich – die Menschen werden aufmerksam.«

Wirklich ging ein alter Fischer vorüber, der verwundert herblickte. Gerhart zwang sich zur Ruhe.

»Gnädiges Fräulein, ich flehe Sie an. Mein ganzes Leben steht auf dem Spiel. Ich will ja nicht glauben – keine Anschuldigungen erheben – ich bitte ja nur. Ist es vielleicht denkbar, daß in den Wochen, als das Manuskript bei Ihnen lag –«

»Jetzt werden Sie unverschämt. Nun wollen Sie wohl noch sagen, daß ich Ihren Roman an Horst Wehler gegeben habe? Lassen Sie mich augenblicklich allein, ich rede nicht mehr mit Ihnen.«

Sie ging wieder ein paar Schritte – die Wut stieg in ihm auf. Nun war ihm jeder Zweifel genommen. Sie hatte aus irgendeiner niederen Gesinnung – vielleicht auch um ihrem Vater einen Dienst zu erweisen, sein Werk gestohlen.

»Fräulein Ada – ich muß wissen!«

Sie schrie auf, denn sein vor Schmerz und Zorn vollkommen entstelltes Gesicht flößte ihr Furcht ein, aber schon war er wieder bei ihr – sie waren ganz allein – niemand zu sehen, als der eintönige Strand und die Möwen, sie begann zu zittern und wollte fortlaufen, aber schon hatte er wieder ihre Hand gepackt, seine Stimme klang heiser.

»Sie haben mein Werk weitergegeben – sie haben es getan – Sie haben geholfen, mich zu bestehlen – ich lasse Sie nicht, bis Sie mir die Wahrheit gestanden!«

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