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Gestohlene Gedanken

Otto Berndt: Gestohlene Gedanken - Kapitel 2
Quellenangabe
authorOtto Berndt
titleGestohlene Gedanken
publisherMartin Boas
year1921
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

Gerhart Hellermann stand am Fenster, das er heruntergelassen und winkte der alten kleinen Dame, die da, trotz ihres unmodernen Seidenmäntelchens, vornehm und zierlich auf dem Bahnsteig stand, Abschiedsgrüße zu. Der Frau Sanitätsrat Hellermann liefen die dicken Tränen über die Wangen, so glücklich war sie, und wenn sie auch nur Augen für ihren Sohn hatte, der da im eleganten Sommeranzuge im D-Zug stand und ihr zulächelte, so sah sie doch nebenbei auch noch, daß der junge Herr auch von den andern bemerkt wurde, die auf dem Bahnsteig standen, und das waren natürlich alles gute Bekannte, denn man lebt nicht fünfzig Jahre in Eberswalde, wie Frau Sanitätsrat Hellermann, ohne von jedem gekannt zu werden und jeden zu kennen. Und wirklich wanderten staunende Augen von Sohn zur Mutter, und mancher Kopf wurde im Verborgenen geschüttelt, ob der seltsamen Tatsache – so hätte sich wirklich niemand den jungen Studiosus vorgestellt – so wahrlich nicht! Indessen gab der Zugführer das Abfahrtszeichen, Gerhart winkte noch einmal, dann warf er sich in den Polstersitz seines Zweiteklasseabteils.

Obgleich es ein herrlicher Spätsommertag war, saß er völlig allein. Die Hauptreisezeit war vorüber. Er lehnte sich behaglich zurück und griff nach seiner Zigarrentasche – ein fast zärtlicher Blick ging darüber – es war eine funkelnagelneue rotbraune Juchtentasche, und mit einer gewissen Schlemmerzufriedenheit entnahm er ihr eine große, aromatisch duftende Zigarre und setzte sie in Brand. Dann saß er einen Augenblick ruhig, aber über sein Gesicht huschten die verschiedensten Lichter. Ein glückliches Lachen – frohes Leuchten und wieder eine gewisse, nervöse Unrast.

Dann schaute er zu dem funkelnagelneuen Rohrplattenkoffer, der oben im Netz stand und nickte ihm freundlich zu, als sei er ein lebendes Wesen, und dann dachte er still zufrieden nach.

Wirklich – nicht nur der Rohrplattenkoffer da oben, die Zigarrentasche und sein heller Anzug waren neu – eigentlich hatte er seit drei Tagen selbst einen neuen Menschen an – er lebte ein ganz anderes Leben!

Die Studienjahre in Berlin! Eine einzige Kette von Entbehrungen, Enttäuschungen und Kümmernissen! Was konnte er dafür, daß er sich doch nun einmal so gar nicht zum Arzt eignete, und dabei war es eigentlich von seiner frühesten Kindheit an selbstverständlich gewesen, daß er Medizin studierte. Der Vater war lange tot, und die Mutter hatte nur den einen Wunsch, daß der Sohn in seine Fußstapfen trat. Er wußte sich so genau zu erinnern ... schon wie er in die Quinta ging ... jedesmal, wenn die Sanitätsrätin, die sich so mühsam durchschlug und an Forststudenten Zimmer vermieten mußte, das Schulgeld zusammensuchte, sagte sie:

»Viel, viel Geld kostest du, Jungchen, aber schadet nichts, wenn du erst Arzt bist und deine Praxis hast –«

Und so war das Abiturium gekommen und die Universität. – Er paßte so gar nicht zur Medizin – er war ja so ungeschickt und so leicht zerstreut – er erging sich gern in Träumereien und fühlte sich so wohl im Kreise junger Künstler – aber es war abgemachte Sache – sein medizinisches Studium, daß er gar nicht daran dachte, daß es anders sein könnte.

Und was war es für eine sorgenvolle Zeit. Er war doch so lebenslustig und mußte den ganzen Tag ... soweit er ihm von den Kollegen gelassen wurde, dazu verwenden, Privatstunden zu geben, um durchzukommen.

Und wenn dann wirklich einmal alle Spannkraft zusammenbrach – wenn er sich endlich zu dem Entschluß durchgerungen, der Mutter zu sagen, daß es doch Wahnsinn sei – daß er umsatteln und Journalist werden wolle, dann kam so ein stolzer Brief von ihr!

»Jungchen, wenn du erst Arzt bist – in Eberswalde mußt du dich niederlassen, ich kann es ja gar nicht erwarten!«

Dann sank ihm der Mut, und er studierte weiter. Aber in den Nachtstunden, wenn er von den jungen Künstlern kam, in deren Mitte er sich wohlfühlte, dann kam auch für ihn die Erholung – dann saß er am Schreibtisch und schrieb, was ihm auf der Seele brannte – schrieb oft, bis der Morgen dämmerte und ging übermüdet und ernüchtert ins Kolleg.

Noch schöner war es, wenn er dann Lisa Fahren vorlesen konnte, was er geschrieben. Auch sein Verhältnis zu der jungen Schauspielerin war ein ungewöhnliches. Liebte er sie? Er hatte eigentlich noch nie darüber nachgedacht. Er hatte sie kennen gelernt, als einmal der kleine Künstlerkreis, in dem er verkehrte, die Aufführung eines neuen Dramas eines Ungekannten veranstaltete. Sie war eine tief veranlagte Künstlernatur – viel zu schade für das Theater hatte der alte Komiker Seebald immer gesagt, und sie fanden sich in gemeinsamen Idealen, ohne an sich selbst zu denken. Er durfte zu ihr in das Zimmer kommen und bei ihr Kaffee trinken, dann schwärmten sie in künstlerischen Plänen – ihm wäre nie der Gedanke gekommen, in ihr das Weib zu sehen.

Sie waren ja beide noch jung und so voller Ideale.

Lisa Fahren war noch auf der Theaterschule, als Gerhart seinen ersten großen Roman »Ein Werdender« vollendete, und sie war die Einzige, die ihn kannte. Sie war ein kluger Kopf, und sie fühlte, daß Gerhart Hellermann der Welt etwas zu sagen hatte – sie sah in ihm ein großes Talent, ein großes Genie – aber wenn er ihr von seiner Mutter sprach – sie hatte nicht den Mut, ihm zuzureden, das Mutterherz zu brechen – sie suchte ihn zu ermutigen und zu trösten.

Vor einem Jahre etwa war es gewesen – der »Werdende« lag längst vollkommen fertig im Schreibtisch – als Gerhart Hellermann durch einen Zufall beim Geheimen Kommerzienrat von Dahlen eingeführt wurde, dem Inhaber des großen, modernen Romanverlag. Sein Herz pochte – er und Lisa schmiedeten kühne Pläne, er faßte sich ein Herz und schickte sein Manuskript dem Kommerzienrat – schon nach drei Tagen war es mit einem überaus verbindlichen, gedruckten Schreiben wieder da.

Erst war er wütend und sagte sich, daß er nach dieser schnöden Ablehnung das Haus des Verlegers, der ihm im übrigen sehr freundlich entgegengekommen war – allerdings dem Studenten der Medizin – nicht dem Schriftsteller – gar nicht mehr betreten dürfe, dann machte er sich klar, daß die Ablehnung so rasch vor sich gegangen sei, daß der Kommerzienrat selbst den Roman voraussichtlich gar nicht gesehen hatte – er beschloß, mit Ada von Dahlen zu sprechen.

Ada von Dahlen, des Kommerzienrats einziges Töchterchen, sie gefiel Gerhart gar nicht, aber sie zeichnete ihn aus.

Sie war nicht mehr ganz jung – Mitte zwanzig – groß, sehr schlank und hatte überreiches rötliches Haar. Eine auffallende Erscheinung – mit Juwelen etwas überladen – launisch und wieder kokett. Man munkelte allerhand, weshalb sie trotz ihres Reichtums noch keinen Gatten gefunden. Jetzt hatten ihre allezeit hungrigen Augen Gefallen an dem kleinen unscheinbaren Studentchen gefunden, es machte ihr Spaß, ihn in ihre Netze zu ziehen, den Jungen mit den großen, träumerischen Augen.

Da wagte er es, ihr einen Besuch zu machen – die Mutter war lange tot, und sie repräsentierte des Vaters Haus.

Ada war sehr liebenswürdig, und Gerhart faßte sich ein Herz und sprach von seinem Roman – sie lachte hell auf.

»Ob ich's nicht gewußt habe, Sie sind ein Dichter! Aber wie ungeschickt Sie sind! Warum haben Sie nicht gleich zu mir gesprochen. Manuskripte, die nicht bestellt, oder wenigstens vorher angemeldet sind, werden stets gleich von der Kanzlei zurückgeschickt – was glauben Sie, wie Vater überhäuft ist. Wissen Sie was, Vater gibt viel auf mein Wort – bringen Sie mir den Roman, ich werde ihn lesen und werde Sie protegieren.«

Überglücklich hatte Gerhart noch an demselben Tage das Manuskript abgesandt, dann wartete er Woche um Woche. – An Adas Himmel war ein anderer Stern aufgetaucht, ein Regierungsrat, der ihr gefiel und den sie sich zu kapern hoffte, und wie er endlich einmal zu erinnern wagte, kam der Roman mit ein paar höflichen Zeilen zurück.

»Zwar sehr nett, aber doch wohl nicht reif – sie wage es nicht, ihn dem Vater zu zeigen.«

Gerhart Hellermann hatte für sie jedes Interesse verloren – wozu sollte da der Roman noch in ihrem Schreibtisch liegen?

Gerhart war völlig gebrochen und warf das geliebte Manuskript in die Ecke. – Jetzt kam eine böse Zeit. In den ersten Semestern hatte die Mutter nichts gemerkt – jetzt sollte er das erste Examen machen und fühlte sich unfähig. Allmählich wurden die Briefe aus Eberswalde kummervoll – irgend welche Bekannte hatten ihn des Nachts in froher Künstlergesellschaft gesehen – man fing an, ihn als einen Bummler zu betrachten – Lisa redete ihm zu, reinen Tisch zu machen – selbst die Professoren sprachen davon, umzusatteln – er schrieb der Mutter und erhielt eine verzweifelte Antwort, und nun begann das traurige Entbehrerleben des jungen Journalisten. Lisa war in ihrem ersten Engagement gewesen, sie erschrak, wie sie im Frühjahr zurückkam. Gerhart war übernervös – ging im Tagesreporterdienst unter – hatte im Kampf ums Dasein keine Muße mehr gefunden und vielleicht auch nicht den Mut, etwas neues zu schreiben, und der »Werdende« lag verstaubt im Schreibtisch. Da nahm sie heimlich das Manuskript – ließ es mit der Schreibmaschine fein säuberlich abschreiben und sandte es an die Redaktion des Norddeutschen Kurier.

Gerhart traute seinen Augen nicht, als er eines Morgens von der ihm völlig fremden Zeitung einen Brief bekam mit der Nachricht, daß sein Roman angenommen und ihm ein Honorar von zweitausend Mark für den ersten Abdruck zugebilligt sei. Wieder stand er mit pochendem Herzen vor der Tür einer großen Verlagsanstalt, aber Walter Kert, der Inhaber des Verlages Freia, der auch den Norddeutschen Kurier herausgab, empfing ihn mit offenen Händen.

»Wirklich – das Werk ist gut. Anfängerhaft – Härten. Unausgeglichenheit, aber schadet nichts, es ist Schwung darin und die Klaue des jungen Adlers.«

Und wie er dann das Haus verließ, da hatte er weitere tausend Mark in der Tasche und seinen Roman mit allen Rechten an Kert verkauft und einen Vertrag, der ihn verpflichtete, in den nächsten Jahren alle seine Romane – und daß er jetzt weiter und noch besser schreiben würde, wußte er, dem Verlag Freia zur Verfügung stellen.

Dreitausend Mark! In einem Glückstaumel kam er heim. – Ein Telegramm an Lisa, der er sein Glück verdankte, dann machte er Einkäufe. Die dreitausend Mark schienen ihm ein Vermögen, oder wenigstens der bestimmte Anfang eines solchen. Nun wollte er arbeiten – streben, weiter schaffen, aber vorher – die letzten Monate waren Monate des Darbens gewesen – nun konnten schon ein paar hundert Mark springen! Er kaufte einen guten, modischen Anzug – richtete seinen äußeren Menschen, den er leider so sehr hatte vernachlässigen müssen, neu her. Kaufte allerhand, was ihm nötig schien, auch Überraschungen für die Mutter und fuhr nach Eberswalde. Wie glückliche Tage! Wie stolz war die Sanitätsrätin wieder und glaubte an seinen jungen Ruhm. Jetzt aber sollte das schönste kommen! Acht Tage sorglosen Herrenlebens auf Rügen, dann noch ein kurzer Besuch in Kolberg, wo Lisa im Sommerengagement war, und zurück nach Berlin an die Arbeit.

Alles dies war ihm jetzt wieder durch den Kopf geflogen, und er dehnte die Glieder. Wie freute er sich schon auf die Arbeit! Nicht den öden, aufreibenden Reporterdienst, nein, die stille, trauliche Arbeit am Schreibtisch. Das Geld reichte für Monate, und sein Kopf war so voller Gedanken!

Aber erst ausspannen, Nervenkraft sammeln, nach all den Entbehrungen ein paar Tage wie ein wohlhabender Mann Komfort genießen.

Der Zug rollte durch die Landschaft – ihm war es im Abteil zu eng.

Sollte er in den Speisewagen hinüber? Warum nicht – er lächelte über sich selbst. Heut konnte er es ja, und er hatte sich vorgenommen, auf dieser Reise nicht zu sparen.

Er ging durch die lange Reihe der Wagen und betrat den Speiseraum.

In der ersten Abteilung saßen an einem der kleinen Tische zwei Damen. Herrgott – Ada von Dahlen! Die kam ihm recht. Er grüßte förmlich und sah ihren erstaunten Blick.

Ja, der graue Schmetterling hat sich gemustert und ist ein eleganter Falter geworden, aber in Ihre Netze fliegt er nicht mehr, rothaarige Schöne!

Es hatte ihm Vergnügen gemacht, den erstaunten Blick aufzufangen, mit dem sie ihn musterte, wie er sich jetzt am Nebentisch – mit Absicht hatte er diesen gewählt, der ihm einen Platz Rücken an Rücken mit ihr bot – Platz nahm. Natürlich – im Hause des Kommerzienrats hatte er nicht mehr verkehrt, und sie wußte sicher, daß er an einem obskuren Blatt Reporterdienste, die Zeile zehn Pfennig, tat!

Da konnte sie sich schon wundern, daß er jetzt hier im Speisesaal zweiter Klasse saß und aussah wie ein Kavalier aus ihren Kreisen! Er lachte in sich hinein. Wenn sie erst wüßte, daß er seinen Reichtum eben dem Roman verdankte, der ihr stümperhaft erschienen!

»Hast du auch deinem Vater geschrieben, daß wir in Binz, Kurhaus, wohnen?«

»Natürlich, Tante!«

Also im Kurhaus in Binz! Er hatte eigentlich die Absicht gehabt, gleich nach Saßnitz zu fahren und in der schönen Stubbnitz herumzustreifen – jetzt änderte er den Plan. Vor einem Jahr hatte sie ihn spöttisch fallen lassen – jetzt sollte sie wenigstens wissen, wie töricht sie gewesen. Er beschloß, auch nach Binz zu gehen. Warum nicht? Zwar das Kurhaus war voraussichtlich sündhaft teuer, wenigstens für ihn, aber schließlich – eine Nacht und ein Abendbrot konnten ja schließlich kein Land kosten.

Er trank eine Flasche Wein, dann grüßte er wieder – es machte ihm Vergnügen, eine gewisse höfliche Vertraulichkeit in den Gruß zu legen und ging in sein Abteil. Er fühlte ordentlich den fragenden Blick der Tante und vergnügte sich darüber, was nun die liebe Ada ihr wohl erzählen würde!

Beim Umsteigen in Bergen sah er sie nicht, als sie aber in Putbus auf die Kleinbahn übergingen, kamen sie in ein Abteil.

Wieder der fragende Blick – der kurze Gruß – er vertiefte sich in eine Zeitung, noch wollte er nicht sprechen.

An der Bahn war der Hausdiener vom Kurhaus – Gerhart stellte mit lächelnder Befriedigung fest, daß Ada vollständig baff war, wie er mit der überlegenen Miene des Millionärs an den Hausdiener, der soeben Adas umfangreiches Gepäck in Empfang nahm, herantrat.

»Im Kurhaus noch Zimmer frei?«

»Von fünfzehn Mark aufwärts.«

»Also besorgen Sie auch meinen Koffer hinüber.«

Der neue, schöne Rohrplattenkoffer sah ganz gut neben Adas reisenden Kleiderhäusern aus.

Er war doch ein Kind! Ein Gemisch verschiedener Stimmungen und Gefühle. Sonst ernst und nur aufgehend in seinen Ideen – oft melancholisch und leicht verzweifelt, beherrschte ihn jetzt fast ein knabenhafter Übermut – eine Lust, Komödie zu spielen und vor allem an Ada Vergeltung zu üben. Mochte heut ruhig ein blauer Lappen drauf gehen, morgen war er umso sparsamer.

Er hatte einen kleinen Umweg gemacht, und wie er das vornehme Foyer des Hotels betrat – noch vor acht Tagen hätte er an solche Möglichkeit überhaupt nicht gedacht – sah er die Kofferriesen eben im Lift verschwinden – man legte ihm das Fremdenbuch hin.

»Gerhart Hellermann, Schriftsteller aus Berlin.«

»Nummer acht, bitte –«

Ein Kellner ergriff seinen Handkoffer – er sah sich noch einmal um, da stand eine Familie, Vater, Mutter und ein niedlicher Backfisch vor dem Fremdenbuch.

»Gerhart Hellermann, ob das der Verfasser des »Werdenden« ist?«

Er hörte den Backfisch halblaut fragen und sah die Blicke der drei auf sich gerichtet – unwillkürlich stieg ihm das Blut in die Wangen – das erste Mal, daß er vom Ruhme kosten durfte – auf dem Tisch lag übrigens der Norddeutsche Kurier, der den »Werdenden« eben veröffentlichte, also war das Rätsel nicht schwer zu lösen.

Eine Stunde später fand er Ada und ihre Tante im Speisesaal und trat nun direkt auf sie zu.

»Gestatten Sie, gnädiges Fräulein, daß ich Sie nun erst richtig begrüße. Ein glücklicher Zufall hat uns ja hier wieder zusammengeführt.«

»Herr Hellermann – meine Tante von Dahlen.«

»Meine Gnädigste!«

Er küßte der alten Dame galant die Hand, die sie ihm etwas zögernd überließ. Sicher hatte Ada nicht günstig gesprochen, und jetzt öffnete sie den Mund – sie wollte doch etwas sagen und ihn gleichzeitig in seine Schranken weisen.

»Sie haben jedenfalls Urlaub, Herr Hellermann – wenn ich nicht irre, sind Sie doch am Volksboten tätig?«

»Gewesen – vorübergehend – jetzt lediglich freier Schriftsteller. Ich habe zu glänzenden Bedingungen einen Roman verkauft – ›Ein Werdender‹ – Sie erinnern sich wohl, denn ich habe ihn ja seinerzeit Ihnen zuerst unterbreitet. Nun haben Sie vielleicht gehört, daß er im Norddeutschen Kurier erscheint, und der Verlag Freia bereitet die Buchausgabe vor.

Ihre freundliche Voraussage hat sich erfüllt, es ist ein durchschlagender Erfolg geworden.«

Er sah sie groß und herausfordernd an, und sie wurde etwas verlegen.

»Hab ich das damals gesagt? – Ach ja – ich erinnere mich. Haben Sie Vater auch einmal etwas gesandt?«

»Bedaure, ich habe auf eine Reihe von Jahren mit Haut und Haaren dem Verlag Freia verkauft, aber vielleicht später –«

Es wurde zu Tisch gebeten, und er hatte vollkommen genug. Wieder eine tadellose Verbeugung – sogar Ada mußte einen Handkuß erdulden, dann ging er in den Speisesaal. Er konnte zu seiner Genugtuung sehen, daß Ada schnell noch einen Blick in den Kurier warf, sie glaubte ihm nicht – jetzt schüttelte sie den Kopf. Wie gut hätte sie Mäzenin spielen können und obendrein dem Vater ein gutes Geschäft vermitteln, denn wenn der Verlag Freia etwas erwarb, dann mußte es etwas sein. Er kannte Ada von Dahlen viel zu genau, um nicht zu wissen, daß sie sich ärgerte.

Gerhart genoß den Abend. Er ging zum Strande und schlenderte um die Kurmusik, dann legte er sich schlafen. Er sehnte sich fort. Sein Triumph kam ihm jetzt selbst kindisch vor. Lohnte sich das, deswegen einen Abend der Freiheit hier zu verlieren?

Das Kurleben mit seinem Zwang behagte ihm nicht. Er sehnte sich nach den Wäldern der Stubbnitz, den einsamen Winkeln am Meer, wo er sich ins Gras werfen und träumen und, wenn ihm die Lust ankam, auch einen tüchtigen Jodler ausstoßen konnte.

Nun lag er in seinem weichen Bett, und ganz leise drang das gleichmäßige Rauschen des Meeres zu ihm herüber. Scheinwerfer huschten über das Wasser – hin und wieder tönte das Signal eines Schiffes. – Seine Gedanken verwirrten sich, aber beim Einschlafen huschte noch einmal ein helles Lachen über sein Gesicht. – Jetzt hatte Lisa längst sein Telegramm – sie freute sich, und Ada ärgerte sich. So hatten sie es beide um ihn verdient.

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