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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 99
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Donnerstag, den 9. Oktober 1828

Diesen Mittag bei Tisch war ich mit Goethe und Frau von Goethe allein. Und wie ein Gespräch früherer Tage wohl wieder aufgenommen und fortgeführt wird, so geschah es auch heute. Der ›Moses‹ von Rossini kam abermals zur Sprache, und wir erinnerten uns gerne Goethes heiterer Erfindung von vorgestern.

»Was ich in Scherz und guter Laune über den ›Moses‹ geäußert haben mag,« sagte Goethe, »weiß ich nicht mehr; denn so etwas geschieht ganz unbewußt. Aber so viel ist gewiß, daß ich eine Oper nur dann mit Freuden genießen kann, wenn das Sujet ebenso vollkommen ist wie die Musik, so daß beide miteinander gleichen Schritt gehen. Fragt ihr mich, welche Oper ich gut finde, so nenne ich euch den ›Wasserträger‹; denn hier ist das Sujet so vollkommen, daß man es ohne Musik als ein bloßes Stück geben könnte und man es mit Freuden sehen würde. Diese Wichtigkeit einer guten Unterlage begreifen entweder die Komponisten nicht, oder es fehlt ihnen durchaus an sachverständigen Poeten, die ihnen mit Bearbeitung guter Gegenstände zur Seite träten. Wäre der ›Freischütz‹ kein so gutes Sujet, so hätte die Musik zu tun gehabt, der Oper den Zulauf der Menge zu verschaffen, wie es nun der Fall ist, und man sollte daher dem Herrn Kind auch einige Ehre erzeigen.«

Es ward noch verschiedenes über diesen Gegenstand gesprochen dann aber gedachten wir des Professor Göttling und seiner italienischen Reise.

»Ich kann es dem Guten nicht verargen,« sagte Goethe, »daß er von Italien mit solcher Begeisterung redet; weiß ich doch, wie mir selber zumute gewesen ist! Ja ich kann sagen, daß ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen; ich bin, mit meinem Zustande in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh geworden.

Doch wir wollen uns nicht melancholischen Betrachtungen hingeben«, fuhr Goethe nach einer Pause fort. »Wie geht es mit Ihrem ›Fair Maid of Perth‹? Wie hält es sich? Wie weit sind Sie? Erzählen Sie mir und geben Sie Rechenschaft.«

»Ich lese langsam,« sagte ich; »ich bin jedoch bis zu der Szene vorgerückt, wo Proudfute in der Rüstung von Henry Smith, dessen Gang und dessen Art zu pfeifen er nachahmt, erschlagen und am andern Morgen von den Bürgern in den Straßen von Perth gefunden wird, die ihn für Henry Smith halten und darüber die ganze Stadt in Alarm setzen.«

»Ja,« sagte Goethe, »die Szene ist bedeutend, sie ist eine der besten.«

»Ich habe dabei besonders bewundert,« fuhr ich fort, »in wie hohem Grade Walter Scott das Talent besitzt, verworrene Zustände mit großer Klarheit auseinander zu setzen, so daß alles zu Massen und zu ruhigen Bildern sich absondert, die einen solchen Eindruck in uns hinterlassen, als hätten wir dasjenige, was zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten geschieht, gleich allwissenden Wesen von oben herab mit einem Male übersehen.«

»Überhaupt«, sagte Goethe, »ist der Kunstverstand bei Walter Scott sehr groß, weshalb denn auch wir und unsersgleichen, die darauf, wie etwas gemacht ist, ein besonderes Augenmerk richten, an seinen Sachen ein doppeltes Interesse und davon den vorzüglichsten Gewinn haben. Ich will Ihnen nicht vorgreifen, aber Sie werden im dritten Teile noch einen Kunstpfiff der ersten Art finden. Daß der Prinz im Staatsrat den klugen Vorschlag getan, die rebellischen Hochländer sich untereinander totschlagen zu lassen, haben Sie bereits gelesen, auch daß der Palmsonntag festgesetzt worden, wo die beiden feindlichen Stämme der Hochländer nach Perth herabkommen sollen, um dreißig gegen dreißig auf Tod und Leben miteinander zu fechten. Nun sollen Sie bewundern, wie Walter Scott es macht und einleitet, daß am Tage der Schlacht an der einen Partei ein Mann fehlt, und mit welcher Kunst er es von fern her anzustellen weiß, seinen Helden Henry Smith an den Platz des fehlenden Mannes unter die Kämpfenden zu bringen. – Dieser Zug ist überaus groß, und Sie werden sich freuen, wenn Sie dahin kommen.

Wenn Sie aber mit dem ›Fair Maid of Perth‹ zu Ende sind, so müssen Sie sogleich den ›Waverley‹ lesen, der freilich noch aus ganz anderen Augen sieht und der ohne Frage den besten Sachen an die Seite zu stellen ist, die je in der Welt geschrieben worden. Man sieht, es ist derselbige Mensch, der die ›Fair Maid of Perth‹ gemacht hat, aber es ist derjenige, der die Gunst des Publikums erst noch zu gewinnen hatte und der sich daher zusammennimmt, so daß er keinen Zug tut, der nicht vortrefflich wäre. Die ›Fair Maid of Perth‹ dagegen ist mit einer breiteren Feder geschrieben, der Autor ist schon seines Publikums gewiß, und er läßt sich schon etwas freier gehen. Wenn man den ›Waverley‹ gelesen hat, so begreift man freilich wohl, warum Walter Scott sich noch jetzt immer den Verfasser jener Produktion nennt; denn darin hat er gezeigt, was er konnte, und er hat später nie etwas geschrieben, das besser wäre oder das diesem zuerst publizierten Romane nur gleichkäme.«

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