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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 93
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Zweiter Teil

1828

Sonntag, den 15. Juni 1828

Wir hatten nicht lange am Tisch gesessen, als Herr Seidel mit den Tirolern sich melden ließ. Die Sänger wurden ins Gartenzimmer gestellt, so daß sie durch die offenen Türen gut zu sehen und ihr Gesang aus dieser Ferne gut zu hören war. Herr Seidel setzte sich zu uns an den Tisch. Die Lieder und das Gejodel der heiteren Tiroler behagte uns jungen Leuten; Fräulein Ulrike und mir gefiel besonders der ›Strauß‹ und ›Du, du liegst mir im Herzen‹, wovon wir uns den Text ausbaten. Goethe selbst erschien keineswegs so entzückt als wir andern. »Wie Kirschen und Beeren behagen,« sagte er, »muß man Kinder und Sperlinge fragen.« Zwischen den Liedern spielten die Tiroler allerlei nationale Tänze auf einer Art von liegenden Zithern, von einer hellen Querflöte begleitet.

Der junge Goethe wird hinausgerufen und kommt bald wieder zurück. Er geht zu den Tirolern und entläßt sie. Er setzt sich wieder zu uns an den Tisch. Wir sprechen von ›Oberon‹ und daß so viele Menschen von allen Ecken herbeigeströmt, um diese Oper zu sehen, so daß schon mittags keine Billetts mehr zu haben gewesen. Der junge Goethe hebt die Tafel auf. »Lieber Vater,« sagt er, »wenn wir aufstehen wollten! Die Herren und Damen wünschten vielleicht etwas früher ins Theater zu gehen.« Goethen erscheint diese Eile wunderlich, da es noch kaum vier Uhr ist, doch fügt er sich und steht auf, und wir verbreiten uns in den Zimmern. Herr Seidel tritt zu mir und einigen anderen und sagt leise und mit betrübtem Gesicht: »Eure Freude auf das Theater ist vergeblich, es ist keine Vorstellung, der Großherzog ist tot! Auf der Reise von Berlin hieher ist er gestorben.« Eine allgemeine Bestürzung verbreitete sich unter uns. Goethe kommt herein, wir tun, als ob nichts passiert wäre, und sprechen von gleichgültigen Dingen. Goethe tritt mit mir ans Fenster und spricht über die Tiroler und das Theater. »Sie gehen heut in meine Loge,« sagte er, »Sie haben Zeit bis sechs Uhr; lassen Sie die andern und bleiben Sie bei mir, wir schwätzen noch ein wenig.« Der junge Goethe sucht die Gesellschaft fortzutreiben, um seinem Vater die Eröffnung zu machen, ehe der Kanzler, der ihm vorhin die Botschaft gebracht, zurückkommt. Goethe kann das wunderliche Eilen und Drängen seines Sohnes nicht begreifen und wird darüber verdrießlich. »Wollt ihr denn nicht erst euren Kaffee trinken,« sagt er, »es ist ja kaum vier Uhr!« Indes gingen die übrigen, und auch ich nahm meinen Hut. »Nun, wollen Sie auch gehen?« sagte Goethe, indem er mich verwundert ansah. – »Ja,« sagte der junge Goethe, »Eckermann hat auch vor dem Theater noch etwas zu tun.« – »Ja,« sagte ich, »ich habe noch etwas vor.« – »So geht denn,« sagte Goethe, indem er bedenklich den Kopf schüttelte, »aber ich begreife euch nicht.«

Wir gingen mit Fräulein Ulrike in die oberen Zimmer; der junge Goethe aber blieb unten, um seinem Vater die unselige Eröffnung zu machen.

 

Ich sah Goethe darauf spät am Abend. Schon ehe ich zu ihm ins Zimmer trat, hörte ich ihn seufzen und laut vor sich hinreden. Er schien zu fühlen, daß in sein Dasein eine unersetzliche Lücke gerissen worden. Allen Trost lehnte er ab und wollte von dergleichen nichts wissen. »Ich hatte gedacht,« sagte er, »ich wollte vor ihm hingehen; aber Gott fügt es, wie er es für gut findet, und uns armen Sterblichen bleibt weiter nichts, als zu tragen und uns emporzuhalten, so gut und so lange es gehen will.«

 

Die Großherzogin-Mutter traf die Todesnachricht in ihrem Sommeraufenthalte zu Wilhelmsthal, den jungen Hof in Rußland. Goethe ging bald nach Dornburg, um sich den täglichen betrübenden Eindrücken zu entziehen und sich in einer neuen Umgebung durch eine frische Tätigkeit wiederherzustellen. Durch bedeutende, ihn nahe berührende literarische Anregungen von seiten der Franzosen ward er von neuem in die Pflanzenlehre getrieben, bei welchen Studien ihm dieser ländliche Aufenthalt, wo ihn bei jedem Schritt ins Freie die üppigste Vegetation rankender Weinreben und sprossender Blumen umgab, sehr zustatten kam.

Ich besuchte ihn dort einigemal in Begleitung seiner Schwiegertochter und Enkel. Er schien sehr glücklich zu sein und konnte nicht unterlassen, seinen Zustand und die herrliche Lage des Schlosses und der Gärten wiederholt zu preisen. Und in der Tat, man hatte aus den Fenstern von solcher Höhe hinab einen reizenden Anblick. Unten das mannigfaltig belebte Tal mit der durch Wiesen sich hinschlängelnden Saale. Gegenüber nach Osten waldige Hügel, über welche der Blick ins Weite schweifte, so daß man fühlte, es sei dieser Stand am Tag der Beobachtung vorbeiziehender und sich im Weiten verlierender Regenschauer, sowie bei Nacht der Betrachtung des östlichen Sternenheers und der aufgehenden Sonne, besonders günstig.

»Ich verlebe hier«, sagte Goethe, »so gute Tage wie Nächte. Oft vor Tagesanbruch bin ich wach und liege im offenen Fenster, um mich an der Pracht der jetzt zusammenstehenden drei Planeten zu weiden und an dem wachsenden Glanz der Morgenröte zu erquicken. Fast den ganzen Tag bin ich sodann im Freien und halte geistige Zwiesprache mit den Ranken der Weinrebe, die mir gute Gedanken sagen und wovon ich euch wunderliche Dinge mitteilen könnte. Auch mache ich wieder Gedichte, die nicht schlecht sind, und möchte überhaupt, daß es mir vergönnt wäre, in diesem Zustande so fortzuleben.«

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