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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 46
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Dienstag, den 10. August 1824

Seit etwa acht Tagen bin ich von meiner Rheinreise zurück. Goethe äußerte bei meiner Ankunft eine lebhafte Freude, und ich meinerseits war nicht weniger glücklich, wieder bei ihm zu sein. Er hatte sehr viel zu reden und mitzuteilen, so daß ich die ersten Tage wenig von seiner Seite kam. Seine frühere Absicht, nach Marienbad zu gehen, hat er aufgegeben, er will diesen Sommer gar keine Reise machen. »Nun da Sie wieder hier sind,« sagte er gestern, »kann es noch einen recht hübschen August für mich geben.«

Vor einigen Tagen kommunizierte er mir die Anfänge einer Fortsetzung von ›Wahrheit und Dichtung‹, ein auf Quartblättern geschriebenes Heft, kaum von der Stärke eines Fingers. Einiges ist ausgeführt, das meiste jedoch nur in Andeutungen enthalten. Doch ist bereits eine Abteilung in fünf Bücher gemacht, und die schematisierten Blätter sind so zusammengelegt, daß man bei einigem Studium den Inhalt des Ganzen wohl übersehen kann.

Das bereits Ausgeführte erscheint mir nun so vortrefflich und der Inhalt des Schematisierten von solcher Bedeutung, daß ich auf das lebhafteste bedaure, eine so viel Belehrung und Genuß versprechende Arbeit ins Stocken geraten zu sehen, und daß ich Goethe auf alle Weise zu einer baldigen Fortsetzung und Vollendung treiben werde.

Die Anlage des Ganzen hat sehr viel vom Roman. Zartes, anmutiges, leidenschaftliches Liebesverhältnis, heiter im Entstehen, idyllisch im Fortgange, tragisch am Ende durch ein stillschweigendes gegenseitigem Entsagen, schlingt sich durch vier Bücher hindurch und verbindet diese zu einem wohlgeordneten Ganzen. Der Zauber von Lilis Wesen, im Detail geschildert ist geeignet jeden Leser zu fesseln, so wie er den Liebenden selbst dergestalt in Banden hielt, daß er sich nur durch eine wiederholte Flucht zu retten imstande war.

Die dargestellte Lebensepoche ist gleichfalls höchst romantischer Natur, oder sie wird es, indem sie sich an dem Hauptcharakter entwickelt. Von ganz besonderer Bedeutung und Wichtigkeit aber ist sie dadurch, daß sie, als Vorepoche der weimarischen Verhältnisse, für das ganze Leben entscheidet. Wenn also irgendein Abschnitt aus Goethes Leben Interesse hat und den Wunsch einer detaillierten Darstellung rege macht, so ist es dieser.

Um nun bei Goethe für die unterbrochene und seit Jahren ruhende Arbeit neue Lust und Liebe zu erregen, habe ich diese Angelegenheit nicht allein sogleich mündlich mit ihm besprochen, sondern ich habe ihm auch heute folgende Notizen zugehen lassen, damit es ihm vor die Augen trete, was vollendet ist und welche Stellen noch einer Ausführung und anderweiten Anordnung bedürfen.

Erstes Buch

Dieses Buch, welches der anfänglichen Absicht gemäß als fertig anzusehen ist, enthält eine Art von Exposition, indem namentlich darin der Wunsch nach Teilnahme an Weltgeschäften ausgesprochen wird, auf dessen Erfüllung das Ende der ganzen Epoche durch die Berufung nach Weimar abläuft. Damit es sich aber dem Ganzen noch inniger anschließen möge, so rate ich, das durch die folgenden vier Bücher gehende Verhältnis zu Lili schon in diesem ersten Buche anzuknüpfen und fortzuführen bis zu der Ausflucht nach Offenbach. Dadurch würde auch dieses erste Buch an Umfang und Bedeutung gewinnen und ein allzu starkes Anwachsen des zweiten verhütet werden.

Zweites Buch

Das idyllische Leben zu Offenbach eröffnete sodann dieses zweite Buch und führte das glückliche Liebesverhältnis durch, bis es zuletzt einen bedenklichen, ernsten, ja tragischen Charakter anzunehmen beginnt. Hier ist nun die Betrachtung ernster Dinge, wie sie das Schema in bezug auf Stilling verspricht, wohl am Platze, und es läßt sich aus den nur mit wenigen Worten angedeuteten Intentionen auf viel Belehrendes von hoher Bedeutung schließen.

Drittes Buch

Das dritte Buch, welches den Plan zu einer Fortsetzung des ›Faust‹ usw. enthält, ist als Episode zu betrachten, welche sich durch den noch auszuführenden Versuch der Trennung von Lili den übrigen Büchern gleichfalls anschließt.

Ob nun dieser Plan zu ›Faust‹ mitzuteilen oder zurückzuhalten sein wird, dieser Zweifel dürfte sich dann beseitigen lassen, wenn man die bereits fertigen Bruchstücke zur Prüfung vor Augen hat und erst darüber klar ist, ob man überall die Hoffnung einer Fortsetzung des ›Faust‹ aufgeben muß oder nicht.

Viertes Buch

Das dritte Buch schlösse mit dem Versuch einer Trennung von Lili. Dieses vierte beginnt daher sehr passend mit der Ankunft der Stolberge und Haugwitzens, wodurch die Schweizerreise und mithin die erste Flucht von Lili motiviert wird. Das über dieses Buch vorhandene ausführliche Schema verspricht uns die interessantesten Dinge und erregt den Wunsch nach möglichst detaillierter Ausführung auf das lebendigste. Die immer wieder hervorbrechende, nicht zu unterdrückende Leidenschaft zu Lili durchwärmt auch dieses Buch mit der Glut jugendlicher Liebe und wirft auf den Zustand des Reisenden eine höchst eigene, angenehme, zauberische Beleuchtung.

Fünftes Buch

Dieses schöne Buch ist gleichfalls beinahe vollendet. Fortgang und Ende, welche an das unerforschliche höchste Schicksalswesen hinanstreifen, ja es aussprechen, sind wenigstens als durchaus fertig anzusehen, und es bedarf nur noch mit wenigem der Einleitung, worüber ja auch bereits ein sehr klares Schema vorliegt. Die Ausführung dieses ist aber um so notwendiger und wünschenswerter, als dadurch die weimarischen Verhältnisse zuerst zur Sprache kommen und das Interesse für sie zuerst rege gemacht wird.

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