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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 327
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Donnerstag, den 1. Dezember [Mittwoch, den 30. November] 1831

Ein Stündchen bei Goethe in allerlei Gesprächen. Dann kamen wir auch auf Soret.

»Ich habe«, sagte Goethe, »in diesen Tagen ein sehr hübsches Gedicht von ihm gelesen, und zwar eine Trilogie, deren beide erste Teile einen heiter ländlichen, der letzte aber, unter dem Titel ›Mitternacht‹, einen schauerlich-düstern Charakter trägt. Diese ›Mitternacht‹ ist ihm ganz vorzüglich gelungen. Man atmet darin wirklich den Hauch der Nacht, fast wie in den Bildern von Rembrandt, in denen man auch die nächtliche Luft zu empfinden glaubt. Victor Hugo hat ähnliche Gegenstände behandelt, allein nicht mit solchem Glück. In den nächtlichen Darstellungen dieses unstreitig sehr großen Talents wird es nie wirklich Nacht, vielmehr bleiben die Gegenstände immer noch so deutlich und so sichtbar, als ob es in der Tat noch Tag und die dargestellte Nacht bloß eine erlogene wäre. Soret hat den berühmten Victor Hugo in seiner ›Mitternacht‹ ohne Frage übertroffen.«

Ich freute mich dieses Lobes und nahm mir vor, die gedachte Trilogie von Soret baldmöglichst zu lesen. »Wir besitzen in unserer Literatur sehr wenige Trilogien«, bemerkte ich.

»Diese Form«, erwiderte Goethe, »ist bei den Modernen überhaupt selten. Es kommt darauf an, daß man einen Stoff finde, der sich naturgemäß in drei Partien behandeln lasse, so daß in der ersten eine Art Exposition, in der zweiten eine Art Katastrophe, und in der dritten eine versöhnende Ausgleichung stattfinde. In meinen Gedichten vom Junggesellen und der Müllerin finden sich diese Erfordernisse beisammen, wiewohl ich damals, als ich sie schrieb, keineswegs daran dachte, eine Trilogie zu machen. Auch mein ›Paria‹ ist eine vollkommene Trilogie, und zwar habe ich diesen Zyklus sogleich mit Intention als Trilogie gedacht und behandelt. Meine sogenannte ›Trilogie der Leidenschaft‹ dagegen ist ursprünglich nicht als Trilogie konzipiert, vielmehr erst nach und nach und gewissermaßen zufällig zur Trilogie geworden. Zuerst hatte ich, wie Sie wissen, bloß die ›Elegie‹ als selbständiges Gedicht für sich. Dann besuchte mich die Szymanowska, die denselbigen Sommer mit mir in Marienbad gewesen war und durch ihre reizenden Melodien einen Nachklang jener jugendlich-seligen Tage in mir erweckte. Die Strophen, die ich dieser Freundin widmete, sind daher auch ganz im Versmaß und Ton jener ›Elegie‹ gedichtet und fügen sich dieser wie von selbst als versöhnender Ausgang. Dann wollte Weygand eine neue Ausgabe meines ›Werther‹ veranstalten und bat mich um eine Vorrede, welches mir denn ein höchst willkommener Anlaß war, mein Gedicht ›An Werther‹ zu schreiben. Da ich aber immer noch einen Rest jener Leidenschaft im Herzen hatte, so gestaltete sich das Gedicht wie von selbst als Introduktion zu jener ›Elegie‹. So kam es denn, daß alle drei jetzt beisammenstehenden Gedichte von demselbigen liebesschmerzlichen Gefühle durchdrungen worden und jene ›Trilogie der Leidenschaft‹ sich bildete, ich wußte nicht wie.

Ich habe Soret geraten, mehr Trilogien zu schreiben, und zwar soll er es auch machen, wie ich eben erzählt. Er soll sich nicht die Mühe nehmen, zu irgendeiner Trilogie einen eigenen Stoff zu suchen, vielmehr soll er aus dem reichen Vorrat seiner ungedruckten Poesien irgendein prägnantes Stück auswählen und gelegentlich eine Art Introduktion und versöhnenden Abschluß hinzudichten, doch so, daß zwischen jeder der drei Produktionen eine fühlbare Lücke bleibe. Auf diese Weise kommt man weit leichter zum Ziele und erspart sich viel Denken, welches bekanntlich, wie Meyer sagt, eine gar schwierige Sache ist.«

Wir sprachen darauf über Victor Hugo, und daß seine zu große Fruchtbarkeit seinem Talent im hohen Grade nachteilig.

»Wie soll einer nicht schlechter werden und das schönste Talent zugrunde richten,« sagte Goethe, »wenn er die Verwegenheit hat, in einem einzigen Jahre zwei Tragödien und einen Roman zu schreiben, und ferner, wenn er nur zu arbeiten scheint, um ungeheure Geldsummen zusammen zu schlagen. Ich schelte ihn keineswegs, daß er reich zu werden, auch nicht, daß er den Ruhm des Tages zu ernten bemüht ist; allein wenn er lange in der Nachwelt zu leben gedenkt, so muß er anfangen, weniger zu schreiben und mehr zu arbeiten.«

Goethe ging darauf die ›Marion Delorme‹ durch und suchte mir deutlich zu machen, daß der Gegenstand nur Stoff zu einem einzigen guten, und zwar recht tragischen Akt enthalten habe, daß aber der Autor durch Rücksichten ganz sekundärer Art sich habe verführen lassen, seinen Gegenstand auf fünf lange Akte übermäßig auszudehnen. »Hiebei«, fügte Goethe hinzu, »haben wir bloß den Vorteil gehabt, zu sehen, daß der Dichter auch in Darstellung des Details bedeutend ist, welches freilich auch nichts Geringes und allerdings etwas heißen will.«

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