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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 31
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Donnerstag, den 4. Dezember 1823

Diesen Morgen brachte mir Sekretär Kräuter eine Einladung bei Goethe zu Tisch. Dabei gab er mir von Goethe den Wink, Zeltern doch ein Exemplar meiner ›Beiträge zur Poesie‹ zu verehren. Ich tat so und brachte es ihm ins Wirtshaus. Zelter gab mir dagegen die ›Gedichte‹ von Immermann. »Ich schenkte das Exemplar Ihnen gerne,« sagte er; »allein Sie sehen, der Verfasser hat es mir zugeschrieben, und so ist es mir ein wertes Andenken, das ich behalten muß.«

Ich machte darauf mit Zelter vor Tisch einen Spaziergang durch den Park nach Oberweimar. Bei manchen Stellen erinnerte er sich früherer Zeiten und erzählte mir dabei viel von Schiller, Wieland und Herder, mit denen er sehr befreundet gewesen, was er als einen hohen Gewinn seines Lebens schätzte.

Er sprach darauf viel über Komposition und rezitierte dabei mehrere Lieder von Goethe. »Wenn ich ein Gedicht komponieren will,« sagte er, »so suche ich zuvor in den Wortverstand einzudringen und mir die Situation lebendig zu machen. Ich lese es mir dann laut vor, bis ich es auswendig weiß, und so, indem ich es mir immer einmal wieder rezitiere, kommt die Melodie von selber.«

Wind und Regen nötigten uns, früher zurückzugehen, als wir gerne wollten. Ich begleitete ihn bis vor Goethes Haus, wo er zu Frau von Goethe hinaufging, um mit ihr vor Tisch noch einiges zu singen.

Darauf um zwei Uhr kam ich zu Tisch. Ich fand Zelter bereits bei Goethe sitzen und Kupferstiche italienischer Gegenden betrachten. Frau von Goethe trat herein, und wir gingen zu Tisch. Fräulein Ulrike war heute abwesend, desgleichen der junge Goethe, welcher bloß hereinkam, um guten Tag zu sagen, und dann wieder an Hof ging.

Die Tischgespräche waren heute besonders mannigfaltig. Sehr viel originelle Anekdoten wurden erzählt, sowohl von Zelter als Goethe, welche alle dahin gingen, die Eigenschaften ihres gemeinschaftlichen Freundes Friedrich August Wolf zu Berlin ins Licht zu setzen. Dann ward über die Nibelungen viel gesprochen, dann über Lord Byron und seinen zu hoffenden Besuch in Weimar, woran Frau von Goethe besonders teilnahm. Das Rochusfest zu Bingen war ferner ein sehr heiterer Gegenstand, wobei Zelter sich besonders zwei schöner Mädchen erinnerte, deren Liebenswürdigkeit sich ihm tief eingeprägt hatte und deren Andenken ihn noch heute zu beglücken schien. Das gesellige Lied ›Kriegsglück‹ von Goethe ward darauf sehr heiter besprochen. Zelter war unermüdlich in Anekdoten von blessierten Soldaten und schönen Frauen, welche alle dahin gingen, um die Wahrheit des Gedichts zu beweisen. Goethe selber sagte, er habe nach solchen Realitäten nicht weit zu gehen brauchen, er habe alles in Weimar persönlich erlebt. Frau von Goethe aber hielt immerwährend ein heiteres Widerspiel, indem sie nicht zugeben wollte, daß die Frauen so wären, als das ›garstige‹ Gedicht sie schildere.

Und so vergingen denn auch heute die Stunden bei Tisch sehr angenehm.

Als ich darauf später mit Goethe allein war, fragte er mich über Zelter. »Nun,« sagte er, »wie gefällt er Ihnen?« Ich sprach über das durchaus Wohltätige seiner Persönlichkeit. »Er kann«, fügte Goethe hinzu, »bei der ersten Bekanntschaft etwas sehr derbe, ja mitunter sogar etwas roh erscheinen. Allein das ist nur äußerlich. Ich kenne kaum jemanden, der zugleich so zart wäre wie Zelter. Und dabei muß man nicht vergessen, daß er über ein halbes Jahrhundert in Berlin zugebracht hat. Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegener Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.«

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