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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 305
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Montag, den 29. März 1830*

Abends einige Augenblicke bei Goethe. Er schien sehr ruhig und heiter und in der mildesten Stimmung. Ich fand ihn umgeben von seinem Enkel Wolf und Gräfin Karoline Egloffstein, seiner intimen Freundin. Wolf machte seinem lieben Großvater viel zu schaffen. Er kletterte auf ihm herum und saß bald auf der einen Schulter und bald auf der anderen. Goethe erduldete alles mit der größten Zärtlichkeit, so unbequem das Gewicht des zehnjährigen Knaben seinem Alter auch sein mochte. »Aber lieber Wolf,« sagte die Gräfin, »plage doch deinen guten Großvater nicht so entsetzlich! er muß ja von deiner Last ganz ermüdet werden.« – »Das hat gar nichts zu sagen,« erwiderte Wolf – »wir gehen bald zu Bette, und da wird der Großvater Zeit haben, sich von dieser Fatigue ganz vollkommen wieder auszuruhen.« – »Sie sehen,« nahm Goethe das Wort, »daß die Liebe immer ein wenig impertinenter Natur ist.«

Das Gespräch wendete sich auf Campe und dessen Kinderschriften. »Ich bin mit Campen«, sagte Goethe, »nur zweimal in meinem Leben zusammengetroffen. Nach einem Zwischenraum von vierzig Jahren sah ich ihn zuletzt in Karlsbad. Ich fand ihn damals sehr alt, dürr, steif und abgemessen. Er hatte sein ganzes Leben lang nur für Kinder geschrieben; ich dagegen gar nichts für Kinder, ja nicht einmal für große Kinder von zwanzig Jahren. Auch konnte er mich nicht ausstehen. Ich war ihm ein Dorn im Auge, ein Stein des Anstoßes, und er tat alles, um mich zu vermeiden. Doch führte das Geschick mich eines Tages ganz unerwartet an seine Seite, so daß er nicht umhin konnte, einige Worte an mich zu wenden. ›Ich habe‹, sagte er, ›vor den Fähigkeiten Ihres Geistes allen Respekt! Sie haben in verschiedenen Fächern eine erstaunliche Höhe erreicht. Aber, sehen Sie, das sind alles Dinge, die mich nichts angehen und auf die ich gar nicht den Wert legen kann, den andere Leute darauf legen.‹ Diese etwas ungalante Freimütigkeit verdroß mich keineswegs, und ich sagte ihm dagegen allerlei Verbindliches. Auch halte ich in der Tat ein großes Stück auf Campe. Er hat den Kindern unglaubliche Dienste geleistet; er ist ihr Entzücken und sozusagen ihr Evangelium. Bloß wegen zwei oder drei ganz schrecklicher Geschichten, die er nicht bloß die Ungeschicklichkeit gehabt hat zu schreiben, sondern auch in seine Sammlung für Kinder mit aufzunehmen, möchte ich ihn ein wenig gezüchtiget sehen. Warum soll man die heitere, frische, unschuldige Phantasie der Kinder so ganz unnötigerweise mit den Eindrücken solcher Greuel belasten!«

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