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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 304
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Mittwoch, den 17. [Freitag, den 19.] März 1830*

Abends ein paar Stündchen bei Goethe. Ich brachte ihm im Auftrag der Frau Großfürstin ›Gemma von Art‹ zurück und äußerte gegen ihn über dieses Stück alles Gute, was ich darüber in Gedanken hatte. »Ich freue mich immer,« erwiderte er, »wenn etwas hervorgebracht worden, das in der Erfindung neu ist und überhaupt den Stempel des Talentes trägt.« Darauf, indem er den Band zwischen beide Hände nahm und ihn ein wenig von der Seite ansah, fügte er hinzu: »Aber es will mir nie recht gefallen, wenn ich sehe, daß dramatische Schriftsteller Stücke machen, die durchaus zu lang sind, um so gegeben werden zu können, wie sie geschrieben. Diese Unvollkommenheit nimmt mir die Hälfte des Vergnügens, das ich sonst darüber empfinden würde. Sehen Sie nur, was ›Gemma von Art‹ für ein dicker Band ist.«

»Schiller«, erwiderte ich, »hat es nicht viel besser gemacht, und doch ist er ein sehr großer dramatischer Schriftsteller.«

»Auch er hat freilich darin gefehlt«, erwiderte Goethe. »Besonders seine ersten Stücke, die er in der ganzen Fülle der Jugend schrieb, wollen gar kein Ende nehmen. Er hatte zu viel auf dem Herzen und zu viel zu sagen, als daß er es hätte beherrschen können. Später, als er sich dieses Fehlers bewußt war, gab er sich unendliche Mühe und suchte ihn durch Studium und Arbeit zu überwinden, aber es hat ihm damit nie recht gelingen wollen. Seinen Gegenstand gehörig beherrschen und sich vom Leibe zu halten und sich nur auf das durchaus Notwendige zu konzentrieren, erfordert freilich die Kräfte eines poetischen Riesen und ist schwerer, als man denkt.«

Hofrat Riemer ließ sich melden und trat herein. Ich schickte mich an zu gehen, weil ich wußte, daß es der Abend war, wo Goethe mit Riemer zu arbeiten pflegt. Allein Goethe bat mich zu bleiben, welches ich denn sehr gerne tat und wodurch ich Zeuge einer Unterhaltung wurde voll Übermut, Ironie und mephistophelischer Laune von seiten Goethes.

»Da ist der Sömmering gestorben,« fing Goethe an, »kaum elende fünfundsiebzig Jahr alt. Was doch die Menschen für Lumpe sind, daß sie nicht die Courage haben, länger auszuhalten als das! Da lobe ich mir meinen Freund Bentham, diesen höchst radikalen Narren; er hält sich gut, und doch ist er noch einige Wochen älter als ich.«

»Man könnte hinzufügen,« erwiderte ich, »daß er Ihnen noch in einem anderen Punkte gleicht, denn er arbeitet noch immer mit der ganzen Tätigkeit der Jugend.«

»Das mag sein,« erwiderte Goethe »aber wir befinden uns an den beiden entgegengesetzten Enden der Kette: er will niederreißen, und ich möchte erhalten und aufbauen. In seinem Alter so radikal zu sein, ist der Gipfel aller Tollheit.«

»Ich denke,« entgegnete ich, »man muß zwei Arten von Radikalismus unterscheiden. Der eine, um künftig aufzubauen, will vorher reine Bahn machen und alles niederreißen, während der andere sich begnügt, auf die schwachen Partien und Fehler einer Staatsverwaltung hinzudeuten, in Hoffnung das Gute zu erreichen ohne die Anwendung gewaltsamer Mittel. In England geboren, würden Sie dieser letzten Art sicher nicht entgangen sein.«

»Wofür halten Sie mich?« erwiderte Goethe, der nun ganz die Miene und den Ton seines Mephisto annahm. »Ich hätte sollen Mißbräuchen nachspüren, und noch obendrein sie aufdecken und sie namhaft machen, ich, der ich in England von Mißbräuchen würde gelebt haben? – In England geboren, wäre ich ein reicher Herzog gewesen, oder vielmehr ein Bischof mit jährlichen 30 000 Pfund Sterling Einkünfte.«

»Recht hübsch!« erwiderte ich; »aber wenn Sie zufällig nicht das große Los, sondern eine Niete gezogen hätten? Es gibt so unendlich viele Nieten.«

»Nicht jeder, mein Allerbester,« erwiderte Goethe, »ist für das große Los gemacht. Glauben Sie denn, daß ich die Sottise begangen haben würde, auf eine Niete zu fallen? – Ich hätte vor allen Dingen die Partie der 39 Artikel ergriffen, ich hätte sie nach allen Seiten und Richtungen hin verfochten, besonders den Artikel 9, der für mich ein Gegenstand einer ganz besonderen Aufmerksamkeit und zärtlichen Hingebung gewesen sein würde. Ich hätte in Reimen und Prosa so lange und so viel geheuchelt und gelogen, daß meine 30 000 Pfund jährlich mir nicht hätten entgehen sollen. Und dann, einmal zu dieser Höhe gelangt, würde ich nichts unterlassen haben, mich oben zu erhalten. Besonders würde ich alles getan haben, die Nacht der Unwissenheit wo möglich noch finsterer zu machen. O wie hätte ich die gute einfältige Masse kajolieren wollen, und wie hätte ich die liebe Schuljugend wollen zurichten lassen, damit ja niemand hätte wahrnehmen, ja nicht einmal den Mut hätte haben sollen zu bemerken, daß mein glänzender Zustand auf der Basis der schändlichsten Mißbräuche fundiert sei!«

»Bei Ihnen«, versetzte ich, »hätte man doch wenigstens den Trost gehabt zu denken, daß Sie durch ein vorzügliches Talent zu solcher Höhe gelangt; in England aber sind oft grade die Dümmsten und Unfähigsten im Genuß der höchsten irdischen Güter, die sie keineswegs dem eigenen Verdienst, sondern der Protektion, dem Zufall und vor allem der Geburt zu verdanken haben.«

»Im Grunde«, erwiderte Goethe, »ist es gleichviel, ob einem die glänzenden Güter der Erde durch eigene Eroberung oder durch Erbschaft zugefallen. Die ersten Besitzergreifer waren doch auf jeden Fall Leute von Genie, welche die Unwissenheit und Schwäche der anderen sich zunutze machten. – Die Welt ist so voller Schwachköpfe und Narren, daß man nicht nötig hat, sie im Tollhause zu suchen. Hiebei fällt mir ein, daß der verstorbene Großherzog, der meinen Widerwillen gegen Tollhäuser kannte, mich durch List und Überraschung einst in ein solches einführen wollte. Ich roch aber den Braten noch zeitig genug und sagte ihm, daß ich keineswegs ein Bedürfnis verspüre, auch noch diejenigen Narren zu sehen, die man einsperre, vielmehr schon an denen vollkommen genug habe, die frei umhergehen. ›Ich bin sehr bereit,‹ sagte ich, ›Eurer Hoheit, wenn es sein muß, in die Hölle zu folgen, aber nur nicht in die Tollhäuser.‹

O welch ein Spaß würde es für mich sein, die 39 Artikel auf meine Weise zu traktieren und die einfältige Masse in Erstaunen zu setzen!«

»Auch ohne Bischof zu sein,« sagte ich, »könnten Sie sich dieses Vergnügen machen.«

»Nein,« erwiderte Goethe, »ich werde mich ruhig verhalten; man muß sehr gut bezahlt sein, um so zu lügen. Ohne Aussicht auf die Bischofsmütze und meine 30 000 Pfund jährlich könnte ich mich nicht dazu verstehen. Übrigens habe ich schon ein Pröbchen in diesem Genre abgelegt. Ich habe als sechzehnjähriger Knabe ein dithyrambisches Gedicht über die Höllenfahrt Christi geschrieben, das sogar gedruckt, aber nicht bekannt geworden, und das erst in diesen Tagen mir wieder in die Hände kommt. Das Gedicht ist voll orthodoxer Borniertheit und wird mir als herrlicher Paß in den Himmel dienen. Nicht wahr, Riemer, Sie kennen es?«

»Nein, Exzellenz,« erwiderte Riemer, »ich kenne es nicht. Aber ich erinnere mich, daß Sie im ersten Jahre nach meiner Ankunft schwer krank waren und in Ihrem Phantasieren mir einmal die schönsten Verse über denselbigen Gegenstand rezitierten. Es waren dies ohne Zweifel Erinnerungen aus jenem Gedicht Ihrer frühen Jugend.«

»Die Sache ist sehr wahrscheinlich«, sagte Goethe. »Es ist mir ein Fall bekannt, wo ein alter Mann geringen Standes, der in den letzten Zügen lag, ganz unerwartet die schönsten griechischen Sentenzen rezitierte. Man war vollkommen überzeugt, daß dieser Mann kein Wort Griechisch verstehe, und schrie daher Wunder über Wunder, ja die Klugen fingen schon an, aus dieser Leichtgläubigkeit der Toren Vorteil zu ziehen, als man unglücklicherweise entdeckte, daß jener Alte in seiner frühen Jugend war genötigt worden, allerlei griechische Sprüche auswendig zu lernen, und zwar in Gegenwart eines Knaben von hoher Familie, den man durch sein Beispiel anzuspornen trachtete. Er hatte jenes wirklich klassische Griechisch ganz maschinenmäßig gelernt, ohne es zu verstehen, und hatte seit funfzig Jahren nicht wieder daran gedacht, bis endlich in seiner letzten Krankheit jener Wortkram mit einem Mal wieder anfing, sich zu regen und lebendig zu werden.«

Goethe kam darauf mit derselbigen Malice und Ironie nochmals auf die enorme Besoldung der englischen hohen Geistlichkeit zurück und erzählte sodann sein Abenteuer mit dem Lord Bristol, Bischof von Derby.

»Lord Bristol«, sagte Goethe, »kam durch Jena, wünschte meine Bekanntschaft zu machen und veranlaßte mich, ihn eines Abends zu besuchen. Er gefiel sich darin, gelegentlich grob zu sein; wenn man ihm aber ebenso grob entgegentrat, so war er ganz traktabel. Er wollte mir im Lauf unseres Gesprächs eine Predigt über den ›Werther‹ halten und es mir ins Gewissen schieben, daß ich dadurch die Menschen zum Selbstmord verleitet habe. ›Der Werther‹, sagte er, ›ist ein ganz unmoralisches, verdammungswürdiges Buch.‹ – ›Halt!‹ rief ich. ›Wenn Ihr so über den armen ›Werther‹ redet, welchen Ton wollt Ihr denn gegen die Großen dieser Erde anstimmen, die durch einen einzigen Federzug hunderttausend Menschen ins Feld schicken, wovon achtzigtausend sich töten und sich gegenseitig zu Mord, Brand und Plünderung anreizen. Ihr danket Gott nach solchen Greueln und singet ein Tedeum darauf! Und ferner, wenn Ihr durch Eure Predigten über die Schrecken der Höllenstrafen die schwachen Seelen Eurer Gemeinden ängstiget, so daß sie darüber den Verstand verlieren und ihr armseliges Dasein zuletzt in einem Tollhause endigen! Oder wenn Ihr durch manche Eurer orthodoxen, vor der Vernunft unhaltbaren Lehrsätze in die Gemüter Eurer christlichen Zuhörer die verderbliche Saat des Zweifels säet, so daß diese halb starken, halb schwachen Seelen in einem Labyrinth sich verlieren, aus dem für sie kein Ausweg ist als der Tod! Was sagt Ihr da zu Euch selber, und welche Strafrede haltet Ihr Euch da? – Und nun wollt Ihr einen Schriftsteller zur Rechenschaft ziehen und ein Werk verdammen, das, durch einige beschränkte Geister falsch aufgefaßt, die Welt höchstens von einem Dutzend Dummköpfen und Taugenichtsen befreit hat, die gar nichts Besseres tun konnten, als den schwachen Rest ihres bißchen Lichtes vollends auszublasen! Ich dachte, ich hätte der Menschheit einen wirklichen Dienst geleistet und ihren Dank verdient, und nun kommt Ihr und wollt mir diese gute kleine Waffentat zum Verbrechen machen, während Ihr anderen, Ihr Priester und Fürsten, Euch so Großes und Starkes erlaubt!‹

Dieser Ausfall tat auf meinen Bischof eine herrliche Wirkung. Er ward so sanft wie ein Lamm und benahm sich von nun an gegen mich in unserer weiteren Unterhaltung mit der größten Höflichkeit und dem feinsten Takt. Ich verlebte darauf mit ihm einen sehr guten Abend. Denn Lord Bristol, so grob er sein konnte, war ein Mann von Geist und Welt, und durchaus fähig, in die verschiedenartigsten Gegenstände einzugehen. Bei meinem Abschied gab er mir das Geleit und ließ darauf durch seinen Abbé die Honneurs fortsetzen. Als ich mit diesem auf die Straße gelangt war, rief er mir zu: ›O Herr von Goethe, wie vortrefflich haben Sie gesprochen, und wie haben Sie dem Lord gefallen und das Geheimnis verstanden, den Weg zu seinem Herzen zu finden. Mit etwas weniger Derbheit und Entschiedenheit würden Sie von Ihrem Besuch sicher nicht so zufrieden nach Hause gehen, wie Sie es jetzt tun.‹«

»Sie haben wegen Ihres ›Werther‹ allerlei zu ertragen gehabt«, bemerkte ich. »Ihr Abenteuer mit Lord Bristol erinnert mich an Ihre Unterredung mit Napoleon über diesen Gegenstand. War nicht auch Talleyrand dabei?«

»Er war zugegen«, erwiderte Goethe. »Ich hatte mich jedoch über Napoleon nicht zu beklagen. Er war äußerst liebenswürdig gegen mich und traktierte den Gegenstand, wie es sich von einem so grandiosen Geiste erwarten ließ.«

Vom ›Werther‹ lenkte sich das Gespräch auf Romane und Schauspiele im allgemeinen und ihre moralische oder unmoralische Wirkung auf das Publikum. »Es müßte schlimm zugehen,« sagte Goethe, »wenn ein Buch unmoralischer wirken sollte als das Leben selber, das täglich der skandalösen Szenen im Überfluß, wo nicht vor unseren Augen, doch vor unseren Ohren entwickelt. Selbst bei Kindern braucht man wegen der Wirkungen eines Buches oder Theaterstückes keineswegs so ängstlich zu sein. Das tägliche Leben ist, wie gesagt, lehrreicher als das wirksamste Buch.«

»Aber doch«, bemerkte ich, »sucht man sich bei Kindern in acht zu nehmen, daß man in ihrer Gegenwart nicht Dinge spricht, welche zu hören wir für sie nicht gut halten.«

»Das ist recht löblich,« erwiderte Goethe, »und ich tue es selbst nicht anders; allein ich halte diese Vorsicht durchaus für unnütz. Die Kinder haben, wie die Hunde, einen so scharfen und feinen Geruch, daß sie alles entdecken und auswittern, und das Schlimme vor allem anderen. Sie wissen auch immer ganz genau, wie dieser oder jener Hausfreund zu ihren Eltern steht, und da sie nun in der Regel noch keine Verstellung üben, so können sie uns als die trefflichsten Barometer dienen, um an ihnen den Grad unserer Gunst oder Ungunst bei den Ihrigen wahrzunehmen.

Man hatte einst in der Gesellschaft schlecht von mir gesprochen, und zwar erschien die Sache für mich von solcher Bedeutung, daß mir sehr viel daran liegen mußte zu erfahren, woher der Schlag kam. Im allgemeinen war man hier überaus wohlwollend gegen mich gesinnt; ich dachte hin und her und konnte gar nicht herausbringen, von wem jenes gehässige Gerede könne ausgegangen sein. Mit einemmal bekomme ich Licht. Es begegneten mir nämlich eines Tages in der Straße einige kleine Knaben meiner Bekanntschaft, die mich nicht grüßten, wie sie sonst zu tun pflegten. Dies war mir genug, und ich entdeckte auf dieser Fährte sehr bald, daß es ihre lieben Eltern waren, die ihre Zungen auf meine Kosten auf eine so arge Weise in Bewegung gesetzt hatten.«

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