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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 303
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Montag, den 15. März 1830

Abends ein Stündchen bei Goethe. Er sprach viel über Jena und die Einrichtungen und Verbesserungen, die er in den verschiedenen Branchen der Universität zustande gebracht. Für Chemie, Botanik und Mineralogie, die früher nur insoweit sie zur Pharmazie gehörig behandelt worden, habe er besondere Lehrstühle eingeführt. Vor allem sei für das Naturwissenschaftliche Museum und die Bibliothek von ihm manches Gute bewirkt worden.

Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir mit vielem Selbstbehagen und guter Laune die Geschichte seiner gewaltsamen Besitzergreifung eines an die Bibliothek grenzenden Saales, den die medizinische Fakultät inne gehabt, aber nicht habe hergeben wollen.

»Die Bibliothek«, sagte er, »befand sich in einem sehr schlechten Zustande. Das Lokal war feucht und enge und bei weitem nicht geeignet, seine Schätze gehörigerweise zu fassen, besonders seit durch den Ankauf der Büttnerschen Bibliothek von seiten des Großherzogs abermals 13 000 Bände hinzugekommen waren, die in großen Haufen am Boden umherlagen, weil es, wie gesagt, an Raum fehlte, sie gehörig zu placieren. Ich war wirklich dieserhalb in einiger Not. Man hätte zu einem neuen Anbau schreiten müssen, allein dazu fehlten die Mittel; auch konnte ein neuer Anbau noch recht gut vermieden werden, indem unmittelbar an die Räume der Bibliothek ein großer Saal grenzte, der leer stand und ganz geeignet war, allen unseren Bedürfnissen auf das herrlichste abzuhelfen. Allein dieser Saal war nicht im Besitz der Bibliothek, sondern im Gebrauch der Fakultät der Mediziner, die ihn mitunter zu ihren Konferenzen benutzten. Ich wendete mich also an diese Herren mit der sehr höflichen Bitte, mir diesen Saal für die Bibliothek abzutreten. Dazu aber wollten die Herren sich nicht verstehen. Allenfalls seien sie geneigt nachzugeben, wenn ich ihnen für den Zweck ihrer Konferenzen einen neuen Saal wolle bauen lassen, und zwar sogleich. Ich erwiderte ihnen, daß ich sehr bereit sei, ein anderes Lokal für sie herrichten zu lassen, daß ich aber einen sofortigen Neubau nicht versprechen könne. Diese meine Antwort schien aber den Herren nicht genügt zu haben; denn als ich am andern Morgen hinschickte, um mir den Schlüssel ausbitten zu lassen, hieß es: er sei nicht zu finden.

Da blieb nun weiter nichts zu tun, als eroberungsweise einzuschreiten. Ich ließ also einen Maurer kommen und führte ihn in die Bibliothek vor die Wand des angrenzenden gedachten Saales. ›Diese Mauer, mein Freund,‹ sagte ich, ›muß sehr dick sein, denn sie trennet zwei verschiedene Wohnungspartien. Versuchet doch einmal und prüfet, wie stark sie ist.‹ Der Maurer schritt zu Werke; und kaum hatte er fünf bis sechs herzhafte Schläge getan, als Kalk und Backsteine fielen und man durch die entstandene Öffnung schon einige ehrwürdige Porträts alter Perücken herdurchschimmern sah, womit man den Saal dekoriert hatte. ›Fahret nur fort, mein Freund,‹ sagte ich, ›ich sehe noch nicht helle genug. Geniert Euch nicht und tut ganz, als ob Ihr zu Hause wäret.‹ Diese freundliche Ermunterung wirkte auf den Maurer so belebend, daß die Öffnung bald groß genug ward, um vollkommen als Tür zu gelten, worauf denn meine Bibliotheksleute in den Saal drangen, jeder mit einem Arm voll Bücher, die sie als Zeichen der Besitzergreifung auf den Boden warfen. Bänke, Stühle und Pulte verschwanden in einem Augenblick, und meine Getreuen hielten sich so rasch und tätig dazu, daß schon in wenigen Tagen sämtliche Bücher in ihren Reposituren in schönster Ordnung an den Wänden umherstanden. Die Herren Mediziner, die bald darauf durch ihre gewohnte Tür in corpore in den Saal traten, waren ganz verblüfft, eine so große und unerwartete Verwandlung zu finden. Sie wußten nicht, was sie sagen sollten, und zogen sich stille wieder zurück; aber sie bewahrten mir alle einen heimlichen Groll. Doch wenn ich sie einzeln sehe, und besonders wenn ich einen oder den andern von ihnen bei mir zu Tisch habe, so sind sie ganz scharmant und meine sehr lieben Freunde. Als ich dem Großherzog den Verlauf dieses Abenteuers erzählte, das freilich mit seinem Einverständnis und seiner völligen Zustimmung eingeleitet war, amüsierte es ihn königlich, und wir haben später recht oft darüber gelacht.«

Goethe war in sehr guter Laune und glücklich in diesen Erinnerungen. »Ja, mein Freund,« fuhr er fort, »man hat seine Not gehabt, um gute Dinge durchzusetzen. Später, als ich wegen großer Feuchtigkeit der Bibliothek einen schädlichen Teil der ganz nutzlosen alten Stadtmauer wollte abreißen und hinwegräumen lassen, ging es mir nicht besser. Meine Bitten, guten Gründe und vernünftigen Vorstellungen fanden kein Gehör, und ich mußte auch hier endlich eroberungsweise zu Werke gehen. Als nun die Herren der Stadtverwaltung meine Arbeiter an ihrer alten Mauer im Werke sahen, schickten sie eine Deputation an den Großherzog, der sich damals in Dornburg aufhielt, mit der ganz untertänigen Bitte: daß es doch Seiner Hoheit gefallen möge, durch ein Machtwort mir in dem gewaltsamen Einreißen ihrer alten ehrwürdigen Stadtmauer Einhalt zu tun. Aber der Großherzog, der mich auch zu diesem Schritt heimlich autorisiert hatte, antwortete sehr weise: ›Ich mische mich nicht in Goethes Angelegenheiten. Er weiß schon, was er zu tun hat, und muß sehen, wie er zurechte kommt. Geht doch hin und sagt es ihm selbst, wenn ihr die Courage habt!‹

Es ließ sich aber niemand bei mir blicken,« fügte Goethe lachend hinzu »ich fuhr fort von der alten Mauer niederreißen zu lassen, was mir im Wege stand, und hatte die Freude, meine Bibliothek endlich trocken zu sehen.«

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