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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 295
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Mittwoch, den 3. Februar 1831*

Wir sprechen über den ›Globe‹ und ›Temps‹, und dies führte auf die französische Literatur und Literatoren.

»Guizot«, sagte Goethe unter anderen, »ist ein Mann nach meinem Sinne, er ist solide. Er besitzt tiefe Kenntnisse, verbunden mit einem aufgeklärten Liberalismus, der, über den Parteien stehend, seinen eigenen Weg geht. Ich bin begierig zu sehen, welche Rolle er in den Kammern spielen wird, wozu man ihn jetzt gewählt hat.«

»Leute, die ihn nur oberflächlich zu kennen scheinen,« erwiderte ich, »haben mir ihn als etwas pedantisch geschildert.«

»Es bleibt zu wissen übrig,« entgegnete Goethe, »welche Sorte von Pedanterie man ihm vorwirft. Alle bedeutenden Menschen, die in ihrer Lebensweise eine gewisse Regelmäßigkeit und feste Grundsätze besitzen, die viel nachgedacht haben und mit den Angelegenheiten des Lebens kein Spiel treiben, können sehr leicht in den Augen oberflächlicher Beobachter als Pedanten erscheinen. Guizot ist ein weitgehender, ruhiger, festhaltender Mann, der der französischen Beweglichkeit gegenüber gar nicht genug zu schätzen und gerade ein solcher ist, wie sie ihn brauchen.

Villemain«, fuhr Goethe fort, »ist vielleicht glänzender als Redner. Er besitzt die Kunst einer gewandten Entwickelung aus dem Grunde, er ist nie verlegen um schlagende Ausdrücke, wodurch er die Aufmerksamkeit fesselt und seine Hörer zu lautem Beifall fortreißt; aber er ist weit oberflächlicher als Guizot und weit weniger praktisch.

Was Cousin betrifft, so kann er zwar uns Deutschen wenig geben, indem die Philosophie, die er seinen Landsleuten als etwas Neues bringt, uns seit vielen Jahren bekannt ist. Allein er ist für die Franzosen von großer Bedeutung; er wird ihnen eine ganz neue Richtung geben.

Cuvier, der große Naturkenner, ist bewundernswürdig durch seine Darstellung und seinen Stil; niemand exponiert ein Faktum besser als er. Allein er besitzt fast gar keine Philosophie; er wird sehr unterrichtete Schüler erziehen, aber wenig tiefe.«

Alles dieses zu hören war mir um so interessanter, als es mit den Ansichten Dumonts über die gedachten Männer sehr nahe zusammentraf. Ich versprach Goethen, ihm die betreffenden Stellen aus dessen Manuskripten abzuschreiben, damit er sie mit seiner eigenen Meinung gelegentlich vergleichen möge.

Die Erwähnung Dumonts brachte das Gespräch auf dessen Verhältnis zu Bentham, worüber sich Goethe also äußerte:

»Es ist für mich ein interessantes Problem,« sagte er, »wenn ich sehe, daß ein so vernünftiger, so gemäßigter und so praktischer Mann wie Dumont der Schüler und treue Verehrer dieses Narren Bentham sein konnte.«

»Bentham«, erwiderte ich, »ist gewissermaßen als eine doppelte Person zu betrachten. Ich unterscheide Bentham das Genie, das die Prinzipien ersann, die Dumont der Vergessenheit entzog, indem er sie ausarbeitete, und Bentham den leidenschaftlichen Mann, der aus übertriebenem Nützlichkeitseifer die Grenzen seiner eigenen Lehre überschritt und dadurch sowohl in der Politik als in der Religion zum Radikalen ward.«

»Das aber«, erwiderte Goethe, »ist eben ein neues Problem für mich, daß ein Greis die Laufbahn eines langen Lebens damit beschließen kann, in seinen letzten Tagen noch ein Radikaler zu werden.«

Ich suchte diesen Widerspruch zu lösen, indem ich bemerkte, daß Bentham, in der Überzeugung von der Vortrefflichkeit seiner Lehre und seiner Gesetzgebung, und bei der Unmöglichkeit, sie ohne eine völlige Veränderung des herrschenden Systems in England einzuführen, sich um so mehr von seinem leidenschaftlichen Eifer habe fortreißen lassen, als er mit der äußeren Welt wenig in Berührung komme und die Gefahr eines gewaltsamen Umsturzes nicht zu beurteilen vermöge.

»Dumont dagegen,« fuhr ich fort, »der weniger Leidenschaft und mehr Klarheit besitzt, hat die Überspannung Benthams nie gebilligt und ist weit entfernt gewesen, selber in einen ähnlichen Fehler zu fallen. Er hat überdies den Vorteil gehabt, die Prinzipien Benthams in einem Lande in Anwendung zu bringen, das infolge politischer Ereignisse zu jener Zeit gewissermaßen als ein neues zu betrachten war, nämlich in Genf, wo denn auch alles vollkommen gelang und der glückliche Erfolg den Wert des Prinzips an den Tag legte.«

»Dumont,« erwiderte Goethe, »ist eben ein gemäßigter Liberaler, wie es alle vernünftigen Leute sind und sein sollen, und wie ich selber es bin und in welchem Sinne zu wirken ich während eines langen Lebens mich bemüht habe.

Der wahre Liberale«, fuhr er fort, »sucht mit den Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, so viel Gutes zu bewirken, als er nur immer kann; aber er hütet sich, die oft unvermeidlichen Mängel sogleich mit Feuer und Schwert vertilgen zu wollen. Er ist bemüht, durch ein kluges Vorschreiten die öffentlichen Gebrechen nach und nach zu verdrängen, ohne durch gewaltsame Maßregeln zugleich oft ebensoviel Gutes mit zu verderben. Er begnügt sich in dieser stets unvollkommenen Welt so lange mit dem Guten, bis ihn, das Bessere zu erreichen, Zeit und Umstände begünstigen.«

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