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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 293
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Mittwoch, den 27. Januar 1830

Mittags mit Goethe sehr vergnügt bei Tisch. Er sprach mit großer Anerkennung über Herrn von Martius. »Sein Aperçu der Spiraltendenz«, sagte er, »ist von der höchsten Bedeutung. Hätte ich bei ihm noch etwas zu wünschen, so wäre es, daß er sein entdecktes Urphänomen mit entschiedener Kühnheit durchführte und daß er die Courage hätte, ein Faktum als Gesetz auszusprechen, ohne die Bestätigung allzusehr im Weiten zu suchen.«

Er zeigte mir darauf die Verhandlungen der Naturforschenden Versammlung zu Heidelberg, mit hintergedruckten Faksimiles der Handschriften, die wir betrachten und auf den Charakter schließen.

»Ich weiß recht gut,« sagte Goethe, »daß bei diesen Versammlungen für die Wissenschaft nicht so viel herauskommt, als man sich denken mag; aber sie sind vortrefflich, daß man sich gegenseitig kennen und möglicherweise lieben lerne, woraus denn folgt, daß man irgendeine neue Lehre eines bedeutenden Menschen wird gelten lassen, und dieser wiederum geneigt sein wird, uns in unseren Richtungen eines anderen Faches anzuerkennen und zu fördern. Auf jeden Fall sehen wir, daß etwas geschieht, und niemand kann wissen, was dabei herauskommt.«

Goethe zeigte mir sodann einen Brief eines englischen Schriftstellers mit der Adresse: An Se. Durchlaucht den Fürsten Goethe. »Diesen Titel«, sagte Goethe lachend, »habe ich wahrscheinlich den deutschen Journalisten zu danken, die mich aus allzu großer Liebe wohl den deutschen Dichterfürsten genannt haben. Und so hat denn der unschuldige deutsche Irrtum den ebenso unschuldigen Irrtum des Engländers zur Folge gehabt.«

Goethe kam darauf wieder auf Herrn von Martius zurück und rühmte an ihm, daß er Einbildungskraft besitze. »Im Grunde«, fuhr er fort, »ist ohne diese hohe Gabe ein wirklich großer Naturforscher gar nicht zu denken. Und zwar meine ich nicht eine Einbildungskraft, die ins Vage geht und sich Dinge imaginiert, die nicht existieren; sondern ich meine eine solche, die den wirklichen Boden der Erde nicht verläßt und mit dem Maßstab des Wirklichen und Erkannten zu geahndeten vermuteten Dingen schreitet. Da mag sie denn prüfen, ob denn dieses Geahndete auch möglich sei und ob es nicht im Widerspruch mit anderen bewußten Gesetzen komme. Eine solche Einbildungskraft setzt aber freilich einen weiten ruhigen Kopf voraus, dem eine große Übersicht der lebendigen Welt und ihrer Gesetze zu Gebote steht.«

Während wir sprachen, kam ein Paket mit einer Übersetzung der ›Geschwister‹ ins Böhmische, die Goethen große Freude zu machen schien.

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