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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 289
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Sonntag, den 21. Dezember 1828

Ich hatte in voriger Nacht einen wunderlichen Traum, den ich diesen Abend Goethen erzählte und den er sehr artig fand. Ich sah mich nämlich in einer fremden Stadt, in einer breiten Straße gegen Südost, wo ich mit einer Menge Menschen stand und den Himmel betrachtete, der wie mit leisen Dünsten bedeckt schien und im hellsten Gelb leuchtete. Jedermann war erwartungsvoll, was sich ereignen würde, als sich zwei feurige Punkte bildeten, die gleich Meteorsteinen mit Krachen vor uns niederfuhren, nicht weit von der Stelle, wo wir standen. Man eilte hin, um zu sehen, was herabgekommen war, und siehe, es trat mir entgegen Faust und Mephistopheles. – Ich war erfreut-verwundert, und gesellte mich zu ihnen als zu Bekannten, und ging neben ihnen her in heiterer Unterhaltung, indem wir um die nächste Straßenecke bogen. Was wir sprachen, ist mir nicht geblieben; doch der Eindruck ihres körperlichen Wesens war so eigener Art, daß er mir vollkommen deutlich und nicht leicht zu vergessen ist. Beide waren jünger, als man sie gewöhnlich zu denken pflegt, und zwar mochte Mephistopheles einundzwanzig Jahre sein, wenn Faust siebenundzwanzig haben konnte. Ersterer erschien durchaus vornehm, heiter und frei; er schritt so leicht einher, wie man sich etwa den Merkur denkt. Sein Gesicht war schön, ohne bösen Zug, und man hätte nicht erkennen mögen, daß es der Teufel sei, wenn nicht von seiner jugendlichen Stirn zwei zierliche Hörner sich erhoben und seitwärts gebogen hätten, so wie wohl ein schöner Haarwuchs sich erhebt und zu beiden Seiten umbiegt. Als Faust im Gehen sein Gesicht redend mir zuwandte, war ich erstaunt über den eigenartigen Ausdruck. Die edelste Sittlichkeit und Herzensgüte sprach aus jedem Zug als das Vorwaltende, Ursprüngliche seiner Natur. Man sah ihm an, als wären alle menschlichen Freuden, Leiden und Gedanken, trotz seiner Jugend, bereits durch seine Seele gegangen: so durchgearbeitet war sein Gesicht. Er war ein wenig blaß und so anziehend, daß man sich nicht satt an ihm sehen konnte; ich suchte mir seine Züge einzuprägen, um sie zu zeichnen. Faust ging rechts, Mephistopheles zwischen uns beiden, und es ist mir der Eindruck geblieben, wie Faust sein schönes eigenartiges Gesicht herumwandte, um mit Mephistopheles oder mit mir zu reden. Wir gingen durch die Straßen, und die Menge verlief sich, ohne weiter auf uns zu achten.

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