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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 273
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Mittwoch, den 25. Juli 1827

Goethe hat in diesen Tagen einen Brief von Walter Scott erhalten, der ihm große Freude machte. Er zeigte ihn mir heute, und da ihm die englische Handschrift etwas sehr unleserlich vorkam, so bat er mich, ihm den Inhalt zu übersetzen. Es scheint, daß Goethe dem berühmten englischen Dichter zuerst geschrieben hatte und daß dieser Brief darauf eine Erwiderung ist.

»Ich fühle mich sehr geehrt,« schreibt Walter Scott, »daß irgendeine meiner Produktionen so glücklich gewesen ist, die Beachtung Goethes auf sich zu ziehen, zu dessen Bewunderern ich seit dem Jahre 1798 gehöre, wo ich trotz meiner geringen Bekanntschaft mit der deutschen Sprache kühn genug war, den ›Götz von Berlichingen‹ ins Englische zu übertragen. Ich hatte bei diesem jugendlichen Unternehmen ganz vergessen, daß es nicht genug sei, die Schönheit eines genialen Werkes zu fühlen, sondern daß man auch die Sprache, worin es geschrieben, aus dem Grunde verstehen müsse, ehe es uns gelingen könne, solche Schönheit auch anderen fühlbar zu machen. Dennoch lege ich auf jenen jugendlichen Versuch noch jetzt einigen Wert, weil er doch wenigstens zeigt, daß ich einen Gegenstand zu wählen wußte, der der Bewunderung würdig war.

Ich habe oft von Ihnen gehört, und zwar durch meinen Schwiegersohn Lockhart, einen jungen Mann von literarischer Bedeutung, der vor einigen Jahren, ehe er meiner Familie verbunden war, die Ehre hatte, dem Vater der deutschen Literatur vorgestellt zu werden. Es ist unmöglich, daß Sie unter der großen Zahl derer, die sich gedrängt fühlen, Ihnen ihre Ehrfurcht zu bezeigen, sich jedes einzelnen erinnern sollten; aber ich glaube, es ist ihnen niemand inniger ergeben als eben jenes junge Mitglied meiner Familie.

Mein Freund Sir John Hope von Pinkie hat kürzlich die Ehre gehabt, Sie zu sehen, und ich hoffte Ihnen zu schreiben, und nahm auch später mir wirklich diese Freiheit durch zwei seiner Verwandten, die Deutschland zu bereisen die Absicht hatten; allein sie wurden durch Krankheit behindert, ihr Vorhaben auszuführen, so daß mir denn mein Brief nach zwei bis drei Monaten zurückkam. Ich habe also Goethes Bekanntschaft schon früher zu suchen mich erdreistet, und zwar noch vor jener schmeichelhaften Notiz, die er so freundlich gewesen ist, von mir zu nehmen.

Es gibt allen Bewunderern des Genies ein wohltätiges Gefühl, zu wissen, daß eins der größten europäischen Vorbilder einer glücklichen und ehrenvollen Zurückgezogenheit in einem Alter genießt, in welchem er auf eine so ausgezeichnete Weise sich geehrt sieht. Dem armen Lord Byron ward leider vom Schicksal kein so günstiges Los zuteil, indem es ihn in der Blüte seiner Jahre hinwegnahm und so vieles, was noch von ihm gehofft und erwartet wurde, für immer zerschnitt. Er schätzte sich glücklich in der Ehre, die Sie ihm erzeugten, und fühlte, was er einem Dichter schuldig war, dem alle Schriftsteller der lebenden Generation so viel verdanken, daß sie sich verpflichtet fühlen, mit kindlicher Verehrung zu ihm hinaufzublicken.

Ich habe mir die Freiheit genommen, die Herren Treuttel und Würtz zu ersuchen, Ihnen meinen Versuch einer Lebensgeschichte jenes merkwürdigen Mannes zu senden, der so viele Jahre lang einen so fürchterlichen Einfluß auf die Welt hatte, die er beherrschte. Ich weiß übrigens nicht, ob ich ihm nicht irgend einige Verbindlichkeiten schuldig geworden, da er mich zwölf Jahre lang unter die Waffen brachte, während welcher Zeit ich in einem Korps unserer Landmiliz diente und trotz einer frühen Lahmheit ein guter Reuter, Jäger und Schütze wurde. Diese guten Fähigkeiten haben jedoch in der letzten Zeit mich ein wenig verlassen, indem der Rheumatismus, diese traurige Plage unseres nördlichen Klimas, seinen Einfluß auf meine Glieder gelegt hat. Doch klage ich nicht, da ich meine Söhne jetzt die Jagdvergnügungen treiben sehe, seitdem ich sie habe aufgeben müssen.

Mein ältester Sohn hat eine Schwadron Husaren, welches für einen fünfundzwanzigjährigen jungen Mann immer viel ist. Mein jüngerer Sohn hat neulich zu Oxford den Grad eines Bakkalaureus der schönen Wissenschaften erhalten und wird jetzt einige Monate zu Hause zubringen, ehe er in die Welt geht. Da es Gott gefallen hat, mir ihre Mutter zu nehmen, so führt meine jüngste Tochter mein Hauswesen. Meine älteste ist verheiratet und hat eine Familie für sich.

Dies sind die häuslichen Zustände eines Mannes, nach dem Sie so gütig sich erkundiget haben. Übrigens besitze ich genug, um ganz so zu leben, wie ich wünsche, ungeachtet einiger sehr schwerer Verluste. Ich bewohne ein stattliches altes Schloß, in welchem jeder Freund Goethes zu jeder Zeit willkommen sein wird. Die Vorhalle ist mit Rüstungen angefüllt, die selbst für Jaxthausen gepaßt haben würden; ein großer Schweißhund bewacht den Eingang.

Ich habe übrigens den vergessen, der dafür zu sorgen wußte, daß man ihn nicht vergaß, während er lebte. Ich hoffe, Sie werden die Fehler des Werkes verzeihen, indem Sie berücksichtigen, daß der Autor von dem Wunsch beseelt war, gegen das Andenken jenes außerordentlichen Mannes so aufrichtig zu verfahren, wie seine insularischen Vorurteile nur immer erlauben wollten.

Da diese Gelegenheit, Ihnen zu schreiben, sich mir plötzlich und zufällig durch einen Reisenden darbietet und keinen Aufschub erleidet, so fehlt mir die Zeit, etwas Weiteres zu sagen, als daß ich Ihnen eine fortgesetzte gute Gesundheit und Ruhe wünsche und mich mit der aufrichtigsten und tiefsten Hochachtung unterzeichne.

Edinburgh, den 9. Juli 1827.

Walter Scott.«

 

Goethe hatte, wie gesagt, über diesen Brief große Freude. Er war übrigens der Meinung, als enthalte er zu viel Ehrenvolles für ihn, als daß er nicht sehr vieles davon auf Rechnung der Höflichkeit eines Mannes von Rang und hoher Weltbildung zu setzen habe.

Er erwähnte sodann die gute und herzliche Art, womit Walter Scott seine Familienverhältnisse zur Sprache bringe, welches ihn, als Zeichen eines brüderlichen Vertrauens, im hohen Grade beglücke.

»Ich bin nun wirklich«, fuhr er fort, »auf sein ›Leben Napoleons‹ begierig, welches er mir ankündigt. Ich höre so viel Widersprechendes und Leidenschaftliches über das Buch, daß ich im voraus gewiß bin, es wird auf jeden Fall sehr bedeutend sein.«

Ich fragte nach Lockhart, und ob er sich seiner noch erinnere.

»Noch sehr wohl«, erwiderte Goethe. »Seine Persönlichkeit macht einen entschiedenen Eindruck, so daß man ihn so bald nicht wieder vergißt. Er soll, wie ich von reisenden Engländern und meiner Schwiegertochter höre, ein junger Mann sein, von dem man in der Literatur gute Dinge erwartet.

Übrigens wundere ich mich fast, daß Walter Scott kein Wort über Carlyle sagt, der doch eine so entschiedene Richtung auf das Deutsche hat, daß er ihm sicher bekannt sein muß.

An Carlyle ist es bewundernswürdig, daß er bei Beurteilung unserer deutschen Schriftsteller besonders den geistigen und sittlichen Kern als das eigentlich Wirksame im Auge hat. Carlyle ist eine moralische Macht von großer Bedeutung. Es ist in ihm viel Zukunft vorhanden, und es ist gar nicht abzusehen, was er alles leisten und wirken wird.«

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