Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Peter Eckerman >

Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 259
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
Schließen

Navigation:

Sonntag, den 1. Mai 1825

Bei Goethe zu Tisch. Es ist zu denken, daß der veränderte Theaterbau das erste war, das zwischen uns zur Sprache kam. Ich hatte, wie gesagt, gefürchtet, daß die höchst unerwartete Maßregel Goethe tief verletzen würde. Allein keine Spur! Ich fand ihn in der mildesten, heitersten Stimmung, durchaus über jede kleine Empfindlichkeit erhaben.

»Man hat«, sagte er, »dem Großherzog von seiten des Kostenpunktes und großer Ersparungen, die bei dem veränderten Bauplan zu machen, beizukommen gesucht, und es ist ihnen gelungen. Mir kann es ganz recht sein. Ein neues Theater ist am Ende doch immer nur ein neuer Scheiterhaufen, den irgendein Ungefähr über kurz oder lang wieder in Brand steckt. Damit tröste ich mich. Übrigens ein bißchen mehr oder weniger, ein bißchen auf oder ab ist nicht der Rede wert. Ihr werdet immerhin ein ganz leidliches Haus bekommen, wenn auch nicht gerade so, wie ich es mir gewünscht und mir gedacht hatte. Ihr werdet hineingehen, und ich werde auch hineingehen, und es wird am Ende alles ganz artig ausfallen.

Der Großherzog«, fuhr Goethe fort, »äußerte gegen mich die Meinung, ein Theater brauche keineswegs ein architektonisches Prachtwerk zu sein; wogegen im ganzen freilich nichts einzuwenden. Er meinte ferner, es sei doch immer nur ein Haus, das den Zweck habe, Geld zu verdienen. Diese Ansicht klingt beim ersten Anhören etwas materiell; allein es fehlt ihr, recht bedacht, auch keineswegs eine höhere Seite. Denn will ein Theater nicht bloß zu seinen Kosten kommen, sondern obendrein noch Geld erübrigen und Geld verdienen, so muß eben alles durchaus ganz vortrefflich sein. Es muß die beste Leitung an der Spitze haben, die Schauspieler müssen durchweg zu den besten gehören, und man muß fortwährend so gute Stücke geben, daß nie die Anziehungskraft ausgehe, welche dazu gehört, um jeden Abend ein volles Haus zu machen. Das ist aber mit wenigen Worten sehr viel gesagt und fast das Unmögliche.«

»Die Ansicht des Großherzogs,« sagte ich, »mit dem Theater Geld verdienen zu wollen, scheint also eine durchaus praktische zu sein, indem in ihr eine Nötigung liegt, sich fortwährend auf der Höhe des Vortrefflichen zu erhalten.«

»Shakespeare und Molière«, erwiderte Goethe, »hatten auch keine andere. Beide wollten auch vor allen Dingen mit ihren Theatern Geld verdienen. Damit sie aber diesen ihren Hauptzweck erreichten, mußten sie dahin trachten, daß fortwährend alles im besten Stande und neben dem alten Guten immer von Zeit zu Zeit etwas tüchtiges Neues da sei, das reize und anlocke. Das Verbot des ›Tartuffe‹ war für Molière ein Donnerschlag – aber nicht sowohl für den Poeten als für den Direktor Molière, der für das Wohl einer bedeutenden Truppe zu sorgen hatte und der sehen mußte, wie er für sich und die Seinigen Brot schaffe.

Nichts«, fuhr Goethe fort, »ist für das Wohl eines Theaters gefährlicher, als wenn die Direktion so gestellt ist, daß eine größere oder geringere Einnahme der Kasse sie persönlich nicht weiter berührt und sie in der sorglosen Gewißheit hinleben kann, daß dasjenige, was im Laufe des Jahres an der Einnahme der Theaterkasse gefehlt hat, am Ende desselben aus irgendeiner anderen Quelle ersetzt wird. Es liegt einmal in der menschlichen Natur, daß sie leicht erschlafft, wenn persönliche Vorteile oder Nachteile sie nicht nötigen. Nun ist zwar nicht zu verlangen, daß ein Theater in einer Stadt wie Weimar sich selbst erhalten solle und daß kein jährlicher Zuschuß aus der fürstlichen Kasse nötig sei. Allein es hat doch alles sein Ziel und seine Grenze, und einige tausend Taler jährlich mehr oder weniger sind doch keineswegs eine gleichgültige Sache, besonders da die geringere Einnahme und das Schlechterwerden des Theaters natürliche Gefährten sind, und also nicht bloß das Geld verloren geht, sondern die Ehre zugleich.

Wäre ich der Großherzog, so würde ich künftig, bei einer etwa eintretenden Veränderung der Direktion, als jährlichen Zuschuß ein für allemal eine feste Summe bestimmen; ich würde etwa den Durchschnitt der Zuschüsse der letzten zehn Jahre ermitteln lassen und danach eine Summe ermäßigen, die zu einer anständigen Erhaltung als hinreichend zu achten wäre. Mit dieser Summe müßte man haushalten. – Dann würde ich aber einen Schritt weiter gehen und sagen: wenn der Direktor mit seinen Regisseuren durch eine kluge und energische Leitung es dahin bringt, daß die Kasse am Ende des Jahres einen Überschuß hat, so soll von diesem Überschuß dem Direktor, den Regisseuren und den vorzüglichsten Mitgliedern der Bühne eine Remuneration zuteil werden. Da solltet Ihr einmal sehen, wie es sich regen und wie die Anstalt aus dem Halbschlafe, in welchen sie nach und nach geraten muß, erwachen würde.

Unsere Theatergesetze«, fuhr Goethe fort, »haben zwar allerlei Strafbestimmungen, allein sie haben kein einziges Gesetz, das auf Ermunterung und Belohnung ausgezeichneter Verdienste ginge. Dies ist ein großer Mangel. Denn wenn mir bei jedem Versehen ein Abzug von meiner Gage in Aussicht steht, so muß mir auch eine Ermunterung in Aussicht stehen, wenn ich mehr tue, als man eigentlich von mir verlangen kann. Dadurch aber, daß alle mehr tun als zu erwarten und zu verlangen, kommt ein Theater in die Höhe.«

Frau von Goethe und Fräulein Ulrike traten herein, beide wegen des schönen Wetters sehr anmutig sommerhaft gekleidet. Die Unterhaltung über Tisch war leicht und heiter. Man sprach über allerlei Vergnügungspartien der vergangenen Woche sowie über Aussichten ähnlicher Art für die nächste.

»Wenn wir die schönen Abende behalten,« sagte Frau von Goethe, »so hätte ich große Lust, in diesen Tagen im Park beim Gesang der Nachtigallen einen Tee zu geben. Was sagen Sie, lieber Vater?« – »Das könnte sehr artig sein!« erwiderte Goethe. – »Und Sie, Eckermann,« sagte Frau von Goethe, »wie stehts mit Ihnen? Darf man Sie einladen?« – »Aber Ottilie!« fiel Fräulein Ulrike ein, »wie kannst du nur den Doktor einladen! Er kommt ja doch nicht; und wenn er kommt, so sitzt er wie auf Kohlen, und man sieht es ihm an, daß seine Seele wo anders ist und daß er je eher je lieber wieder fort möchte.« – »Wenn ich ehrlich sagen soll,« erwiderte ich, »so streife ich freilich lieber mit Doolan im Felde umher. Tee und Teegesellschaft und Teegespräch widerstrebt meiner Natur so sehr, daß es mir schon unheimlich wird, wenn ich nur daran denke.« – »Aber, Eckermann!« sagte Frau von Goethe, »bei einem Tee im Park sind Sie ja im Freien und ganz in Ihrem Element.« – »Im Gegenteil!« sagte ich. »Wenn ich der Natur so nahe bin, daß ich alle Düfte wittere und doch nicht eigentlich hinein kann, so wird es mir ungeduldig wie einer Ente, die man in die Nähe des Wassers bringt, aber am Hineintauchen hindert.« – »Sie könnten auch sagen,« bemerkte Goethe lachend, »es würde Ihnen zu Sinne wie einem Pferde, das seinen Kopf zum Stalle hinausstreckt und auf einer gedehnten Weidefläche vor sich andere Pferde frei umherjagen sieht. Es riecht zwar alle Wonne und Freiheit der frischen Natur, aber es kann nicht hinein. Doch laßt nur den Eckermann, er ist wie er ist, und ihr macht ihn nicht anders. Aber sagen Sie, mein Allerbester, was treiben Sie denn mit Ihrem Doolan die schönen langen Nachmittage im freien Felde?« – »Wir suchen irgendein einsames Tal«, sagte ich, »und schießen mit Pfeil und Bogen.« – »Hm!« sagte Goethe, »das mag kein schlechtes Vergnügen sein.« – »Es ist herrlich,« sagte ich, »um die Gebrechen des Winters los zu werden.« – »Wie aber in aller Welt«, sagte Goethe, »sind Sie hier in Weimar zu Pfeil und Bogen gekommen?« – »Zu den Pfeilen«, erwiderte ich, »habe ich mir in dem Feldzuge von 1814 ein Modell aus Brabant mitgebracht. Das Schießen mit Pfeil und Bogen ist dort allgemein. Es ist keine Stadt so gering, die nicht ihre Bogengesellschaften hätte. Sie haben ihren Stand in irgendeiner Schenke, ähnlich unseren Kegelbahnen, und vereinigen sich gewöhnlich spät am Nachmittage, wo ich ihnen oft mit dem größten Vergnügen zugesehen. Was waren das für wohlgewachsene Männer und was für malerische Stellungen, wenn sie die Senne zogen! Wie waren die Kräfte entwickelt, und wie waren sie geschickte Treffer! Sie schossen gewöhnlich in einer Entfernung von sechzig bis achtzig Schritt nach einer Papierscheibe auf einer nassen Lehmwand; sie schossen rasch hintereinander und ließen die Pfeile stecken. Und da war es nicht selten, daß von funfzehn Pfeilen fünf im Zentrum staken, von der Größe eines Talers, und die übrigen in der Nähe umher. Wenn alle geschossen hatten, gingen sie hin, und jeder zog seinen Pfeil aus der weichen Wand, und das Spiel ging von vorne. Ich war damals für dieses Bogenschießen so begeistert, daß ich dachte, es sei etwas Großes es in Deutschland einzuführen, und ich war so dumm, daß ich glaubte, es sei möglich. Ich handelte wiederholt auf einen Bogen; allein unter zwanzig Franken war keiner zu haben, und wie sollte ich armer Feldjäger so viel Geld auftreiben! Ich beschränkte mich daher auf einen Pfeil als das Wichtigere und Künstlichere, den ich in einer Fabrik zu Brüssel für einen Franken kaufte und neben einer Zeichnung als meine einzige Eroberung mit in meine Heimat brachte.«

»Das sieht Ihnen ähnlich«, erwiderte Goethe. »Aber denken Sie nur nicht, man könnte etwas Natürliches und Schönes populär machen. Zum wenigsten will es Zeit haben und verlangt verzweifelte Künste. Aber ich kann mir denken, es mag schön sein dieses Brabanter Schießen. Unser deutsches Kegelbahnvergnügen erscheint dagegen roh und ordinär und hat sehr viel vom Philister.«

»Das Schöne beim Bogenschießen ist,« erwiderte ich, »daß es den Körper gleichmäßig entwickelt und die Kräfte gleichmäßig in Anspruch nimmt. Da ist der linke Arm, der den Bogen hinaushält, straff, stark und ohne Wanken; da ist der rechte, der mit dem Pfeil die Senne zieht und nicht weniger kräftig sein muß. Zugleich beide Füße und Schenkel strack zum Boden gestreckt, dem Oberkörper als feste Basis. Das zielende Auge, die Muskeln des Halses und Nackens, alles in hoher Spannung und Tätigkeit. Und nun das Gefühl und die Freude, wenn der Pfeil hinauszischt und im erwünschten Ziele steckt! Ich kenne keine körperliche Übung, die nur irgend damit zu vergleichen.«

»Es wäre etwas für unsere Turnanstalten«, versetzte Goethe. »Und da sollte es mich nicht wundern, wenn wir nach zwanzig Jahren in Deutschland tüchtige Bogenschützen zu Tausenden hätten. Überhaupt mit einer erwachsenen Generation ist nie viel zu machen, in körperlichen Dingen wie in geistigen, in Dingen des Geschmacks wie des Charakters. Seid aber klug und fanget in den Schulen an, und es wird gehen.«

»Aber unsere deutschen Turnlehrer«, erwiderte ich, »wissen mit Pfeil und Bogen nicht umzugehen.«

»Nun,« antwortete Goethe, »da mögen sich einige Turnanstalten vereinigen und einen tüchtigen Schützen aus Flandern oder Brabant kommen lassen. Oder sie mögen auch einige hübsche wohlgewachsene junge Turner nach Brabant schicken, daß sie sich dort zu guten Schützen ausbilden und auch lernen, wie man die Bogen schnitze und die Pfeile mache. Diese könnten dann in deutschen Turnanstalten als Lehrer eintreten, als wandernde Lehrer, die sich bald bei dieser Anstalt eine Zeitlang aufhielten und bald bei einer andern.

Ich bin«, fuhr Goethe fort, »den deutschen Turnübungen durchaus nicht abgeneigt. Um so mehr hat es mir leid getan, daß sich sehr bald allerlei Politisches dabei einschlich, so daß die Behörden sich genötigt sahen, sie zu beschränken oder wohl gar zu verbieten und aufzuheben. Dadurch ist nun das Kind mit dem Bade verschüttet. Aber ich hoffe, daß man die Turnanstalten wieder herstelle, denn unsere deutsche Jugend bedarf es, besonders die studierende, der bei dem vielen geistigen und gelehrten Treiben alles körperliche Gleichgewicht fehlt und somit jede nötige Tatkraft zugleich. Aber sagen Sie mir noch etwas von Ihrem Pfeil und Bogen. Also einen Pfeil haben Sie sich aus Brabant mitgebracht? Ich möchte ihn sehen.«

»Er ist längst verloren«, erwiderte ich. »Aber ich hatte ihn so gut in Gedanken, daß es mir gelungen ist, ihn wieder herzustellen, und zwar statt des einen ein ganzes Dutzend. Das war aber gar nicht so leicht, als ich mir dachte, und ich habe dabei allerlei vergebliche Versuche gemacht und allerlei Mißgriffe getan, aber eben dadurch endlich auch allerlei gelernt. Zuerst kam es auf den Schaft an, und zwar daß dieser grade sei und nach einiger Zeit sich nicht werfe; sodann daß er leicht sei und zugleich so fest, daß er bei dem Anprallen an einen harten Gegenstand nicht zersplittere. Ich machte Versuche mit dem Holz der Pappel, dann der Fichte, dann der Birke; aber es erwies sich alles in einer oder der anderen Hinsicht als mangelhaft und war nicht das, was es sein sollte. Dann machte ich Versuche mit dem Holz der Linde, und zwar aus einem schlanken, grade gewachsenen Stammende, und ich fand durchaus, was ich wünschte und suchte. Ein solcher Pfeilschaft war leicht, grade, und fest wegen sehr feiner Faser. Nun war das Nächste, das untere Ende mit einer Hornspitze zu versehen; aber es zeigte sich bald, daß nicht jedes Horn tauglich und daß es aus dem Kerne geschnitten sein müsse, um beim Schuß auf einen harten Gegenstand nicht zu zersplittern. Das Schwierigste und Künstlichste war aber jetzt noch zu tun, nämlich den Pfeil zu befiedern. Was habe ich da gepfuscht und für Mißgriffe getan, ehe es mir gelang und ich es darin zu einiger Geschicklichkeit brachte!«

»Nicht wahr,« sagte Goethe, »die Federn werden nicht in den Schaft eingelassen, sondern aufgeleimt?«

»Sie werden aufgeleimt,« erwiderte ich; »aber das muß so fest, zierlich und gut geschehen, daß es aussieht, als wären sie mit dem Schafte eins und aus ihm hervorgewachsen. Auch ist es nicht gleichgültig, welches Leim man nimmt. Ich habe gefunden, daß Hausenblase, einige Stunden in Wasser eingeweicht und dann mit etwas hinzugegossenem Spiritus über gelindem Kohlenfeuer schleimartig aufgelöst, das Beste war; auch sind die aufzuleimenden Federn nicht von einerlei Brauchbarkeit. Zwar sind die abgezogenen Fahnen der Schwungfedern jedes großen Vogels gut, doch habe ich die roten Flügelfedern des Pfau, die großen Federn des Truthahn, besonders aber die starken und prächtigen von Adler und Trappe als die vorzüglichsten gefunden.«

»Ich höre dieses alles mit großem Interesse«, sagte Goethe. »Wer Sie nicht kennt, sollte kaum glauben, daß Ihre Richtungen so lebendig wären. Aber sagen Sie mir nun auch, wie Sie zu einem Bogen gekommen.«

»Ich habe mir selber einige gemacht,« erwiderte ich, »aber dabei anfänglich auch wieder ganz entsetzlich gepfuscht. Dann habe ich mich mit Tischlern und Wagnern beraten, alle Holzarten der hiesigen Gegend durchprobiert, und bin nun endlich zu ganz guten Resultaten gekommen. Ich hatte bei der Wahl des Holzes dahin zu trachten, daß der Bogen sich weich aufziehe, daß er rasch und stark zurückschnelle und daß die Federkraft von Dauer. Ich machte zuerst Versuche mit der Esche, und zwar dem astlosen Stamm einer etwa zehnjährigen von der Dicke eines mäßigen Armes. Ich kam aber beim Ausarbeiten auf den Kern, welches nicht gut war und wo ich das Holz grob und lose fand. Man riet mir darauf, einen Stamm zu nehmen, der stark genug sei, um ihn schlachten zu können, und zwar zu vier Teilen.«

»Schlachten,« fragte Goethe, »was ist das?«

»Es ist ein Kunstausdruck der Wagner«, erwiderte ich, »und heißt soviel als spalten, und zwar wird dabei ein Keil durch den Stamm der Länge nach von einem Ende bis zum andern durchgetrieben. War nun der Stamm grade gewachsen, ich meine: strebte die Faser in grader Richtung aufwärts, so werden auch die geschlachteten Stücke grade sein und sich durchaus zum Bogen eignen. War aber der Stamm gewunden, so werden die geschlachteten Stücke, indem der Keil der Faser nachgeht, eine gekrümmte, gewundene Richtung haben und zum Bogen nicht zu gebrauchen sein.«

»Wie wäre es aber,« sagte Goethe, »wenn man einen solchen Stamm mit der Säge in vier Teile schnitte? da bekäme man doch auf jeden Fall grade Stücke.«

»Man würde«, erwiderte ich, »bei einem Stamm mit etwas gewundener Richtung die Faser durchschneiden, und das würde die Teile zu einem Bogen durchaus unbrauchbar machen.«

»Ich begreife,« sagte Goethe, »ein Bogen mit durchschnittener Faser würde brechen. Doch erzählen Sie weiter, die Sache interessiert mich.«

»Ich machte also«, fuhr ich fort, »meinen zweiten Bogen aus einem Stück geschlachteter Esche. Es war an der Rückseite keine Faser durchschnitten, der Bogen war stark und fest, aber es zeigte sich der Fehler, daß er beim Aufziehen nicht weich, sondern hart war. ›Sie werden‹, sagte der Wagner, ›ein Stück Samenesche genommen haben, welches immer ein sehr steifes Holz ist; nehmen Sie aber von der zähen, wie sie bei Hopfgarten und Zimmern wächst, so wird es besser gehen.‹ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß zwischen Esche und Esche ein großer Unterschied, und daß bei allen Holzarten sehr viel auf den Ort und auf den Boden ankomme, wo sie gewachsen. Ich erfuhr, daß das Holz des Ettersberges als Nutzholz wenigen Wert habe, daß dagegen das Holz aus der Umgegend von Nohra eine besondere Festigkeit besitze, weshalb denn die weimarischen Fuhrleute zu Wagenreparaturen, die in Nohra gemacht, ein ganz besonderes Vertrauen hätten. Ich machte im Lauf meiner weiteren Bemühungen ferner die Erfahrung, daß alles auf der Winterseite eines Abhanges gewachsene Holz fester und von graderer Faser befunden wird als das auf der Sommerseite gewachsene. Auch ist es begreiflich. Denn ein junger Stamm, der in der schattigen Nordseite eines Abhanges aufwächst, hat nur Licht und Sonne nach oben zu suchen, weshalb er denn, sonnenbegierig, fortwährend aufwärts strebt und die Faser in grader Richtung mit emporzieht. Auch ist ein schattiger Stand der Bildung einer feineren Faser günstig, welches sehr auffallend an solchen Bäumen zu sehen ist, die einen so freien Stand hatten, daß ihre Südseite lebenslänglich der Sonne ausgesetzt war, während ihre Nordseite fortwährend im Schatten blieb. Liegt ein solcher Stamm in Teile zersägt vor uns da, so bemerkt man, daß der Punkt des Kernes sich keineswegs in der Mitte befindet, sondern bedeutend nach der einen Seite zu. Und diese Verschiebung des Mittelpunktes rührt daher, daß die Jahresringe der Südseite durch fortwährende Sonnenwirkung sich bedeutend stärker entwickelt haben und daher breiter sind als die Jahresringe der schattigen Nordseite. Tischler und Wagner, wenn es ihnen um ein festes feines Holz zu tun ist, wählen daher lieber die feiner entwickelte Nordseite eines Stammes, welches sie die Winterseite nennen, und dazu ein besonderes Vertrauen haben.«

»Sie können denken,« sagte Goethe, »daß Ihre Beobachtungen für mich, der sich ein halbes Leben mit dem Wachstum der Pflanzen und Bäume beschäftiget hat, von besonderem Interesse sind. Doch erzählen Sie weiter! Sie machten also wahrscheinlich darauf einen Bogen von der zähen Esche.«

»Ich tat so,« erwiderte ich, »und zwar nahm ich ein gut geschlachtetes Stück von der Winterseite, wo ich auch eine ziemlich feine Faser fand. Auch war der Bogen weich im Aufziehen und von guter Schnellkraft. Allein nachdem er einige Monate im Gebrauch gewesen, zeigte sich bereits eine merkliche Krümmung, und es war deutlich, daß die Spannkraft nicht Stich halte. Ich machte dann Versuche mit dem Stamm einer jungen Eiche, welches auch ganz gutes Holz war, wobei ich aber nach einiger Zeit denselbigen Fehler fand; dann mit dem Stamm der Walnuß, welches besser, und zuletzt mit dem Stamm des feinblättrigen Ahorn, des sogenannten Maßholder, welches das beste war und nichts weiter zu wünschen übrig ließ.«

»Ich kenne das Holz,« erwiderte Goethe, »man findet es auch häufig in Hecken. Ich kann mir denken, daß es gut ist. Doch habe ich selten einen jungen Stamm gefunden, der ohne Äste war, und Sie bedürfen doch wohl zum Bogen ein Holz, das ganz frei von Ästen ist?«

»Ein junger Stamm«, erwiderte ich, »ist freilich nicht ohne Äste; doch wenn man ihn zum Baume aufzieht, so werden ihm die Äste genommen; oder wenn er im Dickicht aufwächst, so verlieren sie sich mit der Zeit von selber. War nun ein Stamm, als man ihm die Äste nahm, etwa drei bis vier Zoll im Durchmesser, und läßt man ihn nun fortwachsen und jährlich neues Holz von außen sich anbilden, so wird nach Verlauf von funfzig bis achtzig Jahren das astreiche Innere mit mehr als einem halben Fuß gesunden astfreien Holzes überwachsen sein. Ein solcher Stamm steht dann mit der glattesten Außenseite vor uns; aber man weiß freilich nicht, was er im Innern für Tücke hat. Man wird daher auf jeden Fall sicher gehen, wenn man bei einer aus solchem Stamm gesägten Bohle sich gleichfalls an die Außenseite hält und einige Zoll von demjenigen Stück sich abschneiden läßt, was zunächst unter der Rinde war, also den Splint und was ihm folgt, welches überhaupt das jüngste, zäheste und zu einem Bogen das tauglichste Holz ist.«

»Ich meinte,« versetzte Goethe »das Holz zu einem Bogen dürfte nicht gesägt, sondern müßte gespalten oder, wie Sie es nennen, geschlachtet werden.«

»Wenn es sich schlachten läßt,« erwiderte ich, »allerdings. Die Esche, die Eiche, auch wohl der Walnuß, läßt sich schlachten, weil es Holz von grober Faser ist. Der Maßholder aber nicht; denn es ist ein Holz von so feiner, fest ineinander gewachsener Faser, daß es sich in der Faserrichtung durchaus nicht trennet, sondern herüber und hinüber reißt, ganz gegen alle Faser und alle natürlich gewachsene Richtung. Das Holz des Maßholder muß daher mit der Säge getrennt werden, und zwar ohne alle Gefahr für die Kraft des Bogens.«

»Hm! Hm!« sagte Goethe. »Sie sind übrigens durch Ihre Bogentendenz zu ganz hübschen Kenntnissen gekommen, und zwar zu lebendigen, die man nur auf praktischem Wege erlangt. Das ist aber immer der Vorteil irgendeiner leidenschaftlichen Richtung, daß sie uns in das Innere der Dinge treibt. Auch ist das Suchen und Irren gut, denn durch Suchen und Irren lernt man. Und zwar lernt man nicht bloß die Sache, sondern den ganzen Umfang. Was wüßte ich von der Pflanze und der Farbe, wenn man meine Theorie mir fertig überliefert und ich beides auswendig gelernt hätte! Aber daß ich eben alles selber suchen und finden und auch gelegentlich irren mußte, dadurch kann ich sagen, daß ich von beiden Dingen etwas weiß, und zwar mehr als auf dem Papiere steht. – Aber sagen Sie mir noch eins von Ihrem Bogen. Ich habe schottische gesehen, die bis zu den Spitzen hinaus ganz grade, andere dagegen, deren Spitzen gekrümmt waren. Welche halten Sie für die besten?«

»Ich halte dafür,« erwiderte ich, »daß bei einem Bogen mit rückwärts geschweiften Enden die Federkraft bei weitem mächtiger ist. Anfangs machte ich sie grade, weil ich nicht verstand, die Enden zu biegen. Nachdem ich aber gelernt damit umzugehen, mache ich die Enden geschweift, und ich finde, daß der Bogen dadurch nicht allein ein schöneres Ansehen, sondern auch eine größere Gewalt erlangt.«

»Nicht wahr,« sagte Goethe, »man bewirkt die Krümmung durch Hitze?«

»Durch feuchte Hitze«, erwiderte ich. »Wenn der Bogen so weit fertig, daß die Spannkraft gleichmäßig verteilt und er nirgendwo mehr schwächer oder stärker ist, als er sein soll, so stelle ich ihn mit dem einen Ende in kochendes Wasser, etwa sechs bis acht Zoll tief, und lasse ihn eine Stunde kochen. Dieses erweichte Ende schraube ich dann in voller Hitze zwischen zwei kleine Klötze, deren innere Linie die Form der Biegung hat, die ich dem Bogen zu geben wünsche. In solcher Klemme lasse ich ihn sodann wenigstens einen ganzen Tag und eine Nacht stehen, damit er völlig austrockne, und verfahre darauf mit dem anderen Ende auf gleiche Weise. So behandelte Spitzen stehen sodann unverwüstlich, als wären sie in solcher Krümmung gewachsen.«

»Wissen Sie was?« versetzte Goethe mit einem geheimnisvollen Lächeln. »Ich glaube, ich habe etwas für Sie, das Ihnen nicht unlieb wäre. Was dächten Sie, wenn wir zusammen hinuntergingen und ich Ihnen einen echten Baschkirenbogen in die Hände legte!«

»Einen Baschkirenbogen?« rief ich voll Begeisterung, »und einen echten?«

»Ja, närrischer Kerl, einen echten!« sagte Goethe. »Kommen Sie nur.«

Wir gingen hinab in den Garten. Goethe öffnete das untere Zimmer eines kleinen Nebengebäudes, das auf den Tischen und an den Wänden umher mit Seltenheiten und Merkwürdigkeiten aller Art vollgepfropft erschien. Ich überlief alle diese Schätze nur flüchtig, meine Augen suchten den Bogen. »Hier haben Sie ihn«, sagte Goethe, indem er ihn in einem Winkel aus einem Haufen von allerlei seltsamen Gerätschaften hervornahm. »Ich sehe, er ist noch in demselbigen Stande, wie er im Jahre 1814 von einem Baschkirenhäuptling mir verehrt wurde. Nun, was sagen Sie?«

Ich war voller Freude, die liebe Waffe in meinen Händen zu halten. Es schien alles unversehrt und auch die Senne noch vollkommen brauchbar. Ich probierte ihn in meinen Händen und fand ihn auch noch von leidlicher Schnellkraft. »Es ist ein guter Bogen«, sagte ich. »Besonders aber gefällt mir die Form, die mir künftig als Modell dienen soll.«

»Von welchem Holz, denken Sie, ist er gemacht?« sagte Goethe.

»Er ist, wie Sie sehen,« erwiderte ich, »mit feiner Birkenschale so überdeckt, daß von dem Holz wenig sichtbar und nur die gekrümmten Enden frei geblieben. Und auch diese sind durch die Zeit so angebräunt, daß man nicht recht sehen kann, was es ist. Auf den ersten Anblick sieht es aus wie junge Eiche, und dann wieder wie Nußbaum. Ich denke, es ist Nußbaum, oder ein Holz, das dem ähnlich. Ahorn oder Maßholder ist es nicht. Es ist ein Holz von grober Faser, auch sehe ich Merkmale, daß es geschlachtet worden.«

»Wie wäre es,« sagte Goethe, »wenn Sie ihn einmal probierten! Hier haben Sie auch einen Pfeil. Doch hüten Sie sich vor der eisernen Spitze, sie könnte vergiftet sein.«

Wir gingen wieder in den Garten, und ich spannte den Bogen. »Nun wohin?« sagte Goethe. – »Ich dächte, erst einmal in die Luft«, erwiderte ich. – »Nur zu!« sagte Goethe. Ich schoß hoch liegen die sonnigen Wolken in blauer Luft. Der Pfeil hielt sich gut, dann bog er sich und sauste wieder herab und fuhr in die Erde. »Nun lassen Sie mich einmal«, sagte Goethe. Ich war glücklich, daß er auch schießen wollte. Ich gab ihm den Bogen und holte den Pfeil. Goethe schob die Kerbe des Pfeiles in die Senne, auch faßte er den Bogen richtig, doch dauerte es ein Weilchen, bis er damit zurechte kam. Nun zielte er nach oben und zog die Senne. Er stand da wie der Apoll, mit unverwüstlicher innerer Jugend, doch alt an Körper. Der Pfeil erreichte nur eine sehr mäßige Höhe und senkte sich wieder zur Erde. Ich lief und holte den Pfeil. »Noch einmal!« sagte Goethe. Er zielte jetzt in horizontaler Richtung den sandigen Weg des Gartens hinab. Der Pfeil hielt sich etwa dreißig Schritt ziemlich gut, dann senkte er sich und schwirrte am Boden hin. Goethe gefiel mir bei diesem Schießen mit Pfeil und Bogen über die Maßen. Ich dachte an die Verse:

Läßt mich das Alter im Stich?
Bin ich wieder ein Kind?

Ich brachte ihm den Pfeil zurück. Er bat mich, auch einmal in horizontaler Richtung zu schießen, und gab mir zum Ziel einen Fleck im Fensterladen seines Arbeitszimmers. Ich schoß. Der Pfeil war nicht weit vom Ziele, aber so tief in das weiche Holz gefahren, daß es mir nicht gelang, ihn wieder herauszubringen. »Lassen Sie ihn stecken,« sagte Goethe, »er soll mir einige Tage als eine Erinnerung an unsere Späße dienen.«

Wir gingen bei dem schönen Wetter im Garten auf und ab; dann setzten wir uns auf eine Bank, mit dem Rücken gegen das junge Laub einer dicken Hecke. Wir sprachen über den Bogen des Odysseus, über die Helden des Homer, dann über die griechischen Tragiker, und endlich über die vielverbreitete Meinung, daß das griechische Theater durch Euripides in Verfall geraten. Goethe war dieser Meinung keineswegs.

»Überhaupt«, sagte er, »bin ich nicht der Ansicht, daß eine Kunst durch irgendeinen einzelnen Mann in Verfall geraten könne. Es muß dabei sehr vieles zusammenwirken, was aber nicht so leicht zu sagen. Die tragische Kunst der Griechen konnte so wenig durch Euripides in Verfall geraten, als die bildende Kunst durch irgendeinen großen Bildhauer, der neben Phidias lebte, aber geringer war. Denn die Zeit, wenn sie groß ist, geht auf dem Wege des Besseren fort, und das Geringere bleibt ohne Folge.

Was war aber die Zeit des Euripides für eine große Zeit! Es war nicht die Zeit eines rückschreitenden, sondern die Zeit eines vorschreitenden Geschmackes. Die Bildhauerei hatte ihren höchsten Gipfel noch nicht erreicht, und die Malerei war noch im früheren Werden.

Hatten die Stücke des Euripides, gegen die des Sophokles gehalten, große Fehler, so war damit nicht gesagt, daß die nachkommenden Dichter diese Fehler nachahmen und an diesen Fehlern zugrunde gehen mußten. Hatten sie aber große Tugenden, so daß man einige sogar den Stücken des Sophokles vorziehen mochte, warum strebten denn die nachkommenden Dichter nicht diesen Tugenden nach, und warum wurden sie denn nicht wenigstens so groß als Euripides selber! –

Erschien aber nach den bekannten drei großen Tragikern dennoch kein ebenso großer vierter, fünfter und sechster, so ist das freilich eine Sache, die nicht so leicht zu beantworten ist, worüber man jedoch seine Vermutungen haben und der man wohl einigermaßen nahe kommen kann.

Der Mensch ist ein einfaches Wesen. Und wie reich, mannigfaltig und unergründlich er auch sein mag, so ist doch der Kreis seiner Zustände bald durchlaufen.

»Wären es Umstände gewesen wie bei uns armen Deutschen, wo Lessing zwei bis drei, ich selber drei bis vier, und Schiller fünf bis sechs passable Theaterstücke geschrieben, so wäre auch wohl noch für einen vierten, fünften und sechsten tragischen Poeten Raum gewesen.

Allein bei den Griechen und dieser Fülle ihrer Produktion, wo jeder der drei Großen über hundert oder nahe an hundert Stücke geschrieben hatte und die tragischen Sujets des Homer und der Heldensage zum Teil drei- bis viermal behandelt waren, bei solcher Fülle des Vorhandenen, sage ich, kann man wohl annehmen, daß Stoff und Gehalt nach und nach erschöpft war und ein auf die drei Großen folgender Dichter nicht mehr recht wußte, wo hinaus.

Und im Grunde, wozu auch! – War es denn nicht endlich für eine Weile genug! Und war das von Äschylos, Sophokles und Euripides Hervorgebrachte nicht der Art und Tiefe, daß man es hören und immer wieder hören konnte, ohne es trivial zu machen und zu töten? – Sind doch diese auf uns gekommenen wenigen grandiosen Trümmer schon von solchem Umfang und solcher Bedeutung, daß wir armen Europäer uns bereits seit Jahrhunderten damit beschäftigen und noch einige Jahrhunderte daran werden zu zehren und zu tun haben.«

 << Kapitel 258  Kapitel 260 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.