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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 249
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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1825

Dienstag, den 22. März 1825

Diese Nacht, bald nach zwölf Uhr, wurden wir durch Feuerlärm geweckt; man rief: es brenne im Theater! Ich warf mich sogleich in meine Kleider und eilte an Ort und Stelle. Die allgemeine Bestürzung war groß. Noch vor wenigen Stunden waren wir durch das treffliche Spiel von La Roche im ›Juden‹ von Cumberland entzückt worden, und Seidel hatte durch gute Laune und Späße allgemeines Lachen erregt. Und jetzt raste an dieser selbigen Stelle kaum genossener geistiger Freuden das schrecklichste Element der Vernichtung.

Das Feuer schien, durch Heizung veranlaßt, im Parterre ausgebrochen zu sein, hatte bald die Bühne und das dürre Lattenwerk der Kulissen ergriffen, und so, durch die reichlichste Nahrung brennbarer Stoffe schnell zum Ungeheuer erwachsen, dauerte es nicht lange, bis die Flamme überall zum Dache herausschlug und die Sparren zusammenkrachten.

In den Anstalten zum Löschen war kein Mangel. Das Gebäude war nach und nach ganz mit Spritzen umstellt, die eine Unmasse von Wasser in die Glut gossen. Allein es war alles ohne Erfolg. Die Flamme raste nach wie vor aufwärts und trieb unerschöpflich eine Masse glühender Funken und brennende Stücke leichter Stoffe gegen den dunkelen Himmel, die sodann mit geringem Lufthauche seitwärts über die Stadt zogen. Der Lärm und das Rufen und Schreien der an den Feuerleitern und Spritzen arbeitenden Menschenmasse war groß. Alle Kräfte waren in Aufregung, man schien mit Gewalt siegen zu wollen. Ein wenig seitwärts, so nahe die Glut es erlaubte, stand ein Mann im Mantel und Militärmütze, in der ruhigsten Fassung eine Zigarre rauchend. Er schien beim ersten Anblick ein müßiger Zuschauer zu sein; allein er war es nicht. Personen gingen von ihm aus, denen er mit wenigen Worten Befehle erteilte, die sogleich vollzogen wurden. Es war der Großherzog Carl August. Er hatte bald gesehen, daß das Gebäude selbst nicht zu retten war; er befahl daher, es in sich zusammenzustürzen und alle nur entbehrlichen Spritzen gegen die Nachbarhäuser zu wenden, die von der nahen Glut sehr zu leiden hatten. Er schien in fürstlicher Resignation zu denken:

Das brenne nieder! –
Schöner baut sichs wieder auf.

Er hatte nicht unrecht. Das Theater war alt, keineswegs schön und lange nicht geräumig genug, um ein sich mit jedem Jahre vergrößerndes Publikum zu fassen. Allein immerhin war es zu bedauern, gerade dieses Gebäude, an das sich für Weimar so viele Erinnerungen einer großen und lieben Vergangenheit knüpften, rettungslos verloren zu zu sehen.

Ich sah in schönen Augen viele Tränen, die seinem Untergange flossen. Nicht weniger rührte mich ein Mitglied der Kapelle; er weinte um seine verbrannte Geige.

Als der Tag anbrach, sah ich viele bleiche Gesichter. Ich bemerkte verschiedene junge Mädchen und Frauen der höheren Stände, die den Verlauf des Brandes die ganze Nacht abgewartet hatten und nun in der kalten Morgenluft einiges Frösteln verspürten. Ich ging nach Hause, um ein wenig zu ruhen, dann im Laufe des Vormittags zu Goethe.

Der Bediente sagte mir, er sei unwohl und im Bette. Doch ließ Goethe mich in seine Nähe rufen. Er streckte mir seine Hand entgegen. »Wir haben alle verloren,« sagte er, »allein was ist zu tun! Mein Wölfchen kam diesen Morgen früh an mein Bette; er faßte meine Hand, und indem er mich mit großen Augen ansah, sagte er: ›So gehts den Menschen!‹ Was läßt sich weiter sagen als dieses Wort meines lieben Wolf, womit er mich zu trösten suchte. Der Schauplatz meiner fast dreißigjährigen liebevollen Mühe liegt in Schutt und Trümmer. Allein, wie Wolf sagt, so gehts den Menschen. Ich habe die ganze Nacht wenig geschlafen; ich sah aus meinen vorderen Fenstern die Flamme unaufhörlich gegen den Himmel steigen. Sie mögen denken, daß mir mancher Gedanke an die alten Zeiten, an meine vieljährigen Wirkungen mit Schiller und an das Herankommen und Wachsen manches lieben Zöglings durch die Seele gegangen ist, und daß ich nicht ohne einige innere Bewegung davongekommen bin. Ich denke mich daher heute auch ganz weislich zu Bette zu halten.«

Ich lobte ihn wegen seiner Vorsicht. Doch schien er mir nicht im geringsten schwach und angegriffen, vielmehr ganz behaglich und heiterer Seele. Es schien mir vielmehr dieses im Bette liegen eine alte Kriegslist zu sein, die er bei irgendeinem außerordentlichen Ereignis anzuwenden pflegt, wo er den Zudrang vieler Besuche fürchtet.

Goethe bat mich, auf einem Stuhl vor seinem Bette Platz zu nehmen und ein wenig dazubleiben. »Ich habe viel an Euch gedacht und Euch bedauert«, sagte er. »Was wollt Ihr nun mit Euren Abenden anfangen!«

»Sie wissen,« erwiderte ich, »wie leidenschaftlich ich das Theater liebe. Als ich vor zwei Jahren hierher kam, kannte ich außer drei bis vier Stücken, die ich in Hannover gesehen, so gut wie gar nichts. Nun war mir alles neu, Personal wie Stücke; und da ich nun nach Ihrem Rat mich ganz den Eindrücken der Gegenstände hingab, ohne darüber viel denken und reflektieren zu wollen, so kann ich in Wahrheit sagen, daß ich diese beiden Winter im Theater die harmlosesten, lieblichsten Stunden verlebt habe, die mir je zuteil geworden. Auch war ich in das Theater so vernarrt, daß ich nicht allein keine Vorstellung versäumte, sondern mir auch Zutritt zu den Proben verschaffte; ja, auch damit noch nicht zufrieden, konnte ich wohl am Tage, wenn ich im Vorbeigehen zufällig die Türen offen fand, mich halbe Stunden lang auf die leeren Bänke des Parterr's setzen und mir Szenen imaginieren, die man etwa jetzt spielen könnte.«

»Ihr seid eben ein verrückter Mensch,« erwiderte Goethe lachend; »aber so hab ichs gerne. Wollte Gott, das ganze Publikum bestände aus solchen Kindern! – Und im Grunde habt Ihr recht, es ist was. Wer nicht ganz verwöhnt und hinlänglich jung ist, findet nicht leicht einen Ort, wo es ihm so wohl sein könnte als im Theater. Man macht an Euch gar keine Ansprüche, Ihr braucht den Mund nicht aufzutun, wenn Ihr nicht wollt; vielmehr sitzt Ihr im völligen Behagen wie ein König und laßt Euch alles bequem vorführen und Euch Geist und Sinne traktieren, wie Ihr es nur wünschen könnt. Da ist Poesie, da ist Malerei, da ist Gesang und Musik, da ist Schauspielkunst, und was nicht noch alles! Wenn alle diese Künste und Reize von Jugend und Schönheit an einem einzigen Abend, und zwar auf bedeutender Stufe zusammenwirken, so gibt es ein Fest, das mit keinem andern zu vergleichen. Wäre aber auch einiges schlecht und nur einiges gut, so ist es immer noch mehr, als ob man zum Fenster hinaussähe oder in irgendeiner geschlossenen Gesellschaft beim Dampf von Zigarren eine Partie Whist spielte. Das Weimarische Theater ist, wie Sie fühlen, noch keineswegs zu verachten; es ist immer noch ein alter Stamm aus unserer besten Zeit da, dem sich neuere frische Talente zugebildet haben, und wir können immer noch etwas produzieren, das reizt und gefällt und wenigstens den Schein eines Ganzen bietet.«

»Ich hätte es vor zwanzig, dreißig Jahren sehen mögen!« versetzte ich.

»Das war freilich eine Zeit,« erwiderte Goethe, »die uns mit großen Avantagen zu Hilfe kam. Denken Sie sich, daß die langweilige Periode des französischen Geschmacks damals noch nicht gar lange vorbei und das Publikum noch keineswegs überreizt war, daß Shakespeare noch in seiner ersten Frische wirkte, daß die Opern von Mozart jung, und endlich, daß die Schillerschen Stücke erst von Jahr zu Jahr hier entstanden und auf dem Weimarischen Theater, durch ihn selber einstudiert, in ihrer ersten Glorie gegeben wurden – und Sie können sich vorstellen, daß mit solchen Gerichten Alte und Junge zu traktieren waren und daß wir immer ein dankbares Publikum hatten.«

»Ältere Personen,« bemerkte ich, »die jene Zeit erlebt haben, können mir nicht genug rühmen, auf welcher Höhe das Weimarische Theater damals gestanden.«

»Ich will nicht leugnen,« erwiderte Goethe, »es war etwas. Die Hauptsache aber war dieses, daß der Großherzog mir die Hände durchaus frei ließ und ich schalten und machen konnte, wie ich wollte. Ich sah nicht auf prächtige Dekorationen und eine glänzende Garderobe, aber ich sah auf gute Stücke. Von der Tragödie bis zur Posse, mir war jedes Genre recht; aber ein Stück mußte etwas sein, um Gnade zu finden. Es mußte groß und tüchtig, heiter und graziös, auf alle Fälle aber gesund sein und einen gewissen Kern haben. Alles Krankhafte, Schwache, Weinerliche und Sentimentale, sowie alles Schreckliche, Greuelhafte und die gute Sitte Verletzende war ein für allemal ausgeschlossen; ich hätte gefürchtet, Schauspieler und Publikum damit zu verderben.

Durch die guten Stücke aber hob ich die Schauspieler. Denn das Studium des Vortrefflichen und die fortwährende Ausübung des Vortrefflichen mußte notwendig aus einem Menschen, den die Natur nicht im Stich gelassen, etwas machen. Auch war ich mit den Schauspielern in beständiger persönlicher Berührung. Ich leitete die Leseproben und machte jedem seine Rolle deutlich; ich war bei den Hauptproben gegenwärtig und besprach mit ihnen, wie etwas besser zu tun; ich fehlte nicht bei den Vorstellungen und bemerkte am andern Tage alles, was mir nicht recht erschienen.

Dadurch brachte ich sie in ihrer Kunst weiter. – Aber ich suchte auch den ganzen Stand in der äußern Achtung zu heben, indem ich die Besten und Hoffnungsvollsten in meine Kreise zog und dadurch der Welt zeigte, daß ich sie eines geselligen Verkehrs mit mir wert achtete. Hiedurch geschah aber, daß auch die übrige höhere weimarische Gesellschaft hinter mir nicht zurückblieb und daß Schauspieler und Schauspielerinnen in die besten Zirkel bald einen ehrenvollen Zutritt gewannen. Durch alles mußte für sie eine große innere wie äußere Kultur hervorgehen. Meine Schüler Wolff in Berlin sowie unser Durand sind Leute von dem feinsten geselligen Takt. Herr Oels und Graff haben hinreichende höhere Bildung, um der besten Gesellschaft Ehre zu machen.

Schiller verfuhr in demselbigen Sinne wie ich. Er verkehrte mit Schauspielern und Schauspielerinnen sehr viel. Er war gleich mir bei allen Proben gegenwärtig, und nach jeder gelungenen Vorstellung von einem seiner Stücke pflegte er sie zu sich einzuladen und sich mit ihnen einen guten Tag zu machen. Man freute sich gemeinsam an dem, was gelungen, und besprach sich über das, was etwa das nächste Mal besser zu tun sei. Aber schon als Schiller bei uns eintrat, fand er Schauspieler wie Publikum bereits im hohen Grade gebildet vor, und es ist nicht zu leugnen, daß es dem raschen Erfolg seiner Stücke zugute kam.«

Es machte mir viele Freude, Goethe so ausführlich über einen Gegenstand sprechen zu hören, der für mich immer ein großes Interesse hatte und der besonders durch das Unglück dieser Nacht bei mir obenauf war.

»Der heutige Brand des Hauses,« sagte ich, »in welchem Sie und Schiller eine lange Reihe von Jahren so viel Gutes gewirkt, beschließt gewissermaßen auch äußerlich eine große Epoche, die für Weimar so bald nicht zurückkommen dürfte. Sie müssen doch in jener Zeit bei Ihrer Leitung des Theaters und bei dem außerordentlichen Erfolg, den es hatte, viele Freude erlebt haben!«

»Auch nicht geringe Last und Not!« erwiderte Goethe mit einem Seufzer.

»Es mag schwer sein,« sagte ich, »ein so vielköpfiges Wesen in gehöriger Ordnung zu halten.«

»Sehr viel«, erwiderte Goethe, »ist zu erreichen durch Strenge, mehr durch Liebe, das meiste aber durch Einsicht und eine unparteiische Gerechtigkeit, bei der kein Ansehn der Person gilt.

Ich hatte mich vor zwei Feinden zu hüten, die mir hätten gefährlich werden können. Das eine war meine leidenschaftliche Liebe des Talents, das leicht in den Fall kommen konnte, mich parteiisch zu machen. Das andere will ich nicht aussprechen, aber Sie werden es erraten. Es fehlte bei unserm Theater nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer Anmut der Seele waren. – Ich fühlte mich zu mancher leidenschaftlich hingezogen; auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege entgegenkam. Allein ich faßte mich und sagte: Nicht weiter! – Ich kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war. Ich stand hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren Gedeihen mir mehr galt als mein augenblickliches persönliches Glück. Hätte ich mich in irgendeinen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden sein wie ein Kompaß, der unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen einwirkenden Magneten an seiner Seite hat.

Dadurch aber, daß ich mich durchaus rein erhielt und immer Herr meiner selbst blieb, blieb ich auch Herr des Theaters, und es fehlte mir nie die nötige Achtung, ohne welche jede Autorität sehr bald dahin ist.«

Dieses Bekenntnis Goethes war mir sehr merkwürdig. Ich hatte bereits von andern etwas Ähnliches über ihn vernommen und freute mich, jetzt aus seinem eigenen Munde die Bestätigung zu hören. Ich liebte ihn mehr als je und verließ ihn mit einem herzlichen Händedruck.

Ich ging nach der Brandstelle zurück, wo aus dem großen Trümmerhaufen noch Flammen und Qualmsäulen emporstiegen. Man war noch fortwährend mit Löschen und Auseinanderzerren beschäftigt. Ich fand in der Nähe angebrannte Stücke einer geschriebenen Rolle. Es waren Stellen aus Goethes ›Tasso‹.

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