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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 247
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Dienstag, den 18. [25.] Mai 1824

Abends bei Goethe in Gesellschaft mit Riemer. Goethe unterhielt uns von einem englischen Gedicht, das die Geologie zum Gegenstande hat. Er machte uns davon erzählungsweise eine improvisierte Übersetzung mit so vielem Geist, Einbildungskraft und guter Laune, daß jede Einzelnheit lebendig vor Augen trat, als wäre alles eine im Moment entstehende Erfindung von ihm selber. Man sah den Helden des Gedichts, den König Coal, in glänzendem Audienzsaal auf seinem Throne sitzen, seine Gemahlin Pyrites an seiner Seite, in Erwartung der Großen des Reichs. Nach ihrer Rangordnung eintretend, erschienen nach und nach und wurden dem Könige vorgestellt: Herzog Granit, Marquis Schiefer, Gräfin Porphyry, und so die übrigen, die alle mit einigen treffenden Beiwörtern und Späßen charakterisiert wurden. Es tritt ferner ein: Sir Lorenz Urkalk, ein Mann von großen Besitzungen und bei Hofe wohlgelitten. Er entschuldigt seine Mutter, die Lady Marmor, weil ihre Wohnung etwas entfernt sei; übrigens wäre sie eine Dame von großer Kultur- und Politurfähigkeit. Daß sie heute nicht bei Hofe erscheine, hätte übrigens wohl einen Grund in einer Intrige, in welche sie sich mit Canova eingelassen, der ihr sehr schön tue. Tuffstein, mit Eidechsen und Fischen sein Haar verziert, schien etwas betrunken. Hans Mergel und Jakob Thon kommen erst gegen das Ende; letzterer der Königin besonders lieb, weil er ihr eine Muschelsammlung versprochen. Und so ging die Darstellung in dem heitersten Tone eine ganze Weile fort, doch war das Detail zu groß, als daß ich mir den weiteren Verlauf hätte merken können.

»Ein solches Gedichte, sagte Goethe, »ist ganz darauf berechnet, die Weltleute zu amüsieren, indem es zugleich eine Menge nützlicher Kenntnisse verbreitet, die eigentlich niemanden fehlen sollten. Es wird dadurch in den höheren Kreisen der Geschmack für die Wissenschaft angeregt, und man weiß immer nicht, wieviel Gutes in der Folge aus einem so unterhaltenden Halbscherz entstehen kann. Mancher gute Kopf wird vielleicht veranlaßt, im Kreise seines persönlichen Bereichs selber zu beobachten; und solche individuelle Wahrnehmungen aus der uns umgebenden nächsten Natur sind oft um so schätzbarer, je weniger der Beobachtende ein eigentlicher Mann vom Fache war.«

»Sie scheinen also andeuten zu wollen,« versetzte ich, »daß man um so schlechter beobachte, je mehr man wisse?«

»Wenn das überlieferte Wissen mit Irrtümern verbunden,« erwiderte Goethe, »allerdings! Sobald man in der Wissenschaft einer gewissen beschränkten Konfession angehört, ist sogleich jede unbefangene treue Auffassung dahin. Der entschiedene Vulkanist wird immer nur durch die Brille des Vulkanisten sehen, so wie der Neptunist und der Bekenner der neuesten Hebungstheorie durch die seinige. Die Weltanschauung aller solcher in einer einzigen ausschließenden Richtung befangener Theoretiker hat ihre Unschuld verloren, und die Objekte erscheinen nicht mehr in ihrer natürlichen Reinheit. Geben sodann diese Gelehrten von ihren Wahrnehmungen Rechenschaft, so erhalten wir, ungeachtet der höchsten persönlichen Wahrheitsliebe des einzelnen, dennoch keineswegs die Wahrheit der Objekte; sondern wir empfangen die Gegenstände immer nur mit dem Geschmack einer sehr starken subjektiven Beimischung.

Weit entfernt aber bin ich, zu behaupten, daß ein unbefangenes rechtes Wissen der Beobachtung hinderlich wäre, vielmehr behält die alte Wahrheit ihr Recht, daß wir eigentlich nur Augen und Ohren für das haben, was wir kennen. Der Musiker vom Fach hört beim Zusammenspiel des Orchesters jedes Instrument und jeden einzelnen Ton heraus, während der Nichtkenner in der massenhaften Wirkung des Ganzen befangen ist. So sieht ferner der bloß genießende Mensch nur die anmutige Fläche einer grünen oder blumigen Wiese, während dem beobachtenden Botaniker ein unendliches Detail der verschiedenartigsten einzelnen Pflänzchen und Gräser in die Augen fällt.

Doch hat alles sein Maß und Ziel, und wie es schon in meinem ›Götz‹ heißt, daß das Söhnlein vor lauter Gelehrsamkeit seinen eigenen Vater nicht erkennt, so stoßen wir auch in der Wissenschaft auf Leute, die vor lauter Gelehrsamkeit und Hypothesen nicht mehr zum Sehen und Hören kommen. Es geht bei solchen Leuten alles rasch nach innen; sie sind von dem, was sie in sich herumwälzen, so okkupiert, daß es ihnen geht, wie einem Menschen in Leidenschaft, der in der Straße seinen liebsten Freunden vorbeirennt, ohne sie zu sehen. Es gehört zur Naturbeobachtung eine gewisse ruhige Reinheit des Innern, das von gar nichts gestört und präokkupiert ist. Dem Kinde entgeht der Käfer an der Blume nicht, es hat alle seine Sinne für ein einziges einfaches Interesse beisammen, und es fällt ihm durchaus nicht ein, daß zu gleicher Zeit etwa auch in der Bildung der Wolken sich etwas Merkwürdiges ereignen könne, um seine Blicke zugleich auch dorthin zu wenden.«

»Da könnten also«, erwiderte ich, »die Kinder und ihresgleichen recht gute Handlanger in der Wissenschaft abgeben.«

»Wollte Gott,« fiel Goethe ein, »wir wären alle nichts weiter als gute Handlanger! Eben weil wir mehr sein wollen und überall einen großen Apparat von Philosophie und Hypothesen mit uns herumführen, verderben wir es.«

Es entstand eine Pause im Gespräch, die Riemer unterbrach, indem er den Lord Byron und dessen Tod zur Erwähnung brachte. Goethe machte darauf eine glänzende Auseinandersetzung seiner Schriften und war voll des höchsten Lobes und der reinsten Anerkennung. »Übrigens,« fuhr er fort, »obgleich Byron so jung gestorben ist, so hat doch die Literatur hinsichtlich einer gehinderten weiteren Ausdehnung nicht wesentlich verloren. Byron konnte gewissermaßen nicht weiter gehen. Er hatte den Gipfel seiner schöpferischen Kraft erreicht, und was er auch in der Folge noch gemacht haben würde, so hätte er doch die seinem Talent gezogenen Grenzen nicht erweitern können. In dem unbegreiflichen Gedicht seines ›Jüngsten Gerichts‹ hat er das Äußerste getan, was er zu tun fähig war.«

Das Gespräch lenkte sich sodann auf den italienischen Dichter Torquato Tasso, und wie sich dieser zu Lord Byron verhalte; wo denn Goethe die große Überlegenheit des Engländers an Geist, Welt und produktiver Kraft nicht verhehlen konnte. »Man darf«, fügte er hinzu, »beide Dichter nicht miteinander vergleichen, ohne den einen durch den andern zu vernichten. Byron ist der brennende Dornstrauch, der die heilige Zeder des Libanon in Asche legt. Das große Epos des Italieners hat seinen Ruhm durch Jahrhunderte behauptet; aber mit einer einzigen Zeile des ›Don Juan‹ könnte man das ganze ›Befreite Jerusalem‹ vergiften.«

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