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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 201
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Mittwoch, den 30. März 1831

Wir reden wieder über das Dämonische.

»Es wirft sich gern an bedeutende Figuren,« sagte Goethe; »auch wählt es sich gerne etwas dunkele Zeiten. In einer klaren prosaischen Stadt, wie Berlin, fände es kaum Gelegenheit, sich zu manifestieren.«

Goethe sprach hierdurch aus, was ich selber vor einigen Tagen gedacht hatte, welches mir angenehm war, so wie es immer Freude macht, unsere Gedanken bestätigt zu sehen.

Gestern und diesen Morgen las ich den dritten Band seiner Biographie, wobei es mir war wie bei einer fremden Sprache, wo wir nach gemachten Fortschritten ein Buch wieder lesen, das wir früher zu verstehen glaubten, das aber erst jetzt in seinen kleinsten Teilen und Nüancen uns entgegentritt.

»Ihre Biographie ist ein Buch,« sagte ich, »wodurch wir in unserer Kultur uns auf die entschiedenste Weise gefördert sehen.«

»Es sind lauter Resultate meines Lebens,« sagte Goethe, »und die erzählten einzelnen Fakta dienen bloß, um eine allgemeine Beobachtung, eine höhere Wahrheit zu bestätigen.«

»Was Sie unter andern von Basedow erwähnten,« sagte ich, »wie er nämlich zur Erreichung höherer Zwecke die Menschen nötig hat und ihre Gunst erwerben möchte, aber nicht bedenkt, daß er es mit allen verderben muß, wenn er so ohne alle Rücksicht seine abstoßenden religiösen Ansichten äußert und den Menschen dasjenige, woran sie mit Liebe hängen, verdächtig macht – solche und ähnliche Züge erscheinen mir von großer Bedeutung.«

»Ich dächte,« sagte Goethe, »es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens. Ich nannte das Buch ›Wahrheit und Dichtung‹, weil es sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer niedern Realität erhebt. Jean Paul hat nun, aus Geist des Widerspruchs, ›Wahrheit‹ aus seinem Leben geschrieben. Als ob die Wahrheit aus dem Leben eines solchen Mannes etwas anderes sein könnte, als daß der Autor ein Philister gewesen! Aber die Deutschen wissen nicht leicht, wie sie etwas Ungewohntes zu nehmen haben, und das Höhere geht oft an ihnen vorüber, ohne daß sie es gewahr werden. Ein Faktum unseres Lebens gilt nicht, insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hatte.«

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