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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 186
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Dienstag, den 8. März 1831

Heute mit Goethe zu Tisch erzählte er mir zunächst, daß er den ›Ivanhoe‹ lese. »Walter Scott ist ein großes Talent,« sagte er, »das nicht seinesgleichen hat, und man darf sich billig nicht verwundern, daß er auf die ganze Lesewelt so außerordentliche Wirkungen hervorbringt. Er gibt mir viel zu denken, und ich entdecke in ihm eine ganze neue Kunst, die ihre eigenen Gesetze hat.«

Wir sprachen sodann über den vierten Band der Biographie und waren im Hin- und Widerreden über das Dämonische begriffen, ehe wir es uns versahen.

»In der Poesie« sagte Goethe, »ist durchaus etwas Dämonisches, und zwar vorzüglich in der unbewußten, bei der aller Verstand und alle Vernunft zu kurz kommt, und die daher auch so über alle Begriffe wirkt.

Desgleichen ist es in der Musik im höchsten Grade, denn sie steht so hoch, daß kein Verstand ihr beikommen kann, und es geht von ihr eine Wirkung aus, die alles beherrscht und von der niemand imstande ist, sich Rechenschaft zu geben. Der religiöse Kultus kann sie daher auch nicht entbehren; sie ist eins der ersten Mittel, um auf die Menschen wunderbar zu wirken.

So wirft sich auch das Dämonische gern in bedeutende Individuen, vorzüglich wenn sie eine hohe Stellung haben, wie Friedrich und Peter der Große.

Beim verstorbenen Großherzog war es in dem Grade, daß niemand ihm widerstehen konnte. Er übte auf die Menschen eine Anziehung durch seine ruhige Gegenwart, ohne daß er sich eben gütig und freundlich zu erweisen brauchte. Alles, was ich auf seinen Rat unternahm, glückte mir, so daß ich in Fällen, wo mein Verstand und meine Vernunft nicht hinreichte, ihn nur zu fragen brauchte, was zu tun sei, wo er es denn instinktmäßig aussprach und ich immer im voraus eines guten Erfolgs gewiß sein konnte.

Ihm wäre zu gönnen gewesen, daß er sich meiner Ideen und höheren Bestrebungen hätte bemächtigen können; denn wenn ihn der dämonische Geist verließ und nur das Menschliche zurückblieb, so wußte er mit sich nichts anzufangen, und er war übel daran.

Auch in Byron mag das Dämonische in hohem Grade wirksam gewesen sein, weshalb er auch die Attrattiva in großer Maße besessen, so daß ihm denn besonders die Frauen nicht haben widerstehen können.«

»In die Idee vom Göttlichen«, sagte ich versuchend, »scheint die wirkende Kraft, die wir das Dämonische nennen, nicht einzugehen.«

»Liebes Kind,« sagte Goethe, »was wissen wir denn von der Idee des Göttlichen, und was wollen denn unsere engen Begriffe vom höchsten Wesen sagen! Wollte ich es, gleich einem Türken, mit hundert Namen nennen, so würde ich doch noch zu kurz kommen und im Vergleich so grenzenloser Eigenschaften noch nichts gesagt haben.«

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