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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 185
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Sonntag, den 6. März 1831

Mit Goethe zu Tisch in mancherlei Unterhaltungen. Wir reden auch von Kindern und deren Unarten, und er vergleicht sie den Stengelblättern einer Pflanze, die nach und nach von selber abfallen, und wobei man es nicht so genau und so strenge zu nehmen brauche.

»Der Mensch«, sagte er, »hat verschiedene Stufen, die er durchlaufen muß, und jede Stufe führt ihre besonderen Tugenden und Fehler mit sich, die in der Epoche, wo sie kommen, durchaus als naturgemäß zu betrachten und gewissermaßen recht sind. Auf der folgenden Stufe ist er wieder ein anderer, von den früheren Tugenden und Fehlern ist keine Spur mehr, aber andere Arten und Unarten sind an deren Stelle getreten. Und so geht es fort, bis zu der letzten Verwandlung, von der wir noch nicht wissen, wie wir sein werden.«

Zum Nachtisch las Goethe mir sodann einige seit 1775 sich erhaltene Fragmente von ›Hanswursts Hochzeit‹. Kilian Brustfleck eröffnet das Stück mit einem Monolog, worin er sich beklagt, daß ihm Hanswursts Erziehung trotz aller Mühe so schlecht geglückt sei. Die Szene sowie alles übrige war ganz im Tone des ›Faust‹ geschrieben. Eine gewaltige produktive Kraft bis zum Übermut sprach sich in jeder Zeile aus, und ich bedauerte bloß, daß es so über alle Grenzen hinausgehe, daß selbst die Fragmente sich nicht mitteilen lassen. Goethe las mir darauf den Zettel der im Stück spielenden Personen, die fast drei Seiten füllten und sich gegen hundert belaufen mochten. Es waren alle erdenklichen Schimpfnamen, mitunter von der derbsten lustigsten Sorte, so daß man nicht aus dem Lachen kam. Manche gingen auf körperliche Fehler und zeichneten eine Figur dermaßen, daß sie lebendig vor die Augen trat; andere deuteten auf die mannigfaltigsten Unarten und Laster und ließen einen tiefen Blick in die Breite der unsittlichen Welt voraussetzen. Wäre das Stück zustande gekommen, so hätte man die Erfindung bewundern müssen, der es geglückt, so mannigfaltige symbolische Figuren in eine einzige lebendige Handlung zu verknüpfen.

»Es war nicht zu denken, daß ich das Stück hätte fertig machen können,« sagte Goethe, »indem es einen Gipfel von Mutwillen voraussetzte, der mich wohl augenblicklich anwandelte, aber im Grunde nicht in dem Ernst meiner Natur lag, und auf dem ich mich also nicht halten konnte. Und dann sind in Deutschland unsere Kreise zu beschränkt, als daß man mit so etwas hätte hervortreten können. Auf einem breiten Terrain wie Paris mag dergleichen sich herumtummeln, so wie man auch dort wohl ein Béranger sein kann, welches in Frankfurt oder Weimar gleichfalls nicht zu denken wäre.«

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