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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 182
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Montag, den 28. Februar 1831

Ich beschäftige mich den ganzen Tag mit dem Manuskript des vierten Bandes von Goethes ›Leben‹, das er mir gestern zusandte, um zu prüfen, was daran etwa noch zu tun sein möchte. Ich bin glücklich über dieses Werk, indem ich bedenke, was es schon ist und was es noch werden kann. Einige Bücher erscheinen ganz vollendet und lassen nichts Weiteres wünschen. An andern dagegen ist noch ein gewisser Mangel an Kongruenz wahrzunehmen, welches daher entstanden sein mag, daß zu sehr verschiedenen Epochen daran ist gearbeitet worden.

Dieser ganze vierte Band ist sehr verschieden von den drei früheren. Jene sind durchaus fortschreitend in einer gewissen gegebenen Richtung, so daß denn auch der Weg durch viele Jahre geht. Bei diesem dagegen scheint die Zeit kaum zu rücken, auch sieht man kein entschiedenes Bestreben der Hauptperson. Manches wird unternommen, aber nicht vollendet, manches gewollt, aber anders geleitet, und so empfindet man überall eine heimlich einwirkende Gewalt, eine Art von Schicksal, das mannigfaltige Fäden zu einem Gewebe aufzieht, das erst künftige Jahre vollenden sollen.

Es war daher in diesem Bande am Ort, von jener geheimen problematischen Gewalt zu reden, die alle empfinden, die kein Philosoph erklärt, und über die der Religiöse sich mit einem tröstlichen Worte hinaushilft.

Goethe nennet dieses unaussprechliche Welt- und Lebensrätsel das Dämonische, und indem er sein Wesen bezeichnet, fühlen wir, daß es so ist, und es kommt uns vor, als würden vor gewissen Hintergründen unsers Lebens die Vorhänge weggezogen. Wir glauben weiter und deutlicher zu sehen, werden aber bald gewahr, daß der Gegenstand zu groß und mannigfaltig ist, und daß unsere Augen nur bis zu einer gewissen Grenze reichen.

Der Mensch ist überall nur für das Kleine geboren, und er begreift nur und hat nur Freude an dem, was ihm bekannt ist. Ein großer Kenner begreift ein Gemälde, er weiß das verschiedene Einzelne dem ihm bekannten Allgemeinen zu verknüpfen, und das Ganze wie das Einzelne ist ihm lebendig. Er hat auch keine Vorliebe für gewisse einzelne Teile, er fragt nicht, ob ein Gesicht garstig oder schön, ob eine Stelle hell oder dunkel, sondern er fragt, ob alles an seinem Ort stehe und gesetzlich und recht sei. Führen wir aber einen Unkundigen vor ein Gemälde von einigem Umfang, so werden wir sehen, wie ihn das Ganze unberührt lässet oder verwirret, wie einzelne Teile ihn anziehen, andere ihn abstoßen, und wie er am Ende bei ihm bekannten oder kleinen Dingen stehen bleibt, indem er etwa lobt, wie doch dieser Helm und diese Feder so gut gemacht sei.

Im Grunde aber spielen wir Menschen vor dem großen Schicksalsgemälde der Welt mehr oder weniger alle die Rolle dieses Unkundigen. Die Lichtpartien, das Anmutige zieht uns an, die schattigen und widerwärtigen Stellen stoßen uns zurück, das Ganze verwirrt uns, und wir suchen vergebens nach der Idee eines einzigen Wesens, dem wir so Widersprechendes zuschreiben.

Nun kann wohl einer in menschlichen Dingen ein großer Kenner werden, indem es denkbar ist, daß er sich die Kunst und das Wissen eines Meisters vollkommen aneigne, allein in göttlichen Dingen könnte es nur ein Wesen, das dem Höchsten selber gleich wäre. Ja und wenn nun dieses uns solche Geheimnisse überliefern und offenbaren wollte, so würden wir sie nicht zu fassen und nichts damit anzufangen wissen, und wir würden wiederum jenem Unkundigen vor dem Gemälde gleichen, dem der Kenner seine Prämissen, nach denen er urteilt, durch alles Einreden nicht mitzuteilen imstande wäre.

In dieser Hinsicht ist es denn schon ganz recht, daß alle Religionen nicht unmittelbar von Gott selber gegeben worden, sondern daß sie, als das Werk vorzüglicher Menschen, für das Bedürfnis und die Faßlichkeit einer großen Masse ihresgleichen berechnet sind.

Wären sie ein Werk Gottes, so würde sie niemand begreifen; da sie aber ein Werk der Menschen sind, so sprechen sie das Unerforschliche nicht aus.

Die Religion der hochgebildeten alten Griechen kam nicht weiter, als daß sie einzelne Äußerungen des Unerforschlichen durch besondere Gottheiten versinnlichte. Da aber solche Einzelnheiten beschränkte Wesen waren und im Ganzen des Zusammenhangs eine Lücke blieb, so erfanden sie die Idee des Fatums, das sie über alle setzten, wodurch denn, da dieses wiederum ein vielseitig Unerforschliches blieb, die Angelegenheit mehr abgetan als abgeschlossen wurde.

Christus dachte einen alleinigen Gott, dem er alle die Eigenschaften beilegte, die er in sich selbst als Vollkommenheiten empfand. Er ward das Wesen seines eigenen schönen Innern, voll Güte und Liebe wie er selber, und ganz geeignet, daß gute Menschen sich ihm vertrauensvoll hingeben und diese Idee, als die süßeste Verknüpfung nach oben, in sich aufnehmen.

Da nun aber das große Wesen, welches wir die Gottheit nennen, sich nicht bloß im Menschen, sondern auch in einer reichen gewaltigen Natur und in mächtigen Weltbegebenheiten ausspricht, so kann auch natürlich eine nach menschlichen Eigenschaften von ihm gebildete Vorstellung nicht ausreichen, und der Aufmerkende wird bald auf Unzulänglichkeiten und Widersprüche stoßen, die ihn in Zweifel, ja in Verzweiflung bringen, wenn er nicht entweder klein genug ist, sich durch eine künstliche Ausrede beschwichtigen zu lassen, oder groß genug, sich auf den Standpunkt einer höheren Ansicht zu erheben.

Einen solchen Standpunkt fand Goethe früh in Spinoza, und er erkennet mit Freuden, wie sehr die Ansichten dieses großen Denkers den Bedürfnissen seiner Jugend gemäß gewesen. Er fand in ihm sich selber, und so konnte er sich auch an ihm auf das schönste befestigen.

Und da nun solche Ansichten nicht subjektiver Art waren, sondern in den Werken und Äußerungen Gottes durch die Welt ein Fundament hatten, so waren es nicht Schalen, die er bei seiner eigenen spätern tiefen Welt- und Naturforschung als unbrauchbar abzuwerfen in den Fall kam, sondern es war das anfängliche Keimen und Wurzeln einer Pflanze, die durch viele Jahre in gleich gesunder Richtung fortwuchs und sich zuletzt zu der Blüte einer reichen Erkenntnis entfaltete.

Widersacher haben ihn oft beschuldigt, er habe keinen Glauben. Er hatte aber bloß den ihrigen nicht, weil er ihm zu klein war. Wollte er den seinigen aussprechen, so würden sie erstaunen, aber sie würden nicht fähig sein, ihn zu fassen.

Goethe selbst aber ist weit entfernt zu glauben, daß er das höchste Wesen erkenne, wie es ist. Alle seine schriftlichen und mündlichen Äußerungen gehen darauf hin, daß es ein Unerforschliches sei, wovon der Mensch nur annähernde Spuren und Ahndungen habe.

Übrigens ist die Natur und sind wir Menschen alle vom Göttlichen so durchdrungen, daß es uns hält, daß wir darin leben, weben und sind, daß wir nach ewigen Gesetzen leiden und uns erfreuen, daß wir sie ausüben und daß sie an uns ausgeübt werden, gleichviel ob wir sie erkennen oder nicht.

Schmeckt doch dem Kinde der Kuchen, ohne daß es vom Bäcker weiß, und dem Sperling die Kirsche, ohne daß er daran denkt, wie sie gewachsen ist.

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