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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 167
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Mittwoch, den 9. Februar 1831

Ich las gestern mit dem Prinzen in Vossens ›Luise‹ weiter und hatte über das Buch für mich im stillen manches zu bemerken. Die großen Verdienste der Darstellung der Lokalität und äußeren Zustände der Personen entzückten mich; jedoch wollte mir erscheinen, daß das Gedicht eines höheren Gehaltes entbehre, welche Bemerkung sich mir besonders an solchen Stellen aufdrang, wo die Personen in wechselseitigen Reden ihr Inneres auszusprechen in dem Fall sind. Im ›Vicar of Wakefield‹ ist auch ein Landprediger mit seiner Familie dargestellt, allein der Poet besaß eine höhere Weltkultur, und so hat sich dieses auch seinen Personen mitgeteilt, die alle ein mannigfaltigeres Innere an den Tag legen. In der ›Luise‹ steht alles auf dem Niveau einer beschränkten mittleren Kultur, und so ist freilich immer genug da, um einen gewissen Kreis von Lesern durchaus zu befriedigen. Die Verse betreffend, so wollte es mir vorkommen, als ob der Hexameter für solche beschränkte Zustände viel zu prätentiös, auch oft ein wenig gezwungen und geziert sei, und daß die Perioden nicht immer natürlich genug hinfließen, um bequem gelesen zu werden.

Ich äußerte mich über diesen Punkt heute mittag bei Tisch gegen Goethe. »Die früheren Ausgaben jenes Gedichts«, sagte er, »sind in solcher Hinsicht weit besser, so daß ich mich erinnere, es mit Freuden vorgelesen zu haben. Später jedoch hat Voß viel daran gekünstelt und aus technischen Grillen das Leichte, Natürliche der Verse verdorben. Überhaupt geht alles jetzt aufs Technische aus, und die Herren Kritiker fangen an zu quengeln, ob in einem Reim ein s auch wieder auf ein s komme und nicht etwa ein ß auf ein s. Wäre ich noch jung und verwegen genug, so würde ich absichtlich gegen alle solche technischen Grillen verstoßen, ich würde Alliterationen, Assonanzen und falsche Reime, alles gebrauchen, wie es mir käme und bequem wäre; aber ich würde auf die Hauptsache losgehen und so gute Dinge zu sagen suchen, daß jeder gereizt werden sollte, es zu lesen und auswendig zu lernen.«

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