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Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 161
Quellenangabe
typereport
booktitleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Genf, Sonntag, den 12. September 1830

Ich habe Ihnen diesmal so viel mitzuteilen, daß ich nicht weiß, wo ich anfangen und wo ich endigen soll.

Eure Exzellenz haben oft im Scherz gesagt, daß das Fortreisen eine recht gute Sache sei, wenn nur das Wiederkommen nicht wäre. Ich finde dies nun zu meiner Qual bestätigt, indem ich mich an einer Art von Scheideweg befinde und nicht weiß, welchen ich einschlagen soll.

Mein Aufenthalt in Italien, so kurz er auch war, ist doch, wie billig, nicht ohne große Wirkung für mich gewesen. Eine reiche Natur hat mit ihren Wundern zu mir gesprochen und mich gefragt, wie weit ich denn gekommen, um solche Sprache zu vernehmen. Große Werke der Menschen, große Tätigkeiten haben mich angeregt und mich auf meine eigenen Hände blicken lassen, um zu sehen, was denn ich selbst vermöge. Existenzen tausendfacher Art haben mich berührt und mich gefragt, wie denn die meinige beschaffen. Und so sind drei große Bedürfnisse in mir lebendig: mein Wissen zu vermehren, meine Existenz zu verbessern, und, daß beides möglich sei, vor allen Dingen etwas zu tun.

Was nun dieses letztere betrifft, so bin ich über das, was zu tun sei, keineswegs im Zweifel. Es liegt mir seit lange ein Werk am Herzen, womit ich mich diese Jahre her in freien Stunden beschäftiget habe, und das so weit fertig ist wie ungefähr ein neugebautes Schiff, dem noch das Tauwerk und die Segel fehlen, um in die See zu gehen.

Es sind dies jene Gespräche über große Maximen in allen Fächern des Wissens und der Kunst, sowie Aufschlüsse über höhere menschliche Interessen, Werke des Geistes und vorzügliche Personen des Jahrhunderts, wozu sich im Laufe der sechs Jahre, die ich in Ihrer Nähe zu sein das Glück hatte, die häufigsten Anlässe fanden. Es sind diese Gespräche für mich ein Fundament von unendlicher Kultur geworden, und wie ich im höchsten Grade beglückt war, sie zu hören und in mich aufzunehmen, so wollte ich auch anderen Guten dieses Glück bereiten, indem ich sie niederschrieb und sie der besseren Menschheit bewahrte.

Eure Exzellenz haben von diesen Konversationen hin und wieder einige Bogen gesehen, Sie haben selbigen Ihren Beifall geschenkt und mich wiederholt aufgemuntert, in diesem Unternehmen fortzufahren. Solches ist denn periodenweise geschehen, wie mein zerstreutes Leben in Weimar es zuließ, so daß sich etwa zu zwei Bänden reichliche Materialien gesammelt finden.

Vor meiner Abreise nach Italien habe ich diese wichtigen Manuskripte nicht mit meinen übrigen Schriften und Sachen in meine Koffer verpackt, sondern ich habe sie, in einem besonderen Paket versiegelt, unserm Freunde Soret zur Aufbewahrung vertraut, mit dem Ersuchen, im Fall mir auf der Reise ein Unheil zustieße und ich nicht zurückkäme, sie in Ihre Hände zu geben.

Nach dem Besuche in Venedig, bei unserm zweiten Aufenthalt in Mailand, überfiel mich ein Fieber, so daß ich einige Nächte sehr krank war und eine ganze Woche, ohne Neigung zu der geringsten Nahrung, ganz schmählich daniederlag. In diesen einsamen verlassenen Stunden gedachte ich vorzüglich jenes Manuskripts, und es beunruhigte mich, daß es sich nicht in einem so klaren abgeschlossenen Zustand befinde, um davon entschieden Gebrauch zu machen. Es trat mir vor Augen, daß es häufig nur mit der Bleifeder geschrieben, daß einige Stellen undeutlich und nicht gehörig ausgedrückt, daß manches sich nur in Andeutungen befinde und, mit einem Wort, eine gehörige Redaktion und die letzte Hand fehle.

In solchen Zuständen und bei solchem Gefühl erwachte in mir ein dringendes Verlangen nach jenen Papieren. Die Freude, Neapel und Rom zu sehen, verschwand, und eine Sehnsucht ergriff mich, nach Deutschland zurückzukehren, um, von allem zurückgezogen, einsam, jenes Manuskript zu vollenden.

Ohne von dem, was tiefer in mir vorging, zu reden, sprach ich mit Ihrem Herrn Sohn über meine körperlichen Zustände; er empfand das Gefährliche, mich in der großen Hitze weiter mitzuschleppen, und wir wurden eins, daß ich noch Genua versuchen, und wenn dort mein Befinden sich nicht bessern sollte, es meiner Wahl überlassen sei, nach Deutschland zurückzugehen.

So hatten wir uns einige Zeit in Genua aufgehalten, als ein Brief von Ihnen uns erreichte, worin Sie aus der Ferne her zu empfinden schienen, wie es ungefähr mit uns stehen möchte, und worin Sie aussprachen, daß, im Fall ich etwa Neigung hätte zurückzukehren, ich Ihnen willkommen sein solle.

Wir verehrten Ihren Blick und waren erfreut, daß Sie jenseits der Alpen Ihre Zustimmung zu einer Angelegenheit gaben, die soeben unter uns ausgemacht worden. Ich war entschlossen, sogleich zu gehen, Ihr Herr Sohn jedoch fand es artig, wenn ich noch bleiben und an demselbigen Tage mit ihm zugleich abreisen wollte.

Dieses tat ich mit Freuden, und so war es denn Sonntag, den 25. Juli, morgens vier Uhr, als wir uns auf der Straße in Genua zum Lebewohl umarmten. Zwei Wagen standen, der eine, um an der Küste hinauf nach Livorno zu gehen, welchen Ihr Herr Sohn bestieg, der andere, über das Gebirge nach Turin bereit, worin ich mich zu anderen Gefährten setzte. So fuhren wir auseinander, in entgegengesetzten Richtungen, beide gerührt und mit den treuesten Wünschen für unser wechselseitiges Wohl.

Nach einer dreitägigen Reise in großer Hitze und Staub, über Novi, Alessandria und Asti, kam ich nach Turin, wo es nötig war, mich einige Tage zu erholen und umzusehen, und eine weitere passende Gelegenheit über die Alpen zu erwarten. Diese fand sich Montag, den 2. August, über den Mont-Cenis nach Chambery, wo wir abends den 6. ankamen. Am 7. nachmittags fand ich weitere Gelegenheit nach Aix, und am 8. spät in Dunkelheit und Regen erreichte ich Genf, wo ich im Gasthof zur Krone ein Unterkommen fand.

Hier war alles voll von Engländern, die, von Paris geflohen, als Augenzeugen der dortigen außerordentlichen Auftritte viel zu erzählen hatten. Sie können denken, welchen Eindruck das erste Erfahren jener welterschütternden Begebenheiten auf mich machte, mit welchem Interesse ich die Zeitungen las, die im Piemontesischen unterdrückt waren, und wie ich den Erzählungen der täglich neu Ankommenden, sowie dem Hin- und Widerreden und Streiten politisierender Menschen an Table d'hôte zuhörte. Alles war in der höchsten Aufregung, und man versuchte die Folgen zu übersehen, die aus so großen Gewaltschritten für das übrige Europa hervorgehen könnten. Ich besuchte Freundin Sylvestre, Sorets Eltern und Bruder; und da jeder in so aufgeregten Tagen eine Meinung haben mußte, so bildete ich mir die, daß die französischen Minister vorzüglich deswegen strafbar seien, weil sie den Monarchen zu Schritten verleitet, wodurch beim Volke das Vertrauen und das königliche Ansehen verletzt worden.

Es war meine Absicht gewesen, Ihnen bei meiner Ankunft in Genf sogleich ausführlich zu schreiben; allein die Aufregung und Zerstreuung der ersten Tage war zu groß, als daß ich die Sammlung finden konnte, um mich Ihnen mitzuteilen, wie ich es wollte. Sodann am 15. August erreichte mich ein Brief unsers Freundes Sterling aus Genua, mit einer Nachricht. die mich im Tiefsten betrübte und mir jede Kommunikation nach Weimar untersagte. Jener Freund meldete, daß Ihr Herr Sohn am Tage seiner Trennung von mir bei einem Umsturz mit dem Wagen das Schlüsselbein gebrochen habe und in Spezia daniederliege. Ich schrieb sogleich als Erwiderung, daß ich bereit sei, auf den ersten Wink über die Alpen zurückzukommen, und daß ich Genf auf keinen Fall zur Fortsetzung meiner Reise nach Deutschland verlassen würde, bis nicht durchaus beruhigende Nachrichten aus Genua bei mir eingegangen. In Erwartung solcher richtete ich mich in einem Privatlogis wirtschaftlich ein und benutzte meinen Aufenthalt zu meiner weiteren Ausbildung in der französischen Sprache.

Endlich, am 28. August, ward mir ein doppelter Festtag bereitet, indem an diesem Tage ein zweiter Brief von Sterling des Inhalts mich beglückte, daß Ihr Herr Sohn von seinem Unfall in kurzer Zeit völlig hergestellt sei und durchaus heiter, wohl und stark sich in Livorno befinde. So waren denn alle meine Besorgnisse von jener Seite mit einemmal völlig gehoben, und ich betete in der Stille meines Herzens die Verse:

Du, danke Gott, wenn er dich preßt,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.

Ich schickte mich nun ernstlich an, Ihnen Nachricht von mir zu geben; ich wollte Ihnen sagen, was ungefähr auf den vorliegenden Blättern enthalten; ich wollte ferner ersuchen, ob es mir nicht vergönnt sein wolle, jenes Manuskript, das mir so am Herzen liegt, von Weimar entfernt, in stiller Zurückgezogenheit zu vollenden, indem ich nicht eher völlig frei und froh zu werden glaube, als bis ich Ihnen jenes lange gehegte Werk in deutlicher Reinschrift, geheftet, zur Genehmigung der Publikation vorlegen könne.

Nun aber erhalte ich Briefe aus Weimar, woraus ich sehe, daß meine baldige Zurückkunft erwartet wird, und daß man die Absicht hat, mir eine Stelle zu geben. Solches Wohlwollen habe ich zwar mit Dank zu erkennen, allein es durchkreuzt meine jetzigen Pläne und bringt mich in einen wunderlichen Zwiespalt mit mir selber.

Käme ich jetzt nach Weimar zurück, so wäre an eine schnelle Vollendung meiner nächsten literarischen Vorsätze gar nicht zu denken. Ich käme dort sogleich wieder in die alte Zerstreuung; ich wäre in der kleinen Stadt, wo einer dem andern auf dem Halse liegt, sogleich wieder von verschiedenen kleinen Verhältnissen hin und her gezerrt, die mich zerstören, ohne mir und andern entschieden zu nutzen.

Zwar enthält sie viel Gutes und Treffliches, das ich seit lange geliebt habe und das ich ewig lieben werde; denke ich aber daran zurück, so ist es mir, als sähe ich vor den Toren der Stadt einen Engel mit einem feurigen Schwert, um mir den Eingang zu wehren und mich davon hinwegzutreiben.

Ich bin, wie ich mich kenne, ein wunderliches Wesen von einem Menschen. An gewissen Dingen hänge ich treu und fest, ich halte an Vorsätzen durch viele Jahre hindurch und führe sie aus, hartnäckig, durch tausend Umwege und Schwierigkeiten; aber in einzelnen Berührungen des täglichen Lebens ist niemand abhängiger, wankender, bestimmbarer, allerlei Eindrücke fähiger als ich, welches beides denn das höchst veränderliche und wiederum feste Geschick meines Lebens bildet. Sehe ich auf meine durchlaufene Bahn zurück, so sind die Verhältnisse und Zustände, durch die ich gegangen, höchst bunt und verschieden; blicke ich aber tiefer, so sehe ich durch alle hindurch einen gewissen einfachen Zug eines höheren Hinaufstrebens hindurchgehen, so daß es mir denn auch gelungen ist, von Stufe zu Stufe mich zu veredeln und zu verbessern.

Aber eben jene große Bestimmbarkeit und Fügsamkeit meines Wesens macht es von Zeit zu Zeit nötig, meine Lebensverhältnisse zu rektifizieren; so wie ein Schiffer, den die Launen verschiedener Winde von seiner Bahn gebracht, immer wieder die alte Richtung sucht.

Eine Stelle anzunehmen, ist mit meinen so lange zurückgedrängten literarischen Zwecken jetzt nicht zu vereinigen. Stunden an junge Engländer zu geben, ist nicht ferner meine Absicht. Ich habe die Sprache gewonnen, und das ist alles, was mir fehlte, und worüber ich nun froh bin. Ich verkenne nicht das Gute, das mir aus dem langen Verkehr mit den jungen Fremdlingen erwachsen ist; allein jedes Ding hat seine Zeit und seinen Wechsel.

Überall ist das mündliche Lehren und Wirken gar nicht meine Sache. Es ist ein Metier, wozu ich so wenig Talent als Ausbildung besitze. Es fehlt mir alle rednerische Gabe, indem jedes lebendige vis-à-vis gewöhnlich eine solche Gewalt über mich ausübt, daß ich mich selber vergesse, daß es mich in sein Wesen und Interesse zieht, daß ich mich dadurch bedingt fühle und selten zur Freiheit und zu kräftigem Hinwirken des Gedankens gelange.

Dagegen dem Papiere gegenüber fühle ich mich durchaus frei und ganz im Besitz meiner selbst; das schriftliche Entwickeln meiner Gedanken ist daher auch meine eigentliche Lust und mein eigentliches Leben, und ich halte jeden Tag für verloren, an dem ich nicht einige Seiten geschrieben habe, die mir Freude machen.

Meine ganze Natur drängt mich jetzt, aus mir selber heraus auf einen größeren Kreis zu wirken, in der Literatur Einfluß zu gewinnen und zu weiterem Glück mir endlich einigen Namen zu machen.

Zwar ist der literarische Ruhm, an sich betrachtet, kaum der Mühe wert, ja ich habe gesehen, daß er etwas sehr Lästiges und Störendes sein kann; allein doch hat er das Gute, daß er den Tätig-Strebenden gewahr werden läßt, daß seine Wirkungen einen Boden gefunden, und dies ist ein Gefühl göttlicher Art, welches erhebt und Gedanken und Kräfte gibt, wozu man sonst nicht gekommen wäre.

Wenn man sich dagegen zu lange in engen kleinen Verhältnissen herumdrückt, so leidet der Geist und Charakter, man wird zuletzt großer Dinge unfähig und hat Mühe, sich zu erheben.

Hat die Frau Großherzogin wirklich die Absicht, etwas für mich zu tun, so finden so hohe Personen sehr leicht eine Form, um ihre gnädigen Gesinnungen auszulassen. Will sie meine nächsten literarischen Schritte unterstützen und begünstigen, so wird sie ein gutes Werk tun, dessen Früchte nicht verloren sein sollen.

Vom Prinzen kann ich sagen, daß er eine besondere Stelle in meinem Herzen hat. Ich hoffe viel Gutes von seinen geistigen Fähigkeiten und seinem Charakter und werde gern meine wenigen Kenntnisse zu seiner Disposition stellen. Ich werde mich immer weiter auszubilden suchen, und er wird immer älter werden, um das empfangen zu können, was ich etwa Besseres zu geben hätte.

Zunächst aber liegt mir vor allen Dingen die völlige Ausarbeitung jenes mehr erwähnten Manuskripts am Herzen. Ich möchte einige Monate in stiller Zurückgezogenheit, bei meiner Geliebten und deren Verwandten in der Nähe von Göttingen, mich dieser Sache widmen, damit ich, von einer alten Bürde mich befreiend, zu künftigen neuen mich wieder geneigt und bereit machte. Mein Leben ist seit einigen Jahren in Stocken geraten, und ich möchte gern, daß es noch einmal einigen frischen Kurs bekäme. Zudem ist meine Gesundheit schwach und wankend, ich bin meines langen Bleibens nicht sicher, und ich möchte gern etwas Gutes zurücklassen, das meinen Namen in dem Andenken der Menschen eine Weile erhielte.

Nun aber vermag ich nichts ohne Sie, ohne Ihre Zustimmung und Ihren Segen. Ihre ferneren Wünsche in bezug auf mich sind mir verborgen, auch weiß ich nicht, was man höchstens Orts vielleicht Gutes mit mir im Sinne hat. So aber, wie ich es ausgesprochen, steht es mit mir, und da ich Ihnen nun klar vorliege, so werden Sie leicht sehen, ob wichtigere Gründe zu meinem Glück meine nächste Zurückkunft wünschen lassen, oder ob ich getrost vorderhand meinen eigenen geistigen Vorsätzen folgen kann.

Ich gehe in einigen Tagen von hier über Neufchâtel, Colmar und Straßburg, mit gehöriger Muße und Umherschauung, nach Frankfurt, sowie ich die Reisegelegenheit finde. Nun würde es mich sehr beglücken, wenn ich in Frankfurt einige Zeilen von Ihnen erwarten könnte, die ich dorthin poste restante an mich gehen zu lassen bitte.

Ich bin nun froh, daß ich diese schwere Beichte von der Seele habe, und freue mich, in einem nächsten Brief über Dinge leichterer Art mich Euer Exzellenz mitzuteilen.

Ich bitte um einen herzlichen Gruß an Hofrat Meyer, Oberbaudirektor Coudray, Professor Riemer, Kanzler von Müller und was Ihnen sonst nahe ist und meiner gedenken mag.

Sie selbst aber drücke ich zu meinem Herzen und verharre in den Gesinnungen der höchsten Verehrung und Liebe, wo ich auch sei, ganz der Ihrige.

E.

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