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Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Johann Peter Eckerman: Gespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens - Kapitel 158
Quellenangabe
typereport
booktitleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
authorJohann Peter Eckermann
year1981
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32200-0
titleGespršche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
created19990505
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Frankfurt, Sonntag, den 25. April 1830

Wir machten diesen Morgen eine Spazierfahrt um die Stadt in einem sehr eleganten Wagen unseres Wirtes. Die reizenden Anlagen, die prächtigen Gebäude, der schöne Strom, die Gärten und einladenden Gartenhäuser erquickten die Sinne – ich machte jedoch bald die Bemerkung, daß es ein Bedürfnis des Geistes sei, den Gegenständen einen Gedanken abzugewinnen, und daß, ohne dieses, am Ende alles gleichgültig und ohne Bedeutung an uns vorübergehe.

Mittags, an Table d'hôte, sah ich viele Gesichter, allein wenige von solchem Ausdruck, daß sie mir merkwürdig sein konnten. Der Oberkellner jedoch interessierte mich in hohem Grade, so daß denn meine Augen nur ihm und seinen Bewegungen folgten. Und wirklich, er war ein merkwürdiger Mensch. Gegen zweihundert Gäste saßen wir an langen Tischen, und es klingt beinahe unglaublich, wenn ich sage, daß dieser Oberkellner fast allein die ganze Bedienung machte, indem er alle Gerichte aufsetzte und abnahm, und die übrigen Kellner ihm nur zureichten und aus den Händen nahmen. Dabei wurde nie etwas verschüttet, auch nie jemand der Speisenden berührt, sondern alles geschah luftartig, behende, wie durch Geistergewalt. Und so flogen Tausend von Schüsseln und Tellern aus seinen Händen auf den Tisch, und wiederum vom Tisch in die Hände ihm folgender Bedienung. Ganz in seine Intention vertieft, war der ganze Mensch bloß Blick und Hand, und er öffnete seine geschlossenen Lippen nur zu flüchtigen Antworten und Befehlen. Und er besorgte nicht bloß den Tisch, sondern auch die einzelnen Bestellungen an Wein und dergleichen; und dabei merkte er sich alles, so daß er am Ende der Tafel eines jeden Zeche wußte und das Geld einkassierte. Ich bewunderte den Überblick, die Gegenwart des Geistes und das große Gedächtnis dieses merkwürdigen jungen Mannes. Dabei war er immer vollkommen ruhig und sich bewußt, und immer bereit zu einem Scherz und einer geistreichen Erwiderung, so daß ein beständiges Lächeln auf seinen Lippen schwebte. Ein französischer Rittmeister der alten Garde beklagte ihn gegen Ende der Tafel, daß die Damen sich entfernten er antwortete schnell ablehnend: »C'est pour vous autres; nous sommes sans passion.« Das Französische sprach er vollkommen, ebenso das Englische, und man versicherte mich, daß er noch drei andere Sprachen in seiner Gewalt habe. Ich ließ mich später mit ihm in ein Gespräch ein und hatte nach allen Seiten hin eine seltene Bildung an ihm zu schätzen.

Abends im ›Don Juan‹ hatten wir Ursache, mit Liebe an Weimar zu denken. Im Grunde waren alles gute Stimmen und hübsche Talente, allein sie spielten und redeten fast alle wie Naturalisten, die keinem Meister etwas schuldig geworden. Sie waren undeutlich und taten, als ob kein Publikum da wäre. Das Spiel einiger Personen gab zu der Bemerkung Anlaß, daß das Unedle ohne Charakter sogleich gemein und unerträglich werde, während es durch Charakter sich sogleich in die höhere Sphäre der Kunst erhebt. Das Publikum war sehr laut und ungestüm, und es fehlte nicht an vielfältigem Dacapo- und Hervorgerufe. Der Zerline ging es gut und übel zugleich, indem die eine Hälfte des Hauses zischte, während die andere applaudierte, so daß sich die Parteien steigerten und es jedesmal mit einem wüsten Lärm und Tumult endigte.

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